WeltHöhle - Die GranitBeißerinnen
Josella Simone Playton
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0.1 PROLOG
Die folgenden Ereignisse sind nicht erfunden. Sie entwickelten sich aus einer harmlosen WochenEndWanderung, die eigentlich nur eine Besteigung der ZugSpitze durch das HöllenTal werden sollte. Der 19. August 1995, ein Samstag, ließ zunächst nicht erkennen, daß er meine Frau und mich in die fremdartigste Welt entführen würde, die Menschen je gesehen haben und je sehen werden.
Weil es nicht mehr möglich ist, diese Ereignisse nachzuprüfen oder den Weg, den wir genommen haben, nachzuvollziehen, ist die einzige ÜberLieferung, die ich der NachWelt geben kann, eine minutiöse Erzählung der Ereignisse. Ich glaube, daß es mir dabei am besten gelingt, in der beim Schreiben notwendigen WiederErweckung aller Erinnerungen auch Unwichtiges nicht auszulassen. Die Intensität, mit der sich die Erinnerungen in mein Gedächtnis eingebrannt haben, wird mir dabei helfen. Und wer wollte denn schon beurteilen, welche der dargebotenen Informationen unwichtig sind und welche nicht?
Ich erzähle die gesamten Ereignisse in der grammatischen Form der Gegenwart. Vorwärts-Verweise, etwa von der Form '... das sollte uns noch viel Schwierigkeiten machen', unterlasse ich, da der handelnden Person in der Wirklichkeit auch niemand einen solchen Hinweis gibt. Ich verwende kein Mittel, die Spannung künstlich zu erhöhen. Dort, wo wir uns zeitweise langweilten, werde ich auch die LangeWeile an den Leser weitergeben - warum sollte es dem Leser besser gehen als uns?
Dialoge in der Xonchen-Sprache werden selbstverständlich in Deutsch wiedergegeben. Wo es nicht aus dem Kontext ersichtlich ist, erwähne ich die verwendete Sprache. Wahrscheinlich habe ich aber in der NiederSchrift an vielen Stellen Grammatik und Vollständigkeit des SatzBaues verbessert - niemand redet in der Wirklichkeit druckreif. Die Namen habe ich, so gut es geht, phonetisch korrekt aus dem Xonchen in das Deutsche übertragen.
Die Erzählung meiner rein subjektiven GedankenWelt dient dazu, die Wirkung dieser fremdartigen Umgebung auf ein repräsentatives Gemüt (nämlich auf meines) zu demonstrieren. Ich glaube, es ist überall zu unterscheiden, was objektive Beobachtung und was subjektive Reflektion ist.
Vieles, was wir in der Welt der GranitBeißerinnen gesehen haben, kann nicht beschrieben werden, ohne sich dem Vorwurf des Verfassens von Pornographie oder des Verfassens von Darstellungen der Gewalt auszusetzen. Die RechtsAuffassung unseres Landes verbietet solche Darstellungen. Ich habe mich bemüht, solche Geschehnisse mit klinischer Unparteilichkeit zu schildern, auch wenn ich persönlich in den betreffenden Situationen gelegentlich parteiisch eingenommen oder sonstwie emotional erregt oder aggressiv eingestimmt war. Diese Emotionen werden nur erwähnt, wenn es im ErzählungsKontext absolut notwendig ist.
Ich selber mußte Handlungen durchführen, die mich hier für lange Jahre in das ZuchtHaus bringen würden. Der Leser wird einsehen, daß ich in den betreffenden Situationen gar keine Wahl hatte, etwas anderes zu tun. Trotzdem können Juristen immer noch auf Strafbarkeit erkennen. Da jedoch wird mir die schwere Beweisbarkeit der Ereignisse in dieser Erzählung zur Hilfe kommen. Sollte ich in derartige Schwierigkeiten kommen, dann werde ich alles abstreiten und behaupten, daß die Welt der GranitBeißerinnen ein Produkt meiner Phantasie ist. Für die Zeit unserer Abwesenheit wird mir dann schon eine plausible Begründung einfallen.
Keinesfalls möchte ich erleben, daß irgendwelche Sequenzen der ZensurSchere zum Opfer fallen. Vieles, auch das Ekelhafteste und das Grausamste, was wir gesehen haben, hat Entsprechungen in unserer eigenen Geschichte. Wir sind nicht berufen, über die GranitBeißerinnen zu urteilen. Genausowenig, wie wir irgend etwas verschweigen dürfen. Die GranitBeißerinnen sind eine weitere Manifestation einer möglichen Form der menschlichen Existenz und der menschlichen Gesellschaft. Wir müssen diese Manifestation in allen Einzelheiten zur Kenntnis nehmen, denn auch dieses ist ein BauStein in dem Wissen, das wir über den Menschen überhaupt haben. - Es ist schlimm genug, daß so manche unschöne Einzelheiten unserer eigenen Geschichte im GeschichtsUnterricht, wenn vielleicht auch nicht in der unvoreingenommenen GeschichtsForschung, immer noch und immer wieder unterschlagen wird.
Der Garten des Menschlichen ist groß. Wir haben in einige neue Ecken desselben hineinsehen dürfen, und wir haben dort sehr seltsame Dinge gesehen. Deshalb sind wir noch lange nicht berechtigt, zu entscheiden, wo gejätet werden muß, und wo nicht.
Und damit gar niemand erst in Versuchung kommt, zu jäten, habe ich an einigen wenigen Stellen Orts- und Zeitangaben gezielt gefälscht. So kann ich diese Ecke vor dem Einfluß unserer Zivilisation noch wirksamer zu schützen: Die KolonisationsGeschichte soll sich in der WeltHöhle nicht noch einmal wiederholen.
Die TatSache, daß wir überhaupt noch leben, ist ein großes Privileg. Ich habe keinerlei religiösen Glauben, der mich dazu brächte, für diese im Nachherein recht unwahrscheinliche Tatsache irgendeiner höheren Macht Dank auszusprechen. Andererseits ist da immer dieses diffuse Gefühl, verpflichtet zu sein, unsere Erlebnisse weiterzuvermitteln, weil wir noch am Leben und eben dazu noch in der Lage sind.
Das werde ich jetzt tun.
******** 001. Tag: Samstag 1995-08-19 ********
1.1 WetterWechsel
"Das hat man davon, wenn man sich auf 'OrtsKundige' verläßt! Du und deine 'eben-nur-mal-gucken-Umwege'!"
Die Irene ist ernsthaft sauer. Und ich fühle mich ungerecht behandelt. Was kann ich für das Wetter? So schön, wie es vor kurzem noch war, und jetzt diese WaschKüche.
Der Nebel ist perfekt. Nur Grau, wo man noch vor wenigen Minuten da unten im Tal die HöllenTalAngerHütte hat sehen können. Der Weg nach oben wurde nur wenige Minuten früher unsichtbar, gleichzeitig mit der Sonne. Angefangen hat es mit einer Wolke, die wie eine harmlose Feder am ZugSpitzGipfel hing. Jetzt ist die Wolke überall. Die Idee, sich am Bach, der aus dem HöllenTalFerner kommt, zum Rasten und zum Sonnen niederzulegen, scheint jetzt sehr weit hergeholt. Und damit auch der Grund für unseren Umweg. - Konnte ich wissen, daß das Wetter sich so rasch ändert? Weder der WetterBericht noch die WetterLage heute morgen, auf der HerFahrt, haben dieses vermuten lassen. Garmisch lag im postkartenreifen SonnenSchein, und Ströme von BergWanderern haben sich, gleich uns ohne jeden Argwohn bezüglich der WetterEntwicklung, aus den Zügen ergossen.
"Wir sind nicht in Gefahr," versuche ich ihr zu verkaufen, "weil wir genau wissen, wo wir sind. Wir müssen nur dort hinüber, um den Weg zum Gletscher wiederzufinden."
Komisch, wie das Wort 'Gletscher' automatisch kälter klingt, wenn es tatsächlich kälter geworden ist! Noch vor einer halben Stunde wäre uns die Kühle am HöllenTalFerner gerade recht gewesen.
"Kehren wir dann um?" fragt Irene.
"Das ist eine sehr gute Frage." Ist es auch. Ich glaube zwar kaum, daß die Temperaturen so fallen werden, daß der KletterSteig durch die HöllenTalWand vereist, aber den Weg dahin gar nicht erst zu finden wäre genauso unangenehm.
Und der RückWeg? Noch einmal das Drama, Irene über das 'Brett' zu schleusen? Vielleicht hilft uns da der Nebel, so daß sie den Abgrund unter ihren Füßen auf den kurzen StahlStiften, die aus der steilen Wand herausragen, überhaupt nicht sieht.
Daran, daß wir Schwierigkeiten haben könnten, den Abstieg am Brett überhaupt zu finden, denke ich gar nicht. Wir müssen es finden. Wie sollten wir sonst über diese SteilWände, die das ganze Tal abschließen, nach unten gelangen? Wir sind keine Alpinisten oder technische Kletterer.
Was erwartet uns denn auf dem Weg vorwärts, weiter nach oben? Der KletterSteig durch die HöllenTalWand dauert drei Stunden. Unter guten Bedingungen. Wenn Wetter und Irene nicht mitspielen, dann können daraus auch leicht sechs oder acht Stunden werden. Dann wird es schon bald dunkel, und die letzten Bahnen sind auch schon ins Tal abgefahren. - Wir haben zwar alles mit, Karten, Kompaß und HöhenMesser. Aber trotzdem, unter diesen Bedingungen in die Wand einzusteigen hieße um die eigene LebensErwartung zu pokern.
"Wir kehren um." entscheide ich. Man muß wissen, wann man geschlagen ist.
Wir gehen nach Norden. Das weiß ich ohne Kompaß, da die unebene Fläche des HöllenTalPlatts nach rechts abfällt. Keine Möglichkeit, sich zu verirren. Wir werden erst auf den Bach und dann auf den Weg stoßen.
Der Wind weht heftiger und zerrt an unseren Parkas, die wir jetzt angezogen haben.
Nachdem wir dreißig Minuten über das Geröll gestolpert sind, bleibe ich stehen.
"Wir müßten längst da sein," gebe ich zu, "hast du etwas einem Weg oder einem Bach ähnliches gesehen?"
"Nein." Auch bei Irene bewirkt die Erschöpfung des langen Anstieges bis jetzt eine gewisse WortKargheit. Ich denke daran, daß 'Weg' vielleicht eine übertriebene Bezeichnung ist. 'Pfad' wäre besser. An manchen Stellen, wo es eigentlich klar ist, wo man zweckmäßigerweise gehen sollte, ist überhaupt nichts zu sehen, kein Pfad, keine WegeMarkierung, gar nichts.
"Mmh. Gehen wir weiter. Notfalls können wir bergab gehen und werden über kurz oder lang auf die SteilWände stoßen. Denen können wir dann bis zum Brett folgen."
Kein Kommentar von Irene. Vorschlag angenommen.
Noch ein paar Minuten schält sich eine FelsWand aus dem Nebel.
"Mist. Das müßten die RiffelKöpfe sein. So weit wollten wir aber nicht gehen. Wir MÜSSEN den Weg verpaßt haben."
Wir gehen zurück, etwa den Weg, den wir gekommen sind. Dabei halten wir uns allerdings etwas bergabwärts. Unsere teuer erstiegenen HöhenMeter werden nacheinander wieder verschenkt.
Es dauert wieder eine halbe Stunde bis wir wieder gestoppt werden. Dieses Mal benutze ich den Kompaß. Die FelsWand, die hinter einer GeröllHalde aufsteigt, steht in einer unmöglichen Richtung. So etwas gibt es am ganzen HöllenTalPlatt nicht. Oder stehen wir schon wieder unter den HöllenTalSpitzen? Aber um das ganze Platt überquert zu haben, dazu war die Zeit eigentlich zu kurz.
Das ist vielleicht eine Folge des AbstraktionsVermögens des Menschen. In erster Näherung merkt man sich, zur Orientierung, eine ganz einfache Beschreibung des HöllenTalPlatts: Es ist einfach eine ziemlich steil nach Osten geneigte Fläche, die im Norden, Westen und Süden von steilen FelsWänden umstellt wird. Im westlichen, oberen Teil dieser Fläche liegt der Gletscher, der HöllenTalFerner. Klein zwar, aber seine Spalten sollen immer noch lebensgefährlich tief sein. Was heißt 'lebensgefährlich tief'? Ein Loch von drei Metern Tiefe mit glatten Wänden ist für einen Menschen ohne weitere HilfsMittel eine tödliche Falle.
Nach Osten ist diese Fläche von der steil abfallenden Wand begrenzt, die den Zugang vom unteren HöllenTal versperrt. Nur am NordEnde dieser das ganze Tal durchquerenden Barriere gibt es diese SteigAnlage, die dem Nicht-Kletterer den Zugang zum HöllenTalPlatt ermöglicht, das 'Brett'.
So einfach diese Beschreibung ist, so viele wesentliche Einzelheiten läßt sie aus. Die Rinne, durch die der Bach vom Gletscher fließt. Die Erhebung in der Mitte des Platts, 'Bergl' genannt, die, verglichen mit den umstehenden Gipfeln, absolut unbedeutend ist, aber auch ihre steilen FelsWände hat. In der Lüneburger Heide wäre das 'Bergl' eine absolute Sensation und ein starker TouristenMagnet, so etwa wie der 'HimmelBerg' in Jütland, den AlpenLänder nicht so ohne weiteres als Berg erkennen würden. Zahllose GeröllHalden, EinzelFelsen, Furchen und Gruben, die das ziellose Gehen hier so verlangsamen und die Orientierung bei Nebel schwierig machen.
Wir könnten überall sein. Die FelsWand vor uns, wer weiß, wie hoch sie ist? Sie kann schon wieder nach wenigen Dutzend Metern zu Ende sein.
"Zurück. Wir gehen bergab. Wenn es zu steil wird, dann müssen wir uns nach Norden halten. Einverstanden?"
"Wenn du meinst ..." sagt Irene müde. Kein Wort des Protestes, kein Vorwurf. Sie muß schon sehr müde sein.
Nach einer ViertelStunde ist es wieder vorbei. Nach Osten hin steigt das Gelände plötzlich wieder an, und wieder versperrt uns eine FelsWand den Weg. Ich verstehe die Geographie nicht mehr. Oder ist der Kompaß gestört? Zu allem ÜberFluß fängt es an, leicht zu regnen.
"Wir müssen eine Pause machen. Ich muß die Karte studieren."
Das machen wir. Irene sucht eine Stelle zum Sitzen, findet natürlich keine, weil es inzwischen überall naß ist, und ich versuche die Karte so auszupacken und zu entfalten, daß sie im RegenSchatten meines OberKörpers bleibt. Die Karte, meine ich, nicht Irene. Leider gelingt es nicht, die Karte trocken zu halten, da der böige Wind dafür sorgt, daß es gar keinen definierten RegenSchatten gibt. Mit einem Gegenstand hantieren und ihn dennoch trocken zu halten, das kann man nur in einem windstillen SchnürlRegen zustandebringen.
Eigentlich ist die Erfahrung, daß LandKarten, die man wirklich im Freien benutzt, nach einer gewissen Zeit zerfallen, recht nützlich: Schließlich ist auf diese Weise sichergestellt, daß man nie mit veraltetem KartenMaterial herumläuft. Allerdings veralten Karten auf dem HöllenTalPlatt nur langsam und könnten deshalb lange benutzt werden. Wenn Regen und Wind nicht wären.
Ich stelle fest, daß mir das passiert ist, was mir bei der Orientierung im Freien eigentlich immer passiert: Es hat sich ein zu schnell erfaßtes und deshalb zu stark vereinfachtes Bild der Umgebung in meinem Kopf festgesetzt.
Das HöllenTalPlatt endet nicht nach Osten mit dem SteilAbfall, sondern fast genau nach Norden. Genaugenommen handelt es sich um den östlichen Teil der NordKante. Genau nach Osten liegt eine Wand, hinter der irgendwo das MitterKar ist, eine fast unzugängliche GeröllSchlucht, und dahinter ist dann das MatheisenKar, durch dessen düstere Einsamkeit ein KletterSteig führt. Südöstlich über uns ist die HöllenTalGratHütte. Wie kann man sich nur so vertun!
Ich packe die Karte rasch wieder ein. Mitten durch das HöllenTalPlatt geht ein Falz hindurch, und dort wird die Karte demnächst auseinanderreißen, wenn ich nicht aufpasse. Das ist aber gerade der für uns wichtige Teil der Karte.
Es wird deutlich dunkler. Da es noch mitten am Tag ist, bedeutet das, daß sich über uns weitere WolkenSchichten türmen. Wenn man überhaupt bemerkt, daß die Helligkeit unter einer WolkenSchicht schwankt, dann handelt es sich bereits um erhebliche Faktoren in der physikalisch messbaren Helligkeit. Weil das menschliche WahrnehmungsVermögen sich solchen Veränderungen ganz hervorragend anpaßt, merkt man eine langsame HelligkeitsÄnderung um den Faktor zwei oder fünf im allgemeinen überhaupt nicht. Erst, wenn der HelligkeitsAbfall wesentlich größere Werte erreicht oder sehr rasch passiert, dann fällt es auf. Bei einem Gewitter um die MittagsZeit hatte ich einmal nachgemessen. Es kam als unheimlich dunkle WolkenWand heran, scharf kontrastierend mit dem immer noch hellen SonnenSchein rundherum. Ich hatte den FotoApparat dabei und machte einfach mal einige VergleichsMessungen. Als wir eine ViertelStunde später vollständig drin waren, war die UmgebungsHelligkeit um den Faktor 1200 gefallen! - So etwas sieht von außen, wenn man sich selbst noch im hellen SonnenLicht befindet, natürlich schwarz aus.
Ganz so stark ist der HelligkeitsAbfall jetzt nicht, aber mit etwas mehr Regen werden wir doch noch rechnen müssen.
Um den SteilAbfall sicher zu umgehen müßten wir jetzt zunächst etwas nach Westen gehen, um uns dann später im großen Bogen wieder nach Norden zu bewegen, um dort den Weg wiederzufinden. Ich erläutere Irene diese Strategie.
"Sind wir da nicht schon gewesen? Da war doch auch kein Weg!" Große ErkundungsGänge liegen ihr nicht.
Ich versuche, ihr zu erläutern, wo wir meiner unmaßgeblichen Meinung nach ungefähr gewesen sind, aber außer in dem Gebrauch des Wortes 'unmaßgeblich' stimmt sie mir in nichts zu.
Nun ist der Regen mit den ersten SchneeFlocken vermischt. Es wird unangenehm. Wir sollten so schnell wie möglich das Brett erreichen. Unter der SteigAnlage führt dann ein immer bequemer werdender Weg zur HöllenTalAngerHütte. Dort können wir bleiben, oder auch durch die HöllenTalKlamm absteigen und wieder nach Hause fahren, je nachdem. - Vielleicht, denke ich, sollten wir wirklich in der HöllenTalAngerHütte übernachten. Ich weiß nicht, wie schnell sich heftige RegenFälle dahingehend auswirken, daß man überhaupt nicht mehr trocken durch die Klamm kommt - die HöllenTalKlamm ist für SturzBäche aus unerwarteten Richtungen bei feuchterer WetterLage bekannt.
Zunächst steigen wir parallel zur FelsWand auf, in einer Richtung, die ungefähr südlich sein muß. Ein paar Meter Höhe gewinnen und ein paar Dutzend Meter mehr zwischen uns und dem SteilAbfall zu legen, das kann nicht schaden.
Die Böen fassen uns so hart an, daß wir stellenweise stolpern. Ihre Stärke scheint minütlich zuzunehmen. Das erste Mal denke ich daran, daß wir das Brett erst erreichen, wenn der Wind so stark ist, daß wir uns da nicht mehr festhalten können.
Ich muß häufiger stehen bleiben und auf Irene warten. Der Boden wird weiß, von nassem Schnee, und das Gehen wird immer schwieriger und anstrengender. Die Sicht ist nur wenige Dutzend Meter - wenn man die Augen überhaupt dem Wind und dem fliegenden NaßSchnee aussetzen und woanders hinschauen möchte als auf die eigenen Füße.
"Wollen wir da nicht Unterschlupf suchen und den Sturm abwarten?" ruft Irene und deutet an mir vorbei. Sie muß tatsächlich rufen, so laut heult der Wind schon. Ich folge ihrem Blick. Tatsächlich ist in der FelsWand zu unser Linken eine Nische.
Ist das eine gute Idee? Da wir absteigen, haben wir noch einige Stunden Reserve. Wenn das Unwetter nicht von Dauer ist, dann könnten wir in ein oder zwei Stunden bei gutem Wetter und vielleicht bei guter Sicht weitermarschieren. Und wenn der Schnee bis dahin zwei Meter hoch liegt? BlödSinn, denke ich. Nicht um diese JahresZeit.
Wenigstens kann man sich die Nische einmal ansehen. Ich krabbele, Hände und Füße gebrauchend, die GeröllHalde hinauf. Irene kommt langsam hinter mir her.
Tatsächlich. Die Nische führt tief in den Berg. Der hintere Teil ist trocken, wenn auch eng. Aber vor dem Regen könnten wir beide Schutz finden. Aber ist das noch sinnvoll? Wir sind beide schon ziemlich naß.
Einige der FelsFlächen sehen frisch abgebrochen aus. Vielleicht irre ich mich, aber in ungeprüften FelsHöhlungen Zuflucht zu suchen könnte durchaus nicht ungefährlich sein. Man muß die Gefahr abwägen. UnterKühlung und Erschöpfung sind in den Bergen auch eine reale Gefahr. Ich wäge ab.
Minuten später steht Irene neben mir, dann geht sie auf die Nische zu. Sie hat schon entschieden - das Abwägen war überflüssig. Also warten wir das Unwetter hier ab. Wir machen es uns zwischen den überhängenden FelsWänden der Nische so bequem wie möglich, ich weiter drinnen, Irene vor mir. Sogar die nassen Klamotten können wir aus- und die ReservePullover anziehen. Allerdings bezweifle ich, daß die Luft trocken genug ist, um irgendwelche Textilien nachhaltig zu trocknen. Jedenfalls können wir es hier eine Weile aushalten.
Während Irene eines ihrer AufstiegsBrote auspackt und schweigend zu verzehren beginnt, sehe ich mich um. Da der Ausblick in das wirbelnde Grau da draußen zu deprimierend ist, interessiere ich mich mehr für den hinteren Bereich der Höhle.
Sie scheint kein sichtbares Ende zu haben. Ein Spalt, sechzig Zentimeter an der Basis durchmessend, in KopfHöhe jedoch nur noch dreißig Zentimeter und in drei Meter Höhe zusammenlaufend, der Boden des Spaltes mit Geröll bedeckt und nach hinten, wie der ganze Spalt, ansteigend. Dabei scheint der Spalt sich ein wenig zu verengen. Wie hätte mich so etwas als kleiner Junge fasziniert! Tut es eigentlich immer noch.
"Ich guck es mir mal an!" sage ich, als ich bemerke, daß Irene mein Interesse für die Höhle bemerkt hat, "keine Angst, das Gestein in den nördlichen KalkAlpen ist nicht brüchig! - Kann eine Weile dauern."
Sie sagt nichts, nicht aus Mangel an Opposition, sondern weil sie erschöpft ist. Außerdem kann sie mir durchaus vertrauen. Wenn ich sage, 'der Fels ist nicht brüchig', dann stimmt das. Auf Lanzarote bin ich einmal zu einer KletterTour durch die Risco de Famara aufgebrochen. Nach einigen Stunden ging es mitten in der Wand einfach nicht weiter, obwohl da die Reste eines Weges sein sollten. Alles wegerodiert, und der Fels war zu brüchig. Zuviel Geröll. Keine sicheren Tritte. Also gab ich mich geschlagen und kehrte um. Seither weiß Irene, daß ich keine unnötigen Risiken eingehe. - Was sie nicht weiß ist, daß es mir damals auf Lanzarote einfach zu heiß zum WeiterKlettern war. Dieses Problem haben wir jetzt nicht.
Der Spalt geht tatsächlich weit in den Berg. Fünf Meter hinter unserem RastPlatz wird der Boden steil, ist aber kaum noch mit Geröll und Sand bedeckt. Außerdem ist der Spalt völlig trocken. Nachdem ich ein paar Schritte gestiegen bin, sehe ich den SpaltAusgang und Irene nicht mehr direkt, sondern nur noch etwas verirrtes TagesLicht auf den FelsWänden rundherum und schräg unter mir. Noch ein Schritt, und es ist zu dunkel, um weiterzuklettern. Schade. Man kommt immer noch gut vorwärts, und der Spalt scheint nicht enger zu werden.
In wenigen Sekunden bin ich wieder bei Irene. Für den Notfall haben wir DynamoTaschenLampen mit. Ich packe meine aus und krieche wieder nach hinten. Irene hält sich immer noch mit Kommentaren zurück.
1.2 Der Einstieg
Die Kletterei im hinteren Teil des Spaltes ist, nach alpinen Maßstäben, einfach. Wäre es anders, dann käme ich auch nicht weiter, weil man ja mit einer Hand dauernd die TaschenLampe betätigen muß.
Als ich meiner Schätzung nach mich sowohl horizontal als auch vertikal zwanzig Meter von Irene und dem HöhlenEingang entfernt habe, wird der Boden plötzlich wieder eben. Die Höhle weitet sich auf über einen Meter und ist groß genug, daß man darinnen stehen kann. Das tut gut nach der Kletterei.
Ohne die TaschenLampe zu betätigen horche ich in die schwarze Stille. Nichts. Kein Sturm, keine Irene - wenn sie jetzt etwas sagen würde. Die SchallWellen laufen sich auf der kurzen Strecke zwischen dem Eingang und hier tot.
Dann betätige ich die TaschenLampe wieder und sehe mich genau um.
Die Höhle ist immer noch nicht zu Ende. Von hier an ist sie aber einfacher zu begehen. Der Boden ist so eben, daß man fast nicht schauen muß, wo man hintritt, auch wenn man gut beraten ist, das denoch zu tun. Die Höhe und die Weite des Spaltes berechtigen fast, von einem Gang zu sprechen. Und dieser Gang geht weiter in das Innere des Berges, jetzt allerdings mit leichtem Gefälle. Sehr vorsichtig, aber ohne Schwierigkeiten gehe ich ihn entlang. Ich will keine Abzweigung übersehen. Aber es gibt auch keine, und bis jetzt könnte ich den Weg schlimmstenfalls auch im Dunkeln zurücklegen, auch wenn der Spalt am Eingang dann sehr schwierig werden dürfte. Aber da ist ja auch noch eine ReserveBirne in der DynamoTaschenLampe.
Überraschenderweise sind die FelsWände trocken. Auch das vereinfacht das VorwärtsKommen, das sonst in eine Rutscherei ausarten würde.
Obwohl der Weg durchaus nicht schwieriger wird, werde ich zunehmend unruhig. Nun müssen es schon hundert Meter sein. Hat man denn eine so große Höhle im ZugSpitzGebiet bis jetzt noch nicht entdeckt? Über hundert Meter vom Eingang entfernt, das heißt ja, daß sich über meinem Haupte schon viele hundert Meter Fels türmen, die jahrmillionenalte, hundertmillionen Tonnen schwere Last der HöllenTalSpitzen.
Zweihundert Meter. Dem Gefälle nach müßte ich jetzt tiefer als der HöhlenEingang sein. Wieviel Zeit ist schon vergangen? Wird Irene schon unruhig? Schließlich hört und sieht sie von mir nichts.
Das Licht der DynamoLampe ist schwach. So richtig gut ausgeleuchtet ist immer nur eine Fläche so groß wie eine Hand. Deshalb muß ich, um mir Übersicht zu verschaffen, hierhin und dorthin leuchten. Da ich das häufiger tue, komme ich nicht allzuschnell vorwärts. Trotzdem habe ich nie erwartet, so leicht und so schnell so tief in den Berg vorzudringen.
Das Gefälle wird stärker. Nicht, daß das hinderlich wäre, denn man muß sowieso aufpassen, wo man hintritt. Andererseits beruhigt mich das auch wieder, denn sonst wäre ich versucht gewesen, an einen künstlichen Gang zu denken. Von einer solchen Anlage hätte man aber etwas wissen müssen. Für eine künstliche Anlage ist aber alles zu unregelmässig. Der Gang, dessen Breite zwischen einem und zwei Meter schwankt, der nie eine Decke hat, sondern sich immer spaltartig in der Höhe verliert, oft wesentlich weiter, als das Licht reicht. Ein Stollen, den man aus dem Fels herausschlägt, sähe doch anders aus. Also jedenfalls kein BergWerksStollen. Auch die Theorie, daß dieses ein Stollen sein könnte, der etwas mit dem Bau der ZugSpitzBahnen zu tun haben könnte, erscheint mir jetzt weit hergeholt, nicht nur, weil die ZugSpitzBahnen von diesem Punkt sehr weit entfernt sind.
Nach einigen weiteren Minuten - ich denke daran, daß ich dringend umkehren muß, weil Irene inzwischen sicher schon ganz schön unruhig wird - fällt die rechte Wand des Spaltes zurück und entfernt sich immer mehr. Gleichzeitig stürzt der Boden in die Tiefe und geht in eine unwegsame Scharte über, die sich da unten in der Dunkelheit verliert. Allerdings stelle ich fest, daß man der linken Wand der Spalte immer noch weiter folgen kann, weil da ein gut begehbarer, etwa einen Meter breiter Sims ist. Das tue ich. Es sieht völlig ungefährlich aus.
Bald bin ich in einer seltsamen Umgebung: Die gegenüberliegende SpaltWand kann ich nicht mehr erkennen. Das Licht reicht da nicht hin. Ebenso scheint der Abgrund vor meinen Füßen grundlos, und nach oben sieht man auch nur undurchdringliche Schwärze. Nur der abschüssige Sims, auf dem ich stehe und die FelsWand, an der er entlangführt, sind sichtbar. Es ist somit völlig unklar, welches die Abmessungen der Höhle, in der ich mich befinde, sind. Ich höre auf, die Lampe zu betätigen und horche.
Absolute Stille. Inzwischen bin ich überzeugt, daß ich hier etwas entdeckt habe, daß die Öffentlichkeit noch beschäftigen wird. Eine neue touristische und geologische Sensation: Die HöllenTalHöhlen!
"Hallo!"
Das Echo kommt von den Wänden zurück, verliert sich nach Sekunden in der Ferne. Vielleicht eine drittel Sekunde bis zum ersten Echo. Heißt das, daß die gegenüberliegende Wand des Spaltes schon 50 Meter von hier entfernt ist? Ich fürchte, eine andere Interpretation bleibt kaum übrig.
Was ist das für eine riesige Höhle? Wo bin ich da reingeraten? Warum haben alle Geologen, die sich je im WetterSteinGebirge herumgetrieben haben, diese Höhle nicht gefunden?
Ich steige noch einige weitere Minuten auf dem Sims ab. Es wird noch steiler, und bald schon muß ich wieder die Hände zu Hilfe nehmen. Gerade, als mein Entschluß reift, sofort umzukehren, sehe ich vor mir im schwachen Licht der Lampe eine ungewöhnlich gerade Linie. Ich komme näher.
Der Sims geht in eine Treppe über!
1.3 Stufen, Neugier und GlühBirnchen
Es will mir nicht in den Kopf, aber meine Augen sehen es. Eine Treppe. Schmal, sehr schmal. Sechzig Zentimeter. Man schleift beim AbwärtsGehen entweder mit der linken Schulter an der Wand enlang, oder man geht gefährlich nahe auf der äußeren Kante der Treppe. Es sind nur acht Höhenmeter, die man auf diese Weise herabsteigt, dann geht die Treppe wieder in den unbearbeiteten Sims über. Aber wenige Dutzend Meter weiter ist schon wieder eine Treppe, genauso schmal und ausgesetzt. Es scheint, daß nur an solchen Stellen, die anders nicht zu bewältigen sind, eine Treppe aus dem Fels geschlagen wurde.
Nach der vierten Treppe, die über hundert Stufen hatte, ist es sicher: Diese Treppe ist tatsächlich in den Fels hineingearbeitet worden. Entweder wurde der schräge Sims bearbeitet, oder, wo dieser in der Breite nicht ausreichte, ist der Fels ausgehöhlt worden. Man sieht sich an solchen Stellen dicht unter einem Überhang in KopfHöhe - gerade so hoch, daß man nicht geduckt gehen muß.
Die Wand des RiesenSpaltes scheint Biegungen zu machen. Ich weiß meine Richtung nicht mehr. Außer der TaschenLampe habe ich ja nichts mitgenommen - konnte ich wissen, daß hier eine so große Höhle auf mich wartet? Auch ein HöhenMesser wäre jetzt praktisch. Außer dem lahmen Gefühl in meinen KnieMuskeln habe ich keinen Hinweis darauf, wie weit ich schon abgestiegen bin.
Ich müßte eigentlich sofort zu Irene zurück. Was wird sie machen, wenn ich so lange nicht zurückkomme? Werde ich sie überreden können, mit mir noch einmal in diese Höhle vorzustoßen? Wohl kaum. Würden wir später diese Höhle noch einmal wiederfinden können? Diese Höhle, die vor uns offenbar noch niemand gefunden hat? Oder niemand, der auch nachher darüber hat berichten können? Warum wohl hat niemand darüber berichten können? Wann habe ich überhaupt das nächste Mal Zeit, allein oder mit Irene eine BergWanderung zu machen? Wie bringe ich sie dazu, hier einzusteigen? Sollte ich ihr vorher sagen, was ich gefunden habe, oder sollte ich behaupten, der Spalt wäre nach kurzer Zeit zu Ende? Aber wie erkläre ich dann meine lange Abwesenheit?
Ich steige mit energischen, sicheren Schritten weiter ab. Die DynamoTaschenLampe wandert von einer Hand zur anderen. Auch das lahme Gefühl in den Fingern zeigt, wieviel Zeit schon vergangen ist.
Es gibt verschiedene Methoden, die Lampe zu pumpen. Man kann sie so anfassen, daß die Finger die HauptArbeit machen, oder so, daß im wesentlichen der Daumen pumpt. Zusammen mit der Möglichkeit, die Lampe in die jeweils andere Hand zu wechseln oder auch mit beiden Händen gemeinsam zu pumpen, sollte ich eigentlich in der Lage sein, die Lampe stundenlang zu betätigen, wenn notwendig.
Da schält sich ein Vorsprung aus dem Dunkel. Die Treppe ändert ihre Richtung. Während ich bis jetzt beim Absteigen die FelsWand zur Linken hatte, so habe ich sie jetzt zur Rechten. Und, von diesem Vorsprung, der auch nicht viel breiter als etwas mehr als ein Meter ist, nach unten schauend kann ich nichts erkennen. Ebenso bleibt die gegenüberliegende Wand immer noch unsichtbar.
Ich könnte einmal wieder einen EchoVersuch machen, aber irgend etwas hält mich davon zurück, meine Anwesenheit akustisch zu verraten. Das ist natürlich eine ganz dumme Regung. Wer sollte hier schon sein? Und wenn schon, wer sollte mir etwas Böses wollen? Hier gibt es konkrete Gefahren, aber das sind die Gefahren, die man aus dem HochGebirge eben kennt: Verirren, Abstürzen, Erschöpfung. Ich paß schon auf. Und ganz besonders passe ich auf, daß mir die DynamoLampe nicht aus den Händen fällt.
Dann passiert es. Von einer Sekunde zur anderen: Dunkelheit. Die DynamoLampe wird geringfügig leichtgängiger. Die Birne ist hin. Scheiße.
Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Rechts ertaste ich immer noch die vertrauenerweckende Härte der FelsWand.
Sorgsam hocke ich mich auf die Stufen und befühle sie. Man muß die Lampe öffnen. Dabei darf mir auf keinen Fall irgendein EinzelTeil herausspringen. Hier finde ich nichts wieder. Flüchtig denke ich auch daran, daß ich im Dunkeln ganz einfach die Oben-Unten-Orientierung verlieren und bei meinen Reparaturen, ohne es gleich zu bemerken, einfach über den Rand der Treppe hinauskippen könnte. Herwig, denke ich mir, da hast du etwas Dummes gemacht. Niemand hat dich gezwungen, in diese Höhle einzusteigen.
Ich finde eine TreppenStufe, die meinen Ansprüchen an Ebenheit genügt. Während ich beginne, die Lampe auseinanderzunehmen, lehne ich mit dem Kopf am Fels direkt über meinem SitzPlatz. So kann nichts passieren.
Einen Moment finde ich die ErsatzBirne nicht. Als ich sie schließlich doch in die Finger bekomme, überfällt mich ein anderer, panischer Gedanke: Was, wenn ich schon einmal eine kaputte GlühBirne hatte und dann damals diese Birnen einfach vertauscht habe? Ist mir ein solcher Fall in Erinnerung? Ich glaube nicht. Aber ich merke mir doch solche unwichtigen Dinge nicht. Außerdem hätte ich bei nächster Gelegenheit die nun kaputte ErsatzBirne sofort wieder gegen eine funktionsfähige eingetauscht. Wenn nicht irgend etwas dazwischen gekommen wäre. Ist etwas dazwischen gekommen?
Jedenfalls gehe ich erst einmal von einer funktionsfähigen Birne aus. Ich baue die neue Birne ein und stecke die alte in die Tasche. Nachdem die Lampe wieder zusammengebaut ist, halte ich mir die Lampe vor das Gesicht und betätige zögernd den PumpHebel. Ein rotes GlühWürmchen entsteht im Nichts. Sie funktioniert!
Ich leuchte den Platz ab, wo ich gesessen habe. Kein Teil liegengeblieben. Die Tiefe jenseits der Treppe unergründlich wie eh und je. Okay. Bloß zurück. Wenn die zweite GlühBirne versagt, dann sehe ich alt aus.
Dann hole ich die kaputte GlühBirne aus meiner Tasche und lege sie auf eine TreppenStufe, um den Punkt meines weitesten Eindringens in die Höhle zu markieren. Falls ich demnächst hier wieder vorbeikommen sollte.
AufSteigen ist noch einfacher als absteigen. Allerdings bin ich in Gefahr, aus übergroßer Schonung für die GlühBirne die Lampe zuwenig zu pumpen und deshalb zuwenig Licht zu haben. Bloß nicht deshalb einen FehlTritt riskieren! Ich habe doch früher versucht, aus Spaß mit der DynamoLampe ein GlühBirnchen durch ÜberSpannung zum DurchBrennen zu bringen. Es geht nicht. Die Mechanik der Lampe ist dafür einfach nicht geeignet.
Nun, wo ich den doch nun ziemlich bekannten Weg so schnell wie möglich hinter mir bringen will, merke ich erst, wie lang er ist. Als ich im Gang ankomme und die Gefahr des Abstürzens vorerst gebannt ist, ist mir wohler. Trotzdem scheint sich auch der Gang endlos hinzuziehen. Plötzlich höre ich etwas. Ich halte an und lasse die Lampe verlöschen.
"Herwig!"
Es hallt hohl den Gang entlang. Irene! Ruft sie in den Spalt hinein oder ist sie schon eingestiegen?
"Hier! Irene! Bleib, wo du bist!"
Ich haste weiter. Da sehe ich plötzlich einen fernen LichtSchimmer. Sie ist tatsächlich in die Höhle hineingeklettert!
Sekunden später stehe ich neben ihr.
"Herwig! Was hast du dir dabei gedacht? Ist dir was passiert?"
Ich versuche, ihr so schnell wie möglich zu erklären, was ich gefunden habe, schon um weiteren Vorwürfen vorzubeugen. Sie sieht ungläubig drein, soweit man das bei der Beleuchtung erkennen kann.
"Wir müssen nocheinmal hierherkommen, mit besseren Lampen, vielleicht mit einigen anderen zusammen! Jetzt müssen wir erstmal nach Hause!"
"Geht nicht," sagt Irene, "du hast keine Vorstellung davon, wie es draußen aussieht. Das Wetter! Es ist fast ein Meter Schnee gefallen!"
"Soviel, tatsächlich?"
"Ja. Ich weiß nicht, ob wir da durchkommen."
"Und die Sicht?"
"Dichtes SchneeTreiben."
Wir klettern gemeinsam durch den Spalt am HöhlenEingang herab. Sie hat recht: Da draußen ist eine weiße Wüste, und der Schnee fällt immer noch in dichten Flocken, durcheinandergewirbelt von einem kräftigen Wind. HöllenTalPlatt im August! - Irene hat unsere RuckSäcke höher in den Spalt hinaufgezogen, um sie vor der Feuchtigkeit zu schützen.
"Du hast recht. Das sieht übel aus." sage ich, "Ich habe nicht gewußt, daß ich so lange da drinnen war."
"Und was jetzt?"
"Mmh. Mal sehen. Notfalls können wir hier übernachten. MetallFolien für die Wärmedämmung haben wir dabei. Das ist natürlich kein SchlafSack-Ersatz, dazu sind die zu instabil. Zu Futtern haben wir noch für zwei Tage."
Ich sehe Irene an, daß die Aussicht, hier zu übernachten, ihr ganz und gar nicht behagt.
"Vielleicht sollten wir weiter drinnen ..." schlägt sie vor.
Ich denke nach. Wir haben zwei DynamoTaschenLampen, mit insgesamt drei funktionsfähigen Birnchen. Das heißt, daß der Aufenthalt im ersten waagerechten Teil der Höhle ohne Risiko ist. Man müßte sich einfach nur an die völlige Dunkelheit gewöhnen, da man nicht dauernd die Lampe betätigen kann.
Ich sehe die Uhr an: 17 Uhr. Noch knapp dreieinhalb Stunden TagesLicht. Genug, um bei günstigem Wetter von jeder Stelle des Höllentalplatts zu Tale zu gelangen. Aber unter diesen Umständen hätte ich gerne mehr Zeit. Wer weiß, in was für einem Zustand das Brett ist.
"Warum bist du mir überhaupt nachgestiegen?" frage ich. Dumme Frage.
"Weil es so lange gedauert hat! Außerdem war da ein Zug durch den HöhlenEingang, und das kam mir komisch vor."
"Tatsächlich? Ist mir gar nicht aufgefallen!"
Hätte mir aber auffallen sollen. Selbstverständlich ist ein Zug in eine Höhle hinein oder heraus ein Hinweis auf eine größere Ausdehnung der Höhle. Schließlich muß bei einer äußeren LuftDruckÄnderung ja irgendein Ausgleich erfolgen.
"Also, mir ist es unsympathisch, in der Höhle zu übernachten. Wenn uns da etwas passiert, dann findet uns keiner!"
"Du mit deinen Katastrophen! Was soll uns denn im Schlaf schon passieren? - Außerdem ist es hier draußen jetzt kälter."
Sie hat ja recht. Minuten später haben wir aufgepackt und steigen wieder in die Höhle ein.
1.4 Übernachtung
Wenn man still liegt, kann man das Heulen des Sturmes draußen hören. So eine absolute Sperre gegen akustische Signale sind die ersten paar Dutzend Meter der Höhle nicht.
Bequem ist das Lager auch nicht. Dazu die Dunkelheit. Eigentlich schlafen wir ganz gerne bei diffuser Beleuchtung. Man weiß beim Aufwachen nämlich immer gleich, wo man ist. Aber hier? Hinausstarren in die Dunkelheit, auf die tanzenden Figuren, die die unterreizten Augen und die neuronale Restaktivität im OzipitalLappen erzeugen. Keine optischen Reize. Wie gut, daß der Sturm draußen und Irenes ungleichmäßiger Atem wenigstens einen akustischen ReizHinterGrund erzeugen. Sonst kämen akustische Halluzinationen hinzu.
"Schläfst du?" frage ich so leise, daß es sie nicht aufwecken würde, wenn sie tatsächlich schliefe.
"Nein." murmelt sie verschlafen.
"Dein Kopf drückt eine Arterie auf meinem linken RippenBogen ab."
"Da ist keine Arterie!" erwidert sie.
"Kann sein. Aber du drückst sie trotzdem ab!"
Wir schlichten unsere GliedMaßen neu ein. Dann ist wieder einige Minuten Ruhe. Vielleicht schlafe ich kurz, vielleicht auch nicht. Gedanken kommen und gehen. Wenn sie das in etwas unvorhersehbarerer Weise tun, dann sind es Träume, und man ist dabei, einzuschlafen. Ich sehe Abgründe und träume, zu stolpern. Dabei zucke ich zusammen und bin wieder wach. Irene auch, weil ich bei solchen Gelegenheiten mich kurz und ruckartig bewege.
"Was das wohl ist?" fragt sie.
"Was?"
"Diese Höhle. Wo kommt die her?"
"Weiß ich nicht. Es gibt viele Höhlen auf der Welt. Denk an die KarstHöhlen in Jugoslawien, die teilweise gigantisch ..."
"Ja. Aber KarstHöhlen? Hier?"
"Mmh. Immerhin, heißt dieses Gebiet nicht auch 'Nördliche KalkAlpen'? Geologie müßte man studiert haben, dann wüßte man so etwas."
Da keiner von uns Geologie studiert hat, halten wir wieder eine Weile den Mund. Vielleicht schlafen wir auch. Sowie einer von uns einschläft, fängt der andere an, sich wieder umzulagern.
"Ich kann nicht schlafen!" sagt Irene, als es mir gerade gelungen ist, trotz allem eine relative Tiefe des Schlafes erreicht zu haben. Meine schmerzenden Glieder kehren wieder zurück.
"Wie spät ist es?"
Einer der vier kleinen Knöpfe an meiner ArmBandUhr schaltet eine kleine LeuchtDiode ein. Normalerweise vermeide ich das, weil die LeuchtDiode um GrößenOrdnungen mehr Strom zieht als die Uhr und ihre Anzeige. Jetzt bleibt mir aber kaum etwas anderes übrig.
"Kurz nach 21 Uhr."
"Das ist ja noch früher Abend!"
"Weiß ich. Die Sonne ist draußen aber schon untergegangen!"
Wieder vergehen Minuten, in denen wir versuchen, einzuschlafen. Diesmal gelingt es uns, den als ich das nächste Mal zu klarem Bewußtsein hochkomme, ist es kurz nach MitterNacht. Irene wird gleichzeitig mit mir wach, wie ich an ihren Bewegungen merke.
Der Sturm draußen dröhnt noch hörbarer als zuvor. Ob wir da bei Anbrechen des TagesLichtes durchkommen ist doch sehr zweifelhaft.
"Und es geht wirklich so tief da runter? Wie tief?" fragt Irene, wacher, als es der UhrZeit entspricht.
"Ich hatte keinen HöhenMesser mit. Aber einige hundert Meter werde ich etwa hinuntergestiegen sein. Denke ich."
"Jetzt haben wir einen HöhenMesser!"
"Mmh." bemerke ich. Hört sich so an als ob Irene Interesse an einer weitergehenden Erforschung der Höhle hat, und wenn vielleicht auch nur als eine interessantere Alternative zu unserem unbequemen SchlafPlatz.
Ich spüre einen Hauch, zum wiederholten Male. Die Höhle atmet, wie es ja eigentlich auch sein muß, bei den mit Sicherheit wechselnden LuftDrucken.
"Wir haben nur die zwei DynamoLampen, und die sind nicht besonders hell. Bei meiner ist schon die ErsatzBirne dran, weil die andere kaputt ist. Irgendwie ist mir das zuwenig SicherheitsSpielRaum!" sage ich abwehrend.
"Dann habe ich Neuigkeiten für dich. In der letzten Woche habe ich eine Packung ErsatzBirnen gekauft. Fünf Stück! Allerdings war ich zu faul, sie ganz auszupacken!"
"Das nützt uns gar nichts, wenn die Packung zu Hause ..."
"Ich habe die ganze Packung im RuckSack!"
"Wirklich?"
"Ja. Es war so bequem: Hop und rein damit! Wiegt ja nicht viel."
"Du bist ein GoldMädchen!"
"Weiß ich," sagt sie, "außerdem kann ich nicht schlafen. Vielleicht gibt es da unten irgendwo einen Ausgang aus dem Berg heraus?"
"Glaube ich nicht," sage ich, "das wären dann ja schon zwei Ausgänge dieses HöhlenSystems, die man noch nie entdeckt hätte."
Wieder vergehen Minuten des Schweigens. Hat sie recht, wenn sie noch einmal da runter will? Aber eigentlich will ich ja auch. Lebensmittel reichen für 48 Stunden, dann ist Schluß. Bis dahin müßten wir wieder hier sein, und dann MÜSSEN wir über das Platt nach Hause.
Außerdem: KarstHöhlen und deren Entstehung sind mit fließendem Wasser verbunden. Das muß ja am tiefsten Punkt der Höhle irgendwie raus. Allerdings: selbst, wenn das der Fall ist, dann kann das etwa in Form einer niedrigen Spalte geschehen, die permanent unter Wasser ist, wie die RohrKrümmung in einem Abfluß.
"Wenn wir bis zum Morgen hier liegen, dann sind unsere GliedMaßen durchgebogen und vielleicht unbrauchbar." vermute ich.
"Ja worauf warten wir dann noch?"
******** 002. Tag: Sonntag 1995-08-20 ********
2.1 Wege in der Finsternis
Vor dem Abmarsch gibt's noch einige notwendige Vorbereitungen. Die ErsatzGlühBirnchen verteilen wir gleichmäßig auf beide. Jeder hat drei, und die eine, die in Irenes Lampe ist, bleibt bei Irene.
Dann stelle ich den HöhenMesser und sehe mir noch einmal die Karte an.
"Ich weiß nicht, was wir draußen für ein Wetter haben. Deshalb stelle ich das Ding auf neutrale LuftDruckVerhältnisse, einverstanden?"
Irene hat keine Einwände.
"Danach sind wir 2100 Meter über NN. Mmh. Ziemlich weit oben. Eigentlich sind es etwa nur 1500 Meter LuftLinie zum Brett."
Nachdem wir aufgepackt und unseren LagerPlatz nach liegengelassenen Gegenständen untersucht haben, geht es den mir schon bekannten Weg los. Mir scheint es, als kämen wir rascher vorwärts. Ich zähle meine Schritte mit. Vorsichtige dreißig Zentimeter lange Schritte, davon 1500. Dann sind wir an der Stelle, wo wir seitlich auf dem Sims weitergehen müssen und zu unserer Rechten der Abgrund gähnt. Der HöhenMesser sagt 2000 Meter. Aber nun verlieren wir rasch an Höhe.
Irene geht hinter mir, bleibt zurück. In der Dunkelheit kann ich nicht sehen, wie sie auf den zunehmenden Grad der Gefährlichkeit des Weges reagiert. Ich glaube, ich muß sie beruhigen.
"Solange man konzentriert geht, kann nichts passieren. Der Fels und die Treppen sind überall fest. Und wir haben Zeit."
Beides Aussagen, die man diskutieren könnte. Aber ich muß Irene beruhigen. Und mich.
Es ist 2 Uhr morgens, als ich auf einer TreppenStufe etwas glitzern sehe. Mein durchgebranntes GlühBirnchen. Ich mache Irene darauf aufmerksam. Von nun an ist auch für mich wieder NeuLand.
Wir lassen das GlühBirnchen liegen. Der HöhenMesser zeigt 1800 Meter an.
Wenig später, nach einigen weiteren Kehren der engen Treppe, reichen unsere DynamoTaschenLampen mit vereinten Kräften gerade an die gegenüberliegende SpaltWand. Man kann allerdings nichts Genaues erkennen. Eine FelsWand eben, was sonst. Zum wer weiß wie vielten Male schärfe ich Irene ein, zum Wechsel der DynamoTaschenLampe stehen zu bleiben und erst weiterzugehen, wenn die Schlaufe wieder sicher um das andere HandGelenk liegt. Vielleicht rede ich zuviel, aber hier ohne Licht zu sein ist ein AlpTraum. Diesen möchte ich nicht Wahrheit werden lassen.
Als der HöhenMesser 1700 Meter anzeigt, öffnet sich in der Wand plötzlich eine TunnelHöhle, in die wir hineinmüssen. Von einem Moment zum anderen ist die Gefahr des Absturzes wieder gebannt. Aber dieser Tunnel ist mit Sicherheit künstlich: Sauber herausgehauene TreppenStufen, beidseits der Treppe AbflußRinnen, die aber völlig trocken sind, und in etwas über KopfHöhe eine gewölbte TunnelDecke.
Ständig weht uns ein gleichmäßiger Wind entgegen, wesentlich stärker als der schwache Zug oben am Eingang der Höhle. Das läßt Schlüsse auf weitere Verzweigungen des HöhlenSystems zu.
Einige Male wird der Tunnel durch größere Höhlen unterbrochen, die offenbar beim Bau des Tunnels genutzt wurden, um Arbeit zu sparen. Diese Höhlen sind teilweise weitaus größer als die ReichWeite unserer TaschenLampen.
Der Tunnel ist gut zu begehen, ausgenommen die Strecken in den ZwischenHöhlen, wo man den Weg in dem FelsenGeröll etwas suchen muß. Wir verlieren rasch an Höhe. Als der HöhenMesser bei 1400 Meter angekommen ist, öffnet sich der Tunnel wieder in eine Höhle, deren jenseitige Wände von unseren Lampen nicht mehr erreicht werden kann. Es wird wieder gefährlich: der Weg führt auf einen Grat hinaus. Rechts und links gähnt eine unergründliche, schwarze Tiefe. Nur stellenweise gibt es Stufen, dann wieder windet sich der Weg, als die GratLinie zu steil wird, in engen Kehren nach unten. So kann man sich wenigstens so ab und zu an Felsen abstützen.
1300 Meter. Die GratLinie ist fast senkrecht, und der Weg besteht wieder aus einer Folge von schmalen Simsen und Treppchen.
"Kannst du noch, oder sollen wir eine Rast machen?" frage ich.
"Wo sollen wir den hier rasten?" fragt Irene zurück. Wohl wahr. Wir dürfen uns keine SchwächeAnfälle leisten. Gut, daß wir den ganzen Sommer über in vielen BergWanderungen trainiert haben. Trotzdem, 800 Meter in unbekanntem Gelände absteigen, das machen wir eigentlich nie am Stück.
Ob die große, senkrechte Höhle, an deren Wänden wir absteigen, dieselbe ist wie die erste ganz am Anfang unserer Excursion, können wir nicht sagen. Es ist überhaupt völlig unmöglich, ein geistiges, dreidimensionales Modell der Höhlen, durch die wir kommen, zu entwickeln. Zu viele Windungen und RichtungsÄnderungen, die wir teilweise wegen unserer beschränkten Übersicht gar nicht mitbekommen.
1200 Meter. Unsere FelsWand geht in eine GeröllHalde über. Da liegen Brocken rum, größer als ein Haus. Sie sehen aus, als ob sie jeden Moment kippen könnten. Der Weg führt, gerade noch erkennbar, um einige davon herum. Plötzlich halte ich an: irgendwie hat sich der Felsen vor mir auf dem Boden des Weges bewegt.
"Siehst du das?" frage ich.
"Was?"
"Da vorne. Die abschüssige Platte. Sie hat sich eben gedreht!"
"Quatsch." sagt Irene, "Du mußt dich irren. Hier bewegt sich nichts!" Woher will sie das denn wissen, denke ich.
Wir gehen vorsichtig einige Schritte weiter. Wieder bewegt sich ein Teil der Platte. Der entferntere Teil. Er ist sowieso sehr schwer zu erkennen, weil er irgendwie abgedunkelt ist. Es erinnert mich irgendwie an ...
"Wasser!" ruft Irene. Sie greift einen Stein und wirft ihn, ehe ich etwas sagen kann, nach vorne, in Richtung des hinteren Teils der FelsPlatte. Die WasserFontäne ist beruhigend und beunruhigend zugleich. Sind wir am Ende unseres Weges angekommen?
Nun, wo die aufgeworfenen Wellen die WasserOberFläche deutlich sichtbar machen, ist das Ufer des Sees klar zu erkennen. Wir entscheiden uns, auf dem trockenen Teil der großen FelsPlatte vor uns zu rasten. Wenn Irene den Stein etwas knapper geworfen hätte, dann wäre dieser Teil der FelsPlatte jetzt nicht mehr trocken. Langjährige EheErfahrung hält mich aber davon ab, diesen Vorwurf in Worte zu kleiden - sogar bei echten FehlLeistungen halte ich mich da zurück, nicht nur bei möglichen FehlLeistungen.
4 Uhr morgens. Wir spüren beide Müdigkeit. Essen, trinken, schlafen. Oder sollten wir wieder aufsteigen? Wir könnten um 8 oder 9 Uhr am HöhlenEingang sein, restlos erschöpft, aber dann hätten wir einen ganzen Tag zur Verfügung, um uns über das verschneite Platt zum Brett durchzukämpfen. Jetzt stelle es ich mir sogar machbar vor, über die SteigAnlage abzusteigen, wenn sie völlig vereist sein sollte. Und dann wären wir in nicht einmal einer Stunde bei der HöllenTalAngerHütte!
Diese Hütte ist jetzt etwas höher als unser StandPunkt und wahrscheinlich nicht sehr weit entfernt. Wenn nicht der viele Fels dazwischen wäre ...
Wir machen eine SchlummerPause. Irene legt ihren Kopf in meinen Schoß, und ich lehne mich nach hinten. Eine Weile horche ich in die Dunkelheit hinein, aber hier ist wirklich nichts zu hören. Nicht einmal das gelegentliche Tropfen, das in so vielen Höhlen einen GeräuschHinterGrund bildet.
Wieso ist diese Höhle so trocken?
Die FelsPlatte ist so flach, daß weder wir noch unsere RuckSäcke versehentlich ins Rollen kommen können. Keine Gefahr, jedenfalls nicht von da. Daß die Hölle allerdings über unseren Köpfen offenbar viele hundert Meter hoch ist, und daß Steinchen oder Steine, die von da oben abgehen, uns durchaus schaden könnten, daran denke ich jetzt nicht. Und wenn ich doch daran denke, dann sage ich mir, daß diese Steine vielleicht Millionen Jahre lang Zeit gehabt haben, herunterzufallen. Warum also gerade jetzt?
Dann denke ich daran, daß irgendwann einmal jemand diesen Weg benutzt haben muß. Vor meinem geistigen Auge sehe ich fackeltragende Kolonnen, die mit unbekannter Absicht von hier oder von einem Ort, der noch tiefer im Berg ist, nach oben ziehen. Wer waren sie? Oder sollte es sie noch geben? Quatsch. Es ist nur natürlich, daß man an unterirdische Kolonien von Trollen und Kobolden denkt. So etwas gibt es aber nicht. Unbekannte Völker, mitten im dichtbesiedelten Deutschland, die von uns nichts wissen und von denen wir nichts wissen. Was für eine Vision.
Es kann nicht sein. Dieser Weg ist bestimmt ein archäologisches Relikt. JahrHunderte oder sogar JahrTausende alt. Hier ändert sich wenig. Keine Erosion. Da kann eine SteinTreppe unbeschadet ohne weiteres JahrTausende überstehen.
Was war vor tausend Jahren? Zweitausend? Da unten, bei Garmisch, gab es römische VerkehrsWege. Germanien war teilweise römische Kolonie. Aber es ist nicht überliefert, daß die Römer sich für die Berge interessiert hätten. Genaugenommen ist aus dieser Zeit überhaupt nichts überliefert, was das mögliche Interesse der Menschen an der hochalpinen BergWelt betrifft. Und von Höhlen ist schon gleich gar nichts überliefert.
Nein, es waren auch nicht die Römer. Diese Wege hat jemand ganz anderes gebaut. Da bin ich sicher.
Dann denke ich an meinen alten GeschichtsLehrer. Mit welchen archäologischen Kenntnissen könnte ich jetzt auftrumpfen! - Aber erstens würde er mich sofort über den historischen HinterGrund befragen, und über den weiß ich ja nichts, und zweitens trennt mich ja schon ein DrittelJahrhundert von diesem UnterrichtsGespräch. - Außerdem ist er wahrscheinlich schon tot.
Mit diesen Gedanken schlafe ich ein.
2.2 WunschDenken
Diesesmal war der Schlaf erholsamer und tiefer. Es ist Mittag, als ich von Irenes unruhigen Bewegungen geweckt werde. Es dauert eine Weile, bis ich weiß, wo ich bin, und welche Anstrengungen uns noch von dem WiederErreichen der Zivilisation trennen.
Das FrühStück / MittagEssen ist umständlich, wegen der DynamoLampen. Wir stellen fest, daß das SeeWasser trinkbar ist. So schonen wir unsere mitgebrachten Vorräte an Getränken.
Ich bin schneller fertig, aber es wird trotzdem 1 Uhr, bis wir wieder abmarschbereit sind.
"Also," frage ich, "rauf oder runter?"
"Weiter natürlich - wenn es noch weiter geht!"
Irene macht ihre Entscheidung vielleicht etwas zu sehr von der Aussicht auf den anstrengenden WiederAnstieg abhängig. Aber wenn ich ehrlich bin, ist mir das recht.
"Das heißt aber, daß wir in der nächsten Nacht wieder aufsteigen müßten, wenn wir nichts finden!"
"Daran glaube ich nicht! Wir werden einen Weg hinaus finden." entscheidet Irene. Wishful Thinking. Hoffentlich hat sie recht. Je weiter wir in die Tiefe vorstoßen, desto kräfteraubender wird der WiederAufstieg werden. Inzwischen ist sogar die Wanderung über das HöllenTalPlatt und das Brett der kleinere Teil der noch zu erwartenden Anstrengung.
"Wie gut, das wir Urlaub haben!" meint Irene, als wir losmarschieren, "Sonst müßten wir am Montag blaumachen!"
"Das wäre mir völlig egal. Ich will nur am Leben bleiben," sage ich. Sieht sie vielleicht nicht ein, daß das nicht so restlos gesichert ist?
Wir suchen das SeeUfer ab. Der See ist klein und oval, vielleicht hundert Meter lang und vierzig Meter im DurchMesser. Er hat keinen erkennbaren Zu- oder Abfluß, auch nicht die ausgetrockneten ÜberReste eines solchen. Auch sind nicht die mindesten Spuren von LebeWesen oder anderem organischen Material zu finden. Wir finden den Weg, den wir gekommen sind, und einen zweiten, wo es weitergeht.
Soweit wir es erkennen können, bewegen wir uns jetzt auf dem Grund einer immensen Höhle, die viele hundert Meter hoch und zwischen dreißig und siebzig Meter weit ist. Der HöhlenBoden ist ein Wirrwar von mächtigen, übereinandergetürmten FelsBrocken und würde uns wohl ab und zu komplizierte Klettereien abverlangen, wenn der Weg uns nicht so führen würde, daß wir das immer gerade noch vermeiden. Trotzdem müssen wir häufig die Hände gebrauchen.
Wir passieren zwei weitere Seen. Es kommt mir so vor, als ob diese Höhle in ihrer Richtung in etwa konstant bleibt, aber der Kompaß sagt, daß unsere Richtung zwischen Nord und Ost schwankt. Am frühen NachMittag unterschreiten wir eine Höhe von tausend Meter über dem MeeresSpiegel, und vielleicht eine Stunde später sind wir nur noch 800 Meter hoch.
"Wir sind jetzt auf der Höhe von Hammersbach!" informiere ich Irene. Sie antwortet nicht. Es hört sich an, als hätte sie ihren gesunden MarschRythmus gefunden. Da will ich sie lieber nicht rausbringen.
Dann verengen sich die beiden HöhlenWände, und der Abstieg wird wieder steiler. Es dauert nicht lange, und wir folgen einem Gang, der nicht breiter als etwa einen Meter ist. Schmalere Stellen sind offenbar bearbeitet worden, und häufig gibt es wieder TreppenStücke. Jedenfalls sind wir immer noch auf dem richtigen Weg. Über uns verliert sich der schmale Spalt in dunkler, undurchdringlicher Höhe. Man würde fast erwarten, FlederMäuse zu sehen. Aber natürlich sind wir hier die einzigen Lebewesen. FlederMäuse wären BestandTeil eines Biotops. Und woher sollte dieses in dieser ewigen, trockenen Dunkelheit seine energetischen und materiellen Resourcen bekommen?
Eine Zeitlang marschieren wir kräftig, weil es so gut vorangeht. Wir müssen irgendwo rauskommen. Inzwischen sagt mein HöhenMesser 600 Meter. Das heißt, wir unterschreiten jetzt die MeeresHöhe von München. Auf jeden Fall sind wir schon deutlich tiefer als Garmisch-Partenkirchen.
Dann, vielleicht gegen 17 Uhr, als der HöhenMesser 450 Meter anzeigt, weitet sich unser Gang wieder auf etwa acht Meter DurchMesser. Wir gehen jetzt auf einer Art Wall - rechts und links vor den Wänden gibt es gefährlich tiefe Spalten. Das Ganze sieht so aus, als sei vor Urzeiten die Decke der Höhle auf einer ganzen Strecke eingestürzt, und das, worauf wir gerade gehen, ist der Schutt- und GeröllWall, der von diesem Ereignis erzeugt wurde.
Dann hört unser Weg urplötzlich auf. Vor unseren Füßen öffnet sich ein Abgrund. Kein erkennbarer Abstieg. Wieder kommt ein fühlbarer Zug aus der Tiefe.
Es geht nicht weiter.
"Es muß weitergehen!" sagt Irene. Sie denkt dasselbe wie ich. Einen so großen Aufwand zu treiben, so viele Treppen und Wege anzulegen, das tut man nur, um irgendwo hinzukommen. Niemand legt aufwendig Wege an, um sie im Nichts enden zu lassen. Es sei denn, ein geologisches Ereignis hätte den Weg teilweise zerstört. Ein FelsenBruch, ein HöhlenEinsturz, oder so etwas.
Wir inspizieren unsere Umgebung genau. Die Wände rechts und links von uns können wir mit unseren Lampen gerade noch erreichen. Felsen, sonst nicht.
"Mir kommt es so vor," sagt Irene und deutet nach rechts hinunter, "als ob man da runter kann."
"Aber ob man da runter soll?" zweifele ich.
"Zur anderen Wand kommt man gar nicht mehr hinüber - guck dir mal diesen Spalt neben unserem Weg an! Das braucht man gar nicht erst zu versuchen."
Sie hat recht. Also klettern wir rechts vom Weg runter, auf die HöhlenWand zu. Wir haben mindestens zwölf Meter Höhe verloren, als wir sie erreichen. An zwei oder drei Stellen müssen wir sogar kurze Sprünge wagen, weil auf andere Weise die betreffenden FelsKanten gar nicht zu bewältigen sind, und über eine FelsKante müssen wir uns mit einem umgekehrten KlimmZug herunterlassen, weil erst zwei Meter tiefer wieder ein fester Stand ist. Es geht aber gut, auch bei Irene, die solche KletterEinlagen gar nicht mag. Dann sehen wir uns wieder um.
"Großer Gott!" flüstert Irene. Dann sehe ich es im schwachen Licht der DynamoLampe auch.
2.3 KletterSteig
Es ist ein KletterSteig, eine Anlage so ähnlich wie das Brett. An der rechten HöhlenWand entlang, weiter in die Richtung, in die wir gehen wollen, ragt alle vierzig Zentimeter eine EisenStange von etwa der gleichen Länge aus der Wand. Jede EisenStange ist etwas tiefer als die vorhergehende, jedenfalls, soweit wir es von unserem StandPunkt aus überblicken können.
Unter den EisenStangen ist nur ein gähnender, schwarzer Abgrund. Und, noch schlimmer: Es gibt kein HalteSeil. Keine HandGriffe, weder künstlich noch natürlich.
Wir waren schon am 'Brett' zu leichtsinnig. Eigentlich seilt man sich an einem KletterSteig mit zwei KarabinerHaken, die mit einem ordentlichen TrageGurt verbunden sind, an. Wenn es kein HandSeil gibt, dann ist das schon eine alpine Sache, und man sollte für eine SeilSicherung auf andere Weise sorgen.
"Das ist der Wahnsinn." sage ich, "Das kann ich nicht. Wie soll man da gleichzeitig die Lampe betätigen können?"
Wir hören beide mit unseren DynamoLampen einen Moment auf. Unsere Finger sind schon gar zu lahm von der stundenlangen Pumperei. Besprechen kann man sich auch im Dunkeln.
"Wir müssen zurück." sagt Irene, "Da geh ich nicht rüber."
"Ich auch nicht. Vielleicht ist es auch gar nicht der richtige Weg. Vielleicht haben wir eine Abzweigung verpaßt?"
"Wie hoch müssen wir?"
"Wir sind etwas über 400 Meter. Der Eingang der Höhle ist auf 2100 Meter. Das sind 1700 Meter HöhenDifferenz."
Es bleibt uns wohl nicht erspart. Selbst das verschneite und vereiste Brett wird einfacher zu bewältigen sein als dies hier.
"Okay," entscheide ich, "je eher wir anfangen, desto eher sind wir wieder zu Hause. Es ist viel zu steigen, aber es ist ja nirgends wirklich schwierig." Wir fangen sofort an, wieder auf die Mitte des Weges hinaufzuklettern. Nachdem ich mich einmal entschieden habe, liegt der Rest unseres Abenteuers zwar als große jedoch absehbare Anstrengung vor uns, und ich fühle beim HinaufKlettern wieder eine Zuversicht, die ich in den letzten Stunden schon vermißt habe.
Das ist schon nach wenigen Metern vorbei.
2.4 Zurück?
"Wie sind wir eigentlich hier runter gekommen?" frage ich und leuchte die überhängende FelsStufe ab, "Das ist ja über zwei Meter hoch!"
Eine rhetorische Frage. Unser umgekehrter KlimmZug ist mir noch in Erinnerung. Ich probiere es zuerst. Es geht nicht. Dann setze ich meinen RuckSack ab. Irene hält ihn fest.
Es ist eine elendigliche Quälerei, bis ich die Kante mit einem EllenBogen erreiche. Dann noch ein Schwung. Das Knie ist oben. Und noch ein Schwung. Der OberKörper liegt auf der Kante. Geschafft! Irene leuchtet mir unten mit beiden Lampen, aber die OberKante des Felsens liegt im Schatten. Ich kann meinen LiegePlatz nur erfühlen. Schwer atmend bleibe ich liegen.
"Das schaffe ich nie." sagt Irene von unten.
"Dann ziehe ich dich eben rauf."
"Und wer leuchtet so lange? Und wer bringt unsere Rucksäcke hinterher?"
"Die könntest du vorher ..." Ich lasse mir meine Lampe raufgeben und sehe mich um. Verdammt wenig Platz. Und etwas abschüssig. Kein sicherer Stand, jedenfalls, wenn man die Hände nicht zum Festhalten frei hat. Das mit dem Raufziehen ist auch so eine Sache. Zu wenig Platz für uns beide hier oben. Und Irene ist zwar gut in Form, aber auch, wie sagt man, gut im Futter. 82 Kilo, wenn ich mich recht erinnere. Ich kann sie nicht raufziehen. Ich könnte sie höchstens hier und dort unterstützen. Das geht aber auch kaum, wenn man dauernd eine Lampe pumpen muß. - Und wir sind beide erschöpft. Ich habe es eben doch selbst kaum geschafft.
Herwig, sage ich mir, sieh es realistisch. Sie kommt hier nicht rauf. Da kannst du machen was du willst. Jede Hilfe heißt, daß der Helfer auch keine Hand mehr für die Lampe frei hat. Und im Dunkeln dürfen wir hier, so nahe am Abgrund, keine akrobatischen Experimente machen.
"Ich komme wieder runter," sage ich, "es muß einen anderen Weg geben."
Es gibt keinen. Wir suchen alles ab, wo man eventuell aufsteigen könnte. Aber schon dem Spalt zwischen Weg und HöhlenWand weiter in die Richtung zu folgen, aus der wir gekommen sind, ist nicht möglich. Da muß man sich zwischen HöhlenWand und einem FelsBrocken hindurchzwängen - eine vier Meter hohe und ebenso lange, aber nur einen halben Meter durchmessende Spalte. Mitten in dieser Spalte ist plötzlich ein Loch im Boden. Ein grundloses Loch. Ich denke kurz an irgendeine Art von KaminKletterei. Aber das kann Irene ja genausowenig. Und ich eigentlich auch nicht.
Andere AufstiegsMöglichkeiten finden wir nicht. Wir sitzen fest.
"Da haben wir etwas Dummes getan," sage ich, "Ich hätte nie hier runterklettern dürfen. Scheiße."
Ich lasse meine Lampe ausgehen. Irene pumpt gerade nicht. Es ist völlig dunkel.
"So ein weiter Weg," sage ich, "Und dann, kurz vor Schluß, die EinBahnStraße. Ich habe sie nicht erkannt."
Irene legt mir im Dunklen ihre Hand auf meine Hand.
"Laß nur. Ich habe es doch auch nicht gesehen."
Wir umarmen uns im Dunkeln. Schweigend vergeht die Zeit. Was soll man jetzt noch sagen? Daß es einem leid tut, unser schönes, hoffnungsvolles Leben abgebrochen zu haben? Nicht durch eine große Tat, sondern durch eine Tolpatschigkeit?
"Wir ruhen uns jetzt aus," sagt Irene. Ihre Stimme klingt künstlich fest. "Wir ruhen uns jetzt aus. Dann suchen wir noch einmal alle möglichen Aufstiege ab. Wenn nichts geht, dann gehen wir über den Steig da vorne."
"Was? Meinst du das im Ernst?"
"Ja. Oder willst du hier mit mir verhungern oder verdursten? Wer hat denn immer, bei einem KletterSteig gesagt: 'Stell dir das ganze etwa dreißig Zentimeter über dem Boden einer Turnhalle vor. Dann ist es ganz einfach.' Hast du das nicht immer gesagt? Alpiner SchwierigkeitsGrad Eins? Das waren deine Worte, jedenfalls am Brett."
"Ja."
"Siehste. Da vorne, auf diesen Sprossen, kann man sich an die FelsWand anlehnen. Das macht es sogar noch einfacher. Einer geht, der andere leuchtet. Unsere Chancen sind gut. Hier zu bleiben ist aufgeben. Hier rettet uns niemand. Wenn wir weitergehen, dann haben wir vielleicht eine Chance."
Ich sage nichts. Eigentlich sollte ich etwas zu Buche geben. Was ich für eine tapfere Frau habe. Als ob sie klarer nachgedacht hat als ich. Oder ist ihr klarer als mir, daß der RückWeg endgültig versperrt ist? Sie kann diesen KlimmZug an der FelsKante hinter uns nicht machen. Damit kommt sie nicht mehr rauf. Und ich auch nicht. Denn ich bleibe bei ihr. Oder?
"Ich könnte," überlege ich laut, "alleine zurückgehen und Hilfe holen!"
"Und mich hier alleine lassen?"
"Ich komme ja wieder. Mit der BergWacht. Mit Seilen und StrickLeitern."
"Nach Tagen," protestiert Irene, "wenn überhaupt. Du könntest verunglücken oder dich verirren. Wir wüßten überhaupt nichts voneinander. Du könntest den HöhlenEingang nicht wiederfinden. Die BergWacht könnte dir nicht glauben. Und ich sitze hier die ganze Zeit im Dunkeln. Wir könnten uns nicht gegenseitig helfen, wenn etwas passiert."
Ich halte den Mund. Irene hier alleine zurückzulassen, auch mit der festen Absicht, Hilfe zu hohlen, gefällt mir auch nicht.
Okay. Lassen wir es dabei. Wir bleiben zusammen, und die einzige Richtung heißt 'vorwärts'.
2.5 SchlagLoch im EisenWeg
Die Zeit vergeht. Wir machen Inventur. Unsere LebensMittel reichen mindestens noch einen Tag, die Getränke sogar noch länger. Zwölf belegte Brote, von zwanzig, als wir die Wanderung begannen. Noch zweieinhalb Liter Getränke für jeden. Genug, um die 1700 Meter wieder aufzusteigen und nach Hause zu gehen. Wenn der Weg nicht so gründlich versperrt wäre. Es ist auch noch keine weitere GlühBirne kaputt gegangen.
"Hast du gemerkt, daß es eigentlich ziemlich warm ist? Ich meine, bei dem Wetter draußen?" fragt Irene. Ich erläutere ihr in kurzen Zügen etwas über die geologischen GrundLagen des ErdAufbaus.
"Hier, in MittelEuropa, ist der geothermische Gradient gering. Wir könnten noch viele Kilometer absteigen, dann aber wird es sehr heiß. Allerdings ist das ja kaum zu erwarten. Wenn der HöhenMesser nicht spinnt, sind wir 400 Meter über dem MeeresSpiegel. Also, noch vierhundert Meter tiefer geht es eigentlich nicht mehr. Da muß einfach Wasser sein. Bin neugierig, wo der Weg dann hingeht."
"Heißt das, daß wir bald irgendwo ankommen?"
"Ja, natürlich. So endlos weiter absteigen, wie wir das bisher getan haben, das muß bald ein Ende haben. Im Moment sind wir auf dem Niveau des Inntales. Es ist mir völlig unklar, wieso hier überhaupt noch HohlRäume sind, die nicht völlig mit Wasser gefüllt sind. Das geht eigentlich nur, wenn irgendwo eine Art Abfluß ist."
"Und du meinst," fragt Irene, "daß wir bis zum Inntal marschieren müßten, um diesen Abfluß zu finden?"
"Nicht unbedingt. Abfluß und AusGang, oder sagen wir, das Ende dieses Weges, das sind zwei verschiedene Dinge. Ich nehme an, daß wir irgendwann wieder steigen müssen, ein paar hundert Meter wenigstens."
Das sage ich nur einfach so. Wissen tu ich ja überhaupt nichts. Aber ich muß uns Mut machen.
19 Uhr. Ich schlage Irene vor, daß wir diesen KletterSteig jetzt hinter uns bringen. Wir packen auf.
"Herwig, du mußt mir eins versprechen."
"Was denn?"
"Wenn ich da abstürze, dann gehst du allein zurück. Den Weg, den wir gekommen sind. Allein kannst du es."
"Was redest du da. Du stürzt nicht ab. Ich habe auch nicht die Absicht. Und was sollte ich dagegen dir für einen Vorschlag machen, wenn ich es doch tue?"
"Dann springe ich hinterher."
"Nein. Das tust du nicht. Du mußt dich irgendwie nach draußen durchschlagen. Jemand muß der Welt diese Höhle verraten!"
"Warum?"
Darauf gebe ich keine Antwort. Es gibt keine. Warum sollte die Welt diese Höhle kennen?
Bevor wir losmarschieren, umarmen wir uns lange Zeit. Es ist eigentlich albern, denke ich mir. Der Tod droht dauernd, von allen Seiten, auch im Alltag. Die Katastrophe ist nur einen Schritt entfernt, immer. StraßenVerkehr, Unfall im Haushalt. Der Weg zur Invalidität ist immer kurz. Nur macht man sich meistens keinen großen Gedanken darüber. Was ist also jetzt anders? Daß man keine Hilfe holen kann? Die völlige Machtlosigkeit? Ich sehe vor meinem geistigen Auge Irene abgestürzt, hundert Meter tiefer, schwer verletzt, aber noch bei BewußtSein. Sie schreit, und ich kann nichts tun. Ich kann sie nicht einmal sehen. Eine entsetzliche Vorstellung.
"Irene, stürz nicht ab." sage ich ihr eindringlich ins Ohr. "Konzentriert gehen. Auf jeden Schritt achten. Ruhig atmen. StehenBleiben und abwarten, wenn die Panik kommt. Sicher stehen bleiben. Zwei Füße auf zweien dieser MetallStäbe, da stehst du sicher. Stürz nicht ab!"
Dann gehen wir los.
Ich zuerst. Ein mäßig weiter Schritt bis zum ersten Stab. Kein Problem. Ich prüfe ihn wippend, jederzeit erwartend, daß er brechen könnte. Fühlt sich an wie einbetoniert. Der Rost ist auch nur oberflächlich, wahrscheinlich, weil es hier so trocken ist.
Dann verlagere ich mein Gewicht auf den Stab. Nun geht es unter mir bereits in die Tiefe. Irenes Lampe leuchtet gerade eben ein paar Meter des KletterSteiges aus, mehr nicht.
Ich stehe mit beiden Füßen auf dem ersten Stab. Dann steige ich auf den zweiten hinüber. Er ist genauso fest. Der dritte, der vierte.
ErmessensSpielraum: Man steht sicherer, wenn man die Füsse nicht direkt am Fels aufsetzt, sondern weiter draußen. Vierzig Zentimeter sind ja viel Platz. Andererseits ist dann das Abknickmoment auf die EisenStange größer. Was ist die beste Strategie?
"Es geht ganz gut!" sage ich, und mein heftiger Atem straft meine Worte Lügen.
Dann stelle ich mich fest auf zwei der Stäbe, halte mich mit einer Hand an der FelsWand fest und benutze meine Lampe. Ein kurzes Leuchten in die Tiefe zeigt, daß da kein Grund ist, jedenfalls nicht in ReichWeite der Lampe. Es sind mindestens zehn Meter, es können aber auch zweihundert sein. Dann leuchte ich die Stäbe für Irene aus.
Sie tritt auf die Stäbe hinaus. als ob sie das ganze Leben nichts anderes getan hätte. Tapfere kleine Frau! Auf dieses hat dich die Arbeit in deiner Bank nicht vorbereitet.
Schon nach wenigen Sekunden steht sie neben mir. Jetzt bin ich wieder dran, und sie leuchtet.
Es ist wahr, vom technischen StandPunkt ist es ganz einfach. Vielleicht wäre es noch einfacher, wenn man es vorher etwas geübt hätte. Etwa wenn man das 'Brett' überquert hätte, ohne sich festzuhalten. Aber wer kommt denn auf so eine WahnSinnsIdee? Naja, dann üben wir eben jetzt. Der Weg scheint lang genug zum Üben. Ich steige drei Meter und Irene leuchtet, dann kommt Irene drei Meter hinterher, und ich leuchte. Und so geht es weiter. Schon bald ist der letzte FelsVorsprung, von dem wir ausgegangen sind, jenseits der ReichWeite unserer Lampen. Jetzt ist da nur noch die senkrechte FelsWand und die kleine, zittrige Insel aus Licht, die immer nur wenige SteigStäbe und die Beine von einem von uns beleuchtet.
Ich habe unangenehme Visionen, die ich aber für mich behalte: Was, wenn die Folge der SteigStäbe plötzlich aufhört? Was, wenn plötzlich mehrere SteigStäbe fehlen und eine zu große Lücke lassen? Was, wenn die Wand allmählich überhängend wird, oder die SteigStäbe nach außen abschüssig, oder beides?
Wir klettern weiter. Keine Hand frei, um Uhr oder HöhenMesser anzusehen. Nichts als den Glauben, daß diese Art des Weges ja irgendwann einmal zu Ende sein muß, und daß die Länge des Weges wohl kaum das LeistungsVermögen eines Menschen übersteigen wird.
Eine ganze Weile ist jeder SteigStab deutlich tiefer als der vorhergehende. Dann wieder geht es eine ganze Weile horizontal weiter. Auf einigen Dutzend Metern des Weges kommt die gegenüberliegende HöhlenWand in die ReichWeite unserer Lampen und nähert sich auf zwei Meter, um wenig später wieder in die Unsichtbarkeit zurückzufallen. Hilfreich ist das nicht, und ich überlege, ob es wenigstens beruhigend ist. Eigentlich auch nicht.
Es scheinen Stunden zu sein. Unser VorwärtsSteigen wird routinierter, und ich ermahne - vielleicht in völlig überflüssiger Weise - uns mehrmals zur Konzentration. Selbst in sicherem Gelände ist die abnehmende Konzentration eine Gefahr, wieviel mehr dann hier.
Dann passiert es. Der nächste Stab fühlt sich unter meinen Füssen schwammig an. Ehe ich recht begreife, habe ich instinktiv den Fuß auf den übernächsten Stab gesetzt. Irene stößt einen Schrei aus, aber ich stehe fest, im achtzig-Zentimeter SpreizSchritt. Das geht noch.
Der jetzt unbelastete Stab zwischen meinen Füßen ist nach unten abgeknickt. Direkt am Fels sehe ich die BruchStelle. Und ich habe eine üble Vision: Irene versucht, doch diesen Stab als Tritt zu benutzen. Das darf nicht sein.
"Der muß weg!" sage ich entschlossen, prüfe meinen Stand und trete dann mit dem Fuß, den ich eben noch vertrauensvoll auf diesen Stab setzen wollte, mitten auf denselben. Er bricht ab.
Mit angehaltenem Atem lauschen wir dem Klingen des Stabes, wie er in die Tiefe fällt und immer wieder irgendwo anschlägt. Ich zähle, obwohl das nicht sehr sinnvoll ist: Weiß ich denn, wie stark der Stab tatsächlich in seinem Fall gebremst wird? Weiß ich denn, ob der Stab nicht immer noch fällt, wenn er schon längst nicht mehr in HörWeite ist?
Es dauert lange. Das wiederholte Anschlagen und Klingen wird immer leiser, aber einen definitiven, endgültigen AufSchlag kann ich nicht erkennen. Nach über einer Minute kommen nur noch verirrte Echos zu uns herauf.
Das geht hier verdammt tief hinunter! Das müssen viele hundert Meter sein.
"Man müßte sich die BruchStelle des Stabes genau ansehen." sage ich, "Dann könnte man rauskriegen, ob Guß- oder SchmiedeEisen. Oder gar Stahl. Aber ich kann nicht so richtig hinsehen."
"Laß die Experimente!" zischt Irene. Sie hat ja recht. Andererseits wollte ich durch einige akademisch klingende Überlegungen eine Atmosphäre der Sicherheit verbreiten.
Plötzlich fällt mir eine uralte Geschichte ein. In früher Kindheit. Kollegen meines Vaters, ein Ausflug. Ein Schacht, mehr ein Loch im Boden, altes Bergwerk vermutlich. Fast zwei Meter unter dem Rand ein Stein, der geologisch interessant war - oder aus welchem Grunde auch immer. Der Kollege meines Vaters - ein Herr Litzen oder so ähnlich - wollte den unbedingt haben. In waghalsigem Kriech- und KletterManöver hat er sich über die Kante des SchachtLoches geschoben - und wie entsetzlich tief das war! Für uns Kinder sowieso der bodenlose Abgrund. Seine Frau hat ihn von hinten festgehalten, gleichzeitig keifend und bettelnd. Aber der war stur. Mein Gott, war der stur! Und wir waren starr vor Schreck. Was die Erwachsenen so alles machten - und uns wurde immer alles verboten!
Aber diese Episode war ja nicht so gefährlich. Er hat es überlebt, und vielleicht verzerrt und vergröbert die Erinnerung den Schacht. War es vielleicht nur eine Grube? Nebenbei, es war Tag, und man hätte Hilfe holen können, im schlimmsten Fall. Ich muß ihn noch mal fragen. Wenn wir hier rauskommen, frage ich ihn. Lebt er überhaupt noch? - Es kostet nur einen Anruf, mehr nicht. Warum spricht man nicht häufiger mit seinen ehemaligen Lehrern? Wo man mit ihnen soviel Zeit des Lebens verbracht hat. Wenn sie erst weggestorben sind, dann geht es nicht mehr. - Und wenn man selber weggestorben ist, dann auch nicht. - Paß auf deine Füße auf, Herwig! Konzentrieren!
Ich gehe weiter, dann leuchte ich für Irene. Sie hat mit ihren kürzeren Beinen etwas mehr Schwierigkeiten, außerdem ist sie leicht panisch. Trotzdem gelingt ihr der weite Schritt. Von nun an ist das Fortkommen wieder Routine, soweit man so etwas Routine nennen kann. Das Adrenalin kreist aber noch in unserem Blut, und ich wünsche mir sehnlichst, daß dieser Weg bald zu Ende sein möge.
Nach vielen weiteren Minuten, gerade, als Irene leuchtet und ich steige, sehe ich vorne etwas Graues. Ich sage noch nichts, um keine verfrühten Hoffnungen zu wecken, aber schon, als ich das nächste Mal dran bin, sieht Irene es auch:
"Da ist etwas."
"Seh ich. Sachte. Ich sehe noch nicht, wie es weitergeht."
Im rechten Winkel zu der Wand, an der wir entlangsteigen, trifft eine weitere FelsWand auf die unsere. Dort, wo sie sich treffen, lassen sie einen schmalen Spalt von etwa zehn bis zwanzig Zentimetern, ausgenommen die Stelle, auf die wir uns zubewegen. Dort ist dieser Spalt auf sechzig Zentimeter erweitert, und zwar auf einer Höhe von etwa zwei Metern.
Beim nächsten SteigAbschnitt komme ich auf zwei Meter an das Loch heran, dann zwinge ich mich wieder zur Geduld. Irene folgt die drei Meter nach, während ich unermüdlich die Lampe pumpe. Wie gut, daß wir während dieses WegeAbschnittes keine GlühBirnen wechseln mußten!
Dann steige ich auf das Loch zu. Noch fünf Stäbe, dann vier, dann drei. Ich gehe nicht schneller als sonst, denn die FelsWände, die sich hier treffen, fallen nach wie vor in unergründliche Tiefen ab. Dann stehe ich in dem Loch und leuchte Irene.
"Langsam. Du hast es gleich geschafft. Aber langsam!"
Ihre Hände auf dem Fels zittern, ich sehe es. Meine Position ist nicht zu sicher, da dieser Stollen einen fünfzehn Zentimeter breiten Spalt im Boden und in der Decke hat. Vielleicht zu wenig, um da durchzurutschen, aber man kann natürlich immer noch AusrüstungsGegenstände verlieren.
Als Irene den Stollen betritt - ich trete zwei Schritte zurück - halte ich sie fest. Mir ist auch mulmig.
"Komm hier rüber. Füße darüber. So. Man kann hier überall stehen, aber dieser Spalt da im Boden ist natürlich lästig."
"Ich möchte mich hinlegen!" haucht sie.
"Moment. Stehst du sicher? Gut. Ich gehe mal ein paar Meter diesen Stollen entlang, ob da ein besserer RastPlatz ist."
Gesagt, getan. Es sind fast fünfzig Meter, die der Stollen horizontal zurücklegt. Dann biegt er rechtwinklig nach rechts ab und geht steil nach unten. Der Boden ist wieder eine sauber herausgeschlagene Treppe, ohne Spalt in der Mitte.
Wenig später habe ich die erschöpfte Irene hierhergelotst. Wir sitzen auf den TreppenStufen und ruhen unsere Finger von der langen Pumperei und unsere Körper von dem KletterSteig aus. Das heißt, Dunkelheit. Aber hier kann nichts passieren, außer die gewundene Treppe hinunterzurollen. Ich überwinde mich noch, HöhenMesser und Uhr zu inspizieren. 22 Uhr und 200 Höhenmeter. Wir waren fast drei Stunden in der Wand.
Der RückWeg beginnt, unüberwindlich zu werden. Ich habe Angst. Kommen wir hier je raus, und wie?
Wir müssen jetzt rasten. Aber zum Schlafen ist diese Stelle immer noch zu ungemütlich. Keine genügend große, ebene Fläche. Ich werde noch etwas weitergehen und Irene dann holen, wenn ich etwas besseres finde. Sonst müssen wir uns in dem Stollen irgendwie verkeilen. Aber kann ich Irene alleine lassen, übermüdet, wie sie ist?
Ich nehme ihr das Versprechen ab, bis sechshundert zu zählen, ohne einzuschlafen. Damit habe ich zehn Minuten, in denen ich wenigstens die nächsten Teile des Stollens untersuchen kann.
Ich habe Glück. Schon nach etwa achtzig Stufen und etlichen Windungen des schmalen Stollens finde ich ein horizontales Stück ohne Treppe. Es ist nur etwa 2.5 Meter lang. Aber das reicht. Wenige Minuten später liegen wir bereits da, die Füße in MarschRichtung, die Köpfe und die RuckSäcke in die Richtung, aus der wir gekommen sind. Käme jetzt jemand des Weges, dann würden wir ein ganz ordentliches Hindernis in diesem Stollen bilden. Aber damit rechnen wir am allerwenigsten.
Unsere Träume sind unruhig, meine jedenfalls, aber Irene wird es nicht anders gehen. Natürlich hängen wir wieder in dieser widerlichen Wand, natürlich stolpern wir und stürzen, fahren unruhig im Schlafe auf, betasten uns gegenseitig und die beiden Wände des Stollens.
Dann liege ich eine Zeitlang wach, bei klarem BewußtSein, die momentane Sicherheit der Situation genießend, aber trotzdem mit Angst: Wie kommen wir hier jemals wieder heraus?
Der Wind geht abwärts, in MarschRichtung. Als wir hier ankamen, ging er in GegenRichtung. Als ich mir darüber physikalische Gedanken mache, schlafe ich wieder ein.
******** 003. Tag: Montag 1995-08-21 ********
3.1 LichtSpuren
Der Schlaf war lang. Es ist 12 Uhr, als sich mein BewußtSein widerwillig in die Wirklichkeit zurückversetzt. Auch Irene schläft noch und läßt sich genauso schwer wecken. Die Anstrengung sitzt noch in unseren Knochen.
MorgenToilette. Das heißt, kein Waschen - womit auch? Aus unseren zwölf belegten Broten werden zehn. Der Hunger wird erst beim Marschieren kommen, das kennen wir schon. Einige TreppenStufen oberhalb unseres LagerPlatzes werden unschön verschmutzt. 'Duftmarke', so nennt man das bei einem Hund. Ob jemals hier jemand vorbeigehen und reintreten wird? - Jedenfalls wird der Duft uns noch eine Weile folgen, da immer noch ein leichter Wind in MarschRichtung weht. Erinnerungen an frühere CampingUrlaube: der Gestank defekter Toiletten und unsachgemäßer AbwasserEntsorgung.
Dann packen wir wieder auf und marschieren weiter, mit schmerzenden Muskeln, verklebt und verschwitzt.
Der Gang geht weiter so in die Tiefe wie schon bisher. Die ständige Änderung der Richtung ist merkwürdig. Wäre nicht eine einfache WendelTreppe einfacher gewesen? Oder ist man, bei der HerausArbeitung des Ganges, dem am leichtesten zu bearbeitenden Gestein gefolgt? Oder wollte man ein ausgeglichenes Gemisch von Rechts- und LinksWendungen herstellen, so daß die Flüssigkeit in den GleichgewichtsGängen gar nicht erst ins Rotieren kommt und so der DrehSchwindel vermieden wird?
Ebenso merkwürdig sind die Wände - ich habe den Eindruck, daß es sich nicht mehr um Kalk handelt - oder was auch immer das normale Material der nördlichen KalkAlpen und auch des ZugSpitzMassives ist. Wann sich das geändert hat, habe ich nicht mitgekriegt, und ich weiß auch nicht, wie man das Gestein nennt, das uns jetzt umgibt. Es scheint sehr hart zu sein.
Es ist 2 Uhr nachmittags, als ich anhalte und Irene den HöhenMesser zeige:
"Sieh her. Fällt's dir auf?"
"Ja. Meereshöhe. Sogar etwas tiefer."
"Ich wette, daß es auf der ganzen Welt keine Höhle gibt, die luftgefüllt ist und die unterhalb des MeeresSpiegels liegt."
"Dann wäre dieses ja die erste."
"Nicht unbedingt. Siehst du, ich habe den HöhenMesser auf durchschnittlichen LuftDruck gestellt - 1020 HektoPascal. Wenn jetzt draußen ein TiefDruckGebiet ist, etwa 980 HektoPascal, dann sind wir schon 200 Meter unter dem MeeresSpiegel. Und umgekehrt, wenn draußen 1060 HektoPascal HochDruck ist, dann sind wir noch 200 Meter drüber. Wir können nichts anderes tun als uns auf den durchschnittlichen LuftDruck zu beziehen."
"Also wissen wir überhaupt nicht, wie tief wir sind?"
"Das würde ich nicht sagen," fahre ich fort, "weil ich nämlich glaube, daß diese große Höhle nur sehr wenig Luft mit der Außenwelt austauscht. Das heißt, daß sich hier ein LuftDruck einstellen müßte, der dem DurchSchnitt des AußenDruckes entspricht, in vergleichbaren MeeresHöhen, versteht sich. Dann, wenn das richtig ist, ist dieser HöhenMesser sehr korrekt, und wir unterschneiden tatsächlich gerade jetzt den MeeresSpiegel."
Irene weiß daraufhin nichts zu sagen, und so marschieren wir weiter.
Um 3 Uhr nachmittags sind es 400 Meter unter dem MeeresSpiegel. Der HöhenMesser zeigt 3600 Meter an, weil seine Skala rundherum gerade viertausend Meter umfaßt. Wahrscheinlich wird er nun irgendwann aufhören, zu funktionieren, oder er geht sogar kaputt, weil er für diesen Druck nicht gebaut wurde. Wir merken von dem ungewöhnlichen Druck noch nichts. Das ist auch nicht zu erwarten, da die Änderung langsam vor sich geht.
Um 3:15 Uhr geht der immer noch abwärts führende Stollen plötzlich in einen horizontalen Stollen über. Das bleibt einige hundert Meter so, ohne daß wir auch nur einen Meter an Höhe verlieren. Dann bleibt plötzlich für einige Dutzend Meter die StollenDecke weg. Das Loch öffnet sich in einen wesentlich größeren Raum. Unsere Lampen finden keinerlei Ziel in der Schwärze über uns.
"Sei mal still," sage ich, "Lampe aus!"
Einen Moment horchen wir mit verhaltenem Atem nach oben. Ist es das Blut in den KopfArterien, oder ist da von ferne wirklich eine Art Rauschen zu hören?
Irene hört nichts, und so marschieren wir weiter. Die Decke des Stollens schließt sich wieder. Dafür geht es wieder bergab, allerdings nicht so steil, daß Stufen erforderlich wären.
Dann ist der Stollen plötzlich zu Ende. Er weitet sich in einem kleinen Raum, und im Boden ist ein etwa einen Meter durchmessendes Loch. Der HöhenMesser zeigt 500 Meter unter dem MeeresSpiegel an.
Wir leuchten den Raum aus. Nichts von Bedeutung, außer vielleicht einigen Nischen in der Wand, die als RuheBänke gedeutet und jedenfalls so benutzt werden können. Das Loch im Boden ist nicht sehr tief, vielleicht einen Meter fünfzig. Ich gebe meine Lampe Irene und setze meinen RuckSack ab. Irene leuchtet mir mit beiden Lampen.
Aus diesem Loch kann ich mich wieder hochziehen, also ist es kein Risiko, mich hinunterzulassen. Wenn ich aufrecht stehe, dann kann ich sogar noch meine EllenBogen auf die Lochkante legen. Dann nehme ich meine Lampe wieder.
Der Boden des Loches ist merkwürdig, in der Mitte höher als am Rand. Als ich mich bücke, um das genauer zu untersuchen, stelle ich fest, daß ich auf einem kleinen Hügel stehe. Dieser Hügel ragt aus einer tieferliegenden Höhle empor, deren Abmessungen ich nicht genau abschätzen kann. Es ist jedenfalls kein Gang, sondern der Raum ist sehr viel größer.
"Tja," sage ich, "es spricht nicht sehr viel dafür, daß es hier weitergeht. Aber woanders geht es auch nicht weiter. Also: gib mir mal die RuckSäcke!"
Eine halbe Minute später stehen wir in der unteren Höhle. Der Hügel könnte künstlich aufgeschüttet sein. Er besteht jedenfalls aus einzelnen FelsBrocken mittlerer Größe. Genau kann man es nicht sagen, und wir finden zunächst auch keinen definierten Weg.
Bald haben wir Klarheit über die Form dieser Höhle. Sie hat etwa einen dreieckigen QuerSchnitt und bildet so einen Tunnel mit zwei schiefen Böden und einer horizontalen Decke, die mehr als zwanzig Meter überspannt. In Richtung nach - ich konsultiere den Kompaß - nach Osten führt der Tunnel abwärts, in der anderen nach oben, ohne deutliche QuerschnittVeränderung. Das Loch, durch das wir gekommen sind, ist sehr nahe am TunnelRand, so daß der kleine, unauffällige Hügel nicht sehr hoch aufgeschüttet werden mußte. Ich sage Irene, daß das auch wieder nach Absicht aussieht.
Wir folgen diesem großen, dreieckigen Tunnel in AbwärtsRichtung. Es läßt sich gut gehen, obwohl der Boden schief ist. Der QuerSchnitt des Tunnels ändert sich jedoch, weitet sich stellenweise auf eine SpannWeite bis zu achtzig Metern auf, an einer Stelle reichen unsere Lampen weder an die Decke noch ist seitlich eine Begrenzung zu sehen. Dann rücken die Wände wieder zusammen. Langsam steilt sich der linke Boden weiter auf, so daß man nur noch auf dem rechten Boden gehen kann, der sich zum Ausgleich abflacht. Jedenfalls ist es deutlich, daß hier ein natürlicher Bruch im Fels als Tunnel verwendet wurde, der kaum bearbeitet wurde, da er überall gut begehbar ist.
Flüchtig denke ich daran, daß wir diesen Tunnel auch in die andere Richtung hätten gehen können. Irgendwie haben wir die Entscheidung aus dem Bauch heraus getroffen, als ob wir uns sicher wären, daß es dort irgendwann einfach nicht mehr weiter geht. Im Prinzip haben wir diese Option auch noch, aber ich glaube nicht, daß wir sie noch nutzen werden. Irene hat das nicht kommentiert, also hat sie es entweder nicht gemerkt, oder sie schätzt diese Möglichkeit auch nicht als erfolgversprechend ein.
Nun weicht die rechte Wand wieder so weit aus, daß sie nicht mehr sichtbar ist, und wenig später ist auch die linke Randung des Tunnels nicht mehr zu sehen. Nur in der Höhe läßt sich noch das Grau der Decke wahrnehmen.
3300 Meter, sagt der HöhenMesser. Also 700 Meter unter dem MeeresSpiegel. Definitiv tiefer als alle Depressionen der ErdOberFläche. Wir nehmen es einfach nur noch zur Kenntnis.
Der Boden wird abschüssig, und als er so steil wird, daß das Klettern wieder die ZurHilfenahme der Hände erfordert, da stoßen wir auch wieder auf einen angelegten Weg. Kaum zu erkennen, aber wenn man ihm folgt, dann ist es wesentlich leichter. Es tauchen FelsSäulen aus der Dunkelheit auf, die wir umrunden. Wir können nicht erkennen, ob diese Säulen in die nun unsichtbare Decke übergehen oder irgendwo da oben enden.
Als wir 800 Meter tief sind, treten wir auf eine ebene FelsFläche hinaus. Zunächst wissen wir nicht, welche Richtung nun angesagt ist, aber dann scheint es klar zu werden, da diese FelsFläche doch leicht gewölbt ist. Offenbar sind rechts und links in einiger Entfernung Abgründe. Wir können geradeaus für eine lange Strecke mit nur geringem Gefälle weitergehen.
"Irgendwie höre ich jetzt auch etwas!" sagt Irene.
"Machen wir einmal eine HorchPause!" stimme ich zu, und wir lassen unsere Lampen verlöschen. Es ist wahr: Da ist in der Ferne ein hohles Rauschen, ganz schwach, an der Grenze der Wahrnehmbarkeit. Aber noch etwas anderes ist da:
"Irene! Siehst du etwas?"
Wir halten immer noch unseren Atem an, als ob man dadurch besser sehen könnte. Ich habe tatsächlich den Eindruck eines grauen Schimmers rundherum, der vielleicht in unserer MarschRichtung noch stärker ist.
"Kann sein," sagt Irene nach einer Weile, "Aber es kann auch eine Täuschung sein."
"Warten wir fünf Minuten, damit unsere Augen sich besser an die Dunkelheit gewöhnen!" schlage ich vor. Für eine volle Dunkeladaption des Auges braucht man, wie jeder HobbyAstronom weiß, eine halbe Stunde. Aber wir wollen es jetzt ja nicht übertreiben, auch wenn wir weniger bräuchten, wegen des trüben Lichtes unserer Lampen.
Da ist definitiv Licht. Aber zu wenig, um etwas von der HöhlenStruktur zu erkennen. Rechts und links grau, vorne vielleicht etwas mehr. Schließlich stimmt auch Irene meiner Beobachtung zu.
"Gehen wir weiter," schlage ich vor, "wenn es tatsächlich von vorne kommt, dann gehen wir ja darauf zu."
Gesagt, getan. Solange wir unsere Lampen pumpen, scheint die Schwärze um uns herum perfekt.
Es liegen wieder hausgroße Felsen auf unserem Weg, die wir umrunden müssen. Dabei wird deutlich, daß in der Tat rechts und links der felsige Boden immer steiler wird und in die Tiefe abstürzt. Es ist, als ob wir auf dem Rücken eines runden Berges gehen.
Schließlich glaube ich trotz Lampe etwas vor uns zu sehen. Wir machen wieder eine DunkelPause.
"Das ist wie TagesLicht!" sagt Irene nach einer Weile.
"Nein, es ist noch zu lichtschwach und deshalb sieht es grau aus. Aber definitiv: Es ist Licht!"
Wir pumpen die Lampen weiter. Das ist immer noch notwendig, um zu gehen. Der Rücken des Berges, auf dem wir gehen, wird steiler, dann geht es wieder eine Weile horizontal dahin. Nun ist der LichtSchimmer dauernd zu sehen, auch während unsere Lampen leuchten.
Wir erreichen eine Tiefe von tausend Meter. Allmählich werden auch die Felsen außerhalb der ReichWeite unserer Lampen sichtbar. Hoch über uns, vielleicht über zweihundert Meter, vielleicht auch nur hundert Meter, vielleicht aber auch viel mehr, sieht man ebenfalls die Umrisse gewaltigender hängender Felsen. Selbst diese schwache Beleuchtung läßt die Dimensionen dieser Höhle deutlich werden.
Dann rückt von links die Wand dieser gigantischen Höhle wieder näher. Der Abgrund zur Linken scheint sich wieder geschlossen zu haben. Bald wird der Boden wieder zusehends schräg. Unangenehm zu gehen, die Gefahr, nach rechts in die Tiefe zu stürzen wird durchaus real.
Dann aber erkenne ich die Linie des Weges, der wieder aus dem Fels herausgearbeitet ist. Das Umgebungslicht hat dazu schon mehr getan als das Licht unserer Lampen.
Der Weg ist steil, aber sehr sauber ausgeführt. Praktisch droht kaum die Gefahr, zu stolpern. Die ganze, gewaltige Höhle macht eine leichte LinksBiegung, und wenig später folgt unser Weg einem sehr steilen Abfall. Die Wände links reichen wieder bis an die HöhlenDecke, von der ich jetzt überzeugt bin, daß sie tatsächlich etwa dreihundert Meter über uns ist.
Ich lasse die DynamoLampe erlahmen. Wie gut das tut! Und die Helligkeit, die sowohl von vorne als auch aus der Tiefe heraufdiffundiert, reicht für den Weg gerade aus.
"Geht das?" fragt Irene.
"GeschmacksSache."
Sie probiert eine Weile rum. Aber schon nach wenigen weiteren hundert Metern halten wir an und packen unsere DynamoTaschenLampen in die RuckSäcke. Zum ZeitungsLesen wäre es vielleicht noch zu dunkel, aber zum Wandern auf ausgebauten Wegen reicht es.
Wirklich irritierend ist bei diesem Licht nur, daß es in seiner Menge aus der Tiefe kommt. Und es ist grau-bläulich. Naja, besser als dunkelrot - das würde an Lava denken lassen.
Wir müssen noch einmal anhalten. Die Temperatur ist inzwischen etwa zwanzig Grad, was wir allerdings nur schätzen können. Jedenfalls verschwinden weitere Pullover im Rucksack.
3.2 The Bridge of Doom
Um 18 Uhr erreichen wir in 1200 Metern Tiefe ein schwaches Rinnsal, das über den Weg läuft. Wir nutzen die Gelegenheit und ergänzen unsere FlüssigkeitsVorräte. Außerdem trinken wir soviel wie wir können. Erschöpfung durch Dehydration können wir uns nicht leisten.
Wir machen dabei die implizite ArbeitsHypothese, daß das Wasser mikrobiologisch einwandfrei ist. Es bleibt uns ja auch nichts anderes übrig.
Die FelsWand zur Linken weicht wieder zurück, und bald gehen wir wieder auf einem Grat, dessen ausgesetzteste Stellen wieder durch WegStücke ausgebaut sind. In alle Richtungen kann man jetzt hunderte von Metern weit sehen. Vielleicht sind es sogar Kilometer. Die großen HöhlenAusdehnungen in unserer MarschRichtung sind noch lichterfüllter als die bisherigen, seitlich abbiegenden Höhlen, die gähnende, turmhohe schwarze Löcher sind. Genau dort, wo der Grat uns hinführt, teilt eine gewaltige, berggroße Säule diese HöhlenWelt. Mir ist unklar, wie es dort weitergeht. Aber wir werden es ja bald sehen.
Ich habe den Eindruck, daß, je tiefer wir kommen, desto geräumiger werden diese Höhlen. Vielleicht liegt das aber auch etwas an der Beleuchtung, die jetzt eine weite ÜberSicht ermöglicht.
Der Grat wird wieder steiler, und rechts und links fallen seine Wände in alpinem WahnSinn nach unten. Es gibt wirklich nur diesen einen Weg, ob ausgebaut oder nicht. Ich habe den Eindruck, als ob diese Wände noch weit tiefer als tausend Meter von unserem jetzigen StandPunkt aus abstürzen. Wie tief denn noch?
Als wir um eine Felsnadel auf dem Grat herumgehen - der HöhenMesser zeigt inzwischen eine Tiefe von 1300 Meter an, und ich rechne eigentlich damit, daß er sehr bald kaputt gehen muß, aber er tut's einfach nicht - bleiben wir entsetzt stehen.
"Nicht schon wieder!" flüstert Irene.
Die gewaltige Säule, auf die wir zumarschiert sind, ist gar keine Säule. Sie ist ein gewaltiger Berg, der von der Höhlendecke herunterhängt.
Dieser Berg hat keine Verbindung mit dem Grat, dem wir bisher gefolgt sind. Und dieser Grat ist jetzt auch zu Ende. Etwa fünfzig Meter unter unserem StandPunkt - soweit führt noch der sich abwärts windende Pfad - geht er in eine senkrecht nach unten abfallende FelsWand über. Gelegenheit zum Abstürzen überall.
Vom Ende des Pfades hinüber zum hängenden Berg ist eine weit durchhängende HängeBrücke gespannt. Sie muß etwa zweihundert Meter überwinden. Ihre Konstruktion ist denkbar einfach: Drei Seile. Auf einem geht man, die beiden anderen bilden eine Art Geländer. In Abständen sind diese beiden GeländerSeile mit dem TretSeil durch Streben verbunden.
Ich sehe nicht, wie zuverlässig verhindert wird, daß sich diese Konstruktion zufällig verdrillen könnte, wenn man sie betritt.
Drüben, wo diese Brücke den hängenden Berg trifft, geht es auf dieselbe Art weiter. Die drei Seile bilden eine Folge von kleineren HängeBrücken, auf denen man unter dem hängenden Berg weitergehen kann. Es sieht so aus, als ob man an den AufhängeStellen den Felsen über dem eigenen Haupte berühren kann, dazwischen sich aber aufgrund des DurchHängens der TeilBrücken bis zu einigen Dutzend Metern von dem Fels entfernt. Von unserem StandOrt aus können wir diese Konstruktion über einen Kilometer verfolgen, aber ich sehe nicht, ob sie da hinten schon aufhört.
Unter der Brücke und unter dem hängenden Berg geht es viele hundert Meter in die Tiefe, zwischen den FelsNadeln da unten vielleicht auch tausende von Metern. Ich sehe nichts, wo ein endgültiger Grund ist. Irgendwo da unten kommt auch das Licht her.
Dieses ganze Bild ist so entsetzlich, daß man es nicht sogleich begreifen kann. Wir wissen ja: Wir sind soweit, daß wir nicht mehr hoffen können, auf demselben Weg zurückzukommen. Wir würden es kräftemäßig nicht schaffen, und technisch an einigen Stellen auch nicht. Es gibt nur einen Weg für uns: Vorwärts.
Hier gibt es nur ein Vorwärts: Über die Brücke.
"Sehen wir uns mal den Anfang der Brücke an." sage ich und beginne, das letzte Stück des Pfades abzusteigen.
"Du willst doch nicht etwa darüber?!" fragt Irene. Ich sehe ihr lange in die Augen.
"Ich glaube nicht, daß wir noch eine Wahl haben!"
Zögernd folgt sie mir. Nach wenigen Minuten stehen wir am Anfang der Brücke, von drei Seiten vom Abgrund umgeben.
Hier hat der unbekannte BauMeister einen Platz aus dem Felsen herausgehauen, der so groß ist, daß man da ein Auto abstellen könnte. Wahrscheinlich geschah es zu dem Zweck, die WiderLager der Seile fest in dem Felsen zu verankern. Zweihundet Meter SpannWeite ist eine ganz ordentliche IngenieurLeistung. Immerhin haben wir auf diese Weise die Möglichkeit, hier die Nacht abzuwarten. Ich möchte auf dieser Anlage keinesfalls von der Dunkelheit überrascht werden.
Die Seile selbst sind StahlSeile, gewunden und geflochten aus zahlreichen Litzen. Sie glänzen und zeigen kaum Rostansätze. Die nächsten QuerStreben kann man noch gut erkennen, weil sie etwa alle zehn Meter angewendet wurden. Es handelt sich ebenfalls um Stücke aus StahlSeilen, deren Enden gespleißt und dann um die TrageSeile geflochten worden sind.
Ich lege den RuckSack ab.
"Ich probiere mal ein paar Meter!"
"Mein Gott, Herwig!"
"Keine Angst. Ich komme gleich zurück!"
Die drei Seile bilden etwa ein gleichseitiges Dreieck von 110 Zentimeter KantenLänge. Nein, vielleicht nicht ganz, die beiden HandSeile sind näher beieinander. Diese haben einen DurchMesser von vier Zentimeter, das TretSeil von sieben. Außerdem ist das TretSeil von einigen dünnen Seilen so umwunden, daß sie eine Art Netz bilden, weil man sonst wahrscheinlich Schwierigkeiten mit der Glätte des TretSeils hätte. Es sieht halbwegs vertrauenerweckend aus.
Ich kann nicht feststellen, daß diese SeilBrücke von meinem Gewicht Kenntnis nimmt. Wahrscheinlich ist es so, daß nur eine einfache Konstruktion dieser Art, aus leichten Seilen, Schwierigkeiten macht, weil zum Beispiel das TretSeil die Neigung hat, zur jeweils anderen Seite auszuweichen als das HandSeil. Hier handelt es sich aber um tonnenschwere SeilKonstruktionen.
Ich gehe über dreißig Meter hinaus. Das scheint der schwierigere Teil zu sein, weil man am Anfang einer solchen SeilHängeBrücke immer abwärts geht. Aber die Konstruktion liegt ruhig und mein Fuß steht sicher. Sogar das Umdrehen macht wenig Schwierigkeiten. Meine Augen fokussieren sich so auf meine Füße, daß ich die Tiefe darunter nicht richtig wahrnehme. Eigentlich müßte man sich an sowas gewöhnen - der Mensch gewöhnt sich ja an alles. Beim ZurückSteigen überlege ich, ob mir die 'Brett'-artige KletterAnlage, über die wir so mühsam gestiegen sind, oder diese Brücke unangenehmer ist.
Bald stehe ich wieder neben Irene. "Es geht," sage ich, "es geht sogar gut. Wir müssen nur ausgeruht sein. Du siehst ja - keine ZwischenPause möglich für die ganze Strecke da, und wer weiß für wieviel mehr noch."
"Wollen wir hier übernachten?" fragt Irene.
"Es ist schon nach 20 Uhr. 1350 Meter tief sind wir hier, nebenbei. Ja. Wahrscheinlich sollten wir das. Obwohl ..."
"Obwohl?"
"Obwohl das Licht mit dem TagesLicht offenbar kaum etwas zu tun hat. Es verändert sich nicht."
"Was ist es dann?" fragt Irene.
"Weiß ich nicht. Ich war noch nie hier!"
Wir setzen uns und lassen die Aussicht auf uns wirken. Da ist ein ständiges, fernes, aber deutliches Rauschen in der Tiefe, und ein leichter, unregelmäßiger Wind flattert uns um unsere Nasen.
"Wir haben jetzt noch sechs belegte Brote, nicht?" überlege ich laut, "Heute hat jeder drei gegessen. Das heißt, morgen gibt's noch voll zu essen, und dann nichts mehr, oder morgen jeder zwei und übermorgen jeder eins, oder in den nächsten drei Tagen jeder eins."
"Ich glaube, das halte ich nicht aus, wenn ich weiß, daß noch etwas da ist." schüttelt Irene den Kopf.
"Also morgen zwei und übermorgen eins?"
"Schon eher."
"Irene, du weißt, wir machen eine Dummheit. Seit Tagen schon. Wir gehen immer weiter, als ob uns am Ziel etwas erwartet! Insbesondere etwas zu essen."
"Wir können doch nicht mehr zurück!"
"Schon richtig. Aber bis vor kurzem haben wir uns doch noch eingebildet, daß wir irgendwie einen anderen Ausgang aus diesem HöhlenSystem erreichen könnten. Irgendwo im Tal. Aber du siehst ja: Es geht immer weiter in die Tiefe. Jetzt schon 1350 Meter unter dem MeeresSpiegel. Das sagt nicht nur der HöhenMesser, das sagen auch unsere Knochen. Also, bis auf die Höhe von Garmisch rauf wären das über zweitausend Meter zu steigen, und bis zum Eingang der Höhle wären es schon 3400 Meter. Ja, und dazu die Schwierigkeiten auf dem Herweg. Es stimmt, wir können nicht mehr zurück. Weder auf das HöllenTalPlatt noch sonstwohin auf die ErdOberFläche."
"Du meinst, wir haben keine Hoffnung mehr?"
"So würde ich das nicht sagen. Kommt drauf an, was uns am Ende dieses Weges erwartet. Wir denken immer - oder ich denke jedenfalls so - daß der gute Zustand dieses Weges darauf hindeutet, daß dieses alles erst in jüngster Zeit erbaut worden ist. Sieh diese Seile an! Wie hat man angefangen, diese Brücke zu bauen? Zunächst gab es ja keine Brücke - wie überwindet man dann diesen Abgrund? Irene, da ist mehr dahinter als sich unsere Geologen und unsere Historiker träumen lassen. Die haben da in jüngster Zeit irgend etwas übersehen. - Oder auch in nicht so jüngster Zeit. Vielleicht gibt es hier wenig Veränderungen. Die trockene Luft - diese Seile können auch Jahrhunderte alt sein. Jahrtausende."
"Ja und?"
"Ich möchte nur, daß wir, daß du genau weißt, auf was für ein zweifelhaftes Unternehmen wir uns da eingelassen haben."
"Ist mir längst klar."
"Und du gehst weiter mit?"
"Was soll ich denn sonst tun? Ich geh mit meinem Mann. Bis zum Ende. Bis ans Ende der Welt, wenn es sein muß! Das habe ich mal dem BürgerMeister in Aying gesagt!"
"Mmhpf. Der war daran ja auch nicht besonders interessiert. - Also dir ist klar, daß wir alles auf eine Karte setzen? Die Karte, daß am Ende des Weges etwas ist, was uns nützt, zu überleben und vielleicht wieder zurückzukommen? Vielleicht ist es aber auch wirklich das Ende der Welt."
"Das ist mir alles klar. Habe ich schon gesagt."
"Gut."
Eine Weile Stille.
"Bei den sechs Broten, die wir noch haben, hast du für heute abend keine mehr eingeplant?" fragt Irene ganz plötzlich.
"Ne. Eigentlich nicht. Sind drei Brote pro Nase für heute denn nicht genug?"
"Ich habe Hunger. Außerdem bin ich glockenwach."
"Willst du damit sagen," frage ich, "daß, wenn während unseres Essens das Licht nicht dunkler wird, wir gleich wagen könnten, diese Brücke zu begehen?"
"Morgens komme ich immer so langsam in Gang!" gibt Irene zu bedenken.
"Das ist ein Argument!"
Das Brot wird ausgepackt, und es gibt eine Mahlzeit. Vielleicht eine HenkersMahlzeit. Allerdings gehen wir davon nicht aus, denn sonst würden wir gleich alles essen was noch da ist.
Während des Essens werfe ich einen Blick auf den HöhenMesser. Immer noch 1350 Meter. Ich habe die Überlegung angestellt, daß wir, während längerer Zeiten des Aufenthaltes an einem Platz eventuelle DruckSchwankungen feststellen können. Wenn ja, dann wissen wir, daß es noch mehr Verbindungen zur Oberfläche geben muß als die, die wir gekommen sind.
Langsame DruckSchwankungen, also langsames Driften der HöhenAnzeige, habe ich noch nie festgestellt. Jetzt sehe ich aber, daß der Zeiger sich ein kleines bißchen bewegt. nach einer Weile fängt er wieder in GegenRichtung an zu kriechen. Dann wieder zurück. Als ob wir unsere Höhe alle paar Minuten um 25 Meter rauf und runter verändern.
Dafür habe ich keine Erklärung. Ich zeige es Irene, aber sie glaubt nicht, eine Bewegung des Zeigers zu sehen. Ich lasse das Thema auf sich beruhen.
"Da waren's nur noch vier!" zitiere ich, als wir nach dem Essen wieder aufpacken. Es ist halb zehn, und es ist kein bißchen dunkler geworden. Also gehen wir. Ich als erster, natürlich.
3.3 FehlTritt
Es ist schon eine große Erleichterung, nicht dauernd mit der Lampe herumfuchteln zu müssen. Sonst hätten wir, so ähnlich wie auf dem Alptraum-KletterSteig, immer abwechselnd ein paar Meter gehen müssen, während der andere leuchtet.
Ein paarmal halten wir an. Es ist um so leichter, je weniger verkrampft man geht. Und das müssen wir, da wir ja lange gehen müssen.
Ich zwinge mich, in solchen Pausen in die Tiefe zu schauen. Wir müssen uns ja doch dran gewöhnen, so lang, wie diese HängeBrückenFolge sich noch vor uns hinzieht.
"Wir sind um 21 Uhr losmarschiert, nicht?" fragt Irene.
"Halb zehn ungefähr. Warum?"
"Nur so."
Sonst reden wir wenig. Ich habe im Gebirge immer etwas Angst um Irene, weil sie nicht dieselbe motorische Geschicklichkeit hat wie ich. Eine Ungeschicklichkeit, die ich an mir selbst nur bei großer Müdigkeit beobachte, und die dann sehr lästig ist.
Auch zu Hause ist diese marginale Ungeschicklichkeit bei Irene zu beobachten: Sie stolpert leichter, stößt öfter irgendwo an, läßt Dinge fallen. Das darf alles jetzt nicht sein. Ich hoffe, daß sie gerade das Maß an TodesAngst hat, das sie gerade nicht lähmt, aber immer noch jede Bewegung mitdenken läßt. Und ich hoffe natürlich auch, daß ich selbst auch in diesem Bereich des vorsichtfördernden AngstLevels bleibe.
"Weißt du, woran ich gerade denke?" frage ich.
"Nein." sagt Irene hinter mir.
"An meinen Vater. Als er noch im Dienst war, mußte er, wie alle anderen Lehrer auch, SchulAusflüge machen. Einige davon in die Alpen. Er hat immer erzählt, daß das ein AlpTraum ist, auf so viele undisziplinierte, frisch pupertierende Schüler aufpassen zu müssen. Der sollte uns hier sehen! Hier mit einer SchulKlasse entlang! Stell dir das vor!"
"Herwig, laß das!" protestiert Irene, "Wir sind hier. Das reicht mir!"
Sie stellt es sich also nicht vor. Diplomatisch halte ich den Mund.
Der größte Teil der HängeBrücke ist geschafft, es geht wieder steil bergan. Vor uns wölbt sich der hängende Berg. Je näher wir ihm kommen, desto weniger sehen wir von ihm. Einen Teil seiner FelsOberFläche sehen wir schon genau aus der Nähe. Bald schon kann ich die AufHängung der HängeBrücke erkennen.
Es sieht wie große EisenBügel aus, die in den Fels geschlagen worden sind. Diese tragen ein kurzes, gedrungenes, dickes Seil, das die eigentlichen Seile der Brücken trägt. Die EisenBügel werden durch die HalteSeile genau in der Richtung belastet, in der man auch eine Kraft ansetzen müßte, um sie rauszuziehen. Eine widerliche Vorstellung. Aber unser Gewicht ist gering, im Vergleich zum Gewicht der Brücke, und ich nehme an, daß Irene nicht solche mechanischen Betrachtungen macht.
Diese Konstruktion hat schon so lange gehalten, warum sollte sie ausgerechnet jetzt versagen?
Die Folge der kleineren HängeBrücken läßt sich genauso begehen wie die große, und die AufHängeStellen gleichen sich im wesentlichen auch. Ich staune schon darüber, wie gut diese ganze Anlage in Schuß ist. Sogar bei dem sorgfältig überwachten KletterSteig durch die HöllenTalWand kenne ich eine Stelle, an der das HalteSeil mit einem scharfen Knick durch eine ÖsenStange führt und dort immer wieder aufdröselt. Hält jemand hier diese Anlagen in Ordnung? Oder sind sie für die Ewigkeit gebaut worden?
Mir wäre die letzte Version lieber. GegenVerkehr möchte ich hier keinen haben.
Langsam driften Berge, FelsNadeln, Schluchten und Grate unter uns vorbei. Ich schätze, daß wir uns mit etwa einem Kilometer pro Stunde fortbewegen. Vielleicht auch etwas mehr - wir kommen allmählich in Übung.
Der Blick in die Tiefe wird mir immer vertrauter. Deshalb sehe ich auch als erster etwas Neues:
"Da sind Wolken!"
"Wo?"
"Unter uns! Da, in der Schlucht, die so merkwürdig verdrillte Wände hat, etwas vor uns!"
"Da gucke ich jetzt nicht hin." sagt Irene entschlossen.
"Gutgut," sage ich schnell, "ich behalte es im Auge."
"Behalt lieber im Auge, wo du hintrittst!"
"Natürlich."
Das Gespräch stirbt wieder ab. Aber je weiter wir gehen, desto mehr von dieser WolkenFläche wird sichtbar. Entweder, diese Wolken leuchten selbst, oder das Licht kommt aus einer LichtQuelle unter ihnen. Das läßt sich allerdings überhaupt nicht entscheiden.
Der wechselnde Wind wird stärker. Hauptsächlich bläßt er uns von vorne an. Es ist noch nicht so, daß es beim Gehen stört. Aber die Vorstellung, daß der Wind mit SturmesStärke uns von den Seilen herunter blasen könnte, taucht auf. Ich verdränge sie gleich wieder.
Der hängende Berg zieht sich hin. Er muß so groß sein wie eine hier überkopf aufgehängte BenediktenWand. Allerdings ist sein Scheitel runder als diese, und wir verlieren stetig an Höhe. An Stellen, wo wir den 'Abhängen' dieses Berges nahekommen, sehen wir, daß die eigentliche HöhlenDecke noch hunderte von Metern über uns ist. So abwegig ist der Vergleich mit der kopfgestellten BenediktenWand nicht.
Wir nähern uns einer mächtigen FelsSäule, die wirklich die Höhle in ihrer ganzen Höhe durchmißt. Sie verschwindet in den leuchtenden, wogenden Wolken da unten, und nach oben vereinigt sie sich mit der HöhlenDecke. Soweit die nach oben behinderte Sicht durch den hängenden Berg das zu sehen zuläßt.
Der DurchMesser dieser FelsSäule muß wohl bei zwei Kilometer liegen. Eher mehr. Der Rücken des Hängenden Berges muß kurz vor der FelsSäule irgendwo enden.
Es geht träge vorwärts. Nur langsam verändert sich die Rundung des hängenden Berges zu einer mehr gratigen und unregelmäßigen Form. Die Folge der hängenden Brücken führt jetzt seitlich am hängenden Berg entlang. An der Konstruktion ändert sich aber nichts, nur das wir bald zur Linken eine FelsWand des hängenden Berges, die uns begleitet, haben.
An einer Stelle dieser FelsWand folgt uns für einige hundert Meter ein in den Fels geschlagener Gang von der Art, wie wir ihn schon kennen: Vielleicht einen halben Meter breit und zwei Meter hoch. Offenbar wurden bei der Anlage dieses Weges alternative Konstruktionen gesucht und wieder verworfen. Hoffentlich kommt nicht noch eine Strecke, die wieder als KletterSteig ausgeführt ist, ohne Handseil! Im Moment fühle ich mich mit dieser Konstruktion eigentlich ganz wohl.
Dann denke ich daran, daß ich nichts berufen sollte: Die Erbauer der HängeBrücken könnten ja auch auf die Idee gekommen sein, eine HängeBrücke ohne HandSeile auszuführen - wissen wir, ob sie vielleicht ohne jedes SchwindelGefühl waren oder nicht? - Ich verdränge den Gedanken wieder.
Als ich mich zu genau für die Rudimente des anderen Weges in der FelsWand zur Linken interessiere, passiert es. Irgendwie ist das MaschenGeflecht um das Tretseil an der Stelle, wo ich gerade auftrete, so uneben, daß ich einen Moment den Eindruck habe, ich trete asymmetrisch auf das Seil auf. Reflexartig korrigiere ich. Dabei trete ich richtig ins Leere.
Jetzt geht alles sehr schnell. Durch die kurze Drehung des Körpers dreht sich auch der andere Fuß auf dem TretSeil, außerdem fing er gerade an, entlastet zu werden. Ich knicke im Knie ein, was aber der StandFestigkeit nicht im mindesten hilft, und mit den beiden Händen an den HandSeilen kann ich, so mit ausgestreckten Armen, mein Gewicht nicht halten. Der zweite Fuß rutscht auch vom Tretseil runter, allerdings zur anderen Seite. Hinter mir schreit Irene.
Mit aller Wucht falle ich so auf das Tretseil, daß es mir den Hoden in den Arsch rammt. Der Schmerz ist fürchterlich, instinktiv schließe ich die Beine und bemerke gleichzeitig, daß ich dabei bin, mit dem OberKörper links am TretSeil vorbeizufallen. Ein flüchtiger Eindruck der fernen FelsHänge, die da unten irgendwo in die Wolken eintauchen, huscht durch das Bildfeld. Auch meine Arme schließen sich um das TretSeil, während ich nach links unten rotiere.
Der Schmerz am Hoden ist furchtbar. Da kann man sich noch so oft sagen, daß das erstens keine unbedingt lebenswichtigen Organe sind und daß zweitens diese KörperGegend besonders gut heilt. Reflexartig öffnen sich meine Beine wieder, ohne mein Zutun. Und dann hänge ich nur noch mit den OberArmen um das TretSeil.
"Herwig, mein Gott, Herwig!" schreit Irene in den höchsten Tönen.
"Bleib stehen, bleib, wo du bist!" ächze ich. Eigentlich wollte ich schreien, aber ich erreiche nicht meine übliche LautStärke.
"Bleib stehen. Ich halte mich schon." Ob das wohl gelogen ist? Ich habe den Eindruck, daß das TretSeil sich aus meinen Armen herauswinden will. Wenn ich erst mit langen Armen hänge, dann wird es noch schwerer. Oder auch unmöglich. Mein Gott, tun mir die Eier weh. Egal, ist etwas anderes kaputt? Etwas wichtiges? Blaue Flecke habe ich verschiedene, aber die sollten jetzt nicht stören.
Erster Punkt: Ich muß mit den Beinen wieder das TretSeil umschlingen. Wenigstens mit einem. Und das mit dieser Wunde da unten! Ich versuche, zu schwingen. Wie lästig der Rucksack ist - er zieht nach unten.
Ich strampele mit den Beinen, um herauszukriegen, ob die noch funktionieren. Da treten neben dem Hoden starke Sehnen in das Becken ein, die zum Schließen der Oberschenkel notwendig sind. Ganz besonders sind die notwendig, wenn man etwas mit den Schenkeln einklammern will. Die dürfen jetzt unter keinen Umständen beschädigt sein. Allerdings sollte das bei einem Fall aus dieser geringen Höhe auch nicht geschehen sein.
Nach einigen Mühen, die Irene hilflos verfolgt, schaffe ich es. Ich mußte es einfach schaffen - ich kann Irene nicht zumuten, zuzugucken, wie ich mich vergeblich abmühe. Das ist mir völlig klar: sie kann mir nicht helfen. Sie muß sich ja selbst mit wenigstens einer Hand am HandSeil festhalten. Und mit der anderen hat sie zuwenig Kraft. Weit genug bücken dürfte auch nicht in Frage kommen. Sie würde das GleichGewicht verlieren.
Jetzt, wo ich mit einem Bein über dem TretSeil hänge, wünsche ich mir, schlafen zu können, um das alles hier zu vergessen. Egal, weitermachen. Jetzt muß ich mich auf das TretSeil heraufwinden, um dann sofort durch Absenken beider Beine an beiden Seiten des TretSeils ins GleichGewicht zu kommen.
Das HeraufWinden ist schwer. Irene könnte mir dazu einen Fuß vor die Nase stellen, aber leider steht sie auf der falschen Seite. Ist sie überhaupt noch da? Wieder eine Vision: Sie hat irgendwo helfend zugreifen wollen und ist ausgerutscht, stürzt schon längst in die Tiefe, hat jeden Schrei unterdrückt, um mich nicht zu einer Unachtsamkeit zu veranlassen.
"Irene?"
"Ja?"
"Halt dich bloß fest, ich komm schon klar!"
Sie sagt nichts. Ich komme in die gewünschte Lage. Die Dicke des TretSeiles ist da sehr hilfreich. Allerdings denke ich zu spät daran, daß ich durch das zeitweise Verdrillen des Tretseiles um mehrere Dutzend Winkelgrade Irene in die allergrößten Schwierigkeiten bringen könnte. Zum Glück ist das TretSeil so stark, daß es sich nur um sehr viel kleinere WinkelBeträge verwindet. Nun aufsetzen. Dabei werde ich wieder in das labile GleichGewicht kommen, aber das ist für einen Moment notwendig. Unangenehmer ist schon, daß ich meinen Hoden dabei erneut quetschen muß. Trotzdem kann ich aus der sitzenden Stellung mit einem raschen Griff wieder die HandSeile erreichen. Dann stehe ich auf.
"Gottseidank, Herwig, das ..." setzt Irene an.
"Mir tut alles weh," unterbreche ich, "wir müssen weiter, ja? Ich muß mich irgendwo setzen. Mir ist ganz flau."
Das stimmt, aber ich hätte das auch nicht sagen sollen. Was sollte Irene tun, wenn mir hier schlecht wird? Wir können uns hier nicht festhalten, wenn einer von uns die Kontrolle über seinen eigenen Körper vorübergehend einbüßt.
Langsam gehen wir wieder weiter, Schritt für Schritt. Konzentriert. Angst. Um mich, um Irene. Schmerzen - immer noch das Pochen zwischen den Beinen. Trotzdem: Konzentriert gehen!
Um eine Rundung der FelsWand kommend sehen wir die Säule vor uns in ihrer ganzen Größe. Gleichzeitig sehen wir, wie es weitergeht: Eine freihängende Brücke von der Art wie die ganz am Anfang. Nur ist sie noch größer: Wir müssen über dreihundert Meter überwinden und dabei etwa weitere zweihundert HöhenMeter verlieren.
Wir sehen noch etwas anderes. Das heißt, ich sehe es:
"Irene, halt dich fest!" sage ich, mit künstlich fester Stimme, um unsrere Gedanken etwas von unserer Situation abzulenken, "Da unten ist eine Burg oder eine Stadt!"
"Wo?"
"Die Säule vor uns, ganz unten am linken Rand, aus der WolkenDecke hervorragend!"
Es ist schwer zu erkennen, wegen der großen Höhe über der fraglichen Formation. Aber sie kann nicht natürlichen Ursprungs sein. Der aus dieser Höhe kleine, steile Berg ragt neben der mächtigen Säule aus dem Nebel empor. Er trägt auf seinem engen GipfelPlateau Formationen, die sich eigentlich nur als Gebäude und Mauern deuten lassen.
Außerdem wird dieser Berg mit der mächtigen FelsSäule durch einen Grat verbunden, der teilweise nicht aus den Wolken herausragt. Ich bin nicht sicher, aber es sieht so aus, als ob am burgseitigen Teil dieses Grates sich ein FahrWeg herunterwindet.
Zeichen von Bewohnern kann man nicht erkennen. Kein Feuer, kein Rauch, keine Bewegung. Menschen wären aus dieser Entfernung, also einige tausend Meter und so direkt von oben, sowieso nicht auszumachen.
"Meinst du wirklich, das ist eine Stadt?" fragt Irene. Also hat sie sich überwunden und hingeschaut.
"Es sieht jedenfalls so aus. Wie eine Burg oder eine Stadt. Mehr kann ich nicht sagen. Vielleicht, wenn wir näher kommen. Wenn wir über die Brücke da vorne gehen, dann sind wir fast genau über dieser Stadt. Wir werden sehen."
Wir gehen weiter. Nach einigen hundert Metern kommen wir an die diesseitige AufHängung der HängeBrücke, die, bis auf die Stärke ihrer technischen Ausführung, allen bisherigen BrückenAufHängungen gleicht. Am Anfang ist diese Brücke unangenehm steil, weil sie eine so weite Strecke überspannt. Es muß etwa 50 WinkelGrade abwärts gehen. Ich sehe mich nach Irene um. Wirkt sie schon übermüdet?
"Was ist?"
"Geht's noch?"
"Natürlich."
"Es ist steil."
"Das sehe ich auch."
Na, wenn sie meint. Ich trete auf die Brücke hinaus. Die Schmerzen zwischen den Beinen sind jetzt weitgehend abgeflaut. Das ist gut, denn nun wird es doch wieder etwas knifflig. Das TretSeil ist glücklicherweise gut umflochten. Auf einem blanken StahlSeil könnte man hier nicht gehen.
Irene atmet schwer. Eigentlich ein gutes Zeichen. Schlimmer wäre es, wenn sie übermüdet ihren GehStil der Steilheit der Brücke nicht genug anpassen würde. Ich sage deshalb kein Wort.
Dafür vertreibe ich mir die Zeit, auszurechnen, daß mit jedem Schritt, den wir weitergehen, die Steilheit abnimmt. Im Moment ist die Abnahme ungefähr ein WinkelGrad pro vier Meter. Mit jedem Schritt wird es leichter. Die letzten achtzig Meter der Brücke wird es wieder etwas bergauf gehen. KettenLinie - Cosinus Hyperbolicus. Das ist die Form einer hängenden Kette ohne BiegeSteifigkeit, erinnere ich mich. Helfen tut uns das natürlich gar nicht.
Mit unseren kleinen, konzentrierten Schritten kommen wir langsam vorwärts. Es kommt mir wie eine ganze Stunde vor. Wahrscheinlich ist es das auch. Ich habe keine Zeit, die Aussicht nach unten zu begutachten. Endlich trete ich mit rascheren Schritten vom Ende der Brücke runter. Sekunden später läßt Irene sich neben mir zu Boden gleiten.
Es ist eine kleine PlattForm in den Felsen geschlagen worden, so ähnlich wie die, die wir ganz am Anfang der BrückenStrecke gesehen haben. Vielleicht wurde ein natürlicher FelsVorsprung ausgenutzt, denn sonst hätte beim Bau eher eine kleine Höhle entstehen müssen. Sie ist fast genauso groß und hat einen wunderbar ebenen Boden. Gleich hinter ihrer VorderKante geht es aber kilometerweit senkrecht abwärts, und den hängenden Berg, den wir jetzt von einer tieferen Position umfassender sehen können, kann man nur über diese unmöglich steil werdende Brücke erreichen. Vor Tagen noch hätte ich niemandem, der mir Bilder von dieser Gegend gezeigt hätte, abgenommen, daß wir eine solche Konstruktion besteigen würden. Aber vor Tagen hätte ich die Existenz einer solchen Gegend auch überhaupt nicht geglaubt. Tue ich das jetzt? Vielleicht ist das alles nur ein Traum. 'Life is a dream, a little more coherent than most', heißt es, irgendwo. Einen prinzipiellen, objektiven Unterschied im subjektiven Erleben eines Traumes und der Wirklichkeit gibt es nicht. Vielleicht bis auf starke Schmerzen. Schmerzen träumt man eigentlich nicht. Ist mir jedenfalls noch nie passiert. Aber daß wir, wie die WahnSinnigen, immer weiter in diese AlpTraumWelt hinabsteigen, spricht das nicht für einen Traum?
Zeit und HöhenMesser. Der HöhenMesser meint, daß wir 1900 Meter unter dem MeeresSpiegel sind, und die Uhr sagt, daß es 2 Uhr nach MitterNacht ist - also schon Dienstag. Wir sind zeitlich ganz schön aus dem Tritt geraten. Aber wenigstens haben wir ganz ordentlich etwas geschafft.
"Hier übernachten wir!" stelle ich fest. Ich glaube nicht, daß Irene mir eine andere Wahl gelassen hätte. Wir packen uns und unsere Sachen weit von der AußenKante entfernt an die FelsWand. Die unveränderte Beleuchtung hindert uns nicht, eng aneinandergeklammert einzuschlafen. Zuvor jedoch untersuche ich mich auf Verletzungen. Der Hoden scheint geschwollen, aber die gering gewordenen Schmerzen geben Anlaß zu Optimismus. Erst, als ich keine wesentlichen Verletzungen finde, sondern nur Abschürfungen und HautVerfärbungen, bin ich beruhigt genug, um einzuschlafen.
Noch im HalbSchlaf spüre ich, wie Irene immer wieder zusammenzuckt. Der zweite Teil der Wanderung: Die geträumten Abgründe. Und in die fällt man gelegentlich wirklich rein. Wird mir gleich auch so gehen.
Diese Nacht werde ich wahrscheinlich häufiger zusammenzucken.
******** 004. Tag: Dienstag 1995-08-22 ********
4.1 HöllenLeiter
15 Uhr ist es, als ich aufwache. Das muß man dieser Umgebung lassen: Es gibt wenig Störungen. 'Paradiesische Ruhe' würde man es unter anderen Umständen nennen.
Irene schläft noch. Um meine Gedanken von den vier vermutlich etwas vertrockneten belegten Broten, die noch da sind, abzulenken, erkunde ich ein bißchen die Umgebung. Das bringt die Muskeln auch wieder in das Stadium der Brauchbarkeit, nach den 13 Stunden Schlaf auf dem unebenen, felsigen UnterGrund.
Ich habe schnell rausgefunden, wo es weitergeht: eine senkrechte SteigLeiter nach unten. Es handelt sich um genau dieselbe Konstruktion, die in vielen KletterSteigen der Alpen verwendet wird: Massive EisenBügel, die mit ihren beiden Enden in den Fels eingepaßt sind. Diese hier sind etwa dreißig Zentimeter übereinander angeordnet und jeder Bügel ist etwa ebenso breit. Stabil und zuverlässig sieht es ja aus. Aber man hat einige Kilometer Luft unter dem Arsch, das läßt sich nicht wegdiskutieren! Und wieweit diese Leiter in die Tiefe geht, das läßt sich von hier aus auch nicht ausmachen. Das heißt also, daß wir schlimmstenfalls damit rechnen müssen, daß wir einige tausend Meter darauf absteigen müssen, bis zur nächsten Gelegenheit, wo man mit den Händen wieder einmal etwas anderes machen kann als sich irgendwo festzuhalten.
Arme Irene. Wie kann ich es dir nur ersparen? Noch schläft sie und weiß nichts von der neuen AngstTour. Armer Herwig. Dir würde ich es auch gerne ersparen. Wenigstens kann man sich beim EinStieg von oben in die Leiter am TretSeil der Brücke festhalten. Sonst wäre das Turnen über die Kante doch eine sehr wackelige Angelegenheit.
Je nach Länge der Leiter ist da nicht nur die Gefahr, daß die Nerven nicht mehr mitspielen, sondern auch ganz konkret die Möglichkeit, daß die ArmMuskeln nicht mehr mitmachen. Dieselben haben wir zwar in den letzten Tagen des öfteren geübt, aber wie wir uns im LeiterSteigen über hunderte von Metern machen, das wissen wir nicht. Da ist es auch kein Trost, daß eine Leiter wie diese bloß dem alpinen SchwierigkeitsGrad 1 oder noch weniger entspricht.
Die Burg oder die Stadt zeigt aus dieser Perspektive immer noch keine neuen Einzelheiten und auch nicht die Spur von LebeWesen. Allerdings stelle ich etwas anderes fest: als ich etwas in die Weite gucke, vorbei an anderen FelsSäulen ähnlich der, an der wir uns jetzt befinden, weit in die Höhlen hinein, die sich dem Blick um so weiter öffnen, je tiefer wir kommen, stelle ich fest, daß auf einigen der BergGipfel, die gerade aus den Wolken unter uns ragen, dunkelgrüne Flecken zu kleben scheinen, und ebensolche dort, wo die Säulen, die die Höhle der ganzen Höhe nach durchmessen, die Wolken durchstoßen. Sind das Pflanzen? Sind das gar ganze Wälder? Von hier aus kann man den Unterschied noch nicht feststellen. Wir werden jedenfalls noch einige Kilometer an Höhe verlieren müssen, bevor wir das herauskriegen.
Überhaupt, wenn ich die GrößenOrdnungen jetzt richtig zusammenschätze, dann sehe ich von diesem Platz stellenweise fünfzehn oder zwanzig Kilometer weit. Bei einer Höhle von dieser GrößenOrdnung ist natürlich Wetter zu erwarten, thermodynamisch wahrscheinlich in Gang gesetzt durch die Hitze des ErdInnern. Das erklärt zwar noch nicht das permanente Licht, das aus den Wolken oder von darunter kommt, aber ich kann ja nicht erwarten, daß mir alle Erklärungen nur so zufliegen. Daß wir diese Höhle überhaupt jetzt kennen ist ja schon mehr als jeder andere lebende Mensch weiß. Vermutlich.
Wenn wir irgendwann wieder Zeit haben sollten, in Ruhe nachdenken zu können, dann müßte man mal alle Überlieferungen der Menschheit auf Hinweise auf diese Höhle abklopfen.
Irene rührt sich. Ich bleibe ganz still. Sie soll so lange schlafen wie sie nur irgend kann. Das einzige, das ich ihr noch bieten kann.
Der HöhenMesser zeigt immer noch exakt 1900 Meter Tiefe an. Langfristige DruckSchwankungen scheint es nicht zu geben. Aber ein paarmal glaube ich wieder, ein leichtes Schwanken der Nadel zu erkennen, sogar, als ich das Gerät auf den FelsBoden lege.
"Muß ich schon aufstehen?"
"Nein," sage ich zu einer aus nur einem Auge blinzelnden Irene, "mußt du nicht. Wir haben jede Menge Zeit. Schlaf noch."
Sie bringt es aber nicht fertig, wieder einzuschlafen. Bald schon ist sie bei der MorgenToilette. Soweit man ohne Wasser davon reden kann. Es sieht so aus, als ob sie sich ganz absichtlich nicht dafür interessiert, wie es weitergeht, weil ihr UnterBewußtsein oder ihre Erinnerung an das, was wir von der Brücke aus schon gesehen haben, sie davon abhält.
Zwei der belegten Brote werden ohne Diskussionen verspeist. Nur satt werden wir davon nicht. Und es sind nur noch zwei weitere da.
"Was haben wir sonst noch?" frage ich.
"Äpfel sind schon alle weg. Wasser ..."
"Wasser ist genug da," sage ich, "aus dem Bach, an dem wir vorbeigekommen sind. Nahrung wird knapp, das ist es."
Allmählich interessiert sie sich für die Aussicht.
"Ich habe Spuren von PflanzenWuchs da unten gesehen - wahrscheinlich. Vielleicht bekommen wir da etwas zu essen." Mein dünner Versuch, sie aufzumuntern.
"Ich habe aber jetzt Hunger!"
Eigentlich sollte man bei Kräften sein, wenn man einen solchen KletterSteig angeht wie den, der uns gleich erwartet. Und auch zwei Brote im Magen wären noch nicht soviel, daß das ZusammenZiehen von Blut im Gedärm durch die VerdauungsArbeit in anderen KörperTeilen schon Schwierigkeiten durch BlutMangel macht. Ich stelle fest, ich suche schon Argumente, gleich alles aufzuessen.
"Es sind die letzten zwei Brote, Irene!"
"Ich weiß."
Sie sieht die Stelle an der FelsKante an, hinter der der KletterSteig losgeht. Weiß sie das auch?
"Es wird jetzt grauenhaft." sage ich leise.
"Ich weiß."
"Dann," sage ich, "essen wir diese zwei Brote. Wir werden alle Kräfte brauchen."
Während wir, dicht aneinandergedrängt sitzend, diese Brote essen, denke ich an das, was wir auch alles nicht mehr erleben können, wenn dies unsere letzte MahlZeit sein sollte. Mein Büro in der Firma. Unsere Wohnung. Die langen, einsamen WaldLäufe in den Wäldern um Aying. Meine Bücher, die gelesenen und die ungelesenen. Die Münchner S-Bahn. Die Besoffenen vom OktoberFest, über die man in der S-Bahn in manchen JahresZeiten gelegentlich stolpert. Die unabsichtlichen Versprecher in den TagesThemen und die absichtlichen Ausflüchte von direkt und konkret befragten Politikern. Und, und, und. Was so die Welt ausmacht, in der man lebt.
Aber warum solche Gedanken, wir haben doch schon so viel geschafft? War alles andere einfacher? Der erste KletterSteig, bei dem man sich weder mit den Händen festhalten konnte noch genau wußte, wie tief es nun tatsächlich hinuntergeht. Eigentlich war der ja viel schlimmer. Und auf der Brücke hätten wir uns auch keinen SchwächeAnfall leisten können.
Wir laden auf. "Höchstens zehntausend solche Stufen," sage ich, "mehr können es eigentlich sein, weil wir dann auf das Niveau der Wolken da unten kommen. Wahrscheinlich sind es aber viel weniger - die Erbauer müssen eine Physiologie haben, die der unsrigen ähnlich ist. Ewig lange Leitern zu klettern hat ihnen sicher auch Schwierigkeiten gemacht."
"Erzähl mir nichts von zehntausend Stufen!" Irene wird sauer. Das kommt bei ihr häufiger vor, daß sie auf die Konfrontation mit der Wirklichkeit mit versuchter Verdrängung und schlechter Laune reagiert.
Ich lasse das Thema sein und beginne, auf die Leiter zu steigen. Die Aussicht ignoriere ich von nun an. In der Tat, bei den ersten Stufen das TretSeil der Brücke noch als Griff verwenden zu können erleichtert die Sache ungemein. Auch Irene schafft diese Stelle, während ich, unter ihr stehend, ihr Anweisungen gebe.
Wie gut, daß die RuckSäcke nicht mehr ganz so schwer sind wie zu Beginn des AusFluges. Trotzdem versucht ihr Gewicht, uns von der Leiter abzuhebeln. Ich überlege mir, daß man jetzt eigentlich eine MaximierungsAufgabe zu lösen hätte: Die Kraft des FestHaltens an den EisenSprossen gerade eben so groß halten, daß der Griff sich nicht löst und die UnterArmMuskeln nicht durch überflüssig viel Kraft frühzeitig ermüdet werden.
Allerdings lasse ich durch solche Überlegungen mich nicht von einem festen Griff abbringen. Erstens weiß ich, daß ich, wenn sich Zeichen der MuskelErmüdung zeigen sollten, noch ein paar Übungen aus der Zeit meines KraftTrainings kenne, die die Muskeln wieder geschmeidig machen und weitere Belastung ermöglichen. Zweitens habe ich schon erfahren, daß man sich enorm lange festhalten kann, wenn man nur muß. Das war zum Beispiel so, als ich das erste Mal mit einem Kollegen den KletterSteig in der HöllenTalWand durchstiegen habe. Das war damals meine erste richtige ZugSpitz-Besteigung, und ich war der naiven Ansicht, daß mit der Überwindung des 'Bretts' schon alle Schwierigkeiten vorbei waren. Weit gefehlt, die HöllenTalWand erforderte noch einmal drei Stunden konzentrierte KletterArbeit, auf die ich weder psychisch noch körperlich vorbereitet war. Zu dem ZeitPunkt hatte ich schon seit langem kein KraftTraining mehr gemacht, und die ungewohnte Höhe versetzte mich die ganze Zeit in eine Art leichte Panik. Dem Kollegen, mit dem ich wanderte, ging es nicht anders.
Jedenfalls hielt ich mich die ganze Zeit an dem Seil, das den KletterSteig durch die HöllenTalWand in seiner ganzen Länge nach sichert, zu krampfhaft fest. Trotzdem hatte ich bis zum Schluß nicht das Gefühl, wegen zunehmender Erlahmung der ArmMuskeln loslassen zu müssen. Deshalb nehme ich an, daß ich auch jetzt wenigstens drei Stunden diese Leiter hinabsteigen kann. Drei Stunden, alle drei Sekunden eine Sprosse, das macht einen Kilometer HöhenUnterschied. Wenn der KletterSteig allerdings bis dahin nicht zu Ende ist, dann können es auch zehn Stunden werden, bis wir das Niveau der Wolken erreicht haben. Vielleicht wird in den letzten Stunden nur noch die TodesAngst die Kraft zum FestHalten geben. Vielleicht geht's, vielleicht geht's auch nicht.
Und wie lange wird Irene durchhalten?
Während unseres gleichmäßigen Absteigens habe ich Gelegenheit, die EisenBügel genauer zu betrachten. Sie sind aus einem VierKanteisen mit quadratischem QuerSchnitt mit drei Zentimeter KantenLänge gefertigt. Die Enden des Bügels biegen sich erst nach oben und dann in Richtung Fels, in dem sie in einem millimetergenauen Loch eingepaßt sind. Das ist fast das merkwürdigste: Ein genau quadratisches Loch mit drei Zentimetern Durchmesser und wer weiß welcher Tiefe herzustellen ist nicht einfach. Ein rotierender Bohrer kann es nicht gewesen sein, und auch bei genauem Hinsehen gibt es kein Hinweis, daß eigentlich ein größeres Loch gebohrt wurde und dann mit einer Art Beton oder Mörtel der Bügel eingepaßt wurde.
Allerdings kann ich nicht anhalten, weil sonst Irene mir auf die Finger steigt. Das wäre noch auszuhalten, aber ich will nicht, daß sie vor Schreck losläßt.
Wir steigen lange Zeit weiter ab, ohne ein Wort zu sagen. Konzentrieren, auf jede einzelne Sprosse konzentrieren. Die Idee, die Stufen mitzuzählen, habe ich gleich zu Anfang aufgegeben. Ich will mich lieber auf die Kletterei konzentrieren.
Gelegentlich werfe ich einen Blick in die Höhe, an Irene vorbei. Die Brücke ist gegen die vergleichsweise dunkle HöhlenDecke kaum noch zu erkennen, den Hängenden Berg kann man jetzt auch in seiner vollen Länge sehen, wenn man den Kopf weit in den Nacken legt, was ich jetzt nicht tue.
Die Leiter dreht sich, weil wir die Seite einer vorspringenden Kante erreicht haben. An dieser entlang geht es weiter in die Tiefe. Aus den AugenWinkeln sehe ich unter uns irgendeine neue Formation. Ich sehe nicht genau hin, weil ich mein KletterTempo nicht verändern will. Aber es sieht so aus, als ob wir uns von oben einer PlattForm nähern. Wäre das schön, wenn das wahr wäre!
Es ist wahr. Die FelsWand bildet allmählich eine mehrere Meter durchmessende Rinne, die bald schon Zeichen von künstlicher Bearbeitung zeigt. Dann sind wir nur noch hundertfünfzig Meter über der PlattForm.
Jetzt hat auch Irene etwas gemerkt: "Ist da unten etwas?" ruft sie zu mir herunter.
"Ja. Noch zweihundert Meter, dann haben wir es geschafft." Besser etwas übertreiben.
Ein paar Minuten später ist es soweit. Vorsichtig räuspere ich mich, damit Irene sich nicht erschreckt. Inzwischen hat die PlattForm sich zwar zwischen uns und die Tiefe geschoben, aber auch ein Absturz aus einigen Dutzend Metern Höhe auf einen felsigen UnterGrund ist immer noch fatal, auch wenn es nach der Gewöhnung an hundertfache HöhenUnterschiede nicht mehr gefährlich aussieht.
"Noch zwanzig Meter," sage ich, "langsam!"
Fast zwei Minuten später stehe ich auf ebenen FelsBoden. Als Irene neben mir die letzten Sprossen heruntersteigt, zuckt sie einen Moment zusammen, als sie mich hinter ihr bemerkt. Bis vor kurzem hätte ich, um diese relative Position einzunehmen, hinter ihr in der Luft schweben müssen.
"Hinsetzen! Ausruhen!" befehle ich. Das darf ich, weil sie genau das sowieso vorhat. Ich selbst will mich erstmal orientieren.
4.2 Fahrweg
2400 Meter Tiefe, sagt der HöhenMesser, und einige Minuten vor 19 Uhr, sagt die Uhr. Wir waren etwa zwei Stunden auf der Leiter und haben 500 Meter überwunden.
Die PlattForm ist groß, etwa zehn Meter im DurchMesser, und sie liegt in einer entsprechend großen Höhle, die offenbar genau für diesen Zweck in den Fels geschlagen ist.
Zum Abgrund hin ist sie von einer mit Zinnen bewehrten Mauer begrenzt. Auch diese Mauer ist aus dem Fels herausgearbeitet worden. Sie ist etwa dreißig Zentimeter dick, zwischen den Zinnen dreißig Zentimeter hoch, an den Zinnen sind es sechzig Zentimeter. Sowohl die Zinnen als auch die Lücken dazwischen sind dreißig Zentimeter breit. Allmählich fällt mir auf, daß das Längenmaß dreißig Zentimeter häufig auftaucht - der KletterSteig war auch in ganzzahligen Vielfachen dieser Maße konstruiert. Ich erinnere mich an die alte LängenMaßEinheit 'Fuß'. Das ist ungefähr genauso viel. Ob da ein Zusammenhang ist?
Wenn man vor der Mauer steht und hinaus in die Tiefe schaut, dann ist der KletterSteig, auf dem wir hierher gekommen sind, zur Linken. Zur Rechten öffnet sich in der Wand dieser Höhlung ein Loch von drei Metern Breite und drei Metern Höhe.
"Ein FahrWeg!" sagte ich, "guck es dir an!"
"Na und?" fragt Irene.
"Na und? das heißt, keine Klettereien mehr!"
Das ist jedenfalls eine plausible Vermutung. Der FahrWeg geht allerdings steil nach unten, gerade noch, daß ein FußGänger keine Stufen braucht. Und der Boden ist auch nicht direkt eben zu nennen, was allerdings für einen FußGänger, der aufpaßt, wo er die Füße hinsetzt, wieder ein deutlicher Vorteil ist, weil er immer Stellen finden kann, die weniger abschüssig sind als das durchschnittliche Gefälle des FahrWeges. Mit einem GeländeFahrzeug könnte man diesen Weg durchaus befahren, wenn auch langsam und vorsichtig. Ein normaler PKW würde wohl schon bald auseinanderfallen.
Der FahrWeg führt nicht ins Dunkle. Man sieht in etwa achtzig oder hundert Metern Entfernung ein großes Loch in der FelsWand, das wieder Licht von außen hereinläßt. Dieses Loch ist auch mit einer ZinnenMauer gegen den Abgrund bewehrt. Zweihundert Meter weiter ist noch so ein Loch, und noch weiter hinten läßt ein LichtSchein weitere solche Löcher vermuten. Allerdings kann man soweit nicht mehr sehen, weil der Tunnel des FahrWeges sich biegt. Offenbar ist der Fahrweg ständig in einem Tunnel, der nur wenige Meter von der AußenWand entfernt durch den Fels führt.
Vorsichtig beuge ich mich über die ZinneWand vor der PlattForm. Fast genau unter uns, aber immer noch schwindelerregend tief, sieht man immer noch die Burg. Es sind kaum mehr Einzelheiten sichtbar, und immer noch bewegt sich nichts.
Der VerbindungsGrat zu unserer FelsSäule ist jetzt vollständig unter den Wolken verschwunden, als ob die OberGrenze der Wolken angestiegen ist. Sonst hat sich nichts verändert.
In der Höhe, hinter dem Hängenden Berg, kann man jetzt den Grat erkennen, wo die Brücke begann. Von der Brücke selber ist dort nichts mehr zu sehen - auf die Entfernung heben sich die Seile nicht mehr von dem dunklen, felsigen HinterGrund ab, wenn man nicht genau weiß, wo man hinschauen muß. Was man dafür jetzt allerdings gut überblicken kann ist die endlose Länge des Steilabfalles unter dem GratEnde, wo die Brücke ihren Ausgang nimmt.
"Ich denke, wir werden jetzt rasch vorwärts kommen. Dann finden wir vielleicht auch bald etwas zu essen!" sage ich, um Irene aufzumuntern. Das mit dem 'zu essen finden' ist eine taktische Vermutung. Aber sie wirkt. Irene blickt sich jetzt aufmerksamer um, allerdings noch ohne aufzustehen.
"Das sieht ja aus wie eine Burg!" sagt sie und deutet auf die Zinnen.
"Ja," sage ich, "aber wohl zu einem anderen Zweck. Zinnen auf einer mittelalterlichen Burg, zum Beispiel, waren DeckungsMöglichkeiten für BogenSchützen. Aber wer sollte hier von da draußen angreifen? Da müßte man fliegen können! Und warum sollte man diesen Platz angreifen?"
"Vielleicht können sie fliegen?"
Da hat sie nun auch wieder recht. Was wissen wir über die LebeWesen in dieser UnterWelt? Wir haben ja noch gar keine zu Gesicht bekommen. Vielleicht sollte ich nicht so viele Erklärungen über Dinge, die ich selbst nur mehr oder weniger plausibel vermuten kann, geben - aber die Aussicht, von jetzt an vergleichsweise bequem marschieren zu können heitert mich auf.
"Auf, den reich gedeckten Tischen entgegen - wenn es denn da unten irgendwo welche gibt." Das sage ich nicht ganz selbstlos, weil ich auch schon wieder einen Knoten im Magen spüre. Ich weiß, daß ich viel MagenSäure habe. Das macht sich unangenehm bemerkbar, wenn nichts drin ist im Magen.
Irene steht endlich auf, und wir marschieren los, den Fahrweg hinab. Einen anderen Weg gibt es ja nicht. Aber es ist köstlich, sich bewegen zu können, ohne nicht in jeder Sekunde von einem Absturz in endlose Tiefen bedroht zu sein.
Der FahrWeg ist so, wie er am Anfang ausgesehen hat: steil, holprig, und alle hundert Meter ein drei Meter durchmessendes Loch in der Wand. An diesen Stellen sieht man, daß immer etwa zwei Meter Fels zwischen der Wand des FahrWegTunnels und der AußenWand der FelsSäule sind.
Die LichtMenge, das durch diese Löcher hereinfällt, ist nicht übertrieben reichhaltig. Zwischen den Löchern muß man die Unebenheiten des FahrWeges schon mehr erraten als sehen, und man tut gut daran, nicht durch die Löcher, wenn man eines passiert, hinauszusehen, damit man nicht wieder für einige Dutzend Meter geblendet ist.
Nach vielleicht siebenhundert Metern Marsch kommen wir an eine Kehre, und von da an sind die Öffnungen nicht mehr zur Linken, sondern zur Rechten des FahrWeges. Nach noch einem Kilometer gibt es wieder eine Kehre.
Wir kommen gut voran, abgesehen von gelegentlichem Stolpern in den dunkleren Abschnitten des TunnelFahrWeges zwischen den Fenstern. Dann erreichen wir einen StreckenAbschnitt von einigen hundert Metern, wo der FahrWeg völlig im Freien ist. Auf einer Seite gehen die Felsen senkrecht oder sogar leicht überhängend hoch, und auf der anderen Seite, hinter der Zinnenmauer, senkrecht nach unten.
Um 21 Uhr sind wir in einer Tiefe von 3200 Metern. Wir passieren eine Stelle, wo der FahrWeg sich aus unbekannten Gründen zu einer PlattForm von zehn Metern Breite und vierzig Metern Länge ausweitet. Diese PlattForm ist auch völlig eben. Danach ist der FahrWeg so steil wie vorher.
Mangels anderer Alternativen marschieren wir weiter. Das geht jetzt eigentlich gut und schnell. Um 23 Uhr erreichen wir eine Tiefe von 4000 Metern. Das heißt, der HöhenMesser hat sich jetzt einmal überschlagen. Das muß man in Zukunft beim Ablesen berücksichtigen.
******** 005. Tag: Mittwoch 1995-08-23 ********
5.1 Die Tote Stadt
Mitternacht. 4400 Meter Tiefe. Wir sind an einer längeren, offenen Stelle des FahrWeges angekommen. Nach jetzt fünf Stunden Marsch, in denen wir weitere 2000 Meter abgestiegen sind, haben wir uns eine hungrige RuhePause verdient. Wir setzen uns in die ZinnenLücken der AußenMauer.
Die verlassene Stadt ist jetzt genauer und aus einer besseren Perspektive zu sehen. Der spitze Felsen, auf dem sie steht, dürfte etwa einen DurchMesser von bloß 200 Metern haben, und er befindet sich in einer Entfernung von etwa dreihundert Metern von unserer FelsSäule. Die Gebäude der Stadt oder der Burg sind eng und hoch gebaut, die Gassen zwischen den Gebäuden so schmal, daß man von unserer Position nicht mehr alle einsehen kann.
Die Gebäude haben Fenster, wie man das eigentlich auch erwartet. Allerdings scheinen die Fenster sehr unregelmäßig in die Mauern eingebrochen worden zu sein. Jedenfalls kann man von außerhalb eines Gebäudes nicht auf eine eventuelle systematische StockwerkStruktur schließen.
"Eigentlich," sage ich, "dachte ich daran, diese Burg zu inspizieren. Aber jetzt denke ich, daß wir uns erstmal um etwas zu Futtern kümmern sollten."
Irene nickt Zustimmung.
"Außerdem," fahre ich fort, "haben wir in dem Punkt vielleicht sowieso keine Wahl. Wir gehen dahin, wo dieser Weg uns hinführt."
Irene nickt wieder. Mal sehen, ob wir das noch ein drittes Mal zustande bringen.
"Am besten, wir brechen alsbald wieder auf."
Die Zustimmung fällt dieses Mal nicht so deutlich aus. Eigentlich kann man sagen, daß die Zustimmung sogar ganz ausfällt.
"Irgendwann müssen wir weiter." gebe ich zu bedenken.
"Aber ein paar Minuten können wir doch noch sitzen bleiben!" bittet Irene.
"Natürlich." Solange es nur diese Bitte ist. Die kann man immer noch erfüllen. Aber was ist, wenn sie mich wider besseres Wissen um etwas zu Essen bittet, oder ich sie? Wenn wir uns anschreien, weil wir keine Brote auf der flachen Hand wachsen lassen können? Und wenn wir dann sogar zum Anschreien zu schwach sind?
Egal. Ich habe Vegetation gesehen. Rede ich mir ein. Organische Materie. Irgendwas kann man verdauen, und wenn es Gras, Moos oder BaumRinde ist. Der Mensch ist ein AllesFresser. Wenn es hier Leben gibt, dann werden wir essen. Es ist nur eben die Frage, ob wir eher etwas Giftiges oder etwas Nahrhaftes finden.
Ich erinnere mich an alte Geschichten von Menschen in der ZwangsSituation des Hungers. Fragmente eines alten Liedes kommen mir in den Sinn:
Man warf das Los, um festzustellen,
Wen man am besten schlachtete ...
Das Los fiel auf den kleinen Moses,
Der fing gleich an mit Ach und Jeh.
Der Mensch, reduziert auf seine Rolle als Kalorien- und Protein-Depot. Eine andere Geschichte von John Wyndham: Survival. Eine hoffnungslose Notsituation auf einem RaumSchiff, das havariert um den Mars kreist. Ich erinnere mich: Als die Rettung nach Jahren eintrifft, ist nur noch eine Frau mit ihrem Baby am Leben. Die Retter finden abgenagte, menschliche Knochen, die durch die Räume des Schiffes treiben ...
Soweit sind wir noch nicht. Hungern kann man wochenlang. Wenn es sein muß. Und wir werden vorher etwas finden.
Die Minuten vergehen. Es ist im Moment völlig windstill. Ich glaube ein paarmal, fernen Donner zu hören, der an- und abschwillt. Außerdem ist da plötzlich ein langgezogener, klagender Schrei, der aus großer Ferne ganz schwach zu uns dringt. Ich sehe Irene an. Hat sie es gehört? Sie läßt es nicht erkennen, und ich horche weiter. Mir ist, als sei da immer ein flacher, fast lautloser HinterGrund von Stimmen, Schreien, Kreischen. Oder ist es in meinen Ohren? Das Blut in den Gefäßen des Kopfes, die aktivierten Neuronen, die die schwächsten Signale auswerten sollen - vielleicht nimmt man dan Signale wahr, die gar nicht da sind, oder Signalem die objektiv die HörSchwelle nicht überschreiten.
Die Pause dauert fast eine Stunde. Um 1 Uhr machen wir uns wieder auf den Weg.
Nun ändert sich etwas. Die bisher über Tausende von Metern völlig steilen Wände der FelsSäule flachen geringfügig ab. Das hat zur Folge, daß von nun an der FahrWeg praktisch ständig nicht mehr in einem Tunnel, sondern außen wie eine normale Straße in den Bergen am Hang geführt wird. Zum Marschieren ist das wegen der besseren Beleuchtung auch angenehmer. Nur an den Kehren des FahrWeges, die wir schon längst nicht mehr mitzählen, sind gelegentlich noch kurze TunnelStücke gebaut worden.
Um 2 Uhr erreichen wir in 4800 Metern Tiefe die Höhe der höchsten Gebäude der Stadt. Die Perspektive, die sich nun von Minute zu Minute ändert, bringt leider keine neuen Erkenntnisse. Immer noch sieht die Stadt völlig tot aus, auch, wenn wir nun und schon seit einiger Zeit das Gefühl haben, beobachtet zu werden. Das hat man in einer solchen Situation wohl immer. Ich erinnere mich an unseren Urlaub auf Lanzarote, wo wir an verlassenen städtebaulichen Projekten vorbeigekommen sind. Da war zum Beispiel das 'Atlante del Sol'-Projekt, ein großer RohBauKomplex an der SüdWestKüste der Insel, der wohl eigentlich einmal eine HotelAnlage werden sollte. Überall sah man Zeichen des Verfalls, aber auch Zeichen einer vorübergehenden Nutzung durch Menschen, die sich in den unteren Räumen eine provisorische Unterkunft gebaut hatten. Wir hatten keine Menschen gesehen. Aber auch dort haben wir uns überall beobachtet gefühlt.
Ich inspiziere den Grat zwischen der Stadt und uns genauer. Der stark gewundene FahrWeg drüben, der ebenfalls an fast senkrechten FelsWänden unter der Stadt gebaut worden ist, verschwindet nach unten in der Wolkenoberfläche. Wir wissen nicht, ob es sich um unseren FahrWeg handelt, oder ob er von dem unserem abzweigt, oder ob es eventuell überhaupt keine Verbindung zwischen unserem und jenem Weg dort gibt. Auf jeden Fall ist der Grat zwischen der Stadt und unserer FelsSäule immer noch weit unter der WolkenOberGrenze - es sieht so aus, als müßte man, um die Stadt zu verlassen, wenigstens fünfhundert HöhenMeter opfern.
Seit geraumer Zeit ist die Stadt nun zu unserer Linken. Es gibt keine Kehren mehr, und so fällt die Stadt allmählich deutlich hinter uns zurück. Jetzt, wo ihre Zinnen und Türme uns um einiges überragen, sieht sie bedrohlicher aus als vorher. Aber es gibt nach wie vor keine Anzeichen irgendeines LebeWesens.
5.2 NahrungsSuche und ÄtzBeeren
Unser FahrWeg führt uns jetzt also im UhrZeigerSinn um unsere FelsSäule herum. Es ist, als ob wir uns auf ein weißes, wogendes Meer zu bewegen.
Kurz nach 2 Uhr entdecke ich einen dunkelgrünen Fleck am WegesRand.
"Sieh mal!" rufe ich Irene zu, "Was meinst du: ist das Moos? Oder irgendeine Flechte?"
Unsere Kenntnisse in Biologie sind leider nicht so grundlegend, daß wir das beantworten könnten. Aber es ist etwas Lebendes, da bin ich sicher. Schon nach kurzer Zeit mehren sich diese Flechten.
Außerdem hören wir nun definitiv das Kreischen von Vögeln, auch, wenn wir noch keine sehen. Es wird um so lauter, je weiter wir kommen.
Um 2:30 Uhr erreichen wir eine Tiefe von 5000 Metern. Die OberGrenze der Wolken ist erreicht. NebelSchwaden fliegen an uns vorbei, dichter und dichter. Nach einigen Minuten ist die AusSicht verschwunden. Nun könnte dieses eine FahrWeg irgendwo auf der OberFläche der Erde sein, während eines nebeligen Tages.
Die Luft wird feucht. Genaugenommen wird es schwül. Außerdem wird der Felsen immer flacher, und die ArtenVielfalt des PflanzenWuchses nimmt rasch zu. Moose, Grase, gelegentlich sogar kleine Büsche. Dann, als der FelsenBoden in einen erdbedeckten Hang übergeht, sind wir innerhalb weniger Dutzend Meter vollständig in der VegetationsZone. Auch die ZinnenMauer zum AußenHang, die den Weg bis jetzt begleitet hat - seit einigen hundert Metern schon gemauert und nicht mehr aus dem Fels herausgeschlagen - verschwindet. Dafür gibt es jetzt rechts und links des Weges zugewachsene Gräben, und der Weg wird ebener und leichter zu begehen. Er ist jetzt mit SteinPlatten belegt. Wäre er das nicht, dann wäre er wohl auch schon zugewachsen. Zwischen den Ritzen der SteinPlatten drängen sich kraut- und grasartige Pflanzen heraus. Nichts deutet darauf hin, daß dieser Weg häufig benutzt wird. Aber sollte ein solcher Weg trotz dieser SteinPlatten nicht eigentlich wenigstens dann vollständig zuwachsen, wenn er überhaupt nicht benutzt wird?
Wir sehen uns in dem uns nun umgebenden BuschWerk um. Keine Pflanze, die uns bekannt wäre. Büsche, vereinzelte Bäume, Farben und Formen, alles ist fremdartig. Wir sehen uns das alles unter dem Aspekt 'eßbar' oder nicht an. Das ist allerdings bei einer völlig fremden Vegetation schwierig. Das ist ja fast so, als ob man auf einem anderen Kontinent oder sogar auf einem anderen Planeten gelandet wäre.
Die Beleuchtung entspricht jetzt, wo wir uns in Wolken und Nebel befinden, ungefähr einem nebeltrüben Tag auf der ErdOberFläche. Das allgemeine Licht ist also grau. Trotzdem erscheinen die Farben fremdartig, und ich spekuliere darüber, ob in dieser Vegetation statt des Chlorophylls etwas anderes verwendet wird. Wenn sich die BioChemie dieser Pflanzen von der unseren aber deutlich unterscheidet, dann wird es mit der Ernährung schwierig.
Da das knietiefe Dickicht zu beiden Seiten der Straße allmählich unwegsam wird, beschränken wir uns auf die Inspizierung der Pflanzen, die wir von der Straße aus erreichen können. Schließlich findet Irene eine Staude mit pflaumengroßen, roten Beeren. Wir haben schon einige andere Früchte gesehen, die möglicherweise Kalorien versprachen, aber die hatten alle eine unappetitliche Farbe oder eine zähe, ungenießbare Konsistenz. Diese Beeren sind das erste, was nicht schon optisch abstoßend aussieht.
"Wer wagt es?" frage ich. Rhetorische Frage. Ich natürlich. Vorsichtig versuche ich, eine dieser Beeren zu lösen. Dabei platzt sie. Ein klebriger Saft läuft mir über die Finger und ein übler Geruch hüllt uns momentan ein. Das wäre nicht das schlimmste: Der Saft fängt an, auf der Haut wie eine Säure zu brennen.
"Scheiße. Das tut weh. Irene, hilf mir! Nein, faß das nicht an!"
Ich versuche, den Saft an Blättern anderer Pflanzen abzuwischen. Das gelingt, aber das brennende Gefühl verschwindet nicht restlos. Mit viel Speichel kann ich wenigstens wieder die Illusion einer relativen Sauberkeit schaffen. Die HautOberFläche meiner Hände verändert sich nicht. Ich kann nur hoffen, daß das Erlebnis keine bleibenden Folgen hat.
5.3 Begegnung mit der VorZeit
Wir suchen weiter. Das Gelände wir immer ebener. Zu diesem ZeitPunkt weist nichts mehr darauf hin, daß sich in der Nähe Gelegenheit zu extremen FelsKlettereien bietet. Auf diese können wir aber gut verzichten.
Unsere MarschRichtung ist laut Kompaß ungefähr Nord. Der Weg schlängelt sich, ohne daß zu erkennen wäre, welchen geographischen Hindernissen er ausweicht. Mehr als etwa fünfzig bis hundert Meter des Weges in beiden Richtungen können wir sowieso wegen des Nebels nicht überblicken. Deshalb kommen wir auch ziemlich überraschend an den See. Es ist jetzt 5 Uhr Morgens. Ich denke, wir könnten bald wieder Schlaf vertragen.
Der See scheint kreisrund und flach zu sein. Sein DurchMesser ist annähernd zweihundert Meter, wie wir nur kurzzeitig durch einige NebelLücken sehen können. Die meiste Zeit aber entzieht der treibende Nebel das gegenüberliegende Ufer unseren Blicken. Deshalb ist auch nicht restlos auszuschließen, daß der See nur die Bucht eines größeren Sees sein könnte.
Der Weg folgt dem Ufer für vielleicht fünfzig Meter und verläßt ihn dann wieder.
"TrinkWasser oder nicht?" denke ich laut nach, "Wir haben noch. Wir brauchen kein überflüssiges Risiko einzugehen!"
Irene sagt nichts, und ich gehe erst einmal daran, meine Hände in dem SeeWasser von den letzten Resten des ätzenden BeerenSaftes zu waschen. Dann kühle ich mir die Stirn. Das Wasser ist warm, und ich denke daran, daß man sich hier eventuell etwas länger aufhalten könnte, um wieder zu Kräften zu kommen. Außerdem MÜSSEN wir uns mit der Vegetation weiter vertraut machen, wegen des NahrungsProblems.
Irene hat sich auch an das Ufer gesetzt. Sie zieht Schuhe und Socken aus und stellt ihre Füße ins Wasser. Damit bietet sich für mich an, für einen TrinkWasserTest einige Dutzend Meter weiter am Ufer entlang zu gehen. Die Idee, sich einmal wieder gründlich zu säubern ist aber an sich nicht schlecht.
Irene strammpelt mit den Füßen und erzeugt lautstarkes Platschen. Schaum und Spritzer sehen ganz gewöhnlich aus, wie bei ganz normalem Wasser eben. Wie beruhigend, nach der Erfahrung mit dem BeerenSaft.
Dann rauscht und braust es draußen auf dem See für einige Sekunden auf. Wir verfallen sofort in absolute Bewegungslosigkeit. Im Moment ist der Nebel wieder so dicht, daß die Sicht nicht weiter als fünfzig Meter reicht. Man kann hinter der grauen Wand über dem Wasser nichts, aber auch gar nichts erkennen. Was wir aber gut erkennen können sind die Wellen, die nach wenigen Sekunden aus der Richtung dieses Brausens kommen. Weitaus höhere Wellen als die, die wir hier am Ufer selbst verursacht haben. Das ist überhaupt nicht mehr beruhigend.
"Leise!" flüstere ich. "Das könnte ein großes Tier sein!"
Es rauscht und platscht wieder, wenn auch schwächer. Dann rülpst es. Einen solchen Rülpser habe ich aber noch nie gehört. Ein sonorer Baß, voluminös, laut und langgezogen. In einschlägigen Kreisen und unter anderen Umständen würde man das als 'opernfähig' bezeichnen. Wir sehen uns an.
"Herwig, ich will hier weg!" sagt Irene. Sie zieht schon wieder ihre Socken und Schuhe an.
"Sei leise! Es hat uns vielleicht noch gar nicht bemerkt!" sage ich.
Einen Moment lang wird der Nebel wieder durchlässiger. Fast könnte man wieder eine Blick auf das gegenüberliegende Ufer erhaschen. Aber nur fast. Was ich schemenhaft sehe, und was vorher nicht dagewesen ist, ist eine kleine Insel, neben der ein seltsam gebogener, gedrungener BaumStamm aus dem Wasser ragt. Der obere Teil des BaumStammes ist fast horizontal von der Insel weggebogen. Er hat überall einen konstanten DurchMesser. Dann zieht sich der Nebel wieder zu, ehe ich mehr sehen kann. Ich glaube aber noch erkennen zu können, daß der dicke BaumStamm leicht schwankte.
"Das erinnert mich an etwas. Bist du fertig?" flüstere ich. Laut schwappt das Wasser ans Ufer, nicht nur hier, sondern rund um den See. Eine willkommene GeräuschKulisse, wenn wir uns jetzt davonmachen wollen.
Wir haben aufgepackt und wollen losmarschieren. Dann schlägt Murphy zu: Eine große NebelLücke öffnet den Blick bis auf das gegenüberliegende Ufer. Von einer Sekunde zur anderen sehen wir es und es sieht uns. Wie angenagelt bleiben wir stehen.
"Beweg dich nicht!" flüstere ich. Irene bewegt sich nicht. Ich auch nicht. Das Vieh auch nicht. Noch nicht.
BrontoSaurus. Oder ApatoSaurus. Oder BrachioSaurus. Oder SeismoSaurus. Oder UltraSaurus. Wie im BilderBuch. Oder im LehrBuch für PaläoBiologie. Der größte Teil seines Körpers ist noch unter Wasser. Wir sehen nur den Rücken und den gebogenen Hals. Von uns aus gesehen sieht es nach links, das heißt, es hält wenigstens den Kopf in diese Richtung. Wahrscheinlicher ist aber, daß es kein stereographisches Sehen beherrscht und dafür fast 360 Grad rundherum sehen kann. Die kleinen Augen liegen jedenfalls ziemlich weit seitlich an dem in Vergleich mit dem übrigen Körper kleinen aber absolut gesehen PKW-großen Kopf.
"Es hat uns noch nicht gesehen!" vermute ich. Ob Irene mir glaubt oder nicht weiß ich nicht. Was weiß ich über BrontoSaurier? Nicht viel: So groß und schwer, daß man eine ganze Zeitlang geglaubt hat, daß sie sich entweder die meiste Zeit oder sogar immer in flachem Wasser aufhalten müssen. Aus welchen Gründen diese Meinung revidiert wurde, weiß ich nicht. Er hat eine Art ZweitGehirn im Rücken, wegen der weiten Entfernung zum Kopf. PflanzenFresser. Wahrscheinlich bemerkenswert unintelligent. Vielleicht sind diese Erkenntnisse auch schon wieder überholt. Ich weiß es nicht.
Außerdem ist dieses Vieh hier zu groß, meiner Meinung nach. BrontoSaurier sind groß, aber doch nicht so groß!
"Wenn der Nebel wieder kommt, hauen wir ab!" schlägt Irene vor. Gute Idee. Müßte gleich soweit sein. Vor wenigen Minuten war doch dauernd dichter Nebel.
"Hast du nicht deine Kamera mit?" frage ich leise.
"Du spinnst wohl!"
Jetzt weiß ich es. Na gut, im Moment ist Fotografieren wahrscheinlich nicht mit ihrem GemütsZustand vereinbar, selbst, wenn sie die Kamera mithaben sollte. Wir hätten ja schon einige sensationelle Aufnahmen machen können, von den HängeBrücken, dem langen KletterSteig, der toten Stadt, und jetzt dies hier. All das hat aber nur Sinn, wenn wir jemals zurückkommen sollten. Selbst wenn wir die Kamera mithaben sollten, ich weiß nicht, wo sie verpackt ist.
Also keinen SchnappSchuß von dem Saurier. Schade. Wahrscheinlich ist es völlig ungefährlich. Die einzige Gefahr, die von einem BrontoSaurier oder einem Exemplar einer verwandten Gattung ausgeht ist die, daß er auf einen drauftreten könnte, wenn man ihm zufällig im Wege steht. Jedenfalls beruhige ich mich jetzt innerlich mit dieser AusSage. Oder ist es nur eine Vermutung? Was können die PaläoBiologen schon herausgebracht haben über die VerhaltensWeise von BrontoSauriern? Bloß, weil BrontoSaurus nicht so ein abartig effektives Gebiß wie TyrannoSaurus Rex hat, heißt das noch lange nicht, daß er auch wirklich einen netten Charakter hat. Andererseits - Elefanten sind auch groß, und die haben einen - weitgehend - netten Charakter. Welche Schlüsse sollen wir ziehen?
Der Nebel wird wieder dichter. Wir haben Glück.
"Gleich können wir weiter!" flüstere ich. Da dreht das riesige Tier langsam den Kopf in unsere Richtung. Dort, wo der Hals die WasserLinie trifft, bildet sich eine BugWelle. Es bewegt sich!
Nur einige Sekunden später ist es durch den Nebel unserem Blick wieder entzogen. Aber das Rauschen und Platschen aus der Mitte des Sees deutet an, daß sich der Saurier tatsächlich in Bewegung gesetzt hat. Die Geräusche kommen langsam näher. In welche Richtung sollten wir uns jetzt davon machen? Keiner von uns trifft eine Entscheidung, und so bleiben wir erst einmal stehen. Die Sekunden vergehen.
Dann taucht der Kopf wieder auf, in fünfzig Meter Entfernung und in etwa dreizehn Metern Höhe. Es kommt geradewegs auf uns zu, und es will hier an Land steigen!
Seine Bewegungen und seine Geschwindigkeit sind zäh und langsam. Jeder FußGänger ist schneller, geschweige denn ein Läufer. Wir laufen einige Schritte. Währenddessen sehe ich das Tier über die Schulter an. Es verändert seine MarschRichtung überhaupt nicht.
"Halt an!" rufe ich. Wir sehen beide zu, wie sich das Tier der UferStelle nähert, an der wir eben noch gestanden haben. Immer mehr von seinem Körper hebt sich aus dem Wasser. Ich habe kaum geglaubt, daß das geht, aber es wird tatsächlich noch langsamer!
"Es nimmt uns gar nicht zur Kenntnis!" vermute ich.
Waren wir der Grund, aus dem es diese UferStelle angesteuert hat? Jedenfalls scheint es mit unseren kleinen Positionswechsel intellektuell schon restlos überfordert zu sein. Mühsam steigt es an Land. Seine Schritte frieren zeitlupenartig ein. Der Boden zittert leicht. Dann kommt es zum Stehen. Nur die WellenFronten auf dem See zeigen noch, daß es sich überhaupt bewegt hat.
Es sieht wirklich so aus, wie man sich einen BrontoSaurier gemeinhin vorstellt, nur eben viel größer. Allein der lange Schwanz, den es nach sich zieht, ist groß wie ein GüterWagen der BundesBahn.
"Es muß über hundert Meter lang sein!" schätze ich. Der Kopf pendelt jetzt, wo das Tier fast ganz aus dem Wasser heraus ist, in vielleicht zwanzig bis fünfundzwanzig Metern Höhe. Es steht jetzt fest: Die Evolution hat bei dieser Gattung noch einiges an schierer Größe zugelegt. Dann fällt mir etwas auf:
"Irene, siehst du das da unter dem Bauch! Zitzen! Es ist ein Weibchen! Man könnte eventuell an Milch kommen ..."
Ich halte ein. Das ist BlödSinn, was ich gesagt habe: Saurier sind Reptilien, keine SäugeTiere. Sie können keine Zitzen haben. Auch andere, äußere GeschlechtsOrgane sind bei Reptilien unüblich - glaube ich. Oder hat die Evolution hier beides zusammengebracht? Oder ist unser Wissen über die Saurier unvollständig? Schließlich weiß ich, daß es einige Arten gibt, bei denen man sich noch darüber streitet, ob es nicht vielleicht doch WarmBlüter gewesen sein könnten. Vielleicht ist hier alles anders. Vielleicht hat die Evolution hier den Reptilien Eigenschaften gegeben, die sonst nur den SäugeTieren zugeschrieben werden. Außerdem habe ich noch in dumpfer Erinnerung, daß die Saurier mehr mit den Vögeln gemeinsam haben sollen als mit den Reptilien. Ich weiß nicht, wo ich das gelesen habe - es paßt nämlich genauso wenig mit dem zusammen, was wir jetzt sehen: Vögel sind auch keine SäugeTiere. Vielleicht sind diese 'Zitzen' auch irgendwelche HautFalten. Vielleicht ist das Tier bloß fett.
"Und wie willst du da rankommen?" fragt Irene. Ihr ist dieser WiderSpruch zwischen Reptil- und SäugeTierEigenschaften noch nicht aufgefallen.
Recht hat sie. Um das Tier zu melken bräuchte man eine Leiter, um an den Bauch ranzukommen. Eine lange Leiter. Wenn es sich überhaupt um Zitzen handelt, was ja nun überhaupt nicht sicher ist. Und wenn es solange still hält.
Der große Kopf senkt sich. Und senkt sich. Senkt sich immer noch. Dann taucht er in das BuschWerk ein. Selbst, wenn wir der Grund seines Marsches an Land waren, dann hat es uns schon wieder vergessen. Es fängt an, in dem BuschWerk zu äsen. Dabei scheint es ohne allzugroße Präferenzen abzugehen: Es zerkaut alles, was es in das Maul bekommt.
"Es stinkt!" sagt Irene.
"Was erwartest du von einigen hundert Tonnen FrischFleisch ohne besondere HygieneAktivitäten? Vielleicht sind es sogar an die tausend Tonnen."
"Du spinnst." flüstert Irene.
Das Wort 'FrischFleisch' erinnert mich schlagartig wieder an unser HauptProblem: Wir müssen lernen, uns in dieser Umwelt etwas zu Essen zu beschaffen. Wenn SaurierFleisch genießbar ist, dann sind keine hundert Meter von uns entfernt genug LebensMittel für Jahre. Nein, korrigiere ich mich: Von einer Tonne ausgewogener LebensMittel könnten wir beide ein ganzes Jahr leben. Da drüben sind also mehr Kalorien als wir in unserem ganzen Leben verbrauchen könnten. Das heißt, wenn ich meine vegetarischen Gewohnheiten vergesse.
Abenteuerliche Ideen fallen mir ein. Die meisten verwerfe ich gleich wieder. Man könnte zum Beispiel ein Stück Fleisch aus dem SchwanzEnde herausschneiden und sich davonmachen, bevor das Tier reagiert. Aber wer sagt, daß die Haut überhaupt so dünn ist, daß ich mit meinem TaschenMesser bis auf das Fleisch durchschneiden kann?
Man könnte versuchen, das Tier umzuwerfen. Vielleicht kann es sich an Land nicht wieder erheben und ist dann wehrlos. Hört sich auch einfach an. Das würde das Graben einer FallGrube bedeuten, die groß genug sein müßte, daß es sich dort mit eine Fuß verfängt. Also mindestens etwa so groß wie eine Garage. Das können wir nicht.
Im Nebel über uns rauscht etwas vorbei. Wenig später lassen sich zwei größere Vögel auf dem Rücken des Sauriers nieder. Der läßt sich dadurch nicht stören. Die Vögel beginnen sofort, ihm irgend etwas aus seinen HautFalten zu picken. Wahrscheinlich ist das ein ganz normaler Vorgang. Die Vögel wären als Braten auch schon recht. Es muß ja kein ganzer Saurier sein. Wie sich jetzt alle Gedanken ums Essen drehen!
"Wahrscheinlich," sage ich, "könnte man sich diesen Vögeln nähern - die kennen keine Menschen."
"Bis auf die, die diese Wege gebaut haben." stellt Irene fest. Hat sie auch wieder recht. Außerdem sind die Vögel da auf dem SaurierRücken für uns sowieso unerreichbar.
"Am besten, wir gehen weiter." vermute ich.
Wir folgen der Straße, leise auftretend und rückwärts gehend. Langsam steigt die Entfernung zwischen uns und dem RiesenTier. Immer häufiger treiben immer mehr NebelSchwaden zwischen uns und ihm. Dann sind wir seinem Blick entzogen. Wir drehen uns um und gehen normal weiter - unversehrt, aber hungrig und ungewaschen.
"Ich glaube es immer noch nicht." sage ich, "Irene, sage mir, daß ich nicht träume! Weißt du, was das für die Wissenschaft bedeutet, was wir da eben gesehen haben?"
"Ich habe Hunger." sagt die Irene. Ich träume tatsächlich nicht - so, genauso reagiert die Irene, wenn man einem WeltWunder über den Weg gelaufen ist. Egal, welches.
Es dauert nicht lange, bis die Straße einen kleineren See streift. Dort holen wir wenigstens das Waschen nach. Da wir die kleine, vielleicht achtzig Meter durchmessende, flache Pfütze gut übersehen können, sind wir ziemlich sicher, daß nicht plötzlich auch hier ein Reptil auftaucht. Trotzdem wäscht sich nur einer zur Zeit, während der andere am Ufer steht und Augen und Ohren aufsperrt. Aber nichts Beunruhigendes geschieht.
Es ist 6:30 Uhr, früher Mittwoch Morgen. Wir denken allerdings beide ans Schlafen. Gleich nach dem Gedanken ans Essen, versteht sich.
Irene wäscht sich als zweite. Als sie an das Ufer steigt, rutscht sie im UferSchlamm aus.
"Autsch!" ruft sie.
"Na, so hart kann der Boden nicht gewesen sein!" sage ich. Undiplomatisch. Ich sollte eigentlich wissen, daß ich es nicht anzweifeln darf, wenn sie sich weh getan hat.
"Ich bin auf etwas Hartes gefallen!" sagt sie.
"Jedenfalls kannst du dich gleich nochmal abspülen - nicht hier, das Wasser ist jetzt trüb!" bemerke ich und trete näher. Im UferSchlamm, an der Stelle, wo sie hingefallen ist, ist ein länglicher Gegenstand, ein Stein, oder ein Ast, oder auch ein ...
Ich hechte hin. Eine Sekunde später liegt ein betäubter oder toter Fisch an Land. Vielleicht vierzig Zentimeter lang und sechs Zentimeter dick. Nicht viel, aber wenn er genießbar ist?
Er rührt sich. Also hat Irene ihn mit ihrem überraschenden Fall betäubt. Meine heftiger Sprung, um ihn zu fangen, war also unnötig. Aber ich muß dafür sorgen, daß er nicht wieder zu sich kommt: Meine Faust fährt wie ein Hammer auf das Ende, wo ich den Kopf des Fisches vermute. Dann klappe ich mein Messer auf. Im Prinzip bin ich ja Vegetarier. Aber ich bin auch hungrig. Nicht nur im Prinzip, sondern jetzt und unmittelbar. Außerdem haben wir ja ernsthaft versucht, pflanzliche NahrungsMittel zu finden. Es lag nicht an uns, daß es hier sowenig zum Essen gibt! Also lassen wir die Prinzipien erstmal unberücksichtigt.
"Du meinst, man kann ihn essen?" fragt eine hoffnungsvolle Irene, die plötzlich neben mir steht.
"Ich weiß nicht." sage ich, als ich mein Messer in den FischLeib bohre, gleich hinter den Klappen, die die Kiemen sein müssen. Es geht schwer. Auch früher, als ich es mit der vegetarischen LebensWeise nicht so ernst genommen hatte, habe ich nie einen Fisch vernünftig zerlegen können. Auch hier gelingt es mir nur sehr unvollkommen. Es gibt ein RückGrat und Gräten und innere Organe, die ich gleich zur Seite lege. Nach einigen Minuten habe ich einige ordentliche Stücke schieres Fleisch herausgearbeitet. Das ganze wird von einem ordentlichen, eigentlich widerlichen Gestank begleitet.
"Feuer wäre jetzt recht." sage ich.
Irene ist inzwischen mit ihrem Waschen fertig und hat sich wieder angezogen.
"Hast du nicht StreichHölzer mit?" fragt sie.
"Ja. Irgendwo. Aber ob wir hier viel Brennbares finden - die Pflanzen stehen hier alle im Saft, und abgefallene Zweige vermodern schnell."
"Ich geh was suchen!" sagt Irene und geht auf die nächsten Büsche zu.
5.4 GroßMauls Ende oder die Lust zum Töten
Ich bin bald mit dem Zerlegen des Fisches fertig. Sechs große Stücke, die leidlich frei von Gräten sind und fast nur aus Fleisch bestehen. Ich stehe auf, um Blätter zu suchen, um die Stücke zum Braten darin einzuwickeln.
Halt, denke ich, wenn du hier Fleisch rumliegen läßt, dann wird sich über kurz oder lang ein anderes Tier drumm kümmern. Besser, Irene bringt Blätter mit. Wo ist sie eigentlich? Ich sehe mich um.
Der ruhige See, jetzt mit völlig regloser OberFläche, der Fahrweg, der sich dem Ufer des Sees auf wenige Meter nähert, die sumpfige Stelle an der gegenüberliegenden Seite des Sees, wo vielleicht ein Rinnsal den Zufluß bildet, und überall sonst das dicke Gebüsch, das meistens schon höher ist als ein aufrecht stehender Mensch. Glucksen aus der Richtung der WasserFläche, fernes, verhaltenes Gekreisch von Vögeln, das Säuseln eines leichten LuftZuges an meinen OhrMuscheln. Aber von Irene ist nichts zu hören oder zu sehen. Man müßte wenigstens das Knacken von Ästen hören, ihre Bewegungen im Gebüsch - sie wollte doch Holz sammeln?
"Irene!" rufe ich. Nichts. Nachdem ich das mehrere Male wiederholt habe, lege ich die FischFleischStücke auf den Boden. Mit gezogenem Messer gehe ich auf die Stelle im Dickicht zu, an der Irene verschwunden ist.
Ich finde an einigen Büschen abgebrochene Äste, die anzeigen, daß sie vielleicht an diesen Stellen gewesen ist. Offenbar ist sie weitergegangen, um besseres BrennMaterial zu suchen. Leider hat sie dabei nicht die ganze Zeit Äste abgebrochen. Schon bald weiß ich nicht mehr mit Sicherheit, ob ich nicht vielleicht ihre Spur verloren habe.
Dann glaube ich, meinen geflüsterten Namen zu hören. Es kam von links. Nach einigen Schritten sehe ich schon das StreifenMuster ihres T-Shirts. Es bewegt sich aber nicht. Sie pflückt jedenfalls kein Holz. Ich halte das Messer draußen und versuche, mich so leise wie möglich ihr zu nähern. Ganz lautlos geht das aber nicht, nicht in diesem Dickicht. Sie müßte mich doch kommen hören! Warum dreht sie sich nicht um? Mit einigen schnellen Schritten bin ich bei ihr.
Ein widerliches, hundgroßes, haarloses Monster, das zwei Meter vor der erstarrten Irene steht, reißt ein beeindruckendes Gebiß auf. Das Gebiß ist für ein Tier dieser Größe eigentlich zu groß, aber ich bin sicher, daß es weiß, wie man damit umgeht. Irene steht immer noch vom Schreck gelähmt. Vielleicht hat sie ihre Bewegungslosigkeit bis jetzt vor dem Angriff des Tiers geschützt, ich kann jedenfalls mit einem schnellen Blick bei ihr keine Verletzungen erkennen.
Ich habe die Szene allerdings nicht bewegungslos betreten. Das Tier wendet sich mir zu und geht mich an. Seine Bewegungen sind auffallend langsam.
"Irene, hau ab, es ist nicht schnell!" rufe ich und springe zur Seite. Vielleicht könnte man dem Tier ganz gut ausweichen, aber hier, in dem Gebüsch, ist das schwierig. Monster von vorne, Busch von hinten, links und rechts. Ich habe keine Wahl.
Ich weiß nicht, wo es am verletztlichsten ist. Aber eine KörperStelle, die im allgemeinen nie besonders gut gegen mechanische Einwirkung geschützt ist, bei keinem Tier, präsentiert es mir ja geardezu in obszöner Intimität: seinen Rachen. Zwischen den messerartigen Zähnen, zwischen denen ein zäher Saft niederfließt, ist roter Gaumen oder Teile einer Zunge zu sehen.
Verglichen mit seinen Bewegungen stößt mein Messer sehr schnell zu und ist schon wieder zurück. Das Maul klappt zu als meine Hand schon wieder fast zwei Sekunden lang draußen ist. Mein Messer ist blutig.
Es ist nicht mein Blut. Plötzlich spüre ich etwas, was ich noch nicht kenne: Aggression und die Lust zum Töten. Dieses Tier hat uns angegriffen und damit die moralische Rechfertigung unserer GegenWehr gegeben. Jetzt heißt es: ich oder es.
Ich weiß nicht, was es solange überlegt. Vielleicht ist es über den ungewohnten Schmerz im Maul verblüfft. Oder meint es, der BlutGeschmack im Maul wäre mein Blut. Egal. Präzise führe ich das Messer ein weiteres Mal nach vorne, ins Auge.
Das gelingt. Das Tier scheint überhaupt keine Reflexe zu haben, oder seine Reflexe sind viel zu langsam. Es reißt das Maul auf, wie zu einem SchmerzensSchrei. Erst jetzt fällt mir auf, daß es offenbar keine Stimme hat. Um klare Verhältnisse zu schaffen, steche ich auch in das andere Auge. Dann trete ich an dem Tier vorbei in Richtung Irene.
Der Kampf ist praktisch gewonnen. Es war eigentlich zu leicht. Seine GebißAusstattung ist zwar gefährlich, aber seine Bewegungen waren viel langsamer als man das eigentlich von RaubTieren dieser Größe gewohnt ist. Sonst hätte ich in diesem Kampf schlechte Karten gehabt.
Es dreht sich im Kreise, schnappt ein paarmal ins Leere. Ich positioniere das Messer in der Hand um, mit der Klinge nach unten. Dann stoße ich in seinen Nacken. Beim ersten Mal komme ich kaum durch die zähe, lederartige Haut hindurch, aber ich stoße mehrfach zu. Endlich bricht das Tier zusammen, immer noch ohne einen Laut. Ich knie mich daneben hin und führe einen tiefen Schnitt unter seinem Hals, dort, wo ich seine Kehle vermute. Das ist erfolgreich: diese Wunde schlägt Blasen und röchelt.
Dann gehe ich zu Irene und nehme sie in die Arme. Sie ist in der Tat unverletzt, aber der Schreck sitzt ihr immer noch tief in den Knochen. Schweigend sehen wir uns den TodesKampf des Tieres an.
Jetzt könnte ich mir wieder Mitleid mit der armen, gequälten Kreatur leisten, denke ich. Aber mir ist auch weich in den Knien. Ist es nicht gerechtfertigt, um sich selber mehr Angst zu haben als um den Angreifer?
"Das wird jetzt so bleiben, solange wir hier unten sind, Irene. Hier gibt es bestimmt noch mehr solche Viecher. Geht es wieder?" Sie nickt.
"Dann sammeln wir weiter Holz ein. Ich glaube, Fleisch haben wir jetzt genug!"
Vorher jedoch muß ich wirklich reinen Tisch machen. Die RöchelGeräusche könnten andere RaubTiere herbeilocken. Irgendwie scheint das Tier durch den Schnitt in der Kehle immer noch erfolgreich zu atmen. Ich setze meinen Fuß auf den Hals und trete zu. Erfolgreich: Der KehlKopf, wenn es einen hat, kollabiert mit einem feuchten Knirschen, und das Röcheln hört auf. Nach etwa einer Minute bewegt es sich nicht mehr.
Irene hilft mir, das Tier zurück zum Teich zu schleppen. Dabei versuche ich, es irgendwie in die biologische Klassifizierung einzuordnen, aber das gelingt mir nicht. Schon der Saurier, der so aussah, als wäre er zugleich ein Säugetier, entzöge sich wahrscheinlich schon den KlassifizierungsVersuchen eines jeden Zoologen.
In den nächsten Minuten holen wir gemeinsam Holz - das Holz, das Irene schon abgebrochen hat, und weiteres. Ich fürchte, wir werden Schwierigkeiten haben, ein gutes Feuer zu entzünden, denn das meiste ist relativ feucht. Außerdem versuche ich, dilletantisch das Tier zu zerlegen. Es ist zwar ein unerfreuliches Gemetzel, was ich da anrichte, aber es gelingt mir doch, einige größere MuskelFleischstücke herauszupräparieren, bevor der Rest zu unordentlich aussieht, um noch irgend etwas sauber zu identifizieren oder herauszuschneiden. Dann bauen wir den Haufen aus BrennMaterial.
Die StreichHölzer habe ich nach einigem Suchen in meinem RuckSack gefunden. Diesmal hat meine eigene Bequemlichkeit uns wieder einen großen Vorteil verschafft: Weil ich nie ernsthaft damit gerechnet habe, daß wir auf einer ZugSpitzWanderung StreichHölzer brauchen, hatte ich die Absicht, einfach einige Schachtel zuunterst in meinem RuckSack unterzubringen - für den unwahrscheinlichsten der Fälle. Allerdings hatten wir keine mehr im Hause, und deshalb war ich beim letzten Einkauf gezwungen, ein Paket mit zehn Schachteln mitzunehmen. Beim Packen des RuckSackes war ich zu faul gewesen, das Paket auseinanderzunehmen. Was wiegen schon ein paar StreichHölzer. Aus diesem Grunde haben wir jetzt zehn Schachteln mit insgesamt etwa 400 StreichHölzern!
Das erste, was ich mache ist, diese zehn Schachtel strategisch auf uns beide zu verteilen. Jeder bekommt fünf. Sie sind jetzt nicht mehr unwichtig, vorausgesetzt, es gelingt uns tatsächlich, Feuer zu machen.
Das ist zunächst nicht sicher. Ich suche unter den kleinsten Ästchen diejenigen zusammen, die leidlich trocken aussehen. Damit wird am Fuße des HolzHaufens ein Häufchen von dem am leichtesten brennbaren Material gebaut und in den HauptHaufen hineingedrückt. Als mir die Vorrichtung solide und dicht genug gepackt aussieht, riskiere ich das erste Hölzchen.
Vor meinem geistigen Auge spielt sich dabei immer dieselbe KatastrophenSituation ab: Ein ZündHölzchen nach dem anderen wird verbraucht, ohne daß es gelingt, das feuchte Gestrüpp zum Brennen zu bringen. Deshalb bin ich ziemlich unvorbereitet auf das, was tatsächlich geschieht: Schon mit dem ersten Hölzchen fängt das Holz Feuer. Die Flammen breiten sich ungewohnt rasch in dem Haufen aus. Der hohe FeuchtigkeitsGehalt wirkt sich offenbar lediglich so aus, daß die RauchEntwicklung recht ordentlich ist. Aber bald schon brennt der ganze Haufen.
"Ist ja klar, woran das liegt!" sage ich zu Irene, "Wir sind in fünftausend Meter Tiefe. Das bedeutet etwa einen doppelt so hohen Druck wie auf der ErdOberFläche. Dann ist natürlich die Konzentration von Sauerstoff auch doppelt so hoch. Sieht so aus, als ob das den Nachteil mit dem feuchten BrennMaterial kompensiert!"
Irene interessiert sich weniger für meine grundsätzlichen Erwägungen. Sie legt das Fleisch ins Feuer. Sie hat ja recht. First things first. Wir müssen was in den Magen kriegen. - Hoffentlich fängt das Fleisch nicht ebenso leicht Feuer!
Zunächst ist der Gestank unerträglich. Dann aber, als die FleischStücke heiß genug werden und an der OberFläche bereits verkohlen, wird der Geruch langsam bratenartiger. Irene dreht die Stücke gelegentlich mit einem Stöckchen um, wobei sie häufiger ein neues Stöckchen nehmen muß, weil die alten so schnell Feuer fangen.
Das Feuer sinkt zu einem glühenden Haufen zusammen. Ich muß nachlegen. Dabei experimentiere ich etwas. Es sieht so aus, als ob nur das frische, aus dem lebenden Strauch gebrochene Holz mehr schwelt statt brennt. Wenn es sich aber um ein dickeres Stück handelt, dann verkohlt es über kurz oder lang und kann noch lange als glühendes HolzKohleStück Wärme geben. Die RaucheNtwicklung ist aber in jedem Falle beachtlich.
Das FeuerMachen bedarf hier wohl der Gewöhnung, wegen der größeren LuftDichte und der fremdartigen HolzArten. Bin neugierig, wieviel Gewöhnung man braucht, um dieses Fleich zu verzehren. Ich spieße die Stücke mit meinem Messer auf und ziehe sie zum Rand des Feuers hin. Dann legen wir los: Der Hunger sagt: große Stücke essen, die Vorsicht sagt: kleine Stücke essen, der Geschmack sagt auch: kleine Stücke essen.
Wir essen große Stücke. Ich sage mir: wenn es eine toxische Reaktion geben sollte, dann sollten wir dieselbe noch bei Kräften erleben. Wir sind schließlich erst etwa einen Tag ohne Nahrung. In manchen Gegenden der Welt würde man das noch nicht als Hunger bezeichnen. Mit diesem Argument ist wenigstens die StimmenGleichheit zwischen den Argumenten für viel und für wenig Essen erzielt worden.
Das Fleisch des RaubTieres ist zäh und schmeckt streng, das des Fisches ist zarter und schmeckt seifig. Beides würde man in einem LuxusRestaurant zurückgehen lassen. Das tun wir nicht. Wir hören nicht eher auf, als bis der größte Teil des Fleisches, der weder verbrannt noch roh ist, verschwunden ist. Es ist reichlich viel. Zusätzlich zu der Müdigkeit stellt sich jetzt die BettSchwere ein, wie sie nur der volle Magen bewirkt.
Das ist jetzt aber ein Problem: Oben, in den Felsen, da gab es keine LebeWesen, die unseren Schlaf stören konnten. Das sieht hier anders aus. Rundherum kann ich keinen Platz sehen, wo wir uns so zum Schlafen hinlegen könnten, so daß wir irgendwie im Schutz von irgend etwas liegen.
"Tja, Irene," sage ich, "es ist hart, aber hier können wir nur schichtweise schlafen. Denk an das Viech!" Dabei deute ich auf den Kadaver, der immer noch abseits liegt und uns gelegentlich mit üblen GestankSchwaden einnebelt.
"Es ist jetzt gleich 8 Uhr morgens. Mittwoch morgens. Ich schlage vor, erst schläfst du sechs Stunden, dann ich. Dann marschieren wir weiter!"
Irene scheint sich diesen Aspekt noch gar nicht überlegt zu haben. Aber da ich ihr die erste SchlafSchicht anbiete, ist sie schnell einverstanden.
"Aufräumen tu ich." sage ich. Irene kuschelt sich am Boden hin und ist eingeschlafen, noch ehe sie erfragen kann, was ich eigentlich aufräumen will.
Das ist natürlich klar. Unsere EssensReste und den Kadaver des RaubTieres. Da ich aber sehr schnell merke, daß mir zum Vergraben eine Schaufel oder ein Spaten fehlt, gehe ich zu gezielter UmweltVerschmutzung über: Das Zeug landet alles im Teich. Undeutlich sehe ich Bewegung in dem Wasser: Es kümmern sich bereits irgendwelche Tiere um die LeichenTeile. Aber das GestankProblem ist gelöst.
Jetzt muß ich 'nur noch' gegen die Müdigkeit ankämpfen. Sechs Stunden lang. Ich weiß auch schon wie: Ich gebe dem Pyromanen in mir etwas zum spielen. Das Feuer in Gang halten. Zu etwas anderem reicht es nicht mehr.
Und falls sich doch noch Symptome einer LebensMittelVergiftung einstellen sollten, wird meine Wache noch unterhaltsam. Aber ich bin sogar für gespannt beobachtende Hypochondrie zu müde.
5.5 WachVergehen
Die letzten Minuten bis 14 Uhr zähle ich ab. Es ist nichts, aber auch gar nichts in diesen sechs Stunden passiert, was einem geholfen hätte, wach zu bleiben. Nur das Feuer habe ich sorgsam gesichert: ständig neuer Material an den Rand der GlutZone legen, das, wenn es erst einmal hinreichend getrocknet ist, in die GlutZone selbst geschoben werden kann. Damit habe ich im Laufe der Zeit einen GlutBerg mit mehr als einem Meter BasisDurchMesser geschaffen, dessen intensive InfraRot- und WärmeStrahlung uns sehr nützlich wäre, wenn hier noch dieselben KälteGrade vorherrschten wie oben, auf dem HöllenTalPlatt, sieben Kilometer über unseren Köpfen.
Seit mehr als sechs Stunden haben wir jetzt eine ganz ordenliche RauchSäule in den Nebel über uns entlassen. Bei klaren SichtBedingungen hätte man den eigenen AufenthaltsOrt viele Kilometer weit im Umkreis verraten. In diesem Nebel natürlich nicht. Obwohl: nicht weit über uns ist ja die OberGrenze dieses Nebels. Ich weiß nicht, wie sich der Rauch da sichtbar macht. Vielleicht wird sich die dunkle RauchSäule wie ein Geschwür von der weißen NebelOberFläche abzeichnen.
Ein paarmal hätte ich Gelegenheit gehabt, Fische in der RandZone des Teiches mit SteinWürfen zu erledigen. Das Platschen hätte Irene aber aufgeweckt, und so habe ich das lieber nicht getan.
Die Uhr zeigt 14:00 Uhr an. Ich gebe ein paar Sekunden zu. Dann wecke ich Irene. Sie kommt schwer zu Bewußtsein. Es ist nicht so sehr die Müdigkeit, sondern eher unsere Lage, die einem mit jedem Wachwerden wieder deutlich werden muß, die Ferne von unseren Lieben und unserem normalen Leben.
Ich gebe ihr mein Messer und erläutere mit ein paar Worten, wie man ohne großen Aufwand auf das Feuer aufpassen kann. Nicht weil wir jetzt unbedingt ein Feuer brauchen, sondern weil sie das Feuer vielleicht genauso zum Spielen braucht, um wach zu bleiben wie ich.
******** 006. Tag: Donnerstag 1995-08-24 ********
Es ist nicht Irene, die mich weckt, sondern ich werde von selbst wach. Dabei bemerke ich rasch hintereinander mehrere Dinge: Irene liegt neben mir und schläft auch, das Feuer ist völlig zusammengesunken und erzeugt überhaupt keinen Rauch mehr, und meine Uhr sagt, daß es Mitternacht ist. Die UmgebungsHelligkeit ist wie immer unverändert.
"Sleep on watch. You ought to be shot." stelle ich fest. Irene rührt sich.
"Gut geschlafen?" frage ich bissig.
"Ja." Sie reibt sich die Augen.
"Wir hatten vereinbart, daß erst ich sechs Stunden wach bin, dann du. Ich hatte meine sechs Stunden Wache durchgehalten!"
Rüge erteilt. Irene gibt bar heraus:
"Du hattest vereinbart!"
"Du hattest nicht widersprochen, wie du dich vielleicht erinnern willst!"
"Dann widerspreche ich eben jetzt! Außerdem WAR ich sechs Stunden lang wach. Aber es ist nichts passiert. Deine sechs Stunden und meine sechs Stunden lang nichts! Dann habe ich mich eben entschlossen, noch ein paar Stunden Schlaf drauf zu legen. Wir BRAUCHEN den Schlaf! Du hast ihn auch gebraucht!"
"Und irgend ein Viech, das uns im Schlaf angreift, brauchen wir wohl auch? Irene, wir kennen diese Umwelt nicht! Wir müssen aufpassen! Wir wissen noch nicht, wie man hier am Leben bleibt!"
"Das sind doch Wild-West-Methoden!"
"Was?"
"Dies WacheSchieben! Das hast du bestimmt in irgendwelchen AbenteuerRomanen gelesen. Dein Karl May oder so!"
Sie fängt an, unlogisch zu werden. Ich erhebe meine Stimme:
"Erstens ist das nicht mein Karl May, bloß, weil ich vor dreißig Jahren mal den Winnetou oder so etwas gelesen habe. Zweitens ist das WacheSchieben unter den obwaltenden Umständen ein sinnvolles Verfahren, um uns vor Schaden zu bewahren, ganz gleich, wer in welchen AbenteuerRomanen so etwas zufällig auch beschrieben hat!"
"Unter den obwaltenden Umständen," äfft sie nach. Längst hat sie sich erhoben, weil man so besser streiten kann. "Unter den obwaltenden Umständen, die gar nicht eingetreten wären, wenn du nicht diese verdammte Höhle inspiziert hättest. Wohl auch etwas, was in einem AbenteuerRoman vorkommt!"
"Ja und? Und wenn schon!"
"Wenn du nicht diese Höhle inspiziert hättest, dann säßen wir jetzt nicht hier!"
"Ach ja? Und wie oft habe ich zurückgefragt, ob du wirklich weiter mitgehen willst?"
"Und wann hatte ich da überhaupt eine Wahl?"
"Bis vor den ersten KletterSteig hätten wir die Wahl gehabt! Wir hätten zurückgehen können und am nächsten Tag über das HöllenTalPlatt absteigen können! Wir wären schon längst zu Hause! Und jetzt haben wir nur noch die Wahl, ob wir überleben wollen oder nicht! Und wenn wir das wollen, dann ist es in dieser Umwelt sinnvoll, daß nur einer zur Zeit schläft! Geht das denn nicht in deinen Kopf rein?"
Der Streit geht noch einige Zeit weiter, ohne daß wirklich neue GesichtsPunkte auftauchen - wie das bei einem EheKrach eben so üblich ist. Man hat ja gelernt, zu argumentieren, ohne eigentlich genau mit den Gedanken bei der Sache zu sein. Genaugenommen - wenigstens geht es mir so - muß ich mir bei einem solchen Streit nur darüber klar werden, ob es irgendwann einen versönlichen Ausgang geben soll oder ob ich den Streit noch weiter anheizen möchte. Je nachdem wird etwas schärfer oder etwas weniger scharf formuliert, je nachdem werden weitere kontroverse Punkte herausgearbeitet oder unerwähnt gelassen. Provokation bis Beschwichtigung - das Klavier der innerehelichen KommunikationsSteuerung. Man hat ja darauf zu spielen gelernt!
Im Moment habe ich eigentlich keines der beiden Ziele. Das heißt, ich reagiere 'eskalationsneutral': weder besänftigend noch anheizend. Vielleicht muß Irene wirklich auf diese Weise den Frust loswerden. Den Frust über die Anstrengungen, die Gefahren, die verschwindend geringen Hoffnungen, je wieder nach Hause zu kommen, den Frust über die schlechte ErnährungsSituation und den Frust darüber, daß es nach dem Aufwachen keinen Kaffee gibt. Man kann es ja verstehen. Aber warum äußern sich die Frauen immer in einem Ausbruch von Gekeife? Und ist meine Vorsicht denn wirklich übertrieben? Die Vorstellung, daß einer der hiesigen FleischFresser im Schlafe eine Probe von uns abbeißt ist mir überhaupt nicht angenehm.
Da wir nichts zum FrühStück haben, und da dem Krach eine Periode weiteren Schweigens folgt, marschieren wir nach der MorgenToilette gleich los. Natürlich folgen wir weiterhin dem Fahrweg.
Die KommunikationsFreiheit und die relative Ausgeschlafenheit - da hat Irene recht gehabt, das haben wir wirklich gut gebrauchen können - ermöglichen den leichten Fluß der Gedanken, den Zustand, den ich bei Wanderungen eigentlich liebe. Und meine Gedanken kreisen um diese großen Höhlen und ihre Beschaffenheit.
ErdBebenWellen und die StoßWellen von unterirdischen KernExplosionen haben schon seit vielen JahrZehnten erlaubt, das Innere der Erde genau zu vermessen, die Schichtungen der Gesteine mit ihren wechselnden physikalischen Eigenschaften wie Dichte, Zähigkeit und Temperatur. Höhlen diesen Ausmaßes, mit einem nach KubikKilometern messenden Volumen, vielleicht auch noch viel mehr, und das unter dem Boden einer IndustrieNation, die sollten eigentlich längst entdeckt worden sein. Oder sind die Daten falsch interpretiert worden, weil die Erklärung mit großen HöhlenSystemen einfach nicht glaubhaft war? Man weiß ja, wie der WissenSchaftsBetrieb funktioniert: Nicht mehr die Suche nach der Wahrheit, sondern das Erreichen des nächsten akademischen Grades oder das Anbohren von FörderGeldQuellen, das sind die primären Motivationen des DurchschnittsWissenschaftlers. Wer wird sich denn da mit der Vermutung solch großer HöhlenSysteme leichtfertig lächerlich machen und die eigene akademische Karriere riskieren?
Oder sind die Höhlen bekannt gewesen, und man hat, aus irgendwelchen Gründen, darauf verzichtet, ihre Existenz zu veröffentlichen? Aber aus welchen Gründen?
Neben der Frage, warum diese Höhlen sich der geologischen Forschung bis jetzt entzogen haben, steht natürlich die noch viel wichtigere Frage ihrer Entstehung. Vulkanische Prozesse pflegen, wenn überhaupt, nicht so große Höhlen zu erzeugen, und auch die gewaltigsten KarstHöhlen sind immer noch vergleichsweise mickrig. Auf Lanzarote haben wir Höhlen gesehen, die durch äußerlich erkaltende LavaStröme entstanden sind. Die noch flüssige Lava ist dann unter der Kruste weiter - und später weggeflossen. Darauf wurden diese hohlen Röhren dann von weiteren Ejecta des nahen Vulkanes bedeckt, und so entstanden diese viele Kilometer lange Höhlen. Allerdings gibt es hier keinen Hinweis auf ein analoges Entstehen. Soweit meine bescheidene geologische UrteilsFähigkeit das entscheiden kann.
Was ist mit dem langsamen Driften der KontinentalSchollen gegeneinander: Könnte das im oberen, nicht-plastischen Teil des Erdmantels die Entstehung solcher Höhlen bewirken? Und selbst, wenn diese Erklärung greift, bleibt immer noch die Tatsache, daß MittelEuropa sich NICHT am Rande einer solchen KontinentalScholle befindet.
Dann: Wie ist es mit der Stabilität: Die Festigkeit von Gestein ist nicht beliebig groß. Viel höher, als die größten Berge auf der Erde tatsächlich sind, können sie unter den Bedingungen der ErdSchwere gar nicht sein - sie würden unter ihrem eigenen Gewicht zerfließen. Auf dem Mars etwa, wo die SchwerKraft nur ein Drittel so groß wie auf der Erde ist, können Berge tatsächlich dreimal so hoch werden, wie der Mons Olympicus mit seinen 26 000 HöhenMetern beweist.
Auf jeden Fall haben diese Höhlen eine Größe, die an der Grenze dessen ist, was man mit den normalen Gesteinen überhaupt erreichen kann. Die Gefahr, daß EinStürze vorkommen, ist deshalb durchaus real. Mir drängt sich da das Bild des Hängenden Berges auf, unter dem wir auf der SeilBrücke vorbeigeturnt sind. Was hindert diese gigantische FelsMasse, abzubrechen und herunterzufallen? Und wie lange hängt sie schon so?
Und wiederum: wenn solche Ereignisse in geschichtlicher Zeit eingetreten wären, dann wüßten wir das. Man kann in MittelEuropa nicht einige Milliarden Tonnen Gestein einige Kilometer irgendwo herunterfallen lassen, ohne daß jemand das merkt. Es hätte verheerende ErdBeben zur Folge.
Nein, das Abbrechen solcher GesteinsMengen ist hier ein seltenes Ereignis. Wenigstens ein Trost.
Die Existenz einer belebten Welt hier unten kann ich mir allerdings wenigstens teilweise zusammenreimen und sogar die ständige Beleuchtung. Überall auf der Welt fließt aus dem ErdInnern ein steter Strom von Wärme an die OberFläche. Es handelt sich so größenordnungsmäßig um einige Watt pro QuadratMeter, also etwa ein Prozent von dem, was die senkrecht einfallende Sonne an Energie liefern kann. Das ist nicht ganz wenig, wenn man bedenkt, daß jedes Watt pro QuadratMeter auf einem QuadratKilometer bereits einem MegaWatt entspricht.
Dieser WärmeStrom, der normalerweise für die in der Tiefe zunehmende Temperatur sorgt und der durch den radioaktiven Zerfall von instabilen Isotopen im ganzen ErdKörper erzeugt wird, könnte eine größere Höhle nicht ohne weiteres überwinden, denn eine Höhle bildet eine hervorragende Isolierung. Allerdings bildet sich in einer hinreichend großen Höhle, wenn dort genug Wasser vorhanden ist, ein WetterGeschehen aus, das den WärmeTransport von den tieferen Teilen der Höhle zu den höheren übernehmen kann. Und zumindestens ein WetterGeschehen ist tatsächlich das, was wir um uns herum beobachten.
Und damit komme ich zur letzten Erklärung, die allerdings noch sehr spekulativ ist: Das beständige DämmerLicht in der Höhle, das manchmal direkt in den Wolken oder im Nebel erzeugt zu werden scheint.
Ich nehme an, daß das tatsächlich der Fall ist. In den Wolken finden PhasenWechsel des Wassers zwischen gasförmig und flüssig statt. Was, wenn tatsächlich ein Typ Bakterien oder schwebefähige Algen, auf jeden Fall ein KleinstLebewesen, aus diesem PhasenWechsel Energie gewinnen kann und dabei Licht aussendet? Dieses Licht könnte dann die PhotoSynthese der übrigen PflanzenWelt antreiben, wenn auch nicht mit derselben Produktivität wie das bei uns oben in dem sehr viel helleren SonnenLicht möglich ist. Vielleicht gibt es aus diesem Grunde auch nur KaltBlüter. Jedenfalls haben wir auch bei dem RaubTier kein Zeichen irgendeiner eigenen KörperWärme feststellen können, fällt mir jetzt im nachherein auf.
Aber würde das nicht sehr viel erklären? Der Stand der Evolution, der hinter dem zurückgeblieben ist, was wir auf der ErdOberFläche kennen - auch wenn dieses ein VorUrteil sein mag, aber wir haben den Saurier ja gesehen - und der generell langsame StoffWechsel der LebeWesen hier unten, wie wir es bei dem RaubTier erlebt haben.
Auch diese Hypothese muß ich erst einmal zu den Akten legen. Es gibt ja noch viel mehr Fragen. Zum Beispiel: warum sind diese Höhlen nicht schon längst mit Wasser vollgelaufen? Überall gibt es im Fels WasserAdern. Daß gerade diese Höhlen hermetisch abgeriegelt sein sollte erscheint mir unglaubhaft. Durch eine solche Verbindung zur ErdOberFläche sind wir ja heruntergekommen. Andererseits sind prinzipiell Mechanismen denkbar, die Wasser wieder nach oben befördern, etwa der Geysir-Mechanismus, wie er in jeder KaffeeMaschine angewendet wird.
Dann kann es auch sein, daß diese Höhle einfach zu groß ist, um während geologischer Zeiträume mit Wasser vollgelaufen zu sein.
Das ist natürlich auch eine Frage, die mich brennend interessiert: die nach der Größe der Höhle. Die sich immer mehr weitende Aussicht, als wir uns dem Level der WolkenOberSeite näherten, schien viele Dutzend Kilometer nahezulegen, und unser Weg, der immer noch abwechselnd horizontal und leicht bergab geht, scheint auch auf noch eine noch größere Tiefe hinzuweisen.
6.1 ObstGarten
Die Vegetation wird dichter und urwaldartiger. Dann aber, um 2 Uhr morgens, in 5200 Meter Tiefe, passieren wir ein Gebiet, in dem dieser Urwald vor langer Zeit gerodet worden scheint. Beidseits des FahrWeges gibt es fußballfeldgroße Gebiete, in denen das Gestrüpp nicht höher als kniehoch ist. Dazwischen stehen isolierte Bäume und wir finden auch niedrige, verfallene und überwachsene Mauern.
"Weißt du, woran mich das erinnert?" frage ich Irene, "an einen verwilderten ObstGarten!"
Das müssen wir uns genau ansehen. Schließlich hatten wir heute noch kein FrühStück.
Auf den ersten Blick sind die meisten Bäume lebensmittelmäßig nicht interessant. Jedenfalls finden wir nichts, was einer Frucht ähnlich sieht. Das wäre vielleicht auch nicht gerade das, was wir suchen - ich erinnere mich noch nur zu gut an die ÄtzFrucht.
Dann aber deutet Irene auf einen vermoderten HolzStapel: "Guck mal! Den hat jemand aufgestapelt! So fällt Holz nicht per Zufall zusammen!"
Sie hat recht. Dieser HolzStapel ist zwar vermodert, aber daß er überhaupt noch existiert heißt ja nichts weiter, als daß vor einem ZeitRaum, den Holz hier zum Vermodern braucht, intelligente Wesen hier waren. Auch die AusWahl des Holzes deutet darauf hin: es handelt sich um astlose HolzPfähle von etwa fünf bis zehn Zentimeter Durchmesser und neunzig Zentimetern Länge.
"Ob das ein Zaun werden sollte?" überlege ich laut. Wir durchsuchen den 'ObstGarten' weiter.
In einer Bucht dieser gerodeten Fläche, die von dem FahrWeg nicht einsehbar ist, finden wir MauerRuinen, die auf ein Gebäude schließen lassen. Sogar FensterHöhlen kann man identifizieren. Die Hütte muß zwei Räume gehabt haben. Von einem Dach ist nichts mehr zu sehen, und die Fläche zwischen den Mauern ist genauso mit niedrigem Gestrüpp bewachsen wie der Boden außerhalb der Ruine. Hier deutet nichts auf eine Benutzung in den letzten Jahren hin.
"Vielleicht vergammelt Holz hier sehr langsam. Oder diese HolzArten vergammeln sehr langsam." versuche ich Irene zu beruhigen, "Vielleicht war schon seit JahrHunderten keiner mehr hier!"
"Langsam vergammeln? Bei diesem feuchten Klima?" zweifelt sie. Wir suchen weiter.
Natürlich, denke ich, ist es plausibel, zu glauben, daß feuchtes Holz hier zumindestens ähnlich schnell vergammelt wie unter denselben Bedingungen auf der ErdOberfläche. Aber mehr als plausibel ist es nicht. Ich weiß nicht, was für Bakterien und MikroLebewesen für das Zersetzen von organischem Material zuständig sind, aber das müssen hier durchaus nicht dieselben sein wie bei uns oben. Weiß man etwas über die BakterienAktivität während der geologischen Epochen, als Saurier die ErdOberfläche unsicher machen? Trias, Jura und Kreide, wie diese ErdZeitalter heißen, hatten ja nicht nur eine andere Fauna, was die GroßLebewesen betrifft. Auch die KleinstLebewesen müssen auf einer anderen EntwicklungsStufe gestanden haben. Wer weiß, vielleicht brauchte damals ein SaurierKadaver Jahrzehnte, um bis auf die Knochen zu skelettieren, und Holz brauchte JahrHunderte, um vollends zu verfallen.
Da fällt mir gleich der Ansatz einer neuen Theorie zum Aussterben dieser Riesenechsen ein: Wenn damals eine so lange Zeit zum Verwesen eines Leichnams nötig war, dann müssen auf der Erdoberfläche mehr tote als lebendige Saurier herumgelegen haben. Ist es der Fortexistenz einer Rasse hinderlich, wenn deren Mitglieder so viele Leichen der eigenen Spezies zu sehen bekommen?
Das wird jetzt zu spekulativ. Es wäre natürlich schon ein ZeitVertreib, sich neue Theorien über das AusSterben der Saurier auszudenken. Aber Irene ist für derartige Diskussionen nicht zu haben, außerdem weiß sie nicht genügend in den NaturWissenschaften Bescheid, und außerdem sind die Saurier ja gar nicht ausgestorben, wie wir jetzt wissen. Hier jedenfalls nicht.
Wir werden ja noch mehr darüber erfahren, wenn wir uns in dieser Höhle länger aufhalten sollten, und die BioSphäre hier tatsächlich genau derjenigen entsprechen sollte, die in vergangenen ErdZeitaltern auf der ErdOberFläche vorhanden war. Was ich nicht glaube. Die Evolution macht nie mehrmals genau die gleichen Erfindungen. Diese BioSphäre ist einmalig.
Jedenfalls gibt es Holz, und irgendjemand verwendet Holz, und dieses Holz vergammelt auch, wenn man es zu lange herumliegen läßt, wenn wir auch nicht wissen, wie schnell, und es gibt weniger Insekten, als man in einem derartig schwülen Klima erwarten würde, und es gibt Saurier und bösartige, kleine, beißfreudige aber langsame Tiere und Beeren mit schnell ätzenden Säften. Ich weiß nicht, ob ein Biologe aus diesen Informationen, die wir schon haben, genauere Schlüsse über diese BioSphäre ziehen könnte.
Es zeigt sich, daß diese gerodeten Flächen noch umfangreicher sind als es zuerst den Anschein hatte. Ich muß darauf achtgeben, daß wir nicht die Orientierung verlieren und jederzeit zum FahrWeg zurückfinden können. Da der FahrWeg immer noch ungefähr nach Norden oder vielleicht auch nach NordOsten tendierend führte und wir den östlichen Teil dieser gerodeten Flächen untersuchen, muß ein Marsch nach Westen uns jederzeit zum FahrWeg zurückbringen. - Hoffentlich geht uns der Kompaß nicht verloren! Bei der gleichmäßigen Beleuchtung aus allen Richtungen ist ein Orientieren auf andere Weise nicht möglich.
Wir finden weitere Stellen, an denen offenbar bearbeitete HolzPfähle liegengelassen worden sind, und auf einer sehr kleinen Lichtung finden wir zwei große, eingegrabene HolzPfähle - fünf oder sechs Meter hoch, zwanzig mal fünf Zentimeter im Querschnitt. Etwa fünfzig Zentimeter unter dem oberen Ende dieser HolzPfähle ist eine Kerbe, die den Querschnitt der Pfähle auf zwanzig mal zweieinhalb Zentimeter reduziert. Weitere Holzpfähle der gleichen GrößenOrdnung liegen auf dem Boden. Wozu das ganze gut sein sollte ist nicht ersichtlich. PfahlBauten? Das Ganze sieht unfertig aus.
Wir entschließen uns, zum FahrWeg zurück zu gehen. Dabei geschieht wenigstens noch etwas erfreuliches: An einem niedrigen, palmwedelartigen Strauch hängen Stauden kleiner, gelblicher Beeren, nicht größer als MaisKörner. Routinemäßig probiere ich. Diese Beeren geben keinen ätzenden Saft von sich, wenn man sie öffnet, sondern lassen erkennen, daß sie aus zwei KeimBlättern aufgebaut sind, wie das auch bei vielen bekannten Früchten der Fall ist. Der Geschmack ist mehlig und neutral. Wir entschließen uns, soviele zu pflücken und in unseren RuckSäcken mitzunehmen, daß, wenn sie sich als eßbar herausstellen sollten, mehr als eine MahlZeit gesichert ist. Das Pflücken geht schnell, weil an einer Staude einige hundert Gramm dieser Beeren hängen. Dann erreichen wir wieder den FahrWeg. Es ist 3 Uhr, und wir marschieren weiter wie bisher. Während wir marschieren, testen wir die Beeren. Sie scheinen zu sättigen und keine toxischen Symptome hervorzurufen. Wenn das wahr ist, dann brauchen wir nur noch häufiger diese Pflanze zu finden, und viele unserer Probleme sind gelöst! Irene tauft die Pflanze 'MaisBeerenBusch'. Na gut. Irgendeinen Namen muß sie ja haben.
Um 4 Uhr erreichen wir eine Tiefe von 5400 Meter. Der Weg biegt langsam nach Osten ab, und die Ebene geht wieder in einen Hang über, der nach Norden in unbekannte Tiefen abfällt. Sowohl der Weg als auch der Hang nehmen an Steilheit zu. Aussicht gibt es leider keine, da wir nach wie vor von dem leuchtenden Nebel eingehüllt werden. Die leichten NieselRegenSchauer nehmen an Häufigkeit zu.
Um 5 Uhr Morgens haben wir 5700 Meter Tiefe erreicht. Der Hang ist nun so steil, daß der Urwald sich gerade eben halten kann. Gelegentlich sind schon wieder Felsen zu sehen, und der Weg läßt an vielen Stellen erkennen, daß tief in den Felsen hineingearbeitet werden mußte, um ihm Platz zu verschaffen.
Dann teilt sich der Weg. Die Abzweigung biegt rechtwinklig nach Norden ab und führt auf einen Grat hinaus. Wie es weitergeht, verbirgt der Nebel. Geradeaus nach Osten geht es so weiter wie bisher.
"Hm." sage ich, "ich möchte zu gerne wissen, wo der Weg hingeht. Dieser Grat sieht so aus, als ob er demnächst zu Ende ist. Vielleicht kann man das nach einigen hundert Metern schon erkennen!"
"Und was bringt uns das?" fragt Irene.
"Alles, was wir in Erfahrung bringen, 'bringt uns etwas'. Und mit je weniger Aufwand wir etwas in Erfahrung bringen, desto besser. Wenn wir nichts besonderes finden, gehen wir hierher zurück und dahin weiter." Dabei deute ich auf den Weg nach Osten.
"Kann ich nicht hier bleiben?" fragt Irene.
"Mir wäre es lieber, wenn wir zusammen blieben."
"Aber ich bin schon wieder müde. Du kannst ja zurückkommen und mich holen, wenn wir wirklich da weiter gehen wollen!"
Sie tendiert eindeutig für den weiteren Weg bergab. Na gut, warum soll ich ihr keine RuhePause gönnen? Immerhin, das Gelände ist für einen GroßSaurier zu steil, und wenn die RaubTierFauna sich durchgehend so langsam bewegt wie wir das gesehen haben, dann kann sie sich leicht vor jedem RaubTier in Sicherheit bringen.
"Okay," sage ich, "Ich gebe mir eine Stunde, ja? Das heißt, nach einer halben Stunde kehre ich um. Wahrscheinlich schon viel früher. Du bleibst hier und paßt nur auf, daß dir nichts passiert."
"Willst du den RuckSack hierlassen?"
"Nicht so gerne. Habe gerne alles dabei. Außerdem wird dann unser ErmüdungsGrad symmetrischer!"
6.2 Golgatha
Sekunden später bin ich auf dem Weg. Ohne Irene gehe ich einen Schritt rascher. Dabei merke ich, wie sehr die Temperatur zugenommen hat. Ich gerate in Schweiß.
Die Hänge dieses Grates sind schon nach hundert Metern Weges zu steil, um PflanzenWuchs zu ermöglichen. Vor mir und hinter mir scheint sich der Weg auf dem Grat im Nebel zu verlieren. Nachdem der Weg die ersten hundert Meter an Höhe verloren hat, steigt er nun wieder an. Seine Qualität und seine Breite nehmen nun deutlich ab - ein Jeep könnte hier nicht mehr fahren. Ich habe den Eindruck, daß auch dieser Weg erst aus dem Grat herausgearbeitet werden mußte.
Als ich erst zweihundert Meter zurückgelegt habe, schält sich vor mir ein breiter Buckel aus dem Grau, allerdings ein Buckel, dessen Hänge senkrecht abfallen. Das Plateau auf dem Buckel scheint kaum bewachsen. Als ich näher trete, schälen sich geometrische Formen aus dem Nebel. Solide, senkrechte Pfähle, mit waagerechten Querbalken daran, die entfernt aussehen wie ...
Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Ich glaube das nicht, was ich sehe. Welche sonderbaren Umstände haben die 2000 Jahre alten, barbarischen VollstreckungsSitten wieder zum Leben erweckt?
Als Bewohner Bayerns ist man den Anblick von Kruzifixen gewohnt. An einzelstehenden Bäumen findet man sie, und an WegGabelungen. Im Allgemeinen tragen sie ein Bild des Heilandes, und gelegentlich sind auch noch weitere Figuren einer solchen KreuzigungsDarstellung zugeordnet, die ich mangels genauer Kenntnis der Bibel nicht identifizieren kann.
Diese Darstellungen sind Ausdruck der religiösen Gefühle der Menschen und aus der Tradition und dem WerteSystem des Christentums und der Biographie seines Begründers heraus zu verstehen. So nimmt auch niemand daran Anstoß, daß es sich um die Darstellung einer grausamen HinrichtungsMethode handelt. Niemand aus dem europäischen KulturKreis käme auf die Idee, hinter solchen Darstellungen etwa SchadenFreude oder Sadismus zu vermuten. Deshalb haben wir uns an die KreuzigungsDarstellungen gewöhnt, deshalb, und weil man sich sowieso so leicht an alles gewöhnt.
Aber in eine echte Kreuzigung hineinzugeraten ist etwas anderes. Diese Kreuze da vorne sind keine religiösen Darstellungen. Sie sind groß - fünf bis sechs Meter hoch, der QuerBalken ist einen halben Meter unter dem oberen Ende befestigt und über zwei Meter lang, passende Scharten verkeilen die beiden HolzTeile miteinander, Seile verhindern das AuseinanderRutschen.
Die Kadaver - menschliche Kadaver - sind mit Seilen befestigt, wobei die Seile die Zeit besser überstanden haben als die Verurteilten. Diese sind in den verschiedensten Stadien der Mumifizierung oder Verwesung. Einige Leichen sind teilweise schon aus der SeilFesselung herabgefallen. Auf dem Boden des KreuzigungsPlateaus liegen deshalb viele LeichenTeile und noch mehr Knochen, die schon keinerlei WeichTeilReste mehr aufweisen.
Vorsichtig betrete ich das Plateau, mein gezogenes Messer umklammernd. Zwei Vögel fliegen mit schwerem FlügelSchlag von einem der Kreuze weg. Ich betrachte die Hingerichteten genau, zwinge mich dazu. Nicht, daß ich vor den Toten Angst hätte. Aber der Schreck ist mir allgemein in die Glieder geschossen, und dabei ist es ein gutes HeilMittel, eine Waffe in der Hand zu halten. Außerdem besteht ja auch die Möglichkeit, einem lebenden Wesen zu begegnen. Obwohl ich nicht weiß, wie ich mich gegenüber einem ganzen HinrichtungsKommando wehren sollte.
Das Plateau ist nach allen Seiten von steil anfallenden Wänden begrenzt. Der Weg ist damit zu Ende. Ich kann mit einem Blick übersehen, daß ich hier der einzig Lebende bin. Trotzdem suche ich das ganze Plateau ab.
Es sind elf stehende VollstreckungsKreuze. Davon sind zwei unbenutzt. Auf einem Haufen an der Seite liegen weitere sieben Kreuze gestapelt, außerdem liegen da etliche HolzPfähle durcheinander, die vielleicht einmal BestandTeil eines VollstreckungsKreuzes waren. Weiterhin liegen am Rande des Plateaus, achtlos auf einem Haufen, SeilStücke verschiedener Länge.
Dann gehe ich den Rand des nur etwa 50 Meter durchmessenden Plateaus ab. Ich habe den Verdacht, daß man gelegentlich, wenn hier zuviele LeichenTeile rumliegen, das Zeug einfach alles in die Tiefe wirft. Es weist nichts darauf hin, aber dafür finde ich einen Pfad, genau gegenüber der Stelle, an der ich das Plateau vom GratWege aus betreten habe. Dieser Pfad windet sich abenteuerlich die senkrechte NordWand hinunter. Die Bewohner dieser Welt scheinen ihren Spaß an höhenschwindelfähigen Situationen zu haben. Ich lasse meinen Blick noch einmal über das ganze Plateau gleiten - Naja, HöhenSchwindel ist offenbar nicht das einzige, woran sie Spaß haben.
Jedenfalls habe ich alles gesehen. Deshalb mache ich mich wieder auf den RückWeg. Es dauert keine zwei Minuten, bis ich wieder an der WegGabel bin, an der Irene auf mich wartet.
"So schnell?" wundert sie sich. Mit knappen Worten erzähle ich ihr, was ich gesehen habe.
"Wenn du es nicht glaubst, dann gehen wir nochmal zusammen hin und sehen es uns an! Es ist nicht weit!" beende ich meinen Bericht. Sie beschließt, mir lieber zu glauben.
"Aber was nun?" fragt sie ratlos.
"Ich weiß nicht." sage ich, genauso ratlos. "Und schon gar nicht weiß ich, womit man diese Leute so auf die Palme bringt, daß sie einen auf diese Weise bestrafen. Wenn wir ihnen begegnen sollten, dann müssen wir verdammt vorsichtig sein. Übrigens, erinnerst du dich an die großen HolzPfähle im 'Obstgarten'? Das müssen auch VollstreckungsKreuze gewesen sein. Wesentlich ältere."
Nach einigen weiteren Erörterungen, die absolut keine neuen GesichtsPunkte bringen, setzen wir unseren Weg fort. Was bleibt uns auch sonst übrig?
Wir marschieren schweigend. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach. Wahrscheinlich denkt Irene an ähnliches wie ich: Die vielen Methoden, mit denen diese Welt uns ans Leben kann: Abstürzen, Verhungern, vergiftet werden, gefressen werden, hingerichtet werden, was noch? An AltersSchwäche sterben, wenn wir hier nicht mehr rauskommen sollten. Der Vollständigkeit halber. - An LangeWeile sterben ist eher unwahrscheinlich.
Der Hang wird immer steiler, und auch der steile FahrWeg belastet unsere Knie nicht unerheblich. Um 7 Uhr unterschreiten wir eine Tiefe von 6000 Metern. Der Weg windet sich jetzt an einer senkrechten Wand ohne Vegetation herunter. Erstmalig werden wieder kurze WegStücke im Tunnel geführt, so wie wir das schon kennen. Das ist uns durchaus angenehm, da wir immer häufiger von plötzlichen, warmen Schauern durchtränkt werden. Unsere ganze Ausrüstung ist schon feucht, und wenn diese RegenHäufigkeit so bleibt, dann wird die Feuchtigkeit den letzten Winkel unserer RuckSäcke erreichen.
Nur wird der Hang allmählich überhängend, was sich zunächst darin äußert, daß wir wieder seltener von RegenTropfen erreicht werden. Aber überall dort, wo der Weg noch außen am Felsen entlang führt, wo er also in Form einer großen Rille aus dem Felsen herausgearbeitet worden ist, kann man nur Zentimeter neben einem grauwirbelnden Abgrund gehen - es gelingt nicht mehr, die FelsWände unterhalb des Weges und unterhalb des eigenen StandPunktes zu sehen. Da geht es einfach in die Tiefe, senkrecht hinunter in den Nebel hinein.
Der Winkel der ÜberHangNeigung überschreitet 45 Grad. Als wir um eine Biegung herumgehen, stehe wir vor einer neuen AlpTraumKonstruktion: Der Weg geht wieder in eine HängeBrückenKonstruktion über.
Diesmal jedoch ist die Konstruktion für die Benutzung durch Wagen entworfen. Man stelle sich stabile HolzPlanken vor, vierzig bis fünfzig Zentimeter breit und fünf Zentimeter dick. Davon jeweils zwei parallel, im Abstand der Räder eines gewöhnlichen PKWs. In Abständen von etwa acht Metern gibt es eine QuerPlanke, die diese beiden FahrSpuren in konstantem Abstand hält.
Diese ganze Spur ist nach Art einer HängeBrücke an Seilen aufgehängt. Allerdings führen diese Seile vom Rand der FahrSpur nicht senkrecht nach oben wie bei einer gewöhnlichen HängeBrücke, sondern in einem Winkel von wechselnd 30 bis 45 Grad nach außen. Dabei enden diese TrageSeile entweder an massiven EisenKrampen, die in die FelsDecke geschlagen worden sind, oder sie sind mit einem dicken TrageSeil verbunden, das einen weiten Abstand überspannt und seinerseits dann um so fester mit dem Felsen verbunden ist.
Die verwendeten Seile sind nicht aus Stahl, so wie bei der SeilBrücke, die wir schon überwunden haben. Wahrscheinlich wegen der Feuchtigkeit. Die ganze Anlage macht einen intakten und gewarteten Eindruck - da habe ich schon Schlimmeres erlebt, etwa in Schottland auf der Insel Skye: Das war eine SeilBrücke, aus der Fetzen von SeilStücken und ganze Planken heraushingen. Das ist hier überhaupt nicht der Fall.
Ich lese UhrZeit und HöhenMesser ab. Es ist 8 Uhr, und wir sind in 6200 Meter Tiefe.
"Müssen wir da hinüber?" fragt Irene.
"Ja. Aber wir können durchaus eine Pause machen. Wir sind schon acht Stunden unterwegs. Allerdings weiß ich nicht, wo wir uns hier verstecken können, wenn jemand kommt."
"Ich bin noch nicht müde. Aber Pause ist okay!" strahlt Irene mich an. Also entschieden: Wir machen eine Pause.
6.3 HängeStraße
Es ist eigentlich nicht gefährlich. Die Planken sind nie besonders steil, und fünfzig Zentimeter Breite ist eigentlich ausreichend, um sicher darauf zu gehen. Die TrageSeile sind allerdings außerhalb der ReichWeite der Hände - Festhalten geht nicht. Und die FahrSpuren zu wechseln ist auf den nur zwanzig Zentimeter breiten AbstandHaltern, deren Festigkeit wir auch nicht kennen, nicht anzuraten, und auf den TrageSeilen, die unter beiden FahrPlanken durchgeführt sind, trauen wir uns auch nicht zu balancieren. Wir sind ja keine SeilTänzer. Springen kommt auch nicht in Frage. Wir benutzen deshalb beide die linke FahrSpur und sind damit für die gesamte Länge der Brücke darauf festgelegt.
Die eine Stunde Pause, in der wir den größten Teil unseres MaisBeerenVorrates verfuttert haben, hat uns gut getan. Das ist auch notwendig, denn jetzt ist Konzentration angesagt.
Die Brücke schwankt kaum merkbar, während wir auf ihr gehen. Der weit überhängende Felshang entwickelt sich jedoch bald zu einer unebenen FelsDecke. Eine merkwürdige Landschaft: FelsenEbene im Nebel, nur eben auf dem Kopf stehend.
Die Brücke - oder der HängeWeg, oder wie man sonst noch eine solche Konstruktion nennen mag, man müßte sich wirklich mal weitere Bezeichnungen ausdenken - ist lang, und langsam verlieren wir weiter an Höhe. Der Weg schlängelt sich um alle größeren Unebenheiten der Felsdecke herum, jeder konstruktiven BrückenBauHerausforderung, die man nicht unbedingt annehmen muß, ausweichend. Ich sehe selten auf den HöhenMesser, denn ich möchte ihn auch nicht verlieren: Was uns hier aus der Hand fällt, das sehen wir nie wieder, wenn es nicht zufällig auf der Planke liegenbleibt. Gefährlicher: In einer ReflexBewegung, um den Gegenstand aufzufangen, könnte man das Gleichgewicht verlieren.
Um 10 Uhr haben wir eine Tiefe von 6350 Metern erreicht, um 11 Uhr sind es 6500 Meter. Phantastisch: Diese Brücke zieht sich schon etwa acht Kilometer hin! Allmählich bedauern wir, daß wir vorher keine ausgedehntere Pause gemacht haben.
Dann geschieht endlich etwas Neues: Wir erreichen eine Abzweigung. In rechtem Winkel zu unserem Weg zweigt eine HängeBrücke gleicher Bauart von unserem Kurs ab. Noch innerhalb der SichtWeite, die der dünne Nebel uns läßt, sehen wir, daß der Abstand zwischen den Planken des abzweigenden Weges und der FelsDecke geringer werden. Wir entschließen uns, dem nachzugehen.
"Hoffentlich nicht wieder eine HinrichtungsStätte!" sagt Irene.
"Wohl kaum. Der ganze Weg ist doch eine HinrichtungsStätte: Man braucht die Delinquenten ja nur runterzuschubsen!"
"Du hast eine perverse Phantasie!"
"Ich denke nur an das naheliegende!" wehre ich mich, "auch für eine paranoid grausame Gesellschaft gilt, daß unnötige Anstrengungen vermieden werden. Wenn also irgendjemand den Aufwand tätigt und die Delinquenten bis zu der KreuzigungsStätte bringt, die ich gesehen habe, dann ist es ziemlich sicher, daß hier nichts dergleichen geschieht!"
"Ausgenommen den Fall, daß hier die HinrichtungsStätten so häufig sind wie bei uns die StraßenSchilder." erwidert sie. Ich weiß darauf nichts zu sagen. Hat es nicht auch in MittelEuropa Zeiten gegeben, in denen der Galgen am DorfAusgang ein vertrauter Anblick war?
Wir brauchen dem abweigenden Weg nicht lange zu folgen, um herauszukriegen, worum es sich handelt: Als die Planken der FelsDecke näherkommen, öffnet sich dort ein drei Meter breites und vielleicht siebzig Meter langes Loch. In diesem Loch steigen die Planken über das Niveau der FelsDecke an. Wenig später stehen wir in einer Höhle, die nur spärlich durch das Licht, das durch das längliche Loch von unten hereindringt, erleuchtet wird. Für eine weitergehende Erforschung dieser Höhle müßten wir unsere DynamoLampen auspacken.
Doch das ist wohl unnötig. Ich sehe, worum es sich handeln könnte:
"Eine StraßenMeisterei!" sage ich und deute auf die Materialien, die auf dem FelsBoden, der im Durchschnitt nicht mehr als ein Meter dick zu sein scheint, aufgestapelt sind: HolzPlanken, SeilRollen und zackige, schwere MetallTeile.
"Wir könnten uns jetzt vielleicht mit Seilen versehen!" überlege ich laut.
"Wenn du glaubst, daß ich jetzt anfange, noch eine SeilRolle zu schleppen, dann hast du dich geschnitten!" protestiert Irene.
"Schon gut! Behalten wir die Idee im HinterKopf - für den RückWeg."
Wenn wir überhaupt jemals wieder hier vorbeikommen, füge ich im Stillen hinzu, aber ich behalte es für mich. Wir verlassen die StraßenMeisterei oder die BrückenMeisterei-Höhle wieder und folgen wenig später wieder unserem gewohnten Weg, der HängeBrücke entlang.
Zu spät denke ich daran, daß ich mir die MetallTeile hätte genauer ansehen müssen - GußEisen, oder SchmiedeEisen, oder gar Stahl? Korrodiert oder nicht? Es ist immer mein Fehler, nicht genau genug zu beobachten. Und gerade hier sollten wir alles in Erfahrung bringen, was man durch bloßes Beobachten erfahren kann. Wer weiß, wann es uns nützlich sein kann. Aber dann habe ich auch gleich wieder die Beruhigung für mein Gewissen: Es war in dem Loch ja sowieso zu dunkel.
"Ist der Wind nicht stärker geworden?" fragt Irene nach einer Weile schweigenden Marschierens.
"Hmh. Weiß nicht." Ich habe tatsächlich nicht darauf geachtet, auch darauf nicht. Aber jetzt, wo Irene es sagt, kommt es mir auch so vor. Allerdings ist bei der schwülen Hitze jeder Luftzug angenehm.
Die Brücke macht Geräusche. Als wir losgingen, war nur gelegentlich das Knarren von Seilen zu hören, das von Knoten ausging oder von den Stellen, wo die Planken von den Seilen getragen werden. Die Konstruktion ist so stabil, daß unser Gewicht praktisch keine Rolle spielt. Jetzt aber gehen von der gesamten Länge der Brücke Geräusche aus, die an ein altes SegelSchiff erinnern, das in einem leichten Wind an der AnkerKette schwoit. Ein SegelSchiff ist nie ganz ruhig, und jetzt ist es die Brücke auch nicht. Aber das Geräusch ist nicht beunruhigend. Bei dieser Bauart ist eine ständige GeräuschKulisse zu erwarten.
Nun aber, einmal darauf aufmerksam gemacht, achte ich ständig darauf. Der vorherrschende Wind kommt von links, bei unserer etwa östlichen MarschRichtung heißt das, er kommt von Norden. Aber da der Nebel in keiner Richtung eine Sicht von mehr als hundert bis zweihundert Metern zuläßt, sind irgendwelche WetterBeobachtungen nicht möglich - abgesehen davon, daß ich sowieso Schwierigkeiten hätte, WetterErscheinungen unter den Bedingungen dieser Höhle zu interpretieren oder gar vorauszusagen.
Trotz der schlechten Sicht scheint allerdings gelegentlich das Grau unter uns dunkler als das Grau in horizontalen Richtungen. Ob wir uns einer UnterGrenze der Wolken nähern? Ich inspiziere mal wieder Uhr und HöhenMesser: 12 Uhr und 6700 Meter Tiefe.
Wir hätten nichts dagegen, allmählich wieder festen Grund unter die Füße zu bekommen.
Eine weitere halbe Stunde später ist dieser Wunsch sehr ausgeprägt geworden: Der Wind hat so zugenommen, daß die FahrPlanken deutlich schwanken. Wir sind noch nicht in echter Gefahr, solange wir konzentriert gehen, aber auch eine geringe UnfallWahrscheinlichkeit multipliziert mit einem hinreichend großen Zeitraum bedeutet eine sehr konkrete Bedrohung.
Die Geräusche der Brücke sind sehr laut geworden. Der Wind pfeift um die Seile, Knarren und Quietschen scheint von jedem Knoten und von jeder Verbindung auszugehen, manchmal zucken die Planken unter den Füßen, als ob irgendwo in der SeilVerspannung ein Knoten nachgelassen hat.
Ich spiele häufiger mit dem Gedanken, umzukehren und in der BrückenMeisterei Schutz vor dem Wind zu suchen. Wahrscheinlich überlegt Irene ähnliches, auch wenn sie nichts sagt. Aber bis dahin zurückzugehen, das ist inzwischen auch schon wieder eine ganz ordentliche WegStrecke. Wahrscheinlich würden wir es tun, wenn es sich nur um wenige hundert Meter handelte.
Unter unseren Füßen ziehen dunkle Flecken vorbei. Ab und zu scheinen da richtige Lücken in den Wolken aufzureißen, und ich habe kurz und undeutlich Eindrücke von Landschaften genau unter uns: Bewaldete Höhen, ein mäandernder Fluß, einzelne Bäume, alles sehr, sehr weit weg, also tief unter uns. Einige Kilometer mindestens. Wenn mich meine Augen nicht täuschen, dann ist die ganze Höhle, zusammen mit den 7000 Metern Tiefe, die wir bald erreichen werden, größenordnungsmäßig zehn Kilometer tief! - Ich kann es nicht glauben.
Und wieder mache ich überschlagsmäßige Statik-Berechnungen. Eine kilometerweite FelsDecke gibt es nirgendwo anders auf der Welt. Ich denke an die BrückenMeisterei: Ob man bei deren Bau daran gedacht hat, daß der Fels an der Stelle von ZugKräfteFeldern durchsetzt sein muß, die man durch die Auskerbung dieser Höhle lokal verstärkt?
Durch einige dieser flüchtigen WolkenLücken sehe ich, daß in unserer MarschRichtung sich aus den mittelgebirgsartigen Bergen unter uns höhere Berge herausheben, die von alpinen Felsenzonen gekrönt werden. Einer davon, in MarschRichtung, ist so hoch, daß ich seinen Gipfel überhaupt noch nicht zu Gesicht bekommen habe.
6.4 WeltHöhle
Schon eine ViertelStunde später weiß ich, warum: Dieser Berg geht in eine Säule über, die sich offenbar mit der FelsDecke, unter der wir entlangmarschieren, verbindet. Ich kann das immer deutlicher sehen, weil wir allmählich die 7000 Meter Tiefe erreichen und um 13 Uhr unterschreiten. Als die WolkenFetzen uns auch die Sicht seitlich nicht mehr versperren, weitet sich die Aussicht innerhalb weniger Minuten ins Gewaltige aus:
Wir stehen in der Tat einige tausend Meter über einer MittelGebirgsLandschaft, deren Berge aus dieser Perspektive flach aussehen, obwohl auch dort relative HöhenUnterschiede bis an die tausend Meter und mehr vorkommen mögen. Schräg unter und hinter uns windet sich ein großer Strom durch teilweise steile Täler. An anderen Stellen durchfließt er aber auch SchwemmLand - Täler mit ebenem Grund. Die Landschaft ist jedenfall sehr abwechselungsreich, von lieblich bis wild und unbegehbar.
Vor uns nehmen die Berge alpine Formen an, und einige gehen in Säulen über, von denen die, die genau in MarschRichtung liegt, sich offensichtlich mit unserer FelsDecke verbindet. Die anderen Säulen verschwinden in der WolkenDecke.
Doch zwischen den Säulen kann man in die Ferne sehen - weit in die Ferne. Ich habe den Eindruck, daß es in einigen Richtungen hunderte von Kilometern sind. Überall gibt es diese Säulen, die vom Boden einer gemäßigteren Landschaft bis in die Wolken aufsteigen. In größeren Abständen zu diesen Säulen tendiert die Landschaft zu Mäßigung.
Links von uns, im Norden, liegt ein See, dessen jenseitige Ufer wir nicht sehen können. Der Fluß, der fast unter uns liegt, fließt dorthin, und es sind vielleicht zwanzig bis dreißig Kilometer bis zu dessem diesseitigen Ufer. Dieser See schlängelt sich, Kilometer breit, für Dutzende von Kilometern zwischen den HochGebirgs- und SäulenZonen dahin, soweit die Sicht reicht.
Rechts von uns, im Süden, scheint die Lanschaft durchgehend dichter bewachsen - man hat den Eindruck, als ob der Dschungel für Dutzende von Kilometern keine einzige Lichtung hat, wenn man von den HochGebirgsZonen in der Nähe der Säulen absieht. Auch nach Süden ist nirgens ein endgültiges Ende der Höhle zu sehen, aber in vielleicht zehn bis fünfzehn Kilometern Entfernung versperrt eine tiefliegende WolkenSchicht den weiteren Blick auf die Landschaft darunter. Von dort an bis in verschwimmende Fernen sieht man nur die gewaltigen FelsSäulen, die aus der unteren WolkenSchicht hervorragen und in der WolkenSchicht über uns verschwinden. Gelegentlich sind auch vereinzelte BergGipfel zu sehen, die diese untere WolkenSchicht durchstoßen.
Die WolkenSchicht über uns, die wir jetzt durchwandert haben, scheint sich umfassend und lückenlos über diese gesamte Welt zu erstrecken. Da sie sich knapp über unserer Höhe befindet, haben wir den Eindruck, uns in der Nähe der Decke einer immensen Halle zu befinden. Aber wenigstens sieht diese WolkenDecke, von unten betrachtet, wie eine gewöhnliche, hochliegende WolkenDecke an der ErdoberFläche aus. An einigen Stellen hängen Schleier aus dieser WolkenSchicht, die wir unschwer als Regenschauer identifizieren. Nicht alle erreichen den Boden, dafür sind an vielen Stellen über dem Boden treibende, weiße NebelFetzen zu beobachten. Mit einem Blick sieht man, daß das DurchschnittsWetter überall feucht und schwülwarm ist.
Interessant ist auch, daß die Beleuchtung nicht überall gleich stark ist. Im Norden, über dem See, liegt wesentlich mehr Licht als dort, wo wir uns befinden. Man hat fast den Eindruck, als ob, an einer unserer Sicht durch einige der Säulen entzogenen Stelle die Sonne durch die Wolken bricht. Aber das ist natürlich nur eine Illusion - wir haben uns in den letzten Tagen an die geringe BeleuchtungsStärke so gewöhnt, so daß uns leichte HelligkeitVariationen schon viel mehr auffallen müssen. Wenn meine Hypothese von der geothermischen EnergieVersorgung des WetterSystems in diesen Höhlen richtig ist, dann kann nirgends eine größere LeuchtDichte als ein oder höchstens einige Watt pro QuadratMeter herrschen.
Vor uns, die SäulenGruppe, auf die wir zumarschieren, hinter uns, in größerer Entfernung, eine SäulenGruppe, aus deren Richtung wir kommen. Das muß ungefähr unter der Gegend sein, die wir in dieser Unterwelt als erste betreten haben. Das heißt aber auch, daß manche dieser Säulen eine Höhe von vollen zehn Kilometern haben, bei einem DurchMesser von einem bis drei Kilometern.
Irene hat wie ich angehalten. Dieses Bild muß man erst einmal verdauen, auch, wenn man dauernd damit beschäftigt ist, das GleichGewicht zu behalten.
"Ich glaube es nicht," sagt sie, "ich glaube es einfach nicht!"
"Was soll ich erst sagen," entgegne ich, und versuche, die Situation ins Komische zu ziehen: "ich weiß, daß so eine Welt nicht existieren kann! Nach allem, was Geologie und Physik sagen, gibt es das hier einfach nicht!"
Geologie und Physik und GesteinsKunde und Statik. Wie sollen Höhen und lichte Weiten mit Abmessungen, die mehr an zehn als an einem Kilometer liegen, stabil sein, wenn das 'BauMaterial' gewöhnlicher Fels ist? Höhlen im KubikKilometerBereich war ich noch bereit zu akzeptieren. Das war das äußerste. Aber das hier?
"Irene, was wir hier sehen, ist so groß wie ganz OberBayern! Ach was, größer!"
Läßt sie diesen Gedanken auf sich wirken? Von Füssen bis Altötting, von Bozen bis IngolStadt, die gesamte bayrische Landschaft steht und stand schon immer über einer urweltlichen Landschaft, die man sich in der kühnsten Phantasie nicht ausdenken kann. Wer weiß? Vielleicht gehen die Höhlen noch viel weiter als wir es hier sehen können? Ist vielleicht ganz Europa unterhöhlt? Aber es gibt doch auch in Europa an vielen Orten ÖlBohrungen und BergWerke! Wenn diese Höhlen tatsächlich so ausgedehnt sind, dann hätte man sie doch längst per Zufall entdecken müssen!
Wir gehen wieder weiter. Zwar wird der Wind nicht mehr stärker, aber irgendwann müssen wir uns ausruhen. Ich nehme an, daß wir an der Säule, auf die wir uns zubewegen, absteigen können. Es sind vielleicht noch etwa zwei Kilometer, und die FelsDecke über uns senkt sich dorthin deutlich ab. Sie scheint fast einen Kilometer breit zu sein, bevor sie rechts und links wieder in den Wolken verschwindet, und hinter uns ist sie hinter der WolkenSchicht, aus der wir gerade gekommen sind, auch nicht mehr zu sehen.
Der hängende FahrWeg steuert die linke Seite der nächsten Säule an. Diese ist unregelmäßig geformt, wie wir im NäherKommen bemerken. Der Weg nähert sich der SäulenWand in spitzem Winkel, wobei die FelsenDecke zusehends von der Horizontalität abweicht. Wahrscheinlich wird sich die BauForm des Weges bald wieder ändern. Hoffentlich. Wir haben, nach über dreizehn Stunden Marsch, eine Pause nötig.
Ein Vorsprung, oder ein Grat, oder eine Falte oder wie immer man diesen VorSprung der Säule nennen will schiebt sich langsam an unserer Rechten vorbei. Aus schwindelerregendem steilen Winkel sehen wir in die FelsWände hinunter. Dabei habe ich plötzlich den Eindruck, als ob sich da unten etwas bewegt. Aber ich sage nichts, weil ich glaube, mich geirrt zu haben. Wozu Irene beunruhigen. Oder mich selbst.
Dann jedoch sehen wir, daß wir demnächst eine Abzweigung erreichen werden. Nach rechts, von unserem hängenden FahrWeg abzweigend, führt eine weitere HängeBrücke. Diese besteht aber nur aus Seilen und ist wohl kaum für Fahrzeuge brauchbar. Die Konstruktion kennen wir schon: Ein dickes TretSeil und zwei HandSeile, gelegentlich mit kurzen SeilStücken miteinander verbunden und immer mit einem hängenden Bogen von fünfzig bis hundert Metern auf den SäulenGrat zuführend. Das SeilMaterial ist das gleiche wie bei unserem FahrWeg.
"Halt mal an," sage ich. Ich muß mal genauer hinschauen.
Die abzweigende SeilBrücke scheint dort, wo sie die SäulenWand erreicht, in einen abwärts führenden KletterSteig überzugehen. Das ist so ungefähr fünfhundert Meter zu unserer Rechten der Fall. Der KletterSteig wird ab und zu tatsächlich durch PfadStücke unterbrochen. Kaum glaubhaft, daß in der steilen Wand immer noch Stellen sind, wo man sich ohne technische HilfsMittel kletternd bewegen kann. Das wird durch die Unregelmäßikeit der Wand bewirkt, es gibt genauso viele Stellen, wo ÜberHänge einem Kletterer unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen würden. Deshalb ist der Weg abwärts eine wechselnde Folge von KletterSteigen und ungesicherten PfadStücken.
Dabei, der Tradition von allem folgend, was wir schon gesehen haben, ist es für das WegLassen jeder Sicherung ausreichend, wenn man irgendwelche Griffe hat, an denen man sich sicher halten kann, auch, wenn man einen Kilometer Luft unter dem Hintern hat. In den Alpen würde man so etwas noch nicht 'gesicherter KletterSteig' nennen.
Ich folge mit meinem Blick den Pfad abwärts, was nicht ganz einfach ist, weil er sich an vielen Stellen kaum vom Fels rechts oder links des Weges unterscheidet. Aber dann sehe ich es: Menschen!
6.5 GefangenNahme
Ich versuche, Irene drauf aufmerksam zu machen. Sie sind vielleicht etwas mehr als tausend Meter unter uns, und wenn man eine Weile hinsieht, dann stellt man fest, daß sie aufwärts klettern. Es handelt sich um etwa acht oder zehn Menschen. Weitere Einzelheiten kann man nicht erkennen. Wir halten uns nicht damit auf, sie zu zählen:
"Die werden die WegAbzweigung da vorne erreichen!" zeige ich Irene, "also, in welche Richtung machen wir uns davon?"
Überflüssige Frage. Zurück hieße, dem elendiglich langen HängeFahrWeg wieder für Stunden zu folgen. Außerdem wird das genau die Richtung sein, die diese Leute auch einschlagen werden, weil ihre generelle Richtung ja nach oben ist. Wir aber werden, wenn wir dem FahrWeg weiter wie bisher folgen, an Höhe verlieren.
Beim WeiterGehen legen wir einen Schritt zu, obwohl das eigentlich unnötig ist. In dem Gelände, das die Gruppe da unten noch zu durchqueren hat, kann man nur sehr langsam vorwärts kommen. Es wird noch Stunden dauern, bis sie diesen Fahrweg an der Abzweigung betreten, die wir nach wenigen Minuten wieder hinter uns lassen.
Allerdings ist es möglich, daß sie uns schon gesehen haben. Auch wenn sie aus der Ferne keine Einzelheiten erkennen können, wissen wir denn, ob eventuell aus irgendeinem Grund sich hier im Moment gar keine Menschen aufhalten können, so daß wir uns sofort verdächtig machen? Ich denke an die verlassene Stadt. Ein verbotenes Gebiet? Ein Gebiet, das nur Auserwählte betreten dürfen? Eventuell, um die Bewohner des TiefLandes, das wir jetzt so weit um uns herum sehen, davon abzuhalten, zur ErdoberFläche zu gelangen? - Eine Hypothese von vielen.
Unser HängeFahrWeg nähert sich der Säule. Die FelsDecke wird sehr uneben und unregelmäßig. Eine große, gewölbeartige Einbuchtung muß mit einer mehr als hundert Meter überspannenden Brücke überwunden werden. Der Fels ist für ein paar Minuten wieder einige hundert Meter über unseren Köpfen und bildet einen Dom. Unsere Stimmen hallen, wenn wir nach oben sprechen, und sie verfliegen ins Leere, wenn wir das nach unten tun. Aber die Brücke ist sauber und vertrauenerweckend ausgeführt: sie schwankt nicht mehr als der bisherige FahrWeg. Dann nähern wir uns einer Stelle, wo der FahrWeg in einen FelsenBogen hineinführt, ein natürliches Portal, gewissermaßen.
Tatsächlich. Wir haben es geschafft. Der Weg geht wieder in einen aus dem Felsen gearbeiteten Fahrweg über. Sein Gefälle ist vielleicht 15 Grad, und wir können die kletternden Menschen von hier aus nicht mehr sehen. Es ist 14:30 Uhr, und der HöhenMesser nähert sich der zweiten Umrundung der Skala. Umgerechnet sagt er, daß wir uns in 7300 Meter Tiefe befinden.
Der FahrWeg hat sogar den Luxus einer RandMauer. Die SicherheitsZunahme der Vorwärtsbewegung von einem Moment zum anderen ist fast berauschend. Soviel Grund, uns einem FreudenTaumel hinzugeben, haben wir natürlich nicht: Der Hunger meldet sich schon wieder ganz dringlich, und wir haben nichts mehr, außerdem machen sich mehr als 14 Stunden Marsch in unseren Beinen deutlich bemerkbar. Wegen des Hungers möchte ich an Ort und Stelle keine Rast oder gar SchlafensPause einlegen, außerdem habe ich das Gefühl, daß hier schon häufiger mit Menschen - oder was für Wesen diese Gegend auch immer bewohnen - zu rechnen ist. Der RückWeg ist uns ja schon versperrt, wenn wir diese Begegnung vermeiden wollen.
Da der FahrWeg wesentlich steiler als der Hängende Weg ist, verlieren wir nun rasch weiter an Höhe: Um 15 Uhr sind wir in 7600 Metern Tiefe, und um 16 Uhr sind es 8100. Der HöhenMesser geht in seine dritte Runde.
Der Weg ist die meiste Zeit rillenartig in den Fels hineingearbeitet, nur gelegentlich durch kurze TunnelStücke unterbrochen. Wir zählen bis 16 Uhr insgesamt sechs Kehren. Erst nach 16 Uhr, als wir die 8000 Meter unterschritten haben, wird der Hang weniger steil, und bald zeigen sich auch wieder VegetationsReste: Farne, Mose, allerlei Gebüsch. Immer noch tief unter uns das undurchdringliche Grün eines dampfenden Dschungels, an einer Stelle so durchbrochen, als ob eine schmale, aber sehr tiefe Schlucht parallel zu unserer Straße läuft.
Und es ist verdammt schwül und warm. Ich schätze, daß es 27 Grad bei hoher LuftFeuchtigkeit sind. Selbst die gelegentlichen RegenSchauer bringen kaum eine Kühlung, aber es ist natürlich besser als nichts.
Ich rechne damit, daß es bald möglich ist, den Weg zur NahrungsSuche und zum Finden eines SchlafPlatzes zu verlassen. Noch ist das zu sehr mit Kletterei verbunden.
Dann höre ich das Klirren von Metall auf Stein. Es muß hinter der nächsten Biegung sein, die in etwa achtzig Metern Entfernung vor uns den weiteren Verlauf des Weges unseren Blicken entzieht.
"Irene, da hinauf!" flüstere ich heftig. Irene erschrickt. Sie hat nichts gehört, aber meine Reaktion sagt ja deutlich genug, was uns droht.
Wir können uns einen guten Aufstieg nicht mehr aussuchen. Eine geriffelte Scharte ermöglicht uns, innerhalb weniger Sekunden eine Höhe von vielleicht sieben Metern über dem Boden der Straße zu erreichen. Aber da ist nur ein Sims, der so schmal ist, daß er uns unmöglich vollständig vor den Blicken von der Straße schützen kann. Außerdem ist kaum Platz für uns beide. Wir kauern uns hin so gut es eben geht. Da sind noch einige Sträucher, die sich an dem abschüssigen Fels festhalten. Wenn diese etwas größer wären, dann wäre das jetzt sehr nützlich.
Die letzten Steinchen, die wir losgetreten haben, kommen endlich auf der Straße zur Ruhe.
"Sei leise!" flüstere ich, "beweg dich nicht mehr!"
Wir bewegen uns nicht mehr. So gut es eben geht. Unser Halt ist nicht besonders sicher. Hoffentlich muß keiner niesen oder husten.
Wir liegen zueinander gewandt auf dem Sims, so daß wir uns sehen können. Meine BlickRichtung ist wegabwärts, also dahin, von wo der Laut gekommen ist, Irene sieht in die GegenRichtung.
Und dann kommen sie um die WegBiegung. Es ist eine größere Gruppe als die, die wir vorhin von weitem den KletterSteig haben hinaufsteigen sehen. Es dauert eine ganze Weile, bis alle in Sicht sind.
Es sind Menschen wie wir, äußerlich wenigstens. Also wenigstens keine Monster. Allerdings war das eigentlich schon durch die LeichenReste an der KreuzigungsStätte klar. Aber abgesehen davon, daß wir und diese Gruppe zur selben Spezies gehören, machen diese etwa vierzig Menschen einen seltsamen, fast theatralischen und fremdartigen Eindruck.
Die Hälfte sind Frauen. Jung, hochgewachsen, selbstbewußt daherschreitend, trotz der Steigung. Sie sind durchtrainiert, in besserer körperlicher Verfassung als wir das aus unserer eigenen Umgebung von Frauen gleichen Alters gewohnt sind. Der routinierte FreizeitSportler hat einen Blick für solche sportmedizinischen Einschätzungen.
Die Kleidung ist seltsam: Eine Art Minirock aus LederStreifen, zusammengehalten durch einen stabilen LederGürtel, an dem noch allerlei AusrüstungsGegenstände hängen. Außerdem trägt jede Frau ein Schwert und einen Bogen.
Die OberkörperBekleidung besteht aus einer LederWeste, die roh und stabil geschneidert ist. Sie ist nicht schließbar, was Einblicke auf die Brüste dieser Frauen ermöglicht. Von UnterWäsche scheinen sie nicht viel zu halten. Das ist umso merkwürdiger, weil innerhalb dieser Westen offenbar noch weitere Gegenstände getragen werden - Messer oder so etwas. Das muß doch scheuern. Aber ich kann nichts genaueres erkennen.
Diese offenherzige Bekleidung scheint aber nicht dazu gedacht zu sein, attraktiv oder gar erotisch zu wirken. Dazu ist der Schnitt zu primitiv. Auch bewegen sich diese Frauen nicht so, wie man es erwarten würde, wenn sie darauf aus wären, die Aufmerksamkeit von Männern auf sich zu ziehen, also etwa hüfteschwingend und was dergleichen mehr. Keinerlei erotische Ausstrahlung. Ihr Schritt ist energisch und selbstbewußt, fast möchte man sagen, militärisch gedrillt. Allerdings impliziert dieses Wort die Vorstellung von GleichSchritt. Im GleichSchritt gehen sie nicht.
Ich erinnere mich an eine Verfilmung des Romanes 'Slave Girl of Gor', in dem die HauptDarstellerinnen in einer konzeptuellen Mischung von ReizWäsche und KampfAusrüstung durch die glühende Sonne der Wüste liefen. Das war zwar recht nett anzusehen, aber völlig unrealistisch. Die VölkerKunde zeigt, daß sich die Menschen südlicher Länder vor der Sonne nach Möglichkeit schützen, durch Kleidung und Aufenthalt im Schatten. Das 'SonnenBaden' ist eine europäische Erfindung, die immer noch geübt wird, weil dermatologische Erkenntnisse es eben schwer haben, sich durchzusetzen. Ein wehrhaftes WüstenVolk würde niemals rumlaufen wie die Mädchen in den bekannten MännerMagazinen. Das UltraviolettProblem haben diese Frauen da unten aber nicht, sondern schon eher das SchweißProblem. Das erklärt vielleicht die Menge der freien HautFläche.
Und ob sie genauso, wie sie jetzt sind, in einen Kampf ziehen würden, bleibt dahingestellt. Soviel freie Haut macht verletzlich. Andererseits ist es sinnvoll, sich zum Marschieren anders zu kleiden als zum Kämpfen. Was kann man schon durch den ersten Blick so in Erfahrung bringen?
Auch die Männer gehen nicht im GleichSchritt. Sie sind ganz genauso gekleidet wie die Frauen, tragen aber weder Schwert noch Bogen. Dafür schleppen sie allerhand andere Ausrüstung, und man sieht eigentlich mit einem Blick, daß sie wesentlich mehr zu schleppen haben als die Frauen. Einige tragen gemeinsam lange Spieße, an denen weiteres Gepäck aufgehängt ist.
Der Schritt der Männer unterscheidet sich von denen der Frauen. Sie sind zwar auch alle durchweg gesund und durchtrainiert, aber sie gehen lustlos. Außerdem reden sie nicht, während einige der Frauen miteinander Gespräche führen. Dadurch ist ihre Aufmerksamkeit gebunden, und wir können guter Hoffnung sein, daß niemand auf die Idee kommt, hochzublicken.
Auf jeden Fall ist auf den ersten Blick klar, wer in dieser Gruppe das Sagen hat. Ich habe sogar den Eindruck, daß die Männer von den Frauen nicht nur wie Untergebene, sondern schon eher wie TrageTiere behandelt werden.
Während die Gruppe näher kommt, habe ich Gelegenheit, meine Beobachtungen zu vertiefen. Ich stelle fest, daß auch die Schuhe aus gewundenen LederStreifen gefertigt sind, und die meisten GepäckStücke. Viele davon werden wie ein RuckSack getragen und sind ähnlich geschnitten wie ein uns gewohnter RuckSack.
Die Haut dieser Menschen ist weder blaß noch gebräunt - etwa so wie die eines MittelEuropäers, der gelegentlich aber nicht allzu häufig ins Freie kommt. Woher in dieser lichtarmen Umwelt eine Pigmentierung kommt, weiß ich nicht.
Beide, Männer und Frauen, sind durchgeschwitzt und dreckig, und zwar ganz ordentlich, wenn man das sogar von hier aus sehen kann. Damit ist der Zweck dieser offenherzigen Kleidung eigentlich sicher: Mit gutem WirkungsGrad schwitzen können, möglichst viel Haut dem direkten LuftKontakt aussetzen.
Die Haare sind mehrheitlich dunkel oder brünett. Der Schnitt ist bei Männern und Frauen gleich: schulterlang und horizontal abgeschnitten, der Pony über den AugenBrauen ist ebenfalls horizontal abgeschnitten. Es macht ein bißchen einen indianischen Eindruck, aber das kommt nur daher, da man in WildwestFilmen Indianer eben mit so einem HaarSchnitt herumlaufen sieht. Einige der Männer, aber keine einzige der Frauen haben ihr Haar zu einem PferdeSchwanz zusammengebunden.
Bei dem Anblick der Bögen kommt einem der Gedanke an Amazonen, und ich versuche, herauszufinden, ob eine der Frauen eine amputierte Brust hat. Das ist natürlich Blödsinn, wie jede BogenSchützin weiß, man kann einen Bogen sehr gut handhaben, wenn man Brüste hat. Es ist auch nirgends der Fall, bei keiner der Frauen. - Komisch, daß einem immer diese alten Legenden einfallen.
Nun sind sie praktisch schon unter dem Platz, wo wir uns so notdürftig verstecken. Noch hat niemand aufgeblickt, und mit jeder Sekunde wird der Winkel zwischen der durchschnittlichen BlickRichtung der Gruppe und der Richtung auf uns zu größer. Es sieht so aus, als ob diese Begegnung noch glimpflich verläuft.
Nun muß ich allmählich den Kopf drehen, um die Gruppe zu verfolgen, während sie in Irenes Blickfeld gerät. Vorsichtig tue ich das. Ich will wissen, ob nicht jemand nach oben blickt, uns sieht und das zunächst für sich behält. - Jetzt ist die Gruppe schon etwa vierzig Meter straßeaufwärts von dem Punkt, wo wir die Straße verlassen mußten. Wegen der starken Steigung der Straße sind sie auch etwa in unserer Höhe. FelsVorsprünge und Gebüsch verdecken uns immer besser. Wir können aufatmen.
Da hören wir Schreie. Haben sie uns entdeckt? Ich versuche zu erkennen, was los ist.
"Sie wollen den Vogel!" flüstert Irene. Dann sehe ich ihn auch: Querab zur Straße ist ein großer Vogel mit einer SpannWeite von fast drei Metern aufgetaucht. Von dieser Sorte haben wir schon mehrere gesehen - sie gleiten schweigend über die Hänge und suchen Beute - wie Bussarde oder andere uns bekannte RaubVögel. Diese Vögel haben sich bis jetzt nicht für uns interessiert und wir nicht für sie.
Offenbar hat man sich in dieser Gruppe entschlossen, den Vogel abzuschießen. Ich sehe die Pfeile nicht, aber der Vogel macht im Fluge einen heftigen Ruck, dann noch einen. Danach geht er in steilem GleitFlug auf die Straße nieder - genau unter uns.
"Scheiße!" flüstere ich. Jetzt kann man nur noch hoffen, daß sie den Vogel überhaupt nicht wollten, sondern nur aus Spaß auf ihn geschossen haben. Die Hoffnung hält nur eine Sekunde. Dann kommen zwei der Männer gelaufen, eine der Frauen folgt ihnen gemessenen Schrittes.
Die beiden palavern unter unserem Standort lautstark, während die Frau sich darauf beschränkt, kurze Anweisungen zu geben. Einer der Männer deutet mit seinen Fingern eine Linie in der Luft - vielleicht will er die FlugBahn des Vogels nachzeigen, oder auf ein mögliches Nest hindeuten, oder was weiß ich. Jedenfalls führt seine Gestik dazu, daß er einen Moment in unsere Richtung zeigt und blickt. Ich fühle einen Knoten im Bauch. Dann läßt der Mann seine Hand sinken und sieht uns mit einem Ausdruck der Verwunderung und eines momentanen Erschreckens genau an: Entdeckt!
Er sagt nur ein Wort, und die beiden anderen blicken auch in unsere Richtung. Im Augenblick hat die Frau ihren Bogen auf uns angelegt.
Irenes Hände werden in den meinen feucht. Oder sind es meine, die feucht werden? Da waren schon so viele Umstände auf dieser Reise, wo wir ums Leben hätten kommen können. Jetzt kann dieser Pfeil jede Sekunde die BogenSehne verlassen, und einer von uns hat das Ding in der Kehle oder im Herzen oder im Gehirn. Ich bin sicher, die Frau kann zielen.
Sie hat ein paarmal etwas laut gerufen. Wir hören schnelle LaufSchritte aus der Richtung der Gruppe. Ihre Sprints sind schnell und sehenswert. Jedenfalls sehen wir hier keine Spur des langsamen Metabolismus, der andere Spezies in dieser Unterwelt in ihren Bewegungen so verlangsamt hat. Alle kommen, jedenfalls alle Frauen. Einige haben schon im Laufen auf uns angelegt. Nach wenigen Sekunden stehen sie alle auf der Straße unter uns, und zwanzig Pfeile sind auf uns angelegt. Die Männer kommen hinterher, wenn auch wesentlich langsamer. Das Kämpfen ist ihre Sache nicht. Ich nehme an, daß sie auch gar keine Waffen tragen dürfen.
Eine der Frauen, offenbar die, die die Gruppe anführt, ruft uns in scharfem Ton etwas in einer fremden Sprache zu.
"Wir müssen jetzt langsam herunterklettern und jede schnelle Bewegung vermeiden!" sage ich zu Irene. Ich sehe, daß ihr Tränen in den Augen stehen. "Nicht doch," sage ich, "soweit ist es noch nicht!"
Mit einer Hand streiche ich ihr über die Wange. Von unten kommt ein häßliches Lachen herauf, dann wird der Befehl von eben wiederholt.
Langsam klettern wir runter, ich zuerst. Jetzt erst merken wir, was für eine unwegsame Stelle wir in unserer Panik hinaufgewetzt sind. Auf halbem Wege finde ich keinen Tritt und komme nicht weiter. Wieder lacht eine weibliche Stimme. Ich muß einen uneleganten umgekehrten KlimmZug machen. Den letzten halben Meter muß ich mich fallen lassen. Dann stehe ich auf der Straße. Als ich mich umdrehe, sehe ich gerade in die Spitze eines Schwertes vor meiner Kehle. Die Frau, die es hält, blickt mir äußerst humorlos in die Augen. Ich wage nicht, mich umzudrehen, um zu sehen, wie Irene diese schwierige Stelle meistert. Ich kann ihr nicht helfen.
Dafür habe ich Gelegenheit, die SchwertKlinge genau zu betrachten, da ich ja noch nicht unter AltersWeitsichtigkeit leide. Die Klinge ist aus Stahl oder hartem, geschmiedeten Eisen. Sie ist stellenweise schartig und weist SchleifSpuren auf, überall. Dieses Schwert ist schon so lange im Gebrauch, daß es wiederholt geschärft werden mußte. Und ich sehe, wie routiniert das Schwert der Frau in der Hand liegt. Damit geht sie so häufig um wie wir mit der FernBedienung für den Fernseher.
Ein Wimmern über meinem Kopf. Ich höre meinen Namen. Aber da ist ja dieses Schwert vor meinem Hals. Dann gibt die GruppenAnführerin einen erneuten Befehl, und zwei der Männer springen wie die Wiesel die Wand hinauf. Wenig später steht Irene neben mir, unverletzt. Auch ihr wird ein Schwert unter die Kehle gehalten. Aber wenigstens zielt niemand mehr mit einem Bogen auf uns - die könnten zu leicht losgehen.
Die Anführerin tritt vor Irene und fragt sie etwas.
"Du mußt irgend etwas sagen, damit sie merken, daß wir nicht dieselbe Sprache ..."
Der Tritt in den Bauch nimmt mir die Luft weg. Ich liege auf dem Boden und krümme mich. Trotz der Schmerzen ist mir immer noch bewußt, wie unwürdig diese Situation ist, aber jeder Gedanke an Haltung geht mir ab. Nur der Schmerz soll aufhören. Jedenfalls war die Lektion klar: Ab jetzt rede ich nur noch, wenn ich gefragt bin.
Es dauert zwei Minuten, bis ich wieder Luft holen kann. Bis dahin haben unsere Bewacherinnen gemerkt, daß wir nicht ihre Sprache sprechen. Die weitere Kommunikation geht mit schnellen und im Allgemeinen deutlichen Gesten vor sich. Wenn immer wir etwas nicht begreifen oder nicht schnell genug begreifen, gibt es wieder Schläge oder Tritte. Allerdings habe ich den Eindruck, daß ich wesentlich mehr Schläge kassiere als Irene. Außerdem dürfen die Männer offenbar keine Hand an Irene legen, während mir jeder eine reinhauen kann, der Lust dazu verspürt.
Wir müssen unsere RuckSäcke ablegen und uns splitternackt ausziehen. Sie befühlen unsere Muskeln. Das NaseRümpfen ist nicht sehr schmeichelhaft. Über Irene lassen sie sich in einer Weise aus, daß deutlich wird, daß sie über ihr ÜberGewicht reden. Sie merkt es. Ich kann es ihr nicht ersparen. Aber ich vermeide jede Geste des Trostes - unsere Bewacherinnen wollen keine Kommunikation zwischen uns. Das ist uns schon klar geworden.
Kleidung und Ausrüstung wird durchwühlt. Dabei stelle ich fest, daß unsere Bewacherinnen noch nie eine DynamoLampe, StreichHölzer, eine digitale ArmbandUhr oder eine LandKarte gesehen haben. Unsere ReserveKleidungsstücke - Pullover etc. - werden offenbar als solche erkannt. Ich vermute, daß sie rauskriegen wollen, ob wir Waffen bei uns tragen. Als sie sehen, daß das nicht der Fall ist, - mein zusammengeklapptes TaschenMesser erkennen sie nicht als Messer - dürfen wir uns wieder anziehen und unsere Sachen zusammenräumen. Während wir das tun, diskutieren die Frauen. Die Männer halten den Mund.
Niemand mehr hat jetzt eine Waffe auf uns gerichtet. Sind wir, schwach und wehrlos, wie wir sind, jetzt ganz unwichtig geworden? Jedenfalls nicht unwichtig genug, um uns sofort laufen zu lassen.
Sie beraten wohl, was sie mit uns tun sollen. Die Anführerin trifft relativ schnell eine Entscheidung. Irene und ich müssen unser Gepäck wieder vollständig aufpacken. Die Gruppe teilt sich. Drei Frauen und drei Männer werden für uns abgestellt. Dann machen sich die restlichen 34 Mitglieder der Gruppe wieder auf den Weg in der ursprünglichen Richtung. Uns wird bedeutet, die Straße abwärts zu gehen, also in die Richtung, in die wir vorher auch schon gegangen waren.
6.6 GeschwindMarsch
Wir legen ein rasches Tempo vor, rascher, als wir es vorher alleine durchgehalten hatten. Mir macht es nicht allzuviel aus, abgesehen von der Hitze, die bei dieser MarschGeschwindigkeit rasch zu starken SchweißAusbruch führt. Aber Irene wird das nicht lange durchhalten können.
Irene und ich gehen in der Mitte, rechts und links jeweils eine der Frauen. Die dritte, offenbar die, die die KleinGruppe anführt, geht hinter uns, die drei Männer kommen als letzte. Niemand paßt auf sie auf, obwohl sie ganz offensichtlich die Subalternen sind. Sie kommen nicht auf die Idee, irgendwelchen Ungehorsam zu zeigen. Gut dressiert, so kommen sie mir vor. Vielleicht seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden strikten Gehorsam gewöhnt.
Die Frauen haben ihre Schwerter wieder in die Scheide zurückgesteckt. Wir werden wohl für völlig ungefährlich gehalten. Allerdings haben wir immer noch nicht die Erlaubnis, miteinander zu reden. Irene hat bei dem Tempo auch gar nicht genug Atem dazu übrig. Ich würde ihr gerne bedeuten, den körperlichen ZusammenBruch schon zu spielen, bevor er wirklich eintritt, aber ich habe keine Möglichkeit dazu. Vielleicht kommt sie von selbst auf die Idee.
Die Frau rechts von mir versucht wieder, mit mir zu reden, dann die andere Frau mit Irene. Zwecklos. Nicht mal die SprachenKlasse wird deutlich - weder slavisch noch romanisch noch skandinavisch noch chinesisch. Eine völlig andere Welt, sprachlich, ein WortBrei ohne erkennbare SilbenStruktur.
Da habe ich eine Idee. Es ist ja so naheliegend: Ich spreche die Frau neben mir an, tue so, als wolle ich mich verständlich machen, rede aber mit Irene. Mal sehen, ob sie darauf reinfallen.
"Irene, lass nicht erkennen, daß ich jetzt zu dir spreche!" sage ich laut zu der Frau neben mir, die mich zum wiederholten Male etwas gefragt hat. Dabei gestikuliere ich mit den Händen. Sie schüttelt den Kopf, weil sie nichts versteht. Irene läßt sich nichts anmerken.
"Irene, versuche, jetzt langsam Schwäche zu zeigen, damit sie langsamer gehen oder uns zu essen geben! Vielleicht ist auch hinken ganz nützlich!" Dabei male ich der Frau neben mir, die interessiert zusieht, eine LandKarte von Afrika in die Luft.
"Hier gelten Frauen mehr. Sieht jedenfalls so aus. Du hast da bessere Chancen als ich!" Mehrfach deute ich energische auf die Stelle, wo Nairobi liegt, und mache das, was ich für ein bedeutsames Gesicht halte.
Aus den AugenWinkeln sehe ich, daß Irene anfängt, zu hinken und zu stolpern. Außerdem hält sie sich den Bauch. Hoffentlich übertreibt sie nicht.
Die Frau neben mir sieht meinen Erläuterungen genau zu. Sie weiß nicht, ob sie etwas von meinen Gesten versteht, und vielleicht ist sie sich auch im Unklaren darüber, ob sie so tun sollte, als ob sie etwas versteht. Sie wechselt mit den anderen ein paar Worte. Ich wüßte ganz gerne, was sie nun verstanden zu haben glaubt.
Der Einfall war gut. Nachdem wir eine Weile so weitermarschiert sind, und Irene mehrfach zurückgeblieben ist, wobei sie jedesmal mit groben Worten wieder vorwärtsgetrieben wurde, halten wir endlich an. Die drei Männer werden herbeigewunken. Sie schleppen, wie in der HauptGruppe, das ganze Gepäck. Mit LebensMitteln.
Wenig später hat jeder von uns fettige Fladen in der Hand, wir und unsere Bewacherinnen. Wahrscheinlich eine Art Brot. Es schmeckt beißend - man schätzt hier wohl scharfgewürztes. Aber es sättigt, und wir müssen eine Zeitlang nicht so rennen. Auch wenn es völlig überflüssig ist, diese MahlZeit im Stehen einzunehmen.
Unsere Bewacher essen Fleisch, das in ebensolchen Fladen eingepackt ist wie wir sie bekommen haben. Was es für Fleisch ist kann ich nicht erkennen. Es sieht ganz gewöhnlich aus.
Dann kreist eine Flasche. Ich bereite mich seelisch auf ein schlimmstenfalls übelschmeckendes Getränk vor, aber es ist nur Wasser. Die Abneigung, mit mir fremden Leuten aus derselben Flasche zu trinken, muß ich wohl oder übel überwinden. Und ich gebe mir Mühe, mir keinerlei Ekel anmerken zu lassen. Sonst kriege ich beim nächsten Male vielleicht nichts.
Danach marschieren wir weiter. Keine zehn Minuten hat der Aufenthalt gedauert.
"Irene, es ist an dir, das Tempo runterzusetzen!" versuche ich der Frau neben mir klar zu machen, wobei ich Madagaskar in die Luft male. Sie ist nicht mehr interessiert, weil sie es ja doch nicht versteht. Irene fängt aber alsbald wieder mit dem Stolpern an. Nachdem das eine ViertelStunde so weitergegangen ist, sagt die Anführerin etwas, und alle marschieren plötzlich langsamer.
Ich kann ein Grinsen kaum unterdrücken. Wir sind von einer Übermacht, gegen die wir keinerlei Chancen haben, festgenommen worden. Und schon haben wir zwei Dinge erreicht: gemäßigtes MarschTempo und einen leidlich vollen Bauch.
Allmählich fange ich an, wieder mit Vertrauen in die Zukunft zu sehen.
Hoffentlich brauchen diese Leute auch gelegentlich Schlaf.
6.7 Erschöpfung
Unsere FestNahme war kurz vor 17 Uhr, und seit circa 17:30 Uhr marschieren wir mit unseren Bewachern weiter zu Tale. Die Uhr kann ich schon häufiger ablesen, aber scheint nicht möglich, meinen HöhenMesser auszupacken. Noch nicht. Man schätzt uns als harmlos ein, und da werden wir wohl bald wieder sogar selbst an unser Gepäck dürfen. Jedenfalls zeugt es nicht von viel Phantasie seitens unserer Bewacherinnen, daß sie uns unsere RuckSäcke selber tragen lassen. Wir könnten ja Waffen dabei haben, die sie nicht als solche erkennen, gefährlichere Waffen als mein unscheinbares TaschenMesser, oder andere gefährliche Gegenstände.
Den HöhenMesser habe ich in der HosenTasche, und als ich bis 18 Uhr mehrmals ungehindert auf meine ArmbandUhr schauen konnte, riskiere ich es und ziehe ihn langsam heraus und lese ihn ab. Niemand hindert mich daran.
Wir sind schon 8900 Meter tief - Folge unseres raschen MarschTempos. Achtzehn Stunden sind wir jetzt fast ununterbrochen auf den Beinen. Irene geht es sehr schlecht, und unsere Bewacherinnen nehmen glücklicherweise im Tempo darauf Rücksicht. Trotzdem sind wir reif für eine gehörige Portion Schlaf.
Der FahrWeg schlängelt sich immer noch an FelsWänden zu Tale. Inzwischen sind wir aber in die BasisBezirke der Säule gekommen, wo sie in alpine VorGebirge übergeht. Das heißt, die geometrische Beschreibung unseres Weges kann man nicht mehr so einfach charakterisieren wie man es tut, wenn man etwa behauptet, wir bewegen uns im Zickzack an der Wand eines senkrecht stehenden Zylinders hinunter. Inzwischen ist die Topographie der Berge um uns herum so, wie man es von den oberirdischen HochGebirgen kennt, und der Weg ist sehr abwechselungsreich. Mal führt er auf Graten, mal am Boden von HochTälern, gelegentlich über Schluchten, SchuttKare und GeröllHalden. Schwere Stellen sind zusätzlich mit MauerWerk oder sogar kleinen Brücken gesichert, auch roh ausgehauene TunnelAbschnitte kommen immer mal wieder vor. Wo immer Pflanzen sich festhalten können, gibt es welche, sogar Bäume, und in allen Tälern gehen rauschende WildBäche zu Tale. Die Temperatur muß um die dreißig Grad sein, eher mehr, und es ist ungemütlich schwül.
Über uns wird allmählich, da wir uns von der ideal gedachten Wand der Säule immer weiter entfernen, die ganze Säule bis in die Wolken in ihrer vollen Wuchtigkeit sichtbar.
"Herwig, ich kann nicht mehr!" ächzt Irene. Sie hat recht. Ich versuche, gestikulierend unseren Bewacherinnen etwas klarzumachen. Dabei versuche ich, in Gesten die Tätigkeit des Schlafens anzudeuten, immer damit rechnend, daß man mir gleich wieder eine reinhaut. Ich zeige mehrmals auf Irene, um anzudeuten, daß es nicht um mich geht.
Unsere Bewacherinnen bereden sich. Sie kommen offenbar zu einem Entschluß. Allerdings haben sie nicht die Güte, uns das Ergebnis mitzuteilen, außer daß eine von ihnen kurz in WegRichtung deutet. Heißt daß, daß wir bald eine Pause machen, sowie wir einen geeigneten Platz erreichen, oder heißt das, daß wir weitergehen?
"Ich glaube, wir halten gleich ... Uaaah!" sage ich zu Irene. Die Frau neben mir hat mir wieder einen Schlag in den Bauch verpaßt. Das tun sie offenbar besonders gerne. Diesmal ist er nicht so stark, daß ich zusammenbreche, sondern nur gerade so, daß ich begreifen soll, daß ich den Mund zu halten habe. Sie stößt mich dann noch einmal vorwärts, als ob ich Anstalten gemacht hätte, nicht mehr weiterzugehen. Wenn ich die Wahl hätte, täte ich das auch nicht mehr.
Wir schleppen uns weiter. Mir tun inzwischen alle Knie- und FußGelenke weh. Außerdem habe ich die gewisse KurzAtmigkeit, die ich von langen DauerLäufen kenne, Zeichen, daß der StoffWechsel nicht mehr im Gleichgewicht ist, daß das Glykogen in den Muskeln weitgehend abgebaut ist und daß der Körper in ineffizienter Weise versucht, Fett zu verbrennen. Davon stirbt man nicht, und es ist auch nicht direkt ungesund. Aber man ist dann schon weit von der eigenen LeistungsHöhe entfernt.
Irene geht es bestimmt nicht besser, eher schlechter. Daß sie überhaupt noch gehen kann, wundert mich. Es ist häufig so, daß sie bei Wanderungen Stunden braucht, um in Gang zu kommen. Dann aber, wenn das MarschTempo nicht zu hoch ist, hält sie viele weitere Stunden durch. Das hat sie ja auch in den letzten Tagen bewiesen. Heute ist das Maß allerdings randvoll.
Wir kommen in einigen Kehren in ein scharf und tief eingeschnittenes Tal, das auf seinem Grunde ebene Flächen hat. Erstmals sind wir von großen UrwaldBäumen umgeben, und zahllose Tiere lassen ihre Stimmen ertönen. Ein BergBach nimmt hier gemäßigtere Formen an und verliert sich, neben der Straße, zwischen den BaumStämmen. Ich sehe, daß ohne die Straße ein Fortkommen in dem UnterHolz nicht oder mit BuschMesser nur schwer möglich wäre.
6.8 ZwangsSpiele
Dann wird der Bach wieder sichtbar und weitet sich zu einem Teich. Zwischen Straße und Teich ist ein kleines, ebenes Areal. 'BergWiese' würde man es nicht nennen, weil es von unbekanntem Gestrüpp bewachsen wird, aber es macht ungefähr einen Eindruck wie eine BergWiese. Unsere Bewacherinnen bleiben stehen. Irene sackt zusammen. Ich fange sie auf, so gut es geht, immer unter der Gefahr, gleich wieder Prügel zu beziehen. Da das nicht geschieht, lege ich sie hin. Sie schläft rasch ein. Ihr Atem geht sehr flach.
Unsere Bewacherinnen kümmern sich nicht allzusehr um uns. Eigentlich gar nicht. Da sie sich alle niederlassen, lege ich mich auch hin, neben Irene. Das paßt einer der Frauen aber nicht. Ich werde zu einem Platz gewiesen, der mindestens fünf Meter von Irene entfernt ist. Dann läßt sie mich wieder in Frieden.
Ich sehe noch, daß sie wieder etwas aus ihrem Gepäck auspacken und zu essen anfangen. Als ich meine, daß ich ohne weiteres einschlafen kann, weil wir tatsächlich eine längere Rast machen, passiert noch etwas merkwürdiges: Den drei Männern wird etwas befohlen. Sie ziehen sich aus und gehen sofort in den Teich, allerdings ohne besondere Begeisterung. Der, der am langsamsten reagiert, bekommt einen Tritt, der ihn mit Schwung in das Wasser schickt. Ob sie uns auch so rüde zum Waschen zwingen? Ich habe im Moment überhaupt keine Lust dazu. Gerade noch, daß ich vor dem Einschlafen Uhr und HöhenMesser ablese: 20 Uhr und 9700 Meter Tiefe. Dann schlafe ich ein.
Wie lange ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Ich wache davon auf, daß etwas vor sich geht. Aber es hört sich nicht so an, als ob man uns wecken will. Deshalb ist mein erster Gedanke auch, weiterzuschlafen, besonders auch, weil ich Irenes vertrautes Schnarchen höre. Sie schläft wie ein Stein. Soll sie.
Ich blinzele mit den Augen, um rauszukriegen, was mich beunruhigt hat.
Zwei der Männer schlafen gegenüber am WaldRand. Der dritte ist gerade geweckt worden. Er sieht darüber nicht sehr glücklich aus, aber er fügt sich den Weisungen einer unserer Bewacherinnen. Die zweite schläft, und die dritte hantiert irgend etwas mit ihrem Bogen. Ob sie noch wach sind, oder schon wieder, weiß ich nicht. Ich will nicht zu erkennen geben, daß ich selbst gerade wach bin - weiß ich denn, ob sie dann wieder auf die Idee kommen, daß wir schon in der Lage sein könnten, weiterzumarschieren?
Dem Mann wird etwas befohlen. Er zögert, dann sehe ich, daß die Frau ihm das Schwert an die Kehle setzt, mehr in einer flüchtigen Geste als in einer ernsthaft gemeinten Bedrohung. Daraufhin zieht er sich sofort aus und legt sich mit dem Rücken auf dem Boden.
Die Frau geht einige Schritte zur Seite und nimmt einen Brotfladen, den sie abgelegt hat, wieder auf. Während die auf demselben rumkaut, setzt sie sich dem Mann auf die Unterschenkel und fängt an, ihn mit einer Hand zu onanieren. Dabei hat sie ihr Schwert neben sich in GriffWeite gelegt.
Der Mann gerät sofort in ein Stadium deutlicher sexueller Erregung. Er greift mit seinen Händen an ihre Brüste, bekommt aber sofort eins auf die Finger. Sie sagt etwas in scharfem Ton, und darauf hin läßt er es bleiben.
Nun setzt sie sich weiter nach vorne und führt sich seinen Penis ein. Dazu hebt sie ihren Rock oder LendenSchurz aus LederStreifen lediglich hoch - wie ich dachte, UnterWäsche kennen sie nicht. Dann reitet sie genau auf seiner Mitte, er sauber eingeführt, aber ohne daß sie dabei mit dem Essen aufhört. Die ganze Zeit habe ich den Eindruck, daß ihr das Essen wichtiger ist.
Die andere Frau, die immer noch mit dem Bogen hantiert, interessiert das SchauSpiel gar nicht. Ich bin mir immer noch nicht über den Grad der Freiwilligkeit bei dem Mann klar - es hat so wie eine routinemäßige Vergewaltigung ausgesehen, oder wie 'Erfüllung von ehelichen Pflichten', was so ziemlich das gleiche ist.
Allmählich werden ihre Bewegungen schneller. Offenbar zeigt ihr der Mann nicht genug Einsatz, denn sie schimpft ärgerlich auf ihn ein, während sie auf ihm auf- und niederschwingt. Deutlich: Der Mann ist Werkzeug ihrer Lust, notwendige NebenSache. Naja, denke ich, ein bißchen wird er ja auch davon haben.
Jetzt hat die Frau irgend etwas der anderen Frau zugerufen, denn diese steht auf, legt den Bogen hin und geht zu den beiden rüber. Auch sie macht den Eindruck, als sei sie so ein SchauSpiel gewohnt.
Sie kniet neben den beiden kopulierenden, legt das störende Schwert weiter weg und faßt unter den HinterKopf des Mannes, der dann in ihrer rechte Hand liegt. Die linke Hand legt sie auf sein Gesicht. Ich begreife: sie hält ihm mit Daumen und ZeigeFinger die Nase zu und mit der HandFläche den Mund. So kann der Mann nicht atmen! Dann dreht sie seinen Kopf so in den Nacken, daß er die auf ihm reitende Frau nicht sehen kann. Dabei gelingt es mir, in die Augen des Mannes zu sehen: Ich kann schwören - der hat eine TodesAngst.
So bleiben sie eine Weile sitzen: die eine reitet, die andere dichtet ab. Dann beginnen allmählich die krampfhaften LuftholBewegungen des Mannes, als er beginnt, zu ersticken. Ich begreife den Sinn der Übung: seine heftiger werdenden Bewegungen verschaffen der auf ihm sitzenden Frau die mechanischen Reize, die sie haben will. Sie hört zwar immer noch nicht auf, dabei zu futtern, aber sie lehnt sich mit WohlGefallen etwas weiter zurück, während sie von den heftigen Bewegungen des Mannes immer wieder hochgeschleudert wird. Sie vermeidet es jedoch geschickt, von ihm heruntergeschleudert zu werden oder ihn herausgleiten zu lassen - er bleibt wie von einem SchraubStock gefaßt zwischen ihren Schenkeln eingeklemmt.
Dann bekommt sie endlich ihren Orgasmus, zwar ohne besondere akustische Ergüsse, aber doch deutlich genug. Als sie wieder aufhört, heftiger zu atmen, sagt sie zu ihrer Assistentin etwas. Die gibt Mund und Nase des Mannes wieder frei. Ehe der jedoch einigermaßen Luft holen kann, hat sie einen StellungsWechsel gemacht: Sie rutscht weiter nach vorne und setzt sich auf sein Gesicht. Man sieht keine Einzelheiten, aber es gibt furzende und ächzende und keuchende Geräusche. Es ist offenbar so, daß der Mann mit aller Gewalt Luft holen muß, und dabei ihre äußeren GeschlechtsTeile mit seinen AtemBemühungen massiert, ob er will oder nicht. Ihr macht das deutlichen Spaß. Dem Mann vermutlich weniger.
Das ist nach zwei Minuten auch vorbei. Beide stehen auf, und der Mann bleibt liegen - unbeachtet wie ein Stück Dreck. Er ist so fertig, daß er sich zunächst gar nicht bewegt geschweige denn versucht, sich anzuziehen.
Dann merkt eine der Frauen, daß ich, durch die Augen blinzelnd, das alles mit angesehen habe. Sie lacht und sagt zu der anderen etwas, und beide kommen näher. Mich durchschießt ein heilloser Schreck.
Aber das schlimmste tritt nicht ein. Ich bin nicht Opfer einer solchen Vergewaltigung, aber sie führen mir noch eine vor. Vorher legen sie eines der Schwerter vor mich hin, so, daß es mit der Spitze auf meinen Bauch zeigt. Es liegt so, daß es von ihnen jederzeit ergriffen werden kann. Dann kommt das ganze Spiel noch einmal, jetzt mit vertauschten Rollen und einem von den beiden übrigen Männern, die jetzt beide aufgewacht sind. Ich sehe, daß der, den sie nicht auswählen, relativ gleichgültig dem ganzen Geschehen zusieht und sich schon vor dem ersten Höhepunkt der früheren Assistentin, die jetzt die Reiterin ist, abwendet und zum Schlafen hinlegt. Als ob er das auch jeden Tag sieht.
Ich habe den Eindruck, daß die Erstickung des Mannes diesmal wesentlich weiter getrieben wird. Ob das eine Demonstration ist oder ob sie erst loslassen, wenn es ihm und der jeweiligen Reiterin gekommen ist, kann ich nicht sagen. Jedenfalls sehe ich diesmal alles aus nächster Nähe, und außerdem wird diesmal nicht dabei gegessen.
Als das SchauSpiel zu Ende ist, geht die eine Frau zu ihrem Bogen zurück, der ebenfalls restlos erschöpfte Mann bleibt reglos liegen, und die andere Frau fährt mit ihrer Mahlzeit fort. Ich werde als Zuschauer schnell wieder uninteressant. Sie interessieren sich nicht einmal dafür, ob ich beeindruckt, erschreckt oder gar selber erregt bin. Schon nach Minuten ist es so, als wäre nichts gewesen. Beide solcherart geschändeten Männer haben sich auf ihre SchlafStellen zurückgezogen, so, als wäre nichts weiter passiert als eine nächtliche RuheStörung, die etwa ein in das Lager eindringendes Tier verursacht hätte.
Wenigstens ist die SchlafPeriode noch nicht zu Ende - aus der ständig gegenwärtigen Beleuchtung kann man ja keinen Hinweis darüber entnehmen. Es scheinen sich jetzt alle fürs Schlafen entschieden zu haben. Irene hat von dem ganzen SchauSpiel nichts gemerkt.
Ich stelle noch fest, daß man das Schwert wieder aus meiner ReichWeite entfernt hat. Vielleicht hat mich selbst nichts weiter vor dieser Vergewaltigung geschützt als meine relative Ungewaschenheit und meine Erschöpfung, die ihnen vor dem SchlafenGehen ja aufgefallen sein muß. Jedenfalls kann ich mir jetzt einen Reim darauf machen, daß die drei Männer so unsanft zum Baden geschickt worden sind. Aber bevor ich noch weitere Betrachtungen über die unterschiedlichen MoralBegriffe dieser Menschen anstellen kann, schlafe ich schon wieder ein.
******** 007. Tag: Freitag 1995-08-25 ********
7.1 Urwald
Es ist 4 Uhr morgens, als ich geweckt werde. Naja, ungefähr acht Stunden Schlaf sollten reichen, aber es könnten trotzdem mehr sein. Irene ist schon geweckt worden, und ihr fällt es genauso schwer.
Mit deutlichen Gesten werden wir in den Teich zum Waschen geschickt. Das ist im Prinzip eine gute Idee, aber ich überlege mir, ob da andere HinterGedanken sein mögen. Die Szenen von der letzten SchlafPeriode habe ich noch deutlich vor Augen.
Als wir uns tropfnaß wieder anziehen - abtrocknen lohnt bei den vorherrschenden Temperaturen nicht - packen unsere Bewacher schon wieder auf. Mist. FrühStück ist nicht vorgesehen. Wenn Irenes Blicke töten könnten, dann würden unsere Bewacher jetzt in sechs blitzenden DonnerSchlägen unter FunkenSprühen vergehen.
Wir folgen dem Tale weiter. Das Gefälle der Straße ist nicht mehr stark, und unsere Knie bedanken sich dafür. Allerdings sind unsere Bewacherinnen wieder der Meinung, daß wir ein stärkeres MarschTempo anschlagen könnten. Und das ohne FrühStück!
Der Urwald wird so dicht und hoch, daß sich die Kronen der Bäume immer häufiger über der Straße schließen. Deshalb bekommen wir auch von den zurückweichenden BergHängen rechts und links immer weniger zu sehen.
So um 6 Uhr unterschreiten wir eine Tiefe von 10000 Meter. Als ich den HöhenMesser abgelesen habe, teile ich Irene das mit, indem ich der immer noch rechts neben mir marschierenden Frau diese Mitteilung mache. Diese nimmt mir ganz überraschend den HöhenMesser aus der Hand und betrachtet ihn während des Gehens genau.
Soviel FeinMechanik in den Händen dieser Barbaren! In Gedanken nehme ich Abschied von meinem MeßInstrument. Jetzt schüttelt sie das Gerät. Fehlt nur noch, daß sie darauf beißt. Das tut sie aber nicht, sondern sie gibt es der Frau hinter ihr, die nach kurzer Betrachtung das Ding an die Frau links neben Irene weitergibt. Die kann sich auch keinen Reim aus diesem Ding machen, und ich bekomme es wieder zurück. Es ist, äußerlich wenigstens, unversehrt. Der Zeiger steht immer noch auf 2000 Meter MeeresHöhe, wie vorher.
Den drei Männern, die brav hinterhertrotteln, den HöhenMesser zu zeigen, auf diese Idee kommt keine der drei Frauen. Aber von denen scheint sich auch keiner dafür zu interessieren.
Bei dieser Inspektion des HöhenMessers haben die Frauen wieder ein paar Worte miteinander gewechselt. Bei dieser Gelegenheit versuche ich, ihre Namen herauszukriegen, Worte, die sie häufiger verwenden, insbesondere, wenn sie anfangen, sich anzureden. Das ist schwer, bei dieser fremdartigen Sprache. Immerhin meine ich, daß die Frau hinter mir, die das Kommando führt, häufiger mit 'Chrechat' angeredet wird. 'Chbesmoi' könnte die neben mir heißen, und 'Chechmirch' die links neben Irene. Vielleicht sind das aber auch Titel. Noch kann ich das gar nicht sagen.
Ich will es einmal probieren. Ich drehe mich rechts herum nach hinten und sehe die Anführerin an. Rechts herum, weil ich nicht will, daß sie meinen, ich will mit Irene sprechen.
"Chrechat, wir haben Hunger!" sage ich und mache unmißverständliche Gesten in Richtung meines Magens. Das nächste, was ich spüre, ist ein Schlag in die Nieren. Fast glaube ich, daß mir die Wirbel in der WirbelSäule auseinander hüpfen. In der nächsten Sekunde liege ich am Boden, und 'Chrechat' ist dabei, mir die Kehle einzutreten. Sie ist sehr wütend und schreit den ganzen Wald zusammen. Sogar die anderen stehen wie erstarrt, besonders die drei Männer. Ich muß irgend etwas ganz Falsches gesagt oder gemacht haben.
Dann gibt es eine MeinungsVerschiedenheit. Die Frau, die zu meiner Rechten ging, muß zu meinen Gunsten interveniert haben. Vielleicht weist sie nur ganz sachlich darauf hin, daß alles, was ich gesagt oder angedeutet haben kann, nicht ernstgenommen werden darf, weil wir ja nicht die Sprache dieser Welt beherrschen. Offenbar hat sie Erfolg, denn die Anführerin hört auf, mich zu treten.
Ich darf wieder aufstehen, und wenige Augenblicke später marschieren wir wieder weiter, als ob nichts vorgefallen wäre. Zusätzlich zu meinem Magen tun mir jetzt allerdings noch einige weitere KörperTeile weh.
Um 7 Uhr passiert etwas Komisches. Einer der Männer wird nach vorne gerufen, und die Anführerin gibt ihm mit ein paar Worten ihr Schwert. Der Mann freut sich wie ein Kind und rennt voraus. Bald ist er im Wald vor uns verschwunden.
Nach kurzer Zeit schon ist er wieder da, über der Schulter die Leiche eines schäferhundgroßen Tieres schleppend. Das Tier wird so rasch zerteilt, daß ich keinerlei zoologische Beobachtungen machen kann. Dann gibt der Mann mit einer völlig unangemessenen DemutsGebärde das Schwert zurück. Naja, was immer hier 'angemessen' bedeutet. Die drei Männer, die uns begleiten, haben sowenig SelbstBewußtsein, daß sie schon fast identisch aussehen. Ich könnte jedenfalls nicht genau sagen, welche beiden von den dreien gestern Nacht vergewaltigt wurden.
Nur die größten und am einfachsten herauszuschneidenden Stücke schieren Fleisches werden verwendet. Der Rest des Kadavers fliegt einfach in den Wald. Dann bekommt jeder ein Stück Fleisch. Auch Irene. Nur ich nicht. Das ist wohl meine Rechnung für das, was ich vorhin gesagt habe.
Alle hauen ihre Zähne in die blutigen Stücke. Alle außer Irene. Das liegt nicht an der GeräuschKulisse aus sechsfachem Schmatzen und Kauen und Schlucken und Rülpsen. Der Hunger würde alles reintreiben, auch dieses unappetitliche Fleisch unter dieser unappetitlichen BegleitMusik.
Nein, Irene hat etwas anderes vor. Sie versucht, ihr FleischStück der Länge nach zu zerreißen, so, wie es die FaserRichtung der Muskeln eigentlich zulassen müßte. Aber rohes Fleisch ist zäh, und es gelingt ihr nicht. Da gibt sie mir das ganze Stück.
Die schmatzende GeräuschKulisse verstummt, als sei die interne SchmelzSicherung eines HiFi-Verstärkers durchgebrannt. Irene hat sich jetzt gegen den demonstrierten Willen der Anführerin gestellt. Was soll daraus werden?
Wie ein Automat fange ich an, das FleischStück zu zerreißen. Dabei bespritze ich mich und Irene mit Blut, aber es gelingt. Dann gebe ich die Hälfte Irene zurück. Jede Sekunde erwarte ich eine Tritt oder einen Schlag.
Aber in dieser Welt können sich Frauen auch als Gefangene mehr leisten als Männer. Es gibt eine hämische Bemerkung der Anführerin, wonach alle in einem pflichtschuldigen Tonfall lachen. Aber als dann weitergegessen wird, nehme ich an, daß wir es auch dürfen.
Arme Irene, denke ich: Du hast dir jetzt vielleicht eine Feindin gemacht.
Der Marsch verläuft von nun an zunächst ereignislos. Die Straße verliert nur noch wenig an Höhe, was der HöhenMesser immer noch registriert. Zeitweise stehen die Urwälder rechts und links in Wasser, und die Straße verläuft auf einem aufgeschütteten Damm. Das bewahrt uns jedoch nicht davor, gelegentlich auch schlammige Stellen zu passieren, und zweimal müssen wir eine Furt überqueren. Wir sauen uns im Laufe der Zeit ganz schön ein.
Einmal zischt die Frau neben Irene etwas, und momentan gehen alle fast lautlos und langsam. Wir natürlich auch, es wird schon seinen Grund haben, wenn unsere Bewacher Besorgnis zeigen. Dabei sieht der Wald rundherum so aus wie immer.
Wir kommen allerdings innerhalb von fünfzig Metern an einen verlandeten Weiher an der rechten Seite der Straße. Einige mächtige BaumLeichen in den sumpfigen WasserResten würden auch über diesen Weiher jedes Fortkommen erschweren. Unsere Bewacher spähen sorgfältig zur jenseitigen Seite des Weihers.
Ich kann nichts erkennen. Aber da muß etwas sein, denn erst, als wir diese Stelle hundert Meter hinter uns gelassen haben, werden die Schritte wieder fester.
Bald darauf kommen wir an einer Lichtung vorbei, die nicht viel größer ist als das alte SaurierSkelett, das sie fast zur Gänze ausfüllt. Das SaurierSkelett - es muß sich wohl auch um einen Bronto der Größe, wie wir ihn schon gesehen haben, handeln - liegt aber schon so lange da, daß es von Menschen vorübergehend zweckentfremdet wurde: Die RückenWirbel, die etwa in drei Metern Höhe über dem Boden von den Rippen rechts und links getragen werden, sind mit Lederstreifen an denselben befestigt. Auf diese Weise fällt der ehemalige Torso des Sauriers nicht auseinander. Zwischen einigen der Wirbel flattern Reste von LederPlanen, und auf dem Boden zwischen den Rippen gibt es einen innen geschwärzten SteinRing.
Eine FeuerStelle. Naja, daß unsere Bewacher Feuer kennen müssen ist eigentlich klar. Wie will man ohne Feuer Schwerter schmieden? Dieses Skelett hat also eine Zeitlang als provisorische Behausung gedient. Warum nicht. Die pure Größe dieser Tiere erlaubt eine ganze Menge Verwendungen, die wir in der Land- und Vieh-Wirtschaft gar nicht kennen.
Innerhalb der nächsten paar Stunden führt die Straße zwar immer vorwiegend durch dichten Urwald, aber zweimal passieren wir größere Lichtungen oder Rodungen. Auf beiden stehen am WegesRand die Ruinen von lange verlassenen SteinHäusern. Die Dächer fehlen, die Mauern sind teilweise eingestürzt und bewachsen, was auf den Feldern, wenn es welche sind, gewachsen ist, ist nicht mehr zu erkennen. Teilweise gehen die Rodungen kontinuierlich in den Urwald über. Unsere Begleiter interessieren die ÜberReste dieser Dörfer nicht.
Auf einer weiteren, kleineren aber wohldefinierten Lichtung stehen achtzehn neue, unbeschädigte VollstreckungsKreuze, die aber keine Verurteilten tragen. Auch hier marschieren wir vorbei, ohne daß unsere Begleiter irgendeine erkennbare Reaktion zeigen. Als ob sie verlassene und verfallene Dörfer und HinrichtungsStätten jeden Tag sehen.
Um 12 Uhr kommen wir an einen breiten, flachen Fluß. Breite SteinStrände weisen darauf hin, daß dieser Fluß zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich viel Wasser führt. Wir haben eine Tiefe von 10450 Metern erreicht, und von nun an folgen wir diesem Fluß auf diesen SteinStränden. Der FahrWeg schien am Ufer des Flußes zu enden. Das ist merkwürdig. Allerdings gab es auf den letzten Kilometern der Straße Abzweigungen, die wir nicht genommen haben, außerdem ist es möglich, daß der Weg auf der anderen Seite des Flußes weitergeht. Das werden wir nun nicht erfahren.
Auf diesem SchwemmLand ist wieder der Blick nach oben ungehindert, der auf der Straße immer nur durch gelegentliche BaumLücken möglich war. Ich versuche, mich zu orientieren. Der Anblick der Säulen aus dieser Perspektive ist ungewohnt. Wenn man behaupten möchte, daß der Anblick aus anderer Perspektive, zum Beispiel von oben, als gewohnt zu bezeichnen ist.
Die beiden nächsten Säulen sind flußaufwärts von uns und voneinander etwa zehn Kilometer entfernt. Das sind aber wahrscheinlich nicht die Säulen, zwischen denen wir auf der HängeBrücke gegangen sind, weil ich nichts von der FelsDecke zwischen ihnen finden kann. Vielleicht hat sich auch die UnterGrenze der Wolken abgesenkt, so daß man diese nicht sehen kann.
Ebensowenig weiß ich, ob dies der Fluß ist, den wir von oben, von der Hängenden Straße aus, gesehen haben. Das SchwemmGebiet zu beiden Seiten des Flußes müßte mir doch aufgefallen sein? - manchmal wäre ein photographisches Gedächtnis schon sinnvoll.
Ich habe nicht allzuviel Muße, mich in die Betrachtung des 'Himmels' zu versenken, weil der Marsch in dem FlußGeröll eine üble Stolperei ist. Man muß aufpassen, wo man hintritt, um nicht mit dem Fuß umzuknicken. Die Bänder in meinen Füßen sind zwar durch das LaufTraining sehr stabil, aber trotzdem könnten sie beim hundertsten Umknicken überdehnt werden oder gar reißen. Invalidität kann ich jetzt gar nicht brauchen.
7.2 Der SaurierFänger
Weil wir mehr vor die Füße als woandershin schauen, sehen wir das Schiff auch ziemlich spät, als die Masten sich schon deutlich vor dem grauen Himmel vor uns abzeichnen. Es ist noch einige Kilometer von uns entfernt, und als wir näher kommen, wird es wieder unsichtbar, weil Nebel aufzieht und das Schiff schneller erreicht als wir. Die Orientierung wird schwierig: Offenbar ist der breite Fluß in einen noch größeren, noch breiteren eingemündet, und die Urwälder an den beiden Ufern scheinen einen Kilometer voneinander und viele hundert Meter von uns entfernt.
Ein seltsames Bild: Weil der Nebel nur eine flache Schicht am Boden bildet, werden die UrwaldBäume am Ufer unsichtbar. Hebt man den Blick aber etwas, dann sieht man noch die oberen Teile der nächsten Säulen. Ein unheimliches Bild. Wenn wir nicht wüßten, wie wir hierhergekommen sind, dann wäre das eine AlptraumLandschaft.
Ich kenne da ein Spiel, was ich mit Irene manchmal spiele: Augen zu, sich einbilden, daß die Erinnerung der letzten zwei Jahre, oder fünf Jahre oder zehn Jahre nicht mehr da ist, und Augen auf. Frage: wo sind wir jetzt? Sicher ein interessantes Spiel, nicht nur, weil wir die Amnesie nur für eine Woche spielen müssen. Auf welche Lösungen wir kämen, wenn wir uns erfolgreich vormachten, nicht zu wissen, wie wir hierhergekommen sind, daß wäre es wirklich interessant. Ob man sich bei dieser Kulisse überhaupt eine solche Amnesie vormachen kann?
Dann tauchen endlich, um 13:30 Uhr, über dem Nebel vor uns die Masten wieder auf. Das Schiff ist in unmittelbarer Nähe. Ich frage mich, wie ein so großes Schiff auf so flachem Wasser schwimmen kann. Der Fluß ist zwar breit, aber eben weil er breit ist, ist er nirgends so tief, als daß man nicht stehen könnte. Jedenfalls gilt das hier, wo der Fluß keine Berge durchbrechen muß.
Dann sehe ich: Das Schiff ist ein Floß, ein riesiges, besegeltes Floß. Von der SegelSchiffFahrtsKunst reichlich unbeleckt erkenne ich also nur weniges auf Anhieb: Drei oder vier Masten, bis neunzig Meter hoch, mit einer Anzahl Rahen. RahSegler nennt man das normalerweise. Hier stehen die Masten aber nicht auf einem SchiffsRumpf, sondern auf einem massiven, fünfundsiebzig Meter langen und fünfundzwanzig Meter breitem Floß. Außerdem ist da ein langer BugSpriet, der so groß wie ein nach vorne geneigter Mast ist. Auf diesem Floß gibt es eine Reihe von AufBauten, ohne daß allerdings ein klares Designprinzip zu erkennen wäre. Zwischen den Masten und den Rahen spannt sich eine Menge SeilWerk. Ich sehe Wanten, die so aussehen wie richtige Wanten auf richtigen SegelSchiffen. Bei dem Zweck des meisten anderen zahlreichen und unübersichtlichen SeilGutes muß ich aber passen.
Einige Gestalten sind auf Deck zu sehen. Alles Männer. Sie machen im Moment keinen übertrieben arbeitsamen Eindruck. Einige sind mit AusbesserungsArbeiten beschäftigt, andere stehen nur so rum. Ihren Gesichtern ist anzusehen, daß sie uns mit einem Gemisch aus Neugier und Abneigung entgegensehen - so, als bedeute die Ankunft einer solchen Gruppe etwas Unangenehmes - nämlich Arbeit.
Irgendjemand muß eine Meldung über unser Ankommen weitergegeben haben. Plötzlich erschallt eine kommandogewöhnte Stimme. Eine weibliche Stimme, natürlich.
Wir stehen am FlußRand, also dort, wo das Geröll mit Wasser überspült zu werden beginnt. Das Schiff ist etwa fünfzig Meter weiter draußen. Erst dort ist das Wasser tief genug. Unsere Bewacherinnen warten auf etwas.
Es geschieht auch etwas: Sechs oder sieben Mann der Mannschaft bauen routiniert eine FlachWasserBrücke auf, oder eine GangWay, wenn man es so nennen will, ohne sich daran zu stören, daß es sich um mehrere Stücke handelt, die nacheinander im Wasser zwischen dem Schiff und uns aufgestellt werden. Mit dieser Konstruktion, das sehe ich, läßt sich in flachem Wasser eine trockene Verbindung zu einem Schiff schaffen, das auch sehr weit draußen liegen kann. Es ist sogar möglich, diese Brücke Stück für Stück aufzubauen, ohne sich naß zu machen. Wenn man allerdings, so, wie es jetzt geschieht, die einzelnen Stücke durch das Wasser watend zusammensetzt, dann kann man an der gesamten Länge der GangwayBrücke gleichzeitig bauen.
Es dauert keine zwei Minuten, bis die Brücke fertig ist. Wahrscheinlich wäre sie aufgebaut geblieben, wenn man an Bord des Schiffes damit gerechnet hätte, daß jemand ausgerechnet jetzt das Schiff betreten will.
Wir gehen im GänseMarsch über die schwankenden Planken: Erst unsere drei Bewacherinnen, dann Irene, dann ich, dann die drei Männer.
7.3 Cherkrochj
Dort sehe ich zum erstenmal die Frau, die so aussieht und sich so gebärdet, als hätte sie hier zu sagen. Unsere Bewacherinnen reden in einem TonFall mit ihr, die einen etwas an die alten BundesWehr-Zeiten erinnert: Meldung machen, schnell und präzise und ohne überflüssiges.
Die Frau, die wohl Kommandantin des Floßes ist, hört sich alles mit unbewegtem Gesicht an. Sie ist etwa vierzig, verglichen mit allen Frauen, die wir bis jetzt gesehen haben, ungewöhnlich blond, und hat tief eingeschnittene Linien im Gesicht. Ein grausamer Zug um die MundWinkel. Ihre Kleidung unterscheidet sich nicht von der Kleidung der anderen, sichtbare RangAbzeichen können wir auch bei ihr nicht erkennen. Solche Dinge sind in kleinen Gruppen, wo jeder jeden oder jede jede kennt wohl unnötig.
Die Kommandantin hat Narben auf beiden OberArmen und auf dem Bauch. Die deutlichen NarbenWülste lassen vermuten, daß die Verletzungen sehr tief waren, oder daß die Kunst der Behandlung von Wunden hier nicht bekannt ist. Ihre Figur ist sonst makellos, so wie bei allen hier, wenn man davon absieht, daß alle Frauen, die wir bis jetzt gesehen haben, über breite Schultern verfügen, auch und gerade die Kommandantin. Ob es sich um eine KonstitutionsEigenschaft handelt, die allen Menschen hier eigen ist, oder ob die Frauen, bedingt durch andere Art von körperlicher Ertüchtigung, im Durchschnitt über bessere SchulterMuskulatur verfügen als die Männer kann ich noch nicht sagen. Der Unterschied zwischen typisch weiblicher und typisch männlicher Figur, wie wir ihn kennen und wie wir an ihn gewöhnt sind, ist hier jedenfalls überhaupt nicht ausgeprägt, um nicht zu sagen, nicht existent.
Natürlich gibt es Unterschiede. Unterschiede in der Haltung. Wir hatten ja schon auf dem Herweg genug Gelegenheit, dieses genau zu betrachten und zu vergleichen. Die Frauen halten sich aufrecht. Der FührungsAnspruch und die GehorsamsErwartung ist ihnen auf einen Kilometer Entfernung anzusehen. Sie strahlen Aggression und SelbstBewußtsein aus. Diese Kommandantin besonders - sie ist eine Inkarnation der Arroganz.
Die Männer gehen hingegen irgendwie geduckt, auch wenn sie, anatomisch gesehen, aufrecht stehen. Ihre ganze Haltung ist servil, ängstlich, abwartend. Auch wenn sie über viel durch harte Arbeit gewonnene MuskelKraft verfügen, wirken sie schwach.
Die Kommandantin tritt vor uns hin. Sie mustert uns beide. Dann fragt sie Irene in scharfem Ton etwas. Irene antwortet nicht, weil sie ja nichts versteht. Ich erwarte schon, daß sie sofort Schläge bezieht, aber das ist nicht der Fall. Eine weibliche Gefangene ist etwas ganz anderes als ein männlicher Gefangener.
Dann wird Irene abgeführt, nachdem sich die Kommandantin mit einigen anderen Frauen - vielleicht ihren Offizieren - beraten hat. Wir sind getrennt.
Wie um den unterschiedlichen Wert von Mann und Frau noch weiter zu verdeutlichen, kümmert sich niemand um mich. Ich stehe einfach auf Deck. Was sie mit Irene machen ist offenbar wesentlich wichtiger.
Fast zehn Minuten lang werde ich vollkommen ignoriert. Ich habe Gelegenheit, das Floß genauer zu betrachten, Gerüche und Geräusche aufzunehmen. Mitglieder der Mannschaft hetzen an mir vorbei, außer gelegentlichen gedämpft neugierigen Blicken interessieren sie sich nicht für mich.
Das Floß scheint ganz sacht zu schwanken. Die Verbindung zwischen der GangwayBrücke, die nicht abgebaut wird, und dem Floß knarrt in langsamen Rhythmus. Auch aus der Takelage hört man das Reiben von Seilen gegen Seilen und Seilen auf Holz und Holz gegen Holz. Ich stelle fest, daß das HauptKonstruktionsMittel des Floßes Seile und Holz sind. Vielleicht eine sehr stabile, beschädigungstolerante Konstruktion. Aber ich kann das ja nicht beurteilen. Jedenfalls sind etliche MannschaftsMitglieder damit beschäftigt, SeilVerbindungen zu verstärken und zu reparieren.
Es riecht nach kalten FeuerStellen und organischen Abfällen. Einige Balken an Deck zeigen Verfärbungen, als seien sie wiederholt von färbenden Flüssigkeiten getränkt worden. Und über mir, in der Takelage, unter den weit ausladenden untersten Rahen, gibt es Konstruktionen, von denen ich annehme, daß es nichts mit der Besegelung zu tun hat. Das sind Kräne. Dieses Floß transportiert etwas, was nur mit beträchtlichem Aufwand an Bord gebracht werden kann. Aber was?
Das große Floß trägt eine ganze Reihe von AufBauten, die an BlockHäuser, Holzhütten oder kleinen FabrikHallen erinnern. Das können nicht alles MannschaftsUnterkünfte sein. Aber was ist es dann?
7.4 Die SchiffsKüche
Da baut sich plötzlich ein Mann vor mir auf. Schmuddelig und schmierig, vielleicht fünfundvierzig bis fünfzig Jahre alt, untersetzt und übergewichtig, aber unverkennbar muskulös. Er hat schon eine gut ausgebildete Glatze und er erinnert mich ein bißchen an einen SchankWirt. Er weist auf die Tür eines der heckwärtigen BlockHäuser.
Es ist KüchenDienst. Nachdem mir der Mann eine Ecke zugewiesen hat, wo ich meinen RuckSack abladen kann, deutet er mir mit Gesten an, was ich zu tun habe. Das Innere dieser Hütte hat sich tatsächlich als Küche entpuppt, allerdings mit einem beträchtlichem Inventar an KüchenGerät. Ein GroßTeil davon starrt vor Dreck - angetrockneten und teilweise verwesten SpeiseResten. Entsprechend ist der Geruch. Wenn ich nicht ganz genau wüßte, daß organischer Gestank kaum toxisch ist, dann müßte ich jetzt um meine Gesundheit fürchten.
Immerhin, die Tatsache, daß ich überhaupt diese Geräte sauber machen soll beweist ProblemBewußtsein. Es ist halt das AbwaschProblem, das wir, Irene und ich, zuhause erst durch Anschaffung einer WaschMaschine gelöst haben. Der Abwasch - der natürliche Feind des Menschen und gleichzeitig nur in seiner Gegenwart existenzfähig - ein widerliches Biest!
Vorübergehend fällt mir der Thomas Mugridge aus dem 'Seewolf' von Jack London ein. Der Erzähler wird dort in einer ähnlichen Situation durch den Koch Mugridge erniedrigt, geschlagen und mit Arbeit überlastet. Der Mann, der mich hier einweist, scheint aber nicht aus demselben Holz geschnitzt zu sein. Eher scheint er diese Einweisung so schnell wie möglich hinter sich bringen zu wollen. Er zeigt mir einen Haufen genauso schmutziger Tücher, die ich zum SauberMachen benutzen soll. Dann, als er sieht, wie ich anfange, Pfannen und Messer mit diesen DreckTüchern zu reiben, verzieht er sich.
Die Schinderei durch einen Thomas Mugridge bleibt mir erspart. Nur wird das Geschirr nicht sauber. Es handelt sich um teils recht große Messer, Spieße, Töpfe und Pfannen, weiterhin Teller und fast normales Besteck. Essen unsere Gastgeber mit Messer und Gabel? Gabeln kann ich keine finden.
Die sonstige Einrichtung des Raumes ist die einer Küche. An der Wand stehen Regale und ZubereitungsTische, in der Mitte des Raumes ein zweieinhalb Meter durchmessendes und eineinhalb Meter hohes rundes Gemäuer, das bei näherem Hinsehen doch aus Holz ist. Seitliche Öffnungen unten und ein Grillrost, der die kreisrunde Öffnung oben abdeckt, zeigen, daß es sich um einen großen Ofen handelt, der jetzt nicht in Betrieb ist. Durch den geschwärzten RauchAbzug in der Decke könnte ein Mann hindurchklettern.
Auch auf dem OfenRost liegt dreckiges Geschirr, einfach überall, wo es nicht hingehört. Ein SauStall! Was Irene wohl zu dieser Küche sagen würde?
Mit den DreckTüchern kann ich die FettSchmiere höchstens verreiben und neuverteilen. Ich brauche wenigstens Wasser. Ein WaschMittel wäre nicht schlecht, aber man kann nicht alles haben. Wasser gibt es draußen. Das Floß schwimmt schließlich in demselben.
Mit drei oder vier Tüchern über der Schulter und einem Stapel Teller und kleinerer Pfannen verlasse ich die Küche und trete an die BordWand. Wer immer auf Deck steht, sieht mich mit Interesse an.
Die WasserOberFläche ist etwa fünfzig Zentimeter unter dem Niveau des Deckes. Die Tücher auszuwaschen ist auch in einer unangenehmen ZwangsHaltung kaum möglich. Ich muß selbst ins Wasser. Während ich über die BordWand steige, spüre ich die Blicke aller, die auf Deck etwas zu tun haben, im Nacken. Wenn sie jetzt annehmen, daß ich ausreißen will, dann wird sich mir wahrscheinlich gleich ein Pfeil in den Nacken bohren.
Das Wasser ist wirklich flach. Es geht mir gerade bis zur Brust. Ich könnte ohne Schwierigkeiten das zu waschende Geschirr vom Floß runternehmen, wenn da nicht eine leichte Strömung wäre. Diese drückt mich so zur Seite weg, daß ich mich eigentlich dauernd festhalten muß. Es ist also nicht ganz einfach.
Ohne WaschMittel kriege ich den allerletzten FettFilm nicht weg. Aber es gelingt mir in den folgenden Stunden, nicht nur den deutlich sichtbaren Schmutz von allem Gerät zu entfernen, sondern sogar etwas wie gezieltes AufRäumen in der Küche zustande zu bringen. Außerdem, da ich jedes Gerät genau ansehen muß, gewinne ich allmählich Klarheit über den Zweck des Floßes: Diese Beile und diese großen Messer dienen nicht dazu, MahlZeiten für die FloßBesatzung zuzubereiten. Wahrscheinlich sind sie versehentlich in die Küche gelangt. Das Schiff ist vermutlich eine Art FischereiBetrieb, oder ein BasisSchiff für JagdUnternehmen. Ich sehe zwar nirgends FleischVorräte, aber ich habe ja auch noch lange nicht in alle AufBauten hineingesehen.
Die ganze Zeit habe ich den Eindruck, daß ich alleine arbeite. Eine ganze Handvoll Männer sieht mir zu, und zwei oder drei fahren lediglich dann mit ihrer eigenen Beschäftigung fort, wenn sich eine Frau an Deck blicken läßt. Danach stellen sie ihre Tätigkeit schnell wieder ein. Geredet wird kaum etwas.
Einmal kommt eine Frau auf Deck, die einen der Männer zu sich winkt. Sie setzt sich auf eine KabelRolle und zwingt den Kopf des Mannes unter ihren Rock zwischen ihre Beine. Niemand beachtet das mit mehr als einem flüchtigen Blick. Dann aber, als sie sich zurücklehnt, sieht sie mich mit meinem Geschirr neben der BordWand hantieren. Sie richtet sich sofort wieder auf, stößt den Mann wieder weg und stellt sich zu den anderen, gaffenden Männern - mit einem gewissen Abstand - und gafft ebenfalls. Nach einigen Minuten verschwindet sie wieder. Daß sie eben einen der Männer zu sexuellen Diensten befohlen hat und damit offenbar nicht fertig geworden ist hat sie schon wieder völlig vergessen. Der Fremde, der da KüchenDienst macht, war offenbar viel interessanter!
Ein paarmal glaube ich aus einem der Räume im ersten Stock des BrückenAufbaus Irenes Stimme zu erkennen. Das könnte sein, denn sie ist in die Richtung abgeführt worden. Ihre SprachMelodie ist seltsam, aber es ist eindeutig Irenes Stimme, dann wieder unterbrochen von anderen weiblichen Stimmen. Verhör? SprachUnterricht? SprachUnterricht wäre das Plausibelste, was mir einfällt. Sonst kann man ja kaum etwas aus uns herausholen. Wenigstens wird sie im Moment nicht mißhandelt.
Der Mann, der mich eingewiesen hat, läßt sich erst nach zwei Stunden wieder blicken. Er sieht mir mindestens fünf Minuten zu, denkt vermutlich intensiv nach und sagt nichts. Dann verschwindet er wieder.
Während des Putzens finde ich ein FleischStück, das noch relativ neu erscheint. Jemand hat schon hineingebissen, es dann aber wieder zur Seite gelegt. Ich schneide die BißKante ab und esse den Rest. Das ist das erste Fleisch, was anständig schmeckt, so, wie normales SchweineFleisch. Ob es SaurierFleisch ist?
So um 18 Uhr bin ich mit SauberMachen fertig. Ich lasse mich in der mir zugewiesenen Ecke nieder und versuche, zu schlafen. Das gelingt - eine Zeitlang. Dann werde ich wieder von meinem 'Thomas Mugridge' geweckt. Ich bin inzwischen sicher, daß er die Rolle eines Kochs spielt. Der Vergleich mit einem SchankWirt war also gar nicht so falsch. Er ist wohl froh, daß er Assistenz bekommen hat, wenn er sich das auch nicht so anmerken läßt wie jener Thomas Mugridge auf der GHOST.
Mein ArbeitsTag ist also immer noch nicht zu Ende. Er nimmt einige der großen HackMesser von den Halterungen, wo ich sie so sorgsam und der Größe nach sortiert aufgehängt habe und führt mich in einen anschließenden Raum, den ich noch nicht betreten habe.
Da stehen vier große, stabile Tische aus massiven Holz. Außerdem stinkt es ganz ekelhaft nach Verwesung. Ihn scheint das aber nicht zu stören. Er öffnet große WandSchränke und winkt mich heran. Als ich nähertrete, wird mir schlecht. Die Knie geben nach, und ich muß mich an einem Tisch festhalten. 'Mugridge', der Koch, sieht mich verwundert an.
7.5 MenschenFleisch und KochRezepte
Es sind Leichen. Tote Menschen. Über- und nebeneinander gestapelt. Alles Männer in den besten Jahren. Der Anblick erinnert mich an FilmAufnahmen von der Befreiung der KonzentrationsLager, dem Öffnen der ersten GasKammern. Diese Menschen wurden jedoch nicht 'zweckfrei' umgebracht. Ich begreife: Das ist ein Teil des SchiffsProviants.
Unsere 'Gastgeber' sind MenschenFresser.
MenschenFresser. Was für ein billiges Wort. Das klingt nach AbenteuerRomanen ohne Anspruch. Freigegeben von 14 bis 18. MenschenFressen ist weniger schlimm als bumsen. Das ist erst ab AltersStufe 16 oder 18 freigegeben. Die MitArbeiter der BundesfilmPrüfstelle waren wohl noch nie bei MenschenFressern zu Gast.
Wie in Trance nehme ich nun wahr, was geschieht, wie ein Träumender handle ich, wo ich zum Handeln aufgefordert werde. 'Mugridge' deutet mir an, ihm dabei zu helfen, zwei der Leichen aus den Schränken zu nehmen und auf zwei Tische zu legen.
Ich sehe, daß die Leichen bereits ausgeweidet sind. Ein großer Schnitt im Bauch. 'Mugridge', der Koch, öffnet bei einer der Leichen diesen Schnitt mit den Händen, drückt die WundRänder auseinander und holt einen großen Stein heraus. Er behandelt diesen Stein, als ob er das wertvollste an der Leiche wäre. Er öffnet einen weiteren Schrank, und legt den Stein auf viele ähnliche.
Steinsalz? Zum Konservieren der Leichen? Ich weiß nicht. Als 'Mugridge' mich auffordert, bei der anderen Leiche dasselbe zu machen, muß ich auf den Boden kotzen. Der Koch steht dabei, als ob er nicht versteht, was ich eigentlich habe oder warum ich mich so anstelle.
Er besteht nicht darauf, daß ich weitermache. Wahrscheinlich muß er über meine Reaktion erst mit einer Vorgesetzten sprechen. Ich werde wieder in den anderen Raum zu meiner Ecke zurückgebracht. Dann läßt er mich in Ruhe. Nicht einmal den unschönen Fleck, den ich auf dem FußBoden verursacht habe, läßt er mich wegmachen. Er stört ihn überhaupt nicht.
Die Geräusche aus dem NebenRaum ermöglichen allerdings, daß man den FortSchritt bei der Zubereitung der Leichen gut genug verfolgen kann.
Ich kann nicht schlafen. Nicht, weil kein Bett da ist. Das haben wir auf dieser Reise ja schon gelernt: Ohne das auszukommen. Aber dieser routinemässige Kannibalismus - so routinemäßig, wie wir in Bayern, ach was, in der ganzen Welt, das Fleisch von Tieren essen, oder Milch und Käse.
Ich erinnere mich auch, daß das FleischStück, das ich da vorhin gefunden habe, endlich wie richtiges Fleisch geschmeckt hat.
Jetzt weiß ich, was ich da gegessen habe.
7.6 Der Ofen und das Fleisch
Ich weiß nicht, wie lange ich gesessen und in der Dämmerung des KüchenRaumes gegrübelt habe. Der Koch kommt rüber und macht sich an dem GrillOfen zu schaffen. Er spricht mich zunächst nicht an, bis das Feuer einigermaßen brennt. Dann bedeutet er mir, durch weiteres NachLegen von Holz dafür zu sorgen, daß der Ofen seine volle Leistung erreicht. Dann verschwindet er wieder. Lustlos und widerstrebend komme ich seiner Aufforderung nach. Was da gebraten werden soll, ist ja klar.
Der SchornStein, der sich über dem Abzug befinden muß, scheint länger zu sein. Ich habe ihn von draußen zwar nicht gesehen, aber das heißt nichts. In dem TakelagenGewirr habe ich ja fast überhaupt nichts wiedererkannt. Jedenfalls ist der Zug nach kurzer Zeit ganz ordentlich, und das Feuer brennt mit steigender Hitze. Der Raum wird dabei durch den Zug des SchornSteins gut durchlüftet. Ein Wind kommt durch die offenstehende Tür von draußen. Dafür bin ich dankbar, da es in diesem Raum ungemütlich warm ist - wärmer als die AußenTemperatur, die ohnehin schon ständig etwas über dreißig Grad beträgt.
Der Stoß des bereitliegenden BrennHolzes ist gut getrocknet, und so entstehen weniger und heißere SchwelGase, die dann alle gleich mitverbrennen. Ich sehe, daß das Feuer ungewöhnlich heiß brennt: Es tut in den Augen weh, glühende HolzKohleStücke direkt anzusehen. Ja, natürlich: Wir sind in 10500 Meter Tiefe. Da ist der Druck etwa der vierfache AtmosphärenDruck. Vierfacher SauerstoffPartialdruck. Da muß Feuer schon deutlich anders brennen. Zwar wird dann auch die vierfache Menge StickStoff miterhitzt - immer unter der Annahme, daß der StickstoffGehalt dieser Luft derselbe ist wie bei uns oben - aber wahrscheinlich wirkt sich das größere SauerstoffAngebot bei der Verbrennung deutlicher aus.
Ich habe zuviel nachgelegt. FlammenSpitzen schießen durch den EisenRost. So kann man kein Fleisch darauf legen. Was mache ich jetzt?
Es ist mir schon vorher aufgefallen, daß der Ofen aus Holz ist. Eine schwere, schwer brennbare Holzart, vielleicht ein Holz mit einem hohen MineralGehalt. Die InnenWände des Ofens sind fast steinartig eingeröstet. Wahrscheinlich eine stabile, bewährte Konstruktion. Aber nicht für zu heftige Feuer gedacht. Denn nun beginnen die OfenWände stellenweise zu qualmen. Ich sehe vor meinem geistigen Auge schon das Schiff in Flammen aufgehen.
Der Koch betritt den Raum wieder, beide Arme voller FleischStücke. Er ist über das heftige Feuer nicht besonders beunruhigt. Er wirft das Fleisch auf den glühenden Rost, wo es bei der Berührung mit den glühenden Stangen laut aufzischt, und kümmert sich dann um den Ofen selbst. Ein paar Griffe an den seitlichen FeuerungsÖffnungen. Jetzt erst sehe ich, daß da DrosselungsKlappen vorhanden sind. Hätte ich auch selber drauf kommen können.
Bevor der Koch rausgeht, nimmt er eine lange Zange vom Haken und bedeutet mir, das Fleisch regelmäßig zu wenden. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als genau das zu tun.
Ich kann nicht erkennen, woher die einzelnen FleischStücke kommen. Die größeren Muskeln sind in mehrere Stücke zerhackt, Sehnen und größere Gefäße sind entfernt worden. Die weiteren FleischStücke, die der Koch in wenigen Minuten bringt, sind genauso zubereitet. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dann würde ich nicht auf die Idee kommen, daß es sich um MenschenFleisch handelt.
Das Fett fällt in das Feuer, es qualmt. Vielleicht wende ich die FleischStücke häufiger, als es notwendig ist. Ich will, ich muß meine Sache gut machen - sonst ende ich auch auf diesem Rost. Und das sähe ganz genauso aus wie es jetzt aussieht. MenschenFleisch ist von dem Fleisch der Tiere, die wir selber als Nahrung zu uns nehmen, kaum zu unterscheiden. Für mich als Vegetarier sowieso nicht.
Die Vorstellung, daß Irene oder ich auf einem solchen Rost enden könnten, ohne daß jemals unsere Bekannten und Verwandten etwas über unseren Verbleib oder unser Schicksal erfahren würden, erscheint mir schrecklich. Natürlich weiß ich, daß, im großen Lauf der WeltGeschichte, unser Leben nicht wichtiger ist als das der Menschen, die da vor mir auf dem Feuer brutzeln. Aber das ist eine Abstraktion. Realität ist: Ich will am Leben bleiben, und ich will, daß Irene am Leben bleibt.
Wir müssen flexibel sein. Wenn es zum Überleben notwendig ist, geschlachtete Menschen zum Essen zuzubereiten, dann werde ich das tun. Wenn es notwendig ist, bei Hinrichtungen zu assistieren, wenn es notwendig ist, der Kommandantin zu Diensten zu sein - zu welchen Diensten auch immer - dann werde ich das tun. Das ist hier kein RechtsStaat. Hier gibt es keine BerufungsInstanz. Moralische GrundWerte müssen jetzt erst einmal zur Seite gestellt werden.
Was glauben wir, was wir da oben für Probleme haben! ParteiSpenden, getürkte Gutachten über die Sicherheit von KernKraftWerken, AbtreibungsDiskussion. Was noch? Wann wird es hier etwas geben, was unserem RechtsStaat und unserer Demokratie nur annähernd entspricht? Wieviel Zeit braucht es, in den meisten dieser Köpfe solche Ideen reifen zu lassen? Jetzt heißt das Geschäft erst einmal 'Überleben'. Ohne rechtsstaatliche Hilfen.
Fast werde ich bei diesem Gedanken etwas stolz. Ein bißchen gesellschaftlichen FortSchritt haben wir doch zustande gebracht, da oben, in den alten, dekadenten europäischen Ländern! Verglichen mit den Verhältnissen hier.
Und der Koch betritt wieder den Raum und wirft weiteres Fleisch auf den Rost, und ich wende brav das Fleisch. Was für eine Laufbahn. Herwig. Diplom der Physik. Fünfzehn Jahre BerufsErfahrung im Schreiben systemnaher Software. Ein paar FachArtikel in renommierten ZeitSchriften. Auch ein paar S-F-Geschichtchen. Jetzt Schlachter und KüchenGehilfe. Wird demnächt lernen, einen Menschen fachgerecht zu zerlegen.
Herwig, wie weit hast du es gebracht!
Es ist vielleicht 21 Uhr, als der größte Teil des Fleisches gar ist. Unter Anleitung des Koches verteile ich die Stücke auf etwa zwanzig Teller. Ist das die Anzahl der derzeitige Besatzung des Schiffes?
7.7 Bedienung bei Tisch
Es gibt noch ein paar pflanzliche Beilagen, aber nach meinen Vorstellungen nicht übertrieben viel. Einen so großen Teil der eigenen Nahrung als Fleisch zu sich zu nehmen gibt Grund zu medizinischen Bedenken, egal, um welches Fleisch es sich nun handelt. Aber die Abwesenheit medizinischer GrundKenntnisse kann ich unseren GastGebern schon gar nicht vorwerfen. In diesem Punkte sind sie mit den meisten unserer zivilisierter ZeitGenossen in bester Gesellschaft, wie weltweit Hunderte von Millionen oder sogar Milliarden Raucher beweisen, oder den ähnlich hohen ProzentSatz von Menschen, die nicht einmal über rudimentäre ernährungsphysiologische Kenntnisse verfügen.
Wenigstens versuche ich, mir das AusSehen des wurzelartigen Gemüses zu merken, für den Fall, daß wir es einmal in freier Natur suchen und wiedererkennen müssen. Ich wünschte, ich könnte den Koch darüber befragen.
In dem Raum über uns ist Getrappel. Dem Koch folgend verlasse ich die Küche, jeder von uns vier Teller balancierend. Eine steile Treppe bringt uns zu einem langen MehrzweckRaum, der etwa in der Mitte des Schiffes liegt. In diesem Raum sind lange Tische aufgestellt. Alle essen zusammen, SchiffsLeitung und Mannschaft. Die Mannschaft, also im wesentlichen Männer, sitzen von der Kommandantin am weitesten entfernt. An diesem Ende der Tafel wird auch geschwiegen. Wenn die Kommandantin und ihre Offiziere miteinander reden, dann haben alle anderen FunkStille.
Natürlich wird das weibliche Ende der Tafel zuerst bedient. Jetzt erst sehe ich, daß Irene neben der Kommandantin sitzt. Sie starrt vor sich hin, blickt gar nicht auf und hat mich noch nicht gesehen.
Der Koch und ich werden praktisch ignoriert, so, wie das bei dem BedienungsPersonal in Restaurants auch bei uns üblich ist. Nur vom unteren Ende der Tafel werden ein paar neugierige Blicke auf den Fremden geworfen, aber wer an Bord etwas darstellt, der täte sich nie dazu herablassen, sich auch nur in Spuren so etwas wie vulgäre Neugier anmerken zu lassen. Schließlich hat man die Situation ja in der Hand, auch wenn da so ein unerklärlicher Fremder auftaucht.
Wir flitzen mehrfach zwischen Küche und KantinenRaum rauf und runter. Der Koch überläßt mir die weitere Verteilung der FleischTeller alleine, nachdem jetzt dafür gesorgt worden ist, daß die SchiffsFührung die besten Stücke bekommen hat, und kümmert sich um Getränke.
Die ArbeitsTeilung ist nicht sehr geschickt. Zwei Leute brauchen eine ganze Weile, um alle Esser an einer zwanzigköpfigen Tafel zu versorgen. Wer schon hat, ißt und trinkt sofort, wer noch nicht hat, wagt nicht, zu protestieren. Das Getränk, das der Koch in blechernen Bechern serviert, könnte eine Art Wein sein, oder Bier. Es riecht nach beidem, aber ich habe das Gefühl, daß gar kein Alkohol drin ist. Die Männer bekommen Wasser.
Ich habe den Eindruck, daß diese formale Tafel unüblich ist, aber ich weiß nicht, was mich auf diesen Gedanken bringt.
Irene ißt mechanisch. Die geistesabwesende Art, wie sie ißt, verrät mir, daß sie über Einiges nachdenkt, nicht aber über ihr Essen. Also weiß sie noch gar nicht, was sie da ißt, denn das wäre ihr anzumerken - so gut kenne ich meine Frau. Sie hat mich auch immer noch nicht bemerkt.
Während ich arbeite, verfolgt die Kommandantin mich nun doch mit ihrem Blick. Nicht, daß sie mich anspricht - das wäre unter ihrer Würde. Aber man merkt ihr an: Sie möchte alles an Bord und in ihrem EinflußBereich unter ihrer Kontrolle haben. Von Irene hat sie noch nicht allzuviel erfahren - wenn sie tatsächlich SprachUnterricht machen, dann ist da in diesen wenigen Stunden nicht viel rausgekommen. Habe ich doch auch kaum wiedererkennbare Ausdrücke aufgeschnappt, bis jetzt. Ein Jammer, daß die neuronalen GrundLagen des Erlernens einer Sprache nur in den ersten LebensJahren so gut sind.
Das Gelage ist lang, und es wird tatsächlich alles Fleisch aufgegessen. Der Koch beschäftigt mich wieder mit SauberMachen. Wie wohl der tägliche Rhythmus aussieht? Wir sind um 4 Uhr heut morgen wach geworden, jetzt wird es 23 Uhr. Mir reichts. Ich versuche, dem Koch das klarzumachen. Er zuckt mit den Schultern und geht raus. Heißt das, daß ich schlafen darf?
Es heißt das. Als er wieder reinkommt, bringt er mir eine geflochtene Matte mit. Ich breite sie im Augenblick in meiner Ecke aus. Er interveniert nicht, als ich mich niederlege.
Allerdings hat er weiter in der Küche zu tun. Wenn ich nicht so hundemüde wäre, würde mich das gelegentliche Scheppern vom Schlafen abhalten. Irgendwann muß er doch auch schlafen? Wann ist denn nun die SchlafPeriode? Aus der gleichmäßigen AußenBeleuchtung kann man ja überhaupt nichts erkennen.
Kein Thomas Mugridge, denke ich im EinSchlafen. Er schikaniert nicht und akzeptiert FremdArtigkeit. Und doch hackt er Menschen auseinander, weil er es schon immer getan hat. Seine Welt, diese Welt: Darinnen kann man Menschen eben essen. Er hat diese Welt genauso vorgefunden, wie alle anderen auf diesem Schiff. Sollte ich mich in der Beurteilung dieser Menschen zurückhalten? Was täten denn wir, wenn wir in diese Welt hineingeboren wären?
Mit dem Gedanken an Irene und ob sie wohl auch endlich schlafen darf, schlafe ich selbst ein.
******** 008. Tag: Samstag 1995-08-26 ********
8.1 Erinnerungen auf der MastSpitze
10 Uhr morgens, sagt meine digitale ArmbandUhr. Ich bin von selbst wach geworden. Kein Wecken. Aber schmerzende Glieder - die geflochtene Matte ist fast genauso hart wie der Boden.
Irgendwo schnarcht jemand. Ich bin alleine in der Küche. Das Feuer im Ofen ist ausgegangen, und draußen geht ein gleichmäßiger Regen. Leise stehe ich auf und trete vor die Tür der Küche.
Dicker Nebel. Schwül. Ich bin schnell naßgeregnet, aber es ist wie eine warme Dusche. Ich sehe auf. Sogar die Masten verschwinden im Nebel.
Hält denn niemand Wache? Leise gehe ich auf und ab. Tatsächlich. Niemand paßt auf das Schiff auf, niemand auf uns. Wenn ich Irene wiederfände, dann könnten wir eventuell abhauen!
Blitzartig baut sich in meinem Kopf ein Plan auf, ein machbarer Plan: Derselbe Weg zurück, vorher an LebensMitteln einpacken, was wir in die Finger bekommen können, vielleicht noch ein paar Seile stehlen. Würde das funktionieren? Die RuckSäcke hat man uns ja nicht weggenommen, und den Weg würden wir wohl finden, das traue ich mir schon zu: Flußaufwärts, über das FlußGeröll, in den richtigen SeitenFluß hinein, dann die WaldStraße. Diese über vielleicht einige Dutzend Kilometer, an den verlassenen Dörfern vorbei, der unbenutzten HinrichtungsStätte und der verfallenen Hütte aus einem SaurierSkelett, in die Berge rauf, der VergewaltigungsTeich, danach bald schon an der Säule hoch. Der Platz unserer GefangenNahme. Die Hängende Straße. Dann, die KreuzigungsStätte. Der verfallene ObstGarten. Der Kleine See und der SaurierSee. Aus den Wolken raus, auf die verlassene Stadt zu, aber links halten. Die sich windende Straße hinauf, in die Wand der nächsten Säule. Nach langem Anstieg, auch durch viele TunnelStücke an dem nun senkrecht werdenden Hang der Säule, der Platz am Ende der Straße. Dann der KletterSteig, elendiglich lang, elendiglich hoch, elendiglich luftig. Dann der WiderlagerPlatz mitten in der Wand der Säule, hinauf auf die SeilBrücke. Unter dem Hängenden Berg vorbei, wo ich fast abgestürzt wäre. Tausende Meter unter uns, bis zur WolkenObergrenze, und darunter noch einmal fünftausend Meter, wie wir jetzt wissen.
Hinter dem Hängenden Berg noch einmal eine lange SeilBrücke. Dann, der Grat. Weiterer Anstieg. Die Höhlen würden dunkler. Zeit, die DynamoLampen auszupacken. Der große, dreieckige Tunnel. Der SteinHaufen unter dem Loch in der Decke, dann, der Gang, horizontal, Treppen, sich windend. Irgendwann dann der bodenlose, stundenlange KletterSteig, die EisenStäbe über der schwarzen Tiefe. Einer fehlt, erinnere ich mich.
Am Ende des KletterSteiges die Stelle, die wir nicht mehr in GegenRichtung überwinden konnten. Da müßten wir uns etwas einfallen lassen - vielleicht etwas Geeignetes mitnehmen. Das müssen wir uns aber hier schon überlegen. Wenn wir aber diese Stelle überwinden könnten: Weitere GeröllHalden, irgendwo noch ein kleiner Teich, Grate, Wege in Tunneln und an SteilWänden, alles in finsterster Nacht. Dann die Stelle, wo das GlühBirnchen liegt. Wir hätten es dann fast geschafft. Bald darauf schließt sich der Abgrund, nur noch ein leicht steigender Stollen, keine AbsturzGefahr mehr, am Ende ein kurzer, steiler Abstieg, noch ein paar Meter, und wir stünden im Freien, auf dem HöllentalPlatt der ZugSpitze! Irene, die AußenWelt da oben gibt es wirklich, ich habe es doch die ganze Zeit gesagt! So schlecht kann das Wetter gar nicht sein, daß es uns dann noch zurückhielte, einen kleinen Kilometer über das Platt, die SteigAnlage 'Das Brett', ein paar KletterSteige. Wege, immer bequemer, dann, die HöllentalangerHütte, wieder unter Menschen, die sich wie Menschen benehmen! Wir könnten essen und übernachten, wir könnten sogar noch weiter, durch die Klamm, runter nach Hammersbach, nach Garmisch, Hotel oder BundesBahn, heim nach München, heim nach Hause! - Vielleicht könnte man sogar diese unmenschliche Welt vergessen, die überall nur zehn Kilometer unter unseren Füßen liegt. Vielleicht sagen wir niemandem etwas, dann bleibt es unser Geheimnis! Vielleicht ist es dann irgendwann gar nicht mehr wahr!
Es knarrt oben im MastWerk. Da ist doch jemand. Oder? Ich kann nicht erkennen, wo genau, und ob ich beobachtet werde. Aber was solls - diese RiesenwegesStrecke zurück, die ich mir jetzt in Gedanken vergegenwärtigt habe - das ist ein guter Bewacher. Abschreckung genug. Ob es andere Wege nach oben gibt? Oder ist es unser Schicksal, hier zu bleiben, ich erstmal als KüchenJunge, Irene als - ich weiß nicht was sie mit ihr vorhaben. Vielleicht wissen unsere Bewacher selbst nicht, was sie mit uns vorhaben.
Das Wasser des Flusses, obwohl in Strömung begriffen, ist ölig glatt, gerippelt durch die zahllosen RegenTropfen. Unbewacht steht die GangwayBrücke. Schon das Ende der Brücke, am Ufer, ist nicht mehr zu sehen. Sie könnte auf ein unendliches, flaches Meer hinausführen.
Beim weiteren UmherWandern auf dem Floß finde ich starke Winden, offenbar dazu geeignet, schwere Gegenstände an Bord zu ziehen. Das Heck des Floßes ist dazu wie ein Stück abschüssiger Straße ausgebildet, die im Wasser verschwindet. Aber ich sehe auch, daß man diese Geometrie des HeckTeiles bei Bedarf ändern kann. In regengeschützten HalterungsKästen stehen schwere Beile und überproportional große Schwerter bereit. Das ist kein KüchenBesteck, denke ich mir. Damit hackt man auf größeres ein. Ist dies ein FangSchiff? Ein WalFänger? Nein, ob es hier Wale gibt, wissen wir nicht. Aber vielleicht ist es ein SaurierFangschiff? Oder ein AufbereitungsSchiff?
Ich rechne etwas nach: Einen Saurier von hundert Tonnen an Bord zu bringen, im Ganzen oder in Stücken, würde bei der Größe des Floßes den Tiefgang nur um fünf bis sechs Zentimeter erhöhen. Es könnte immer noch in flachen FlußGewässern operieren.
Ich schleiche weiter. An den Stellen, wo ich es am wenigsten erwarte, höre ich die Geräusche schlafender Menschen - leichtes Atmen bis rasselndes Schnarchen. Von einem der höheren Räume, der vorne isoliert in das MastWerk eingepaßt ist wie ein wuchtiger JagdHochsitz, höre ich ein rhythmische Knarren. Die Frequenz läßt auf GeschlechtsVerkehr oder Masturbation mit heftiger Bewegung schließen. Es gibt aber keine LautÄußerungen wie heftigeres Atmen oder gar Schreie. Diszipliniert, oder routiniert, oder leidenschaftslos? Egal, es geht mich nichts an. Ich sehe mich weiter um.
Alle schlafen in geschlossenen Räumen, niemand auf Deck, im Regen. Dabei ist der Regen so warm, daß er vielleicht nicht einmal den Schlaf stören oder verhindern würde. Alles GewöhnungsSache.
An der BordWand zieht sich durchgehend, bis auf den achteren Teil, eine baumstarke Leiste entlang, zu niedrig für ein Geländer, aber man kann darauf sitzen, und es gibt stabile, hölzerne DoppelPoller, die entweder dafür gut sind, das Schiff mit Seilen an einem Kai zu befestigen, oder die auch Ruder aufnehmen könnten. Oder beides. Ich habe allerdings noch nichts einem Ruder ähnliches gefunden, wenn man von den größeren Messern und BreitSchwertern absieht, die aber fürs Rudern wohl zu schwer und zu rostanfällig sind.
Der BugSpriet des Floßes ist so lang wie ein richtiger Mast, also mindestens so lang wie das Floß selbst. Er bildet mit der WasserOberfläche einen Winkel von dreißig Grad, so daß seine Spitze vierzig Meter über dem Wasser ist. Das ganze Schiff muß mit dem BugSpriet zusammen eine Länge von 150 Metern haben. Auch der BugSpriet trägt Rahen, genauso weit ausladend wie die Rahen der HauptMasten, die alle weit über die BordWand hinausragen. Wahrscheinlich kann man eine große Menge SegelTuch setzen, um auch schwachen Wind auszunutzen. Aber ich bezweifle, daß es die Takelage zuläßt, Höhe am Wind zu gewinnen. Bei reinem Wind von achtern würde jedoch ein solcherart stark besegelter BugSpriet das Schiff in seiner FahrtRichtung stabilisieren.
Der Regen läßt nach, aber träge ziehen tiefhängende Wolken vorbei. Es ist dunkler als gewöhnlich. Die WolkenDecke über uns scheint nicht, so wie die permanente WolkenDecke einige Kilometer über unseren Köpfen, ständig Licht zu generieren. Es sind ganz normale RegenWolken.
Da der Regen abnimmt, nimmt auch die Sicht etwas zu. Ob man aus den Masten weiter sehen kann? Ich begutachte die Wanten. Sie sehen gut besteigbar aus. Inzwischen bin ich wieder zu der Ansicht gekommen, daß das Knarren in den höheren Teilen des MastWerkes und der Takelage nicht darauf zurückzuführen ist, daß sich dort jemand aufhält. Dazu sind diese Geräusche räumlich und zeitlich zu zufällig verteilt. Was hält mich dann noch davon ab, einmal hinaufzuklettern?
Bis jetzt habe ich nur einmal in meinem Leben die Wanten und den Mast eines richtigen SegelSchiffes bestiegen. Das war bei dem Urlaub auf Lanzarote vor fünf Jahren. Dort gab es einen Nachbau des Schiffes, mit dem Magellan 1521 auf der Suche nach einem FahrWeg nach Indien die MagellanStraße entdeckt hatte, die 'Marea Errota'. Die Erbauer holten das Geld für den SchiffsBau wieder herein, indem sie täglich Touristen von der HauptStadt Arrecife zu einer Bucht am SüdEnde von Lanzarote, den 'Punta del Papagayo' transportierten und dort den Passagieren fast zwei Stunden lang Gelegenheit gaben, von Bord des Schiffes aus zu baden. Dabei wurde das SegelSchiff mit einem Motor angetrieben, um Personal zu sparen.
Mir hatte damals das überfüllte Schiff wenig gefallen, und dann wurde auch noch zu allem Überfluß von den Veranstaltern eine überzogene PiratenKlamotte abgezogen: Jeder Passagier wurde fotografiert, während ein 'Pirat' ihm einen GummiSäbel unter den Hals hielt. Am Ende der Fahrt, vor der Landung in Arrecife, mußte jeder für sein inzwischen entwickeltes und vergrößertes Bild 1000 Peseten hinlegen. Das war das 'piratische' an der Fahrt. Außerdem gab es noch an Bord eine Wahl der 'Miss Pirat 1990' und dergleichen Unfug mehr.
Ich hatte damals jedenfalls die Schnauze voll. Bevor wir in dieser Bucht ankerten, betrachtete ich die Wanten des vorderen Mastes. Sie waren in einem ausgezeichneten Zustand. Viel besser als die Wanten des GroßMastes.
Das Schiff lag ruhig, die Besatzung kümmerte sich um die Unterhaltung der zahlenden Passagiere. Ich nahm die Gelegenheit wahr und schwang mich in die Wanten. Zwei bis drei Meter über dem Deck machte ich zunächst eine Pause, um von diesem Standort einen RundBlick mit der Videokamera zu filmen. Niemand behinderte mich oder versuchte, mich zurückzuholen.
Dann stieg ich weiter, bis dicht unter das KrähenNest, das sich etwas über der Rah des VorderMasts befand. Die Höhe über Deck war vielleicht zehn oder fünfzehn Meter. Immer noch machte niemand Anstalten, mich herunterzuholen. Ich klemmte meine EllenbogenGelenke so zwischen die hier dicht beieinanderliegenden Wanten ein, daß ich kaum herunterfallen konnte. So war ein gefahrloses VideoFilmen möglich.
Ich habe diese Situation damals sehr genossen. Der Atlantik, die subtropischen Strände von Lanzarote, im Süden Fuerteventura, davor die Silhouette von Lobos, das alles unter strahlend blauen Himmel und einer brennenden Sonne, so, wie Magellan sie auch erfahren haben muß, und all die anderen frühen Pioniere der SeeFahrt, zu der Zeit, als es noch große, unbekannte Weiten auf dem Planeten gab, und wo jede Fahrt in die Ferne Abenteuer versprach. Das ist heute vorbei. Jedenfalls auf der OberFläche der Erde.
Die Touristen unter mir waren weit weg, fast konnte man sie ignorieren. Mir war bewußt, daß ich, wenigstens einmal in meinem Leben, in einer Situation war, die in der alten Zeit der großen SegelSchiffe viele Menschen mehr oder weniger freiwillig erfahren mußten. Die Ahnung einer Einheit mit allen, die jemals von einem SchiffsMast Ausschau halten mußten, auf noch unbekannte Gestade zum Beispiel, von denen noch alle möglichen Überraschungen ausgehen konnten.
Das Abenteuer war Spiel. Mehr kann jemand, der keine Ambitionen zum Abenteurer oder zum Hobby-SeeFahrer hat, in seinem Leben nicht erwarten. Irene, die sich da unten auf dem Deck sonnte, und die ich erst mehrfach anrufen mußte, bis sie endlich nach oben sah, konnte meinen Empfindungen nicht folgen, und ich konnte sie ihr später auch nicht vermitteln. Die SehnSucht nach dem Abenteuer, in früher Kindheit durch mancherlei spannende Bücher gepflanzt, läßt auch einen erwachsenen Mann nie ganz los. Bis er selbst tatsächlich in ein solches hineingerät. Dann könnte man sich schöneres vorstellen als diesen Streß.
Das kleine Abenteuer begann damals erst, was ich noch nicht wußte. Die BadePause in jener Bucht war zu Ende, und das Schiff ging auf HeimatKurs, nach Arrecife. Ich machte keine Anstalten, herunterzuklettern.
Nachdem der SteuerMann gesehen hatte, daß ich wohl nicht willig war, meinen AussichtsPunkt aufzugeben, begann er, einen harten Kurs gegen die Wellen des Atlantik zu steuern. Jetzt, den WindSchatten der Bucht verlassend, war das Schiff den PassatWinden voll ausgesetzt.
In weiser VorausSicht hatte ich die VideoKamera schon wieder in der BereitschaftsTasche verstaut. Das war gut so, denn ich brauchte meine Hände, um mich festzuhalten. Denn nun versuchte das Schiff, mich herunterzuschleudern.
Durch den langen HebelArm des Mastes war ich jeder Bewegung des Schiffes viel mehr ausgesetzt als die Passagiere unten auf Deck. Mit Armen und Beinen verklammerte ich mich in den Wanten. Dann war keine Gefahr mehr dabei, aber ich schwankte zwischen dem Stolz, die See wie ein SturmVogel auszureiten und doch vor dem Gischt, der die Passagiere da unten durchnäßte, geschützt zu sein, und der Furcht, daß mir bis Arrecife vielleicht die Kräfte ausgehen könnten. Dabei war es zu jenem Zeitpunkt erst einige Wochen her, daß ich mit einem Kollegen das erste Mal in meinem Leben die ZugSpitze durch das HöllenTal bestiegen hatte - Jener AufstiegsWeg also, an dem unser jetziges Abenteuer jetzt vor einer Woche seinen Anfang genommen hatte, und von dem ich damals noch nichts ahnte - ich wußte also, daß ich mich durchaus über Stunden hinweg irgendwo festhalten konnte. Und auf dem Mast war die Kamera vor SalzWasser absolut sicher.
Ich erinnerte mich an eine Sequenz aus dem 'SeeWolf' von Jack London, in der der Erzähler Humphrey van Weyden ebenfalls in den Mast hinaufgeschickt wurde, allerdings zu einem noch höheren Punkt, mehr als zwanzig Meter über dem Deck. Er sollte dort nach den ausgesetzten RobbenfängerBooten des Schiffes Ausschau halten. Zudem geriet das Schiff just zu dem ZeitPunkt in einen Taifun, und der arme Hump wurde hin- und hergeschleudert, der Orkan versuchte, ihn vom Mast zu blasen und das Schiff war mehrfach dicht vor dem Kentern.
Jack London verwendete in seinen Erzählungen autobiographische Elemente. Wenn er eine solche Situation beschrieb, dann kann man sicher sein, daß er es entweder selbst erlebt oder wenigstens mit eigenen Augen gesehen hat. Wenn ein Mensch solche Bedingungen aushalten kann, was sollte ich mich dann beschweren, wenn das Schiff ein bißchen in dieser leichten Brise ins Schaukeln geriet? - Auch mit diesen Gedanken versuchte ich damals, mich zu beruhigen und die aufkommende Panik zu vertreiben.
Dann allerdings trat ich nach einer halben Stunde doch den Abstieg an, für jeden Schritt eine BewegungsPause des Schiffes nützend. Immerhin hatte ich LandRatte doch ein gewisses EinfühlungsVermögen in die Bewegungen des Schiffes bekommen, um das beurteilen zu können.
Als ich unten ankam, klatschten einige der Passagiere, denen nicht selbst schlecht war, Beifall. Dafür wurde mir alsbald schlecht. Seltsam: da oben auf dem Mast hatte ich nicht die Spur von SeeKrankheit: Das einzige UnwohlSein rührte aus der kühlen Überlegung her, daß, in Prinzip, sich mein Griff irgendwann lockern und ich heruntergeschleudert werden konnte.
Dieser 2. Oktober des Jahres 1990 sollte mir noch lange in Erinnerung bleiben, wie alle Erlebnisse, die die physische Existenz auch nur marginal bedrohen. Und deshalb denke ich jetzt, wo ich mit den Gedanken spiele, in die Takelage aufzusteigen, an diese lange zurückliegenden Erlebnisse. Die Höhe lockt mich wieder. Und dieses Schiff liegt ganz ruhig. Verglichen mit dem, was wir beim Abstieg in die UnterWelt erlebt haben, sind diese Masten sowieso nur ein KinderSpiel.
Niemand beobachtet mich - die Gelegenheit ist günstig. Mit sicheren Griffen beginne ich den Anstieg.
Schnell bin ich über dem Niveau des HauptGebäudes des Schiffes, das sich zweistöckig fast über die gesamte Länge des Schiffes erstreckt. Dort, wo der GroßMast das Dach dieses Gebäudes durchstößt, sitzt ein zimmergroßer Aufbau als dritte Etage auf, ein Raum mit großen, scheibenlosen Fenstern. Die Brücke? Dieser isolierte Raum wird in seiner Höhe über dem Deck noch von zwei RaumKomplexen vorne und achtern übertroffen, die, im Falle des achtern Gebäudes, gerade mit ihrer Bodenecke das HauptGebäude des Floßes berühren, während der Boden des vorderen Gebäudes etwa 15 Meter über dem Deck ist. Dann gibt es am GroßMast in 25 Metern Höhe noch ein überdachtes KrähenNest, das aber nicht mehr durch Treppen, sondern nur durch Kletterei durch die Takelage zu erreichen ist, so, wie ich es jetzt mache. Das scheint mir an geschlossenen Räumlichkeiten alles zu sein.
Während ich weiter an Höhe gewinne, habe ich Gelegenheit, mir die MastKonstruktion ganz genau anzusehen. Es handelt sich nicht um die Stämme einzelner riesiger Bäume, sondern es sind eine Unzahl schlanker, gerader, fünf bis zwölf Meter langer Hölzer miteinander verleimt worden. Zusätzlich ist der gesamte Mast mit ausgewalztem TauWerk straff umwickelt, was wohl zusätzliche Stabilität verleihen soll. Das gleiche gilt für die Rahen, deren unterste von Ende bis Ende über fünfzig Meter lang sein müssen.
Die höheren KrähenNester sind weit ausladend. Mastnah ist immer ein DurchStieg, durch den man es gefahrlos besteigen kann. Von dort nehmen dann weitere Wanten für die höheren Teile des Mastes ihren Anfang.
Schließlich bin ich im letzten Abschnitt. Die anderen Masten sind schon zu Ende - der GroßMast überragt sie alle um mindestens zwölf Meter. Die letzte Rah. Unter mir sind die Abgrenzungen des Floßes zwischen all den Seilen und Hölzern der Takelage kaum noch zu erkennen. Was ich erkenne, ist weit weg. Das bekannte Gefühl, daß man beim RunterFallen eventuell das Schiff verfehlen würde, stellt sich ein, auch wenn der Verstand noch so genau ausrechnen kann, daß man sich aus dieser Höhe wahrscheinlich nicht einmal mit aller Kraft beim Sprunge so heftig abstoßen kann, daß man das Floß verfehlt.
Dann habe ich die obere Befestigung der obersten Wanten in den Händen. Der Mast ist zu Ende. Fahnen gibt es hier nicht, es gibt auch keine Vorrichtung, um welche aufzuhängen. Dafür einige Rollen, über die Seile mit mir unbekanntem Zweck laufen, und über dem ganzen eine WetterAbdeckung, auf der man beidseits des Mastes sitzen kann. Diese beiden, stabilen SitzBretter haben die fünfzehn Zentimeter durchmessende Spitze des Mastes wie ein kleines Tischchen zwischen sich. Es ist etwas schwierig, da rauf zu kommen, weil die Wanten schon tiefer enden, aber es gelingt mir. Jetzt erst, wo ich die MastSpitze in Händen halte und mein Kopf der höchste Punkt des Schiffes ist, kann ich mich umsehen.
Es ist ein ganz leichtes Schwanken zu bemerken. Dieses ist natürlich auch der Platz, wo man das am allerdeutlichsten merken muß. Wenn das Floß in Fahrt ist, dann dürfte es hier ungemütlich sein, selbst bei leichtem und stetigen Wind.
Die RegenWolken haben sich während meines AufStieges nicht verzogen, und da Murphys Gesetze ja universelle Gültigkeit haben, fängt es jetzt wieder an zu regnen. Als ob das Holz nicht schon glitschig genug wäre!
Man kann gerade eben bis zu den Ufern des Flußes blicken. Der Wald zeigt sich wie eine dunkelgraue Bank, die oben und unten von hellerem Grau umrandet wird. Das ist alles. Noch während ich beobachte, verschwimmt der Unterschied zwischen Wald und FlußGeröll und Himmel immer mehr. Jedenfalls kann ich nicht die Topographie des Flußes stromaufwärts und stromabwärts erkennen, was ich mir eigentlich erhofft habe.
Es könnte sein, daß ich den RegenWolken jetzt näher bin als der WasserOberfläche. Einen genauen AnhaltsPunkt dafür gibt es nicht. Und wahrscheinlich ist die UnterGrenze der RegenWolken auch viel zu wenig definiert, als daß man da mit gutem Gewissen genaue EntfernungsBehauptungen anstellen könnte.
Das Wasser direkt um das Schiff herum ist auch kaum von dem Ufer, das jetzt wieder im Nebel verschwindet, zu unterscheiden. Ich brauche auch eine ganze Weile, bis ich die GangwayBrücke ausmache. Während ich beobachte, verschwindet sie auch. Der Regen wird stärker. Die grobflockigen Wolken, die am Schiff und um mich herum vorbeiziehen, lassen wie üblich bei solcher WetterLage kaum erkennen, ob es sich um statistische Schwankungen der RegenDichte, die wie Wolken aussehen, handelt, oder um Wolken oder NebelFetzen selber. Naja, das ist ja auch ein akademischer Unterschied.
Wenn nicht gerade jemand intensiv nach oben guckt oder gar heraufklettert, ist die MastSpitze jetzt ein gutes Versteck. Sollte ich eine Weile hier oben bleiben? Auf jeden Fall ist es angenehmer als die KüchenArbeit. Man würde unten annehmen, daß ich mich davon gemacht habe. Würde Irene darunter leiden? Ich bin mir nicht sicher. Ich glaube nicht, daß eine Frau, auch wenn es eine Gefangene ist, hier für irgend etwas zur Rechenschaft gezogen werden könnte, was ein Mann ausgefressen hat. Immerhin ein Trost während des Aufenthaltes in dieser Welt: Solange man mir nichts tut, wird man Irene auch nichts tun. Hoffe ich.
Die größere Gefahr, denke ich mir, wäre nur die, daß Irene glaubt, ich wäre geflohen, und versucht, mir zu folgen. Ich kann sie unmöglich alleine den RückWeg antreten lassen. Nicht diesen RückWeg. Das schafft sie nicht.
Im Moment könnte ich eventuell gerade noch wahrnehmen, wenn sich da unten jemand über die GangwayBrücke fortmachen will. So undeutlich, wie sie zu sehen ist, aber etwas sich bewegendes ist immer noch leichter auszumachen. Da kann ich gut noch etwas hierbleiben, auch wenn die Aussicht nicht übertrieben gut ist. Wenigstens habe ich dann nicht das Gefühl, daß ich, aussichtsmäßig, etwas erlebe, was Irene nicht erlebt. Was wäre denn, wenn ich sie hier raufgeschleppt hätte? 'Was? Das ist alles?' würde sie sagen, an der Grenze der Eingeschnapptheit, und alle Erklärungen würden ihr nicht die Faszination dieser kleinen Welt nahebringen, die durch die Höhe und den Nebel und die Gefahr des Abstürzens gebildet wird.
Es ist ohnehin merkwürdig genug, daß das subjektive Erleben dieses bescheidenen HöhenerlEbnisses sich offenbar gar nicht geändert hat. Sollte man nicht annehmen, daß unser mehr als schwindelerregender Abstieg in die UnterWelt ein ständiges seelisches Trauma hinterlassen hat, eine nicht zu überwindende HöhenFurcht? Oder sollte man im GegenTeil annehmen, daß wir nun gegen jede Art von HöhenSchwindel abgehärtet sind? Nichts von beiden ist der Fall. War unser Abstieg so abenteuerlich, daß das BewußtSein sich weigert, diesen Erinnerungen mehr Bedeutung als den Erinnerungen an einen AlpTraum zuzuordnen? Oder ist es unser Alter, daß die starke EinPrägung von existenzbedrohenden Erlebnissen schon nicht mehr zuläßt? Vielleicht ein Vorteil, daß man nicht mehr durch eine Gefahr hypnotisiert wird, so daß keine Panik eintritt.
Bei der ZugspitzBesteigung vor fünf Jahren ist mir das auch aufgefallen. Sowohl auf dem Brett - damals das erste Mal - als auch nachher in der HöllenTalwand hatte ich die Hosen gestrichen voll. Keinen Nerv, die Aussicht zu bewundern, nicht einmal, als wir schon auf der Irmer Scharte angekommen waren. Angst, wenn auch keine Panik. Jeder Griff hat gesessen. Der KletterSteig ist schließlich sorgfältig verbaut. Man kann sich überall festhalten. Kaum, daß wir dann oben waren, auf den AussichtsPlattformen des Münchner Hauses, da versank das Erlebnis hinter mir ins Akademische. Ob es meinem Kollegen auch so ging, weiß ich nicht. Er hat mir später erzählt, daß er mehr Probleme mit WasserBlasen an den Füßen hatte. Das wiederum ist ein Problem, mit dem ich nie zu tun habe.
Jedenfalls genieße ich meinen AussichtsPunkt ohne Aussicht. Kein Ärger, keine Arbeit, keine Termine. Abgesehen vom Hunger, der sich allmählich meldet. Ganz perfekt können die Bedingungen ja nie sein. Egal, ich bleibe noch etwas hier.
Auf dem Floß geht jemand über Deck. Ich kann nichts erkennen, und derjenige mich wohl auch nicht. Sekunden später Geräusche eines TreppeBesteigens, dann UmeinanderRäumens von irgendwelchen Gegenständen. Die nehmen hier nicht sehr viel Rücksicht darauf, daß jemand noch schlafen könnte! Oder vielleicht ist auch die WachPeriode angebrochen. Das muß ich noch genauer herausfinden, wie die Wach- und SchlafPerioden auf dem Schiff liegen und wodurch sie synchronisiert werden.
Wieder Schritte, allerdings sehr gedämpfte. Es ist immer noch nur eine einzelne Person. Als ich aber ein ganz leichtes Vibrieren in meiner SitzFläche spüre, kommt mir die Idee, daß jemand dabei sein könnte, in die Takelage aufzusteigen. Ich sehe genauer runter.
In der Tat. Jemand steigt zu mir herauf. Ausgerechnet auf den GroßMast, auf dem ich sitze!
8.2 Charmion
Es ist eine Frau, wie sich unschwer erkennen läßt. Sie kommt nicht herauf, weil ich hier oben sitze - dann würde sie wohl häufiger während des Steigens nach oben schauen. Sie schaut aber überhaupt nicht nach oben. Sie steigt, als ob sie das jeden Tag macht.
Sie ist völlig nackt und unbewaffnet, trägt allerdings eine SeilRolle über der Schulter und einige LederRiemen am Körper. Keine Ahnung, wozu das Ganze gut sein soll.
Erst, als sie das letzte KrähenNest, etwa zwölf Meter unter meinem StandPunkt, betritt, erblickt sie mich, weil sie einen Moment lang nach oben blicken muß, während sie sich durch das enge Loch am Mast hochzieht. Sie erstarrt augenblicklich. Sekundenlang liegen unsere Blicke ineinander.
Ich habe sie noch nicht gesehen. Sie ist jung, jedenfalls viel jünger als die Kommandantin. Auch lassen ihre GesichtsZüge nicht Härte und EntschlußKraft und Arroganz und unbedingte GehorsamsErwartung erwarten, wie ich es bei der Kommandantin gesehen habe, und auch nicht das gewisse Maß an Verachtung, das ich gesehen habe, als die Kommandantin mich flüchtig gemustert hat. Sie ist so jung, daß ihre GesichtsZüge noch völlig ungeformt sind, wie bei vielen Mädchen im Alter zwischen 16 und 20. Das muß auch ungefähr ihr Alter sein. Naja, vielleicht ein bißchen älter. 22 oder so. Es gibt da doch einige Linien in ihrem Gesicht.
Angst zeigt sie keine. Entweder begreift sie nicht, daß eine Konfrontation zwischen uns für sie ungünstig ausgehen könnte, da sie im Moment nicht bewaffnet ist - warum hätte sie auch eine Waffe beim Besteigen des GroßMastes mitnehmen sollen? - oder sie hat eine Ausbildung in NahkampfTechniken, die ihr jetzt Sicherheit gibt. Oder sie kommt gar nicht auf die Idee, daß ein Mann es wagen könnte, die Hand gegen sie zu erheben. Alles nur Vermutung. Was weiß ich schon von einer Welt, in der alle Frauen mit Schwertern rumrennen und sie vielleicht sogar mit ins Bett nehmen?
Sie steigt weiter, wobei sie die Wanten auf der anderen MastSeite benutzt. Einige Sekunden später schwingt sie sich auf das Sitzbrett mir gegenüber, wo sie sich, wie ich selbst, rittlings niederläßt. Sie hat sich offenbar entschlossen, ihren ArbeitsVerpflichtungen wie geplant ohne Verzögerung nachzukommen. Das ist übrigens überraschend: Das erste Mal, daß ich eine Frau in der Unterwelt manuelle Arbeiten verrichten sehe!
Sie sagt ein paar Worte zu mir, schweigt dann aber. Wahrscheinlich hat sie schon erfahren, daß Fremde an Bord sind, die nur eine unverständliche, fremde Sprache sprechen. Aus demselben Grund kann ich leider auch keine Unterhaltung anfangen, um weiteres über unsere GastGeber in Erfahrung zu bringen.
Ein animalischer Duft steigt mir in die Nase. Die strenge Ausdünstung unserer GastGeber kriege ich jetzt, bei dieser Nähe, natürlich ungeschwächt ab. Ich lasse mir nichts anmerken, aber wenn man in unserer Welt da oben etwa einem Kollegen mit einer so starken Ausdünstung begegnete, dann müßte man schon aus purer SelbstVerteidigung die Sprache einmal ganz diplomatisch auf den Gebrauch von Wasser und Seife bringen. Bei unserer GastGebern ist dieser KörperGeruch aber ganz normal. Natürlich laufen wir selber in der letzten Zeit auch nicht gerade duftfrei herum, aber diese strenge Aura haben wir noch lange nicht erreicht.
So ganz gleich beginnt sie mit ihrer Arbeit denn doch nicht. Da wir beide rittlings auf den kurzen SitzBrettern zu beiden Seiten der MastSpitze sitzen, so, das wir jeweils die MastSpitze selbst zwischen den Schenkeln haben, kommen sich unsere Knie und die unteren OberSchenkel in die Quere. Man müßte etwas zurückrutschen, aber dazu ist der Sitz zu kurz und der FallWeg bis hinunter zum Deck zu lang.
Die Angst, oder sagen wir mal, die Besorgnis muß wohl in meinem Gesicht deutlich geworden sein. Sie läßt sich nichts anmerken, weder Angst noch Mißbilligung, auch gönnt sie sich nicht die Spur eines Lächelns. Da für unsere vier Beine einfach nicht genug Platz ist, faßt sie einen raschen Entschluß. Sie klemmt mit ihren OberSchenkeln die meinen ein, ihre UnterSchenkel drücken meine UnterSchenkel gegen die WiderLager der WantenBefestigung unter unserem SitzPlatz, so fest, daß es weh tut. Dadurch sitzen wir jetzt zweifellos sehr sicher, aber die Stellung ist leicht, sagen wir, anrüchig. Unsere vier OberSchenkel bilden eine Raute um das fünfzehn Zentimeter durchmessende obere Ende des GroßMastes, und unsere OberKörper sind sich deshalb auch sehr nahe. Genaugenommen so nahe, daß ihr Busen meine Brust berührt.
Das ist ihr zu nahe. Nicht, weil sie etwas gegen mich hat, sondern weil sie mit dem dicken Seil, das sie immer noch auf der Schulter trägt, irgend etwas anfangen will. Die LederRiemen, deren Zweck ich nicht erkennen kann, behält sie umgehängt. Einige führen zwischen ihren Busen durch und nehmen weit weniger Platz weg als diese.
Überhaupt, als langjähriger Playboy-Leser kann ich Figur und Busen dieses Mädchens wohl klassifizierend und begutachtend einordnen. Das ist absolutes GardeMaß, und ihre Figur ist perfekt, soweit ich das aus dieser perspektivisch verzerrenden Nähe erkennen kann. Sie sieht sehr gut aus, besser als alle, die ich bisher auf diesem Schiff gesehen habe.
Ihr Gesicht ist aus dieser Nähe aber eigentlich noch faszinierender. Nicht, weil man darinnen etwas lesen könnte - es ist, wie gesagt, noch jung, fast glatt und noch nichts hat darinnen seine Spuren hinterlassen. Es ist nahezu nichtssagend. Ein hübsches Mädchen eben. Aber ich bin mir bewußt, daß dieses Mädchen in einer verglichen mit der meinen so fremdartigen Welt aufgewachsen ist, und vermöge ihrer Jugend wahrscheinlich noch nicht allzuviel über das Leben und wie es woanders sein könnte, nachgedacht hat, so daß die Welt, die sie gesehen und begriffen hat, mit der Welt, die in meinem Kopf ein Abbild hinterlassen hat, absolut nichts gemein hat. Wir haben dieselbe Physis - das ist alles, was uns gemeinsam ist. Schon die Eßgewohnheiten sind unterschiedlich - ich muß mir wieder vergegenwärtigen, daß man hier nichts dabei findet, Menschen zu essen!
Ihre Augen sind grau-grün, ihr Haar dunkel-brünett und wirr - so wie Haare eben kurz nach dem AufStehen liegen. Das Fehlen von jeder Art von Kosmetik macht ihr Gesicht erst recht anziehend.
Sie drückt mit einer Hand gegen meinen OberKörper, als ob sie mich vom Mast schubsen will. Obwohl sie meine Schenkel wie ein SchraubStock eingeklammert hat, addiere ich selbst noch einen erheblichen SchenkelDruck hinzu. Es ist nicht zu erkennen, ob meine Angst sie amüsiert. Sie hat jedenfalls den Platz, den sie braucht, und fängt an, das Ende des Taus, das sie mitgebracht hat, aufzudröseln. Das nennt man, glaube ich, ein 'Tau spleißen'. Man sollte wirklich mehr FachWörter aus der SeeFahrt oder der SegelSchifffahrt beherrschen. Ich werde daran denken, wenn wir das nächste Mal eine BergTour unternehmen.
Erstaunlich, daß man ihren Fingern die Folgen dieser Arbeit nicht ansieht. Andererseits macht sie es routiniert und schnell. Ich versuche, meinen OberKörper wieder etwas aufzurichten, aber wenn der Platz zwischen ihrem Busen und meiner Brust zu eng wird, dann drückt sie mich sofort, ohne Lächeln und ohne Mißbilligung, wieder ein paar Zentimeter zurück. Das schräge Sitzen ist etwas anstrengend. Sie selbst lehnt sich übrigens nicht nach hinten.
Jetzt fällt mir erst auf, wie heiß ihre OberSchenkel sind. Auch, als eben ihr Busen meine Brust berührt hat, habe ich die Wärme gespürt. Ihre Haut ist überall feucht von einem dünnen SchweißFilm, und wenn ich selber nicht dauernd schwitzte, dann hätten ihre Busen jetzt ein paar Flecken auf meinem T-Shirt hinterlassen. Hat sie Fieber? Wieso geht jemand mit Fieber in die Takelage? Andererseits, sie sieht völlig gesund aus. Könnte es sein, daß die KörperTemperatur der Menschen hier höher ist? Bis jetzt habe ich ja noch keinen so intensiv berührt. - Daß meine Nähe dieser jungen Frau das Blut anheizen könnte, so weit geht meine Einbildung nun doch nicht. Man sollte bei realistischen ErklärungsVersuchen bleiben!
Sie ist mit ihrem Tau fertig. Ich darf mich wieder aufrichten. Das BewußtSein der langen FallStrecke hinter meinem Rücken bis zum harten Deck nimmt wieder ab, aber nicht viel.
Sie sagt wieder etwas, sieht mich an. Mit aufrechtem OberKörper sind wir uns ganz nahe, und ich spüre wieder ihren Busen. Tatsächlich, stelle ich fest, deutlich höhere KörperTemperatur.
Aber die klinische Unparteilichkeit meiner BeobachtungsGabe hat gelitten. Dieses Mädchen ist so aufregend und sie ist mir aufregend nahe. Die Art, wie sie das Seil und die LederRiemen trägt, unterstreicht ihre Nacktheit und ihre Weiblichkeit. Das kompensiert sogar ihren Geruch. Sicher ist sie ohne Absicht nackt hier heraufgekommen, und sie übt auch jetzt nicht all die Allüren, von denen unsere weiblichen ZeitGenossinnen meinen, daß man damit einen Mann aufregen kann. Im Moment sitzt sie einfach da, mir gegenüber, und sieht mir in die Augen, aus nächster Entfernung. Solange sie nicht mit dem Seil herumhantiert, stört es sie gar nicht, daß ihr Busen auf meiner Brust aufliegt. Genaugenommen habe ich den Eindruck, es ist ihr völlig gleichgültig. Ich habe den Eindruck, wenn sie etwas von mir will, dann lediglich das, daß ich ihr sage, was ich hier oben zu suchen habe. Das kann ich ihr leider nicht sagen, und so bin ich uninteressant.
Junges Mädchen, etwas unter zwanzig, älterer Mann in den mittleren Vierzigern. Die bekannte Konstellation. Zweiter Frühling, endlose Quelle für AffairenGeschichten und Witze. Traf bis jetzt nicht auf mich zu und wird auch nicht zutreffen. Ich habe Irene noch nie betrogen und werde sie auch nicht betrügen. Gewiß, es kommt immer mal wieder vor, daß man eine andere Frau begehrt. Das sind die Instinkte, das kann man nicht wegleugnen. Aber solange nicht die Tat folgt gibt es keinen Grund zum Vorwurf. Solange die Triebe nicht das Kommando über den Verstand übernehmen, ist da auch keine Gefahr.
Gewiß, nach so vielen EheJahren ist die Leidenschaft abgeflaut. Die sogenannten 'ehelichen Pflichten', welch fürchterliches Wort, wurden in der PrioritätenListe immer weiter nach unten gedrängt, und deshalb immer seltener. Naja, und in der letzten Woche hatten wir daran auch nicht gedacht. Gut. Kein Vorwurf. Ich mache keinen, und ich akzeptiere auch keinen an meine Adresse. Wenigstens ist der Vorteil eines abgeflauten LiebesLebens, daß die unbedingte Treue und die unbedingte Verlässlichkeit leicht fallen. Mir und Irene. Die intensive Versuchung ist jedenfalls noch nie in mein Leben getreten.
Dieses jetzt ist ja auch keine Versuchung. Kann man nicht sagen. Wir haben wenig Platz auf der GroßmastSpitze, das ist alles. Unten, auf Deck, da hätten wir schon gebührenden Abstand voneinander gehalten. Sicher. Das sind die SpielRegeln hier an Bord.
Aber wer überwacht die SpielRegeln? Was heißt überhaupt Spiel? Das Mädchen findet den fremden, schweigsamen Onkel auf der MastSpitze, der etwa doppelt so alt sein muß wie sie. Neugierig wäre sie schon, aber der sagt ja nichts. Und wegschicken kann man ihn auch nicht, weil er ja nichts versteht und weil er offenbar Angst hat, vor der Höhe oder vor ihr, vielleicht kann sie das nicht einmal unterscheiden.
Sie hat sicher noch etwas zu tun. Aber noch zögert sie, sieht mich an. Stur, möchte man fast sagen. Mir fallen die Vergewaltigungen ein, die ich gesehen habe. Sie ist in diesem Geiste aufgewachsen. Sie würde sich holen, was sie haben will, wenn sie es will. Vielleicht habe ich die Wahl, ob treu oder nicht, schon gar nicht mehr. So, wie sich die Frauen hier das holen, was sie für ihr Recht halten, bin ich dann da noch sicher? Die Musik in meinen Lenden sagt, ich wäre nicht abgeneigt, aber noch bin ich, verdammt noch mal, in erster Linie treuer EheMann.
Da passiert etwas Merkwürdiges, und es passiert sehr schnell. Sie nimmt meine Hände, mit denen ich mich bis jetzt an der kreisrunden Fläche der MastSpitze festgehalten habe. Sie sagt wieder irgend etwas Unverständliches. Ihr HändeDruck hat ungewöhnlich viel Kraft. Dann führt sie, bei gleichzeitiger Lockerung ihres SchenkelDruckes, meine Hände zwischen ihre Beine an ihren Sitz heran. Dabei hebt sie sich selber einige Zentimeter, um Platz für meine Hände zu schaffen. Der Sinn der Übung ist einfach der, daß sie mich veranlassen möchte, mich besser festzuhalten, da sie sich offenbar fortbegeben möchte. Ich soll nicht abstürzen. Dieser Fremde geht ja offenbar mit zwei linken Beinen in der Takelage spazieren, so muß sie denken.
Also eigentlich eine sachliche, ganz unerrotische Angelegenheit. Aber wie sieht das von außen aus, wenn jetzt zum Beispiel eine Kamera neben der MastSpitze uns aufnähme? Manchmal mache ich eben solche GedankenSpiele: Was würde die Kamera jetzt aufnehmen? Ich fasse mit beiden Händen zwischen die Beine des Mädchens, und weil sie ihren OberKörper anhebt und ich den meinen etwas krümme, komme ich mit meinem Mund in ihre direkte Nähe, dicht über ihrem Busen, streife ihn sogar. Das ist Zufall, unsere Anatomie und der beengte Platz erzwingen das so. Aber das wäre es, was die Kamera aufnähme, und jeder Zuseher würde da so seine Schlüsse draus ziehen. Täte ich ja auch. Als Zuschauer wäre ich brennend neugierig darauf, was und wie sie es auf der MastSpitze treiben werden!
Nichts wird getrieben. In der nächsten Sekunde ist sie weg, hängt unter dem Sitz, auf dem sie eben noch gesessen hat und an dem ich mich jetzt festhalte. Mit einem Schwung hängt sie plötzlich an dem Seil, das von dieser MastSpitze aus schräg runter zum KrähenNest des nächsten Mastes geht. Sie sichert sich mit ihren LederRiemen, eine Schlaufe um das Seil, und eine weitere um die MastSpitze. Dazu sind die also gut, denke ich, und deshalb durfte ich mich nicht länger an der MastSpitze selbst festhalten: sie mußte eine LederSchlaufe drüberlegen. Dann ist sie wieder auf dem GroßMast, unter mir, und befestigt dort irgendwie ihr Seil.
In den folgenden Minuten führt sie allerlei Akrobatik vor, wobei sie ständig ihre SicherungsRiemen umordnet und an neuen Stellen neu einschlauft. Das Ergebnis ihres Tuns ist, daß sich von dieser MastSpitze zu Spitze des nächsten Mastes ein neues Seil spannt. Also einfache ErweiterungsArbeiten an der Takelage des Schiffes. Ist das für einen Mann eine zu komplizierte Aufgabe? Oder eine zu verantwortungsvolle?
Die LederRiemen dienen dabei gelegentlich als explizit benutzte KletterHilfe. So routiniert, wie sie durch die Takelage huscht, habe ich nicht den Eindruck, daß sie auf eine Sicherung Wert legt. Sie vertraut voll auf ihren sicheren Griff und ihren festen, zielgenauen Tritt. Sollte sie daneben treten, dann werden, wahrscheinlich jedenfalls, schnellste Reflexe ihr wieder Halt verschaffen. Allerdings habe ich nicht den Eindruck, daß in der ganzen Zeit, in der ich ihr zusehe, ihr auch nur eine einzige Unsicherheit passiert.
Für sie ist die Bewegung in der Höhe wie für uns das aufrechte Gehen. Da haben wir ja auch keine Angst, umzufallen, obwohl ein Umfallen ohne jede reflektorische GegenBewegung den Kopf eines Menschen ja auch mit etwa 20 Kilometern pro Stunde auf den Boden knallen lassen würde - genug, um sich auf hartem Boden oder bei scharfen GegenStänden ernsthaft oder gar tödlich zu verletzen. Aber wir haben das AufrechtGehen ein ganzes Leben lang geübt. Wie sollten wir Angst davor haben? Da gibt es ja auch gewisse amerikanische IndianerStämme, fällt mir ein, die gerne im HochBau beschäftigt werden, weil sie angeblich absolut schwindelfrei sind. Das muß bei unseren GastGebern noch sehr viel stärker ausgeprägt sein.
Solange das Mädchen arbeitet, sehe ich ihr fasziniert zu. Weniger wegen ihres AusSehens, sondern wegen ihrer zirkusreifen Darbietungen. Wenn man ihr zusieht, dann könnte man fast auf die Idee kommen, das HerumTurnen auf Seilen und Stangen achtzig Meter über dem Boden sei völlig ungefährlich. Ich erliege dieser Illusion natürlich nicht, aber wenn man schon in früher Kindheit die Erwachsenen so sorglos mit der Höhe umgehen sieht, dann wird das seinen Zweck nicht verfehlen.
Außerdem fällt mir beim Zusehen auf, daß sie außer ihren perfekten Proportionen noch einiges zu bieten hat. Da sind auch eindrucksvolle Muskeln und Sehnen, zwar nicht so deutlich wie bei einem männlichen BodyBuilder, aber doch um einiges mehr als es bei uns oben der DurchschnittsMann vorzeigen kann. Irgendwie kann der weibliche Körper Muskeln besser verstecken - vermutlich wegen der dickeren subkutanen FettSchicht. Aber selbst wenn ich nicht genau hinsehe - einiges, was das Mädchen vorführt, könnte man mit dem Begriff 'einarmiger KlimmZug' umschreiben.
Das kann nicht einmal ich.
Als das Mädchen wieder nach unten klettert, würdigt sie mich keines Blickes. Was immer ich mir über diese Situation einbilden könnte, Wahrheit ist und bleibt: Ich war ihr beim Arbeiten im Wege. Wie nett von ihr, daß sie mich nicht einfach heruntergeworfen hat. Doch dann denke ich, daß ich mir auch darauf nichts einbilden sollte: Wenn ich vom Mast falle, könnte da unten ja jemand oder etwas zu Schaden kommen und das Deck verschmutzt werden.
Das hat sie wohl vermeiden wollen.
8.3 KüchenDienst
Es ist 1 Uhr, als ich vom GroßMast heruntersteige. Inzwischen muß die WachPeriode wieder angefangen haben, denn es sind mehrere Leute an Deck. Ich werde beobachtet, wie ich die letzten paar Dutzend Meter bis zum Deck zurücklege, aber niemand scheint sich drüber zu wundern. Ich rechne eigentlich jede Sekunde damit, daß der Koch mich wieder für KüchenDienste einspannt. Nach der alten, erfolgreichen Strategie 'Geh nicht zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen würst' begebe ich mich aufs VorSchiff um mich dort einfach hinzusetzen. Dabei kommt mir das Mädchen von der MastSpitze entgegen, diesmal in der üblichen Kleidung. Sie trägt auch kein Seil oder anderes WerkZeug, außerdem scheint sie mich überhaupt nicht zu erkennen.
Ob ich Irene finde? Allmählich wäre ein BeobachtungsAustausch schon interessant: Offenbar haben unsere GastGeber sich mit ihr ja viel intensiver beschäftigt. Dann erwische ich mich dabei, daß ich mir im Geiste zurechtlege, was und wie ich ihr das erzähle, was ich auf der MastSpitze erlebt habe. Und ob ich es ihr überhaupt erzähle. Herwig, lass das sein! Du wandelst auf gefährlichem Pflaster!
Mittschiffs fuchtelt eine der Frauen - es ist nicht die Kommandantin und auch nicht mein Mädchen von der MastSpitze - winkend mit ihrem Schwert herum, während sie mich ansieht. Es hilft nichts - diese Geste übersehen zu haben kann ich nicht behaupten.
Zwanzig Sekunden später stehe ich wieder in der Küche des Kochs, und die Frau verschwindet. ArbeitsAnfang. Ich soll in die SpeiseKammer gehen.
Die nächsten zwei Stunden werden unangenehm. Ich muß Leichen zerlegen. Der Koch hat wohl Anweisungen bekommen, den Fremden in alle Aspekte des KüchenDienstes einzuweihen, ob der das will oder nicht. Der Koch scheint ja ein umgänglicher Mensch zu sein, aber er hinterfragt Befehle, die er bekommen hat, nicht. Wenn der Fremde MuskelFleisch von Sehnen trennen soll, dann wird das so gemacht.
Er führt mir sämtliche Schnitte vor, da er mangels gemeinsamer Sprache nichts erklären kann, er an einer Hälfte einer Leiche, ich an der anderen Hälfte. Manchmal führt er meine Hand. Ich habe keine Wahl als die, mitzumachen und mich möglichst geschickt dabei anzustellen und mich so schnell wie möglich an diese Arbeit zu gewöhnen. Schließlich will ich leben. Außerdem: müssen MedizinStudenten in ihrem Studium nicht auch Leichen sezieren? Diese Arbeit haben so viele vor mir gemacht, dann kann ich das auch tun. Aber es fällt schwer, gleichzeitig konzentriert zu arbeiten und mir Entschuldigungen auszudenken, die vor mir selbst Bestand haben.
Hoffentlich kommt nicht ausgerechnet jetzt Irene rein und sieht mich bei der Tätigkeit, Menschen zu zerschneiden! Auf die Dauer werde ich es ihr wohl nicht verheimlichen können, aber ich muß es ihr langsam beibringen.
Meine AnatomieKenntnisse werden jedenfalls in diesen zwei Stunden anschaulich erweitert. Nachdem eine Leiche zerlegt worden ist, fahren wir mit der weiteren Zubereitung fort. Kopf und Knochen werden in einen bereitstehenden Eimer geworfen - das fliegt später einfach über Bord, wie ich weiß - und das Fleisch sieht zusehends anonymer aus. Das heißt, jetzt könnte es auch vom Schwein stammen. Das macht die Arbeit etwas leichter.
Der Koch hat Sympathie, obwohl er es kaum zeigt. Er sieht, daß mir diese Arbeit schwerfällt, wenn er wohl auch immer noch nicht versteht, warum. Oder, wer weiß, vielleicht versteht er es ja doch: Es soll ja Menschen geben, die auch nicht den Beruf eines Schlachters ergreifen können, weil ihnen die Tötung von lebendigen Wesen auch bei Tieren nur über große innere Widerstände oder überhaupt nicht möglich ist.
Ich sinniere vor mich hin, während ich wieder einmal damit beschäftigt bin, das Fleisch auf dem Ofen zu wenden. Es fällt mir auf, daß die Ernährung der UnterWeltler, jedenfalls, nachdem, was ich bis jetzt gesehen habe, sehr einseitig ist. Nur Fleisch, wenig pflanzliche Beilagen und Getränke, das geht ja nicht lange gut. Allerdings sind mir in der SpeiseKammer auch leere Regale aufgefallen, die nicht für die Aufnahme von Gegenständen von der Größe eines Menschen geeignet sind. Vielleicht, so hoffe ich, sind alle alternativen NahrungsMittel gerade dabei, zu Ende zu gehen, und es muß gespart werden. Aber ich glaube nicht so recht daran: Auf diesem Schiff, wo die Disziplin mit dem Schwert unterstützt wird, da leistet sich doch niemand von den LadeOffizieren oder vom verantwortlichen KüchenPersonal eine solche FehlPlanung.
Während ich am Ofen allmählich meine Fassung zurückgewinne, platzt plötzlich mein Mädchen von der MastSpitze herein. Sie ruft den Koch, der grade wieder in der SpeiseKammer ist, mit einigen kurzen, scharfen Worten herein. Den TonFall hätte ich ihr nicht zugetraut. Aber es ist, wie ich dachte: Als Kind dieser Kultur hat sie den normalen UmgangsTon mit Männer schon längst in Fleisch und Blut übernommen: Befehl und Gehorsam. Der Koch antwortet irgend etwas, und sie bedeutet mir, mitzukommen.
Sie geht voran. Sie trägt jetzt ein Schwert, stelle ich fest. Normalerweise tragen die Frauen auf dem Schiff ihre Waffen nicht dauernd spazieren. Aber jetzt ist es etwas anderes. Sie macht den Eindruck eines Offiziers, der einen Gefangenen zum Verhör bringt.
Wenn ich ihre Sprache könnte, denke ich mir, dann müßte ich sie aber mal darauf hinweisen, daß man in solchen Fällen besser hinter dem Gefangenen geht - ich könnte doch jetzt kehrt machen und abhauen oder sie angreifen! Oder ist sie sich ihrer Reflexe auch für diesen Fall so sicher?
Wir steigen die Wanten zum vorderen MastHaus hinauf. Sie wieder voran. Dabei ist sie auf den Wanten einige Sekunden genau über mir, und wenn ich nach oben sehe, dann kann ich ihr gut unter den StreifenRock schauen. Der Einblick gewährt klinische Details: UnterWäsche ist noch nicht erfunden worden. Dieser Verdacht wird allmählich zur Gewißheit.
Bevor ich mir überlegt habe, ob man den kurzen Einblick genießen sollte, ist der AugenBlick auch schon wieder vorbei. Außerdem sind solche Gedanken einem verheirateten Mann nicht angemessen. Wir steigen über eine Art Veranda, die um das ganze MastHaus herumgeht, und betreten dann den InnenRaum.
Irene ist da, die Kommandantin, und zwei weitere Frauen. Sie sitzen an einem Tisch, den ich in diesem MastHaus eigentlich nicht erwartet habe. Warum, weiß ich auch nicht.
Die Kommandantin bedeutet mir, Platz zu nehmen. Dann nickt sie Irene zu. Mein MastMädchen baut sich an der Tür auf, Arme verschränkt. Sie hat, um in unseren SprachGebrauch zu verfallen, offenbar einen der unteren oder mittleren DienstGrade.
"Gut, daß du noch da bist!" sagt Irene. Sie wirkt übermüdet.
"Wo soll ich denn sonst sein?"
"Sie haben mir erst vor kurzem gesagt, daß du hier arbeitest!"
"Gesagt? Seit wann sprichst du denn ..."
"Darum bin ich hier. Seit ich an Bord bin, versuchen sie, mir diese Sprache beizubringen. Rund um die Uhr."
"Das ist noch kein Tag!"
"Ja. Aber ich habe es wenigstens geschafft, ihnen klarzumachen, daß du im SprachenLernen besser bist!"
"Und?"
"Jetzt lernst du mit. Ob du willst, oder nicht. Das wird Streß, sage ich dir!"
"Meinst du, ich hätte bis jetzt keinen Streß gehabt?"
"Was denn?"
"Später. Hast du geschlafen?"
"Fünf Stunden."
"So siehst du auch aus!" sage ich ihr, "Wir müssen ihnen klarmachen, daß das der Schnelligkeit des Lernens nicht förderlich ist! Das ist doch die alte, überholte ArbeitGeber-Argumentation: Doppelt soviel Zeit bringt doppelt soviel Ergebniss! Damit wollen sie immer ..."
"Herwig, jetzt nicht!" unterbricht Irene. Sie nickt der Kommandantin zu. Diese steht auf und verläßt den Raum. Die beiden anderen Frauen haben offenbar den LehrAuftrag. Und der Unterricht fängt sofort an, oder, für Irene, er geht weiter. Die beiden Frauen dürften in den mittleren dreißiger Jahren sein und unterscheiden sich in nichts von ihren gleichaltrigen GeschlechtsGenossinnen auf dem Schiff. Ob und was sie besonders für SprachUnterricht qualifiziert, das wissen wir nicht.
Mein Mädchen vom Mast bleibt an der Tür. Allerdings, jetzt, wo die Kommandantin das MastHaus verlassen hat, nimmt sie sich die Freiheit, sich anzulehnen. Aus dem Fenster heraus kann sie ja jederzeit sehen, ob jemand das MastHaus betreten will.
Es ist mir eine gewisse Beruhigung, daß die übliche ArbeitsMoral, wie man sie in allen Armeen der Welt antrifft, auch hier zu beobachten ist: Wenn Vorgesetzte nicht in der Nähe sind, dann kann man WachAufgaben 'optimieren'. So etwas steht in den WachVorschriften nie drin, jedenfalls nicht unter dieser Bezeichnung.
8.4 SprachUnterricht
Der Unterricht ist anstrengend, nicht nur wegen der Hitze und dem völlig neuen Stoff, der völlig fremdartigen Sprache. Ich habe den Eindruck, daß unsere GastGeber wollen, daß wir so schnell wie möglich ihre Sprache lernen. Nun ja, dagegen habe ich nichts. Tatsache ist aber, daß eine Sprache in unserem Alter den Weg in den eigenen Kopf wesentlich langsamer findet als das noch vor zwanzig Jahren der Fall war, oder gar in früher Kindheit.
Wenn Irene behauptet, daß ich für Sprachen begabt bin, dann irrt sie sich. Ich bin für Sprachen überhaupt nicht begabt. Eine lange Reihe schlechter Zensuren in Deutsch, Englisch und Latein belegen das. Schon auf der Schule wußte ich: Nur die NaturWissenschaften sind dein Fach. Etwas anderes brauchst du gar nicht erst zu versuchen.
Aber schon damals galt der GrundSatz, daß man, wenn man etwa Physik studieren will, am besten fließend Englisch spricht. Das war damals und ist noch heute WeltSprache der NaturWissenschaften. Und ich wußte: Englisch pauken, wenn du es mitten im Studium ganz plötzlich und ganz dringend brauchst, das ist deine Sache nicht. FleißArbeit sowieso nicht. Es gibt nur eine Chance: Du mußt das Englisch können. Und da die Schule es in sechs SchulJahren nicht geschafft hat, genug Englisch in deinen Kopf hineinzubekommen, mußt du dir etwas anderes einfallen lassen.
Und mir fiel etwas ein. Als in der elften Klasse Englisch wegfiel, stellte ich meinen Eltern eine Forderung: Wenn überhaupt noch Literatur als GeburtsTags- oder WeihnachtsGeschenke, dann, bitte, nur in Englisch! Ebenso kaufte ich selbst kein deutsches Buch mehr, wo dies nicht unbedingt erforderlich war.
Ich konnte kein Englisch, aber ich tat so, als ob ich es könnte. Ich las von nun an alles mögliche nur noch in Englisch.
WörterBuch in ReichWeite, natürlich. Aber auch da mußte ich noch eine Erfindung machen: WörterBuch nur, wenn unbedingt notwendig. Wenn das Verständnis eines Textes an einem einzigen Wort hängt, sonst nicht. Sonst hält das NachSchlagen viel zu lange auf.
Am Anfang war es noch etwas schwer. Aber bis zum Abitur war ich durch. In der AnfangsZeit des Studiums war ich soweit, daß, wenn man mich bei einer Lektüre unterbrach und mir den weiteren Blick auf dieselbe verwehrte, ich nicht mehr unbedingt sagen konnte, in welcher Sprache ich gerade gelesen hatte. Zehn Jahre nach jenem Entschluß konnte ich Englisch genauso fließend lesen und schreiben wie Deutsch. Mit dem Hören und Sprechen war es wegen mangelnder Übung etwas schwieriger, aber immer noch weit besser, als wenn ich nach der SchulZeit nie wieder ein englisches Buch angefaßt hätte. Und meine Prognose bezüglich der Nützlichkeit der Sprache erwies sich als richtig: Auf alles, was ich in Schule oder Studium gelernt hatte, hätte ich notfalls verzichten können. Auf Englisch nicht.
Das Experiment wollte ich noch einmal mit einer anderen Sprache und demselben Rezept wiederholen. Hatten wir doch bei der BundesLuftwaffe einen halbjährlichen RussischKurs gemacht, dessen LernErgebnis mehreren SchulJahren RussischUnterricht entsprachen. Das müßte ausbaubar sein. War die Gelegenheit nicht günstig? Der Versuch ist etwa zehn Jahre her. In Osteuropa und in der SowjetUnion kündigten sich Umwälzungen an, die einige Jahre später auch tatsächlich eintreten sollten. Ich ließ mir die Prawda direkt aus Moskau kommen.
Es war zu spät. Mein Russisch war noch nicht gut genug, um zwischen den Zeilen lesen zu können, und der damalige Stil der Prawda war auch nicht geeignet, direkt ein Interesse beim Leser zu wecken. Selbst die im WortLaut abgedruckten Gorbatschov-Reden waren für mich Anfänger eigentlich zu schwer und zu umfangreich. Ich arbeitete mich durch keine einzige vollständig durch. ZeitMangel und andere Interessen nahmen den RussischLernen zusätzliche Resourcen weg, und anders als Englisch, das mit fast jedem InteressenGebiet gekoppelt werden kann, weil es entsprechende Literatur gibt, konnte ich mir Russisch nichts anderes anfangen als Prawda-Lesen, und die Werke einiger russischer Autoren, die ich mir beschafft hatte.
Es war zu spät. FehlSchlag. Russisch habe ich nicht mehr geschafft. Und so ließ ich die Finger schließlich ganz davon.
Und nun, noch einmal zehn Jahre später, das Lernen einer neuen Sprache, die auch nicht die entfernteste Verwandtschaft mit bekannten Sprachen hat, und das in kurzer Zeit! Eine HerausForderung, die ich wohl nicht angenommen hätte, hätte man nicht jetzt die Entscheidung für uns getroffen. Mir ist klar, daß es für uns am besten ist, wenn wir unseren Geist für die neue Sprache und die damit implizierte DenkWeise weit öffnen. Um so weiter werden wir kommen. Und wir brauchen die Sprache, wenn wir jemals von diesen Menschen etwas Kooperation haben wollen!
Die Zeit vergeht rasch, während wir die ersten Substantive für die Dinge des täglichen Lebens absorbieren, und die ersten Verben für die alltäglichsten Verrichtungen. Von der Grammatik begreifen wir an diesem ersten Tag noch nicht einmal eine Spur. Aber etwas anderes begreife ich schon nach diesen wenigen Stunden: Ich habe drei verschiedene Wörter für 'bumsen' gelernt, aber kein einziges für 'Liebe'. Einige Wörter, die 'Frau', 'Mädchen' oder 'Mensch' bedeutet, aber keines für 'Mann'. Sprachlich können wir gegen Beginn der SchlafPeriode schon 'töten' und 'hinrichten', aber nicht 'helfen' und 'heilen'. Wir wissen das Wort für 'Schwert', aber nicht das Wort für 'Brot'.
Mir schwirrt der Kopf vor den vielen neuen Begriffen. Ich habe ein bißchen die Besorgnis, daß diese Sprache unsere DenkWeise verändern könnte, weil jede Sprache auch eine Denkweise impliziert. So, wie man beim Erlernen eines Eskimo-Dialektes angeblich schon bald ein Dutzend Wörter für 'Schnee' gelernt hätte und deshalb besser über den Bau eines Iglus sprechen und denken kann als über einen WüstenMarsch, so werden wir hier durch diese Sprache mit dieser fremden LebensWeise mit all ihren unschönen Aspekten vertrauter.
Endlich können wir, so um 24 Uhr, zum Essen gehen. Drei Stunden später als das, was meine Uhr gestern angezeigt hat. Das läßt darauf schließen, daß hier eine TagesLänge von 27 Stunden gepflegt wird. Naja, das geht ja noch.
Beim Essen, das wieder fast nur aus Fleisch besteht, fällt mir wieder ein, was das für ein Fleisch ist. Aber ich sage es Irene nicht, erwähne lediglich, daß alle andersartigen Vorräte knapp sind. Sie braucht ihre Nahrung genauso wie ich. Ich glaube kaum, daß man uns hier eine vegetarische ExtraWurst braten wird.
Wenigstens wird mich das Erlernen der Sprache fortan vor dem KüchenDienst retten.
Noch etwas fällt mir ein: Vor genau einer Woche waren wir in der Höhle am HöllentalPlatt wieder aufgewacht, nach unseren ungemütlichen ersten SchlafVersuchen. In Kürze, vor einer Woche, würden wir ins Innere der Höhle aufbrechen. Die Excursion auf eigene Faust hatte ich ja schon hinter mir. Hätte ich da schon eine Ahnung von dem habe sollen, was uns erwartet?
Wir hätten den TagesAnbruch abgewartet und wären über das HöllentalPlatt und übers Brett nach Hause gegangen, um jeden Preis!
Die SitzOrdnung beim Essen ist diesmal etwas anders: Irene sitzt wieder zur Linken der Kommandantin, die zwei Frauen, Chechmon und Chrwerjat, unsere SprachLehrerinnen, daneben, und ich gegenüber, an der rechten Seite der Kommandantin, ein wahrscheinlich nach den schiffsinternen HierarchieMaßstäben unerhörter Vorgang. Die Frauen rechts neben mir reagieren auch reflexartig etwa so, als wären sie gezwungen, die Anwesenheit eines Schimpansen bei Tische zu dulden. Allerdings muß man genau hinsehen, um es zu merken. Die Kommandantin läßt sich überhaupt nichts anmerken, und die beiden SprachLehrerinnen haben sich an unsere Gegenwart gewöhnt.
Wahrscheinlich wird beabsichtigt, durch das TischGespräch den SprachUnterricht fortzusetzen, und vielleicht schon etwas Informationen aus uns herauszuholen. Wie soll das gehen, nach wenigen Stunden Unterricht! Unser Gespräch bewegt sich also auf dem Niveau: 'Das ist ein Teller ... Was ist das? ... das ist ein Messer' und so weiter. Die Kommandantin hört scheinbar gleichgültig zu. Ich habe aber den Eindruck, daß sie aufmerksamer zuhört, wenn ich mit Irene ein paar Worte in Deutsch wechsele. Woran wir aber nicht gehindert werden.
Mein Mädchen von der MastSpitze nimmt einige Zeit weiter unten an der Tafel Platz. Da sie die letzte ist, die vom weiblichen Teil der SchiffsBesatzung hereinkommt, nimmt die Kommandantin die Gelegenheit wahr, alle mit Namen vorzustellen. Das jedenfalls begreifen wir, wenn wir auch sonst nichts verstehen. Mein MastMädchen heißt Charmion, und die Kommandantin nennt sich selbst Cherkrochj. Die drei Frauen, die uns hierhergebracht haben, heißen, wie wir schon gehört haben, Chrechat, Chbesmoi und Chechmirch. Die anderen Namen kann ich mir noch nicht merken. Mein Versuch, die Namen nachzusprechen, bewirkt zurückhaltende Belustigung - nur 'Charmion' geling mir offenbar fehlerfrei.
Wir haben schon während des SprachUnterrichtes festgestellt, daß wir noch lange nicht in der Lage sind, EigenNamen fehlerlos auszusprechen. Auch mit dem Behalten dieser ZungenBrecher wird es wohl so seine Schwierigkeiten haben.
Von den Männern unten an der Tafel ist keiner der Erwähnung wert. Sie existieren einfach nicht. Inventar. Das Gesinde, gewissermaßen.
Da richtig sinnvolle Informationen aus uns nicht herauszuholen sind, geht das Gespräch nach einer Weile an uns vorbei. Wir verstehen, wenn schnell gesprochen wird, überhaupt nichts, und wir haben auch selbstverständlich FunkStille. Deshalb essen wir schweigend weiter. Gerade, daß wir in einigen Pausen auch ein paar Worte miteinander wechseln dürfen. Ich spüre genau: Das wird nur geduldet.
"Wenigstens ist das Fleisch nicht schlecht!" sagt Irene, und nickt unserer GastGeberin diplomatisch zu, "Gut", sagt sie in der hiesigen Sprache, auf das Fleisch deutend. Die Kommandantin sieht ausdruckslos zurück.
Ich sage nichts. Niemandem wäre damit geholfen.
******** 009. Tag: Sonntag 1995-08-27 ********
9.1 Das MastHaus
Wir sind, nach mitteleuropäischer Zeit, um 2 Uhr nachts ins Bett gekommen. Ich muß meine SchlafMatte holen, die mir der Koch gegeben hat, und wir beide, Irene und ich, schlafen in dem vorderen MastHaus. Quartiert man uns dort ein, damit wir schwerer fliehen können? Soviel Mühe hat man sich mit der Bewachung doch bis jetzt auch nicht gegeben.
Für Irene ist das auch neu - in der letzten 'Nacht' hat sie im SpeiseSaal schlafen müssen, in dem Geruch kalter SpeiseReste. Wenn ich das gewußt hätte, dann hätte ich leicht zu ihr kommen können.
Was die Toilette betrifft, so tun wir das, was alle anderen auch tun: Man geht schwimmen. Vom Schiff aus gesehen strömungsabwärts entledigt man sich der eigenen StoffwechselProdukte. Dann schwimmt man den selbsthergestellten braunen Bojen wieder in Richtung des Schiffes stromaufwärts davon. Waschen und Scheissen in einem 'AufWasch' - so einfach ist das.
Die beiden SprachLehrerinnen rollen ebenfalls SchlafMatten aus. Chechmon und Chrwerjat haben von nun an offenbar den Auftrag, uns keine Stunde mehr alleine zu lassen, nicht einmal mehr beim Schlafen. Sprachlernpsychologisch vielleicht sehr geschickt, aber eigentlich möchte ich mit meiner Frau mal wieder alleine sein. Demonstrativ schieben wir unsere SchlafMatten aneinander, und zwar so weit wie möglich von Chechmon und Chrwerjat entfernt.
Irenes Matte ist sauberer als meine.
"Der Koch hat mir wohl die dreckigste gegeben, die er finden konnte!" beschwere ich mich.
"Dann kommst du eben mit auf meine!" schlägt Irene vor.
"Gute Idee. Hoffentlich lassen die uns!" sage ich und deute kurz in Richtung von Chechmon und Chrwerjat, die unsere Tätigkeiten interessiert verfolgen. Als Irene und ich sich zusammen hinlegen, lachen sie kurz amüsiert auf, als ich es wage, Irene zu umarmen und an mich zu drücken. Wir ignorieren sie. Sie uns auch. Hörbar. Und sichtbar, als ich kurz rübersehe. Sie haben sich ebenfalls ohne Umstände hingelegt, sich gegenseitig umarmend. Eine Parodie auf uns?
"Lesbisch," sage ich zu Irene, "Was dürfen die hier froh sein, daß es noch kein AIDS hier unten gibt."
"Da weiß ich mehr. Die sind nicht nur lesbisch!" stellt Irene fest.
"Du hast etwas gesehen!"
"Hier sieht man das ja dauernd!"
"Ja. Ein Paradies für Spanner. Aber für vielseitig interessierte Spanner. - Ich bin müde. Üben wir uns in Toleranz und schlafen!"
9.2 BordLeben
So tun wir's. Es ist 11 Uhr, als wir nach einer wie mir scheint traumlosen Nacht geweckt werden. Von Chechmon, die, noch völlig nackend, so, wie sie geschlafen hat, gleich wieder in der hiesigen Sprache unbefangen auf uns einredet. Gelegenheit genug, zu versuchen, die Übersetzungen so wesentlicher Begriffe wie 'AusSchlafen', 'FrühStück', 'Waschen', 'ZähnePutzen', 'MorgenToilette' und 'Kaffee' in Erfahrung zu bringen. Das gelingt zwar nicht für alle nützlichen Begriffe, aber wir kriegen unser FrühStück. Kaltes Fleisch und irgendein KrautZeug. Es ist zum Kotzen. Das KrautZeug ist zwar wenig, aber ich denke, es gelingt mir, meine Präferenz dafür klarzumachen.
Ich kriege sogar die Bezeichnung für diese Pflanze raus, was mir aber vielleicht nicht allzuviel nützt, weil ich nicht weiß, wie diese Pflanze in Wirklichkeit aussieht. Chechmon bringt es bei diesem Thema fertig, den Unterschied der Begriffe 'viel' und 'wenig' zu vermitteln. Könnte das ein Hinweis darauf sein, daß die relative Knappheit pflanzlicher LebensMittel nur eine vorübergehende Erscheinung an Bord des Schiffes ist?
Chrwerjat ist nicht anwesend, und Chechmon führt unsere SprachAusbildung alleine weiter, während der MorgenToilette und während des Essens. Danach ist SchiffsRundgang angesagt. Wir bekommen allerlei Begriffe aus der Floß- und SchiffsBautechnik verpaßt. Glaube kaum, daß wir alles behalten können, jedenfalls nicht so schnell. Dazwischen immer wieder TrivialKonversation in praktischen Beispielen: 'Was ist ...', und 'Das ist ein ...', und 'Gehe zu ...', und 'Nimm den ...', und 'Ich nehme den ...' und so weiter.
Die Sprache heißt Xonchen, oder Xonchen-Sprache, oder Xonchen-Dialekt. Ich glaube herauszuhören, daß es noch mehr Sprachen gibt. Wie groß ist denn die UnterWelt noch? Wie groß muß eine Welt sein, damit mehrere UmgangsSprachen sich nebeneinander halten können?
Weitere Wörter. Wir lernen 'See' und 'Berg' und 'Säule'. Sicher, das, was wir in der Architektur unter Säule verstehen, muß hier ein anderes Wort haben. Diese gewaltigen FelsSäulen, die die Unterwelt der Vertikale nach durchmessen, die kennen wir in der oberirdischen Geologie ja gar nicht.
Und weiter geht es. Wiederholungen und Neues. Meteorologische Begriffe, Waffen, KörperTeile. Völlig unverständlich sind Begriffe, die sich auf soziale Strukturen beziehen. Ob 'Familie', 'Volk', oder 'Gruppe', das hat hier alles eine andere Bedeutung, und wir kriegen nicht heraus, was die einzelnen Worte nun genau bedeuten sollen.
Kinder können in den ersten Jahren Dutzende von Wörtern an jedem Tag neu lernen. Beneidenswerte Eigenschaft. Und eine gute Investition. Kaum ein formales Wissen bleibt länger im Gebrauch als die ersten Worte, die man lernt. Die flexiblen Synapsen der Kinder lernen die Eigenschaften der Welt schnell. Deshalb rutschen ja auch so schnell verdrehte Vorstellungen in die BewußtseinsWelt der Kinder. Wie sollten sie nachprüfen, was auf sie einstürmt? War es nicht so, daß wir in früher Kindheit oft mit Begriffen unbefangen umgingen, die wir noch gar nicht oder nicht richtig verstanden hatten? Ich erinnere mich, daß ich als kleiner Junge mir unter dem Wort 'Insel' etwas vorstellte, was man vielleicht passender als 'schwimmende Insel' beschreiben würde. Dann glaubte ich noch eine ganze Weile, der Boden fiele an der Küste einer Insel steil wie eine Wand ins Meer, senkrecht nach unten, bis in alle Tiefen. Erst ein NordseeUrlaub hatte dann das Konzept 'Insel' in meinem Kopf der Realität etwas nähergebracht, und natürlich mein Vater, der ein Geographie-Lehrer war.
Genauso werden wir jetzt Fehler machen. Wo es nicht um die konkreten Gegenstände des täglichen Lebens geht, werden wir Dinge falsch verstehen. Wie zum Beispiel bei den sozialen Strukturen. Wie wird das erst bei den absolut subjektiven Begriffen sein! 'Gut', 'Schlecht', 'Liebe', 'Ehre', 'Pflicht', und 'Recht' und 'Unrecht'. Soweit sind wir noch lange nicht.
Immerhin, eine Sprache lernt man nur durch Gebrauch. Und Chechmon weiß das, wenn auch vielleicht nur intuitiv. Wir reden dauernd. Immer erklärt sie etwas, fragt uns, wie und ob wir es verstanden haben, und dann müssen wir erklären, mit einem auch immer größer werdenden Grammatik-Reservoir. Grammatische Begriffe wie 'Subjekt', 'Prädikat', 'Objekt', 'Adverb' und so weiter kann sie natürlich nicht vermitteln. Die Grammatik bleibt Sache des Zuhörens, am Beispiel Lernens und immer wieder des NachMachens. Vielleicht, ja sicher entgehen uns feinere, grammatiktransportierte Bedeutungen, solche Dinge wie etwa die Aspekte im Russischen, die auch schon von Fortgeschrittenen immer wieder falsch gemacht werden. Aber ich habe früher bei einigen Urlauben in England immer wieder die Erfahrung gemacht: Sowie die anderen merken, daß man Ausländer ist, machen sie einem vieles leichter, übersehen manchen Fauxpas, den man immer wieder macht, helfen, wo der WortSchatz und die Eloquenz nicht hinreichen. Später, als mein Englisch nahezu fließend war, habe ich es manchmal für gut befunden, ein schlechteres Englisch zu sprechen als unbedingt notwendig. Und schon wird das Genuschel auf der GegenSeite klarer! Vielleicht wird uns dieser Trick hier auch noch helfen, sowie wir erst etwas mehr können. Das wird aber noch eine ganze Zeit dauern.
Die grammatischen Konzepte sind auf jeden Fall - grob gesehen - ähnlich den unseren. Da ist natürlich die PrimärErfahrung eines jeden Menschen: Es gibt Dinge, die handeln wie Menschen, Tiere, NaturGewalten, es gibt die Handlungen selbst, und die Dinge, mit denen etwas geschieht. So etwas führt automatisch zu einer Subjekt-Verb-Objekt Konstruktion, oder wenigstens etwas ähnlichem. Und daß die durch den direkten, körperlichen Kontakt mit der physischen Welt bedingte Unterscheidung zwischen lustvoll und schmerzend als gut und schlecht in die Sprache Eingang gefunden hat, das war ja auch klar. Trotz aller Unterschiede, das ist wieder vertraut.
Und da das Handeln als Konzept in der Xonchen-Sprache vorhanden ist, findet sich auch die Zeit in der Grammatik wieder, den Handeln beschreibt zeitlich ablaufende Veränderungen. Weiterhin gibt es Begriffe der räumlichen Anordnung, die allerdings, ganz anders als bei uns, in den Verben mit untergebracht sind. Zeit und Raum werden in diesem Sinne in der Grammatik der Xonchen-Sprache gleich behandelt. Das ist sehr schwer zu begreifen, zu behalten und zu verwenden, wenn man es nicht gewöhnt ist. Kann man es aber, dann stellt sich wieder heraus, daß die räumlichen Konzepte und und dadurch bedingten DenkWeisen sich kaum von unseren unterscheiden.
So würden etwa die deutschen Sätze 'Sie schreit hier', und 'Sie schreit dort', und 'Sie schreit dort oben', und 'Sie schreit dort unten', und 'Sie schreit an einem Ort, wo ich es jetzt nicht hören kann' alle in der Xonchen-Sprache mit 'Sie schreit' übersetzt werden. Aber in allen Fällen würde das Verb 'schreien' anders konjugiert werden.
Um 19 Uhr - uns schwirrt inzwischen der Kopf - bemerken wir eine Unruhe auf Deck. Die RegenWolken haben sich inzwischen angehoben. Es ist zwar immer noch ziemlich dunkel, aber es regnet nicht mehr. Wir können das FlußGeröll bis zum Ufer überblicken. Jemand hat flußaufwärts etwas entdeckt. Chechmon nutzt die Gelegenheit, uns EntfernungsBegriffe beizubringen. Ich habe das Gefühl, es geht nichts mehr rein in meinen Kopf! Aber immerhin sehe ich drei Gestalten, die noch mehr als einen Kilometer entfernt über das Geröll auf uns zugehen.
Offenbar wird zur Zeit niemand erwartet oder zurückerwartet, ebensowenig wie zu dem ZeitPunkt, als wir auf das Floß gebracht wurden. Einen Moment beschleicht mich eine unsinnige Hoffnung: Jemand hat nach uns die Höhle auf dem HöllentalPlatt gefunden, ist wie wir eingestiegen, hat wie wir den ganzen Weg nach unten zurückgelegt und ist jetzt wie wir in die Hände der hiesigen Menschen geraten. Würde das unsere Chancen verbessern?
Es kann nicht sein. Der Zufall wäre zu groß. Gab es denn Hinweise, daß der HöhlenEingang erst in jüngerer Zeit zugänglich oder überhaupt eröffnet wurde? Ich glaube nein. Die Idee haben wir doch oben schon gehabt. Da war kein entsprechender Hinweis. Aber ich erinnere mich nicht mehr so genau.
Als die drei näherkommen, sehe ich, daß es sich um zwei Frauen und um einen Mann handelt. Als sie noch näher kommen, sehe ich, daß dem Manne die Hände gefesselt worden sind.
Es gibt nur einige kurze WortWechsel, als die kleine Gruppe das Floß erreicht. Der Mann wird in die oberen Räume geführt. Kurz danach ist keine Frau mehr auf Deck zu sehen, während der männliche Teil der SchiffsBesatzung mit RoutineArbeiten oder Nichtstun beschäftigt ist. Auch Chechmon ist verschwunden. Wir können uns geistig ausruhen.
Irene läßt sich auf dem RelingBalken nieder. "Was der wohl ausgefressen hat?" fragt sie.
"Weiß nicht. Feigheit. Ungehorsam."
"Feigheit? Vor wem? Ob die hier Feinde haben?"
"Ne. Ich glaube immer noch, daß dieses Schiff im wesentlichen der LebensmittelBeschaffung dient. Ein SaurierFleisch Fang Transport ZubereitungsSchiff. Jedenfalls hat Chechmon das auch angedeutet, nach allem, was ich verstanden habe."
"Ich habe fast nichts verstanden, schon gar nicht von diesem technischen Zeug!"
"Das kommt schon noch!" beruhige ich sie und denke laut weiter: "Aber ein FehlVerhalten bei der SaurierJagd, das mit 'Feigheit' bezeichnet werden könnte, kommt mir unwahrscheinlich vor. Du weißt doch noch, wie träge das Vieh war, das wir gesehen haben!"
Dann halte ich den Mund. Nicht nur, weil mir nichts Gescheiteres einfällt, sondern weil aus dem Raum im OberGeschoß, wohin sie den Mann abgeführt haben, ein markerschütternder Schrei dringt. Wenig später schon wieder. Dazwischen hört man Gerede, fragende, bohrende Stimmen - alle weiblich - und eine keuchende, antwortende Stimme.
Ich setze mich neben Irene. Man muß die Gelegenheit nutzen, unbeobachtet miteinander zu sprechen.
"Was hast du bis jetzt herausgekriegt?" frage ich sie. Es ist, wie ich dachte. Die VergewaltigungsSzene während des Marsches hierher hat sie zwar verschlafen, aber inzwischen hat sie auch genug gesehen, um zu wissen, daß Männer hier die UnterMenschen sind, ArbeitsVieh und MasturbationsAssistenten. EinrichtungsGegenstände eben. Entbehrlich, wenn notwendig. Während sie mir ihren Wissensstand erläutert, hören wir weitere Schreie. Dazwischen ein schreckliches Geräusch, gedämpft durch die Wände zwischen jenem Mann und uns: Es ist, als ob etwas mit schlürfendem Geräusch zerquetscht wird. Genau interpretieren kann ich es nicht.
"Jedenfalls wollte ich dich bei mir haben, so, wie die mit ihren Männern umgehen!" endet Irene, "und auch deshalb habe ich versucht, dich als SprachlernGenie darzustellen, so gut es eben ging!"
Der Mann röchelt nur noch. Der Koch verläßt in diesem Augenblick seine Küche. Er wirft uns keinen Blick zu, sondern geht nach oben.
"Weißt du, was er jetzt vorhat?" frage ich Irene.
"Nein."
Ich kläre sie über den kannibalistischen Aspekt der sozialen Struktur unserer GastGeber auf.
"Es sind alles Männer," ende ich, "ich weiß nicht, ob sie auch Frauen essen. Ich glaube, du bist auf jeden Fall sicher. Jedenfalls vor dem Schicksal!"
Irene ist schockiert, aber nicht von Panik überwältigt. "Und ich habe es für irgendein Fleisch ..."
"Ja, ich weiß. Wir haben es beide schon gegessen. Streng genommen gehören wir dazu!"
Ich versuche noch, ihr etwas die GewissensBisse abzunehmen, falls sie welche bekommen sollte. Schließlich, wo man keine Wahl hat, wie man handelt, da hat man auch keine Verantwortung. In erster Linie sind Menschen ÜberlebensMaschinen, von der Evolution in diesem Sinne und in keinem anderen geformt. Nach dem Prinzip Überleben richten wir jetzt unser Verhalten aus.
Und was heißt überhaupt Kannibalismus? Was ist denn unser medizinischer Fortschritt in Sachen OrganVerpflanzung anderes als Kannibalismus? Der Unterschied ist doch nur, daß in dem einen Falle der VerdauungsMechanismus eines Menschen bei der Aufnahme von KörperTeilen eines anderen Menschen beteiligt ist, in dem anderen nicht. Außerdem verdienen bei einer OrganTransplantation Ärzte und KrankenHäuser Geld. Es sichert ArbeitsPlätze. Da muß wohl der Unterschied in der ethischen Bewertung zwischen OrganTransplantation und Kannibalismus herkommen. Warum die Schlachterei-Innungen noch nicht auf die Idee gekommen sind, den BestattungsUnternehmen eine Umwidmung der sterblichen Überreste Verstorbener nahezulegen und ihre Dienste anzubieten?
Irene scheint die neuen Informationen aber nicht allzuschwer zu nehmen. Wir horchen weiter.
Der Mann da oben ist jetzt still. Andere Stimmen unterhalten sich in normalem GesprächsTon. Nach einer Weile fährt Irene fort:
"Weißt du, was das Komische ist? Als ich gesehen habe, wie die mit den Männern umspringen, da habe ich gedacht, es ist bis zum Kannibalismus nicht mehr weit. Was hindert sie denn noch daran."
"Nun siehst du es."
"Trotzdem - es ist unwürdig."
"Ja."
Oben gehen Türen auf. Chechmon ist eine der ersten, die heraustritt und wieder zu uns hinunterkommt. Gleich dahinter kommt der Koch.
Er hat die Leiche des Gefolterten geschultert. Als ob nichts besonderes vorgefallen wäre, trägt er sie die Treppe runter und verschwindet in der Küche.
"Spätestens jetzt hättest du es erfahren!" sage ich zu Irene.
"Was er wohl getan hat?" sagt sie noch.
Wir kommen nicht mehr dazu, weitere Vermutungen auszutauschen. Chechmon hat sich wieder zu uns gesellt. Der SprachUntericht geht weiter.
Sie macht eine Bemerkung, aus der zu entnehmen ist, daß es sich bei dem Manne um einen 'Jaklinjefjek' handelt. Als ob damit alles erklärt ist.
Jedenfalls gibt es kein weiteres Wort der Erklärung.
Und bis meine Uhr Montag morgen, 5 Uhr anzeigt, geht unser SprachenLernen weiter. Als wir uns wieder zum Schlafen legen, überlege ich, ob der KüchenDienst nicht angenehmer war.
******** 010. Tag: Montag 1995-08-28 ********
10.1 Militaria
Etwa 14 Uhr ist es, als wir geweckt werden. Der Unterricht geht sofort in die nächste Runde, während der MorgenToilette, während des hastig runtergeschlungenen FrühStückes, und dann erst richtig intensiv. Diesmal ist Chrwerjat dran. Chechmon darf sich ausruhen oder etwas anderes tun. Wir nicht. Ich habe jetzt den Eindruck, daß wir die einzigen auf dem Schiff sind, die dauernd arbeiten müssen.
Chrwerjat hat Bilder und KohleStifte mitgebracht. Es gibt hier also Papier. Hartes, steifes, pergamentartiges zwar, aber es erfüllt seinen Zweck. Außerdem muß das Papier in dieser feuchtschwülen Welt ja haltbar sein, und das merkt man dem Papier an.
Die Bilder zeigen militärische Themen: Waffen, KampfAufstellungen, Strategien, Logistik. Alles Themen, die Gelegenheit für viele neue Worte geben. Meistens militärische Begriffe.
Mir fällt sofort auf, daß sie sich nicht um GeheimHaltung bemühen, so, wie es bei allen Armeen der Welt üblich ist. Entweder rechnen sie nicht damit, daß wir irgendjemandem etwas verraten könnten, oder das, was wir erfahren, ist AllgemeinGut, sowohl unter unserer GastGebern als auch deren Feinden, die es ja auch geben muß. Darüber hinaus kriegen wir nicht viel raus. Ich habe den Verdacht, daß es sich um nicht viel mehr als StammesFehden handeln könnte. Aber das ist keine Entwarnung - auch solche Auseinandersetzungen können mörderisch sein.
Schwert, Messer, Pfeil und Bogen, das ist tatsächlich ihr WaffenArsenal. Aus der Beschreibung einer größeren PfeilAbschußVorrichtung, die eher einer Harpune ähnelt, entnehmen wir, daß es sich dabei mehr um eine JagdWaffe handelt, wie überhaupt die Jagd und der Krieg bei unseren GastGebern sehr viel gemeinsam haben.
Das Pulver haben sie noch nicht erfunden, und andere pyrotechnische Methoden finden auch keine Anwendung. Die Verwendung des Feuers beschränkt sich auf die Zubereitung von LebensMitteln und auf die SchmiedeKunst, wobei die SchmiedeKunst ausschließlich zur Herstellung von SchneidWerkzeugen dient. Schon den Nagel scheinen sie nicht zu kennen - SeilVerbindungen sind zuverlässiger. Wir kennen ja auch schon mehrere Worte für Seile, deren semantische Unterschiede die Dicke, die Festigkeit, das FlechtMuster, die Elastizität und das Material kennzeichnen. Da ist die deutsche Sprache mit 'Faden', 'Schnur', 'Seil', Trosse' und 'Tau' wesentlich ärmer dran. Andere Wörter fallen mir im Moment nicht ein.
Ich versuche, in Erfahrung zu bringen, ob sie den Bumerang kennen. In erster Linie will ich damit testen, inwieweit ich mich schon verständlich machen kann. Ich zeichne eine Folge von Bildern, die einen BumerangWerfer zeigen. Als Chrwerjat begreift, was ich ihr da klarmachen will, scheint sie ärgerlich zu werden: Ein Holz, das man wirft und das zurückkehrt - wo gibt es denn sowas! Was will der Fremde ihr denn für Märchen erzählen!
Das wollte ich wissen. Den Bumerang kennen sie also nicht.
Im weiteren Verlauf des SprachUnterrichtes wird nicht deutlich, ob unsere GastGeber eine Schrift kennen. Es sieht so aus, als sollen wir darüber nichts wissen, oder es wird nicht für so wichtig gehalten, daß wir darüber etwas wissen sollten. Vielleicht ist Lesen und Schreiben hier eine GeheimWissenschaft? Andererseits, wer so etwas wie technische Pläne zeichnen kann, der sollte auch eine Art Schrift kennen.
In einer Pause inspiziere ich den Inhalt meiner eigenen BriefTasche, um mir selbst die Boten einer anderen Welt vorzuführen: PersonalAusweis, FirmenAusweis, BibliotheksAusweis, EuroschecKarte, einige GeldScheine und einige Münzen. Die Welt, an die ich mich zu erinnern glaube, gibt es doch. Das ändert aber nichts an ihrer Unerreichbarkeit. Ich stecke meine BriefTasche wieder ein.
Irene sieht, was ich mache, und schüttelt den Kopf. Dann verlege ich mich darauf, mir Haare aus der Nase auszuzupfen. Irene sieht auch das und schüttelt schon wieder den Kopf - eine Idee energischer. Ich erinnere mich an einen Vorfall kurz nach unserer EheSchließung: Sie hatte gemeint, Haare in der Nase sähen unhygienisch aus. Ich hatte auch damals gehorsam mit dem Zupfen begonnen. Sie meinte dann, das wäre erst recht unhygienisch. Und schon war der Streit da. - Also lasse ich es auch jetzt.
Und der SprachUnterricht zieht sich hin.
******** 011. Tag: Dienstag 1995-08-29 ********
7:20 Uhr am DienstagMorgen. Chrwerjat wirft für heute das HandTuch. Sie hat offenbar den Auftrag, mit uns intensivst und lange zusammenzuarbeiten, aber die Anstrengung, ein paar Wörter in die Köpfe dieser begriffsstutzigen Fremden hineinzubringen sieht man ihr an. Sie trollt sich, und da Chechmon sich nicht blicken läßt, schließen wir daraus, daß wir, vor Beginn der nächsten SchlafPeriode, noch etwas FreiZeit haben.
Weil der Unterricht in die Zeit des gemeinsamen AbendEssens hineingereicht hat, nehme ich automatisch an, daß unsere Anwesenheit dabei nicht unbedingt erforderlich ist. Chrwerjat hätte so etwas ja wissen müssen. Vielleicht kann man sich woanders etwas zum Essen beschaffen. Ich habe da so meine Idee.
Trotz meiner momentanen Aversion gegen die Xonchen-Sprache probiere ich ihren Gebrauch aus, indem ich den Koch nach einigen der Kräutern frage, deren Namen ich gelernt habe. Zu meiner besonderen Überraschung bekomme ich genug für uns beide. Wir müssen also gar nicht an der allgemeinen Tafel Platz nehmen, um etwas zu essen zu bekommen. Auch habe ich nicht den Eindruck, daß der Koch mir gram ist, weil er nun wieder seine KüchenArbeit ganz alleine machen muß. Vielleicht ist das eine Solidarität in der unterprivilegierten Klasse!
11.1 Charmions Schwert
Während wir auf dem RelingsBalken sitzen und unser zwar nicht übertrieben reichhaltiges, dafür aber fleischloses Mahl genießen, sehen wir plötzlich die Kommandantin den NiederGang vom OberGeschoß herunterkommen. Charmion, das Mädchen von Mast, folgt ihr. Kaum sind sie unten angekommen, beginnt ein Anschiß, der sich gewaschen hat.
Unsere Xonchen-Kenntnisse reichen nicht aus, auch nur einen BruchTeil der Vorwürfe mitzubekommen, die Charmion über sich ergehen lassen muß. Aber der TonFall ist deutlich genug. Keine sachliche Rüge, wie sie bei meinem ArbeitGeber immer noch wenigstens gelegentlich gepflegt wird. Nein, Cherkrochj macht Charmion nach allen Regeln der Kunst nieder. Diese Darbietung, wenn man sie isoliert sehen würde, ließe nicht vermuten, daß Frauen per definitionem auf einer anderen, höheren sozialen Stufe stehen als Männer. Aber wahrscheinlich ist es so, daß ein Mann, der sich dasselbe zuschulden hat kommen lassen wie Charmion, was immer es ist, schon längst seinen Weg in die VorratsKammer der Küche gefunden hätte.
Ich habe die Befürchtung, daß es vielleicht etwas mit uns zu tun haben könnte. Aber das ist wohl nicht der Fall. Als die Kommandantin den NiederGang wieder nach oben geht, sieht sie uns auf der Reling sitzen, ohne eine Reaktion zu zeigen.
Charmion bleibt einen Moment da stehen, wo sie gerade steht. Dann geht sie nach achtern. Deshalb können wir ihr Gesicht nicht erkennen, und ich weiß nicht, wie sehr sie getroffen wurde. Als sie wenig später wieder nach vorne geht, muß sie an uns vorbei. Ihr GesichtsAusdruck ist gleichgültig. Uns nimmt sie gar nicht zur Kenntnis.
Als sie an uns vorbeigeht, fallen dunkle Tropfen an Deck und ziehen in das Holz ein. Erst denke ich, daß sie eine ungewöhnlich starke MonatsBlutung haben könnte, und das Fehlen von UnterWäsche würde ja alles weitere erklären. Aber die wahre Ursache klingt wie ein WortSpiel: Es ist die Scheide ihres Schwertes, die da tropft. Sie muß das Schwert gerade eben blutig in dieselbe hineingesteckt haben. Hat sie ihre Frustration mit einer kurzen adhoc-Hinrichtung kompensiert? Und wir haben nicht einmal etwas gehört!
Wir widerstehen unserer Neugier, achtern nachzusehen, wessen Blut so schnell und lautlos vergossen wurde. Fast will ich glauben, daß sie nur auf FleischVorräte eingeschlagen hat, so, wie unsereiner manchmal mit der Faust auf den Tisch schlägt.
Da die SchlafPeriode beginnt, verziehen wir uns wieder in das vordere MastHaus. Gut geraten, denn wenig später sieht Charmion nach, ob wir tatsächlich dort sind. Sie geht gleich wieder. Niemand macht sich mehr die Mühe, uns häufiger als sporadisch zu kontrollieren.
Jetzt bin ich eigentlich auch ganz glücklich, daß sie geht. Hätte ich nachsehen sollen? Die Ungewißheit, wer weshalb hingerichtet wurde, und ob, ist am schlimmsten. Wie leicht kann man diese Regeln übertreten, wenn man sie nicht kennt! Vielleicht reicht es aus, nicht am gemeinsamen AbendEssen teilzunehmen. Nun, dieses Vergehen war es jedenfalls nicht. Wir leben ja noch.
Bevor wir einschlafen - heute haben wir das MastHaus für uns alleine - fällt mir noch auf, daß Charmion beim ÜberPrüfen unserer Anwesenheit keine BlutSpur hinterlassen hat. Sie muß ihr Schwert wieder gesäubert haben. Naja, immerhin war sie aufgebracht genug, daß sie es nicht gleich nach der Hinrichtung, wenn es eine solche war, getan hat.
Und dann kommt mir der Gedanke, daß sie uns absichtlich das bluttriefende Schwert hat sehen lassen. Machen wir mal folgende Hypothese: Sie hat gesehen, daß wir Zeugen ihres Anschisses waren. Um das Gesicht nicht ganz zu verlieren, ging sie nach hinten und hat ihr Schwert blutig gemacht. Mit dem blutigen Schwert in der Scheide ist sie dann so an uns vorbeimarschiert, daß wir das Blut sehen mußten. Danach wurden Schwert und Scheide schnellstmöglich gesäubert.
Ich erläutere Irene meine Vermutungen. "Hältst du das für möglich?" frage ich.
"Nein. Eigentlich nicht. Soviel Aufwand für uns? Das glaube ich nicht! - Die hat es nicht nötig, uns zu imponieren."
"Aber es paßt nicht zusammen," überlege ich weiter, "entweder, man hält seine Sachen prinzipiell sauber - dann hätte sie ihr Schwert gleich gereinigt, oder man ist in dieser Hinsicht nachlässig - dann hätte ihr Schwert eben noch blutig sein müssen!"
"Oder das Blut ist inzwischen angetrocknet." schlägt Irene vor. Recht hat sie. Wir können überhaupt keine AusSagen mit Sicherheit treffen.
Im Schlaf werde ich von meinen alten Lehrern gepeinigt. Sogar Mathematik- und PhysikLehrer versuchen, uns über die Xonchen-Sprache auszufragen. Irene, die ich in meiner SchulZeit noch gar nicht gekannt habe, ist bei mir und muß eine Hausarbeit über SchmiedeKunst anfertigen. Alle Quellen sind in der Xonchen-Sprache verfaßt und wir verstehen sie nicht. Irgendwann komme ich dann im Traum auf die Idee, daß es ein Traum sein muß, und danach schlafe ich ruhiger.
11.2 SchiffsAlarm
Um 17 Uhr wachen wir auf. Es ist draußen wieder unruhiger geworden, weil die WachPeriode beginnt. Dafür sind unsere SprachLehrerinnen noch nicht eingetrudelt. Kann mir denken, warum: Ihr anfänglicher Eifer ist inzwischen auch schon abgekühlt.
MorgenToilette und FrühStück sind problemlos. Der Koch händigt mir wieder Kräuter und Gemüse aus. Ich versuche, ihn zu fragen, was gestern abend passiert ist. Aber entweder weiß er es nicht, oder meine Beherrschung des Xonchen-WortSchatzes ist noch so unausgereift, daß er nichts versteht.
Dann laufen wir der Kommandantin Cherkrochj über den Weg, oder sie uns, wie man es sehen will. Ich nicke gemessen - weiß ich, welche BegrüßungsForm angemessen ist, oder welche schon als unverschämt gilt? Sie scheint uns zu ignorieren. Aber nur zwei Minuten später sind Chechmon und Chrwerjat wieder bei uns. Ob da wohl ein Zusammenhang ist? Jedenfalls geht der Streß weiter, fast sieben Stunden lang. Dann, nach Mitteleuropäischer Zeit um Mitternacht, schreit jemand oben in der Takelage. Danach wird es unruhig auf dem Schiff.
Irgend etwas scheint sich dem Schiff zu nähern, danach zu urteilen, wie die Mitglieder der Besatzung plötzlich flußaufwärts in die Ferne schauen.
Plötzlich sind alle bewaffnet, sogar die Männer.
******** 012. Tag: Mittwoch 1995-08-30 ********
12.1 TyrannoSaurus Rex
Auch Chechmon und Chrwerjat haben plötzlich etwas anderes zu tun, und es stellt sich offenbar jetzt erst heraus, daß niemand geplant hat, wo wir jetzt bleiben sollen. Sie bedeuten uns, uns in das kleine MastHaus mittschiffs zurückzuziehen. Das gefällt mir, weil es mit über 25 Metern über Deck der höchste Raum ist.
Irene gefallen schon die Wanten in das vordere MastHaus nicht so besonders, und dieses kleine MastHaus ist noch einmal zehn Meter höher. Aber nach dem, was wir schon durchgemacht haben, ist das nur eine periphere Überlegung. Ich habe jedenfalls den Eindruck, daß wir da oben sicherer sind als auf Deck.
Noch während wir klettern, spüre ich ein Zittern in den Wanten, das nicht von unseren KletterBewegungen herkommt. Unter uns platscht es mehrfach. Ich sehe, daß die Gangway-Brücke abgebaut wird. Schnell, sehr schnell. Alle sind in Hast. Dann erreichen wir das MastHaus. Wir sind die einzigen. Der AusGuck muß noch weiter oben im MastWerk sein.
Wie gut, daß das Wetter heute klarer ist. Man kann weit flußaufwärts sehen. Irgendwo dahinten ist etwas, was das ganze Schiff in Aufregung versetzt. Wieder spüre ich ein Zittern im Boden.
"Das Schiff bewegt sich!" sage ich zu Irene. Es stimmt: Die Enden der Rahen driften langsam vor der Kulisse der fernen Säulen entlang. Sie müssen das Schiff mit MuskelKraft bewegen, denn es sind ja keinerlei Segel gesetzt. Wahrscheinlich verwenden sie eine Art FlaschenZug, um die AnkerSeile an den Enden des Schiffes zu spannen und auf diese Weise das Schiff zu bewegen. Ich kann aber nichts erkennen.
Unten, auf Deck, werden Waffen zusammengesetzt und in Stellung gebracht. Es handelt sich um große, armbrustartige HarpunierGeräte. Eine ganze Seite des Schiffes wird damit besetzt. Außerdem wird das Schiff mit TreibAnkerketten so im Fluß, quer zur Strömung, festgelegt, daß man es schnell wenden und ausrichten kann, indem die AnkerKetten rechts oder links ausgelassen oder wieder angezogen werden. Das ist wohl nicht die stabilste Lage, wie wir jetzt merken - das Schiff schwankt deutlich. Vorher lag es völlig ruhig längs der Strömung und näher am Ufer.
Das Ganze scheint nicht unerwartet zu sein. Es ist zwar Unruhe unter der Besatzung, aber keine Panik. Sie haben auf das, was jetzt kommt, gewartet. Und sie haben das auch schon oft getan.
Jetzt sehe ich endlich etwas. Es ist noch etliche Kilometer weit weg und sieht auf den ersten Blick aus wie ein rollender, grauer Ball, der aber sehr groß sein muß, wenn man ihn über diese Entfernung sieht. Dann verändert er seine Form. Er richtet sich auf.
"Großer Gott!" sage ich.
Irene erkennt es auch: "Kommt das hierher?"
"Glaube ja. Alles andere macht doch kein Sinn!"
"Das ist aber nicht so einer, wie wir ihn schon gesehen haben!" sagt Irene.
Allerdings nicht. Nicht BrontoSaurus phlegmaticus. Auch kein MaiaSaurus oder BrachioSaurus. Dies hier ist TyrannoSaurus Rex Horribilis. Oder wie immer die exakte Bezeichnung lautet - ich kenne mich in der Klassifikation der Saurier nicht aus. Aber das kann ich schon erkennen, daß es eine ganz andere KörperForm hat als ein BrontoSaurus, und daß es sich sehr schnell bewegt.
"Hoffentlich trauen sich unsere GastGeber nicht zuviel zu!" meine ich. Dann erläutere ich Irene, was ich jetzt zu wissen glaube: Daß es sich bei diesem Schiff um ein JagdSchiff handelte, das schien mir ja schon klar. Aber die ganze Zeit bis jetzt hatte ich die Vorstellung, daß irgendwo ein Saurier erlegt wird und auf irgendeine Weise, vielleicht mit kleineren Flößen, hierhergebracht wird. Daß es das geschickteste sein könnte, den Saurier lebend zu veranlassen, hierherzukommen und erst von Bord des Schiffes aus bekämpft zu werden, auf die Idee bin ich noch nicht gekommen. Jetzt bin ich aber sicher, daß es so ist: Der Saurier wird entweder hierhergelockt oder hierhergetrieben. Da es sich um ein Exemplar handelt, das dem TyrannoSaurus wenigstens ähnelt, nehme ich an, daß eher die 'hierher locken' Theorie zutrifft. Das entspricht dem Temperament, das man dieser oben an der OberFläche der Erde längst ausgestorbenen Spezies unterstellt.
Das Tier kommt rasch näher. Es scheint die meiste Zeit im flachen FlußWasser zu laufen, denn man kann bis hierher den Schaum und die BugWelle sehen, die es aufwühlt. Wieder beschleicht mich der Verdacht, daß die Evolution bei den Sauriern den GrößenWuchs noch etwas weiter vorangetrieben hat als es seinerzeit an der ErdOberfläche der Fall war. Jedenfalls ist dieses große SegelFloß mit dem Saurier verglichen eine recht zerbrechliche Angelegenheit.
12.2 Die JagdRuderinnen
Es hätte mich interessiert, wie sie das Tier locken. Ich bin sicher, es kann schneller laufen als ein Mensch. Vorneweg laufen geht also nicht. Dann aber erkenne ich es: Es ist ein Boot, lang und schmal, länger als ein Achter. Vielleicht sechzehn Menschen sind darinnen. Und sie rudern um ihr Leben.
Einen Moment beschleicht mich eine Achtung. Da gehört schon etwas dazu, erst dieses Tier aufzustöbern, vielleicht in den Bergen, weitab vom Fluß, dann bis zum Fluß zu locken, wo schon ein Boot bereit liegt, daß dann die weitere KöderFahrt übernehmen soll. Es muß eine große, koordinierte Aktion sein. Ich glaube kaum, daß das Boot diese hohe Geschwindigkeit über Dutzende von Kilometern durchgehalten hat. Wenn sie den Saurier auf diese Weise locken, dann haben sich wahrscheinlich verschiedene Boote abgelöst. Oder? Wer weiß, nachdem, was ein MenschenLeben hier wert ist, sind vielleicht ganze BootsBesatzungen geopfert worden!
Sie sind noch zu weit weg, ich kann ihre Gesichter nicht erkenne. Aber schon aus ihren Bewegungen geht hervor, daß sie alles an Anstrengung aufbringen, was sie können.
Trotzdem: Der Abstand des Bootes von dem Saurier veringert sich!
Jetzt ist es weniger als einen Kilometer zwischen dem Saurier und uns. Gedämpfte Befehle von unten. Das Schiff bewegt sich wieder. Alle Harpunen sind gespannt. Man hört bereits das Stampfen des RiesenTieres und seinen schnaubenden Atem - auf die Entfernung!
800 Meter. Das Boot noch 600 Meter. Ich glaube, zu erkennen, daß es nur mit Frauen besetzt ist. Und sie ziehen ihre Ruder tief durch, schnell und schnell und schnell. Wehe, sie setzen jetzt auf einer UnTiefe auf! Der Saurier wäre im AugenBlick über ihnen.
Ich erwische mich dabei, daß ich ihnen den Daumen drücke, ihnen, unsern Bewachern! Dabei bin ich natürlich durchaus egoistisch. Boot und Saurier bewegen sich genau auf das Schiff zu. Wenn das Vieh nicht gestoppt wird, wenn der Besatzung das nicht gelingt, dann ist hier in einer Minute Sekunden alles KleinHolz!
"Wir hätten vom Schiff runter sollen!" murmele ich, als ob der herantrabende FleischKoloß uns hören könnte.
"Das fällt dir jetzt erst ein?" fragt Irene.
"Ist es dir eingefallen?"
Es bleibt keine Zeit zum Streiten. Der Boden des MastHauses zittert - die Erschütterungen des AufTretens des Sauriers finden ihren Weg durch den Boden und durch das Wasser, in dem das Floß schwimmt, bis hierher!
Er muß über vierzig Kilometer pro Stunde schnell sein. Wahrscheinlich kann er sich noch wesentlich schneller bewegen, aber er hat schon viele Kilometer hinter sich und ist auch restlos erschöpft. Dazu sein vergleichsweise langsamer Metabolismus, wie er allen Tieren hier eigen ist. Wie sie ihn wohl so gereizt haben, daß er diese ganze Strecke die Verfolgung des Bootes nicht aufgegeben hat? Und wie viel Erfahrung und Training stecken in diesem RuderBoot? Ich habe den Eindruck, daß es schneller ist als ein gewöhnlicher Achter bei olympischen WettKämpfen.
400 Meter der Saurier, 300 Meter das Boot. Es wird sehr knapp. Das Boot zielt haarscharf am Schiff vorbei. Sie werden rechts passieren, wenn alles gut geht. Wenn nicht, dann können sie sich immer noch in Sicherheit bringen, während der Saurier mit dem Schiff kolidiert.
200 Meter. Weitere Befehle von unten. Es werden normale Pfeile in Richtung seiner Augen abgeschossen. Einige Sekunden lang scheinen alle BesatzungsMitglieder ausschließlich damit beschäftigt zu sein. Dann springen alle an die schweren HarpunenGeschütze.
Der Boden zittert immer heftiger.
150 Meter der Saurier, 100 Meter das Boot. Ein lautes Kommando von unten. Der Boden zuckt mehrfach, als die HarpunenGeschütze ihre schweren Projektile dem vorzeitlichen Ungeheuer entgegenschleudern.
100 Meter der Saurier. Vier Sekunden seit dem Abfeuern der Harpunen. Hat ihn das überhaupt nicht beeindruckt?
Er richtet sich im Laufen auf. Großer Gott, er erreicht genau die Höhe des mittleren MastHauses! Jetzt sehe ich die blutenden Augen, nur noch zerfetzte Höhlen, der Rachen öffnet sich zu einem Schrei - Wut oder Schmerz, was weiß ich. Es ist blind, aber das nützt uns nichts, denn es läuft immer noch genau auf uns zu!
"Irene, die andere Seite! An die andere Seite!" brülle ich, aber Irene hat schon kapiert. Während der SaurierKopf sich auf das MastHaus zubewegt, versuchen wir, uns an der gegenüberliegenden Wand, an den FensterStreben des MastHauses, irgendwie festzuklammern. Kaum, daß wir diese im Griff haben, schlägt der Kopf des Sauriers wie ein RiesenHammer in das MastHaus hinein.
12.3 SchiffsSchlag
Was unter uns auf Deck los ist, davon haben wir keine Vorstellung. Die FensterStreben werden uns fast aus den Armen gerissen, aber der Halt erfüllt seinen Zweck. Das SchiffsHaus unten und viele der tiefliegenden Rahen fangen die HauptWucht der Kollision auf. Überall splittert Holz und reißen Taue. Von unten dringen SchmerzensSchreie herauf. Eine Wolke von üblem Gestank hüllt uns einen Moment lang ein - aus einem seit Jahren oder Jahrzehnten nicht gereinigten SaurierMaul.
Das MastHaus ist halb zerstört, und rundherum und unter uns hört man immer noch berstendes Holz. Dazwischen das Brüllen des Sauriers und weitere Varianten des atemberaubenden Gestankes. Das ganze Schiff liegt etwa vierzig Grad schief, was uns daran hindert, aus dem halben MastHaus herauszurutschen. Der Saurier hat das Schiff fast umgeworfen! Nur langsam richtet es sich wieder auf. Durch das Loch im Boden sehen wir ein gespenstisches Schauspiel:
Der hintere Teil des Körpers des Sauriers ist irgendwie unter das Floß geraten, daß sich durch den AufPrall schräg gelegt hat. Der vordere Teil mit Hals und jetzt auch mit dem Kopf liegt auf dem Deck und in den eingedrückten Teilen des DeckHauses. Dadurch wird das Schiff gleichzeitig wieder zurück in die Waagerechte gedrückt, kann diese aber nicht ganz erreichen.
Die BesatzungsMitglieder springen mit dem Mut von Löwen auf dem immer noch lebenden Tier herum. Ich kann Charmion erkennen, die sich als erste vorne am Hals zu schaffen macht. Sie drischt mit ihrem Schwert auf eine Stelle unter den KinnLaden ein, wo vermutlich wichtige Arterien in den Kopf hinaufführen. Da bäumt sich Hals und Kopf wieder auf, und sie wird heruntergeschleudert. Ich kann nicht erkennen, wohin.
Der blinde Kopf fährt unter uns in das MastWerk, und wieder zittert das ganze Schiff, als wolle es uns abwerfen. Der Mast dröhnt wie ein angeschlagenes, riesiges BambusRohr. Als ich das nächste Mal einen Blick nach unten werfe, ist die Kommandantin selbst dabei, die Stelle zu bearbeiten, an der Charmion angefangen hat. Sie wird von Blut überströmt.
Auch Charmion taucht wieder auf. Sie und noch weitere zwei Frauen kümmern sich darum, dem lebenden Tier den Kopf vom Rumpfe abzutrennen. Es scheint ihnen egal, daß sie vor Blut triefen. Es ist ja nicht ihr eigenes Blut.
Allmählich hat das Tier Angst und Schmerzen. Es begreift, daß es ihm ans Leben geht, und es kann ja nichts mehr sehen. Sein Brüllen ist ohrenbetäubend, der ganze Körper windet sich. Wieder schaukelt das Floß wie im Sturm. Das klare Wasser rund um das Floß ist längst zu einem roten Strom geworden, und der Gestank ist unerträglich. Zum KörperGeruch des Sauriers kommen jetzt auch noch die AusDünstungen aus seinem Inneren, die aus zahllosen Wunden abdampfen.
So schwer wie der Saurier das Schiff auch getroffen hat, er hat vor dieser fabrikmäßigen TötungsMaschine keine Chance. Jeder da unten weiß, wo er schneiden muß. Kaum eine macht das zum ersten Mal. Um das ruinierte Schiff kümmert man sich später.
Und mit welcher Präzision! Ich weiß nicht, ob es Absicht ist oder nicht, aber als eine kleine Gruppe einen tiefen Einschnitt am RückGrat macht, wirft ein Krampf den Körper des Sauriers so herum, daß der hintere Teil sich wieder unter dem Floß herauszieht. Mit einer schwungvollen Bewegung richtet sich das Floß wieder vollständig auf, und wir werden dabei fast aus dem halboffenen MastHaus herausgeschleudert.
Das Brüllen wird schwächer. Als ich es wieder wage, nach unten zu sehen, arbeitet schon jemand an den NackenWirbeln des Sauriers. Seine NervenVerbindungen zum Körper werden fachmännisch durchtrennt. Die Frau, die das macht, schwebt dabei in LebensGefahr, wie alle da unten, aber sie ist Meisterin in dieser Form der KampfChirurgie. Das Tier schnappt immer noch mit dem Maul, blind und hilflos. Dann stellt auch das bißchen Gehirn, über das er verfügt, wegen Blut- und SauerstoffMangel seinen Dienst ein. Es ist vollbracht.
12.4 SchlachtFest
Unten, auf dem Schiff, bricht keinerlei Jubel oder etwas ähnliches aus. Es hat niemand ernsthaft bezweifelt, daß man das Tier besiegen würde. Aber nun gibt es eine Menge Arbeit, auch, weil das Schiff so schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Man arbeitet einfach weiter. Die Tötung des Tieres geht in seine Zerlegung über. Außerdem teilt die Kommandantin schon die ersten ReparaturTrupps ein.
Jetzt erst kommt das Boot von der anderen Seite heran. Langsam und zögernd. Es sind tatsächlich sechzehn Frauen, und sie sind restlos erschöpft. Fix und fertig. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie wieder mit zugreifen können.
"Sieh mal," sage ich zu Irene, "Im vorderen MastHaus wäre uns nichts passiert! Es ist unbeschädigt!"
"Es ist uns doch auch nichts passiert!" stellt Irene fest.
"Das ist glatter Zufall!" sage ich und zeige mit einer HandBewegung auf den Teil des MastHauses, der so gut wie verschwunden ist.
"Jedenfalls machen wir mal einen StandortWechsel. Hier stehen wir nur im Wege, wenn sie anfangen, es hier zu reparieren."
12.5 ReparaturTermin
Vom vorderen MastHaus können wir die Ereignisse gut verfolgen, ohne daß man uns stört und ohne daß wir jemanden stören. Jedenfalls sind Chechmon und Chrwerjat auch im ArbeitsEinsatz, und das erlaubt uns, uns auch und ganz besonders vom SprachUnterricht zu erholen. Ohnehin ist es ein Unfug, zu glauben, daß bei einer Tätigkeit wie dem Erlernen einer Sprache 16 Stunden pro Tag das doppelte Ergebnis von 8 Stunden pro Tag bringen. Das ist bei keiner geistigen Tätigkeit der Fall. Trotzdem wird das Vorliegen von so einfachen, linearen Zusammenhängen weithin für gegeben gehalten. Man braucht sich ja nur die Argumentation der ArbeitGeber und die der Gewerkschaften anzuhören. Wo immer sie im Gegensatz sind - der Glaube an die Proportionalität zwischen ArbeitsZeit und ArbeitsErgebnis eint sie.
Allerdings - wenn schon in einer IndustrieNation mit einem hohen Anteil an geistiger Arbeit die allertollsten Vereinfachungen in diesen Ansichten das Feld beherrschen, dann wird das hier erst recht der Fall sein. Wir sehen ja, welche Art von Arbeit die Menschen hier kennen: Schiffe reparieren und Saurier zerlegen. Wer damit täglich konfrontiert ist, der wird annehmen, daß in anderen identifizierbaren und benennbaren ArbeitsVorgängen ähnlich lineare Verhältnisse zwischen zeitlichem Aufwand und Ergebnis vorliegen. Da brauche ich mich gar nicht auf eine Diskussion einzulassen - wenn man einmal davon absieht, daß unser bisheriges Wissen über die Xonchen-Sprache eine Diskussion sowieso ausschließt.
Schon bald wird mir klar, daß das Schiff weniger schwer beschädigt ist als ich zunächst angenommen habe. Die Masten stehen noch, und der floßartige Rumpf ist unbeschädigt. Die AufBauten sind eingedrückt, eine ganze Menge Rahen sind zu Bruch gegangen und haben aus der ganzen unteren Takelage ein heilloses Wirrwarr gemacht. Und natürlich unser MastHaus mittschiffs. Das sieht traurig aus.
Aber so routiniert, wie da unten bereits an den DecksAufbauten gearbeitet wird, so schnell wird vermutlich der gesamte Schaden behoben werden. Ein weiterer Grund für den begrenzten Schaden liegt wahrscheinlich auch darin, daß es keine Nägel gibt - die vorherrschende VerbindungsMethode in dieser SchiffsKonstruktion ist das Seil. Solch eine Verbindung kann viel StoßEnergie absorbieren und ist danach immer noch leidlich einsatzfähig. Wo Holz nicht zersplittert ist, reicht oft das Nachziehen von SeilVerbindungen aus - es ist nicht einmal weiteres Holz- oder SeilMaterial notwendig. Dazu kommt, daß ein Floß nicht leckschlagen kann. Allmählich kommt mir der Gedanke, daß diese SchiffsKonstruktion für die SaurierJagd ideal ist.
Außerdem merkt man, daß jetzt die SchiffsBesatzung um weitere 16 Personen verstärkt wurde. Und jeder arbeitet: Mit dem Hammer, mit der Säge, mit dem FleischMesser. Schon sind große FleischStücke vom Kadaver des Sauriers abgezogen und verschwinden im DecksHaus. Wie das wohl haltbar gemacht wird?
Die einzigen, die nicht arbeiten, sind wir. Ich überrede Irene dazu, etwas vom Fenster des MastHauses zurückzutreten, damit man nicht so deutlich sieht, daß wir uns auf die Rolle des Zuschauers beschränken.
Unsere RuckSäcke, die wir im Moment im vorderen MastHaus aufbewahren, sind unbeschädigt, wie ich jetzt feststelle. Das wäre vielleicht nicht mehr der Fall, wenn sie irgendwo da unten im DecksHaus aufbewahrt worden wären. Aber seitdem wir SprachUnterricht machen müssen, ist dieses MastHaus offenbar zu unserem permanenten AufenthaltsOrt bestimmt worden, und so sind unsere Sachen eben auch hierher gebracht worden. Daß das MastHaus sich zwar vorübergehend schräg gelegt hat, hat den RuckSäcken nicht geschadet. Allerdings müssen wohl einige der Tische und Bänke repariert werden - alle sind an die dem AufPrall des Sauriers gegenüberliegende Seite gerutscht. Also, in hohen SeeGang darf dieses Floß nicht kommen, denke ich mir. Dafür scheint nichts auf dem Schiff eingerichtet.
Aber vielleicht gibt es in dieser Welt ja auch keinen hohen SeeGang.
Im Laufe der folgenden Stunden kommen in Abständen einige weitere Gruppen an Bord. Wir können sie von unserem StandPunkt schon lange vor ihrem EinTreffen sehen. Der AusGuck im Mast über uns wahrscheinlich auch. Wenn er noch da ist und nicht unten mit anpacken muß. Jedenfalls werden die Ankömmlinge nicht angekündigt, und sie lösen, als sie an Bord kommen, keinerlei Überraschungen oder Unruhe aus. Wahrscheinlich waren sie organisatorisch irgendwo an der SaurierJagd beteiligt.
Vielleicht, überlege ich, gibt es ja auch mehrere solcher Schiffe, so daß es möglich ist, mit nur wenig Personal von jedem einen zahlenmäßig hinreichend starken Trupp aufzustellen, der nacheinander Saurier vor die Harpunen eines jeden einzelnen Schiffes treibt. - Aber das ist natürlich nur eine Hypothese.
Während der Saurier allmählich bis auf das Skelett zerlegt und immer mehr Fleisch in das DecksHaus gebracht wird, verlassen auch einige Gruppen das Schiff wieder. Vielleicht sollen sie Holz für die SchiffsReparatur holen, vielleicht die Vorräte an pflanzlicher Nahrung aufstocken, vielleicht gehören sie auch gar nicht an Bord. Ich weiß nicht. Ich kann nicht alles wissen. Und im Moment stellen wir vielleicht lieber keine Fragen.
Unter dem Strich aber nimmt die Mannschaft zahlenmäßig zu. Wir müssen befürchten, daß wir bald nicht mehr alleine in diesem Raume sind. Wenigstens Chechmon und Chrwerjat werden sich wieder hier einquartieren.
Das dauert aber. Mehr als einmal habe ich den Eindruck, daß Charmion, die jetzt nur noch mit ZimmermannsArbeiten im MastWerk beschäftigt ist, kurz zu uns heraufblickt, als ob sie kontrollieren will, ob wir noch da sind. Da dies der Fall ist, sind wir nicht mehr weiter interessant.
"Komisch," sage ich, "erst lassen sie einen arbeiten, und dann, wenn wirklich alle Hände gebraucht werden, dann lassen sie einen in Ruhe. Paßt auch nicht zusammen."
"Die Kommandantin hat eben entsprechende Anweisungen gegeben!" vermutet Irene, "und niemand wagt GegenVorschläge."
Ich rechne den Beginn der SchlafPeriode hoch. Gestern war es 8 Uhr, bei einem 27-Stunden-Tag müßte es heute 11 Uhr werden. Noch ein paar Stunden Lärm auf dem Schiff. Naja, wenn es nur das ist.
Die Rechnung scheint zu stimmen. Schon kurz nach 9 Uhr nimmt der Lärm ab. Von dem Saurier ist nur noch der entfleischte Kadaver übrig. Es sieht nicht so aus, als wäre beabsichtigt, diese Reste irgendwie zu beseitigen. Das Skelett, in und an dem noch viele Reste von Eingeweiden und BindeGewebe hängen, bleibt da, wo es ist. Es ist sehr großzügig ausgenommen worden, so daß es sich bei dem, was bald in Fäulnis übergehen wird, noch um viele Dutzend Tonnen handelt. Wenn wir dann noch hier sind, dann wird der Gestank noch um einiges schlimmer.
So kurz vor 10 Uhr scheint man sich im SpeiseRaum im ersten Stock zu versammeln. Wir wagen es und gehen auch hin. "Vielleicht gibt es jetzt ja SaurierFleisch statt MenschenFleisch!" erkläre ich Irene.
Der SpeiseRaum ist recht voll. Wir wissen nicht, wo wir uns hinsetzen sollen. Viele BesatzungsMitglieder, die jetzt erst an Bord gekommen sind, sehen uns neugierig an. Manche versuchen auch, mit uns zu reden, allerdings mit wenig Erfolg.
Plötzlich steht Chechmon vor uns. Sie macht uns klar, daß wir hier verschwinden sollen. Sie bringt uns persönlich in das MastHaus zurück. Wahrscheinlich ist ihr das befohlen worden, jedenfalls entnehmen wir das ihren Erklärungen.
Wir sehen schon einer hungrigen Nacht entgegen, aber schon nach kurzer Zeit wird uns Essen gebracht. Es ist wieder gemischt vegetarisch und Fleisch. Aber dieses Fleisch ist wenigstens kein MenschenFleisch. Es ist unglaublich zäh, sehr bitter und streng im Geschmack, aber genießbar. Und es ist wirklich echtes SaurierFleisch!
Ich leihe mir ein Messer von Chechmon aus, weil ich nicht will, daß sie das TaschenMesser als Messer erkennt. Als Chechmon sieht, daß wir das Messer zum Zerschneiden des Fleisches verwenden, scheint sie amüsiert. Während wir unsere kleinen Bissen einschieben, haut sie ihre Zähne ohne große Umstände in die FleischStücke. Sie hat da keinerlei Schwierigkeiten. Wer das beißen kann, der muß auch Holz zerbeißen können!
Es wären fast ideale Verhältnisse, wenn jetzt Chechmon auch noch weggehen würde. Das tut sie nicht. Der SprachUnterricht geht beim und nach dem Essen weiter.
Immerhin erfahren wir auf diese Weise einiges. Offenbar gibt es nur dieses eine Schiff, das an der Aktion beteiligt ist, und einige der Menschen, die an der Jagd teilgenommen haben, gehören nicht zur ständigen Besatzung, sondern leben hier irgendwo im Busch. Was sie als GegenLeistung für ihre TeilNahme bekommen haben, sagt Chechmon nicht.
Was das Anlocken des Sauriers berifft, so scheint man einen DuftStoff pflanzlicher Herkunft verwendet zu haben. Chechmon erklärt, daß dieser Stoff auf manche Saurier eine so starke Wirkung hat, daß man sie damit zur Raserei bringen kann. Man kann zum Beispiel Saurier dazu bringen, eine FelsWand herunterzustürzen. Das wurde früher auch so gemacht. Dann stellt sich aber das Problem des Abtransportes von diesen immensen FleischMengen. Deshalb gibt es diese FangSchiffe, eine Neuerung, die sich erst vor vierzig Generationen durchgesetzt hatte.
Vierzig Generationen, habe ich das richtig verstanden? Das sind 800 bis 1000 Jahre unserer ZeitRechnung. Dann ändert sich hier aber nicht sehr viel. - Ob diese Angaben wirklich präzise und zuverlässig sind? Daß bei solchen Überlieferungen in jeder Generation die Angabe der vergangenen Generationen um eins hochgezählt wird, kann ich nicht recht glauben. Wie wenig zuverlässig solche ZahlenAngaben sein können, kann man ja an den biblischen AltersAngaben im Alten Testament ablesen.
Wir erfahren noch einige weitere Informationen. Unsere GastGeber nennen sich, als Kollektivbezeichnung, 'SteinBeißer', wobei unklar ist, ob sich diese Bezeichnung nur auf eine Sippe oder auf ein ganzes Volk bezieht, wo immer hier der Unterschied sein mag. Sie erwähnen andere VolksStämme, die auch 'SteinBeißer' heißen. Aber es gibt hier soviele Worte für die verschiedenen GesteinsArten, daß man erst sorgsam durch Vergleich herausfinden muß, was nun als 'GranitBeißer', oder als 'BasaltBeißer' oder als 'GneisBeißer' zu bezeichnen ist.
Ich denke an die BeißKraft unserer GastGeber. Ob die Bezeichnung 'GranitBeißer' mehr als eine symbolische Bezeichnung ist?
Dann erzählt Chechmon von noch anderen VolksStämmen, aber ihre Erzählungen werden unklar, nicht nur wegen der Sprache, sondern auch wegen dem legendenartigen Charakter ihrer Erzählungen. Ob diese ausgestorben sind oder ob man sie einfach nicht zu Gesicht bekommt wird nicht deutlich. Dann wieder glaube ich, daß sie von den Erbauern 'toter Städte' spricht, und 'von denen da oben'. Diese Hinweise elektrisieren mich. Sind am Ende sogar die Menschen der Erde gemeint? Oder welche, die von den Menschen an der OberFläche abstammen? Die hier eingewandert sind? Ich denke an die tote Stadt, an der wir vorbei gekommen sind. Was für Geheimnisse sind dort? Chechmon weiß jedenfalls auch nichts genaues, soviel wird mir klar.
Schade, daß gerade solche Themen bei unseren beschränkten SprachKenntnissen soviel schwieriger sind. Jedenfalls geht die Zeit wie im Fluge vorbei, und kurz nach 11 Uhr legt Chechmon sich hin. Endlich ist die SchlafPeriode da, und wir tun das auch. Waschen entfällt: Das Wasser um das Schiff herum ist noch zu sehr durch den Kadaver des Sauriers verschmutzt.
"Wir gleichen unseren hygienischen Standard allmählich dem unserer GastGeber an!" sage ich im EinSchlafen zu Irene. Sie findet das nicht lustig. Gut. Dann habe ich es auch nicht lustig zu finden.
12.6 KreuzFahrt
Schon vor dem geschätzten Termin des Endes der SchlafPeriode um 20 Uhr werden wir wieder wach, weil es draußen laut wird. Der SprachUnterricht geht sofort weiter, selbst während wir uns in dem vermutlich immer noch nicht ganz sauberen FlußWasser waschen. Einiges kriegen wir aber doch so nebenbei mit.
Die Besatzung war während der SchlafPeriode nicht ganz untätig. Ohne daß wir es gemerkt haben, ist das Schiff um einige hundert Meter flußabwärts versetzt worden, und es liegt auch wieder längs der Strömung. Damit sind in dem Wasser zwar immer noch die Exsudate der SaurierLeiche vorhanden, sie haben sich aber etwas mehr im FlußWasser verteilt. Und der Gestank ist nicht mehr ganz so schlimm.
Auf der Leiche des Sauriers haben sich zahllose Vögel niedergelassen. Dieser Kadaver wird wahrscheinlich noch die NahrungsBilanz ganzer Schwärme günstig beeinflußen. Das ist eben der Lauf der Natur.
Auf den ersten Blick scheint das Schiff wieder vollständig repariert. Allerdings turnen immer noch eine ganze Reihe BesatzungsMitglieder in der Takelage herum, und es ist nicht zu übersehen: Charmion ist dabei, und sie hat die Aufsicht. Auch im Vergleich zu all den anderen scheint sie diejenige zu sein, die am virtuosesten in den Seilen herumklettert.
Sogar das hohe MastHaus mittschiffs ist mittlerweile wieder repariert worden. Das muß während der SchlafPeriode passiert sein, denn vorher war es definitiv noch demoliert.
Chechmon blickt kurz auf, als Chrwerjat das MastHaus betritt. Ablösung. Nicht für uns, versteht sich, sondern für Chechmon.
Sie hat auch eine Neuigkeit: In wenigen Stunden werden wir ablegen. Wohin, das erzählt sie uns nicht.
Irene und ich sehen uns an: wenn dieses Schiff ablegt, dann beginnt eine ganz neue Phase in unserem Abenteuer: Dann können wir aus eigener Kraft überhaupt nicht mehr zurück. Schließlich können wir nicht auf dem Wasser schreiten. Wenn wir zurückwollen, dann müßten wir das jetzt bald in die Wege leiten. Während Chechmon und Chrwerjat miteinander reden, erläutere ich Irene diesen GesichtsPunkt.
"Die lassen uns doch nicht weg!" meint sie.
"Natürlich nicht. Das enthebt uns der Notwendigkeit einer sofortigen Entscheidung. Aber ich möchte, daß du weißt, was es bedeutet, wenn wir ablegen!"
"Ich bin ja nicht blöd!"
Das ist ein Argument. Chechmon geht jetzt, und Chrwerjat setzt den Unterricht fort. Wir müssen später reden.
Was wollen wir wirklich? Darüber müssen wir uns sowieso klar werden. Lassen wir mal die ganz großen Schwierigkeiten des Weges zurück in unsere Welt aus den Betrachtungen weg. Denn denen könnten ähnlichen Schwierigkeiten gegenüberstehen, die uns hier noch blühen - wir haben ja schon eine Ahnung von dem Charakter dieser Leute.
Also, völlig unbeteiligt: Hierbleiben oder nach Hause?
Nach Hause: Eintöniger Beruf, der nicht die Spur einer Karriere zuläßt. Die Bürokratie meines ArbeitGebers schränkt Produktivität und ArbeitsFortschritt auf das Niveau eines sozialistischen Landes ein. Auch wenn der ArbeitsPlatz leidlich sicher ist, die wirklich interessanten Dinge spielen sich außerhalb der DienstZeit ab. Innovation, technisch interessante Dinge, HerausForderungen - bei dem ArbeitGeber: nein.
Und welches sind die Dinge außerhalb der ArbeitsZeit: Eine Welt, die nach dem Abflauen des großen Ost-West GegenSatzes instabiler statt stabiler geworden ist, die Tag für Tag mehr in dem Dreck ihrer HumanFertilität versinkt. Der große, unwahrscheinliche Krieg ist durch zahllose, schmutzige, kleine Kriege ersetzt worden, Kriege, die wirklich stattfinden. Es gibt Anzeichen, daß die Religionen in Form vieler Sekten immer mehr Macht übernehmen und den RückSchritt in das MittelAlter bereits eingeläutet haben. Der Glaube, daß der FortSchritt in den NaturWissenschaften automatisch eine entsprechende Klarheit in den Köpfen der Menschheit schaffen würde, ist längst zerbrochen. Die Flexibilität des menschlichen Geistes ist unglaublich - es gibt keine Ideologie, die so abstrus wäre, daß sie nicht immer noch ihre Anhänger fände.
Es ist schon viele Jahre her, als ich mit einem Schock begriffen hatte, daß das Licht der Aufklärung nur wenige erreicht. Schön, das sind einige mehr als in den Jahrhunderten zuvor. Eine technische Zivilisation erzwingt eben eine objektive DenkMethode in die Köpfe wenigstens einiger. Aber das dürfen sehr wenige sein - erstaunlich wenige. Ich habe Beispiele gesehen, von Physikern, die die SchöpfungsGeschichte wörtlich genommen haben, von Ingenieuren, die dem WiedergeburtsGlauben anhingen, von Biologen, die Darwin für einen Satan hielten. Das gibt es heute noch!
Was ist da noch in unserer Welt? Sowohl Irenes als auch meine Eltern leben noch, aber in einem ihren hohen Alter entsprechend schlechten GesundheitsZustand. PflegeFälle stehen uns wahrscheinlich ins Haus, schlimmstenfalls vier. Das ist egoistisch gedacht, aber nichtdestoweniger wahr: Das kann uns noch die gesamte FinanzPlanung für die Zukunft oder die gesamte FreiZeit ruinieren. Vielleicht sogar beides. Es wird ihnen nicht schlechter gehen, wenn wir nicht wieder auftauchen, denn dann muß die Allgemeinheit einspringen. Eine Allgemeinheit, die wir guten Gewissens in die Pflicht nehmen können, schließlich haben wir sie durch unsere SozialAbgaben lange genug gesponsort. Gehen wir in unsere Welt zurück, dann werden wir die Last des Alters dreimal tragen: einmal haben wir sie schon über unsere SozialAbgaben getragen, dann durch die direkte Beteiligung an der Pflege unserer VorGeneration, und irgendwann werden wir auch selbst alt. Dann werden wir mit uns selbst beschäftigt sein.
Es ist zynisch, aber vor diesem drohenden, vielleicht unvermeidlichen Schicksal hat unser Abenteuer einen neuen Ausweg geöffnet. Nämlich hierbleiben.
Denken wir das mal durch. Hierbleiben? Daß wir hier in einer Art MittelAlter gelandet sind, ist klar. Die Flexibilität des Geistes, seine AufnahmeBereitschaft für den größten BlödSinn ist hier natürlich genauso ausgeprägt. Und das Licht der Aufklärung hat hier noch niemanden erreicht. Damit müssen wir jedenfalls rechnen. Hier werde ich auch ewig vermöge meiner GeschlechtsZugehörigkeit zu einer unterprivilegierten Klasse gehören. Da sollte ich mir gar keine Illusionen machen.
Aber dafür erscheint diese Welt sauber weil dünnbesiedelt. Viele Probleme, die wir in unserer technischen Zivilisation da oben haben, haben die GranitBeißer nicht, nicht weil sie einsichtiger wären, sondern weil sie nur einen winzigen Teil des sie umgebenden Biotopes darstellen. Das ist offenbar auch ein permanenter Zustand, denn diese Welt mit Menschen zu überschwemmen, das ist in einigen Dutzend Generationen leicht möglich. Es ist aber noch nicht geschehen, obwohl schon genügend Generationen hier geboren wurden.
In dieser Welt würden wir eventuell Nischen finden, weitab von dem Leben und Treiben der GranitBeißer.
Und wie sieht die Bilanz für Irene aus? Ihr Beruf oben, in ihrer Bank, ist genauso streßbehaftet. Dazu kommt noch, daß in unserer Gesellschaft Frauen doch immer noch eine Art Neger sind. In der Bank läßt man sie das häufig genug spüren.
Hier ist sie Mitglied des privilegierten Geschlechtes. Sie könnte es zu etwas bringen. Vielleicht nicht nur sie, vielleicht wir beide. Wir haben ja auch einiges zu bieten. Was wissen die hier alles nicht, was man ihnen beibringen könnte. Bumerang, das Beispiel hatten wir ja schon. Was noch?
Medizinische Erkenntnisse. Sollten wir das tun? Wie war es denn oben, in unserer Welt? Bei den InfektionsKrankheiten, und nur da, hat die Medizin ihre großen Erfolge erzielt, teils mit Antibiotika, teils mit der Erfindung der Hygiene. Was haben wir damit erreicht? Die Aufhebung der natürlichen Beschränkung der BevölkerungsDichte. Wo die Menschen dicht beieinander leben ist das WeiterGeben von InfektionsKrankheiten wesentlich wahrscheinlicher. Aber mit einer guten ärztlichen Versorgung und Wasser und Seife für jeden hält man die Krankheit zurück. Dann gewinnen Testes und Uterus das Rennen. Eine Zeitlang, bis die Welt völlig ruiniert ist.
Nun ja, vielleicht trifft hier dieser Aspekt nicht zu. Vielleicht halten die GranitBeißer ihre eigene Zahl ja mit dem Schwert gering, vielleicht über den Umweg über andere VolksStämme, die es genauso halten. Postnatale GeburtenKontrolle auf Gegenseitigkeit: der StammesKonflikt.
Hierzubleiben hieße, da mitzumachen. Tricks zu verraten, mit denen man in solchen Auseinandersetzungen erfolgreicher sein kann als der NachbarStamm. Tricks zu verraten, mit denen man Krankheiten vermeiden kann. Alles gute, gute Tricks. Wir könnten die Lawine lostreten! Muß das, darf das sein?
Lassen wir mal die ethischen Erwägungen ganz egoistisch beiseite, denn die Folgen unseres HierBleibens, wenn es denn tatsächlich so weitreichende Folgen hätte, würden im Laufe unserer LebensZeit noch nicht deutlich werden. Also: wollen wir hierbleiben?
Wir wissen immer noch zuwenig über diese Welt. Wir wissen sowenig, wie ein Außerirdischer, der auf der Erde gerade mitten unter den Touristen auf der Marea Errota landet. Was soll er aus dem, was er da um sich sieht, schließen? Die Menschen verbringen ihre Zeit damit, in der Sonne liegend ultraviolettgenerierte Melanome zu kultivieren und gelegentlich durch einen Sprung in eine salzige Flüssigkeit ihre Allergien aufzufrischen. Nicht sehr repräsentativ.
Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich muß mit Irene drüber reden. Jetzt geht's nicht, wegen des SprachUnterrichts. Später mal. Wir müssen auch noch mehr über diese Welt in Erfahrung bringen.
Chrwerjat merkt, daß ich geistesabwesend bin, und befragt mich intensivst, während sie in ihrem BildMaterial wühlt. Ich muß alle möglichen Dinge benennen. Dösen ist bei diesem Unterricht nicht drin.
******** 013. Tag: Donnerstag 1995-08-31 ********
Als meine Uhr Mitternacht anzeigt - jetzt vier Stunden nach Ende der SchlafPeriode, es wird noch einige Tage dauern, bis wir wieder 'im Tritt' mit der OberWelt sind, obwohl das völlig belanglos ist - ändern sich die SchiffsGeräusche. Auf Deck macht man sich wieder mit den TreibAnkern zu schaffen.
Ich versuche, das Unterrichtsgespräch wieder auf das Schiff und auf die nächste Planung zu bringen. Das gelingt, und Chrwerjat zeigt uns vom Fenster aus einige weitere konstruktive Einzelheiten des Schiffes. So können wir die weiteren Manöver gut verfolgen.
Das Schiff dreht sich. Wenn eine Art Sonne schiene, dann wäre das sehr auffällig, weil sich die Richtung der SonnenEinstrahlung ständig änderte. So sieht man aber nur die Landschaft langsam um das Schiff herumdriften. Das Ziel des Manövers ist, wie Chrwerjat erklärt, die Mitte des Stromes zu erreichen und dann stromabwärts zu driften. Dazu werden noch keine Segel gebraucht.
Während Chrwerjat redet, beobachte ich Charmion, die hoch über uns in der Takelage beschäftigt ist. Sie führt immer noch einen kleinen Trupp an, der letzte Hand an die Besegelung legt.
Ich frage Chrwerjat, warum nur ein Teil der Rahen Segel trägt, nicht erst seit dem ZusammenStoß mit dem Saurier - das war schon vorher so. Chrwerjat meint, daß noch mehr SegelMaterial im DecksHaus liegt. Erst, wenn man es wirklich braucht, wird es herausgeholt.
Das Schiff hat die StromMitte erreicht. Nur mit den TreibAnkern wird es zunächst in der gewünschten Richtung gehalten, später werden dann diese eingeholt und von da an werden Ruder verwendet. Das reicht, um das schwere Schiff zu steuern: Hier, in der Mitte des über einen Kilometer breiten und immer noch flachen Stromes, gibt es kaum Wirbel, die das Schiff wieder aus der Richtung drehen könnten.
Über einen Kilometer Geröll auf beiden Seiten des Flusses, die UrwaldRänder sind drei bis vier Kilometer weit auseinander, schon bald hinter diesen FlußNiederungen steigen MittelGebirge aus dem Urwald auf, die schnell in HochGebirge und die Säulen übergehen. Jetzt, wo wir uns ständig schneller bewegen, als es zu Fuß möglich war, gewinnt das Panorama an Plastizität. Die gigantische Größe der Höhle wird fühlbar, und wenn wir es nicht genau wüßten, dann kämmen wir nie auf die Idee, daß über den hohen Wolken irgendwo noch eine HöhlenDecke ist.
Ich konsultiere meinen Kompaß. Wir bewegen uns nach Norden. Chrwerjat sieht, daß ich diesen seltsamen Gegenstand in der Hand halte, sagt aber nichts. Es interessiert sie nicht.
Unsere DriftGeschwindigkeit muß so knapp unter zehn Kilometern pro Stunde liegen. Langsamer als mein DauerlaufTempo, aber schneller als die Geschwindigkeit, die wir bepackt zu Fuß einhalten könnten.
Ich überlege, ob dies der Fluß ist, den wir von oben, von der Hängenden Straße aus, unter uns gesehen haben. Die Richtung stimmt ungefähr, aber dieser Fluß ist mit seinen UferZonen eigentlich zu breit. Vielleicht ist er es, vielleicht auch nicht. Diese HöhlenWelt scheint mir um so weitläufiger und verzweigter zu werden, je weiter wir kommen.
Nach etwa dreieinhalb Stunden, so um 4 Uhr morgens, weichen die Ufer noch weiter von uns zurück, und der Fluß wird tiefer. Wir sehen den FlußBoden nicht mehr. Wir sind auf einem möglicherweise tiefen See angekommen. Und es gibt keine Strömung mehr, die uns forttreibt.
Zur Linken, im Westen, tritt eine Säule mit ihren VorGebirgen nahe an den See heran, und ein Berg, der wie ein Zahn oder besser wie ein senkrecht stehender BootsKörper aussieht, neigt sich mit einer überhängenden FelsWand, die tausend Meter hoch sein mag, über den See.
Weiter im Norden treten noch häufiger Berge nahe an den See heran, immer wieder von Tälern und vielleicht von SeitenArmen des Sees getrennt. Kein Hinweis, wo dieser See enden könnte.
Das ist wieder ein geologischer Hinweis. Der See ist überall tief. Das FlußBett kann nur über sehr lange Zeit durch SchwemmVorgänge so breit angeschwemmt sein, wie es jetzt der Fall ist, denn der eigentliche FelsenUntergrund liegt wohl auch tiefer. Das handelt sich dann aber mindestens um GrößenOrdnungen von hunderttausend Jahren.
"Warum setzen wir jetzt nicht Segel?" frage ich im Xonchen-Dialekt.
"GegenWind." sagt Chrwerjat. Das heißt, sie sagt eine Variation des Wortes für 'Wind'. Das kann jetzt eigentlich nur 'GegenWind' bedeuten. Wieder ein Wort gelernt.
Ohne Steuerung treibt das Schiff mitten auf den See hinaus. Als wir von dem ungefähren Ort der FlußEinmündung mehr als einen Kilometer entfernt sind, scheinen wir uns überhaupt nicht mehr zu bewegen. Auch unter der Mannschaft des Schiffes kehrt Ruhe ein. Bis auf Charmion, die immer noch aktiv ist: Sie beginnt mit ihren Leuten, weitere Segel aus dem DecksHaus hervorzuholen und an den noch leeren Rahen zu befestigen. Chrwerjat hat recht gehabt.
"Es wird ein schwacher Wind kommen!" sagt sie. Wenigstens dem Sinn nach.
Das dauert aber noch einige Zeit. Es wäre recht langweilig, wenn wir nicht permanent mit SprachUnterricht mißhandelt würden. Stunde um Stunde.
So um 12 Uhr herum gelingt es Irene, Chrwerjat unsere geistige und körperliche Erschöpfung klar zu machen. Die Hitze ist brütend, und der schwache Gegenwind ist völlig abgestorben. Das SeeWasser wird zusehends einem Spiegel ähnlicher, oder flüssigem Blei, wie ein bekanntes Klischee sagt.
13.1 GeheimdienstSchwimmen
Wir versuchen, die Erlaubnis zum Schwimmen zu erhalten. Auch aus hygienischen Gründen. Chrwerjat hat nichts dagegen. Sie geht sogar mit. Mist. Da wird der SprachUnterricht im Wasser wohl weitergehen.
Wir haben in den letzten Stunden gelegentlich auch schon andere MannschaftsMitglieder beim Schwimmen beobachtet. Aber der große VolksSport scheint das Schwimmen nicht zu sein. Naja, die Leute haben ein Recht darauf, rumzugammeln, nach der anstrengenden SchiffsReparatur und dem Zerlegen des Sauriers. Außerdem leben sie ja dauernd hier, während wir noch ein bißchen den touristischen Blick für die Umwelt haben.
Es ist eine WohlTat, einmal die verschwitzten Klamotten vom Leibe zu reißen. Als wir im Wasser einige Dutzend Meter von dem Schiff entfernt sind, beginnt Chrwerjat mit der Erläuterung einiger LebensFormen in diesen Seen. Uns wird schnell klar, daß es auch FischSaurier geben muß, ihrer Beschreibung nach. Das hätte sie eigentlich vorher erzählen können. Ich frage sie, ob sie nicht Angst davor hat. Sie meint, daß es auf dem Schiff einige Frauen gibt, die für die Bedrohung durch FischSaurier einen siebten Sinn hätten. Solange die Kommandantin nicht anordnet, wieder die HarpunierGeräte auf Deck zu installieren, solange könnten wir uns völlig sicher fühlen.
Außerdem, sagt sie, um uns herumschwimmend und ihren überlegenen SchwimmStil demonstrierend, ist das Schiff für die Begegnung mit FischSauriern gerüstet.
"Das Schiff vielleicht, aber wir nicht!" sage ich zu Irene, die in meiner Nähe paddelt.
Während wir uns im Wasser tummeln, steigt plötzlich ein großer Teil der Besatzung in die Takelage auf, aufgescheucht durch einen Befehl, den wir nicht gehört haben. Wenig später entfalten sich die ersten Segel. Sie hängen alle schlaff herunter, aber die bloße Menge des Tuches, das da gesetzt wird, ist eindrucksvoll.
Chrwerjat beruhigt uns. Mit Wind ist erst in den nächsten Stunden zu rechnen. Es ist nicht so, daß wir jetzt panisch wieder zurück auf das Schiff müssen. Angenehme Vorstellung, die mir erst jetzt klar wird: Ein plötzlicher Wind treibt das Schiff schneller davon als wir hinterherschwimmen können, und dann tauchen die FischSaurier auf.
Ich habe noch nicht erfragt, ob die FischSaurier Vegetarier sind.
Immerhin, Chrwerjat ist bei uns, und ich nehme nicht an, daß sie selbstmordgefährdet ist. - Das ist natürlich, bei diesen Menschen, schon wieder eine weitgehend hypothetische Annahme über ihre MotivationsStruktur: Vielleicht macht sie gerade eine private MutProbe, ohne uns das vorher mitzuteilen!
In dem glatten Wasser machen wir ein paar WettKämpfe von der Art, wie ich sie mit Irene im HotelPool in Lanzarote erfunden habe: 'GeheimdienstSchwimmen'. Das heißt nur, so schnell wie möglich zu schwimmen, aber auch absolut lautlos. Das ist nicht ganz einfach - dort, wo die SchulterMuskeln die WasserFläche durchstoßen, bilden sich zu leicht glucksende Wellen. Als Chrwerjat begriffen hat, worum es geht, schwimmt sie uns mit Leichtigkeit davon. Wieder dreimal schneller als wir. Und absolut lautlos. Wieder etwas für unser SelbstBewußtsein.
Man könnte in diesem warmen Wasser stundenlang schwimmen. Chrwerjat weiß zu berichten, daß die Tiefe hunderte von Metern bis stellenweise einige Kilometer betragen muß - wenn ich ihre Angaben richtig interpretiere. Woher sie das weiß? Lotungen, natürlich. Ist doch Routine, in der SeeFahrt. Ach so.
Ich schlage vor, etwas weiter rauszuschwimmen, weg von dem Gebrabbel, das man immer noch vom Schiff hört. Die Mannschaft sammelt sich zum Essen. Etwas weiter vom Schiff entfernt müßte es jetzt völlig still sein.
Irene will nicht. Sie will auch nicht, daß ich soweit rausschwimme, aber da Chrwerjat keine Einwände hat, schwimme ich. Den EheKrach machen wir dann später. Als ich mich ab und zu umsehe, kann ich Irene und Chrwerjat, die die Balken des Schiffes wieder besteigen, gut erkennen.
Ich schwimme nach Norden, also in die Richtung, in der der See sich in unbekannte Weite fortsetzt. Im Osten ist er von Urwald gesäumt, im Westen fällt die riesige, überhängende FelsWand steil in den See ab - man denkt manchmal, sie müßte jeden Moment umkippen.
Einmal sehe ich, schon aus vierhundert Metern Entfernung, wie Chrwerjat von der Kommandantin aufgehalten wird. Sie sehen beide in meine Richtung, dann gehen beide ihrer Wege. Vielleicht hat die Kommandantin sich erkundigt, was ich hier draußen mache.
Es wird tatsächlich völlig still. Kaum, daß noch Geräusche vom Schiff herüberdriften. Ab und zu ein fernes Kreischen. Feinere Geräusche aus dem Urwald rundherum dringen auch nicht bis hierher. Die richtige Atmosphäre zum Meditieren, zum Erfassen des Ganzen, von einem Ende der Welt bis zum anderen. Eine Welt, deren Teil jenseits dieser Höhlen für uns unwirklicher geworden ist, die wir jedoch in uns tragen, denn sie hat uns, mich und Irene, ja zu dem gemacht, was wir sind.
Irgendwo da über uns, da ist jetzt OberBayern. Eschelohe, oder der HerzogStand, oder schon Murnau, oder sind wir sogar noch weiter nördlich? Wir können ja nur schätzen. Unter München sind wir wohl noch nicht, aber vielleicht unter dem Starnberger See, oder unter WolfratsHausen, oder unter HolzKirchen. Etwa elf Kilometer nur. Wenn man es horizontal durchläuft, dann sind elf Kilometer ein Klacks. Eine Stunde für mich, kaum weniger - ich war nie ein schneller Läufer. Was ist eine Stunde verglichen mit den nun schon elf Tagen, die wir bis hierher gebraucht haben? Oder für diese Leute, die von unserer Welt überhaupt nichts wissen? Jedenfalls werde ich da noch nachbohren, sowie ich die Sprache besser kann.
Und dieser trügerische Himmel, der nicht die Kälte des WeltRaumes abschirmt, sondern eine HöhlenDecke. Eine gigantische HöhlenDecke. Jedesmal, wenn man sich das klarmacht, beschleicht einen ein leichtes Grausen. Gewiß, man kann auch auf der OberFläche der Erde von fallenden Steinen getroffen werden - Meteore, oder DachZiegel vom nächsten Gebäude. Aber daß ein Teil einer HöhlenDecke einbricht, das scheint doch immer noch wahrscheinlicher. Besonders einer HöhlenDecke, die so weite Räume überspannt. Was verbirgt diese WolkenDecke? Vielleicht einen Hängenden Berg, so, wie wir ihn gesehen haben, aber wesentlich weniger fest mit der HöhlenDecke verbunden? Eine Milliarde Tonnen Granit, reif zum RunterFallen?
Es ist ein Kilometer bis zum Schiff. Mein 'GeheimdienstSchwimmen' ist perfekt. Es ist nicht ein Laut zu hören. Wenn die auf dem Schiff nicht wüßten, daß ich hier bin, dann wäre es jetzt schon unwahrscheinlich, daß sie mich entdeckten. So allerdings werden mir ständig ein paar Augen folgen.
Das Schiff sieht jetzt merkwürdig aus. Die hohe und breite Besegelung gibt ihm den Eindruck einer behäbigen Tante. Dann, der flache FloßRumpf, so ganz anders als der SchiffsRumpf, den man sich bei dem Wort 'Clipper' vorstellt. Als ob das Gewicht der Segel den Rumpf plattgedrückt hat.
Schön ist es nicht. Mein ästhetisches Empfinden ist von anderen SchiffsAnsichten geformt. Aber das ist für mich nur GewöhnungsSache, und für die Menschen hier Sache einer technischen Evolution. Da waren am Anfang eben nur Flöße, die immer größer geworden sind, die Idee, den Wind als AntriebsKraft zu benutzen, und dann eine sich immer weiter verbessernde SegelTechnik, die offenbar für vorherrschende schwache Winde gut geeignet ist. Für starke Winde, das sieht man mit einem Blick, ist dieses Schiff eine hoffnungslose FehlKonstruktion.
Aber was heißt FehlKonstruktion? Das Schwimmen in flachen FlußGewässern, die schweren und dann doch nicht so schweren Beschädigungen nach dem Kampf mit dem Saurier - wie wäre denn da ein Schiff mit der mir bekannten, klassischen Bauweise fertiggeworden? - Ein Floß ist etwas einfaches, und das kann man überall reparieren.
Auch die technische Evolution entwickelt das, was gebraucht wird - genau wie die biologische. Vielleicht mit Ausnahme großer Konzerne, die es sich leisten können, am Markt vorbeizuproduzieren. Aber ich bin schon wieder dabei, über meinen ArbeitGeber nachzudenken. Der ist jetzt weit weg. Hier unten gibt es keine Konzerne. Hoffe ich.
13.2 Berührung aus der Tiefe
Etwas streift mein SchienBein. Vielleicht ein harmloser, kleiner Fisch. Vielleicht auch nicht. Ich erinnere mich noch gut, was Chrwerjat über die FischSaurier erzählt hat. Ich sollte zurück. Irene wird schon unruhig werden.
Langsam und lautlos bewege ich mich wieder auf das Schiff zu. Die Berührung wiederholt sich nicht. Aber die Ruhe zum Meditieren will nicht mehr aufkommen. Wieder ein NachTeil der Welt hier unten: Man muß dauernd auf der Hut sein. Wenn eine Welt nicht gezähmt und domestiziert ist, dann muß man mit allen daraus folgenden Konsequenzen leben.
Als ich zwanzig Minuten später an Bord steige, sind einige schwere HarpunierGeräte aufgebaut und bemannt. Die glänzenden Spitzen zeigen nach Norden, dahin, wo ich geschwommen bin. Irene ist sofort bei mir und erzählt mir, daß die Waffen aufgestellt wurden, als ich am weitesten draußen war. Aber erst im MastHaus erfahre ich von Chrwerjat genaueres: Als ich am weitesten draußen war, hat der Ausguck etwas zwischen mir und dem Schiff gesehen. Was es auch war, es ist nicht an die OberFläche gekommen, aber es war groß.
"Wie gut, daß du immer soweit davon weg warst!" sagt Irene als wir uns so um 14 Uhr zum Schlafen hinlegen.
Ich verschweige die Berührung, die ich unter Wasser gespürt habe. Es reicht aus, wenn ich einen weiteren AlpTraum gelernt habe.
Und dann denke ich daran, daß es auch bei uns da oben Tiere gibt, die die schwächsten Wirbel und Erschütterungen im Wasser erfühlen können. In einem völlig stillen See habe ich wahrscheinlich vergleichsweise weitreichende Wirbel erzeugt. Irgendwas mußte da ankommen und nachsehen, was da im Wasser herumzappelt. Herwig, denke ich mir, da hast du etwas Dummes gemacht. Das ist nicht dein Verdienst, daß du noch lebst.
******** 014. Tag: Freitag 1995-09-01 ********
14.1 Das Leben der GranitBeißerinnen
Bald nach dem AufStehen um 23 Uhr fängt der September an. Jedenfalls sagt das meine Uhr. Das hat jetzt für uns natürlich überhaupt keine Bedeutung, aber es führt uns wieder klar vor Augen, wie lange wir schon hier unten sind. Wir haben aber nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, weil gleich nach dem FrühStück, heute im GemeinschaftsRaum im oberen DecksHaus, der SprachUnterricht wieder anfängt. Gerade noch, daß wir ein paar Blicke auf die immer noch schlaffen Segel werfen können. Das Schiff schwimmt auch noch ungefähr da, wo es vor der SchlafPeriode war. Vielleicht, daß es sich in den letzten paar Stunden ein paarmal um seine senkrechte Achse gedreht hat oder ein paar hundert Meter hierhin oder dorthin gedriftet ist. Auch die HarpunierGeräte sind immer noch aufgebaut, aber keiner kümmert sich um sie.
Dieser ganze Tag verläuft ereignislos. Fatalistisch wartet man auf das Aufkommen von Wind aus der richtigen Richtung. Fatalistisch läßt man den Gestank auf sich einwirken, der immer deutlicher aus dem DecksHaus dringt. Ich hatte angenommen, die vielen Dutzend oder fast hundert Tonnen SaurierFleisch wären irgendwie haltbar gemacht worden - ich dachte an das SteinSalz, das sie auch in den MenschenLeichen verwenden. Ich befrage Chechmon, die heute wieder dran ist, SprachUnterricht zu geben, darüber. Sie meint, SaurierFleisch wird nicht so schnell schlecht wie MenschenFleisch, und man kann es dann immer noch essen.
Unsere Beschwerden bezüglich dieses Geruches kann sie nicht teilen. Naja, denke ich, ohne es auszusprechen, bei dem hier üblichen Hygiene-Standard kein Wunder. Jeder und jede unser GastGeber hat da eine eigene strenge GeruchsAura. Vielleicht verhindert es PilzInfektionen, wenn man die selbstausgeschwitzte MilchSäure auf der Haut zergären oder antrocknen läßt. Aber dieser vielkomponentige Gestank ist bei dieser WindStille unerträglich, und wir baden an diesem Tag wenigstens zweimal, immer in der Nähe des Schiffes.
Die SexSpiele, die ständig auf Deck ablaufen, werden allmählich lästig. Wir haben ja im Laufe unseres Aufenthaltes gelernt, daß es erstens nicht anstößig ist, bei sowas interessiert zuzusehen, und daß es allmählich ziemlich langweilig wird, wenn dauernd irgendwo in der Nähe gebumst und geleckt und gefummelt und gelutscht wird. Man nimmt es schließlich gar nicht mehr zur Kenntnis. Lediglich die GeräuschsKulisse, die dabei erzeugt wird, ist manchmal störend. Und das ist jetzt sehr häufig der Fall, denn auch die erzwungene Untätigkeit liegt wie ein impliziter TagesBefehl auf dem Schiff. Es ist alles repariert, nur wenige Leute sind notwendig, den Betrieb logistisch aufrechtzuerhalten, die anderen sind einfach nur da und langweilen sich.
Ich habe längst gemerkt, daß sie es hier nicht mit der Monogamie haben. Das war eigentlich auch nicht zu erwarten. Der Sex spielt eine ganz andere gesellschaftliche Rolle als bei uns. So, wie es bei uns üblich ist, in Gesellschaft zerkleinertes organisches Material in ein kleines Loch im Gesicht zu stopfen, in einer schleimigen Höhle mit harten AusWüchsen weiter zu zerkleinern und schließlich herunterzuschlucken, so ist hier die gemeinsame LustErzeugung in allen denkbaren Variationen üblich. Das ist wirklich, objektiv betrachtet, beides eine biologische Routine-Funktion. Lediglich unsere Erziehung diktiert, welche dieser Funktionen öffentlich sein darf und welche nicht. Lediglich die evolutionären Zufälle der geschichtlichen gesellschaftlichen Entwicklung haben das eine VerhaltensMuster für uns und das andere für die hier ausgewählt.
Ich habe unglaubliche Szenen gesehen. Da war zum Beispiel eine Frau, die im VorSchiff genußvoll auf einem flach mit dem Rücken am Boden liegenden Manne ritt - es war übrigens vom Koch, dessen Pflichten sich damit also nachweislich nicht nur auf seine Küche erstrecken. Das erstaunliche war, daß sie gleichzeitig dabei war, zwei SeeLeute, die etwas an einem der HarpunierGeräte richteten, in einem gekonnten KasernenhofTon anzubrüllen. Das Gespräch war zu schnell, so daß ich nichts verstanden habe. Die Frau wurde immer wütender, hörte aber keinen Moment auf, auf dem Penis des Koches auf und abzugleiten. Das schien allen Beteiligten völlig normal und alltäglich vorzukommen. Höchstens der Anschiß erweckte bei den Umstehenden ein gewisses Interesse - nicht die Kopulation. Mir blieb der Vorfall nur deshalb in Erinnerung, weil die Frau plötzlich aufsprang und gemeinsam mit den beiden Männern an dem HarpunenwurfGerät zu arbeiten begann, ohne das Keifen einzustellen. Der Koch war vergessen. Er lag mit seinem erigierten Prügel da und sah einen Moment verdutzt drein. Das Bild war bemerkenswert albern - einen Moment dachte ich an ein gestrandetes U-Boot mit einem verbogenen Periskop, oder an des Kaisers entlassene SonnenUhr. Dann zuckte er mit den Achseln, stand auf, richtete seinen LederRock und trollte sich in seine Küche.
Ich hoffe, daß seine Erektion abgenommen hat, bis er seinen heißen Ofen nahe genug gekommen war.
Als ich wenige Sekunden später das MastHaus wieder betreten habe, habe ich den Vorfall schon wieder vergessen.
Später am Tag stelle ich einmal fest, daß es jemand hoch oben in der Takelage treibt. Ich kann es nicht erkennen, aber Charmion scheint dabei zu sein. Die Sache wäre vielleicht unter artistischen oder akrobatischen GesichtsPunkten sehenswert, aber dazu müßte ich auch hinaufsteigen, und dazu besteht kein Anlaß. Außerdem möchte ich Charmion nicht beim Bumsen zusehen - obwohl es natürlich überhaupt keine Rolle spielt, was ich sehe und was nicht.
Jedenfalls habe ich bei diesem sexuellen Durcheinander ständig die latente Befürchtung, daß Irene oder ich zwangspartizipiert werden könnten. Das ist allerdings noch nicht vorgekommen. Nicht einmal AnnäherungsVersuche, sofern man hier solche Nuancen kennt, hat es bis jetzt gegeben. Ich weiß nicht, warum.
Entweder, wir sind als Fremde tabu, oder es gibt einen entsprechenden Befehl der Kommandantin, oder unser KörperGeruch ist einfach nicht attraktiv genug. Wenn es das letztere ist, dann brauchen wir nur zu vermeiden, uns das Waschen abzugewöhnen. - Ich halte die Fehlender-KörperGeruch-Theorie fast für am plausibelsten, denn daß das Limbische System GeruchsInformationen leicht und direkt als emotionelle Färbungen in das BewußtSein einprägen kann, das ist aus der Neurologie bekannt. Dann sind die hauptsächlichen sexuellen Signale in dieser Welt tatsächlich Gerüche, so, wie es bei vielen Tieren und beim Menschen in der VorZeit auch der Fall war. Das würde auch erklären, warum optische sexuelle Reize praktisch nicht vorhanden sind und auch nicht absichtlich erzeugt werden, und da, wo sie für meinen Geschmack doch vorhanden sind, wie etwa der aufregende KörperBau von Charmion, von den anderen einfach nicht wahrgenommen werden.
Dann kennen unsere GastGeber möglicherweise nicht einmal den Begriff der menschlichen Schönheit, oder der optischen sexuellen Attraktivität, jedenfalls nicht so wie wir. Vielleicht ist 'Schönheit' für sie ein Begriff in der Welt der Gerüche.
Andere soziale Parameter, die sich bei einer Anzahl Menschen, die unter beengten Bedingungen zusammenhausen müssen, deutlich verändern, kann ich nicht feststellen. So zum Beispiel fehlen Brutalität und Streit unter GleichGestellten, während Schikanen, die die HierarchieLeiter heruntergereicht werden, dauernd vorkommen. Es scheint auch CliquenBildung zu geben, allerdings mehr unter den Frauen, wärend die Männer, die an Bord die unterste Klasse darstellen, mehr eine Art dumpfe Solidarität aller üben. Vielleicht sind diese Beobachtungen nicht unbedingt richtig. Sowie wir die Sprache erst besser können, werde ich mehr herausfinden.
Heute erfahren wir einiges aus der Sagen- und LegendenWelt dieses Volkes. Ich halte das als Thema eines SprachUnterrichtes natürlich nicht für besonders geschickt, weil da viel Stoff vorkommt, der zum wirklichen Leben einen geringen Bezug hat. Aber das kann sich ja vielleicht noch ändern, und ich vermeide Kritik. Außerdem sind diese Geschichten nicht uninteressant.
Die Sagen sind dem Inhalt nach dem SagenGut und den Märchen der Menschen ähnlich. Natürlich spiegeln sich die sozialen Verhältnisse dieser Welt wieder. Die handelnden Personen sind immer Frauen, die Heldin und die ganz Bösen. Männer spielen eine StatistenRolle, so wie in unseren Märchen Pferde oder die Bäume eines dunklen, unheimlichen Waldes. Auch wenn mal, in diesen Erzählungen, ein Mann die allerschlimmsten Untaten begeht - es steht immer der Wille einer Frau, der AntiHeldin dahinter. Wenn diese am 'guten Ende' endlich zur Strecke gebracht wird, dann wird manchmal gar nicht erwähnt, ob die derart als WerkZeug benutzten Männer auch eine Strafe bekommen. 'Und wenn sie nicht gestorben ist, dann lebt sie und ihre Freundinnen noch heute.' Genauso endet mindestens eine dieser Erzählungen.
Wie muß das auf die kleinen Jungen dieser Welt wirken, wenn sie schon in aller Frühe erfahren, daß sie zum unwichtigen Teil der Welt gehören!
Ein paar weitere Hinweise sind interessant. In einem der Märchen mit einer eigentlichen belanglosen Handlung wird von einem Berg gesprochen, der vom Himmel fällt. Dieser Berg bleibt in einem See liegen und wird von da an von einer Art RaubRitterin als eine Art StützPunkt genutzt. Es wird sogar eine Burg darauf gebaut.
Ich unterbreche und frage, ob das wirklich vorkommt: das ein Berg vom Himmel fällt. Das könnte ein Hinweis auf tatsächlich vorkommende Einstürze in diesen Höhlen sein!
Chechmon meint, daß das nicht so sei. Gewiß gibt es Berge auf Inseln, aber wie alle geographischen Dinge existieren diese von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Ja, ändere sich den auf dieser Welt überhaupt nichts, will ich wissen.
Nein, natürlich nicht. Das sei wider die Natur der Dinge. Und kleine, lokale Änderungen wie Überschwemmungen oder Stürme zählen nicht. Das ist eben der große Plan.
Aha. Finsterstes MittelAlter. Sie wissen überhaupt nichts über ihre Welt. Bevor Chechmon mit ihren Geschichten fortfährt, versuche ich, so gut es geht, über die leuchtenden Wolken über uns und was darüber ist zu sprechen. Was ich aus Chechmon rauskriege läuft daraus hinaus, daß man glaubt, daß da oben, in gigantischer Höhe, das Dach der Welt, eine FelsenDecke ist - das ist ja auch richtig - und daß dieser Felsen, in dem sich die ganze Welt einbettet, in alle Richtungen unendlich weit ausdehnt - das ist falsch. Da hört also die VorstellungsWelt dieser Menschen auf.
Wir versuchen, den Märchen weiter zu folgen, so gut es eben geht. Ohne daß Chechmon es merkt, ist das meine Methode, diese Menschen einer PsychoAnalyse zu unterwerfen.
Es gibt zum Beispiel den klaren Unterschied zwischen gut und böse, auch wenn mit diesen Begriffen ganz andere Dinge belegt werden als dies nach unseren MoralVorstellungen der Fall ist. Gut und böse, die Attribute, die unser physisch existierendes Ich den Dingen in der Welt vermöge der Kategorien Lust und Schmerz zuerkennen muß, um herauszukriegen, was gut für das ÜberLeben ist, und was nicht. Es hätte mich sehr gewundert, wenn das anders gewesen wäre.
Der sexuelle Symbolismus, der in vielen unserer Märchen zu finden ist, glänzt durch völlige Abwesenheit. Wo es in der Handlung notwendig ist, werden sexuelle Handlungen beschrieben, aber immer mit weniger Begeisterung als zum Beispiel KampfSzenen, die ja viel spannender sind. Die Altäglichkeit und generelle Verfügbarkeit von Sexualität und sexuellen Diensten hat die Stellung der Sexualität als wesentliches Element der menschlichen ErfahrungsWelt zerstört oder nie entstehen lassen. Dieses ist eine asexuelle Welt. Es gibt keine knisternde Erotik, es gibt keine jugendliche Verliebtheit, es gibt keine künstlerischen Darstellungen der körperlichen Liebe. Es gibt überhaupt keine Liebe, weder diejenige mit sexueller Komponente noch in irgend einem anderen Sinne. Es gibt auch keine schwüle Pornographie, um die es nicht schade ist. Alles Symptome einer ganz fremdartigen, eigentlich sogar sexualfeindlichen und lieblosen Welt. Das wird mir jetzt erst klar.
Ich muß bei Gelegenheit mal mit Irene drüber sprechen. Aber ich fürchte, sie wird mehr die vordergründigen Dinge sehen, die allgegenwärtige Bumserei. Was die philosophischen Grundlagen des menschlichen Seins betrifft, da haben wir sehr unterschiedliche Meinungen, und manchmal gehen solche Diskussionen auch über die Grenzen ihres AbstraktionsVermögens hinaus.
Was mich jetzt noch interessiert: Diese umfassende und immerwährende Bumserei muß doch jede Menge Schwangerschaften zur Folge haben. Andererseits habe ich noch keine Schwangere gesehen. Wie kommt das? Dürfen Schwangere vielleicht nicht auf ein solches Schiff?
Diese Frage muß ich zurückstellen. Viel reflektieren kann ich sowieso nicht, weil der SprachUnterricht meine gesamte Aufmerksamkeit erfordert.
Noch ein anderer Hinweis, der zweimal in den Märchen auftaucht. Das eine ist ein permanenter Regen, der mitten auf einem See niedergeht, und das andere ist ein Bach, der aus Regionen jenseits der Wolken kommt. In beiden Fällen wird davon gesprochen, daß es sich um SalzWasser handelt.
In einer weiteren TextStelle wird der feurige Eingang zu einer noch tieferliegenden UnterWelt behandelt. Vulkanismus? Vulkane in diesen Höhlen?
An wieder einer anderen Stelle wird von einem grellen, immerwährenden Licht über den höchsten Wolken gesprochen. Die Sonne? Ich kann es nicht genau sagen, da ich den Erzählungen kaum folgen kann. Das Konzept von bitterer Kälte kommt auch vor, und von Gewässern, auf denen man gehen kann. Alte Erinnerungen an die OberWelt, an den Winter und an vereiste Flüsse?
Der Drache, der in unseren Märchen vorkommt, hat hier natürlich auch seine ExistenzBerechtigung. Allerdings ist es in den meisten Fällen der alltägliche Saurier, den jeder kennt. Nur in einem Fall wird auch von FeuerSpeien gesprochen, aber davon abgesehen spielt der hiesige Drache im Märchen eine ähnliche NebenRolle wie in unseren Märchen Pferde.
Stunde um Stunde vergeht, während wir anhand der hiesigen LegendenWelt weiter in die Sprache einsteigen. Es ist 13 Uhr, als ich plötzlich einen schwachen LuftHauch spüre, der durch die Fenster des MastHauses streicht. Gleichzeitig beginnt es, überall im MastWerk zu knarren, und schlaff flattern die gesetzten SegelBahnen.
Wegen der Segel kann ich kaum aus einem Fenster etwas von der UferLandschaft sehen, geschweige denn, ob sie sich relativ zu uns bewegt. Aber ich habe mich wohl nicht geirrt.
"Wind!" sagt Irene, die es auch gemerkt hat. Chechmon nickt, aber wir fahren mit dem SprachUnterricht fort, obwohl ich jetzt gerne das Manövrieren beobachtet hätte, und das Vorbeiziehen der UferLandschaft. Wenigstens kühlt der LuftHauch so ab und zu die Stirn. Bald wird auch der allgegenwärtige Gestank an Bord schwächer.
Erst um 16 Uhr, eine Stunde vor dem SchlafenGehen, können wir nach unten auf das Deck und ans Ufer sehen.
Der Wind ist so schwach geblieben, wie er am Anfang war. Von 'geblähten Segeln' kann keine Rede sein. Flüchtig betrachtet hängen die Segel immer noch genauso runter wie naße BetTücher auf einer Leine. Aber die große GesamtFläche der Segel bewirkt doch immerhin eine schwache Geschwindigkeit von vielleicht etwas mehr als einem viertel Meter pro Sekunde, also einem Kilometer pro Stunde. Das ist wesentlich weniger als die DriftGeschwindigkeit den breiten Fluß hinunter. Für einen FußGänger wäre es anstrengend, so langsam zu gehen.
Wir haben also seit 13 Uhr erst drei KiloMeter zurückgelegt. Der Berg, der westlich vom SüdEnde dieses Sees von Süden gesehen so sehr an ein großes, halbes Boot erinnert hatte und dessen Deck diese tausend Meter hohe, überhängende FelsWand über dem SeeUfer gebildet hatte, ist noch zu sehen, auch wenn er aus dieser Perspektive mit einem Boot keine Ähnlichkeit mehr hat. Zum Norden hin hat er sehr flache Hänge, die ein einfaches Besteigen des Grates versprechen. Es muß leicht möglich sein, die 'BootsSpitze' zu erreichen und von dort die tausend Meter in den See hinunter zu spucken.
Das Schiff ist so langsam, daß sich die UferLandschaft zu beiden Seiten kaum bewegt. Auch scheint die SchiffsSteuerung unter diesen Umständen keine besonderen Anforderungen zu stellen. Die Verteilung der Segel auf dem Schiff bewirkt, daß sich der Bug aus dem Wind in die GegenRichtung bewegt, und dann, bei symmetrischer Einstellung der Segel, das Schiff genau in WindRichtung getrieben wird. Um zu steuern, müssen die Rahen zusätzlich zur Bedienung des Ruders gedreht werden, dabei ist aber, sagt mir mein mechanisches VorstellungsVermögen, nur eine geringe seitliche Drift möglich. Dann dürften dem Schiff lediglich eine geringe Auswahl an Kursen, vielleicht jeweils 20 oder 30 Grad zur Rechten oder zur Linken möglich sein. Keinesfalls ist es möglich, Höhe am Wind zu gewinnen, es sei denn, sie haben hier noch einige Tricks auf Lager, von denen ich nichts weiß.
14.2 Demonstration
Plötzlich, nachdem wir schon ein paarmal die SchiffsSeite gewechselt haben, um die UferLandschaft auf beiden Seiten zu sehen, merke ich, daß die Kommandantin Cherkrochj oben auf dem BackBord-NiederGang vom oberen Geschoß des DecksHauses steht und uns schon eine ganze Weile beobachtet. Sie kommt jetzt herunter und geht auf uns zu.
"Sprache gut?" fragt sie. Ich hätte das sogar verstanden, wenn sie es grammatisch etwas elaborierter formuliert hätte. Vielleicht ist sie in demselben FehlUrteil befangen, das bei uns auch viele Menschen haben: Wenn man mit einem Ausländer spricht, dann muß man die eigene Sprache der Beherrschung der Sprache des Angesprochenen anpassen. Das ist natürlich Quatsch - wie soll der Angesprochene dann seine Beherrschung der deutschen Sprache weiter ausbauen? Im GegenTeil, man muß in solchen Fällen ganz besonders korrekt sprechen. Einfacher SatzBau natürlich, aber kein Gebabbel wie das von Zweijährigen. Für das Sprechen mit Kindern gilt ganz genau das gleiche. Und jetzt mit uns? - Vielleicht aber kann ich noch gar nicht darüber urteilen, was in der Xonchen-Sprache verhunzte Grammatik ist und was nicht, und ich tue Cherkrochj mit meiner nicht ausgesprochenen Vermutung unrecht.
"Sprache schwer!" sage ich in meinem freundlichsten Ton. Zu spät fällt mir ein, daß Irene hätte antworten müssen.
Cherkrochj schweigt einen Moment, sieht mich indifferent an, dann winkt sie jemanden heran. Es ist Charmion. Sie sagt ihr irgend etwas, und Charmion verschwindet wieder.
"Ihr müßt lernen!" sagt sie, überflüssigerweise. Was denkt sie denn, was wir die ganze Zeit tun? Charmion kommt wieder. Ein Mann der Besatzung, der mir bisher nicht besonders aufgefallen ist, begleitet sie.
"Ihr müßt lernen!" wiederholt die Kommandantin. Dann gibt sie Charmion einen Wink.
Charmion packt den Mann im Nacken. Er wehrt sich nicht. Aber er hat Angst. Von einem Moment zum anderen ist seine Stirn mit Schweiß bedeckt. Was geht vor?
Der Mann wird in die Knie gedrückt. Charmion fesselt ihm die UnterArme hinter seinem Rücken parallel zusammen. Das muß schmerzhaft sein, aber sie nimmt keine Rücksicht darauf, ob sie vielleicht seine SchulterGelenke disloziert. Danach bindet sie auch seine Beine zusammen. Dann nimmt sie ihn an seinen Beinen und tritt an den Rand des Floßes. Unsanft schleifen OberKörper und Kopf über die DecksBalken. Vierzig Zentimeter tiefer ist der WasserSpiegel.
Dann läßt Charmion den Mann mit dem Kopf bis zu den Schultern ins Wasser hängen. Sehr langsam. Es dauert dreißig Sekunden, bis der WasserSpiegel die Augen des Mannes erreicht, eine Minute, bis gerade eben die NasenLöcher unter Wasser geraten.
Der Mann wehrt sich, er windet und biegt sich, versucht, wenigstens noch durch den Mund Luft zu kriegen. Dann befindet sich auch der Mund unter Wasser, und die Bewegungen des Mannes werden heftiger.
Charmion hat Übung, es ist, als ob sie das nicht zum ersten Male macht. Ausdruckslos sieht sie zu, wie der Mann unter Wasser zu gurgeln und zu röcheln anfängt.
Die Kommandantin führt uns eine MaßRegelung oder Bestrafung oder Hinrichtung vor. Mit was für einer Absicht bloß? Muß sie ihre KommandoGewalt demonstrieren? Ist ihr Ego tatsächlich so unterentwickelt, daß sie das ab und zu nötig hat? Ein Zug ihres Charakters, denn sie mit vielen Menschen auf der ErdOberfläche, die FührungsPositionen erreicht haben, gemeinsam hat. Was sie natürlich nicht sympathischer macht.
Das SchauSpiel dauert einige Minuten. Erst, als die TodesKrämpfe schwächer werden, holt Charmion auf ein Wort von Cherkrochj den Mann wieder heraus. Er wird mit dem Rücken auf das Deck gelegt. Niemand macht Anstalten, an ihm irgendwelche WiederbelebungsTechniken anzuwenden.
Sehe ich einen triumphierenden Zug im Gesicht der Kommandantin? Der Ausdruck von Charmion ist ausdruckslos, als sie auf das Opfer runtersieht. Vielleicht ist da eine Spur von Bedauern, vielleicht auch nicht. Vielleicht möchte ich da nur eine Spur von Bedauern sehen. Ich glaube, meine Charmion, die Frau mit dem bemerkenswertesten KörperBau auf diesem Schiff, ist genauso ein ArschLoch wie all die anderen.
Der Mann hat noch nicht fertiggelitten. Als er verstärkt röchelt und spukt und prustet und hustet, als er versucht, in das Leben zurückzukommen und seine Lungen vom Wasser zu befreien, hat die Kommandantin einen weiteren Einfall. Sie legt plötzlich ihr Schwert und ihren LederstreifenRock ab.
Charmion setzt sich, ohne daß die Kommandantin ihr sagt, was gemacht werden soll, auf die Beine des Mannes, klemmt diese mit ihren Schenkeln ein und hält seinen Rumpf mit den Händen fest. War das, was jetzt kommt, doch vorher abgesprochen? Die Kommandantin setzt sich, mit dem Rücken zu Charmion, mit ihrem GeschlechtsTeil so auf sein Gesicht, daß sie zwischen ihren Beinen dessen Augen sehen kann. Sie rutscht hin und her, bis ihre äußeren GeschlechtsTeile Mund und Nase des Mannes möglichst gut abdecken. Der Arme kriegt schon wieder keine Luft. Seine Versuche, dieses dennoch zu erreichen, müssen ihr die mechanischen Reize geben, die sie haben will. Wenn das das ist, was sie im Moment haben will: Ich habe den Eindruck, daß sie mehr an den Leiden des Mannes interessiert ist. Ekelhaft. Und wir stehen dabei und können nichts tun, trauen es uns nicht, sagen nicht einmal etwas.
Warum wehrt er sich nicht? Warum beißt er ihr nicht in die Klitoris oder etwas ähnliches? Dann wird ihm wahrscheinlich gleich der Kopf abgeschlagen, aber das geht wenigstens schnell. So muß er in dieser unwürdigen Position zum zweiten Male qualvoll ersticken, während Cherkrochj ihm interessiert in die Augen sieht, auf seinem Gesicht etwas vor- und zurückgleitend. Hinter ihr hält Charmion ungerührt einfach fest, verhindert alle heftigen Bewegungen. Obszöne schmatzende oder schlürfende Geräusche dringen zwischen den Beinen der Kommandantin hervor.
Wird sie auch diesmal rechtzeitig aufhören? Es sieht nicht so aus. Sie blickt dem Sterbenden mit klinischem Interesse die ganze Zeit in die Augen. Entweder kann der sich nicht wehren, oder seine ganze Erziehung läßt keinen Gedanken an die paar Methoden, mit denen er sich noch wehren könnte, nicht zu.
Nach ein paar Minuten ist es vorbei. Die Kommandantin Cherkrochj befühlt seine Schläfen, ob er wirklich tot ist. Dann macht sie ein letztes Experiment:
Sie drückt ihre Schenkel mit aller Kraft zusammen. Die Sehnen in den Beinen der Kommandantin treten hervor wie unter der Haut gespannte StahlSeile. Einige Sekunden passiert nichts, dann verformt sich der Kopf des Mannes mit deutlichem Krachen. Die Kommandantin läßt ab. Blut kommt aus den Ohren des Mannes, dann auch aus den AugenLider. Der Kopf bleibt verformt.
Beide Frauen stehen auf. Die Kommandantin tritt vor Irene hin. Auf mich wirft sie keinen Blick.
"Müssen Sprache gut lernen! Müssen Sprache schnell lernen!"
Dann legt sie ihren LederstreifenRock und ihr Schwert wieder an und tritt ab, geht nach oben, zum gemeinsamen Speisen. Sie überläßt es Charmion, sich um die Leiche zu kümmern.
Mir ist schlecht. Irene wahrscheinlich auch. Ich nehme meine Xonchen-Kenntnisse zusammen:
"Charmion! Warum das?"
Charmion sieht mich einen Moment lang an, sagt dann aber nichts. Ihr GesichtsAusdruck, den sie in Ansätzen geformt hatte, könnte etwa interpretiert werden als pure Abweisung einer so weit hergeholten Frage, als Rüge, daß ein Mann ihr überhaupt Fragen zu stellen wagt, dazu noch Fragen über das Verhalten der Kommandantin. Als einfaches, männliches BesatzungsMitglied wäre ich für diese Frage wahrscheinlich schon schwer bestraft worden.
Charmion verschwindet mit der Leiche über der Schulter in Richtung SpeiseKammer. Wahrscheinlich hätte sie diese Arbeit einem Manne der Besatzung überlassen, wenn sie ihr zu mühsam oder zu ekelhaft gewesen wäre. Aber sie macht etwas alltägliches: sie bringt eine Leiche eines BesatzungsMitgliedes in der Küche vorbei. Eben mal so - es ist der Mühe nicht wert, damit jemanden anderen zu beaufzutragen.
Was hat dieser Mann getan? Oder hat er nichts getan, und an ihm hat die Kommandantin nur ihre absolute Macht an Bord demonstriert? Einer Laune folgend? Und dieser Mann war einfach dran?
An diesem Abend nehmen wir nicht an dem GemeinschaftsEssen teil. Der Appetit ist mir vergangen. Wir reden auch kaum. Es gibt ja nichts zu kommentieren. Die machen das hier eben so. Wir müssen das einfach zur Kenntnis nehmen.
Wir finden erst spät Schlaf. Vielleicht liegt das auch an den gelegentlichen LachSalven, die aus dem DecksHaus zu uns herüberdringen.
Lauter weibliche Stimmen.
******** 015. Tag: Samstag 1995-09-02 ********
15.1 ZahlenSysteme
2 Uhr morgens. Die alltägliche Routine. Ein kurzes Bad, seitlich am Schiff, daß immer noch mit geringer Geschwindigkeit vorwärtsgetrieben wird, dann holen wir uns in der Küche etwas zu essen.
Während der SchlafPeriode haben wir vielleicht ein Dutzend Kilometer zurückgelegt, und wir wissen nicht mehr, ob das Schiff vielleicht einen SeitenArm hineingefahren ist oder sonstige Umwege gemacht hat. Jedenfalls sind keine der LandMarken von gestern wiederzuerkennen. Sicher, die großen Säulen sind über viele Dutzend Kilometer weit zu sehen, aber bei den sich ständig verändernden BlickWinkeln und der Vielzahl der Säulen, Berge, Buchten und Windungen des Sees habe ich die ÜberSicht verloren. Die Richtung ist laut Kompaß NordNordOst. Ob wir während der SchlafPeriode andere FahrtRichtungen hatten, weiß ich nicht. Unser Standort relativ zum HöhlenEingang auf dem HöllentalPlatt wird immer unsicherer.
Chechmon ist wieder dran. Chechmon und Chrwerjat wechseln sich also nicht jeden Tag ab. Kann mir auch egal sein, wie sie das unter sich regeln. Oder wie es ihnen vorgeschrieben wird.
Bald, nachdem wir angefangen haben, kommt heraus, daß Chechmon die Hinrichtung gestern gesehen hat. Ich frage, was der Grund war.
"Cherkrochj wollte es so." sagt sie. Ihr Mund verzieht sich, als ob sie MißMut über diese Frage ausdrücken will. Als sie das aber ein paarmal häufiger macht, glaube ich eher daran, daß sie sich mit der Zunge SpeiseReste zwischen den Zähnen herauszutzelt.
"Aber warum?"
"Was?"
"Aber warum? Was hat der Mann getan?"
"Was soll er getan haben?"
"Ist er nicht für irgend etwas ..." ich suche das Wort für 'Strafe' und finde es nicht, "Ist er nicht für irgend etwas getötet worden, was er falsch gemacht hat?"
"Das weiß ich nicht. Ich glaube, nicht." sagt Chechmon, "Cherkrochj wollte das. Das ist alles."
Ich bin nicht zufrieden:
"Aber der Mann konnte doch arbeiten! Warum tötet man jemanden, den man vielleicht noch braucht?"
Was Chechmon darauf antwortet, kann ich wieder nur zum Teil verstehen. Es scheint darauf hinauszulaufen, daß jetzt nur noch das SaurierFleisch irgendwohin gebracht wird. Dabei sind nicht mehr alle BesatzungsMitglieder nötig. Oder die männlichen BesatzungsMitglieder sind als Proviant jetzt nützlicher als als ArbeitsKräfte.
"Ich glaube," sage ich zu Irene in deutsch, "die haben hier kein RentenProblem!"
"Was?" fragt Chechmon auf Xonchen.
"Ich glaube, in eurem Volk wird niemand alt!" formuliere ich in derselben Sprache.
"Doch. Manche." Dann wechselt sie das Thema. Heute ist wieder Geographie dran. Das ist wenigstens interessant und lenkt von anderen Gedanken ab.
LängenMaße hatten wir ja schon. Deshalb können wir die Erklärungen über die Entfernungen einiger Orte voneinander durchaus verstehen. Wenn ich nicht ganz das Rechnen verlernt habe, dann ist da oft von GrößenOrdnungen in den hunderten oder sogar tausenden von KiloMetern die Rede! Solche großen Entfernungen kommen insbesondere auch zustande, wenn man sich auf den Weg entlang bestimmter Täler oder Seen bezieht. Den Begriff 'Enfernung nach LuftLinie' verwendet man hier nicht. Na klar: Nicht einmal ein Vogel kann hier auf geradem Wege von einem Ort zum anderen gelangen. Berge, Säulen, oder die Abgrenzungen der Höhlen stehen dem entgegen.
Nun heißt das nicht, daß wir uns in einem Gebiet befinden, dessen Abmessungen man sich als eine Fläche vorzustellen hat, die in allen horizontalen Dimensionen einige tausend KiloMeter mißt. Es ist eher so, daß diese Höhlen langgestreckte Systeme bilden, vielfach verzweigt, vom Grunde bis zur HöhlenDecke fünf bis neun Kilometer, und in der Breite im Allgemeinen zwanzig bis sechzig Kilometer. Manchmal kommt man dann in BenennungsSchwierigkeiten. Ein sechzig Kilometer breiten Abschnitt der Höhle kann man ohne weiteres dann auch als 'Abzweigung' bezeichnen.
Chechmon versucht, uns eine Karte aufzuzeichnen. Es sieht aus wie eine Demonstration fraktaler Geometrie. Während wir gewohnt sind, in die Umrisse von Kontinenten immer irgendwelche vereinfachenden Formen hineinzuabstrahieren, will mir das bei diesem HöhlenVerhau nicht gelingen.
Die Säulen zum Beispiel. Während viele Säulen, die wir von hier aus sehen, als zwei bis drei Kilometer dicke und fast zehn Kilometer hohe SteinGiganten beschrieben werden können, die die HöhlenDecke der Welt der GranitBeißer tragen, gibt es nahe den Begrenzungen der Höhlen gedrungene Säulen mit wesentlich größerem DurchMesser. Dann wird es schwierig, zu entscheiden, ob man noch von einer Säule oder schon von einer kilometerweiten HöhlenSchlinge sprechen will.
Dann gibt es auch schlankere Säulen. Ab und zu sehen wir solche vom Schiff aus. Da kommt es dann vor, daß sie ihre tragende Funktion verloren haben und - vielleicht vor Millionen von Jahren - abgebrochen sind. Es ist dann ein in etwa zylindrischer Berg übriggeblieben, der unter Umständen noch acht Kilometer hoch sein kann, ein Berg, der über der leuchtenden Wolkendecke eine dunkle, unzugängliche Insel bildet, die in die noch dunklere Welt der hängenden Schluchten der HöhlenDecke hineinragt.
Immerhin wird damit jetzt eines deutlich: Auch wenn diese Höhlen extrem weitläufig sind, so ist unter einem zufällig unter der OberFläche der Erde herausgesuchtem Punkt mit größerer Wahrscheinlichkeit keine Höhle. Sollte es so sein, daß alles, was zum Beispiel BergBau interessant macht, wie EisenErze oder KohlenFlöze, nur da vorkommen, wo keine Höhle ist? Wie da ein geologischer ZusammenHang sein soll ist mir allerdings völlig unklar.
Es wäre jetzt günstig, wenn ich auch Geologie studiert hätte - obwohl ich den Verdacht habe, daß mir auch dann durchaus nicht auf alle Fragen eine plausible Antwort einfallen würde.
Der See, auf dem wir fahren, ist Teil eines immensen SeeSystems, auf dem man offenbar überall hinkommt. Es gibt in vereinzelten Abzweigungen auch kleinere, isolierte und höher gelegene Seen, aber das ist die Ausnahme. Dieser vielverzweigte Ozean ist umfassend. Die Flüsse, die manche Höhlen durchfließen, haben ebenfalls erstaunliche Abmessungen. Der Fluß, auf dem das Schiff den Saurier geschlachtet hat, ist durchaus nicht der größte.
Die Welt der GranitBeißer ist noch nicht vollständig von diesen selbst erforscht. In allen Richtungen setzen sich HöhlenSysteme fort, die Chechmon nicht nur deshalb nicht mehr zeichnet, weil das Pergament zu Ende ist, sondern weil sie darüber nichts weiß. Gibt es dort keine Menschen mehr? Oder sind dort andere Stämme? Sollte der ganze Planet untertunnelt sein? Oder nur alle KontinentalSchelfe? Ich kann es nicht herausfinden. Der Umriß des Gebietes, das sie gezeichnet hat, entspricht keiner bekannten Form, und wahrscheinlich ist diese grobe Karte auch nicht maßstäblich gezeichnet. Das jedenfalls scheint sicher, denn manche Entfernungsangaben von Chechmon widersprechen sich einfach, und manchmal operiert sie auch mit solchen Begriffen wie 'TagesReisen'. Noch unexakter geht es nicht. TagesReisen womit? Zu Fuß? Zu Schiff? Mit wieviel Wind? Ich frage Chechmon, aber ich fürchte, es gelingt mir nicht, die logischen Feinheiten der eigentlich notwendigen Präzisierungen deutlich zu machen. Manchmal sieht sie mich an, als ob ich bekloppt wäre.
Und sie zutzelt immer noch. Wenn mein Xonchen schon besser wäre, würde ich versuchen, ihr zu erlären, was ein ZahnStocher ist.
Chechmon erzählt etwas über Geysire und Vulkanismus. Aha. Das gibt es also auch. Es scheint aber eine seltene Erscheinung zu sein. Warum nicht, in Bayern findet man auch nicht an jeder StraßenEcke einen Vulkan.
Sie erwähnt Städte. Oder sind es nur Dörfer? Oder Burgen? Ich frage, wieviele Menschen dort leben. Es sind in jeder dieser Orte höchstens einige tausend. Chechmon ist sich aber auch nicht sicher, außerdem scheinen sie ein seltsames ZahlenSystem zu haben, das gar nicht geeignet ist, große Zahlen auszudrücken. Es ist unwichtig, zu wissen, wieviel Menschen in einer Stadt wohnen, weil es immer gleich viele sind. Was kann man schon mit diesem Wissen anfangen? - Eine Stadt hat eine gewisse wirtschaftliche oder politische Bedeutung, die man kennt, weil man es schon als Kind so gelernt hat, und so bleibt es ja auch. Es gibt kaum Veränderungen.
Einige der Städte zeichnet sie sehr unexakt in die Karte ein. Danach müßten diese Städte im Wasser des Sees liegen. Ich sage aber nichts.
Auch Zahlen kommen heute dran. Das ist in jedem SprachUnterricht wichtig, und wir greifen das Thema wohl deshalb auf, weil Chechmon Schwierigkeiten hatte, uns die Anzahl der EinWohner in jenen Städten anzudeuten.
Es wird mir sehr rasch klar, daß die Chechmon-Menschen noch kein StellenSystem kennen, daß sie aber dicht davor sind, ein auf der Fünf basierendes ZahlenSystem zu entwickeln. Es gibt ZahlWorte für Eins, Zwei, Drei, Vier und Fünf. Das sind also MengenAngaben, die man mit einem Blick erfassen und die man mit den Fingern einer Hand andeuten kann. Schon 'Sechs' hat kein eigenes Wort mehr, man sagt 'Fünf plus Eins', manchmal auch 'Zwei mal Drei'. Die KombinationsMöglichkeiten 'Zwei plus Vier' und 'Drei plus Drei' werden zwar auch verstanden, sind aber unüblich. Nach Möglichkeit werden Zahlen aus reinen AdditionsAusdrücken oder reinen MultiplikationsAusdrücken zusammengesetzt, vorzugsweise das, was am kürzesten ist, und dann am liebsten, wenn alle Zahlen gleich groß sind. Die GranitBeißer, oder wenigstens Chechmon, haben aber eine Abneigung gegen zu komplizierte Ausdrücke.
'125' Ist zum Beispiel eine gebräuchliche Zahl, weil es 5 * 5 * 5 ist, ebenso '625', dann '3125' und so weiter. Potenzen von fünf sind also die MeilenSteine ihrer Arithmetik. Aber schon über '124' zu sprechen oder '126', das macht ihnen Mühe. '100' geht noch, weil es als 4 * 5 * 5 darstellbar ist. Das gilt für die GranitBeißer aber schon als krumme Zahl.
Chechmon verläßt das Thema wieder. Es macht ihr Mühe. Das verstehe ich. Bei der Methodik würde mir die numerische Mathematik auch Mühe machen.
Es ist 14 Uhr, als Chechmon von Charmion, die ohne sich irgendwie anzumelden einfach so das MastHaus betritt, gerufen wird. Danach sind wir plötzlich alleine.
"Endlich." sagt Irene.
"Gehen wir runter, um die Gegend anzusehen?" frage ich.
"Sieht doch immer gleich aus - na gut."
15.2 Charmions Saurier
Als wir zum HauptDeck hinuntersteigen, sehen wir überraschend viel Betrieb. Die HarpunierGeräte werden wieder aufgebaut. Die Stimme der Kommandantin Cherkrochj ist nicht zu überhören. Etliche der männlichen BesatzungsMitglieder steigen in die Takelage auf.
Der See ist enger geworden. Beide Ufer sind noch jeweils fünfhundert Meter entfernt. Als wir in FahrtRichtung schauen, sehen wir, daß die Ufer noch weiter aufeinander zurücken, außerdem steigen die Berge beiderseits stärker an und die direkt in das Wasser abfallenden BergHänge werden immer steiler. Der undurchdringliche Dschungel verhindert, daß man Felsen sieht, aber weiter oben ragen vereinzelte FelsNasen aus dem Urwald heraus. Diese UferHänge zu erklettern würde schon Schwierigkeiten machen, für uns jedenfalls.
Außerdem wird das Wetter schlechter. Es ist dunkler geworden, und der Grund ist eine tiefhängende WolkenDecke. NebelFetzen liegen auf dem Wasser, und obwohl das Ufer langsam näher kommt, verschwindet es gelegentlich hinter weißgrauen Schleiern.
Die Stimmen des Urwaldes, die uns auch näherkommen, klingen hohl und dünn, irgendwie unheilvoll. Das ist natürlich nur eine Einbildung. Das macht sicher die Dunkelheit.
Jetzt fällt es mir stärker als sonst auf, wie ich das klare SonnenLicht vermisse. Immer nur der gleichmäßig bedeckte, trübe Himmel, die WolkenDecke, hinter der keine Sonne leuchtet sondern drohende Felsen vom Himmel hängen, gnädig hinter den Wolken verborgen. Genauso vermisse ich die Nacht. Immer das ewig gleiche trübe Tageslicht. Wie lange braucht man, sich daran zu gewöhnen? - Ich überlege, ob ich jemals etwas von ernsthaften psychologischen Wirkungen ständigen TagesLichtes gehört habe, wie man es oben auf der ErdOberfläche etwa jenseits der PolarKreise haben kann. Ich kann mich aber nicht erinnern. Einziges Resultat ist, daß bei dem bloßen Gedanken an PolarGebiete mir diese Welt gleich noch einmal so schwül vorkommt.
Der See, der allmählich flußähnlich eng wird, windet sich, und bald schon kann man weder in FahrtRichtung noch nach dort, wo wir herkommen, weiter als einige hundert Meter sehen. Nun fallen schon nackte Felsen aus großen Höhen senkrecht bis an die WasserLinie ab, dazwischen ist immer noch ein reichlicher Bewuchs, der sich an den steilen Hängen festkrallt, jede FelsRitze und jede noch so kleine nichtsenkrechte Fläche ausnutzend. Die schluchtartige VerEngung des Tales sorgt zusätzlich dafür, daß es noch dunkler wird als es ohnehin schon ist.
Die Segel an den unteren Rahen werden eingeholt. Warum? Sind sie eine unerwünschte SichtBehinderung, oder will man die Geschwindigkeit absichtlich drosseln?
Als das Ufer sich an beiden Seiten auf weniger als hundert Meter genähert hat, überfällt mich die unangenehme Vorstellung, daß, wenn diese Schlucht noch enger wird, wir möglichen Angriffen aus dem UferUrwald schutzlos ausgeliefert sein könnten. Man kann aus großer Höhe Steine auf das Schiff werfen, und bald schon wird man sich an Lianen vom Ufer auf das Schiff herauf schwingen könne.
Irene würde mich schon wieder als professionellen SchwarzSeher oder Katastrophen-Heini bezeichnen, wenn ich solche Überlegungen laut aussprechen würde. Das verstehe ich nun wieder nicht. Ich erkenne solche strategisch ungünstigen Situationen, und ich bilde mir ein, daß alle anderen das auch tun. Bin ich da voreingenommen? Aber das Verhalten unserer GastGeber läßt doch darauf schließen, daß nicht nur ich Befürchtungen habe, oder?
Haben unsere GastGeber denn wirklich ähnliche Befürchtungen? Warum sonst wohl die HarpunenGeräte? Sie zielen alle auf den UferUrwald. Und als ich merke, daß auch die Männer wieder Schwerter tragen, schlage ich Irene vor, wieder in das MastHaus zu hinaufzusteigen. Jetzt kann man von dort auch mehr sehen, weil weniger Segel die Sicht versperren.
Jedenfalls sind die Schwierigkeiten, die man erwartet, wohl weniger seemännischer Natur. Wo sollten diese Schwierigkeiten auch herkommen? Der Wind ist lau, und es gibt kein Hinweis auf eine Strömung, trotz der starken VerEngung des Tales.
Eine unheimliche, gespannte Stille legt sich auf das Schiff. Chechmon hätte uns ruhig etwas verraten können, wenn eine unangenehme Situation bevorsteht, und welche. Jetzt steht sie unten neben einem der HarpunierGeräte: Keine SprachLehrerin mehr, sondern eine kampfbereite Amazone. Wie alle hier: ich sehe, daß sie auch alle anders gehen: gespannt und wachsam wie ein Leopard auf der Jagd. Es ist einer der seltenen Momente, wo ich die meisten weiblichen Mitglieder der Besatzung tatsächlich schön finde. Es ist aber keine weibliche Schönheit, sondern die bedrohliche, funktionelle Schönheit der RaubTiere. Vielleicht ist das ein Klischee - genausogut könnte man von der funktionellen Effizienz der erfahrenen berufsmäßigen Killer reden.
15 Uhr. Die verbleibende WasserStraße hat einen DurchMesser von nur noch achtzig Metern. Dreimal die Breite des Schiffes. Rechts und links noch zehn Meter zwischen den äußersten Enden der Rahen und den Felsen. Man muß verdammt genau steuern. Immer noch wechseln steile Felsen mit Rudimenten von Bewuchs ab, aber man kann nicht mehr von einem durchgehenden Urwald sprechen. Nach oben scheinen diese FelsWände mindestens tausend Meter hoch anzusteigen, vielleicht auch viel mehr - man kann es aus dieser Perspektive nicht erkennen. Wahrscheinlich ist das Wasser hier ähnlich tief. Dann ist es klar, daß eine starke Strömung an dieser Stelle unwahrscheinlich ist.
Weitere Segel werden eingeholt. Das Steuern muß sehr schwierig sein. Zwei Männer der Besatzung sind jeweils auf die Enden der breitesten Rahen geklettert. Sie rufen gelegentlich leise der Frau am Steuer etwas zu. Ob die überhaupt noch eine RuderWirkung hat? Bei dieser geringen Geschwindigkeit? - Immer, wenn auf der Brücke das Ruder gewirbelt wird, versuche ich, genau aufzupassen, ob ich eine deutliche resultierende BewegungsÄnderung des Schiffes wahrnehmen kann. Das gelingt mir aber nicht.
Wie Felsen stehen die Mitglieder der Besatzung da unten neben ihren HarpunierGeräten, Frauen wie Männer gleichermaßen. Überflüssige Bewegungen werden vermieden. Es sind alle an Deck. Sogar der Koch hat nicht in seiner Küche zu tun.
16 Uhr. Wir durchfahren eine Stelle der Schlucht, auf die der dunkle Schatten eine gewaltigen FelsNase fällt, die weit über uns irgendwann abgebrochen ist und sich dann in fünfhundert Metern Höhe zwischen den SchluchtWänden verkeilt hat. Ich erinnere mich an ähnliche Steine, die die PartnachKlamm überbrückten - oder war es die Klamm bei ObersDorf, oder die HöllentalKlamm? Hier handelt es sich aber um einen Felsen, der, nach kurzer ÜberschlagsRechnung, zwei Millionen Tonnen schwer sein könnte. Es gibt keinen AnhaltsPunkt, um herauszufinden, wie lange der Felsen da oben schon eingeklemmt ist. Jedenfalls scheint niemand der Besatzung besonders beunruhigt zu sein - sie erwarten eine Gefahr aus ganz anderer Richtung.
Dabei ist eine Klamm kein sicherer AufenthaltsOrt. Ist es nicht erst fünf Jahre her, daß ein großer ErdRutsch die PartnachKlamm versperrt hat, mitten im Sommer? - Ich wollte es mir immer noch einmal ansehen. Ob ich jemals noch dazu komme? Hätten wir es doch am 19. August getan! Die PartnachKlamm besuchen heißt die HöllentalKlamm nicht besuchen, und das heißt, nicht die ZugSpitze über das HöllenTal besteigen, und das heißt, nicht den EinStieg in diese Welt gefunden haben!
Bald darauf fahren wir an gewaltigen Löchern in den FelsWänden vorbei - Grotten und Höhlen. Weit über uns scheinen sich die SchluchtWände gelegentlich zu berühren, und es ist sehr dämmerig. Trotzdem sehen wir auf einem VorSprung am EinGang einer der Höhlen große Knochen- und WirbelReste. Ein Schädel mit schwer durchschaubarer Anatomie, groß wie ein kleiner LKW, glotzt uns aus leeren AugenHöhlen an.
"Wie der wohl hierherkam?" frage ich Irene. Sie sagt nichts. Ich suche die FelsWände nach Anzeichen von NistGelegen von Vögeln ab, finde aber nichts definitives. Nichts, was ein Laie wie ich eindeutig als Nest erkennen würde. Ein FelsenLoch mit einem Nest, vielleicht mit Jungen darin, das sähe doch gleich viel harmloser aus. Aber dieses ist wohl keine beliebte NistGegend, und so scheint in jedem uneinsehbaren Winkel eine Bedrohung zu lauern.
Es ist seltsam, daß in diesem Momenten der gemeinsamen Gefahr SympathieGefühle unseren GastGebern gegenüber entstehen. Da sie im Moment auf der Hut sind, sich und das Schiff vor einer Gefahr zu schützen, schützen sie natürlich auch uns.
Einmal gibt es eine kurze Aufregung auf dem Schiff, als links querab, dicht unter der FelsWand, das Wasser sich schwallartig aufbäumt und die entstehende Welle wenige Sekunden später das Schiff erreicht. Sogar wir hier oben spüren das Schwanken des Schiffes. Sonst passiert aber nichts.
"Da war was." sagt Irene. Gut beobachtet. Wenn wir nun nur noch wüßten, was es war, dann wäre uns wohler. Oder vielleicht auch unwohler.
Weitere Minuten verstreichen in völliger Ereignislosigkeit. Es fängt an, zu regnen. Niemand da unten nimmt sichtbar davon Kenntnis. Niemand verläßt seinen Posten.
So um 17 Uhr gibt es plötzlich ein schnarrendes Geräusch vom VorderDeck. Wir springen an die vorderen Fenster, denn wir haben uns mehr auf die beiden Ufer konzentriert.
Eine Harpune ist nach vorne abgeschossen worden. Wir sehen die keilförmig auseinanderlaufenden Wellen - schon kurz vor dem Schiff ist die Harpune in das Wasser eingetaucht. Hastig aber konzentriert legen die Harpuniererinnen ein neues Geschoß ein und spannen das Gerät wieder.
Auf was die Harpuniere geschossen haben, haben wir natürlich nicht mitgekriegt. Ein paar leise Kommandos von unten, geflüsterte Meldungen. Lautlos gleitet das Schiff auf den Bereich des Wassers zu, der eben noch von der Harpune geteilt wurde.
Da entsteht etwa hundertfünzig Meter vor dem Schiff auf dem Wasser ein dunkler Fleck. Er breitet sich aus, während wir langsam darauf zugleiten.
Da unten ist eine schnelle Bewegung. Es ist Charmion. Sie rennt nach vorne und beginnt, mit atemberaubender Gelenkigkeit, den BugSpriet zu besteigen. Es dauert nur Sekunden, scheint es, und sie hockt auf der Spitze des BugSprietes, turmhoch über dem Wasser, mehr als doppelt so hoch wie wir in unserem MastHaus.
Und der dunkle Fleck driftet immer näher.
Eine zweite Harpune verläßt das Gerät, diesmal in noch steilerem EintauchWinkel. Ich habe keine Ahnung, was die da bei dieser Dunkelheit noch erkennen können. Vielleicht haben die GranitBeißer wegen der geringeren LichtMenge in dieser Welt von der Evolution bessere und empfindlichere Augen bekommen? - Ich nehme mir vor, irgendwann einmal auf ihre PupillenGrößen zu achten.
Bald müßte der dunkle Fleck sich unter der Spitze des BugSprietes befinden. Was Charmion wohl vorhat? Ich kann gerade eben erkennen, daß sie bis zu den Zähnen bewaffnet ist. Ein Schwert hat sie in der Hand, ein zweites hat sie noch umgegurtet, dazu verschiedene Messer in ihren Gürteln.
Zunächst passiert nichts Spektakuläres. Als der Fleck unter ihr ist, springt Charmion. Lange drei Sekunden dauert der Fall, dann schlägt sie auf das Wasser auf und ist im Augenblick verschwunden. Mit über hundert Kilometern pro Stunde hat sie die WasserOberfläche durchschlagen, rechne ich nach.
Die Fontäne, die sie hinterlassen hat, fällt in sich zusammen. Kreisförmige Wellen laufen auseinander, flachen immer weiter ab, verlieren sich. Das Schiff schiebt sich weiter vorwärts. Es ist so still, daß niemand auf dem Schiff unbemerkt furzen könnte.
Dann erreichen wir den dunklen Fleck, der schon fünfzehn Meter DurchMesser hat, mit dem Bug. Es passiert nichts, als das gefärbte Wasser beidseits vom Schiff vorbeizieht.
Wo Charmion wohl bleibt?
Plötzlich: Blasen, rechts und links von Schiff. Mehr Blasen. Und ein Schlag, der uns in die Knie schickt. Als ob eine riesige Faust von unten in das Schiff geboxt hat.
Es bricht rechts durch die WasserOberfläche. Aus irgendeinem Grunde hatten wir es links erwartet. Rechts ist die FelsWand etwas näher, und weil die Überhangigkeit der rechten SchluchtSeite im Moment größer ist, ist es da auch dunkler. So können wir kaum Einzelheiten erkennen.
Es brüllt markerschütternd, mit einer Stimme, die eigentlich nicht zum Brüllen geschaffen ist. Das Echo hallt zwischen den FelsWänden hin und her, es muß Dutzende von KiloMetern weit zu hören sein. Im AugenBlick begreife ich: Es ist groß und stark, aber es ist nicht gefährlich. Nicht von sich aus. Es hat diesen Kampf nicht gesucht. Es ist vom Schiff aufgespürt worden.
Bei dem AufBäumen über das Wasser hätte es fast wieder die Takelage an der rechten SchiffsSeite ruiniert. Haarscharf hat es mit seinem Hals und seinem Kopf die weitausladenden Rahen verfehlt. Hals und Kopf schlagen wieder auf dem Wasser auf - es gibt einen Knall wie GeschützDonner. Kaum, daß man das Schnarren der HarpunenGeschütze vom HauptDeck herauf hört.
Aber diese tun ihre Arbeit. Und nicht nur die. An dem Ende, was ich für den Kopf halte, blitzt etwas. Ein schwingendes Schwert. Charmion sitzt dort, hat irgendwie Halt gewonnen, mitten an diesem Kopf, den sie wohl unter Wasser gefunden haben muß. Wie sie das wohl geschafft hat? Eine Lösung ist: Sie hat sich in die Augen hineingeschnitten und hat nun einen festen Stand in einer der ungewöhnlich großen AugenHöhlen. Während man vom Schiff versucht, das Tier mit den Harpunen zu erledigen, ist sie immer noch dabei, lebenswichtige Organe am Kopf zu zerstören.
Ich glaube, ich kann ihren GedankenGängen folgen: Wenn sie in einer AugenHöhle Fuß gefaßt hat, dann schneidet sie sich von der Orbita aus weiter bis in das Gehirn vor. Scheußlich und grausam. Aber mutig. Alle Achtung. Für so eine Tat erschien sie mir aus irgendeinem Grunde doch zu naiv. Wie oft werden wir hier noch Menschen falsch einschätzen?
Der Kopf schlägt noch mehrere Male auf das Wasser. Glatter Zufall, daß das Schiff nicht getroffen wurde. Aber wie will Charmion dabei unverletzt bleiben? Die Schläge sind stark genug, um einiges kaputt zu machen, auf dem Schiff und bei demjenigen, der sich irgendwie am Kopf des Tieres festklammert. Sie muß phantastische Reflexe haben.
Der Kampf ist schnell vorüber. Vielleicht war meine Vorstellung von dem, was Charmion da macht, richtig. Der ganze AufRuhr dauert keine Minute. Das Schreien des Tieres trifft einem im tiefsten Inneren. Diese Kreatur hat Angst und furchtbare Schmerzen. Es wird es leiser, röchelt erschöpft, läßt den Kopf mit der blutenden AugenHöhle ins Wasser sinken. Letzte FlossenBewegungen in dem Element, daß ihm Heimat und Geborgenheit war, vielleicht ein letzter Blick mit dem gesunden Auge. Dann liegt das Tier längsseits und ist mausetot. Charmion zieht sich aus dem Wasser heraus und schwingt sich über die BalkenReeling auf das Schiff. Sie atmet noch heftig, und einen Moment sehen ihre blutigen Brüste so aus, als ob dort aus einer scheußlichen Verletzung innere Organe nach außen drängen. Grauenhafter Gedanke.
Sofort beginnt, wie vor einigen Tagen im breiten Fluß, das ZerLegen. Wir gehen runter auf Deck, um soviel wie möglich zu sehen. Da der größte Teil des Tieres unter Wasser liegt, können wir seinen KörperBau nicht erkennen, und die Mannschaft sorgt dafür, daß auch bald gar nichts mehr zu erkennen sein wird. Schon werden große, noch dampfende FleischStreifen an Bord geschleppt. Wieder werden die DecksBalken von Blut getränkt. Es muß sich um eine Art FischSaurier handeln, aber dieses wird wohl eine Vermutung bleiben.
Charmion steht blutüberströmt da und spricht ganz ruhig mit Cherkrochj. Das Wasser hat nicht alles Blut abgewaschen, oder sie ist tatsächlich selber verletzt. Die Anstrengung ist ihr nicht mehr anzusehen, und sie sieht auch eigentlich nicht so aus, als ob sie Schmerzen hat.
"Sag ihr mal etwas nettes, wie mutig sie war!" sage ich zu Irene, weil ich wissen will, ob sie auf solche Bemerkungen anders reagiert, wenn eine Frau sie macht, auch, wenn es sich um eine Gefangene handelt.
"Das tue ich nicht!" zischt Irene zurück, "das kannst du selber machen!"
"Also gut, dann nicht." Es ist nicht rauszukriegen, ob Irene unter einer Spur von EiferSucht leidet, oder ob sie Mitleid mit dem FischSaurier hat.
Weil wir doch überall im Wege stehen, und weil es wieder ordentlich zu stinken beginnt, ziehen wir uns wieder in das MastHaus zurück. Da sehen wir genug, insbesondere auch deshalb, weil die Schlucht sich über uns wieder weiter öffnet und mehr Licht herunterläßt.
SprachUnterricht wird es heute wohl nicht mehr geben. Aber die drei Stunden bis zur Beginn der SchlafPeriode wird uns nicht mehr langweilig, weil wir ungestört die SchluchtLandschaft betrachten und die Arbeit unten auf Deck verfolgen können.
Tatsächlich gelingt es der Mannschaft, den größten Teil des Fleisches bis 20 Uhr abzubauen. Die HarpunierGeräte bleiben derweil aufgebaut, aber die Wachsamkeit läßt nach. Das bestätigt meinen Verdacht: Man hatte nicht davor Angst, daß es zu der Begegnung mit einem FischSaurier kommen wird.
Man hatte Angst, daß diese Begegnung nicht zustande kommen könnte.
Es ist jetzt soviel Fleisch an Bord, daß sogar auf dem Deck mannshohe Stapel geschichtet wurden, notdürftig von Planen verdeckt, die rasch mit Blut durchtränkt sind, welches dann allmählich gerinnt. Im DecksHaus ist kein Platz mehr, auch sind Teile des GemeinschaftsRaumes ebenfalls zu LagerHallen umfunktioniert worden.
Als der Rest des Kadavers freigegeben wird und hinter dem Schiff versinkt, können wir uns endlich hinlegen, weil nun zu erwarten ist, daß es endlich auf dem Schiff still genug werden wird.
Trotzdem liege ich noch eine ganze Weile wach. Die SchmerzensSchreie des FischSauriers hallen immer noch in meinen Ohren nach.
Der TyrannoSaurus war mir egal: das war eine KampfMaschine. Der war ja nicht ganz unschuldig, was das Suchen einer Konfrontation betrifft. An ihm hat die Evolution die fleischgewordene Aggression ausprobiert.
Dieser hier aber hat nicht sterben und nicht töten wollen. Es war eine friedliche Kreatur. So, wie auch der BrontoSaurus, den wir ganz am Anfang gesehen haben, nur eine dumme und gutmütige Kreatur war.
Ein Angriff auf ein Wesen wird nicht nur deshalb eine HeldenTat, denke ich, weil es bloß vermöge seiner Größe gefährlich ist. Aber dann wieder: was weiß ich, wie dringend die GranitBeißer das Fleisch brauchen? Und jedes zusätzliche Kilo SaurierFleisch, das sie essen, bedeutet ein Kilo weniger an MenschenFleisch, da sie dann nicht mehr essen müssen.
Ich bin zu müde, weiter ethische Fragen in Kopf herumzuwälzen. Dann fällt mir aber noch, im EinSchlafen, ein, daß wir den HöhlenEingang auf dem HöllentalPlatt jetzt vor genau zwei Wochen entdeckt haben. Erst? Schon? Diese Welt da oben ist jetzt so weit weg. Herwig, hättest du je geglaubt, daß du einmal einen getöteten Saurier bedauerst?
******** 016. Tag: Sonntag 1995-09-03 ********
16.1 JagdTechniken
Aufwachen um 5 Uhr, normale TagesRoutine. Während wir geschlafen haben, hat das Schiff die Schlucht wieder verlassen, und der See ist jetzt wieder so breit, wie er vorher war.
So um 6 Uhr läßt Chrwerjat sich blicken, die es nicht übertrieben eilig hat, mit dem SprachUnterricht zu beginnen. So ist es ziemlich leicht, das Thema auf den Saurier von gestern zu bringen.
Chrwerjat fand den Vorfall nicht besonders aufregend. Das machen sie immer, wenn sie von der SaurierJagd zurückkommen und diese Schlucht durchfahren, sagt sie. Da bis zum ZielHafen keine schwierigen Manöver mehr zu erwarten sind, kann man ohne weiteres noch mehr Fleisch an Bord nehmen, wenn das Schiff nicht ausgelastet ist. Da diese FischSaurier - sie verwendet deren Namen, aber ich kann ihn mir nicht merken - sehr scheu sind und sich vor einem Schiff in Sicherheit bringen, muß man sie gezielt aufstöbern und zwingen, an die OberFläche zu kommen, damit man sie bekämpfen kann.
Woran hat man gemerkt, daß an genau der Stelle ein FischSaurier unter der WasserOberfläche trieb? Ragten Teile seines Körpers aus dem Wasser heraus? Wir hatten ja nichts dergleichen gesehen.
Nein, antwortet Chrwerjat, das Tier ist schon gescheit genug, in große Tiefe abzusinken und dort das VorbeiZiehen dieses Schiffes abzuwarten. Es ist nämlich sehr scheu.
Aber ein Tier dieser Größe hat einen ganz ordentlichen GrundUmsatz, auch wenn der GrundUmsatz pro KiloGramm KörperGewicht bei allen Tieren in der Welt der GranitBeißer wesentlich geringer ist als an der ErdOberfläche, und Saurier ohnehin keinen übertrieben heiß brennenden Metabolismus haben. Aber ein paar KiloWatt kommen da schon zusammen. Nicht daß Chrwerjat den Begriff 'KiloWatt' verwendet, aber sie vergleicht die Erzeugung von KörperWärme des Sauriers mit der Erzeugung von KörperWärme bei Menschen. Da kann ich es ungefähr ausrechnen.
Diese Wärme erzeugt einen AufwärtsStrom im Wasser, der sich an der OberFläche teilt und nach allen Seiten auseinander driftet. An kleinen, treibenden Gegenständen auf der WasserOberfläche - BlattStücke, Blasen - kann man es erkennen, wenn man das lange genug geübt hat.
Außerdem hat sich das Tier noch einige Zeit vorher, als das Schiff noch nicht in Sicht war, bewegt, und die Reste der verwirbelten Strömungen kann eine geschulte Beobachterin auch erkennen.
Deshalb sahen mehrere Menschen an Bord relativ genau, wo das Tier sein mußte. Lediglich die Tiefe war sehr unsicher. Aber da gab es ErfahrungsWerte. Und so war es möglich, schon mit dem ersten Schuß das Tier zu verletzen.
Dann bestand aber noch die Gefahr, daß das Tier sich unter Wasser davonmachen würde. Es ist also notwendig, dem Saurier sehr schwere Verletzungen beizubringen, und das gelingt mit der wiederholten Harpunierung auch nicht immer. Und da kommt Charmion in das Spiel. Sie ist unter Wasser sehr gewandt, schon seit frühester Jugend. Sogar unter den GranitBeißern sind ihre Fähigkeiten ungewöhnlich. Jeder andere hätte sich schon bei dem Sprung aus vierzig Metern Höhe verletzt, ganz besonders, wenn man dann auch noch Waffen mit sich führt. Aber danach noch in einige Dutzend Meter vorzustoßen, den Saurier zu finden, sein KopfEnde zu finden und dann dort, unter Wasser und kaum etwas sehend, die ersten tiefen Schnitte in das Gesicht zu setzen, das kann nicht jeder!
Wir erfahren jetzt auch, daß Charmion dieses Abenteuer praktisch unverletzt hinter sich gebracht hat. Daß sie bis auf ein Messer dabei alle Waffen verloren hat, spielt keine Rolle - das SaurierFleisch ist mehr wert. Einen Moment habe ich den Gedanken an diese Schwerter und Messer, die jetzt in der Schlucht irgendwo auf dem tiefsten Grunde liegen - viel weiter von jeder möglichen archäologischen Entdeckung entfernt als es Gegenstände aus den Kulturen auf der ErdOberfläche jemals sein können. Nicht weit davon entfernt wird jetzt der Kadaver des Sauriers liegen, wenn nicht das RestFleisch an den Knochen, eine Zeitlang aufgetrieben durch VerwesungsGase, den Kadaver noch einige Zeit am Schwimmen halten. Nein, was da passiert ist, wird durch archäologisches Vorgehen niemals ermittelt werden können. In unserem Kopf ist die einzige Spur dieser Ereignisse. Wir müssen diese Erzählung nach Hause bringen. Ob wir es jemals schaffen werden?
Wir hören Chrwerjat weiter zu. Das Thema schwenkt auf JagdStrategien. Nicht uninteressant, aber daß wir jemals an SaurierJagden teilnehmen werden ist unwahrscheinlich. Immerhin, es gibt eine ganze Menge Methoden, mit denen man mit wenig Aufwand diese großen und wenigstens zum Teil gefährlichen Tiere zur Strecke bringen kann. Das Attraktive an der Jagd von Sauriern ist, daß man erstens damit auf einen Schlag eine große Menge von LebensMitteln erhält, und daß zweitens das Fleisch von Sauriern sich auch ohne weitere Behandlung sehr lange hält. Daß es sehr strenge schmeckt, das stört die GranitBeißer nicht besonders.
Das wäre ein interessanter Hinweis an unsere Paläobiologen: Der geringe GrundUmsatz pro KiloGramm KörperGewicht bei diesen Tieren bewirkt ja auch, daß so alle interzellularen Vorgänge langsamer ablaufen, unter anderem auch die immunologischen Vorgänge, die beim lebenden Organismus den Angriff der MikroOrganismen abwenden. Also muß die Zusammensetzung der intrazellularen Flüssigkeit schon von sich aus so beschaffen sein, daß MikroOrganismen dort wenig Chancen haben.
Was das nun wirklich ist, was im Blute von Sauriern kreist und was sie davor beschützt, bei lebendigem Leibe zu verfaulen, das weiß ich nicht. Ich weiß ja nicht einmal, wie es sich damit bei den Reptilien, die wir auf der ErdOberfläche kennen, verhält, denn die haben ja auch einen geringeren GrundUmsatz als die WarmBlüter.
Es ist immer dasselbe. Immer wieder stößt man an die Grenzen seines eigenen Wissens. Immer wieder gibt es Grund, zu bedauern, daß man nicht öfter über den Zaun der Wissenschaft geschaut hat, die man zufällig studiert hat. Und immer wieder begegnet man Menschen, in unserer Welt da oben, meine ich, die es tatsächlich für ausreichend halten, in seinem ganzen Leben nur in einem Fach eine gewisse Expertise zu erreichen. Dabei sind die wesentlichen Kenntnisse einer Wissenschaft, jedenfalls bei den NaturWissenschaften, häufig überraschend wenig umfangreich, jedenfalls da, wo sie grundlegend und gut verstanden sind.
Niemand würde ernsthaft verlangen, daß der durchschnittliche Nicht-Biologe jedes BlütenBlatt klassifizieren kann. Aber die Prinzipien der Molekuarbiologie, die Rolle der DNS, und den Bergiff der Evolution, das muß man einfach kennen! Niemand würde ernsthaft von dem Nicht-Mediziner verlangen, alle anatomischen Einzelheiten des Menschen zu kennen. Aber daß GrundKenntnisse des menschlichen StoffWechsels, der Funktion des VerdauungsTraktes und des KreisLaufes notwendig sind, halte ich fast für selbstverständlich. Und doch begegnet man immer wieder Menschen, die unter dem Begriff 'Erkältung' eine wohldefinierte Krankheit vermuten, ohne auch nur rudimentär Einzelheiten über InfektionsWege und VirenGruppen zu wissen. Ja, der normale MitBürger geht mit seinem Körper so um wie ein AutoBesitzer, der seinen Wagen mit SalzWasser wäscht und gelegentlich der TankFüllung Honig zusetzt.
Es ist ja noch spaßiger. Gerade über medizinische Zusammenhänge reden die am allerausdauernsten, die am allerwenigsten davon verstehen. Das scheint eine allgemeine Erscheinung zu sein: Auch das Wetter ist ein beliebtes AllerweltsThema, obwohl nur eine verschwindend geringe Minderheit der Bevölkerung eine Ahnung vom Funktionieren einer Zyklone hat oder die elementaren Vorgänge in einem Gewitter beschreiben kann. Und genauso symptomatisch ist es, daß sich wesentlich mehr Menschen für Astrologie interessieren als für Astronomie - wo doch die Astronomie als Wissenschaft einen ganz wesentlichen Vorteil hat: Der Gegenstand dieser Wissenschaft Astronomie existiert wirklich!
Also, ich brauche mich jedenfalls nicht zu schämen, wenn ich die Einzelheiten des StoffWechsels eines Reptils nicht kenne. Außerdem bleibt abzuwarten, ob hier, bei den GranitBeißern, die AllgemeinBildung, die jeder von ihnen im Prinzip haben könnte, auch vorhanden ist. Dazu muß ich allerdings erst einmal die Grenzen des Wissens dieser Menschen herausfinden. Hier im SprachUnterricht erfahren wir ja schon viel. Aber wenn ich daran denke, wie unsicher Chechmon mit dem Rechnen war - da muß es Leute geben, die das besser können. Denn wie baut man ohne einige ingenieurmäßige Kenntnisse ein solches Schiff, oder eine HarpunierEinrichtung?
Chrwerjat ist heute mißmutig und überhaupt nicht in Form. Irene flüstert mir irgendwann einmal zu, daß das daran liegen könnte, daß sie heute ihre Tage hat. Woher sie das wissen will weiß ich nicht. Vielleicht haben Frauen einen Riecher für den Zustand anderer Frauen. Einen Riecher im übertragenen Sinne, versteht sich. Denn etwas gezielt zu riechen ist bei dem GestanksKonzert an Bord für unsereinen nicht möglich.
Die Segel sind wieder vollständig gesetzt, und so können wir unsere weitere Fahrt vom MastHaus aus nicht verfolgen. Nichts, was den SprachUnterricht stören würde. Deshalb machen wir ununterbrochen weiter bis um 21 Uhr. Dann haben wir alle keine Lust mehr.
16.2 Die SäulenWaldSee
Als wir nach dem AbendEssen, das wir wieder nicht mit den anderen zusammen, sondern alleine im MastHaus eingenommen haben, noch etwas unten auf Deck stehen, sehen wir, daß sich die Landschaft wieder verändert hat: Der See ist jetzt immens breit. In allen Richtungen sind wir weiter als fünfzehn Kilometer von den endgültigen Begrenzungen des Sees entfernt. Natürlich sind überall, im Abstand von einigen Kilometern untereinander, gebirgige Inseln, die sich um eine Säule gebildet haben. Die HöhlenDecke ist also nicht über mehr als dreißig KiloMeter freitragend, sondern wie bisher höchstens über SpannWeiten von um die acht bis zehn KiloMeter.
Der ganze See macht den Eindruck eines gigantischen Waldes, in dem die BaumStämme, die Säulen, in einer NebelSchicht in geringer Höhe verschwinden, bevor sie sich in Ästen verzweigen. das Auge versucht immer, bekannte Interpretationen zu finden. Aber die AusMaße dieser Höhle sind unverkennbar. Das Schiff bewegt sich inzwischen mit vielleicht zwei KiloMetern pro Stunde, weil der Wind etwas zugenommen hat. Und trotzdem muß man sehr genau hinsehen, wenn man erkennen will, wie sich ferne Berge und Säulen langsam vor dem HinterGrund verschieben.
Die Lethargie an Bord hat zugenommen. Wir haben von Chrwerjat gehört, daß sich ein Mann während des letzten Kampfes mit dem FischSaurier schwer verletzt haben soll. Sie hat aber nicht gesagt, wie schwer, und wir sehen auch niemanden, der Anzeichen einer solchen Verletzung hat. Ich nehme fast mit Sicherheit an, daß dieser Mann die Standard-Behandlung für schwerverletzte Männer erhalten hat: Er liegt bestimmt schon in der SpeiseKammer. Wer weiß, vielleicht machen sie es mit allen so: Auf dem ganzen Schiff gibt es nur gesunde Menschen. Keine Behinderungen, keine Schwäche durch hohes Alter oder chronische Krankheiten. Allerdings will ich da keine voreiligen Schlüsse ziehen. Schließlich, wenn eine außerirdische Expedition ausgerechnet im Gebiet einer BundeswehrKaserne landet, werden sie auch nicht gleich auf die Idee kommen, festzustellen, daß alle Menschen, die älter als zwanzig sind, fast ausnahmslos irgendwie beseitigt werden.
Um 23 Uhr gehen wir schlafen. Der Wind frischt weiter auf, und das Knarren in der Takelage erinnert an romatische SeefahrerAbenteuer, die man nie selbst erlebt hat.
Erlebt man so etwas selbst, wie wir es jetzt tun, dann ist es nicht romantisch.
******** 017. Tag: Montag 1995-09-04 ********
17.1 Verhör
Aufwachen um 8 Uhr, aber keine normale TagesRoutine: Als wir gerade eben das FrühStück hinter uns haben, betritt Chechmon das MastHaus. Leider ist sie nicht alleine, die Kommandantin Cherkrochj kommt gleich hinter ihr.
Cherkrochj macht den Eindruck, als ob sie gerade eben aufgestanden ist. Sie hat nur ihren LederstreifenRock an und das obligate Schwert umgegürtet. Ob sie aus Nachlässigkeit, oder wegen der Hitze, oder um die Gefangenen, denen das offenbar peinlich ist, zu beeindrucken, so barbusig herumläuft, kann ich nicht herausfinden. Vielleicht hat sie sich auch überhaupt nichts dabei gedacht. Ich denke mir jetzt auch nichts dabei, denn sie ist bestimmt nicht gekommen, um über KleiderOrdnung zu diskutieren.
Sie deutet an, daß wir uns in der Mitte des MastHauses auf dem Boden gegenübersetzen. Drei Plätze bleiben frei. Also kommt noch jemand. Es dauert eine Zeit, in der niemand spricht. Dann betritt Chrwerjat den Raum, gefolgt von Charmion, dann Chrechat, die bei der JagdGruppe war, die uns gefangengenommen hat. Als endlich alle Platz genommen haben, eröffnet Cherkrochj das Gespräch:
"Wie kommt ihr mit der Sprache voran?" Sie sieht Irene an.
Irene sagt nichts. Während sie noch an der Antwort herumformuliert, springe ich ein:
"Die Sprache ist schwer. Aber es geht."
Pause. Cherkrochj verbirgt ihr Mißfallen nicht. Auch die nächste Frage richtet sie an Irene:
"Wie lange dauert es?"
Irene antwortet nicht, und ich auch nicht, weil mir jetzt einfällt, daß wir kein Wort für 'Jahr' haben. Hier unten gibt es kein Jahr.
"Fünf mal fünf mal fünf Tage." sage ich nach einer Weile. Bei der intensiven LernMethode ist das wohl ungefähr richtig. Jetzt, erst nach einigen wenigen Tagen schon gute Kenntnisse zu erwarten ist natürlich naiv, auch wenn, ob absichtlich oder nicht, die Methode von Chrwerjat und Chechmon schon recht brauchbar ist: Wir lernen ja all die neuen Begriffe gleichzeitig mit dem VertrautWerden mit dieser neuen Umwelt.
"Nicht gut." sagt Cherkrochj. Sie denkt nach und spielt dabei mit ihrer eigenen BrustWarze. Sie läßt einen Finger ein paarmal um dieselbe kreisen, und als sie sich aufgerichtet hat, drückt sie sie wieder wie einen KlingelKnopf in den Busen hinein. Ein paarmal wiederholt sie das Spiel. Niemand scheint das besonders zu interessieren, und wir hüten uns, uns irgendein Erstaunen anmerken zu lassen. Hatte Chrwerjat nicht erst vor zwei oder drei Tagen während des Unterrichtes ebenso gedankenverloren angefangen, sich zu mastubieren, damit aber sofort aufgehört, als sie unsere erstaunten Blicke bemerkte?
"Nicht gut." wiederholt Cherkrochj. Sie ist wohl intelligent genug, zu wissen, daß es manche Vorgänge gibt, die man nicht beliebig beschleunigen kann. Damit weiß sie immerhin mehr als so mancher Manager in gewissen IndustrieBetrieben bei uns da oben.
"Woher kommen?"
Sie erwartet wohl schon, daß ich antworte. Soll ich mir irgend etwas ausdenken? Ich weiß schon, wenn ich mir irgendeine PhantasieGeschichte ausdenke, dann bin ich lange daran gebunden, und es könnte sehr schwierig werden, die Geschichte in sich konsistent zu halten. Besser, man erzählt die Wahrheit, wenn nicht unbedingt etwas anderes erforderlich ist. Die Wahrheit ist automatisch in sich konsistent. Der Spruch 'Lügen haben kurze Beine' ist nämlich gar kein moralischer Imperativ. Er ist eine Aussage, die ein Informatiker sich ausgedacht haben könnte: Es ist schwer, sich große, formale Systeme so auf Anhieb widerspruchsfrei auszudenken. Große, formale Systeme meint in diesem ZusammenHang eine ausgedachte Geschichte. Deshalb habe ich mich auch nie in meiner FreiZeit-SchriftStellerei an Romane gewagt, nur an KurzGeschichten - es wäre zu peinlich, wenn man gewisse wesentliche Fakten während des Schreibens eines Romanes vergißt, wenn zum Beispiel Personen wieder auftreten, die bereits ums Leben gekommen sind.
Irene kennt diese Vorsicht und diese Überlegungen nicht. Manchmal kriege ich von ihr sehr elaborierte Anweisungen, wer von unserer Verwandschaft was aus unserem PrivatBereich wissen darf. Wenn dieses Netz solcher Anweisungen zu kompliziert wird, dann passieren mir natürlich Fehler, und dann gibt es natürlich EheKrach. Und dann hilft mir einer meiner philosphischen GrundHaltungen gar nichts mehr: Es ist dem Menschen nicht bestimmt, seine Zeit mit EheKrach zu vertun. Das liegt vielleicht daran, daß sich Philosophie und Ehe sowieso nicht so besonders gut vertragen.
Okay - da ich im Moment hauptsächlich antworte, wird sie nicht anfangen können, Cherkrochj irgendwelche ausgedachten Dinge aufzutischen. Wir bleiben bei der Wahrheit.
"Wir kommen von der Welt ganz oben." sage ich.
Cherkrochj versteht das nicht:
"Wo oben?"
"Hoch oben, über diesen Höhlen, über den höchsten Säulen, über der HöhlenDecke!"
"Das ist unmöglich."
"Wieso? Wir kommen von da. Es ist möglich!"
"Da ist nur Stein. Wie könntet ihr in Gestein leben?"
"Nein. Da ist Luft und Wasser und Berge, wie hier!"
"Andere Höhlen?"
"Nein, da ist ..." wie soll man ihr das erklären? "... da ist eine Höhle ohne Begrenzung, ohne Decke."
"Nein. Das gibt es nicht." Cherkrochj ist sich ziemlich sicher.
"Das gibt es doch." sage ich bestimmt, "Die Welt ist da oben nicht zu Ende. Unsere Welt ist groß und weit."
"Größer als diese Welt?"
"Natürlich. Viel größer."
"Unsinn." Cherkrochj ist verärgert. "Jeder weiß das: Die Welt ist nur stabil, weil sie in alle Richtungen aus Stein besteht - der Stein der Schöpfung. Es gibt nur diese Höhlen. Noch größere Höhlen würden einstürzen. Jeder weiß das. Auch mehrere solche Höhlen nebeneinander würden einstürzen. Deshalb ist dieses die WeltHöhle, weil sie die einzige Höhle ist, die existiert. Alles andere wäre eine Beleidigung des ewigen WeltGesteins. Diese WeltHöhle ist die einzige, und sie ist ewig."
So oder so ähnlich drückt sie es aus. Der alte GegenSatz zwischen einem zu engen WeltBild, das der Wirklichkeit nicht entspricht, und der Wirklichkeit.
"Ewig ist nichts," wage ich mich vor, "auch nicht bei uns da oben."
"Ihr kommt von den Gebieten hinter der Welt. Oder ihr kommt von den Toten Städten." stellt Cherkrochj fest, "Eine andere Möglichkeit gibt es nicht."
Wieder die Toten Städte, die wir auch schon so bezeichnet haben. Mal sehen, ob wir da weiter kommen:
"Wir haben eine Tote Stadt gesehen," erkläre ich, "als wir in diese Welt abstiegen. Sie sind in der Tat tot, aber wir haben nichts damit zu tun. Unsere Welt liegt weit über diesen Toten Städten."
Cherkrochj blickt mich böse an. Wer weiß, was ihr als nächstes einfällt.
"Wir haben einen Weg in Eure Welt gefunden - einen verlorenen Weg. Es ging durch dunkle HöhlenGänge in die Tiefe, dann kam das Licht, und dann mußten wir über SeilBrücken, die so hoch über den Wolken waren wie wir jetzt darunter sind!"
Fahre ich fort. Hoffentlich war die Grammatik richtig genug. Cherkrochj holt Luft, um etwas zu erwidern, aber Chrwerjat fällt ihr in das Wort:
"Das stimmt, Kommandantin. Es gibt Überlieferungen über geheime Wege, auf denen man weit über die Toten Städte hinaus gelangen kann - bei einigen Städten, nicht bei allen. Wohin diese Wege führen ist nicht bekannt. Diese hier können von diesen Wegen nichts wissen - ich habe es ihnen nicht erzählt. Sie müssen selbst dort gewesen sein!"
Wieder Schweigen. Dann:
"Wie sind sie genau heruntergekommen?"
Chrechat antwortet kurz für uns. Wahrscheinlich beschreibt sie den Ort, wo wir gefangen genommen wurden, und den Weg zum Schiff. Komisch, daß sie das nicht ganz am Anfang getan hat, als wir auf das Schiff gebracht wurden. Oder sie frischt diese Information in Cherkrochjs Gedächtnis wieder auf.
Danach komme ich dran. Den Weg von der toten Stadt zum Ort unserer FestNahme kann ich recht gut wiedergeben, und Cherkrochj scheint ungefähr zu wissen, wovon die Rede ist. Die Hängende Straße ist ihr bekannt, entweder aus eigener Anschauung oder von HörenSagen. Auch den HinrichtungsPlatz mit den Kreuzen kennt sie. Aber jenseits der Abzweigung des FahrWeges zur Toten Stadt weiß sie nichts mehr - den Weg, den wir gekommen sind, kennt sie nicht, obwohl es sich ja noch, bis weit in die SäulenWand hinein, um einen gut ausgebauten FahrWeg gehandelt hat. Erst hoch oben in der Säule begann der KletterSteig, oder er endete dort, je nachdem auf welche MarschRichtung man sich bezieht. Eigentlich komisch, denn es waren ja nirgends, meiner Erinnerung nach, Vorkehrungen getroffen worden, um den Weg selbst oder eine seiner Abzweigungen irgendwie zu verbergen.
Ich habe den Eindruck, daß diese Gebiete, die über den Wolken liegen, für die GranitBeißer tabu sind, warum auch immer. Cherkrochj gibt mir darüber keine Auskunft: Sie ist es, die fragt, nicht wir.
Ich muß noch Einzelheiten der KletterSteige und der SeilBrücken beschreiben. Besonders das Material der SeilBrücke, diese StahlSeile, verwundert sie: Aus Eisen macht man Schwerter und keine Seile. Wie sollte das denn gehen? Und warum rosten diese Seile nicht, wie unbenutzte Schwerter?
Bei der Beschreibung der noch höher gelegenen Teile unseres HerWeges fällt mir auf, daß sie nicht danach fragt, wie wir uns trotz der Dunkelheit orientiert haben. Wahrscheinlich hat sie es nicht begriffen, denn wer in diesem ständig gleichbleibenden DämmerLicht lebt, dem ist der Begriff der Dunkelheit, jedenfalls im Freien, vielleicht völlig fremd.
Es geht Cherkrochj nicht gleich auf, daß man im Dunkeln ein OrientierungsProblem haben könnte. Aber Charmion ist fixer. Sie fragt nach. Ich packe meine DynamoLampe aus und führe sie vor.
Damit erwecke ich endlich echtes Erstaunen. Das Licht ist zwar schwach, aber das einzige künstliche Licht, das man hier kennt, ist Feuer. Deshalb erstaunt es alle Anwesenden, daß man sich nicht verbrennt, wenn man vorne auf den Reflektor der Lampe faßt.
Jeder will es ausprobieren. Cherkrochj äußert sich zwar einmal abfällig über die geringe LichtStärke, aber sie ist dennoch beeindruckt. Und als sie die Lampe pumpt, wie ich es ihr zeige, habe ich ein ungutes Gefühl: Hoffentlich wendet sie nicht zuviel Kraft an. Dann ist die Lampe hin, und unsere Möglichkeiten, nach hause zu kommen, wären noch weiter eingeschränkt.
"Gibt es solche Geräte in eurer Welt, Kommandantin?" frage ich.
"Nein."
"Glaubst du dann, daß wir aus einer anderen Welt kommen?"
Sie zuckt mit den Schultern. Immerhin, sie geniert sich nicht, ihr Erstaunen einzugestehen.
"Dieses ist nur eine schwache Lampe. Wir haben da oben bessere. Manche sind so hell, daß sie die Augen ausbrennen, wenn man hineinsieht, so hell, daß sie alles weitaus heller machen als das Licht hier!"
"Das glaube ich nicht." stellt Cherkrochj fest, aber es klingt nicht überzeugt.
"Welchen Grund hätten wir, dich zu belügen, Kommandantin?" frage ich.
Das weiß sie auch nicht. Sie bricht das Gespräch ab. Vielleicht will sie noch abwarten, bis unsere Kenntnisse dieser Sprache noch besser geworden ist. Sonst kommt es zu leicht zu MißVerständnissen.
Die DynamoLampe händigt sie mir wieder aus. Ob sie mir meine Erleichterung ansieht? Ein anderes Szenario, das mir auch noch eingefallen ist, ist dieses: Sie behält die Lampe. Aber vielleicht hat sie Angst vor Feuer, oder vor Dingen, die sie nicht versteht, und deshalb möchte sie, daß der OriginalBesitzer weiter auf diesen seltsamen Gegenstand aufpaßt.
Als Cherkrochj, Charmion und Chrechat gegangen sind, fahren Chechmon und Chrwerjat gemeinsam mit dem SprachUnterricht fort. Wir erfahren recht schnell, daß es noch weitere Interviews oder Verhöre oder wie immer man es nennen will, geben wird. Deshalb werden wir jetzt, in Rahmen des SprachUnterrichtes, auch unsere eigene Welt beschreiben müssen, damit dann genügend Worte zur Verfügung stehen.
Es stellt sich aber schon sehr bald heraus, daß es für viele Dinge in unserer Zivilisation in der Xonchen-Sprache gar keine Wörter gibt. Chrwerjat läßt sich zum Beispiel noch einmal die DynamoLampe zeigen, um sich erklären zu lassen, wie sie funktioniert. Das geht völlig schief. Wie hätte man einen Menschen des MittelAlters solche Konzepte wie Spannung, Strom, Widerstand und elektromagnetische Induktion erklären sollen? Gehen doch die meisten ZeitGenossen in unserer Welt da oben mit solchen Dingen nur vermöge Gewöhnung so unbefangen um, nicht vermöge eines weitergehenden Verständnisses für technische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge. Gewöhnung an elektrisches Licht kann man mit einer DynamoLampe aber nicht erzeugen.
Auch andere Dinge greifen sie wieder auf. Beide geben sich Mühe. Aber das Konzept einer unbegrenzt weiten Höhle ist zu schwer für sie. Sie erzählen uns, daß kleine Kinder, bevor sie lernen, daß hinter den ewigen, leuchtenden Wolken eine dunkle HöhlenDecke ist, manchmal Vorstellungen von einem unendlich weit ausgedehnten Raum entwickeln. Aber das gibt sich natürlich, wenn sie erst älter werden und in der Welt Bescheid wissen.
Wenn ihre Phantasie gekappt worden ist, denke ich mir. Schade. Wird bei den Kindern in dieser Welt die Phantasie auch als so unerwünscht und nutzlos angesehen wie bei uns?
In aller Bescheidenheit unterlasse ich es dann, zu versuchen, Astronomie und GravitationsGesetz zu erläutern. Gerade noch, daß ich glaubhaft machen kann, daß bei uns die Hälfte der Zeit ein grelles Licht am Himmel steht. Das glauben sie wahrscheinlich nur deshalb, weil in einigen ihrer Sagen, die sie uns erzählt haben, solche Hinweise vorkommen.
******** 018. Tag: Dienstag 1995-09-05 ********
18.1 KüchenGespräche
Nach unserer Zeit um MitterNacht ist der SprachUnterricht wieder zu Ende, für heute. Zwei Stunden vor Beginn der SchlafPeriode können wir wieder an Deck gehen.
Das Bild ist immer noch ähnlich dem, wie wir es vor siebenundzwanzig Stunden gesehen haben. Der See ist immer noch groß, obwohl wir im Verlaufe des letzten Tages zwischen fünfundzwanzig und fünfzig Kilometer zurückgelegt haben müssen, vielleicht sogar noch mehr. Der Wind war wechselnd, zwischen schwach und sehr schwach. Genaues kann man also nicht sagen.
Eine Säule, die wir in einigen KiloMetern Entfernung dwars backbord sehen, ist irgendwann in grauer VorZeit in der Mitte abgebrochen. Sie reicht bis dicht unter die WolkenDecke. Das abgebrochene Stück liegt einige Kilometer entfernt im See, ein vier Kilometer langer und zwei Kilometer durchmessender Zylinder, der etwa zur Hälfte unter Wasser liegt. Seine Rundung ist dicht mit Urwald bewachsen, und nur die StirnFlächen weisen steilste, zerrissene und überhängende Felsen auf. Aber auch das noch stehende TeilStück ist oben, viereinhalb bis fünf KiloMeter über dem See, dicht mit Urwald bewachsen. Die Unregelmässigkeiten der BruchStelle bilden da oben ein kleines, unzugängliches MiniaturGebirge, eine kleine, abgeschlossene und unzugängliche Welt von drei QuadratKilometern.
SteuerBord vorraus gibt es eine gedrungene Säule, die mindestens dreieinhalb KiloMeter dick sein muß. Schon unter der permanenten WolkenDecke weitet sich diese Säule auf sechs KiloMeter aus, bevor sie in der weißgrauen Schicht verschwindet. Ist das schon die richtige HöhlenDecke, die an der Stelle dort eben sehr niedrig ist? Oder gibt es dort geologische Strukturen auf halber Höhe, so wie dort, wo wir abgestiegen sind?
Diese dicke Säule fällt fast ohne VorGebirge in das Wasser ab. Aus dieser Entfernung kann man nur einen dünnen, mehrfach unterbrochenen Streifen Vegetation rund um diese Säule sehen - ein kleines Biotop für sich.
Allmählich denke ich, daß es in dieser Höhle, der 'WeltHöhle', wie die GranitBeißer sagen, viele solcher abgeschiedenen Enklaven gibt, wo niemand hinkommt, solange die Welt so dünn besiedelt ist wie jetzt.
Als Irene und ich zum VorSchiff gehen, um die Landschaft genau in FahrtRichtung zu betrachten, finden wir dort Charmion, ganz alleine. Sie sitzt auf einer Kiste und blickt starr auf die See vor uns. Sie hat uns wohl bemerkt, aber sie sieht sich nicht um. Von Gefangenen kann ja keine Gefahr ausgehen, selbst, wenn sie ihr im Rücken stehen. Oder wer weiß, vielleicht vertraut sie ihren Reflexen so, daß sie es für unmöglich hält, jemand, oder wenigstens wir, könnten sie von hinten plötzlich angreifen oder ihr sonstwie gefährlich werden?
Irene ist sofort negativ eingestimmt, aber ich würde ganz gerne versuchen, ein Gespräch anzufangen. Vielleicht bekommt man etwas heraus. Aber Irene ist sauer. Charmion hat ihr zuviel Sexappeal.
"Ein Vorschlag zur Güte," sage ich, "du sprichst mit ihr, und ich gehe in die Küche und rede ein bißchen mit dem Koch. Ich muß uns sowieso noch etwas zu essen holen. Einverstanden?"
Irene ist einverstanden, und ich trolle mich.
Der Koch ist mit den üblichen Vorbereitungen beschäftigt. Er hat alle Hände voll zu tun, und ich biete an, ihm beim Umdrehen des Fleisches auf dem Ofen zu helfen, so, wie ich es schon getan habe. Ich weiß natürlich, daß es sich bei dem Fleisch wenigstens zum Teil um MenschenFleisch handelt, aber jetzt ist nicht die Zeit für Pietät.
Ich probiere ein paar einfache Sätzchen aus. Wir wechseln ein paar Worte über das Wetter, und ich erfahre, daß wesentlich stärkere Winde sehr selten sind, jedenfalls hier. Allerdings gibt der Koch zu, daß der Wind im Moment sogar außergewöhnlich schwach ist.
Ich versuche, herauszukriegen, ob es auf diesen Meeren so etwas wie Stürme gibt, dieser Versuch scheitert aber ganz kläglich wegen meinem beschränkten WortSchatz: Der Koch hat nicht die Spur einer Idee, wovon ich rede.
"Was bekommt man dafür, als Koch auf diesem Schiff zu fahren?" frage ich dann.
Baßes Erstaunen. Das Konzept einer materiellen Entlohnung hat er aus meiner Frage heraus zwar schon begriffen, und das auch überraschend schnell, aber daß er selbst dafür etwas kriegen könnte, das scheint ihm sehr weit hergeholt.
Er erzählt, daß er als Koch mitfahren darf, obwohl er eigentlich für die SeeFahrt schon zu alt ist. Früher hat er als Matrose vor dem Mast gearbeitet, schon als er ein kleiner Junge war. Es ist der Beruf, den er gelernt hat und den er liebt. Und als Koch zu fahren ist immer noch besser als an Land arbeiten zu müssen, als HolzFäller oder als Schlachter oder auch als Koch in einem der Paläste von Grom, oder gar als Bettler auf der Straße zu vegetieren.
"Grom?" frage ich.
"Die Stadt Grom."
"Ich denke, wir fahren nach ... ich weiß nicht, aber ich glaube, mir wurde ein anderer Name genannt." überlege ich, während ich das Fleisch drehe. Der Koch ist über die Gelegenheit zu einem Schwätzchen sichtlich erfreut, im Moment steht er mit verschränkten Unterarmen da, während nur ich arbeite. Daß ihm jemand freiwillig hilft, und sei es auch nur für einen kurzen Moment, das hat er noch nie erlebt, glaube ich.
"Grom hat viele Namen. Ich kenne nicht alle. Sie heißt auch 'Stadt der Funken', und sie hat fast fünf mal fünf mal fünf mal fünf mal fünf Einwohner. Die größte Stadt der Welt."
So, denke ich, fünf hoch fünf. Das sind 3125. Da ist Aying bei München größer.
"Wieso 'Stadt der Funken'?" frage ich.
"Grom liegt teilweise auf einem Berg, der aus Kristallen aufgebaut ist. Wenn man von See her ein starkes Licht erzeugt, etwa mit einem großen Feuer, dann sieht der Felsen, auf dem Grom liegt, wie eine Kaskade von Funken aus, besonders, wenn es wegen schlechten Wetters dunkel ist."
Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden. Worte für 'Kristall' und 'Kaskade' haben wir im SprachUnterricht noch nicht gehabt.
"Weißt du, was mit uns in Grom geschieht?" frage ich.
"Nein. Warum sollte mir jemand das mitteilen?"
"Seid ihr denn nicht neugierig, wenn Fremde an Bord kommen?"
"Doch, schon. Aber wenn wir dumme Fragen stellen, dann bestrafen uns die Herrinnen furchtbar."
"Mit 'uns' meinst du alle Männer an Bord?"
"Ja, natürlich!"
"Und warum laßt ihr euch das gefallen?"
Das versteht er nun überhaupt nicht. Über so schwierige Fragen will er wohl nicht reden. Plötzlich hat er es sehr eilig, anzufangen, die MahlZeiten zuzubereiten, und ich ziehe mit meiner Portion GrünZeug in Richtung vorderes MastHaus ab.
"Was hast du herausgefunden?" frage ich Irene, als wir uns im MastHaus treffen.
"Nicht viel. Wir sind Gefangene. Das hat diese Charmion mir deutlicher gesagt als ich das jemals vorher hier gehört habe. Und wo wir hingebracht werden, will sie mir nicht sagen."
"Wir werden nach Grom gebracht!" werde ich meine Neuigkeiten los, "Der Koch war gesprächiger!"
"Aha. Und was ist Grom?"
Ich erzähle ihr alles, was ich weiß. Ist ja nicht viel. Und wie lange es noch dauert, bis wir dort sind, weiß ich auch nicht.
"Und warum werden wir nach Grom gebracht?"
"So gesprächig war der Koch nun nicht. - Was hat das Mädchen noch gesagt?" frage ich.
"Nichts. Sich mit einer Gefangenen zu unterhalten war wohl unter ihrer Würde! Sie hat sich dann sofort verzogen."
"Naja. Jedenfalls geben sie sich mit uns Mühe," fasse ich zusammen, "mit dem SprachenLernen und so. Da werden wir sobald wohl nicht in ihren KochTöpfen landen."
"Aber wir werden jetzt in der Falle landen." bestimmt Irene, "Herwig, du bist jetzt müd."
Aha. Da kann man nichts machen.
18.2 Fjorde, Wracks und Landschaften, NamensRegeln und Medizin
Etwa um 11 Uhr an demselben Tag stehen wir wieder auf. Der See ist wieder zu einer nur noch einige KiloMeter breiten WasserFläche geworden, die an beiden Seiten von Bergen umrandet ist. Wie groß der ausgedehnte 'SäulenWaldsee', wie ich ihn für mich getauft habe, nun wirklich gewesen ist, das kann ich nur höchst ungenau erraten. Die Karte, die Chechmon im SprachUnterricht gezeichnet hat, ist da auch nicht von Nutzen - darauf ist dieser See gar nicht zu identifizieren!
So gegen 12 Uhr nimmt die Steilheit und Höhe der Berge an beiden Seiten wieder zu, während der DurchMesser des Sees auf einige hundert Meter abnimmt. Die Umgebung sieht jetzt norwegischen Fjorden sehr ähnlich, insbesondere auch deshalb, weil die FelsWände rundherum an vielen Stellen unseres FahrtWeges den Blick auf die Säulen völlig verstellen. Dann kann man sich wirklich im Geiranger-Fjord bei bedecktem Himmel glauben. Allerdings sind diese FelsWände hier um einiges höher.
Ich habe den Eindruck, daß wir durch ein Gebiet fahren, das aus einer HochEbene besteht, die etwa zweieinhalb Kilometer über dem WasserSpiegel liegt und die durch diesen Fjord und seine Abzweigungen geteilt ist. 'HochEbene' ist natürlich ein relativer Ausdruck, es handelt sich, von der Welt da oben aus gesehen, um einen acht Kilometer tief liegenden HöhlenGrund. Aber unser StandPunkt ist jetzt hier unten, und damit heißt es 'HochEbene', basta.
Die Wände des Fjordes sind natürlich nicht geometrisch vollkommen, wie man sich das als Kind im SchulUnterricht manchmal naiverweise vorstellt, wenn der Lehrer von dem U-förmigen Profil eines Norwegen-Fjordes erzählt. Da sind viele Kanten, VorSprünge und Abzweigungen, die Breite der WasserStraße schwankt dauernd zwischen einigen hundert Metern und auch mehreren KiloMetern. Die Abzweigenden Fjorde sehen genauso aus, alle steil und wild und unzugänglich, und nach welchen GesichtsPunkten das Schiff in welche Abzweigung gesteuert wird, bleibt uns verborgen.
Da gibt es entlegene Hänge auf halber Höhe der FelsWand, die an ihrem unteren Ende direkt in einen senkrechten SteilAbfall übergehen, und die weit oben, schwer zu erkennen, sich in irgendwelchen nebeldurchwogten Spalten verlieren, die klettertechnisch genauso abenteuerlich sind wie eine senkrechte Wand. Diese Hänge zu erreichen würde solche KletterAnlagen erfordern, wie wir sie erlebt haben - so häufig sind diese KletterAnlagen nun aber auch nicht. Und die bloße Vorstellung, irgendwie in diesen HochHang verschlagen worden zu sein und dann überlegen zu müssen, wie man da wieder rauskommt, gibt diesen angenehmen Kitzel in der MagenGrube, der Vorbote des HöhenSchwindels, der noch nicht direkt die eigene Person bedroht. So ähnlich wie auf der MastSpitze, vor einigen Tagen.
Solche abenteuerlichen Plätze sehen wir dauernd, immer wieder in neuen Kombinationen, in immer wieder neuen Variationen der Unzugänglichkeit. Das Auge wird müde und wendet sich innerlich ab von dem ÜberMaß dieser Landschaft. Es ist zu viel. Zu viel auf einmal. Wenn man in einem Büro in München sitzt und dort seine Arbeit tut, dann mag man sich nach wilden BergTälern sehnen, hier ist man dankbar, wenn man irgendwo eine Formation sieht, auf der man stehen kann, eine wenn auch noch so kleine waagerechte Fläche!
Das erste Mal habe ich diesen Landschafts-ÜbersättigungsEffekt auf einer RadTour erfahren, die ich kurz nach meinem Studium von Deutschland aus in das schottische HochLand unternommen habe. Die ganze Zeit, vom SeeHafen Harwich aus bis zum Erreichen SchottLands, etwa bei Gretna Green, habe ich die vielbefahrenen 'Trunk-Roads' zum Teufel gewünscht, vierzehn Tage lang habe ich die schottischen Berge herbeigesehnt. Und dann kam ich in die Southern Uplands, und mit einem Male hatte ich meine Berge. Alle paar hundert Meter ein neuer BlickWinkel, Steigungen und Gefälle, die einen RadFahrer sehr viel intensiver mit einer Landschaft verbinden als einen PKW-Fahrer, WildBäche und FlußNiederungen und Berge und natürlich immer wieder neue RegenSchauer - wer im August noch nach SchottLand fährt, darf nicht wasserlöslich sein. Und der August 1979 soll in SchottLand nicht einmal besonders regnerisch gewesen sein.
Nach ein paar Tagen hatte ich jedenfalls auf eine merkwürdige Art die Nase voll. Nicht vom Regen - die zwei Wochen davor war ich in SüdEngland ja auch schon gegen das Wetter immunisiert worden. Es waren die kahlen Berge selbst, die mir seltsam zuwider waren, wie sehr ich mich auch vorher angestrengt hatte, sie zu erreichen. Jetzt ist es hier dasselbe. Landschaften in verschiedensten Variationen hatten wir in den letzten zwei Wochen satt. Aber es geht immer weiter, und immer noch fällt der Natur ein neues Gemälde ein, daß wir so zuvor noch nicht gesehen haben, und immer umfangreicher wird die Menge der neuen Landschaften, die man memorieren könnte - und auch memorieren müßte, wenn wir je alleine zurückfinden wollten - und die, der bloßen Menge der angebotenen Bilder wegen nicht mehr memorierbar ist. Sicher, die ersten Blicke auf diese Welt, die Blicke von der SeilBrücke aus und vielleicht die vom Abstieg auf dem KletterSteig aus, die werden uns im Gedächtnis bleiben, solange wir leben. Wir hatten auch genügend Angst, und Angst treibt Erinnerungen in den Schädel. Jeder Neurologe kann erklären, warum das so ist.
Aber dann blieben wir in der fremden Welt, und wie aus unserer eigenen Welt bleibt uns nicht alles im Gedächtnis, was man je gesehen und erlebt hat. Wenn das so wäre, welche abendfüllenden Filme könnten wir jederzeit im Geiste aufrufen!
Aber es ist gut, daß es so ist, und daß wir nicht in unseren Erinnerungen ertrinken können. Die meiste neuronale Arbeit beim Wahrnehmen dient nur dazu, Informationen wegzuschmeißen und nur das relevante zu behalten - ein unermeßlich kleiner Ausschnitt der Welt. Die Gemälde bleiben nicht. Es sei denn, das Spiel der Gene hätte einen gerade dazu mit besonderer Begabung versehen. Der Künstler, oder auch der Eidetiker, beide an entgegengesetzten Enden des MethodikSpektrums der Wahrnehmung von Umwelt. Beide müssen für ihre Begabung - vielleicht - mit anderen Beschränkungen des Geistes bezahlen.
Vielleicht sind wir dummen, untalentierten DurchschnittsMenschen, die sich nicht einmal eine Reihe schöner Bilder merken können, eben deshalb in der Lage, die ÜberSicht darüber zu behalten, wo wir sind und was wir sind. Die Kunst der Abstraktion ist keine Gabe, sondern eine Behinderung. Wir müssen abstrahieren, ich muß es jedenfalls, um überhaupt etwas in meinen Kopf hineinzukriegen. Manchmal gelingt das, meistens nicht.
Und mit dieser supertouristikreifen Vorführung gelingt es überhaupt nicht mehr. Ich fürchte, ich muß den AugenBlick leben und erleben. Denn es wird nichts bleiben.
Nicht das erste Mal, daß ich daran denke, daß es mich vielleicht nur deshalb in die NaturWissenschaften verschlagen hat, weil ich mit der Gabe oder der Behinderung durch gutes AbstraktionsVermögen geschlagen worden bin: Außer Mathematik und Physik mit ihrem großen formalen Kontext und ihrem kleinen FaktenBestand geht keine Wissenschaft in meinen Kopf hinein. Schon gar keine humanistische.
Der Kompaß belegt, daß wir unsere Richtung jetzt sehr häufig ändern. Die Winde in diesem Tal sind unregelmäßig, aber die Kommandantin weiß, wo sie am ehesten in die gewünschte Richtung wehen. Die Rahen werden häufig bewegt, und es stehen immer zwei Frauen im RuderHaus auf dem DecksHaus. Meistens ist Cherkrochj eine davon.
Chrwerjat ist sehr spät zum SprachUnterricht erschienen, und sie scheint auch wenig Lust zu haben. Ich bringe es fertig, ihr vorzuschlagen, daß wir unsere Studien auf dem VorSchiff, auf der Seite auf dem ReelingsBalken sitzend, weiterführen. Dann können wir gleichzeitig die Gegend sehen und stehen doch niemandem im Wege.
Chrwerjat läßt sich überzeugen. So vergehen die nächsten Stunden auf eine Weise, die ich mir schon viel eher gefallen lasse. Unangenehm nur, daß man dauernd den Blick der Kommandantin im Nacken spürt.
Namen sind heute dran, Namen in der Gesellschaft der GranitBeißer. Man soll ja nicht glauben, daß das eine einfache Sache ist. Schon im Englischen sind Namen eine Wissenschaft für sich. Alle sonst gültigen Regeln für die AusSprache gelten für englische EigenNamen höchstens zufällig.
Im Xonchen-Dialekt ist es schlimmer. Wo sonst kommt es vor, daß sich Namen mit der TagesZeit ändern? Das ist, als würden wir dieselbe Person mit 'Guten Morgen Günther' und acht Stunden später mit 'Guten Abend, Klaus' begrüßen! Ein Konzept, das wirklich gewöhnungsbedürftig ist.
Naja, vielleicht nicht ganz. Daß wir in unserem Lande ganz genau denselben TatBestand auch mit sehr unterschiedlichen Begriffen belegen, ganz besonders in der Politik, das ist uns ja auch schon in Fleisch und Blut übergegangen. Aber in der XonchenSprache ist die tagesperiodische Veränderbarkeit von Namen eine Eigenschaft der Sprache.
Zum Glück gilt das nicht für alle Namen. Und es gibt wenigstens ein paar Regeln, die man sich merken kann.
Die Namen von Frauen fangen allermeistens mit 'Ch ...' an. Danach kommt oft eine für uns ungewohnte Menge an weiteren Konsonanten, bis endlich mal ein Vokal das Ganze in den Bereich der AusSprechbarkeit bringt. 'Charmion' und 'Chbesmoi' sind da schon Ausnahmen, weil in beiden Namen sogar zwei Vokale hintereinander vorkommen.
Ich frage nach den NamensRegeln für die Namen der Männer. Chrwerjat sieht mich überrascht an: Männer haben keine Namen, erfahre ich! Behauptet sie jedenfalls. Oder sie weiß es nicht besser.
Ich stelle sofort klar, daß ich einen Namen habe, und daß ich wünsche, daß der auch gebraucht wird, wenn es notwendig ist. Das scheint für Chrwerjat sehr fremdartig zu sein. Ein Mann, der auf etwas besteht, was wir als 'bürgerliches Recht' bezeichnen würden. Dazu noch ein Mann, der im Moment den Status eines Gefangenen hat, und der deshalb in der SchiffsHierarchie eigentlich ganz zum Schluß kommen sollte.
Wir erzählen einiges über die Namen in unserer Welt. Damit ernten wir aber auch nur Erstaunen. Daß bei einer EheSchließung ein Partner den NachNamen des anderen übernehmen kann, wenn er will, versteht sie schon deshalb nicht, weil ihr der Begriff 'Ehe' völlig fremd ist. Das hat bei den GranitBeißern keine Entsprechung, jedenfalls eine Ehe zwischen Mann und Frau. Das hieße ja, zwei völlig unterschiedliche Wesen gleichberechtigt, auf gleicher AugenHöhe und irgendwie gleichartig zu einem Ganzen zu machen - nein, das will ihr nicht in den Kopf. Vielleicht glaubt sie uns auch nicht.
Ich sehe schon, es sind nicht nur Dinge aus Technik und NaturWissenschaft, über die wir hier kaum etwas erzählen können.
Irene ist die erste, die das Wrack sieht. Es ist ungefähr 16 Uhr, und wir sind nach wie vor in dem FjordSystem. Der Fjord ist zur Zeit achthundert Meter breit, und er wird in der Mitte von einem steilen Felsen geteilt, der sich wie eine riesige RückenFlosse aus dem Wasser hebt. Etwa fünfhundert Meter lang und zweihundert Meter hoch, dafür aber nur sechzig bis achtzig Meter breit. Die steilen Hänge sind dicht bewachsen, aber es dürfte trotzdem nicht ganz einfach sein, da herumzuklettern.
Vorne, auf der uns zugewandten Kante dieses FelsGrates, sitzt auf der aus dem Wasser steigenden FelsKante ein Schiff auf, daß der Größe und der Bauart nach dem unseren sehr ähnlich ist. Beim NäherKommen zeigen sich jedoch die Unterschiede.
Das Schiff ist alt, sehr alt. Alles ist von Moosen und Farnen und SchlingPflanzen bewachsen, der massive FloßBoden, der über den FelsGrat geknickt erscheint, ist überhaupt nicht zu sehen. Bei genaueren HinSehen merkt man dann aber, daß der FelsGrat den Boden des Schiffes an einigen Stellen regelrecht durchspießt.
Das MastWerk ist beschädigt, einige Rahen gebrochen, von allen hängen nur noch Fetzen der Segel herunter, und die meisten Seile des stehenden und laufenden Gutes sind verschwunden. Die AufBauten machen eher den Eindruck eines buschbewachsenen Hügels denn den eines Gebäudes.
Chrwerjat weiß etwas über das Schiff. Es war auch ein SaurierjagdSchiff, das im Einsatz zerstört wurde. Man hatte ein sehr großes Tier, also wahrscheinlich eine Art FischSaurier, mit angeleinten Harpunen mehrfach angeschossen, aber die Verletzungen waren nicht schwer genug und es handelte sich wohl auch um ein sehr starkes Tier. Es hat mit dem Schiff übel mitgespielt, erst durch kilometerlange SchleifJagden, während denen es nicht gelang, die Seile zu kappen, und dann durch AufSetzen des Schiffes auf diesen FelsenGrat. Dann erst gelang es, genügend HarpunenSeile zu kappen, so daß die letzten zwei Harpunen aus dem Fleische des Tieres ausrissen und es freikam.
Wahrscheinlich hat es überlebt. Das Schiff nicht. Mit einem Blick war festzustellen, daß es nie wieder mit vernünftigem Aufwand flottzumachen war, schon gar nicht unter diesen Umständen und mit sovielen Verletzten an Bord. So wartete man ein zweites Schiff derselben Gruppe ab, um sich an Bord nehmen zu lassen.
Ich frage nach, wie lange das her ist, aber wie immer sind solche Angaben bemerkenswert ungenau. Schade, daß hier das Jahr als Zeiteinheit unbekannt ist.
Unser Schiff kommt dem Wrack im VorbeiFahren auf fünfzig Meter nahe. Aus der Nähe scheint es noch mehr von dem intensiven Bewuchs in eine Art natürliche Insel verwandelt worden zu sein als aus größerem Abstand, wo man wenigstens noch die SchiffsUmrisse als Ganzes erfassen kann. Ich überlege, ob ich mir die Position des Schiffes einprägen sollte, um eventuell einmal um eine NotUnterkunft zu wissen. Aber den Gedanken lasse ich schnell wieder fallen. Eine Unterkunft ist in dieser tropischen Welt nicht das dringendste, was man braucht, und warum sollten wir bei der Größe dieser Welt ausgerechnet hier auf dieses Wrack angewiesen sein? Außerdem dürfte das Innere der RestAufbauten des Schiffes eine ungemütliche feuchte Höhle sein, und so wie ich die GranitBeißer einschätze, haben sie ihre Toten und Verletzten einfach da dringelassen. Nene, hier haben wir nichts zu suchen, denke ich, als das Wrack allmählich hinter unserem Schiff zurückfällt. Eine Weile noch treiben wir an der 'FlossenInsel' entlang vorbei, und dann hat der Fjord wieder seinen vorherigen DurchMesser.
Aber nicht mehr lange. So ab 18 Uhr bemerken wir eine der himmelhohen Säulen, die sehr dicht hinter den SteilWänden des Fjordes aufragt. Nach einigen Windungen haben wir sie plötzlich direkt vor uns. Die Säule grenzt tatsächlich ohne jedes VorGebirge direkt an den Fjord. Es ist 19 Uhr, als das Schiff nur zweihundert Meter von ihrer senkrechten Wand entfernt entlangfährt, und wir müssen den Kopf weit in den Nacken legen, um die fünftausend HöhenMeter der SäulenWand zu überblicken.
Wie schon an allen vorhergehenden FelsWänden gibt es keinen Hinweis auf menschliche Tätigkeit - keinen KletterSteig, keinen ausgehauenen Weg, nichts. Das Schiff befindet sich in einem bevölkerungsmäßigen NiemandsLand.
Ich frage Chrwerjat danach, aber sie meint, daß sie uns das schon erklärt hat. Sie hat uns auf der Karte die größten Städte gezeigt, dann gibt es noch einige kleinere Ansiedlungen, aber das Land dazwischen ist unbewohnt. Wenn ich mir so etwas wie Gebiete, die landwirtschaftlich genutzt werden, vorgestellt habe, dann ist das jedenfalls insofern falsch, daß solche Nutzungen nicht auf landschaftsbildend großen Flächen gemacht werden. Die Fruchtbarkeit der Umwelt ermöglicht, alles, was man an pflanzlicher Nahrung braucht, im Urwald zu sammeln, und die HauptNahrungsquelle ist eben Fleisch, und das wird eben mit Schiffen wie diesem hier gefangen.
Dann versuche ich, Chrwerjat klarzumachen, daß wir dann doch etwas viel Fleisch für eine Stadt von bloß dreitausend Menschen transportieren - so groß sollte Grom doch sein, wenn ich mich richtig erinnere?
Chrwerjat ist sich nicht sicher. Für das Fleisch gibt es weitere Abnehmer, außerdem wird es nicht nur als LebensMittel verwendet. Aber wozu noch, das sagt sie nicht. Vielleicht weiß sie es nicht, oder der LehrStoff ist einfach noch nicht dran.
So um 22 Uhr entfernt der Fjord sich wieder von der Säule. Drei Stunden lang sind wir dem Unfang der Säule gefolgt, wenn auch mit unserer geringen Geschwindigkeit, und trotzdem haben wir nur einen kleinen Teil ihres Umfanges umfahren - vielleicht ein Drittel. Auch aus dieser Nähe ist es mir nicht gelungen, irgendeinen Hinweis auf das geologische Entstehen der Formation 'Säule' zu erhalten. Es wird mir auch weiterhin schwerfallen, denn jede Erklärung dieser Struktur müßte auch erklären, warum solche Formationen auf der ErdOberfläche unbekannt sind, und warum diese WeltHöhle überhaupt existiert.
Eigentlich erwarte ich schon die ganze Zeit, daß Cherkrochj sich mal wieder die Zeit zu einem Verhör nimmt. Vielleicht hat sie aber, solange der Fjord sich noch so windet, zuviel mit der Steuerung des Schiffes zu tun. Eigentlich sollte man so etwas delegieren können, denke ich mir. Oder verdaut sie noch die letzten Informationen, die wir ihr gegeben haben? Oder noch wahrscheinlicher: Nach einem Tag SprachUnterricht erstatten Chechmon und Chrwerjat am abend Bericht. Das wäre das einfachste. Beim SprachUnterricht reden wir ja über alles mögliche.
Irgendwann teile ich Irene diesen meinen Verdacht mit, aber sie sagt, das wäre ihr auch schon eingefallen. Wenn ich jetzt auf die Idee käme, sie zu fragen, warum sie mir ihren Verdacht nicht mitgeteilt hat, dann hätten wir sogleich wieder einen wunderschönen Krach, wahrscheinlich zur königlichen Belustigung von Chrwerjat.
Aber Irene ist unkonzentriert, ich sehe es ihr an. Da ich mich mit der Xonchen-Sprache leichter tue, gerät sie bei dem UnterrichtsGespräch automatisch ins HinterTreffen, wodurch ich wieder mehr Gelegenheit zu Reden habe und so weiter. Ein TeufelsKreis. Ganz einschlafen kann sie nicht, denn dazu nimmt Chrwerjat sie zu oft dran.
Ich versuche, etwas über die medizinischen Fähigkeiten der GranitBeißer zu erfahren. Ich stelle sehr schnell fest: Das sieht ja ganz finster aus.
Das sie es mit der Hygiene nicht besonders haben, das sieht - und riecht - man ja dauernd. Allerdings hatten sie offenbar auch das Glück, noch nicht von Epidemien heimgesucht zu werden. Das wird schlicht und einfach an der geringen BevölkerungsDichte liegen.
Aber es gibt ja noch andere Wege in die Krankheit. Es scheint, daß man sich im Allgemeinen auf die SelbstheilungsFähigkeit des menschlichen Körpers verläßt, wobei es wenigstens bekannt ist, daß Ruhe und EntLastung etwa gebrochener GliedMaßen schon sinnvoll ist. Sie wissen um das Legen von Verbänden - um Blutungen zu stillen, nicht etwa wegen der Asepsis, und sie kennen das TrainingsPrinzip, was mich bei der körperlichen Tüchtigkeit, die ich hier auf dem Schiff vorfinde, nicht wundert. Da gibt es aber einen interessanten Irrtum: Chrwerjat erklärt uns, daß das TrainingsPrinzip, also die körperliche Ertüchtigung durch Sport und andere körperliche Belastung, bei Männern nicht oder nur sehr schlecht funktioniert. Sie glaubt offenbar fest daran.
Wenn bei den GranitBeißern nicht ganz andere genetische Verhältnisse vorliegen als bei uns, dann ist das ein kultureller Irrtum. Was Wunder, im Ansatz, nur mit vertauschten Rollen der Geschlechter, glaubt man bei uns oben ja das gleiche.
Ich bleibe weiter beim thematischen Kontext und frage noch nach der Versorgung der alten Menschen. Das scheint Chrwerjat wieder nicht zu verstehen. Jeder sorgt für sich, bis er oder sie umfällt, na und? Das Konzept langen Siechtums kennen sie nicht. Wer nicht für sich sorgen kann, der verhungert eben, oder er geht betteln, was in der Welt der GranitBeißer aber wohl nicht sehr vielversprechend ist. Man muß sich eben irgendwie durchschlagen. Man kann den Gesunden und Jungen doch nicht zumuten, die Alten auch noch durchzufüttern. Allerdings, so Chrwerjat, gibt es Leute, die genügend Mittel angesammelt haben, um auch eine ganze Zeit des körperlichen Siechtums überleben zu können, und manchmal werden solche Leute ja auch wieder gesund.
Die Vorstellung, im Alter anderen zur Last zu fallen, findet sie beschämend.
KrankenHäuser? Gibt es wohl nicht, denn sonst hätte ich mehr Erfolg, ihr diesen Begriff klarzumachen.
Welche Krankheiten und KrankheitsBilder die GranitBeißer kennen? Die Frage ist auch sehr wenig ergiebig. Entweder, ein GranitBeißer wird durch eine Verletzung krank. Daran denkt jeder GranitBeißer zuerst, wenn sie oder er das Wort, das dem Begriff 'Krankheit' entspricht, hört. Oder es handelt sich um etwas anderes. Dann unterscheidet man 'UnwohlSein' oder 'krank'. Das hängt davon ab, ob man es ohne Hilfe, die es hier nicht gibt, überlebt.
Ich seh schon: Medizinische Tricks werden wir den GranitBeißern nicht verraten können. Höchstens Hygiene gegen Seuchen. Aber so etwas kennen sie hier nicht. Hoffentlich, denke ich, haben wir selbst nichts dergleichen mitgebracht.
Dann bringe ich das Gespräch auf die FortpflanzungsMedizin. Gynäkologie. Diese Art von Krankheiten, die Geburt von Kindern nämlich, werden die GranitBeißer ja kaum vermeiden können. Ich versuche, rauszukriegen, was sie darüber wissen.
Tabus, darüber zu reden, scheint es keine zu geben, oder sie sind so subtil, daß sie mir entgehen. Daß zwischen GeschlechtsVerkehr und dem Entstehen von Schwangerschaft ein kausaler Zusammenhang ist, wissen sie. Das ist nicht selbstverständlich, denn es gibt primitive Völker, die das nicht wissen.
VerhütungsMethoden sind jedoch unbekannt, und Chrwerjat sieht auch nicht ein, wozu das gut sein soll. Allerdings scheint es AbtreibungsMethoden zu geben, die auch häufig und unproblematisch zu praktizieren sind, wenn eine Schwangerschaft einmal ganz ungelegen sein sollte. Wie sie es machen, erzählt Chrwerjat nicht, weil sie es entweder nicht weiß, oder weil sie annimmt, daß jeder weiß, wie man das macht.
Bei dem Thema kommt auch heraus, daß es doch eine soziale Einrichtung gibt: die Allgemeinheit kümmert sich um schwangere Frauen, solange diese das nicht selbst können. Wie das institutionalisiert worden ist, finde ich nicht heraus, weil mir dazu zu viele Worte fehlen. Jedenfalls sind auf dem Schiff nicht deshalb keine Schwangeren vorhanden, weil das etwas sehr seltenes ist. Es ist, im Gegenteil, sehr häufig, was eigentlich auch nicht weiter verwunderlich ist. Außerdem wird weder Schwangerschaft noch WochenBett als Krankheitsbild angesehen, ja, nach den Beschreibungen von Chrwerjat scheint es ein WochenBett in dem Sinne nicht zu geben. Die GranitBeißer-Frauen tun sich mit dem Gebären offenbar viel leichter. Aha. Doch ein evolutionierter genetischer Unterschied?
Wahrscheinlich ja. Denn auch die Menstruation sieht etwas anders aus als bei uns da oben. Die Periode ist auch 28 Tage lang, allerdings handelt es sich um die hiesigen Tage von 27 Stunden. Das sind nach unserer Rechnung also etwa 31 Tage. Die üblichen MenstruationsBeschwerden sind wesentlich weniger ausgeprägt als bei uns und werden nicht einmal unter dem Begriff 'UnwohlSein' geführt. Das einzige äußere KennZeichen sind gelegentlich schwache Blutungen und ganz leichte Schwankungen in der LeistungsFähigkeit der betroffenen Frau. Wenn die Menstruation sich mit sowenig Symptomen zeigt, dann ist es mir unklar, woher die GranitBeißer überhaupt die PeriodenLänge so genau wissen. Naja, man kann an sich selber ja auch ein ganz leichtes Unwohlsein noch feststellen.
Daß die EmpfängnisBereitschaft je nach PhasenLage zum MenstruationsZyklus schwankt ist Chrwerjat unbekannt. Sie glaubt es auch nicht, als ich es ihr zu erklären versuche. Das würde einen hauptberuflichen Gynäkologen, der in der Forschung tätig ist, sicher brennend interessieren. Besonders die nächste MitTeilung, die Chrwerjat mir noch zu verkaufen sucht: Während der ersten SchwangerschaftsMonate sollen auch noch MonatsBlutungen vorkommen, die dann erst gegen Ende der Schwangerschaft vollkommen verschwinden.
Jetzt wünschte ich, ich hätte meinen Harrison hier: 'Principles of Internal Medicine'. Meine medizinischen Kenntnisse reichen nicht aus, solche Mitteilungen in Bausch und Bogen einfach unglaubwürdig zu finden. Andererseits gibt es für Chrwerjat keinen Grund, uns da etwas vorzumachen. Keinen Grund, den ich mir im Moment vorstellen kann. Ich habe unklare Vorstellungen: Ein Eierstock, der noch arbeiten kann, wenn schon ein Fötus da ist, ich weiß nicht - vielleicht eine Abkapselung durch eine stabile FruchtBlase. Was für medizinische Komplikationen gibt es, wenn im vierten Monat noch eine weitere Zeugung stattfindet? - Wahrscheinlich habe ich irgend etwas falsch verstanden.
Die in einigen primitiven Völkern beobachtbare Abstufung der Frau als 'unrein' ist hier natürlich wegen der geringen Symptomatik der Menstruation völlig unbekannt.
Eine VaterBindung des Kindes, ja, den Begriff 'Vater' gibt es nicht, was bei den SexualGewohnheiten der GranitBeißer auch nicht weiter verwundert. Ich finde heraus, daß auch über VerErbung fast nichts bekannt ist, ebenso ist die eigentliche biologische Funktion des GeschlechtsVerkehrs als ZeugungsAkt in Details unbekannt. Das AllgemeinWissen sagt, auf rein empirischer Basis: Wenn eine Frau GeschlechtsVerkehr mit einem Mann hat, dann kann sie eben Kinder bekommen. Weitere bekannte funktionelle Zusammenhänge gibt es nicht.
Freimütig gibt Chrwerjat zu, daß viele Kinder nach der Geburt wegen Abnormitäten beseitigt werden. Nur bei den besten und stärksten und gesündesten macht man sich überhaupt die Mühe, dieselben durchzubringen. Das paßt zu euch, denke ich mir, enthalte mich aber jeder wertenden Bemerkung.
Ich versuche noch, herauszukriegen, ob die HöherStellung der weiblichen Form der Species Mensch etwas mit der Fähigkeit der Frau zum Gebären zu tun hat - eine EinStellung, die es ja auch bei einigen primitiven Völkern bei uns noch gibt. Die Antworten sind nicht klar. Es ist herauszuinterpretieren 'Frauen können gebären, weil sie die höherwertige Form des Menschen sind', und 'Frauen sind die höherwertige Form des Menschen, weil sie, unter anderem, auch gebären können', und 'Frauen sind sowieso die höherwertige Form des Menschen'. Die letzte Auffassung scheint bei den GranitBeißern AllgemeinGut zu sein. Aber niemand macht sich darüber besonders viele Gedanken. Es ist eben selbstverständlich.
Jetzt hätte ich noch gerne etwas über das AufWachsen von Kindern gewußt, und über eventuelle SchulEinrichtungen, aber Chrwerjat beendet den Unterricht für heute, kurz, nachdem meine Uhr MitterNacht in Bayern angezeigt hat. Wir haben jetzt, bis zu Beginn der SchlafPeriode um 5 Uhr, ungewöhnlich viel Zeit.
Ich habe den Verdacht, daß Chrwerjat unmittelbar zu Cherkrochj rennt, um ihr alles das, was wir an Informationen während des UnterrichtsGespräches über uns herausgelassen haben, zu berichten. Wer weiß, was sie richtig verstanden hat und was nicht. Wer weiß, was uns schadet oder nützt.
Wenigstens habe ich den Eindruck, daß uns diese intensive Form des SprachUnterrichtes schon in den wenigen Tagen etwas gebracht hat.
******** 019. Tag: Mittwoch 1995-09-06 ********
19.1 Charmions Beleidigung
Weil wir nichts besseres zu tun haben, gehen wir auf dem Schiff spazieren. Niemand hindert uns daran. Die FjordLandschaft zieht unverändert an uns vorbei, und wieder und immer wieder nimmt das Schiff eine neue Abzweigung. Es gibt keine Möglichkeit, darüber noch die ÜberSicht zu behalten.
Ein warmer NieselRegen hat eingesetzt, der wegen seiner Wärme nicht im mindesten stört. Es ist, durch eine tiefliegende WolkenSchicht, unwesentlich dunkler geworden. Auch geringe HelligkeitsSchwankungen fallen uns jetzt auf, weil es große HelligkeitsSchwankungen nicht gibt. Ich habe auch den Eindruck, daß das Leben und Treiben an Bord sofort einen etwas langsameren Rhythmus einschlägt. Vielleicht ein ähnlicher Effekt wie die Affinität der meisten Menschen bei uns oben zu sogenannten schönen Wetter, was seltsamerweise immer mit SonnenSchein gleichgesetzt wird.
Dieser Begriff des 'Schönen Wetters' tauchte bis jetzt im SprachUnterricht nicht auf. Vielleicht ist er auch völlig unbekannt, da bei den vorherrschenden Temperaturen LebensVorgänge und tägliche Aktivitäten durch Regen nicht beeinflußt werden, es sein denn, es geht um die FernSicht.
In diesem Punkte denke ich ähnlich wie die GranitBeißer. Wenn sie tatsächlich so denken, denn ob sie den Begriff 'Schönheit einer Landschaft' kennen weiß ich auch nicht. Wasser, in jeder ErscheinungsForm, macht für mich eine Landschaft erst interessant. Als fließendes oder stehendes Gewässer sowieso, aber auch in Form von Regen, Nebel und Bewölkung. Dieselbe Landschaft kann die verschiedensten Gesichter annehmen, während der blaue Himmel der PostkartenIndustrie eigentlich immer gleich aussieht. Das ist einer der Gründe, warum es mich früher in den Ferien immer nach SchottLand gezogen hat. Auch diese WeltHöhle tät mich als Landschaft an sich schon reizen. Allerdings wäre eine touristische InfraStruktur nicht schlecht. So etwas gibt es hier aber nicht. Keine klimatisierten KreuzfahrtSchiffe.
Eine Bucht zieht am Ufer vorbei, eine langgezogene, wenige zehntausend QuadratMeter große, bewaldete Fläche am Fuße senkrechter FelsWände. Diese Fläche ist nur über das Wasser mit einem Boot zu erreichen. Sie muß irgendwann einmal jemandem eine Heimat geboten haben, denn mitten aus dem grünen Gebüsch, schon etwas höher am Hang, wo er anfängt, in die steilen FelsWände überzugehen, sehe ich etwas, das einer Mauer ähnelt. Sogar FensterHöhlen glaube ich zu erkennen, allerdings von beiden Seiten durchwachsen, und da ist auch ein aufgeschütteter Sockel vor diesen MauerResten. Ein weiterer Einfluß von Menschen auf den Boden und die PflanzenWelt dieser entlegenen Parzelle ist jedenfalls mit einem Blick nicht festzustellen.
Ich zeige es Irene, aber sie ist nicht unbedingt überzeugt, daß da etwas ist. Es ist auch niemand in der Nähe, den man fragen könnte. Mit dem weiteren FortTreiben des Schiffes verdecken wieder Bäume das, was wir glauben, gesehen zu haben. Oder was ich glaube, gesehen zu haben.
Sind wir Zeugen einer vor langer Zeit gescheiterten Existenz gewesen? Oder, es muß sich ja nicht um eine gescheiterte Existenz gehandelt haben, jemand kann dort sein ganzes Leben verbracht haben, praktisch abgeschnitten von dem Rest der Welt der GranitBeißer. Eine dünn besiedelte und über weite Strecken unbesiedelte Welt bietet Platz für viele ganz persönliche LebensLäufe. Eine private Hölle oder ein privater Himmel - vielleicht kann man ihn hier finden. Sollte man danach suchen?
Was ist, wenn man alt und krank wird, dann eingesperrt und abgesondert vom Treiben der ganzen restlichen Welt? Ist es besser, den LebensAbend, vielleicht in Schmerzen, isoliert in der Wildniss zu verbringen, an die man durch den Verfall der eigenen Kräfte sowieso schon unwiederruflich gebunden ist? Oder ist es besser, in unseren AltenHeimen, PflegeHeimen und KrankenHäusern auf den Tod zu warten? Ist es besser, durch WeltAbgeschiedenheit von all den Menschen, die man jemals gekannt und geliebt oder auch nicht geliebt hat, für immer getrennt zu sein, oder ist es besser, diese im Alter noch gelegentlich zu sehen, auch wenn die Unterschiedlichkeit der LebensUmstände bereits bewirken, daß man eigentlich doch in verschiedenen Welten lebt, auch wenn man noch dieselben Räume betreten kann? Ist die Trennung durch geographische Entlegenheit eine Gnade oder ein Fluch? Und wie kann man herausfinden, ob es eine Gnade oder ein Fluch ist, solange man noch die Wahl zwischen diesen Alternativen hat?
Ich weiß es nicht. Ich versuche mir gelegentlich vorzustellen, welche unangenehmen Umstände einem im Alter das Leben zur Hölle machen könnten, und was man jetzt dagegen unternehmen könnte. Jetzt, wo es uns in die Welt der GranitBeißer verschlagen hat, gibt es auch dafür neue Perspektiven, und alte verschwinden dafür. Wenn es uns bestimmt ist, hier zu bleiben, werden wir sicher nicht als letztes im Leben den SchriftZug 'SIEMENS' auf einer Apparatur in der IntensivStation sehen. Aber vielleicht sehen wir, wie jemand anderes unserem TodesKampf interessiert zusieht oder ihn noch beschleunigt und uns auf den Weg hilft, weil es sonst doch gar so langsam geht, und wir den jungen Leuten im Wege sind. - Oder gar niemand ist Zeuge unserer letzten Stunden. Kommt drauf an - ob und wie wir hierbleiben. Kann ich das, soll ich das, will ich das?
Irene stößt mich an. Der Anblick der mutmaßlichen MauerReste hat mich in schwermütige Gedanken gestoßen - dann nehme ich manchmal nichts mehr um mich herum wahr. Dabei habe ich früher in SchottLand und in Irland häufig HausRuinen gesehen, und schon damals dachte ich immer an die Schicksale von Menschen, die mit diesen Ruinen verflochten waren. Schicksale, so viele Schicksale: Hundert Milliarden, seit es Menschen gibt, haben die Erde bevölkert, und alle davon bis auf die sieben Milliarden, die noch am Leben sind, haben es schon hinter sich. Hundert Milliarden persönliche Interpretationen des Lebens. Hundert Milliarden mal die Summe von LebensErfahrungen. Muß das nicht ein immenser Schatz sein? Oder sind die ähnlichen Erfahrungen, die jeder Mensch mit seinen persönlichen Variationen durchmacht, redundant? Wem nützt, wer sammelt diese Leben? Was bleibt von ihnen übrig? Was wird davon weitergegeben? Kann ein einzelner daran überhaupt teilhaben? Wenn all diese hundert Milliarden zu mir reden könnten, zu mir, der das Privileg des Noch-Am-Leben-Seins noch genießt, was wäre die Quintessenz ihres Redens? Müßten sie sehr lange reden, um diese Quintessenz weiterzugeben, oder wäre in ein paar Sätzen schon alles gesagt?
Ich weiß es nicht. Es muß keine Quintessenz der persönlichen Wahrheiten geben. Und wenn doch, dann ist es vielleicht die: Mach dir und den anderen LebeWesen im Universum, die deinen Weg kreuzen, eine schöne Zeit. Wenn deine Zeit dann gekommen ist, dann sage Lebewohl. Du mußt nichts hinterlassen. Was du hinterlassen könntest, die, die nach dir kommen, werden es schon selbst herausfinden. Das ist der natürliche Gang der Dinge. Du bist, wie jeder andere, ein Wesen des ÜberGangs, ein Faden der Evolution. Du hast gelebt, und das war schon deine ganze wesentliche Pflicht.
Vielleicht. Okay. Nehmen wir mal an, daß das das einfache ist, was ich zu tun habe: Mir und den anderen eine schöne Zeit zu machen. Da wäre Irene als erste unter meiner Obhut. Sie ist mir, von allen hier Anwesenden, bisher noch am meisten 'über den Weg gelaufen'. Meine Mittel, ihr jetzt und hier eine schöne Zeit zu machen, sind natürlich beschränkt. Aber ich kann sie wenigstens jetzt in den Arm nehmen und ihr die flüchtige Illusion einer Sicherheit vermitteln, die ich selbst nicht habe. Genau das tue ich, während wir vom SchiffsRand auf die jetzt wieder weglosen SteilWände am Ufer sehen. Irene schmiegt sich automatisch an mich.
Hinter uns ein mißbilligendes Zischen oder ZungenSchnalzen. Ich drehe mich um.
Charmion geht gerade vorbei, sieht mich und Irene so nahe zusammen. Sie war die Urheberin dieses Geräusches. Spöttisch, fast grinsend, sieht sie mich an.
Manchmal könnte ich ihr eine klempnern, so mitten in die Fresse. Aber das wäre für mich ungesund, denn Charmion hat ein Schwert und ich habe keins.
"Das ist meine Frau!" sage ich zu ihr im Xonchen-Dialekt, wobei ich jedes Wort betone. Auch die Interpretierbarkeit von 'meine' als PossesivPronomen, die ich normalerweise in diesem Kontext nicht schätze, lasse ich mit allen Facetten der Ausschließlichkeit durchblicken.
Ein Anflug von Zorn ist im Gesicht Charmions zu sehen, aber sie beherrscht sich. Sekunden später ist sie im DecksHaus verschwunden. Jedenfalls hat sie begriffen.
Habe ich jetzt eine KriegsErklärung losgelassen?
19.2 DienstVergehen
Die wenigen Stunden bis 5 Uhr morgens, die Zeit zum SchlafenGehen, verbringen wir dann nicht mehr in Freien, weil aus dem schwachen NieselRegen ein schwerer LandRegen wird. Außerdem scheint die Temperatur noch zu steigen, so daß man auch noch schwitzt, wenn man völlig durchnäßt ist. Man glaubt, daß die Luft zu dick zum Atmen ist, auch wenn der Verstand einem sagt, daß bei dem hohen PartialDruck des SauerStoffes hier das GegenTeil der Fall sein müßte.
Die Dunkelheit nimmt zu, soweit, daß die UferSicht schlecht wird. Zusätzlich behindern die RegenSchleier und NebelSchwaden die Sicht. Ich habe nicht den Eindruck, daß das die beiden Frauen im mittleren MastHaus besonders aufregt. Aber natürlich kann ich ihre GesichtsZüge nicht mehr deutlich erkennen. Und so stehen wir in unserem vorderen MastHaus, auf die FensterKanten gelehnt, und schauen in den Regen hinaus. Die Geräusche des Regens löschen alle anderen Geräusche an Bord aus.
Das Trommeln auf dem Dach veranlaßt mich, nach undichten Stellen zu suchen. Aber vergeblich - wasserdichte Dächer können die GranitBeißer bauen, und das aus keinen anderen BauStoffen als Holz und Seilen.
Es ist kurz vor 5 Uhr morgens, als plötzlich Charmion sich auf dem Deck unter uns zeigt. Sie ist vollständig nackt bis auf ihren SchwertGürtel. Mit kraftvollen und entschlossenen Griffen steigt sie die Wanten zu unserem MastHaus hinauf. Wenige Sekunden später steht sie in unserem Raum.
Sie zeigt auf mich.
"Mitkommen." sagt sie.
"Warum?" frage ich. Statt einer Antwort zeigt sie nur auf ihre Muschi. Außerdem zieht sie ihr Schwert, hält es aber gesenkt.
Irene steht wie vom Blitz gerührt. Ich kann es ihr nicht zumuten, jetzt mit Charmion mitzugehen, Schwert oder nicht. Jedenfalls weiß ich, wie ich uns das eingebrockt habe.
"Weiß Cherkrochj davon?" frage ich.
"Nein. Mitkommen." Aha. Solche Dinge müssen wohl nicht durch die Hierarchie abgesegnet werden.
"Cherkrochj hat es verboten." sage ich. Jedenfalls kann ich diese Behauptung einmal versuchen.
Wenn Charmion unsicher ist, dann läßt die es sich nicht anmerken.
"Mitkommen!" wiederholt sie, etwas lauter.
"Gut." sage ich und gehe zur Tür. Ich muß Irene so nicht in die Augen sehen.
An der Tür spiele ich den Kavalier, obwohl die GranitBeißerinnen diesen Begriff nicht kennen. Ich halte Charmion die Tür auf. Wie selbstverstänglich geht sie durch. Dabei nehme ich ihr das Schwert aus der Hand. Es geht entsetzlich einfach und fast automatisch. Ein Reflex. Mit einem Sprung bin ich wieder im Inneren des MastHauses.
Endlich ist in dem zwar hübschen aber meistens recht ausdruckslosen Gesicht von Charmion etwas zu sehen: pure Überraschung. Auch sie ist im AugenBlick wieder mitten im Raum. Die Tür fällt zu.
"Gib das her!" sagt sie in einem befehlsgewohnten Ton.
Ich hole mit dem Schwert aus. Es liegt gut in der Hand.
"Nein." sage ich, und: "Setzen. Sofort!"
Ich muß daran denken, daß diese Frau praktisch im EinzelKampf einen Saurier mit dem Schwert getötet hat, und das unter schwersten Bedingungen, unter Wasser, und praktisch ohne etwas zu sehen. Ich muß damit rechnen, daß sie jetzt noch gefährlich ist, jetzt, wo ich das Schwert habe und sie nicht.
"Setzen!" wiederhole ich. Sie gehorcht. Ich schiele zum Fenster raus, auf das mittlere MastHaus. Von dort könnte man zwar durch die Fenster unseres MastHauses hier hereinsehen, aber wegen der Dunkelheit und wegen des Nebels hat man da noch nichts gemerkt. Vielleicht habe ich Glück.
Ich kniee mich hin, so, daß ich vom mittleren MastHaus nicht gesehen werden kann, auch, wenn die SichtBedingungen plötzlich besser werden sollten. Aber das Schwert halte ich immer noch zum Zuschlagen bereit.
Irene steht fassungslos daneben. Ich kann es ihr nicht verdenken. Wenn mir die Situation jetzt entgleitet, dann kann sich das für uns in Sekunden zur Katastrophe entwickeln. Unsere Erfahrungen im AusTausch von Gewalt Mann gegen Mann, oder besser, Mann gegen Frau sind beschränkt.
Ich habe eine Idee:
"Wieso hast du mir dieses Schwert gegeben?"
Charmion sagt nichts.
"Wieso hast du mir dieses Schwert gegeben?" wiederhole ich, "Was wird Cherkrochj dazu sagen? Wieso gibst du Gefangenen Waffen? Weißt du, was mit dir geschieht, wenn das herauskommt?"
Allmählich begreift Charmion, daß sie sich selbst dadurch, daß sie sich von mir ihr Schwert hat entwenden lassen, in eine unangenehme Situation gebracht hat. Ich weiß natürlich nicht, ob das ÜberLassen von Waffen an Gefangene hier ein ähnlich schlimmes 'DienstVergehen' bedeutet wie es etwa bei den Armeen bei uns der Fall ist. Aber ich halte es für wahrscheinlich. Auf diese Karte muß ich alles setzen.
Charmions Körper glänzt, entweder immer noch vom Regen draußen, oder jetzt auch von Schweiß, der neu hinzugekommen ist. Überall an ihr rinnen Tropfen herunter oder fallen ab, wie an ihren Busen oder unter ihrem Kinn.
"Umdrehen," sage ich, "nein, nicht aufstehen. Nur umdrehen, andere Richtung gucken."
Sie gehorcht. Ich halte das Schwert weiter schlagbereit.
"Du hast dich von einem Mann überrumpeln lassen. Was macht man bei euch mit solchen Leuten?" frage ich.
Sie schweigt.
"Antworte!" sage ich, etwas lauter, Irene würde, während eines EheKraches, diesen Tonfall schon mit 'Schreien' bezeichnen.
"Man - tötet sie." gibt Charmion nach einer Weile zu.
"Aha. Man tötet sie. - Nicht bewegen! Und warum tötet man sie?"
"Weil sie den Befehl nicht befolgt haben."
"Den Befehl von Cherkrochj?"
"Ja."
"Den Befehl, auf uns aufzupassen?"
"Ja."
"Und du wolltest, bloß zum persönlichen Spaß, mit mir schlafen, obwohl du wissen mußtest, daß dadurch diese Wachsamkeit deutlich beeinträchtigt ist?"
Das hat mich jetzt einiges an Phantasie bezüglich der Xonchen-Sprache gekostet.
"Ja." sagt Charmion nur.
"So. Höre zu." fahre ich fort, "In unserer Welt ist so etwas nicht üblich. In unserer Welt bezeichnet man das, was du eben vorhattest, mit Vergewaltigung, Nötigung, WachVergehen, Nachlässigkeit im Dienst. Habe ich etwas vergessen?"
Sie schweigt.
"Dann höre jetzt noch genauer zu. Es ist in unserer Welt nicht üblich, gleich jedes derartiges Vergehen mit dem Schwert abzuurteilen. Wir sperren solche Leute wie dich lediglich ein. Hast du das verstanden?"
"Ja."
"Aber ich will euch nicht unsere Methoden der sozialen EthikErzwingung nahelegen - ihr würdet es doch nur lustig finden. Paß auf. Es bleibt unter uns. Ich verrate Cherkrochj nicht, daß du so versagt hast, und du gehst sofort wieder hier weg. Du läßt dir nichts anmerken. Hast du das verstanden?"
"Ja."
"Dann steh auf und dreh dich um."
Sie tut es. Dabei erinnert sie mich an ein kleines Mädchen, daß im SchulUnterricht eine Zeitlang in der EselsEcke gestanden hat und sich nun wieder zu den anderen setzen darf.
"Hier. Nimm dein Schwert. Und geh."
Ich drehe das Schwert um, fasse es an der Klinge an und reiche es ihr, mit dem Griff zuerst. Zögernd nimmt sie es. Nun sind die Karten wieder schlechter für uns gemischt, wenn sie nicht einsieht, daß das Schwert ihr nichts nützt. Sie müßte uns beide umbringen, um die Information ihres Versagens geheimzuhalten. Dann hätte sie aber die völlig unnötige Tötung der zwei Gefangenen zu erklären, von denen Cherkrochj ja noch einiges in Erfahrung bringen wollte.
"Geh jetzt," wiederhole ich, "und wenn du noch einmal kommst, zieh dir etwas an."
Das ist natürlich völlig unnötig und hier unüblich - wer nackt rumrennen will, der wird nicht daran gehindert. Aber eben deshalb ist diese Anweisung noch ein Schlag auf ihr SelbstBewußtsein.
Charmion steckt das Schwert in die Scheide, langsam, so, als ob sie immer noch dabei ist, zu überlegen, ob sie nicht vielleicht doch besser damit auf uns eindreschen sollte.
"Mach es dir selbst, wenn du es so nötig hast!" empfehle ich, mit einer deutlichen Geste, damit sie auch ja mitkriegt, was ich meine.
Sie geht nicht darauf ein sondern dreht sich um und trollt sich, wie ein geschlagener Hund.
Als ich, nachdem Charmion verschwunden ist, Irene ansehe, ist sie sichtbar in Schweiß gebadet.
"Du bist wahnsinnig," sagt sie, "die hätte uns umbringen können!"
"Das hätte sie." stelle ich fest. "Du hast schon gemerkt, daß sie mich sexuell mißbrauchen wollte?"
"Und warum bist du nicht mitgegangen?"
"Weil ich ein treuer EheMann bin!" Und weil ich es nicht mag, so herumgeschubst zu werden, denke ich mir, aber ich sage es nicht.
"Außerdem," fahre ich fort, "wenn wir erst einmal anfangen, JEDEM Wunsch unserer GastGeber nachzugeben, dann gibt es bald überhaupt nichts mehr, wovor man sicher ist."
"Aber wenn es die Chefin selbst gewesen wäre," sagt Irene, "dann hättest du dich nicht wehren können!"
"Vielleicht, vielleicht auch nicht," sage ich zweifelnd, "aber bei der würde ich bestimmt keinen hochkriegen. Und das Risiko, daß sich jemand ihr versagt, das wird sie nicht eingehen wollen. Du weißt ja, wie sie hier mit Versagern umgehen."
"Und bei Charmion hättest du ..." forscht Irene weiter, aber ich sehe ein, daß es Zeit ist, das Thema zu stoppen:
"Ja, vielleicht. Aber jetzt werde ich erstmal bei meiner Frau!"
Und so geschieht es. Zeit wird es, unser Schicksal mal durch kleine SpielEinlagen aufzuhellen. Ein absolut aussichtsloses Abenteuer ist ja nun überhaupt kein Grund, das eheliche LiebesLeben völlig einzustellen. Das passiert schon durch den beruflichen Alltag genug.
Daß dabei der Irene oder mir diese oder jene, sagen wir mal, grammatikalisch exakt, eindeutig interpretierbare Interjektion entschlüpft, stört mich dabei durchaus nicht. Vielleicht hört man es draußen. Vielleicht hört auch Charmion es.
Das wäre ein weiterer Schlag auf das SelbstBewußtsein meines Mädchens vom Mast.
Allerdings, und das sage ich Irene nicht, habe ich, während wir uns da in dem Regen-durchrauschten HalbDunkel des MastHauses lieben, durchaus erotische Vorstellungen, die Charmion betreffen. Ich kann überhaupt nichts dagegen machen. Die neuronale Aktivierung der Sexualität verlangt nach Abwechslung. Der neue SexualPartner, der andere SexualPartner, der wird aus denselben Gründen gesucht - und häufig gefunden - aus dem wir auch nicht immer über demselben Witz lachen können. Der Cortex braucht diese Erkennungsarbeit, die kleine neuronale Explosion des Verstehens der Pointe eines Witzes oder des Erkennens eines neuen SexualPartners. Wir sind eben so gemacht, und so drängen diese Vorstellungen sich eben auf, völlig ohne unser Dazutun. Man weiß, daß das bei beiden Geschlechtern der Fall ist. Kein Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben.
Aber auch kein Grund, bei anderen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen.
19.3 Casabones
14 Uhr. Wecken, Wasch-Schwimmen, FrühStück in der Küche abholen, dann kommt auch schon Chechmon.
Das Wetter ist immer noch so wie gestern, immer noch DauerRegen, wenn auch schwächer, immer noch etwas dunkler als normal. Wir bleiben also bei dem SprachUnterricht im MastHaus.
Von dem Vorfall mit Charmion ist offenbar nichts bemerkt worden. Das ist gut so, denn sonst müßten wir befürchten, daß weitere MachtProben dieser Art versucht würden - vielleicht von Cherkrochj selbst.
Diese scheint sich aber nur indirekt für unser Schicksal zu interessieren. Wie interessiert sie zuhört, wenn Chechmon oder Chrwerjat von den Dingen, die wir während des SprachUnterrichtes erzählen, das wissen wir ja nicht.
Heute erfahren wir wieder etwas über SozialStrukturen. Diesmal geht es um die Hierarchien an Bord.
Es ist so, wie ich es erwartet habe: Die Frauen haben die Aufgaben der SeeOffiziere, die Männer die der Mannschaft. Ganz einfach. Kein Mann wird Kommandant oder Kapitän, und keine Frau wird jemals das Deck scheuern. Manuelle Arbeiten werden von Frauen nur gemacht, wenn sie anspruchsvoll sind.
Bevor wir bei diesem Thema weiter nachfragen können, ruckt das Schiff so, daß es uns von den Beinen gerissen hätte, wenn wir nicht schon gesessen hätten. Wir springen ans Fenster.
Unten sehen verschiedene Mitglieder der Besatzung rund um das Schiff herum in das Wasser. Es ist aber nichts zu sehen. Auch sind die HarpunenGeschütze nicht aufgebaut, es hat also niemand eine Begegnung mit etwa einem FischSaurier erwartet.
Chechmon sagt, daß es höchstwahrscheinlich ein FischSaurier war. Im Allgemeinen stoßen die nicht versehentlich ein Schiff an. Aber die kurzzeitige Verwechselung mit einem ArtGenossen kommt immer mal wieder vor. Es sei nichts ernstes. Die großen SeeSchlangen, von denen man weiß, daß sie sich sogar Menschen von einem Schiff herunterschnappen, und die gelegentlich auch ein Schiff zerschlagen, um an den Inhalt heranzukommen, die hätten auch schon längst angegriffen.
"Warum sind die HarpunierGeräte nicht aufgebaut, wenn so etwas zu befürchten ist?" frage ich.
"Weil es regnet. Die StahlSpitzen würden rosten." ist Chechmons Antwort.
"Und was passiert, wenn so ein Tier angreift?"
Das kommt drauf an, sagt Chechmon. Viele Tote, schwere Beschädigungen am Schiff. Die beste Strategie in solchen Fällen ist es, einige der auf dem Deck aufgeschichteten Stapel von SaurierFleisch in das Wasser zu schieben. Dann kann so ein Tier unter Umständen abgelenkt werden, und man kann den Rest der Ladung nach Hause bringen.
Welche Spezies sich hinter der Bezeichnung 'SeeSchlange' nun wirklich verbirgt, das finden wir nicht heraus. Irgendeine agressivere Art von FischSaurier, wahrscheinlich.
Wegen dieses Vorfalles sehen wir häufiger zum Fenster hinaus. Das Wetter wird noch etwas besser, und die Ufer flachen sich zusehends ab. Die FjordRegion scheint vorbei zu sein. Der See weitet sich wieder. Bald sind die Ufer wieder einige KiloMeter weit entfernt, und die Entfernung nimmt zu. Der Wind hat etwas aufgefrischt, und ich schätze, daß wir glatte zwei StundenKilometer machen.
Chechmon klärt uns darüber auf, daß wir in etwa elf Stunden Casabones erreichen werden.
"Casabones?" frage ich.
Wir erfahren, daß es sich um eine GefängnisInsel für Sklaven handelt. Diese Insel sei absolut ausbruchssicher. Dann verlassen wir das Thema wieder, obwohl ich neugierig geworden bin: Casabones - das klingt bedrohlich. Dabei ist es ein unechter Effekt. Casabones, das ist 'Casa', spanisch, für 'Haus', und 'Bones', englisch, für Knochen. Wahrlich ein passender Name für eine GefängnisInsel! Aber die Xonchen-Sprache hat keinerlei linguistische Verwandtschaft zu Spanisch oder Englisch. Die Ähnlichkeit ist rein zufällig, die Assoziationen mit dem Graf von Monte Christo und anderen Geschichten existieren nur in meinem Kopf.
Außerdem ist nicht ganz klar geworden, ob nun die ganze Insel Casabones heißt, oder ob das nur der Name für eine Art Fort zur Bewachung, das dort sein soll, ist. Wir werden es später genauer erfahren, denke ich.
Chechmon wiederholt die unregelmäßigen Verben - die meisten Verben in den XonchenSprache sind unregelmäßig - und wiederholt kauen wir die Wörter durch, deren AusSprache uns zu schaffen macht - das sind auch die meisten.
Auch wenn wir schon leidlich einiges in der XonchenSprache verstehen, bis wir sie akzentfrei sprechen können, da dürften noch viele Jahre ins Land gehen.
Bis meine Uhr MitterNacht anzeigt, hetzt uns Chechmon unbarmherzig durch langweiligste grammatische Einzelheiten. Keinen Moment können wir uns entspannen, dauernd müssen wir selbst Beispiele formulieren.
Dann endlich ruft draußen jemand, und Chechmon bricht den Unterricht ab. Sie sagt, das Casabones in Sicht ist, und daß wir in vier Stunden dort anlegen werden.
******** 020. Tag: Donnerstag 1995-09-07 ********
Wir gehen auf das Deck hinunter. Dort ist noch keine größere Hektik wegen der bevorstehenden Landung auf Casabones ausgebrochen, so daß mir unklar ist, warum Chechmon den Unterricht so schnell hat abbrechen müssen.
Am Fuße der Wanten, die vom vorderen MastHaus herunterführen, und die wir jetzt heruntersteigen, steht Charmion mit einige Frauen der Mannschaft. Sie reden irgend etwas miteinander. Als Charmion uns kommen sieht, sagt sie zu den anderen etwas, und die ganze Gruppe begibt sich ohne Hast in das DecksHaus.
Wahrscheinlich ist es Charmion unangenehm, uns zu sehen und von uns gesehen zu werden. Vielleicht sinnt sie auch auf Vergeltung. Ich fürchte, ich muß in der nächsten Zeit wachsam sein. Wahrscheinlich wäre es kein WeltUntergang, von dem stinkenden Mädchen vergewaltigt zu werden, aber es besteht ja die Gefahr, daß sie sich zur Sanierung ihres SelbstBewußtseins etwas Schlimmeres ausdenkt.
Es hat zu regnen aufgehört, und die Sicht ist wieder weit geworden. Wir sind wieder auf einem so großen See, wie wir ihn schon mal durchfahren haben. Damals habe ich ihn 'SäulenWaldsee' getauft, da muß ich mir, trotz mancher Ähnlichkeiten, diesmal einen neuen Namen einfallen lassen.
Bevor wir das MastHaus verlassen haben, habe ich noch kurz einen Blick auf den Kompaß geworfen und mich davon überzeugt, daß wir immer noch in Richtung NordNordOst fahren. Jede andere Richtung hätte ich auch geglaubt, und ich muß auch jede andere Richtung prinzipiell für möglich halten - immerhin könnten ja ErzLager das ErdMagnetfeld hier so verformen, daß kaum noch eine Relation zur Richtung der MagnetNadel an der OberFläche der Erde vorhanden ist.
Westlich von uns ist ein dunkles Gebiet. Dort ist die Decke der WeltHöhle so niedrig, daß sich darunter nicht die leuchtenden WolkenSchicht ausbilden kann. Dieses Gebiet fängt in vielleicht zwölf KiloMetern Entfernung an, wieweit es sich hinter dieser Dunkelheit fortsetzt, weiß ich nicht. Die Säulen, die dort die HöhlenDecke tragen, haben vom WasserSpiegel aus gerechnet nur eine Höhe von vier oder fünf KiloMetern.
Im Osten setzt der See sich, soweit man sehen kann, unverändert fort. Erst in zwanzig KiloMetern Entfernung sind GebirgsHänge zu sehen, die dort ununterbrochenes Land vermuten lassen.
"Wo Casabones wohl ist?" fragt Irene.
"Da wir dorthin fahren, müßte es im Norden sein. Gehen wir auf das VorSchiff, vielleicht können wir es von dort aus sehen." schlage ich vor.
Wir können es in der Tat sehen, weil uns vom VorSchiff keine Segel mehr die Sicht versperren. Es gibt keinen Zweifel, daß das, was wie ein mächtiger Pilz in vier KiloMetern Entfernung drohend vor uns aufragt, Casabones sein muß.
Es ist eine Säule. Eine gigantische, abgebrochene Säule. Unten, an der Basis, muß sie einen DurchMesser von etwa drei KiloMetern haben. Ohne jedes VorGebirge ragt sie aus dem Wasser auf.
Etwa einen KiloMeter über der WasserOberfläche beginnt der DurchMesser der Säule zuzunehmen und erreicht in zwei KiloMetern Höhe vielleicht vier KiloMeter. In drei KiloMetern Höhe sind es fünf, in vier Kilometern Höhe sind es sieben, und in knapp fünf KiloMetern Höhe etwa zehn KiloMeter DurchMesser.
Dort oben ist, deutlich sichtbar, die Säule rundherum abgebrochen. Dort ist einfach eine Kante, die gelegentlich in der leuchtenden WolkenDecke, und an einigen Stellen darunter ist. Hinter und über dieser Kante ist Land. Wie es aussieht, ob es bergig oder flach ist, können wir aus dieser Perspektive nicht erkennen. Ebenso ist es nicht möglich, zu sehen, ob es dort noch eine RestSäule bis zur HöhlenDecke gibt. Wenn nicht, dann ist dieser über 45 Grad überhängende ÜberHang in der Tat ein absolutes FluchtHindernis.
Rund um die Säule herum, in etwa vier KiloMetern Entfernung von ihrer WasserLinie, gibt es bergige und felsige Inseln, die an norwegische Schären erinnern. Einige zeigen Berge, die bis zu 500 Meter hoch sein mögen, andere sind bloße Riffe. Nur wenige sind stellenweise von Urwald bewachsen. Sie alle umgeben den großen, pilzförmigen Berg in einem Ring, der etwa zehn bis vierzehn KiloMeter DurchMesser hat. Es handelt sich wahrscheinlich um Reste des Abbruches der Säule. Oben, vom Rande des Pilzes, würde man diese felsigen Inseln gerade unter sich sehen.
Von der WasserLinie dieses Pilzes sind wir noch acht KiloMeter entfernt, und von dem FelseninselRing noch drei bis vier KiloMeter. Noch sehen wir nicht, welchen Weg das Schiff durch die FelsenInseln einschlagen wird.
Aber die Eignung dieses PilzBerges als absolutes Gefängnis ist evident. Ohne technische HilfsMittel sind diese kilometerweiten ÜberHänge völlig unbezwingbar. Wie man da wohl hinaufkommt? Stollen im Inneren, oder KletterAnlagen, oder wieder Hängende Straßen? Irgendwie muß es ja möglich sein.
"Da kommt niemand runter!" spricht Irene meine Gedanken aus.
"Außer mit FallSchirmen." stelle ich fest.
"Die haben sie nicht." sagt Irene.
"Noch nicht." sage ich cryptisch. Wenn ich an die SegelTechnik denke, die sie hier haben, und an die höhere LuftDichte, dann ist ja die Idee eines FallSchirmes gar nicht soweit hergeholt. Theoretisch wenigstens.
Irene sieht mich fragend an. Aber ich kann nicht weiter reden, weil Chrwerjat zu uns kommt.
Wir beginnen sofort mit ihr ein Gespräch. Das ist unverfänglich, weil es sich um die logische Fortsetzung von SprachUntericht handelt. Auf diese Weise erfahren wir weiteres von Casabones.
Ein Teil unserer Ladung ist für Casabones bestimmt, und zwar hauptsächlich für das BewachungsPersonal. Die Gefangenen können sich von dem, was das Land auf dem Pilz hergibt, weitgehend selbst versorgen.
Das BewachungsPersonal ist nicht sehr zahlreich. Es handelt sich um einige Dutzend, während die Anzahl der Gefangenen da oben auf dem Pilz einige Tausend sein muß. Genau weiß Chrwerjat es auch nicht.
Was das für Gefangene sind? Hauptsächlich Männer, viele von fremden Völkern. Von diesen sind auch Frauen dort interniert - wahrscheinlich. Sicher ist es nicht. StrafGefangene weniger, da die GranitBeißer ja die Neigung haben, StrafTaten sofort mit dem Schwert zu ahnden. Deshalb ist der Begriff des StrafGefangenen an sich unbekannt. Ich habe den Eindruck, daß es sich um ein Reservoir von ArbeitsKräften handelt, also Sklaven, vielleicht auch solche Gefangenen, für die man eine Art LöseGeld erpressen kann, und solche Menschen, für die in der Welt der GranitBeißer einfach kein Platz ist.
Wie kommt man da hoch, will ich wissen. Chrwerjat erzählt, daß wir zunächst in einer Bucht einer Insel des SchärenRinges anlegen werden. Dort ist ein Fort, wo sich das BewachungsPersonal aufhält.
Dort gibt es auch einige kleinere SegelFlöße, mit denen man die WasserLinie des PilzBerges Casabones selbst erreichen kann. Da gibt es nur an einer einzigen Stelle einen KletterSteig. Nach der Beschreibung scheint es so ein KletterSteig zu sein, wie wir ihn zum Schluß benutzt haben, als wir auf das Niveau der Toten Stadt abstiegen. Aber die Beschreibung ist ungenau - ich habe den Eindruck, daß Chrwerjat noch nicht selbst dort war und sich auf andere Quellen verläßt.
Auf diesem KletterSteig kann man dreitausend HöhenMeter an der Wand des Pilzes überwinden. Zum Schluß ist das, wegen der überhängenden Neigung der FelsWand, ganz schön schwierig - jedenfalls stelle ich mir das so vor. Ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt, sich zwischendurch auszuruhen, erfahre ich nicht. Chrwerjat weiß nichts davon. Was sie noch weiß ist, daß in dreitausend Metern Höhe eine schmale Hängende Straße um den ganzen Berg herumführt - mehr ein hängender Weg. Dieser Weg hat eine Länge von 15 KiloMetern, weil der Pilz dort schon einen DurchMesser von 5 KiloMetern hat. Er dient dazu, alle überhängenden Flächen des Pilzes zu inspizieren, ob nicht irgendwo heimlich ein weiterer Hängender Weg durch Gefangene gebaut wird. Allerdings sind die Gefangenen noch nie auf die Idee gekommen, ein solch aufwendiges Unternehmen zu ihrer Flucht in die Wege zu leiten. Jedenfalls ist nichts dergleichen bekannt geworden.
Der weitere Weg nach oben, auf die OberFläche des Pilzes, ist ein Stollen, der mit vielerlei SperrEinrichtungen gesichert ist. Einzelheiten weiß Chrwerjat nicht, auch nichts von AusSehen und Größe des Forts an der Stelle, wo dieser Stollen die OberFläche des Pilzes erreicht.
Jedenfalls sei eine Flucht von diesem Berg völlig unmöglich, belehrt sie mich. Ein Sprung von der Kante würde nach fünf KiloMetern Fall auf das Wasser oder auf die Felsen absolut tödlich sein. Ein Seil von der nötigen Länge und Haltbarkeit könnten sich die Gefangenen mit ihren Mitteln nicht herstellen. Und außerdem werde der Berg ja ständig ganz genau beobachtet.
Ich beobachte den Berg jetzt auch ganz genau, weil ich den Hängenden Weg rund um den Pilz herum sehen will. Aber es scheint sich um eine sehr sparsame Einrichtung zu handeln. Ich kann nichts finden. Vielleicht, wenn wir näher dran sind.
Ein unangenehmer Gedanke beschleicht mich: Sollen wir da auch hin? Schließlich sind wir Gefangene. Logisch wäre es. Andererseits hatte ich den Eindruck, daß die Kommandantin uns nach Grom bringen will.
Wir werden es abwarten müssen.
20.1 Anschiß
Während wir mit Chrwerjat sprechen, taucht Charmion auf dem VorSchiff auf. Sie ist, zur Abwechslung, vollständig angezogen, und sie trägt nicht nur ein Schwert, sondern auf völlig überflüssigerweise einen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen. Ich sehe ihr die schlechte Laune deutlich an. Sie möchte uns irgendwie ärgern, weiß aber noch nicht, wie. Vielleicht sollte man ihr zuvor kommen. Aber wie?
Da Charmion sich nicht direkt an uns herantraut, sucht sie sich ein anderes Opfer. Sie entdeckt es auch sogleich - nicht weit von uns entfernt ist ein Mann der Besatzung dabei, einige Rollen TauWerk auseinander zu sortieren und als saubere Rollen aufzustapeln. Diese Taue haben sich bei irgendwelchen DecksArbeiten gründlich verheddert, und der Mann hat Mühe, diese Seile zu entflechten. Plötzlich steckt zwischen seinen Händen ein Pfeil in dem ungeordneten SeilHaufen.
Charmion schultert den Bogen wieder und tritt vor den Mann, der in Bewegungslosigkeit verfallen ist.
"Was ist denn das für ein DreckHaufen?" fragt sie.
Der Mann setzt mit Erklärungen an, wieso die Taue sich verheddert haben, aber Charmion läßt ihn nicht ausreden. Ich trete näher heran, um mir das anzuhören, und Irene und Chrwerjat folgen mir.
Charmion nimmt eine der sauber aufgerollten Rollen auf und rollt sie mit einem Schwung quer über das Deck.
Die Rolle kommt nicht weit, bevor sie sich völlig zerlegt. Aber weit genug: Cherkrochj hat soeben, vom seitlichen Niedergang des oberen Geschoßes des DecksHauses komment, das Deck betreten. Die Reste der TauRolle zerlegt sich genau vor ihren Füßen. Sie fällt deshalb zwar nicht hin, aber sie ist gezwungen, still zu stehen. Stirnrunzelnd sieht sie in die Richtung, aus der die Rolle gekommen ist. Dort hat Charmion inzwischen gemerkt, daß sie fast der Kommandantin etwas auf den Fuß geworfen hat.
Cherkrochj tritt näher:
"Was soll das?" fragt sie.
"Dieser Mann," erklärt Charmion, "verknotet Seile bis zur Unbrauchbarkeit."
"Dann soll er es aufräumen." entscheidet Cherkrochj kurz und will sich abwenden. Charmion zieht den Pfeil aus dem KuddelMuddel aus verknoteten Tauen und zieht dem Manne einen Schlag über den Rücken:
"Los. AufRäumen!" befiehlt sie.
Jetzt reicht es mir. Mal sehen, ob wir die Hierarchen dieses Schiffes noch etwas gegeneinander aufbringen können.
"Kommandantin," sage ich laut und vernehmlich im Xonchen-Dialekt, "diese Frau ist dabei, diesen Mann an seiner Arbeit zu hindern. Muß das sein?"
Eisiges Schweigen. Jeder in HörWeite hat aufgehört zu arbeiten. Etwas ungeheuerliches ist passiert. Ein Mann hat eine Frau kritisiert. Was wird jetzt geschehen? Wird der Kritiker sofort erschlagen? Ich bin mir ziemlich sicher, daß mir das Schicksal erspart bleibt.
"Kommandantin," fahre ich fort, "die DienstAuffassung der Charmion ist überhaupt etwas merkwürdig. Charmion, gibt es da nicht etwas, was Sie erzählen wollen?"
Es gibt in der Xonchen-Sprach nicht die Anrede 'Sie'. Förmlichkeit ist eine Sache des TonFalls. Denn habe ich wohl deutlich genug hingekriegt.
Das Schwert der Charmion ist blitzschnell draußen. Ein schwirrender, glänzender Bogen in der Luft, dann ein funkenziehendes Klirren nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt. Charmions Schwert zerspringt, die BruchStücke schwirren gefährlich durch die Luft, aber keiner von uns wird getroffen.
Cherkrochj hat den Hieb von Charmion, der mich in zwei Teile zerteilen sollte, gerade noch gestoppt. Viel hat aber nicht mehr gefehlt. Mir wird schlecht, als mir das klar wird.
"Bist du denn wahnsinnig?" höre ich Irenes atemlos flüsternde Stimme. Sie wird sofort von dem schneidenden Ton der Stimme Cherkrochjs unterbrochen:
"Wenn jemand die Gefangenen tötet, dann bin ich es. Verstanden?"
Charmion hat verstanden. Sie läßt den nutzlos gewordenen SchwertGriff fallen.
Cherkrochj wendet sich an mich: "Was ist passiert?"
Trotz meiner weichen Knie schildere ich in möglichst entschlossenen Worten den Vorfall von gestern abend. Ich mache die Tölpelhaftigkeit, mit der sich Charmion das Schwert hat abnehmen lassen, besonders deutlich. Charmion steht dabei und sagt kein Wort.
"Habe ich irgend etwas vergessen, ungenau oder verfälscht gesagt?" frage ich zum Schluß, mich direkt an Charmion wendend. Sie schüttelt den Kopf. Sie denkt vielleicht daran, zu leugnen. Aber da ist noch Irene, die Zeuge des ganzen VorFalles war. Und Irene ist auch eine Frau und damit glaubwürdig. Es stände ungünstig für sie.
Cherkrochj überlegt. Eine schwierige Situation. Man kann nicht einfach einen Offizier vor allen MannschaftsDienstgraden heruntermachen, ohne die Disziplin zu gefährden. Aber die Sache mit dem entwendeten Schwert kann man auch nicht so einfach auf sich beruhen lassen.
"Was ist mit diesen Seilen?" fragt sie. Ich erkläre kurz, was ich beobachtet habe.
"Es stimmt, was er sagt." pflichtet Chrwerjat bei. Auch Irene nickt. Der Mann ist rehabilitiert, Charmion steht doppelt überführt da.
"Räum die Seile auf!" befiehlt Cherkrochj dem Mann, und zu Charmion: "Du kommst mit."
Dann gehen sie. Was wird das jetzt? Anschiß unter vier Augen?
Wir gehen wieder weiter nach vorne auf das VorSchiff, auch um den Mann von unserer Gegenwart zu befreien. Ob ihm klar ist, wie nahe er am Tod war oder vielleicht noch ist?
"Was passiert mit ihr?" frage ich Chrwerjat.
Sie weiß es nicht. Solche VorFälle wie diese eben sind noch nicht vorgekommen. Außerdem wird eine MaßRegelung und die daraus resultierenden Folgen nicht unbedingt jedem mitgeteilt. Deshalb bleiben uns nur fruchtlose MutMaßungen.
20.2 SchärenNavigation
Um 2 Uhr morgens sind wir im SchärenGebiet. Ich muß Cherkrochj bewundern, wie sie die engen DurchFahrten mit diesem schwer zu manövrierenden Schiff schafft. Eine Strandung wäre bei dem schwachen Wind zwar nicht unbedingt gefährlich, aber unter ungünstigen Umständen könnte es aufwendig werden, das Schiff wieder flott zu kriegen.
Wir bleiben auf dem VorSchiff, auch Chrwerjat, die, wenn auch jetzt nicht mehr sehr konzentriert, den SprachUnterricht fortsetzt. Es ist mehr eine Art Smalltalk. Das erfüllt natürlich auch den Zweck. Und unserer weiterer Aufenthalt auf dem VorSchiff sollte uns allen viel Ärger ersparen.
Während wir nämlich müßig die vorbeiziehenden Inseln betrachten, fällt mir, auf der relativ breiten DurchFahrt, die wir im Moment befahren, ein DoppelWirbel auf, vielleicht dreihundert Meter vor dem Schiff. Und wir fahren genau drauf zu! Cherkrochj sieht es nicht, da stehen ihr Segel im Wege, und der AusGuck sitzt im Moment wohl auch auf den Augen, denn er oder sie meldet nichts, obwohl es aus dem KrähenNest doch noch viel deutlicher zu sehen sein muß. Irre ich mich?
Ich springe zur Seite, so, daß Cherkrochj mich vom mittleren MastHaus aus sieht. Mit wilden Gebärden versuche ich ihr, klarzumachen, daß sie nicht weiter geradeaus fahren darf.
"Links, links!" rufe ich im Xonchen-Dialekt. Da ist noch genug Platz zwischen der Untiefe und dem Ufer der nächsten Insel. Rechts wäre auch noch Platz, aber das Xonchen-Wort für 'rechts' ist wesentlich schwerer auszusprechen, außerdem kann ich Wörter, die nur noch aus Konsonanten bestehen, nicht laut schreien. Wer das nicht glaubt, sollte das Alphabet nehmen, alle Vokale herausstreichen, die restlichen Konsonanten gut durchmischen und über das Thema vor dreitausend Leuten eine Rede halten.
Cherkrochj hat verstanden und folgt mir: Das Schiff schwenkt träge herum. Wenig später zieht die Untiefe an unserer rechten Seite vorbei, deutlich zu erkennen. Auch Cherkrochj muß jetzt sehen, daß ich recht hatte.
Der AusGuck wird hörbar herunterbefohlen, und jemand anderes steigt hinauf.
"Sieh mal!" sage ich zu Irene, "wer ist denn das?!" Rhetorische Frage. Es war Charmion, die als AusGuck kurzfristig eingeteilt worden war und die die Untiefe nicht gemeldet hat.
"Jetzt muß sie sich warm anziehen." sagt Irene befriedigt.
"Ja. Jetzt ist sie reif. Zuviel in zu kurzer Zeit." denke ich laut nach, "Aber ich will nicht, daß sie getötet wird!"
"Warum denn nicht?" fragt Irene verwundert, "Sie gefällt dir wohl?"
"Mag sein, daß mein UnterBewußtsein auf ihr bloßes AusSehen fliegt. Aber sie ist eine völlig unerotische Erscheinung, wenn man sie näher kennt." stelle ich achselzuckend fest, "Aber auf was ich hinaus will ist etwas anderes. Die macht Fehler. Die wird noch mehr Fehler machen. Zu impulsiv. Zuviele Entscheidungen aus einer augenblicklichen Laune heraus. Wir brauchen sie deshalb als KontrastProgramm zu uns selbst. Das ist für uns ein GlücksFall. Deshalb darf sie nicht sterben."
Irene zweifelt daran, aber ich mache mich auf den Weg ins mittlere MastHaus. Ich muß die Kommandantin sprechen.
20.3 Beförderung
Cherkrochj scheint zuerst ungehalten, als ich zu ihr ins MastHaus trete. Meine Bitte, Charmion nicht zu bestrafen, versetzt sie jedoch in baßes Erstaunen.
Während sie dennoch konzentriert den Weg durch die Inseln weitersteuert, schickt sie die Frau an ihrer Seite - sie heißt, glaube ich, Chibargch und ist mir noch nicht besonders aufgefallen - weg, um Charmion zu holen. Eine Weile sagen wir nichts, und ich versuche, die teilweise abgedeckte Mechanik der Übertragung für die RuderWirkung zu verstehen. Es scheint sich um einen SeilZug zu handeln, was eigentlich naheliegend ist. Ich muß irgendwann einmal nachsehen, wo dieser SeilZug zwischen diesem RuderHaus und dem Ruder verläuft.
"In Ihrer Welt sind Männer anders." stellt Cherkrochj fest. Es war mehr eine Frage.
"Ja." sage ich, "Es gibt kaum gesellschaftliche Unterschiede zwischen Mann und Frau. Früher wurden Frauen als Menschen zweiter Klasse behandelt, aber das hat sich im Laufe der Zeit gegeben."
Das ist eine grobe VerEinfachung, was ich ihr damit erzähle, aber wir wollen jetzt keine Erbsen zählen. Außerdem ist jetzt nicht der Platz für ausgedehnte gesellschaftspolitische Erläuterungen.
"Tatsächlich?" fragt Cherkrochj. Sie läßt nicht erkennen, ob sie mir glaubt oder nicht. Sie schweigt wieder eine Weile.
"Sie wissen, daß wir immer noch nicht überzeugt sind, daß es Ihre Welt wirklich gibt, so, wie Sie es erzählen. Andererseits - alles, was sie darüber erzählen, ist so vollständig in sich schlüssig. Sie können es sich nicht alles ausgedacht haben!"
"Doch, das kann ich schon!" entgegne ich, und krame dann weiter alle meine Xonchen-Kenntnisse zusammen: "Wir haben professionelle GeschichtenErzähler. Man nennt sie SchriftSteller, weil sie ihre Geschichten aufschreiben. Dabei müssen diese Geschichten in sich stimmig sein, damit man nicht sofort merkt, daß es sich um eine Geschichte handelt. Und mit so einer Geschichte denkt sich ein SchriftSteller ja immer eine Welt aus. Die muß stimmen. Die muß möglich sein. Also, wenn ich es darauf anlegte, dann könnte ich mir schon eine Welt ausdenken."
"Sie sind SchriftSteller?"
"Nein, wieso?"
"Weil Sie von sich selbst behaupten, daß sie sich eine Welt ausdenken können, wenn sie es nur versuchten."
"Ich habe mal Geschichten geschrieben, das ist richtig. Aber ich verdiene meinen LebensUnterhalt nicht mit der SchriftStellerei."
"Aha."
Ob es das Konzept 'den LebensUnterhalt verdienen' bei den GranitBeißern so überhaupt gibt, und ob ich es in der Xonchen-Sprache überhaupt richtig ausgedrückt habe, erfahre ich nicht. Es ist immer wieder dieselbe Beobachtung: Zwischen sehr unterschiedlichen Kulturen kann man auch bei guter Kenntnis aller beteiligten Sprachen kaum Konzepte vermitteln, ohne daß sie bei dem bloßen Versuch eine Änderung erfahren. Zu sehr reflektiert eine Sprache Kultur und Mentalität der Menschen, die sie benutzen. Sogar zwischen Deutsch und Englisch gibt es solche feinen Unterschiede, die einem aber erst nach langern Jahren auffallen. Man merkt es immer dann, wenn man versucht, eine komplexe ArgumentationsKette, die man in der einen Sprache schon oft dargestellt hat, auch in der anderen Sprache zu machen. Plötzlich geht es nicht mehr. Es hakt. Nicht, weil einem die Worte fehlen, sondern weil die der Sprache eigenen semantischen GrundMuster nicht mehr mitmachen. Und die semantischen Unterschiede zwischen Deutsch und Xonchen sind viel größer als die zwischen Deutsch und Englisch.
Chibargch betritt wieder das mittlere MastHaus. Charmion folgt ihr. Sie steht mit gesenktem aber trotzigem Blick da. Bissig. Unterdrückte AngriffsLust. Ich spüre die aggressive Vitalität dieser Frau.
"Charmion," sagt Cherkrochj, "dieser Mann hat sich für dich eingesetzt. Verstehst du das?"
Charmion sagt nichts.
"Möchten Sie sie haben?" fragt Cherkrochj mich schließlich.
"Als was?"
"Als Gespielin?"
Ich ahne, was Cherkrochj meint. Charmion weiß es. Sie wird rot vor Scham. Einem Mann als subordinierte Gespielin angedient zu werden ist für eine Frau in dieser Welt offenbar eine schlimme Schmach. Der Begriff 'Gespielin' ist an sich stigmatisiert. Ein Mann kann 'Gespiel' sein, aber nicht eine Frau. Eine Frau entscheidet, wann und mit wem 'gespielt' wird, nicht der Mann. Das ist die kulturelle Gepflogenheit.
"Nein. Ich will sie nicht. Ich habe meine Frau!" Die Musik in meinen Lenden sagt jetzt zwar etwas anderes, aber das spielt keine Rolle. Sexuelles Verlangen flackert immer und überall planlos auf. Das beweist überhaupt nichts.
"Ich habe auch nicht angenommen, daß es das ist." stellt Cherkrochj fest. Sie überlegt eine Weile, während sie immer noch konzentriert am SteuerRad dreht. Dann:
"Ich habe folgendes beschlossen. Dieser Mann, Herwig - so heißen Sie doch? - tritt in die Pflichten und Stellung von Charmion an Bord ein. Charmion wird ihm als persönlicher Berater zugeordnet. Sie werden vorne und achtern mit Cherwig angeredet - das ist für unsere Zungen leichter. Chibargch, machen Sie das auf dem Schiff bekannt!"
Sie nickt mir zu: "Zufrieden?"
"Aber ich verstehe nichts von den Dingen an Bord, weil ich ..."
"Charmion wird es ihnen beibringen. Sie gehorcht Ihnen ab jetzt. Ach ja, Charmion: Bringen Sie ihm ein Schwert aus der ZeugKammer. Sein Schwert!"
Charmion tritt ab, und ich habe auch das Gefühl, daß ich entlassen bin. Ich nicke Cherkrochj kurz zu, bevor ich gehe, aber sie sieht gar nicht in meine Richtung. Wenn sie eine Unterredung beendet, dann ist das der Förmlichkeit genug.
"Wie war es denn?" fragt Irene, als ich wieder auf dem VorSchiff bei ihr bin.
20.4 SchwertÜbergabe
"Du wirst es nicht glauben!" sage ich.
"Was?"
"Schau mal dahin!" Ich zeige auf Charmion, die auf uns zukommt. Sie selbst trägt nur einen SchwertGurt mit leerer Scheide, weil ihr Schwert zerschlagen ist. Aber in beiden Händen trägt sie ein glänzendes, neues Schwert. Sie stellt sich vor mich hin und überreicht es mir. Dabei hat sie einen GesichtsAusdruck, der zwischen Trotz und Ausdruckslosigkeit und EingeschnapptSein schwankt.
"Ich bin befördert. Das ist der Punkt." sage ich zu Irene.
"Zu was?"
"Zu dem, was Charmion vorher war."
"Und was ist das genau?"
"Das herauszufinden wird jetzt meine erste AufGabe sein. Ich glaube, so eine Art untergeordneter SeeOffizier, verantwortlich für einige technische Dinge an Bord, und vielleicht Mädchen für alles. Gefangene vorführen und so."
"Und wie willst du das schaffen?"
"Mit Hilfe meines besonderen, persönlichen Beraters!" stelle ich fest.
"Also ich glaube nicht, daß ich dir da viel helfen kann."
"Du bist sowieso mein persönlicher Berater!" sage ich zu Irene, "Aber ich habe jetzt noch einen bekommen." Dabei deute ich auf Charmion, die abwartend vor uns steht.
"Ach du gute Güte."
"Nicht 'gute Güte'. 'Cherwig' genügt. Ich darf jetzt einen Namen tragen. Ganz offiziell. Cherkrochj hat ihn ein bißchen ins unaussprechliche verwandelt, damit sie ihn hier aussprechen können!"
Ich habe jetzt Gelegenheit, mir das Schwert genauer anzusehen. Bisher ist mir, auch wenn ich kein FachMann für Schwerter bin, schon aufgefallen, daß es verschiedene SchwertTypen gibt. Ich habe leicht gebogene Schwerter gesehen, die vielleicht dem entsprechen, was man sich unter einem 'Samurai-Schwert' oder einem 'Takana-Schwert' vorstellt. Diese Art von Schwertern hat an ihrer Klinge nur eine geschliffene Schneide.
Dieses aber ist ein Schwert mit gerader, breiterer, zweischneidiger Klinge. Die Schneiden scheinen von gleicher Qualität zu sein. Griff, HandSchutz und Klinge sind, so wie es aussieht, aus einem Stück, so daß die Form des Schwertes an ein Kreuz erinnert, wenn man die Klinge senkrecht nach unten hält. Es gibt an Griff und HandSchutz keinerlei Verzierungen und Schnörkel. Es handelt sich um ein rein 'nützlichen', schmucklosen Gegenstand. Die Enden des HandSchutzes und das Ende des Griffes sind knaufartig verdickt. Damit läßt sich das Schwert sicher fassen, und der HandSchutz kann wohl das AbGleiten einer gegnerischen Klinge auf den eigenen Körper zu verhindern.
Daß es verschiedene BauFormen von Schwertern gibt kommt mir seltsam vor. Soweit ich weiß, hat sich in allen Kulturen auf der ErdOberfläche jeweils immer nur eine Form durchgesetzt. Vielleicht fußt die SchwertSchmiedekunst in dieser Welt auf verschiedenen VorBildern?
Die Klinge ist so scharf, daß man sofort weiß, daß es sich nicht um ein SpielZeug handelt. Ich muß zugestehen, daß mich ein merkwürdiges Gefühl der Kraft durchströmt, als ich das Schwert in der Hand wiege.
Aber wohin damit? Etwas hilflos hantiere ich mit dem Schwert herum. Ich bräuchte so einen SchwertGürtel mit Scheide, wie Charmion ihn trägt.
"Wo kriegt man das?" frage ich Charmion in Xonchen.
Sie gürtet sich wortlos ihren eigenen SchwertGürtel ab und legt ihn mir an. Bei ihrer Berührung durchschauert es mich. Daran ändert auch ihr Geruch nichts, der mich zwingt, nur auszuatmen, solange sie mir näher als einen Meter ist. Das Schwert ist schwer in die Scheide einzuführen. Ich habe den Verdacht, daß beides nicht zusammengehört, und daß diese Scheide für schmalere Schwerter gemacht wurde.
Aber Charmion knotet noch verschiedene Schnüre an der SchwertScheide um. Dieses Futeral scheint für verschiedene SchwertTypen verstellbar zu sein, vermute ich. Nach nur wenigen Sekunden Arbeit prüft sie es, indem sie das Schwert noch einmal halb herauszieht. Und siehe da: das Schwert gleitet wie geölt heraus und hinein.
Nun hängt das Schwert sicher an meiner Seite, als wärs ein Teil von mir. Und Charmion steht vor mir. Ohne ihre Waffen wirkt sie fast nackt, so sehr haben wir uns daran gewöhnt, daß die Frauen hier Tag und Nacht bewaffnet rumlaufen.
Ich deute auf die ReelingBalken:
"Charmion, ich möchte, daß du mir erzählst, was du von morgens bis abends machst. Okay?"
Sie nickt und folgt uns. Aber ihr Gang ist anders als früher. Sie wirkt irgendwie gebrochen. Daß sie einem Mann gehorchen muß, das muß für sie eine fürchterliche Strafe sein.
Irgendwie bin ich skeptisch, daß sie diesen Zustand lange dulden wird.
"Sind wir denn jetzt noch Gefangene?" fragt Irene auf Xonchen interessiert. Es ist nicht klar, ob sie mich, Charmion, oder Chrwerjat anspricht.
"Ich fürchte, ja. Nur die AufgabenVerteilung hat sich geändert." antworte ich. Und zu Chrwerjat:
"Wir brauchen wahrscheinlich noch deine Unterstützung, wenn Charmion mich jetzt in ihr ArbeitsGebiet einführt. Ist das in Ordnung?"
Es ist in Ordnung. Auch Chrwerjat ist von der plötzlichen Wendung der Dinge überrascht. Wahrscheinlich sind alle hier von Cherkrochj plötzliche EinFälle gewöhnt. Ich erinnere mich noch genau an den Mann, den sie erst vor wenigen Tagen für nichts und wieder nichts hingerichtet hat. Daß ich mich jetzt in ihrem WohlWollen sonnen darf, das hat überhaupt nichts zu sagen. Das kann morgen schon ganz anders sein. Heute schon, vielleicht.
Das Schiff hat die WasserFläche zwischen dem SchärenRing und der WasserLinie des PilzBerges erreicht. Der Überhang des gigantischen Felsens reicht jetzt weit über unseren StandPunkt hinaus. Während wir mit Charmion reden, treibt das Schiff an den Inseln des SchärenRinges entlang, wobei es nahezu quer zum Wind fahren muß. Das ist natürlich bei seiner BauWeise unmöglich. Es kann, bei dieser RumpfForm, keine Höhe am Wind gewinnen. Wenn es in eine Bucht hineinmanövrieren muß, dann werden wir wahrscheinlich rudern müssen.
Jedenfalls wird noch einige Zeit vergehen, bis wir die Insel mit dem Fort im SchärenRing erreichen.
Charmion ist in der Tat nur ein kleines, wenn auch kompetentes Licht an Bord, erfahren wir. Sie ist eine der jüngsten an Bord und hat eine einflußreiche Mutter in Grom. Das allerdings hilft ihr hier wenig, solange sie bei Cherkrochj in Ungnade gefallen ist.
Ihre technischen AufGaben an Bord beziehen sich auf die AufSicht über Arbeiten an der Takelage und der Besegelung. Eigentlich ist sie für alles nautische Gerät an Bord verantwortlich, aber der FloßRumpf erfordert nicht viel Aufmerksamkeit und Wartung.
Charmion ist früher einmal in bestimmten, soweit ich verstehe sportlichen WettKämpfen besonders hervorgetreten. Dabei hat sie sich eine Reputation als SchwertKämpferin und KampfSchwimmerin erworben. Dann verstehe ich natürlich gut, wie entsetzlich blamabel es für sie war, sich von mir das Schwert abnehmen zu lassen. Und wie gefährlich der VorFall für mich war: Wenn sie etwas aufmerksamer gewesen wäre, dann wäre mir das KunstStück nicht gelungen. Wieder einmal die alte Lektion: Niemals einen Gegner unterschätzen. Ich bin sicher, diese ÜberRumpelung wird ihr auch nie wieder passieren.
Dieses Angreifen des Sauriers unter Wasser vor einigen Tagen in der Schlucht, so erklärt sie, war für sie völlig ungefährlich. Man muß nur aufpassen, daß man nicht zwischen den Körper des Sauriers und das Schiff gerät, oder zwischen Saurier und FelsWand. Letzteres war bei der Breite und Tiefe der Schlucht sowieso unwahrscheinlich, und für ersteres muß man eben aufpassen, daß man unter Wasser nicht die Orientierung verliert. Sowie man in der AugenHöhle des Tieres einen festen Halt gefunden hat, muß man schnell arbeiten, weil der Saurier in seinen TodesKrämpfen ohne weiteres noch den eigenen Kopf zerschlagen kann, und natürlich alles, was da dran hängt. Aber ganz ohne Risiko, sagt Charmion, kann man nicht einmal eine EidEchse fangen. Jedenfalls sah sie die ganze Angelegenheit mehr als einen Sport an, wenn auch einen sehr nützlichen Sport, denn auf diese Weise hatte man ja einen zweiten Saurier erlegt.
Ich sehe ihr an, daß sie zwischen dem Wunsch, mir manche Dinge zu verschweigen und dem strikten Befehl, mir alles zu sagen, schwankt. In ihrem Alter - es müssen etwa 22 Jahre sein, finde ich heraus - sieht man manche Dinge noch so strikt, hat noch so sichere AusSagen über die Welt, über das, was recht ist und was nicht. Daß sie jetzt einen Gefangenen männlichen Geschlechtes als Vorgesetzten bekommen hat, ist ihr gar nicht recht. Aber ich frage weiter.
Nautische Dinge. Navigation. SegelTechnik. ManövrierTechnik. Ich frage sie, wie man mit einem SegelSchiff Höhe am Wind gewinnt.
Sie sieht mich an, als ob ich bekloppt wäre. Höhe am Wind? Das Konzept habe ich ihr schon klar gemacht. Höhe am Wind gewinnen heißt, ein Schiff gegen den Wind zu steuern. Das geht nicht. Man wartet ab, bis der Wind in die gewünschte Richtung weht, und bloß, weil das in den letzten Tagen meistens der Fall war, sollten wir nicht denken, daß das die Regel ist. Ein großer Teil der SegelKunst sei doch der, zu entscheiden, wann und wie lange man vor Anker liegen muß, um auf günstigen Wind zu warten, und das Wetter zu beobachten, um herauszufinden, wann das so weit sein wird. In anderen Gebieten hingegen gibt es vorherrschende Winde, die sich sehr selten ändern, und die man eben kennen muß. Wenn man einige solche 'WindStraßen' kennt, dann kann man diese auch sehr gut in eine feste KursPlanung mit einbeziehen.
Ich bin kein Segler. Aber so ein paar rudimentäre physikalische TatSachen über das Segeln habe ich schon begriffen. Mal sehen, ob ich es ihr begreiflich machen kann.
Zunächst frage ich sie über die unterschiedliche Steuerbarkeit eines SegelFloßes wie diesem in Abhängigkeit von der Ladung aus. Chrwerjat und Irene beschränken sich auf das Zuhören.
Charmion weiß, wie jeder, zu dessen regelmäßigen Pflichten die RuderWache gehört, daß ein tiefliegendes Schiff bei gleichem Wind und gleicher Besegelung langsamer ist als ein leeres. Aber sie weiß auch, daß der WinkelBereich der möglichen Kurse etwas größer ist.
Ich frage sie, ob sie wohl eine Idee hat, woher das kommen könnte.
Ihre Erläuterungen sind unklar, aber es geht wenigstens daraus hervor, daß sie die Ursache in der verschieden tief eintauchenden BordWand vermutet.
Damit liegt sie ja gar nicht so falsch. Ich frage Chrwerjat, ob sie mir das Papier holen kann, das wir beim SprachUnterricht benutzen.
"Irene," sage ich zu meiner Frau in Deutsch, "das ist der nächste Schritt am Aufbau unserer Reputation. Du bist nicht vertraut mit der Segelei, nicht wahr?"
Irene verneint es, und in wenigen Worten erkläre ich ihr, was ich vorhabe.
Es ist schön, wenn man gelegentlich sogar die bewundernden Blicke der eigenen EheFrau auf sich ruhen fühlt. Meistens wird man ja innerehelich nur kritisiert, wie jeder EheMann bestätigen kann.
Chrwerjat kommt zurück und gibt mir das ZeichenZeug. Sie ist auch neugierig, das sehe ich ihr an.
Ich komme gleich zur Sache. StrömungsDiagramme um einen Körper, um erst einmal das Konzept meiner zeichnerischen Darstellung zu erläutern. Charmion und Chrwerjat begreifen das ohne weiteres. Solche Darstellungen einer Strömung mit einem Feld von Pfeilen haben sie zwar noch nie so gesehen, aber jemandem mit technischen Verständnis sind solche Graphiken sehr schnell eingängig. Ich vermute sogar, daß sie schneller begreifen als Irene. Warum auch nicht, die Konstruktion und FunktionsWeise von Segelschiffen hat nie zu Irenes beruflichen AufGaben oder privaten Interessen gehört.
Nun stelle ich Segel dar. Gerade Anströmung, schräge Anströmung, resultierende KraftVektoren. Die beiden GranitBeißer-Frauen nicken. Kein Problem.
Ein Schiff drunter, quer zum Wind, die RahSegel werden fast tangential angeströmt. KraftVektor nach vorne. Gut? Gut. Das Schiff bewegt sich fast senkrecht zum Wind. Aber nur fast, denn Masten und AufBauten haben auch noch einen WindWiderstand. Es gelingt nicht, einen resultierenden KraftVektor zu erzeugen, der mit der WindRichtung einen Winkel von neunzig oder mehr Grad bildet, selbst, wenn das Schiff nur noch aus SegelFläche bestände.
Nun setze ich meinen Kiel unter das Schiff. Ich beschreibe ihn einfach als eine Art 'hartes Segel' unter Wasser. Geht natürlich nur in tiefem Wasser.
Was passiert? Das Schiff könnte nur unter großem KraftAufwand in seitlicher Richtung getrieben werden. Wenn man jetzt den Bug des Schiffes noch einige Dutzend Grad in den Wind dreht, und wenn man die Rahen so dreht, daß der KraftVektor mit der SchiffsAchse einen Winkel bildet, der kleiner als neunzig Grad sein muß, dann erhält man eine Bewegung in Richtung der SchiffsAchse. Die Kraft auf den Kiel und die Kraft auf die Segel summieren sich zu einem KraftVektor, der mit der WindRichtung einen Winkel von mehr als neunzig Grad bildet. - Die WindKraft allein kann es nicht. Aber zusammen mit der durch den Kiel erzeugten Kraft geht es.
Ich sehe es den beiden Frauen an. Es dämmert. Sie beginnen zu begreifen.
Der Rest ist Manöver. Auf dem letzten Blatt zeichne ich Kurse ein. Wie kreuzt man gegen den Wind? Natürlich kann man mit der Methode nicht genau gegen den Wind fahren. Aber man will ja von einem Ort zum anderen kommen, und ob man dies in einer ZickZack-Linie tut, oder auf geradem Wege, ist relativ gleichgültig, solange man überhaupt dahin kommt wo man hinkommen will.
Es hagelt EinWände. So ein Kiel, fragt Chrwerjat, der wäre doch in flachem Gewässer sehr störend? Dieses Schiff muß häufig flache Gewässer befahren.
Natürlich, erkläre ich ihr. Ein Schiff wie dieses bräuchte einen Kiel, den man entfernen kann. Ich demonstriere es mit meinem Schwert. Raufziehen - Kiel ist weg - runterlassen - Kiel ist wieder da. Wie es der Zufall will nennt man solche Kiele in der Segelei auch 'Schwerter', und ich führe bei der Gelegenheit dieses neue FachWort für diesen Zweck ein.
Für einige Minuten hat Charmion vergessen, daß sie gedemütigt worden ist und noch immer gedemütigt wird. Sie diskutiert mit Chrwerjat die Implikationen dieses Konzeptes, und bei der Gelegenheit erfahre ich, wie schnell man in der Xonchen-Sprache sprechen kann. Sie fragen mich alle möglichen Dinge, Fragen, die man unter den hiesigen Bedingungen erst experimentell ermitteln müßte: Aus welchem Material baut man so ein Schwert? Wie groß muß es sein? Mit welcher Mechanik kann man es herauf- und herunterlassen? Geht das bei einem SegelSchiff jeder Größe? Was ist, wenn in einer engen WasserStraße zu wenig Platz zum Kreuzen ist?
Plötzlich ertönt ein KommandoTon vom mittleren MastHaus. Cherkrochj hat die Erregung der kleinen Gruppe auf dem VorSchiff bemerkt. Sie muß mal wieder beweisen, wer die Chefin ist. Es ist, wie ich dachte: Das Licht ihres WohlWollens kann sich jede Sekunde verdunkeln.
Wir sind in der Nähe des Forts angekommen. Aber wie zur Demonstration der GegenWind-Problematik kann das Schiff nicht in die Bucht des Fort einfahren, weil es dazu nach Süden fahren müßte. Wir müssen also sehr weit draußen vor der Insel, auf der das Fort ist, ankern. Dazu müssen auch die Segel eingeholt werden. Das ist die Pflicht des SegelWartes.
Und das bin ich.
"Charmion!" sage ich, leise und dringend zu ihr, "Was muß ich jetzt tun?"
In der Euphorie über die neuen Möglichkeiten hat sie fast vergessen, daß sie mir gram ist. Sie sagt mir vor. Ich rufe auf Xonchen das Äquivalent "Alle Mann an Deck!", und dann schicke ich sie alle nach oben. Es geht problemlos - die Männer verstehen ihre Arbeit. Aber es dauert natürlich eine ganze Weile, bis diese große Menge SegelTuch eingerollt worden ist.
Niemand nimmt daran Anstoß, daß ich die Kommandos erteile. Die Nachricht von meiner Beförderung muß längst überall an Bord umgelaufen sein. Ich kann aber nicht erkennen, wie diese Nachricht allgemein aufgenommen worden ist.
Derweil haben wir Gelegenheit, die Insel des SchärenRinges, auf der das Fort sein soll, genau anzusehen. Wir sind vielleicht achthundert Meter von ihrem Ufer entfernt, und es sind kaum Einzelheiten zu erkennen. Zwei SteinTürme ragen hinter einem niedrigen FelsRücken hervor, und rechts und links von diesen Türmen sieht man einige BaumSpitzen. Die SteinTürme haben dunkle Fenster - oder SchießScharten? - und ein HolzDach. Niemand ist zu sehen. Das ist nicht genug, die Größe und BauForm dieses BauWerkes abschätzen zu können.
Hinter einer LandZunge der Insel ist MastWerk zu sehen. Da ankern Schiffe, die dem unserem ähnlich sind, wenn auch kleiner.
Das alles, und wir selber, werden überragt von dem gewaltigen Schirm der GefängnisInsel. Die Beleuchtung fällt hier jetzt diffus schräg ein, denn von den FelsWänden der GefängnisInsel und ihren Überhängen über uns geht natürlich kein Licht aus.
"Was passiert jetzt?" frage ich Chrwerjat.
"Sie werden mit einem der Schiffe kommen und Fleisch an Bord nehmen."
"Ach so."
Chrwerjat hat noch einen Hinweis:
"Diese LadeGeschäfte werden vom DecksOffizier überwacht und geleitet."
"Und wer ist das?"
Chrwerjat und Charmion sehen mich seltsam an. Und da weiß ich, wer es ist.
20.5 Defloration
Ich lasse mich von Charmion instruieren, was da zu tun ist. Es sieht so aus, als ob das Fleisch einfach von einem Schiff auf das andere rübergetragen wird. Der LadeOffizier hüben muß darauf achten, daß durch die Entladung keine Asymmetrie in der LastVerteilung entsteht, und drüben, auf dem anderen Schiff, wird jemand genauso aufpassen, daß es symmetrisch beladen wird.
Das ist zwar einfach, sagt Charmion, aber verantwortungsvoll. Man kann ohne weiteres dieses Schiff zum Kentern bringen, indem man nur die Ladung an einer Seite abräumt. Aber Cherkrochj, so belehrt sie mich, legt natürlich nicht nur Wert darauf, daß das Schiff nicht kentert. Nein, die Masten sollen bis zum Schluß und die ganze Zeit des LadeGeschäftes über kerzengrade stehen. Ein kränkendes Schiff, wie sieht denn das aus? Das ist keine Empfehlung für die Kommandantin.
Wir haben noch einige Zeit, bis das andere Schiff ankommen wird. Ich gehe mit Charmion ins DecksHaus, in die LagerRäume. Im WehGehen sehe ich, daß Irene und Chrwerjat miteinander reden. Irgendwie fällt mir das Wort 'Klatsch' ein. Reichen Irenes SprachKenntnisse dazu schon? Na wenn schon, auch das erfüllt ja für das SprachenLernen seinen Zweck.
Die Diskussion über die Kunst, mit einem SegelSchiff Höhe am Wind zu gewinnen, ist jetzt schon wieder vergessen. Das FleischVerladen ist dringender.
Ein immenser Gestank empfängt mich im ersten LagerRaum, der durch eine der seitliche Türen im DecksHaus, durch die ich noch nie geschaut habe, erreichbar ist. Er ist bis zur Decke mit den FleischFladen der beiden Saurier gefüllt. Nur in der Mitte lassen die StapelHalden einen schmalen Gang frei, kaum fünfzig ZentiMeter im DurchMesser. Ich glaube, nicht mehr atmen zu können, aber Charmion macht der Geruch offenbar nichts aus. Sie geht vor mir in diesen schmalen Gang hinein und ich folge ihr. Wir müssen vorher unsere Schwerter zur Seite legen, weil der Gang so eng ist. Hinter uns fällt die Tür wieder zu - als ob die frische Luft sich absichtlich von diesem Raum fernhielte! Es ist dämmrig, weil kaum Licht durch die Tür und die Ritzen in der Wand hereinkommt.
"Können sich die Träger hier überhaupt noch bewegen?" frage ich. Wahrscheinlich ist das das Problem der Träger, die wir einteilen werden. Aber wenn die sich gegenseitig auf die Füße treten, dann wird das LadeGeschäft dadurch auch nicht schneller.
Charmion dreht sich plötzlich um, tritt einen Schritt zurück und drängt sich mit einer flinken Bewegung zwischen mich und die Wand aus Fleisch hinter ihr. Wir sind eingeklemmt, jeder mit dem Rücken zur einer Wand, wir Brust an Brust und Bauch an Bauch und Schenkel an Schenkel.
"Was soll d..." frage ich und blicke Charmion aus nächster Nähe in die Augen. Ich spüre die Hitze ihres Körpers überall, die hohe KörperTemperatur der GranitBeißer, die einem natürlich nur bei direktem KörperKontakt wie jetzt auffällt.
Sie ist kaum wiederzuerkennen. Das ist Gier, würde ich sagen, oder Verlangen. Sie will und sie weiß, daß sie will, und sie weiß, daß sie wird. Sie ist überall naßgeschwitzt, ihre Haare sehen ungewaschen und verfilzt aus, aus dieser Nähe noch mehr, aber der Gestank in diesem Raum überdeckt jede ihrer eigenen AusDünstungen.
Ihre LederJacke ist weit geöffnet, hat aber bei der Enge nicht die Möglichkeit, ihr vollständig von den Schultern zu rutschen. Ihr Busen mit den vollständig erigierten Warzen wölbt sich gegen mich, nimmt mir fast den Atem, wenn der Gestank das nicht sowieso schon täte. Sie biegt die LederStreifen ihres Rockes nach oben und presst ihr nacktes, naßes und heißes Geschlecht an meines, nachdem sie mit überraschender FingerFertigkeit herausgefunden hat, wie sich der ReißVerschluß meiner Jeans öffnen läßt.
"Ich kann dir alles zeigen, ja? Willst du hier hineinfließen?"
Ich weiß nicht, ob sie meine neuen Pflichten als LadeOffizier meint oder ihren Körper, den sie mir zeigen will. Letzteres ist eher unwahrscheinlich, denn gesehen habe ich an ihr schon alles. Vielleicht heißt zeigen 'fühlen lassen'? Plötzlich nehme ich, trotz des Gestanks in diesem Raum, den Duft ihrer Bereitschaft wahr.
Es geht zu schnell, ich habe nicht die Spur der Möglichkeit einer GegenWehr. Das muß dir passieren, denke ich noch, aber es passiert schneller, als ich es denken kann. Ihre geschickten Finger fummeln mich in sie hinein, kaum, daß ich die notwendige Erregung zustandegebracht habe, und ich bekomme einen Eindruck von ihrer hohen KörperkernTemperatur. Es ist kaum zum AusHalten. Sie reißt die Schenkel hoch und wird, wie ein KaminKletterer, nur von mir und der Wand hinter ihr gehalten. Naja, eine etwas merkwürdige Art von KaminKletterei. Sie teilt sich, immer weiter, und sie umgibt mich, sie zieht mich tief in sich hinein, so, als wolle sie mir den MittelPunkt der Welt zeigen, den heißen MittelPunkt der Welt, der da irgendwo in ihrem Körper und sonst nirgendwo ist. Ich wehre mich immer noch gegen die Vorstellung, daß er da tatsächlich sein könnte. Aber jetzt ist er tatsächlich dort, denn was ich mir vorstelle und was jetzt geschieht, das entscheide ich nicht mehr rational.
"Es wird gut. Ich mache alles. Du sagst, was du willst, und ich mache alles, ja?"
Wieder diese DoppelBedeutung. Sie reitet wild auf und ab, hält sich aber geschickt in der richtigen Position. Als ob sie viel Übung darinnen hat, sich in dieser Stellung, hier, in den FleischLagerräumen, so nehmen zu lassen. Der Rhythmus ist wie der Rhythmus der Welt, der Wellen und der UrwaldTrommeln, und diese Trommeln hallen überall in uns wieder und ich bin dem wirklichen MittelPunkt der Welt jetzt und hier in dem schönen Körper dieser MenschenFresserin so ganz nahe.
Sie bekommt ihren Orgasmus. Und dann noch einen. Und noch einen. Oder ist es ein einziger, der nur solange dauert? Ich weiß es nicht. Ich brauche wenig dazu zu tun, obwohl ich natürlich nicht ganz unbeteiligt bin. Aber die notwendige Mechanik geht von ihr aus. Ich spüre, wie ich in ihr irgendwo anstoße, und wie es sich darinnen bewegt, pulsiert und saugt, wie der heiße ErdKern fünftausend KiloMeter unter uns es auch tut, und ich bin wie ein Pflug, der ihr Fleisch aufwühlt, nicht, daß ihre Organe Schaden daran nähmen, denn dieser Pflug muß diese Furche kneten und kneten.
Irgendwann komme ich dann auch, obwohl ich mich, im Vergleich zu ihrem Einsatz, fast noch als Unbeteiligten bezeichnen würde. Nein, das ist nicht richtig - das Stadium der NichtBeteiligung habe ich schon lange hinter mir gelassen. Ich will in sie hinein, und die Welt explodiert in diesem einen Willen. Einen Moment ist der Gestank rundherum vergessen. Und dann kommt sie noch einmal, und nocheinmal, und nocheinmal. Es gurgelt in meinem Hoden, wie es dort noch nie gegurgelt hat, und dann tut es mir weh, und es ist Freude und die Freude fließt von mir zu ihr und von ihr zu mir und immer fort und hin und her.
Endlich ist sie fertig. Mit flinken Fingern bringt sie unsere Klamotten in Ordnung. Gute Logistik. Nach wenigen weiteren Sekunden ist, als ob nichts gewesen wäre. Die Welt kann wieder in senkrecht und waagerecht eingeteilt werden, und es gibt wieder festen Boden, um darauf zu schreiten.
Sie beginnt übergangslos, weitere Erläuterungen zum bevorstehenden LadeGeschäft abzugeben. Ihre Stimme ist fester und selbstbewußter als noch vor wenigen Minuten. Sie hat ihren Sieg gehabt.
Ich kann mich nicht auf das konzentrieren, was sie sagt. Ich habe das erste mal meine Frau betrogen. Und es hat mir Spaß gemacht. Zwecklos, das zu leugnen - ich pflege meine BewegGründe sowieso immer zu analysieren. Mich selbst kann ich kaum belügen. Andere können das - ich nicht. - Ich habe meinen Spaß gehabt, und das war Teil ihres Sieges.
Daß ich dieser Situation kaum entkommen konnte, entschuldigt das etwas? Und ist es überhaupt wahr? Was hätte sie denn machen können, wenn ich mich entschieden genug gewehrt hätte? Einen Offizier des Schiffes, auf dem zur Zeit das WohlWollen der Kommandantin liegt, hätte sie kaum umbringen können.
Aber sie ist stärker als ich. Sie hätte mich auf jeden Fall zwingen können. Irgendwann hätte ich schon mitgemacht, das hat die Natur schon so eingerichtet. Und welche Möglichkeiten habe ich jetzt? Zur Kommandantin rennen und mich über eine Vergewaltigung beschweren?
Unmöglich. Ausheulen ist nicht, bei niemandem. Und Charmion hat das vorher gewußt.
Ich begreife, daß die Karten im MachtSpiel auf dem Schiff recht unübersichtlich gemischt sind. Irene hatte von dem Moment an keine Chance mehr, nicht betrogen zu werden, als ich Charmion das Schwert wegnahm. Ja, vorher noch, die Würfel waren schon vorher gefallen: Als Charmion sich entschloß, ins MastHaus zu uns zu kommen und mich zu zwingen, mit ihr mitzukommen und mit ihr zu schlafen.
Nein, korrigiere ich mich, noch früher: Als ich Irene auf dem FloßRand in die Arme genommen hatte und der vorbeikommenden Charmion sagte 'Das ist meine Frau.' Von da an war es entschieden. Da wurde der Pfeil abgeschossen, der unsere Ehe zerstören sollte. Von mir.
Aber noch ist unsere Ehe nicht zerstört. Noch weiß Irene nichts. Und Charmion wird nichts sagen. Wenn ich auch nichts sage, dann ist es, als wäre nichts geschehen. Irene gegenüber das humanste. Eigentlich.
Allerdings setze ich mit meinem Schweigen gewissermaßen meine UnterSchrift unter den SeitenSprung. Dadurch sanktioniere ich ihn und spreche Charmion frei.
Und Herwig, sage ich mir, gib dich da keiner Täuschung hin: Du weißt, daß Charmion das wieder machen wird, sowie ihr der Sinn danach steht. Es hat ihr gefallen, es hat dir gefallen. Die Illusion, die du dir machen wolltest, daß du nicht daran schuld bist, hätte fast funktioniert. Aber nur fast. Ein Dümmerer als du hätte sich selbst problemlos hinter das Licht führen können.
Ich sehe Charmion an, während sie weiterdoziert. Sie redet geschäftsmäßig. Nichts mehr von dem gefräßigen, kleinen Mädchen, das eben noch unbedingt etwas in ihre Vagina stecken wollte, koste es, was es wolle. Sie weiß, daß sie mich in der Hand hat. Sie kann es immer wieder tun, solange niemand zusieht.
Ihre BrustWarzen stehen immer noch in der Stellung 'unternehmungslustig'. So können wir den LagerRaum noch nicht verlassen. Irene würde es sehen. Sie sieht sowas: Früher hat sie auf einigen Wanderungen immer behauptet, von jeder Frau, die uns zufällig entgegenkam, sofort zu wissen, vor wie langer Zeit diese das letzte Mal gebumst hatte. Ob das stimmte, weiß ich nicht - man kann es sehr schwer nachprüfen. Aber bei Charmion sähe auch ein Laie wie ich deutlich genug, was Sache ist oder vor kurzem Sache war.
Und doch, abgesehen von dieser 'lokal imponierenden peripheren DurchblutungsSteigerung', wie die Mediziner das ungefähr auszudrücken pflegen, wirkt sie wieder unerotisch. Das fettig verlockte Haar fällt mir wieder auf, der durchgehende SchweißFilm, der ihren Körper und jetzt auch Teile von meinem bedeckt. Der MundGeruch, der nur hier drinnen von dem FleischGestank überdeckt wird. Die katzenhafte Gewandheit, die Bewegungen, die nicht Erotik ausdrücken, sondern die gefährliche Geschmeidigkeit einer RaubKatze, wie das Klischee so schön sagt. Es ist nirgends richtiger als hier. Dieser Körper, erinnere ich nur zu deutlich, ist nur der äußeren Form nach Playmate-verdächtig. Sie ißt MenschenFleisch, sie bekämpft Saurier im EinzelKampf, sie turnt gelegentlich völlig schwindelfrei im MastWerk herum, und gelegentlich vergewaltigt sie eben auch. Das ist eine Sache von vielen. Vielleicht für sie nicht einmal die wichtigste.
Wenigstens, denke ich mir, ist sie im Moment nicht darauf aus, mich physisch zu vernichten. Solche Launen kommen bei den GranitBeißern ja vor. Bei allen.
Später am Tag erfahren wir, daß das Schiff heute noch nicht kommen wird, sondern erst nach der nächsten SchlafPeriode. Solange wird das Schiff hier vor Anker liegenbleiben. Deshalb ziehen Irene und ich uns um 8 Uhr zum Schlafen in unser MastHaus zurück.
Irene erzählt vor dem EinSchlafen noch eine ganze Weile einige Belanglosigkeiten aus dem SchiffsKlatsch. Mein Eindruck vorhin war also gar nicht so unrichtig, aber ich höre nicht hin. Ich denke an Charmion. Wenn ich die Augen zumache, sehe ich den Schweiß zwischen ihren Busen herunterlaufen, bis zu ihrem Nabel und immer weiter. Es ist unerotisch, eigentlich abstoßend, aber die Erregung steigt doch wieder auf. Irene merkt zum Glück nichts davon. Sie hat die PrivatAngelegenheiten von Chrwerjat noch nicht restlos durchkommentiert.
Ihr gefällt der soziale AufStieg. Vielleicht, denkt sie laut nach, ergeben sich doch irgendwann für uns Chancen, wieder nach Hause, wieder in die OberWelt zu kommen.
Vielleicht.
20.6 MarschBefehl
Um 17 Uhr wachen wir wie geplant auf. Abgesehen davon, daß das Schiff vor Anker liegt, beginnt der Tag mit seiner üblichen Routine. Sogar Chrwerjat kommt kurz nach 18 Uhr, um mit dem SprachUnterricht fortzufahren.
Während des morgendlichen Waschens sehe ich Charmion untätig an Deck herumstehen. Alle Niedergeschlagenheit ist von ihr gewichen. Wenn man sie ansieht, dann käme man nicht auf die Idee, daß sie gestern degraduiert worden ist. Was solls, mir sieht man meine 'Degraduierung' auch nicht an.
Soweit ich weiß, habe ich jetzt keine dringenden Pflichten in meiner neuen Stellung und kann deshalb auch an dem SprachUnterricht teilnehmen. Ich befrage Chrwerjat darüber, aber sie weiß auch nichts Gegenteiliges. Solange das andere Schiff nicht kommt, gibt es nichts zu tun.
Mit dem SprachUnterricht kommen wir nicht weit. Charmion betritt ganz unvermutet das MastHaus. Sie trägt wieder ein Schwert, was immer das bedeuten mag.
Cherkrochj hat neue Pläne, und diese werden uns mitgeteilt. Weil es auf der Fahrt einige Opfer gegeben hat - einige davon schon, bevor wir festgenommen wurden, denn die SaurierJagd ist schließlich nie ungefährlich - ist Cherkrochj auf die Idee gekommen, einige Gefangene von der GefängnisInsel Casabones als Besatzung mitzunehmen. Sie hat diesen Wunsch der FortBesatzung hinübersignalisieren lassen, und von dort ist die Genehmigung eingetroffen. Allerdings müssen wir uns die Leute selbst holen. Zu diesem Zweck hat sie eine Gruppe zusammengestellt: Ich, Charmion, Chrwerjat, Chechmirch und Chmerm.
Ich habe die Führung, Charmion ist angeblich ortskundig, Chrwerjat geht mit wegen eventueller SprachProbleme und weil sie auch eine ganz ordentliche SchwertKämpferin ist, Chechmirch hat Haare auf den Zähnen und VerhandlungsGeschick, was bei den GranitBeißern vielleicht das gleiche ist, und Chmerm ist bis jetzt ganz unauffällig gewesen. Ein paarmal habe ich sie RuderWache gehen sehen, und sie ist fast so jung wie Charmion, ein Mädchen mit einer knabenhaften Figur und kaum angeborener Agressivität. Warum sie mitgeht, weiß ich nicht, aber es sollen wohl insgesamt fünfe sein.
Charmion ist ungewöhnlich gut gelaunt. Eigentlich das erste Mal, daß man ihr unter Zeugen die gute Laune ansieht. Vielleicht aber ist das Unternehmen auch nur nach ihrem Geschmack.
Wir sollen zehn Männer besorgen, sonst nichts. Ganz so viele werden nicht gebraucht, aber ich weiß, warum wir ein paar mehr mitbringen sollen: Einige werden wahrscheinlich zur EinSchüchterung der anderen wegen irgendwelcher Kleinigkeiten in den ersten Tagen auf dem Schiff ganz fürchterlich bestraft werden und dabei möglicherweise ihr Leben verlieren. Allmählich kenne ich die GedankenGänge der GranitBeißer.
Eines der Schiffe vom Fort ist zu uns unterwegs, aber es wird, nachdem Fleisch übernommen worden ist, nicht zum Fort zurückfahren, sondern mit uns an Bord zum Einstieg der GefängnisInsel segeln.
Ich frage, ob Irene mitkommen soll, aber Charmion sagt, wenn Cherkrochj das beschlossen hätte, dann hätte sie es gesagt.
Ich sehe Chrwerjat an, daß ihr die neue Entwicklung der Dinge auch nicht paßt, aber sie fügt sich. Irene ist erschrocken. Bisher waren wir noch nicht ernsthaft getrennt worden.
"Ich bringe das in Ordnung!" sage ich zu ihr. Ich hatte bei meiner letzten UnterRedung mit Cherkrochj ja den Eindruck, daß sie Argumenten durchaus zugänglich ist. Sofort stehe ich auf und verlasse mit Charmion das MastHaus.
Während ich die Wanten herunterklettere, sehe ich vor der Insel mit dem Fort bereits das Schiff, das seinen AnkerPlatz in der Bucht verlassen hat und jetzt vollständig sichtbar ist. Es hat nur wenige Segel gesetzt, aber die sechshundert Meter, die es noch von uns entfernt ist, wird es schnell schaffen.
Ich finde Cherkrochj im großen GemeinschaftsSaal. Sie steht mit zwei weiteren Frauen über Papiere gebeugt. Als sie mich kommen sieht, leistet sie sich eine Spur eines Lächelns.
"Das ist schön, Cherwig, daß Sie so schnell kommen. Manche SchiffsOffiziere lassen sich wesentlich länger bitten!"
Ich sehe nicht zur Seite, aber ich denke, daß dieser Hieb Charmion galt.
"Ja, natürlich komme ich. Ich wollte fragen, ob meine Frau uns auf diesem Unternehmen begleiten kann!"
"Warum?"
"Weil wir zusammengehören. Wir sind zusammen ein besseres Team!"
"Aber Ihre - Frau - ist hier an Bord bestens untergebracht!"
"Sie will aber bei mir sein!"
"Wieso? Der Weg da hinauf ist anstrengend. Sie kann die Zeit weiter zum Erlernen unserer Sprache nutzen. Sie hat es nötig."
"Ja, ich weiß, aber ..."
"Außerdem ist sie zu fett."
"Wie bitte?" Ich glaube, mich verhört zu haben. Ich vergesse immer wieder, wie wenig diplomatisch diese Menschen sind.
"Zu fett. Zu schwer. Sie schafft den Weg hinauf nicht!"
"Meine Frau," sage ich mit scharfer Stimme, "ist nicht zu fett. Vielleicht ein bißchen übergewichtig, aber nicht fett. Und den Weg hier hinunter in diese Welt hat sie auch geschafft, also wird sie auch da hinauf gehen können!"
"Sie bleibt hier!" sagt Cherkrochj mit kalter Stimme.
"Der Weg hier herrunter war weiter als alles, was jemand von eurem Volk jemals vollbracht hat!"
"Sie bleibt hier!"
"Aber sie kann doch ..." Ich breche ab, weil ich sehe, wie Cherkrochj ihre Hand an den Griff ihres Schwertes legt. Sie sagt nichts, und ich halte auch meinen Mund. Hilflos sehe ich zur Seite. Charmion steht neben mir, mit einem maskenhaft ausdruckslosen Gesicht.
Flüchtig denke ich daran, daß ich auch ganz beiläufig mein Schwert greifen könnte. Aber ich fürchte, daß das, was mir einmal bei Charmion mit einem ÜberraschungsEffekt so glänzend gelungen ist, sich kaum wiederholen läßt. Hier sind alle flinker mit der Waffe als ich. Da sollte ich mich in gar keine Illusionen versteigen.
20.7 EinKleidung und Trennung
"Und nun, Cherwig," fährt Cherkrochj nach einer Weile fort, "reden wir über die Einzelheiten."
In wenigen Minuten erzählt sie mir alles, was ich über das Unternehmen und den Weg auf den PilzBerg hinauf wissen muß. Charmion hört stumm zu, aber ich bin sicher, sie merkt sich ebenfalls alle Anweisungen. Ich erfahre, daß sie den Weg auch schon kennt, deshalb besprechen wir den Weg auch nicht in Einzelheiten. Was soll es, eigentlich ist es ja wirklich ein einfaches Unternehmen: Wir gehen rauf, ins OberFort, auf der OberFläche des PilzBerges, und die FortBesatzung wird uns eine Kollektion von zehn Männern ausliefern. Die bringen wir wieder runter. Cherkrochj schlägt vor, elf oder zwölf mitzunehmen und gleich zu Anfang die überzähligen hinzurichten. Das macht auf die anderen Eindruck, und wir werden sie ohne Schwierigkeiten runterbringen können. Das kleine Schiff wird solange am AnlegePlatz zum EinStieg warten, und jemand aus der FortBesatzung wird sich derweil um die EntLadung des Fleisches kümmern, entweder gleich oder später. Auch um den Transport des Fleisches auf den PilzBerg brauchen wir uns nicht zu kümmern - es reicht aus, der Besatzung im OberFort mitzuteilen, daß an der AnlegeStellen Fleisch zum Abholen bereitliegt. Jemand wird es holen.
Die Methode, die Gefangenen zum leichteren Transport einzuschüchtern gefällt mir nicht. Aber sie scheint so selbstverständlich zu sein, daß jede GegenArgumentation wahrscheinlich auf Unverständnis stößt. Man könnte mal probieren, ob man MenschenLeben schützen könnte, indem man diese Methode der EinschüchterungsHinrichtungen ad absurdum führt. Ein einfaches RechenBeispiel. Wenn man in einem Monat 10 Prozent der Gefangenen hinrichten muß, um den Gehorsam der anderen sicherzustellen, dann läßt sich die Rechnung leicht fortführen. Nach einem Monat bleiben 90 Prozent übrig, nach zwei Monaten 81 Prozent, nach dreien etwa 73 Prozent, nach vieren sind es nur noch 66 Prozent. Nach einem Jahr müßten es um die 28 Prozent sein, nach zwei Jahren ist von anfänglich 12 Gefangenen nur noch einer am Leben, nach vier Jahren von anfänglich 157 Gefangenen nur noch einer. Keine sehr effiziente Methode der GefangenenBewachung.
Aber Cherkrochj gibt mir nicht die Zeit, noch weitere Erläuterungen meinerseits vorzubringen. Wir sind schon fertig, und sie wendet sich wieder ihren Karten zu.
Ich hätte gerne mit Irene gesprochen, aber das andere Schiff hat schon längsseits beigedreht, und man ist dabei, beide Schiffe mit Planken und Seilen zu verbinden. Zumindest pro Forma muß ich das LadeGeschäft beaufsichtigen.
Glücklicherweise zeigt es sich, daß die Männer - natürlich sind es nur Männer, die zu den schmutzigen Arbeiten eingeteilt sind - das nicht zum ersten Male machen. Ich beobachte die Masten, um Anzeichen einer beginnenden Neigung zu sehen und dann mit Weisungen in den EntladeVorgang einzugreifen. Aber die Männer holen die FleischFladen aus allen LagerStätten gleichzeitig, und das Schiff bleibt automatisch ausgetrimmt. Schnell stelle ich fest, daß es ausreicht, 'hoheitsvoll' auf Deck auf- und abzugehen und dem LadeGeschäft interessiert zuzusehen.
Charmion ist bei mir und geht auch hoheitsvoll auf und ab. Mir kommt die Idee, daß sie vermeiden will, daß es für jemanden, der noch nicht Bescheid weiß, so aussehen könnte, als sei sie tatsächlich degradiert.
Soll sie. Mir ist egal, was die Männer denken. Aber ich muß Irene sprechen, schnell. Solange die Gefahr besteht, daß Cherkrochj aus irgendeiner unvermuteten Richtung dem LadeGeschäft zuschaut - und die Gefahr besteht immer - kann ich hier nicht weg.
"Kannst du mal Irene holen?" frage ich Charmion. Sie guckt verständnislos.
"Bitte!" setze ich hinzu. Ein Wort, das ich erst sehr spät in der Xonchen-Sprache gefunden habe. Es wird nicht sehr häufig gebraucht.
Charmion geht. Es ist 20 Uhr. Erst? Es ist schon wieder soviel passiert, seit dem AufWachen. Sie bringt Irene. Und Irene bringt meinen RuckSack. Charmion verschwindet wieder. Warum, weiß ich nicht, aber es ist mir recht.
"Warum das denn?" frage ich sie.
"Ich habe ihn dir gepackt, weil sie gesagt hat, daß ihr unmittelbar nach dem VerLaden wegfahrt!"
"Aber ich komme doch wieder, der RuckSack kann doch hier bleiben!" entgegne ich.
"Hat sich hier schon mal etwas nach unseren Plänen gerichtet? Wir haben doch unser Schicksal schon längst nicht mehr in der Hand!" sagt sie.
"Aber Cherkrochj hat gesagt, wir sollen da raufgehen, die Gefangenen holen, und dann gleich wieder runterkommen!"
"Ja, das sagt sie heute! Und was sagt sie morgen?"
Darauf weiß ich auch nichts zu sagen. Charmion kommt wieder. Sie war in der ZeugKammer. Den Stapel, den sie in den Armen trägt, erkenne ich erst mit dem zweiten Blick.
"Ich soll das doch wohl nicht anziehen!" protestiere ich auf Xonchen.
"Cherkrochj will es so." stellt Charmion ganz trocken fest. Hilflos sehe ich mich um. Niemand nimmt von uns Notiz.
"Sofort." sagt Charmion, und nach einer Pause " ... sagt Cherkrochj."
"Vielleicht ist es besser so." überlegt Irene. Deine Hose hat schon mehrere Löcher. Das Schwert scheuert da links alles auf, und dreckig und durchgeschwitzt ist sie auch. Dieses LederZeug ist stabiler."
"Und was soll ich mit meinen Sachen machen?"
"Die gibst du mir. Ich bleibe ja hier."
So beginne ich, mich auf der Stelle auszuziehen. Niemand nimmt davon Notiz, aber Charmion ist unruhig. Das LadeGeschäft ist bald fertig. Vielleicht haben wir nicht mehr viel Zeit vor dem Abfahren.
Als ich den LederstreifenRock anlegen will, schüttelt Charmion energisch den Kopf.
"Die UnterHose auch." vermutet Irene.
"Aber dann scheuere ich mir an dem Zeug doch die Eier ab!"
"Die anderen halten es auch aus." sagt Irene. Charmion würde sich drastischer ausdrücken oder schallend lachen. Aber noch können wir privat reden, solange wir die deutsche Sprache benutzen.
Charmion sagt die ganze Zeit nichts. Auch wenn sie dem Gespräch nicht folgen kann, so übersetzt unsere Mimik ihr vieles. Jetzt ist sie es, die ganz alleine hoheitsvoll überwacht, wie ich mich aller KleidungsReste unserer Zivilisation entledige und diesen seltsamen Rock und den albernen Wams anlege.
Ich gebe Irene Hose und T-Shirt: "Paß auf die BriefTasche auf, die ist hinten in der GesäßTasche!"
Irene will mir den RuckSack geben, aber Charmion schüttelt wieder den Kopf.
"Ich glaube, du mußt alle meine Sachen hier behalten!" vermute ich.
Ich trete einen Schritt zurück und sehe an mir herunter. Das LederZeug ist hart und reibt auf der bloßen Haut. Hoffentlich ändert sich das noch.
"Wie einer von denen!" stellt Irene fest, "Aber echt!"
Ich sehe mich um. Die meisten Männer sind verschwunden oder inzwischen mit anderen Arbeiten beschäftigt. Das Verladen ist beendet, der Mast steht immer noch senkrecht. Viel dazu getan habe ich nicht. Chmerm ist schon drüben auf dem anderen Schiff, Chrwerjat redet in einiger Entfernung mit Cherkrochj, wo Chechmirch ist weiß ich nicht, und Charmion steht wartend da. Vom MastHaus des anderen Schiffes sehen zwei Frauen neugierig herüber. Die Planken, auf denen die Träger hin und her marschiert sind, werden schon weggetragen, und die Seile losgemacht.
"Sie warten!" sage ich.
"Ja, sie warten." sagt Irene.
"Ist ja nur für einige Tage," sage ich, "es wird schon alles nach Plan gehen."
"Und wenn nicht?"
"Dann - wir werden hier bekannt sein. Wir finden uns schon wieder. Und dir als Frau tun sie sowieso nichts." Ich überlege. "Wenn wir ganz getrennt werden sollten, dann gehen wir nach Grom, alle beide, irgendwie. Alleine kommen wir aus dieser Welt nie wieder raus. Denk daran! Wir gehen nach Grom, und dann wissen wir schon mehr. Dann planen wir unsere Flucht!"
Cherkrochj ruft irgend etwas ungeduldiges, und ich drücke meine Frau an mich. Charmion sieht interessiert zu.
"Wir gehen nach Grom!" flüstert sie mir ins Ohr, "Und dann gehen wir nach Hause. Irgendwann. Wir schaffen es schon. Wie du sagst. Herwig! Wir sind doch die allergrößten! Wir schaffen es schon! Lass dich nicht unterkriegen. Auch nicht von dieser Charmion. Paß auf dich auf! Wir gehen nach Hause."
Jemand haut mir auf die Schulter. Es ist Charmion. Sie deutet auf das andere Schiff. Da ist bereits ein halber Meter Wasser zwischen den beiden BordWänden. Ich reiße mich von Irene los. Gerade noch. Mit einem Sprung sind wir rüber, Charmion und ich, und Chechmirch muß auch im letzten Moment aufgetaucht und rübergesprungen sein.
"Das solltest du auch mitnehmen!" sagt Charmion und drückt mir einen Beutel mit einigen Riemen in die Hand, "Ich trage nicht zwei davon!"
"Was ist das?"
"MarschVerpflegung."
So stehe ich nun da: Ein TrageGurt für ein Schwert und das Schwert selbst an meiner Seite, ein komischer LederstreifenRock und so eine Art LederBolero. Dazu ein Beutel, der sich vom ergonomischen StandPunkt wesentlich schlechter tragen läßt als mein RuckSack. Das ist alles, was ich jetzt noch an materiellen Gütern habe. Nach außen ein Bewohner dieser Welt. Nur in meinem Kopf ist noch ein Echo der Welt da oben, der Welt, die mich 45 Jahre alt gemacht und solange geformt hat. Dieses Echo eines bis jetzt 45-jährigen Lebens wird stark genug sein, mich für den Rest meines Lebens, wie lange das hier auch noch dauern mag, zu einem Fremden in der Welt der GranitBeißer zu machen, egal, wie ich gerade aussehe.
Da ist allerdings noch meine digitale ArmBandUhr, die mich hier als Fremdling auszeichnet. Allerdings nur für jemanden, der weiß, was das ist. Da einige der GranitBeißerinnen auch metallene Ringe tragen, hält man das für eine Art Schmuck. Es hat sich, bisher jedenfalls, kaum jemand genau für die Uhr interessiert. Sie zeigt gerade 20:15 Uhr an, und ich hoffe, daß ich mir diese Zeit nicht für den Rest meines Lebens merken muß, weil ich jetzt Irene das letzte Mal sehe.
Sie steht drüben, hinter der BalkenReeling, auf dem anderen Schiff. Sie hält meinen RuckSack, meine Klamotten liegen vor ihr auf dem Boden. Wie ein Kind, dem etwas weggenommen worden ist, das sie über alles in der Welt behalten wollte. Sieben Meter zwischen uns, zehn Meter, zwanzig Meter. Die Segel sind schon gesetzt worden.
"Irene, zeig's Ihnen! Erfinde das Geld, mach in Grom eine Bank auf!" rufe ich. Notstrategie, oder LebensInhalt für den Rest ihres Lebens, falls wir uns nicht wiedersehen sollten?
Vierzig Meter. Noch kann ich sie als Irene erkennen, als meine Frau. Herwig, reiß dich zusammen. Das wird nur eine kurze Zeit der Abwesenheit. Deine KatastrophenPhantasie, würde sie sagen.
Sechzig Meter, achteraus. Sie sieht mir immer noch nach. Ich kann ihre GesichtsZüge immer schlechter sehen. Wenn jetzt einer von uns weint, dann könnte der andere das überhaupt nicht mehr erkennen. Ob sie weint? Tapfere Frau.
Hundert Meter. Bis daß der Tod euch scheidet, hat es geheißen. Von den GranitBeißern war bei der Zeremonie damals nicht die Rede, obwohl sie nur elf KiloMeter von uns entfernt waren - direkt unter unseren Füßen
"Irene! Wir sind die allergrößten! Wir sehen uns wieder, das verspreche ich dir!" schreie ich noch. Sie hört mich wohl nicht mehr.
Und nun dreht sich das Schiff, und das andere Schiff, auf dem wir die letzten Tage noch zusammen verbracht haben, verschwindet hinter den HeckAufbauten.
20.8 SchiffsHexe
Als ich mich umdrehe, steht Charmion wieder da und beobachtet mich aus nächster Nähe.
"Verpfeiff dich, du blödes ArschLoch!" brülle ich sie an. Die Wörter habe ich auch schon gelernt. Endlich kann man sie mal anwenden.
Immerhin sieht Charmion jetzt einmal so aus, als ob sie sich wundert.
Als ich auf die andere Seite dieses Schiffes gehe, kann ich Irene nicht mehr sehen. Sie muß auf dem anderen Schiff wieder in das MastHaus zurückgekehrt sein. Eine ganze Weile sehe ich das andere Schiff, von dem wir uns immer weiter entfernen, an. Nun ist niemand mehr an Deck zu erkennen.
"Cherwig?" höre ich hinter meinem Rücken. Ich drehe mich um.
Vor mir steht eine alte Frau. Sie muß etwa sechzig sein, aber sie ist drahtig und zäh. Ihr Gesicht ist von Narben übersät, Spuren unzähliger Kämpfe, und der klinisch ungeübte Blick würde sie häßlich nennen. Ich aber sehe die Narben und das Alter. Wie sie mal ausgesehen haben mag, als sie jung war, kann ich so schnell nicht herausabstrahieren.
Charmion steht nehen ihr. Wahrscheinlich hat sie die Alte zu mir geführt.
"Ich bin Herwig," sage ich, "nicht Cherwig. Herwig." Wir wollen doch mal sehen, ob ich die korrekte AusSprache meines Namens wieder einführen kann. Vielleicht muß man nur häufig genug darauf bestehen.
Es ist der Alten unangenehm, einem Mann gegenüberzutreten, der eine für einen Mann in dieser Welt absolut unübliche Form der sozialen Stellung erreicht hat. Die Situation kennt sie noch nicht. Andererseits hat sie offenbar ihre Anweisungen, die sie zwingen, mit mir Kontakt aufzunehmen. Sie nimmt sich zusammen.
"Ich bin Chchyhchrxoichrsk."
Großer Gott, denke ich mir, der Name paßt zu ihr. Ob das schon die höchste Kunst der Unaussprechlichkeit ist?
"Das freut mich."
"Warum?"
Hat sie ja recht. Es freut mich überhaupt nicht. Es ist nur eine sinnlose RedeWendung, die ich jetzt mal in der Xonchen-Sprache ausprobiert habe. Das kann ich jetzt natürlich nicht so sagen.
"Das sagt man in unserer Welt so, wenn man sich das erste Mal begegnet."
Ihr WissensStand bezüglich meiner Herkunft scheint ihr von Charmion noch nicht restlos erläutert worden zu sein. Deshalb wechselt sie das Thema:
"Wir bringen ihre Gruppe zum GefängnisHafen."
"Ja. Das war von der Kommandantin so geplant worden."
"Von der Kommandantin Ihres Schiffes?"
"Ja."
"Was ihre Kommandantin plant ist völlig gleichgültig. In erster Linie entscheidet die FestungsKommandantin Chroc, was in und um die GefängnisInsel herum geschieht."
"Aha." KompetenzStreitigkeiten also. So fremd, wie diese Welt ist, das klingt vertraut. Wie ich überhaupt annehme, daß, wenn die Menschen einmal mit schnellsten RaumSchiffen das fernste Ende des Universums erreichen sollten, dann werden sie zwei vertraute Dinge dort antreffen: dieselben NaturGesetze wie hier, und, wenn sie auf intelligentes Leben stoßen sollten, auf Bürokratie.
Ich warte darauf, daß die Alte fortfährt. Da ich nichts sage, tut sie das dann auch.
"Da wir knapp an Leuten sind, schlage ich vor, daß Sie uns beim Entladen des Schiffes helfen. Dann können sie nach oben gehen und ihre Gefangenen holen!"
Die Änderung auf den GesichtsZügen von Charmion, als sie das hört, ist sehenswert. Als ob ihr jemand Scheiße zum Essen angeboten hätte. Dieser Vorschlag ist eine Beleidigung. Zum EntLaden des Schiffes verwendet man Männer, das war bis jetzt das unausgesprochene Gesetz in dieser Welt. Das war ja auch das erste, was wir begriffen hatten. Will diese Alte jetzt ihre Macht beweisen? Eine kleine, lokale ProvinzFürstin? Der Sport in dieser Welt? Sich gegenseitig bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu erniedrigen? Und da keine Männer zugegen sind, da greift man sich eben eine Gruppe von dem Schiff, das SaurierFleisch vorbeibringt.
Ich sehe, daß wir von verschiedenen Stellen des Schiffes beobachtet werden. Vielleicht ist die normale Entgegnung auf diese AufForderung das Ziehen des Schwertes. Ich bin sicher, ich und Charmion würden daraufhin sofort von Pfeilen durchbohrt werden, ehe wir der Alten ein Haar krümmen könnten, und den drei anderen, die irgendwo auf dem Schiff sind, würde ähnliches passieren.
Schnelle, gewaltsame Reaktion hilft hier gar nichts. Vielleicht ist es ganz gut, daß ich nicht jede Beleidigung sofort als solche erkenne und instinktiv oder reflektorisch reagiere.
"Gute Idee," sage ich, "aber damit warten wir natürlich, bis wir mit den Männern wieder im GefängnisHafen sind!"
"Nein. Das machen wir gleich nach dem Anlegen!" bestimmt Chchyhchrxoichrsk.
Charmion sieht hilflos zwischen mir und der Alten hin und her. Wir sind auf diesem Schiff in der MinderZahl. Wenn die uns triezen wollen, dann können wir sie kaum daran hindern. Und wenn wir das zulassen, dann bekommen wir vielleicht nicht einmal unsere Gefangenen.
"Okay," sage ich, "sie haben ja Recht. Die Leute auf Ihrem Schiff wissen ja auch gar nicht, wo das schlechte Fleisch geladen wurde."
"Das schlechte Fleisch?"
"Ja, sicher! Wir erlegten einen kranken Saurier. Um unsere Kapazität auszulasten, nahmen wir auch davon Fleisch an Bord, obwohl es wahrscheinlich nicht genießbar ist. Aber dann dachten wir an die Gefangenen auf dieser Insel, und daß man ihnen eventuell etwas davon mitbringen könnte. Sie verstehen: Es führt zu üblen Krämpfen!"
"Ach ja?" wundert sich Chchyhchrxoichrsk, "Seit wann wird denn den Gefangenen Fleisch mitgebracht?"
"Seit das in Grom so entschieden wurde." stelle ich fest.
"Vom Rat der SiegelBewahrerinnen selber?" fragt die Alte.
"Ja, natürlich!" Und nach einer Weile, während sich die Alte noch wundert, setze ich zum Wohle des ganzen hinzu: "Das ist doch mit hoher Dringlichkeit so beraten und beschlossen worden! Die Einführung neuer Folterungs- und HinrichtungsMethoden! Wissen Sie das denn nicht?"
"Doch, doch, das weiß ich." Die Alte ist jetzt in der Defensive. Sie hat nicht die geringste Ahnung, wovon ich spreche. Ich nebenbei auch nicht.
"Jedenfalls," fahre ich fort, "dürfen ihre Leute das Fleisch sowieso nicht anfassen. Wenn das gute mit dem schlechten Fleisch durcheinanderkommt, dann kann man alles wegwerfen oder gleich den Gefangenen vorwerfen. Am besten ist es, ich zeige ihnen, wie wir das Fleisch geordnet haben, einverstanden?"
"Ja." sagt Chchyhchrxoichrsk.
Nun müssen wir schnell handeln, bevor die Alte hinter den Bluff kommt. Das kann nicht sehr lange dauern, trotz ihres Respektes vor dem Rat der SiegelBewahrerinnen, welche Institution sich auch immer hinter dieser Bezeichnung verbergen mag.
Dieses Schiff ist kleiner als unser vorheriges Fahrzeug, und es verfügt kaum über DecksAufbauten. Deshalb wurde das Fleisch einfach so auf dem FloßBoden gestapelt, in teilweise drei Meter hohen Türmen aus flachen FleischFladen. Dazwischen sind schmale Gänge gelassen worden, in denen man sich hervoragend vor den neugierigen Blicken der übrigen SchiffsBesatzung verbergen kann. Und in denen man auch andere Dinge treiben kann, fällt mir jetzt wieder ein.
Ich werfe Charmion ein Blick zu. Ich hoffe, sie versteht. Wir beide gehen voran, die alte Kommandantin hinterher.
"Ist dein Schwert scharf?" murmele ich so laut, daß nur Charmion es hören kann. Sie läßt sich nichts anmerken.
Als wir zwischen den Stapeln stehen - der Geruch drückt mir schon wieder die Nase zu, obwohl das kein geschlossener Raum ist - frage ich:
"Sehen sie hier die rotbraune Verfärbung in diesem Stapel und die kleinen glitzernden Punkte?"
"Nein." sagt Chchyhchrxoichrsk. Kein Wunder. Ich sehe da auch nichts besonderes.
"Man kann es nur aus allernächster Nähe sehen!" ermutige ich sie und zeige auf eine Stelle auf dem Fleisch in BrustHöhe. Die Alte beugt sich näher. Wie um ihr Platz zu machen geht Charmion um sie herum, wobei sie sich etwas mühsam verrenkt, wegen der räumlichen Enge.
"Wenn man es genau ansieht, dann merkt man, daß die Punkte sich bewegen. Am besten, man drückt das Fleisch an einer Stelle ein. So. Sehen Sie?" zeige ich. Dabei nicke ich Charmion nach einem kurzen RundBlick zu.
Lautlos gleitet das Schwert von Charmion aus der Scheide. Mit einer fließenden Bewegung liegt es im AugenBlick vor der Kehle der alten Frau.
"Ein Ton, und sie schneidet Ihnen den Kopf ab!" sage ich leise, schnell und hart.
Man würde normalerweise erwarten, daß man mit einer scharfen Schneide vor der Kehle eine gewisse Bereitschaft zeigt, zu gehorchen. Diese Alte nicht. Ich nehme es kaum wahr, aber Charmions Reflexe sind schnell. Sie hat das rasche LuftEinziehen der Alten schon richtig interpretiert.
Wie ein GeigenBogen führt sie ihr Schwert an der Kehle der Alten entlang, wobei sich die Klinge bis zum NackenWirbel durchgräbt. Sogar die HalswirbelKnochen werden sauber durchtrennt. Durch die damit erfolgte DurchTrennung aller Nerven zum Körper ist sichergestellt, daß keine überflüssigen Krämpfe und Röcheleien nach außen verraten, was hier eben geschehen ist. Lautlos sackt der kopflose Rumpf zusammen, wobei aus dem Hals ein roter, pulsierender SpringBrunnen hervorkommt, der nach wenigen PulsSchlägen allmählich in sich zusammensinkt. Aber ich kann nicht verhindern, daß meine UnterSchenkel und meine Füße mit dem Blut beschmiert werden.
"Sie hätte geschriehen!" flüstert sie.
"Weiß ich," erwidere ich, "was machen wir jetzt? Die SchiffsBesatzung ist in der ÜberZahl! Sie merken das über kurz oder lang!"
"Hol den ersten Offizier hierher. Sie heißt Chwromch. Irgendeinen Vorwand!" schlägt Charmion vor.
"Besser du," entgegne ich, "ich kann nicht einmal den Namen dieser alten Hexe gescheit aussprechen! - Außerdem - sieh her!" Ich deute auf das Blut auf meinen Beinen.
"Gut." flüstert sie und ist schon weg. Sie bewegt sich, als ob sie alle Tage in solche Situationen gerät. Die ganze Zeit über schien sie mir kaum erregt. Solche Dinge kann man mit Charmion wohl gut zusammen machen, denke ich: Ich hätte das alleine nicht in die Wege geleitet.
Da stehe ich nun da, in dem beengten Raum zwischen dem stinkenden SaurierFleisch und die geköpfte Leiche der SchiffsKommandantin zu meinen Füßen. Meine Beine sind so schmutzig, als ob ich in knietiefem Blut gewatet hätte. Jeden Moment könnte, im Prinzip, eine oder einer von der Besatzung hier herumstrolchen und mich finden.
Ich sehe nach oben, in die Takelage. Glück gehabt, da ist niemand. Auch gegen die felsigen Überhänge von Casabones kann man das noch gut erkennen. Auf dieser kurzen RoutineFahrt ist nicht einmal ein Ausguck notwendig. Der hätte nur seinen Blick senken müssen, und schon hätte er oder sie alles genau mit angesehen.
Als ich mir die nun unscheinbare Leiche ansehe, denke ich daran, daß man in einem Roman diese Frau sicher auf ebensolche Weise hätte schnell umkommen lassen müssen, weil dieser komplizierte Name für einen normalen SchriftSteller einfach eine zu große Belastung ist als daß man diese Person durch große Strecken der Handlung mit durchschleppen könnte. Aber das Leben ist kein Roman, und wenn wir diese Situation nicht irgendwie meistern, dann könnte das übel für uns ausgehen. Der Name der Alten spielte keine Rolle. Ob wir da rauskommen, das spielt eine Rolle.
Wie gut, daß Irene nichts davon weiß. Sicher denkt sie, daß die ÜberFahrt, die paar KiloMeter zum GefängnisHafen, problemlos und routinemäßig abläuft und daß ich noch vollkommen sicher bin.
Nebenbei denke ich daran, daß ich an dieser Tötung nicht so unschuldig bin, auch wenn diese alte Frau mit den Feindseligkeiten angefangen hat, und auch wenn Charmion den Schnitt geführt hat und nicht ich. Ich habe doch, in dem Moment, als ich begriffen hatte, daß wir uns in einer neuen KonfrontationsSituation befinden, mich schon damit abgefunden und mich auch innerlich darauf vorbereitet, daß der AusWeg aus dieser Situation über irgendeine Form der Gewalt führen wird. Als wir mit der alten Kommandantin zwischen diese FleischStapel traten, da war doch eigentlich schon klar, daß irgendwie Blut fließen wird, und zwar reichlich. Darüber habe ich mir doch gar keine Gedanken gemacht. Was wichtig war, war doch nur, daß wir ohne Schaden aus der Situation herauskommen. Der Preis von anderen MenschenLeben schien und scheint mir auch jetzt dazu nicht zu hoch.
Vielleicht sollte man alles aufschreiben, denke ich. Falls wir jemals die Welt der GranitBeißer wieder verlassen sollten, dann sollte ich mich auf den Arsch setzen und ein Buch schreiben, einen ReiseBericht. Die Welt muß doch wissen, was hier vorgeht. Die Welt muß doch wissen, welche SpielArten der menschlichen Gesellschaft möglich sind.
Wir haben ja schon ein reichhaltiges Repertoire von möglichen menschlichen Gesellschaften, wie jeder weiß, der ein bißchen Geschichte studiert hat. Und doch sind diese FallBeispiele nicht erschöpfend. Die Möglichkeiten der menschlichen Rasse gehen weiter, im Guten wie im Bösen.
Falls wir hier rauskommen. Wenn nicht, auch gut. Schließlich hat die Geschichte schon so viel verschluckt. Habe ich nicht irgendwo einmal gelesen, daß die Geschichte Afrikas vor der Ankunft des weißen Mannes mindestens ebenso reichhaltig ist wie die europäische Geschichte? Ähnlich viele politische Strukturen in ähnlicher Vielfalt, ähnlich viele Kriege, ähnliche Reichhaltigkeit der Kultur. Der ZusammenStoß mit der europäischen Kultur war für die afrikanische Kultur von NachTeil. Deshalb ist so vieles nicht überliefert.
Wenn also keine Kunde aus der Welt der GranitBeißer nach oben kommt, dann ist das nichts besonderes. Dann bleibt diese Kultur im Vergessen, wie so viele andere auch.
Außerdem, ist es nicht nur ein gradueller Unterschied? Wenn eine Kultur von einer anderen weiß, dann bleibt das Wissen von dieser anderen Kultur nur etwas länger in der Welt. Für die Ewigkeit bleibt nichts. Die Entropie holt sich, über kurz oder lang, jede handfeste Information, und was bleibt ist nur der Wandel, der Gang der Evolution, solange der WärmeTod dieses Universum noch nicht vollständig geschluckt hat.
Jedenfalls nehme ich mir jetzt mal provisorisch vor, ein Buch über unsere Erlebnisse zu schreiben. Vielleicht bin ich, wenn ich die Gelegenheit habe, dann aber doch zu faul dazu.
"Also was sind das für Tierchen?" sagt eine mir unbekannte Frau, die sich gewandt zwischen die FleischStapel schiebt. Sie will noch etwas sagen, aber dann fällt ihr Blick auf die Leiche zu meinen Füßen. Gleichzeitig zieht Charmion, die sich direkt hinter ihr zwischen die FleischStapel gedrängt hat, wieder ihr Schwert, das in BruchTeilen einer Sekunde die bewährte Position vor der Kehle dieser Frau einnimmt.
Dieser Frau hat einen größeren Wunsch, zu leben. Sie erstarrt.
"Chwromch?" frage ich kurz. Sie nickt. Ich mache mir nicht die Mühe, mein Schwert zu ziehen. Den mechanischen Teil der ÜberzeugungsArbeit kann ich getrost Charmion überlassen.
"Chwromch, Sie sehen, was von ihrer Chefin übriggeblieben ist. Sie können jetzt mit uns zusammenarbeiten, oder sie können es sein lassen. Im wesentlichen wird es genau davon abhängen, ob sie jetzt einige sehr unangenehme Minuten erleben werden oder nicht. Diese Minuten könnten ihre letzten sein. Ich sage das nur der Vollständigkeit halber, denn Sie können es sich sicher denken. Ich möchte nur, daß wir uns restlos klar verstehen. Verstehen wir uns?"
Chwromch nickt. Charmion, die ihr Schwert immer noch unbeweglich unter ihre Kehle hält, strahlt über das ganze Gesicht. Vielleicht gefällt ihr meine Rhetorik, trotz meines Akzentes. Wahrscheinlich sogar, denn ihre Sache ist das Reden nicht.
"Wieviele Menschen sind an Bord?"
"Sieben. Nein, sechs ohne Chchyhchrxoichrsk."
"Und wieviel Männer?"
"Acht."
"Bloß sechs Frauen und acht Männer? Und dann wagt diese Frau, uns offen zu beleidigen? Uns zu körperlicher Arbeit aufzufordern? Was soll das?"
Es ist wirklich unüberlegt, bei einem KräfteVerhältnis von fast eins zu eins. Die Männer werden bei so einem KräfteVergleich ja nicht mitgezählt.
"Sie dachte wahrscheinlich, daß, wenn schon ein Mann der Anführer einer Gruppe ..."
"Aha. Sieht so aus, als gäbe es Vorurteile. Pflegen sie auch so viel zu denken, Chwromch?"
Sie schweigt. Dann fahre ich eben fort:
"Ich möchte, daß wir unser Vorhaben so abwickeln, wie es von Anfang an geplant war. Ich nehme an, daß das, was ihre alte Chefin vorgeschlagen hat, von ihr selbst ausgedacht und nicht von Ihnen mitgetragen wurde?"
Sie betritt die goldenen Brücke, die ich ihr gebaut habe:
"Jaja, ganz von ihr alleine, bestimmt. Ich weiß von nichts."
Ich sehe Chwromch in die Augen, ganz lange. Mal sehen, ob eine ertappte Lügnerin die Augen niederschlägt. Aber ich stelle fest, daß es diesen Reflex in dieser Welt nicht gibt. AugenNiederschlagen paßt auch nicht zu einer GranitBeißerin.
"Dann gehen sie jetzt heraus und verkünden dem Rest Ihrer Mannschaft, wie es weitergeht, verstanden?"
"Ja."
"Worauf warten Sie dann noch, Chwromch? Gib sie frei, Charmion!"
Charmion läßt ihr Schwert sinken. Geflissentlich eilt Chwromch von dannen. Wenig später ertönt ihr KommandoTon. So ungefähr kriegen wir mit, daß sie sich selbst als Kommandantin des Schiffes deklariert, weil Chchyhchrxoichrsk ein Unfall ereilt hat.
Wir treten zwischen den FleischStapel hervor. Kurz darauf werden die Reste der einstigen Kommandantin von zwei Männern zwischen den FleischStapeln hervorgeholt.
"Ins Wasser!" befehle ich. Die beiden zögern. Was hat der Fremde hier zu melden?
"Ins Wasser!" sagt Charmion und streichelt den Griff ihres Schwertes. In hohem Bogen fliegt erst der Kopf und dann der Körper der ehemaligen Kommandantin über Bord.
Das war wieder etwas für mein SelbstBewußtsein. Aber auch für das von Chwromch, die das beobachtet hat. Nicht sie, sondern wir haben über den Körper der alten Kommandantin verfügt. Sie läßt sich aber nichts anmerken.
Die FelsWand der GefängnisInsel ist schon recht nahe, und wir fahren parallel zu ihr. Wir müßten bald am Ziel sein. Hoffentlich hält die Disziplin, bis wir von diesem Schiff wieder runter sind. Die StammBesatzung tut ihre Arbeit, gelegentlich werden unsichere Blicke in unsere Richtung geworfen. Derweil informieren wir Chrwerjat, Chechmirch und Chmerm, die nicht alles mitgekriegt haben.
"Aufpassen," sage ich, "ich glaube zwar nicht, aber vielleicht versuchen sie doch noch einmal so etwas Dummes. Vielleicht langweilen die sich in diesem Fort, und dann kommen sie auf solche Ideen."
Es ist 21 Uhr, und bei der geringen Geschwindigkeit wird es wohl doch noch mindestens zwei Stunden dauern, bis wir den GefängnisHafen erreichen.
******** 021. Tag: Freitag 1995-09-08 ********
21.1 Der Hafen am FelsLoch
Kurz vor MitterNacht unserer Zeit an der ErdOberfläche ist es dann so weit: Nur einen halben KiloMeter weiter in FahrtRichtung zeigt sich in der Wand der GefängnisInsel eine Höhle, direkt über der WasserLinie. Das Schiff steuert diese Höhe direkt an, wobei die FahrtRichtung nicht allzusehr von der Richtung des Windes abweicht. Allerdings weht der Wind in der Nähe der FelsWand immer tangential zu dieser, denn wohin oder woher sollten sich denn sonst die LuftMassen bewegen?
Die Besatzung arbeitet konzentriert, denn wenn das Schiff überschießt, dann kann es nicht zurück. Höhe am Wind gewinnen geht für diese FloßSchiffe ja nicht. Wenn einem so etwas passiert, dann heißt es rudern. Da besser gleich Konzentration.
Dabei fällt mir etwas ein:
"Was hat Cherkrochj eigentlich von der Idee mit der UnterwasserStabilisierung von SegelSchiffen gehalten?" frage ich Charmion.
"Ich habe ihr nichts gesagt."
"Hast du es ihr gesagt?" frage ich Chrwerjat.
"Nein. Ich hatte es vor. Aber ich bin nicht mehr dazu gekommen."
"Also weiß keiner an Bord UNSERES Schiffes, wie man es anstellt, um Höhe am Wind zu gewinnen?"
Kurzes NachDenken bei allen. "Deine Frau weiß es doch?" mutmaßt Charmion. Wie immer habe ich den Eindruck, daß ihr die Worte 'deine Frau' schwer über die Lippen gehen, weil das Konzept ihr so fremd ist. Ich muß ihr bei Gelegenheit mal nahelegen, daß sie auch 'Irene' sagen könnte, oder wenigstens 'Chirene', um den Namen an die Xonchen-Sprache zu adaptieren.
"Jaein." sage ich, "Sie hat es wahrscheinlich verstanden. Aber in technischen Dingen weiß sie nicht, was sie weiß. Da bin ich immer noch der Spezialist. Also, ohne äußeren Anlaß wird sie von sich aus das Thema nicht zur Sprache bringen. Vielleicht kommt sie in einer geeigneten Situation drauf. Ich weiß es nicht. Wirklich nicht."
Schweigen, während das Schiff weiter auf die Höhle in der FelsWand zudriftet. Charmion sieht mich etwas seltsam an, mustert mich von oben bis unten. Wenn ich es richtig interpretiere, hat sie schon wieder Lust. Aber vor Zeugen traut sie sich nicht. Wie soll das auf dieser Excursion noch weitergehen?
Nun zeigt sich allmählich, wie einfach dieser Hafen aufgebaut ist. Die Höhle ist ein etwa zehn Meter breites und fünf Meter hohes Loch, das sich für vielleicht fünfzehn Meter in den Fels hineinerstreckt. Der Boden ist flach und etwa fünfzig Zentimeter höher als der WasserSpiegel davor. In der Höhle liegt allerhand Gerümpel: Werkzeuge, Seile, Fässer, Balken und Planken. An dem Rand dieser Fläche, der zum Wasser abschließt, gibt es einige FelsNasen, die sich dazu eignen könnten, SeilSchlingen darüber zu werfen, um das Schiff festzulegen. Das Wort 'Poller' suggeriert dafür eine geometrische Form dieser FelsNasen, die einfach nicht vorliegt.
Wie es von dieser Höhle aus weitergeht, das kann ich im Moment noch nicht erkennen. Ich weiß, daß da ein KletterSteig sein soll, aber ich sehe ihn nicht. Deshalb beschränken wir uns darauf, das AnlegeManöver zu beobachten.
Es geht schnell und routiniert. Es ist nur noch ein Segel gesetzt, und auch das wird jetzt eingeholt. Wenige Meter WasserFläche trennen uns von der vorbeidriftenden FelsWand, und ich suche in dem Gestein wieder nach geologischen Auffälligkeiten, finde aber nichts. Als wir nur noch einige Dutzend Meter bis zu dem HafenLoch zurückzulegen haben, sehe ich einige KratzSpuren, Zeugen vergangener, ähnlicher AnlegeManöver.
Dann fliegt auch schon die erste SeilSchlinge, wie erwartet legt sie sich über eine der FelsNasen. Es dauert keine dreißig Sekunden, bis das Schiff vor dem Loch zur Ruhe kommt, HöhlenBoden und SchiffsDeck fast auf gleicher Höhe.
"Wir marschieren sofort los!" schlage ich vor, und keine der vier Frauen hat EinWände. Wir nehmen unsere MarschBündel auf und springen von Bord, ohne weiter auf die Besatzung des Schiffes zu achten. Bin neugierig, ob sie befehlsgemäß unsere RückKehr abwarten.
Charmion ist in der Tat ortskundig. Sie zeigt nach links. Im Schatten der seitlichen HöhlenWand sehe ich ein Loch, vielleicht einen Meter breit und fast zwei Meter hoch. Gehauene TreppenStufen verschwinden im Dunkeln. Ohne weitere Besprechungen betreten wir die Treppe, Charmion zuerst, dann ich, dann die drei anderen. Ich sehe mich noch einmal kurz um: Die meisten BesatzungsMitglieder auf dem Schiff stehen tatenlos an Deck und sehen uns nach. Auf die Idee, das Fleisch unverzüglich auszuladen sind sie noch nicht gekommen, obwohl doch genügend Männer an Bord sind.
Die Treppe muß etwa parallel zur AußenWand führen, aber es sind zunächst keine DurchBrüche da. Es wird immer dunkler.
"Kommt da noch Licht?" frage ich.
"Später." sagt Charmion. Okay. Also später.
Es wird vollkommen dunkel. Zwar geht der Gang mit gleichbleibender Richtung und Steigung der Treppe aufwärts, aber gewisse Unregelmäßigkeiten der GangFührung haben den direkten Blick auf den EinStieg bereits versperrt. Zu spät komme ich auf die Idee, die Stufen zu zählen. Meine DynamoLampe und der HöhenMesser gehen mir ab.
"Vorsicht!" warnt Charmion vor mir, "der Gang macht eine Biegung nach rechts. Am besten Hände auf die Wände legen!"
Hätte sie eigentlich früher sagen können. Links trifft meine Hand gleich den Fels, aber rechts greife ich einen Moment ins Leere. Dann fällt meine Hand auf nackte Haut, unter den FingerSpitzen spüre ich Haare, und mein HandRücken streift an der rauhen Innenseite des Leders von Charmions Rock vorbei. Ich begreife, daß der Gang eine 180-Grad Biegung macht, und daß ich Charmion, die etliche Stufen höher ist als ich, versehentlich unter den Rock gegriffen habe. Kann ja passieren.
Sie kommentiert das aber nicht, und ich auch nicht. Die gewinkelten Stufen sind in der Dunkelheit schwierig genug. Dann geht der Gang endlich wieder gerade aus.
Wir alle atmen recht heftig von dem raschen Anstieg und der gebückten Haltung. Es ist wahr, Irene würde nicht mitkommen. Es ist reiner Zufall, daß ich als Läufer die Kondition habe, um mitzuhalten, trotz der allgegenwärtigen feuchten Hitze. Ich könnte schon wieder etwas trinken.
Dieser Gang macht noch häufiger überraschende Biegungen, aber im Gegensatz zu den früheren Tunneln, die wir beim Abstieg in die WeltHöhle beschritten haben, gibt es keinen einzigen DurchBruch nach außen. Es bleibt also finster.
21.2 SturzFalle
"Vorsicht jetzt," sagt Charmion plötzlich, laut hörbar für alle, "wir sind gleich an der SturzFalle."
"An der was?"
"An der SturzFalle."
Wir bleiben alle stehen. Die anderen hinter mir haben das wohl auch nicht gewußt.
"Was ist das denn?" frage ich.
"Eine der Fallen für ausbrechende Gefangene, die bis hierher kommen sollten. Die Treppe verläuft nicht mehr in einem Stollen, sondern auf einem Grat in einer größeren Höhle. Rechts und links geht es steil runter, außerdem hat die Treppe in diesem Abschnitt viele unerwartete Windungen."
"Wie tief geht es rechts und links herunter?" frage ich beunruhigt.
"Tief genug, für den beabsichtigten Zweck. Und unten, am Fuße dieser Abhänge, soll es recht abwechselungsreich sein: Steinharter FelsBoden wechselt mit Palisaden aus senkrecht stehenden SpeerSpitzen ab. Zwischen der Treppe und dem Fuß der Wand sind auch an einigen Stellen SchwertKlingen in der FelsWand befestigt, die in die wahrscheinliche Fall-Linie hineinragen. So sind manche, die abstürzen, schon tot und in mehrere Teile zerlegt, bevor sie unten ankommen."
"Verdammte Tat. Schon wieder so etwas." murmele ich, und lauter: "Und wie willst du im Dunkeln den Weg finden?"
"Es ist nicht so schwer. Es ist haupsächlich so, daß diese SturzFalle völlig unerwartet kommt, nachdem man von oben und von unten eine ganze Zeit lang dem gewöhnlichen Stollen gefolgt ist. Die Stufen der Treppe sind rechts und links abschüssig, um die Treppe noch gefährlicher zu machen. Aber genau an dieser Eigenschaft der Stufen kann man sich orientieren, um auf der MittelLinie der Treppe zu bleiben. Wenn man diese Einrichtung nicht kennt und nicht erwartet, dann stürzt man meistens ab."
"Da wäre mir Licht lieber!" sage ich, "Ich weiß nicht, ob ich das schaffe."
Ich kann im Dunkeln nicht sehen, ob Charmion mich spöttisch ansieht, weil ich diese Unsicherheit zugebe. Nach einigen Sekunden, in denen es vor mir in der Dunkelheit raschelt, sagt sie:
"Licht ist nicht nötig. Das braucht man nur, um Gefangene mit verbundenen Augen hier durchzuführen. Leg deine Hände um meine Hüften. Ich bin gerade vor dir."
Das tue ich. Genau da, wo ich ihrer Stimme nach ihre KörperMitte vermute, ist dieselbe auch. Allerdings bin ich überrascht:
"Wieso hast du deinen Rock ausgezogen?"
"Damit mein Schwert nicht dauernd beim Gehen in dein Gesicht pendelt."
"Ach so." Wie nett von ihr.
Ich fasse ihre HüftKnochen rechts und links an. Wieder bin ich über ihre hohe KörperTemperatur erstaunt. Dabei überlege ich, wieso es nicht ausreicht, wenn sie nur das Schwert ablegt, aber ich will das jetzt nicht ausdiskutieren.
"Sollen die hinter mir das genauso machen?" frage ich. Es wird verneint, Chmerm, Chrwerjat und Chechmirch können sich ganz gut auf der nachtdunklen Treppe zurechtfinden. Sagen sie.
"Kann es losgehen?" fragt Charmion.
"Ja." Und wieder ärgere ich mich, daß Charmion praktisch die Führung übernommen hat, obwohl Cherkrochj doch mich dazu auserkoren hat. Andererseits ist sie im Moment die, die sich am besten auskennt, und ich werde den Teufel tun, bloß aus Prinzip den Anführer zu markieren und uns dadurch alle in Gefahr zu bringen. Oder präziser: uns in noch mehr Gefahr zu bringen. Ich habe noch nie Kenntnisse und Fähigkeiten behauptet, die ich in Wirklichkeit gar nicht besitze. Das ist für mich ein Prinzip sowohl der wissenschaftlichen als auch der menschlichen Aufrichtigkeit. Ich werde in der Welt der GranitBeißer auch nicht damit anfangen. Also bleibt Charmion der faktische Boß, solange es sinnvoll ist.
Wir gehen langsamer als vorher, und ich weiß nicht, ab welchem ZeitPunkt die FelsWände rechts und links tatsächlich einem tiefen Abgrund Platz machen. Irgendwann spüre ich unter den Füßen, daß die Stufen tatsächlich konvex gerundet sind, und die Akustik ist anders, sogar, wenn wir nichts sagen. Das Echo des eigenen Atems kommt hohl von einer fernen Wand, nicht mehr aus greifbarer Nähe.
Die Hüfte von Charmion windet und wiegt sich in meinen Händen, unter ihrer Haut gleiten ihre Muskeln hin und her, und ich muß an unsere intensive Begegnung auf dem Schiff denken, die gerade etwas mehr als 20 Stunden her ist. Ich habe das Gefühl, daß sie jetzt auch daran denkt, aber jetzt ist es notwendig, konzentriert zu marschieren und sonst gar nichts. Irene, in Gedanken betrüge ich dich schon wieder, ich kann es nicht anders! Und wenn es nur das wäre - einen Moment Unkonzentriertheit, deshalb oder aus einem anderen Grunde, und ich habe dich von deinem Mann befreit - er würde in einem dunklen Abgrund auf Speeren aufgespießt verrecken, diese Frauen würden für ihn nicht mehr als ein AchselZucken übrig haben, vielleicht würde sich niemand die Mühe machen, dir zu erzählen, was aus mir geworden ist!
Nein, konzentrieren, symmetrisch gehen. Am Leben bleiben. Das kann ich noch für dich tun, Irene, auch, wenn der Ruf des Blutes mich mehr an die Frau zwischen meinen Händen denken läßt, und den Weg in ihren Körper. Diese Methode der Führung im Dunkeln ist nicht gut. Beim nächsten Mal müssen wir uns etwas anderes ausdenken, oder besser noch Licht mitnehmen.
Allmählich haben die Dunkelheit und die Anstrengung auch andere Folgen: Da entstehen tanzende LichtMuster, die neuronale Restaktivität des SehNervs, des OkzipitalLappens und der visuellen AssoziationsRinde, die aus nichtexistierenden Signalen noch etwas herauszuinterpretieren versuchen. Konturen in der Dunkelheit, sogar dicht vor mir, dort, wo ich den Körper von Charmion zwischen den Händen spüre und wo nichts anderes sein kann, scheinen wabernde, schlangenartige Muster hin und her zu fließen. Rechts und links, knapp außerhalb des GesichtsFeldes, ist es schlimmer: leuchtende Schichten über den Felsen, die ich objektiv ja gar nicht sehen kann, zudem bewegen sich die Felsen noch, scheinen GreifArme auszubilden, die mit langen, geschmeidigen Fingern nach dem eigenen Nacken greifen.
Ich weiß, daß es Halluzinationen sind, aber sie machen mir trotzdem zu schaffen. Auch das geringste bißchen Licht, eine Fackel oder unsere DynamoLampen, würden diesen Spuk beendigen. Ob Charmion und die drei anderen auch darunter leiden? Ich wage nicht, zu fragen. Aber die Konzentration wird mir immer schwerer. Die vagen, wesenlosen LichtErscheinungen machen Angst, und die Angst verstärkt diese Erscheinungen. Es ist nur das Echo der Tätigkeit der Millionen unterbeschäftigten Neuronen in deinem Kopf, sage ich mir. Aber das hilft wenig.
Und es gibt noch eine zweite störende Quelle von geisterhaften LichtErscheinungen: Wenn ich meine Augen heftiger bewege, dann kommen am Rande des GesichtsFeldes schon mal ein paar Blitze vor. Ich weiß wohl, woher das kommt, ich kenne das schon seit Jahren: Der GlasKörper der Augen schwingt bei jeder heftigen Bewegung hin und her und zerrt dabei an der NetzHaut. Das gibt solche LichtErscheinungen. Ich weiß, daß das ein frühes Symptom der NetzhautAblösung sein kann, aber diese Symptomatik kann auch über JahrZehnte unverändert bleiben.
Als mir das vor knapp zehn Jahren das erste Mal aufgefallen ist, hat es mich eine ganze Zeit lang deprimiert. Intensives Studium augenmedizinischer Literatur tat ein übriges, um meine Besorgnis zu erhöhen. Die befürchtete NetzhautAblösung trat aber nicht sogleich ein, und so habe ich mich an die Blitze gewöhnt. Ich vermeide nun gerne heftige Bewegungen des Kopfes und Dunkelheit. Ich schlafe zuhause normalerweise sogar im Licht einer gedämpften EnergiesparLampe. Dann kann ich diese Symptome gut ignorieren.
Im Moment habe ich allerdings wenig Einfluß darauf, ob ich solche Situationen vermeiden kann oder nicht. Es ist wie verhext: Im Laufe der Jahre hat man in einem 45-jährigen Leben zwar schon einige kleinere Schäden und Zipperlein und wie man solche Dinge eben nennt entwickelt, kann aber immer noch sein Leben so um diese körperlichen Defekte herumbauen, daß sie nicht wirklich stören. Auch wenn es sich nur um einen graduellen Unterschied handelt, ist man noch weit von jeder Gebrechlichkeit entfernt. Man kann sogar fast abenteuerliche Unternehmungen wie etwa eine ZugspitzBesteigung durch das HöllenTal unternehmen und sich, besonders wenn man AusdauerSport gewöhnt ist, fast jung und völlig gesund fühlen, jünger und gesünder als manche ZwanzigJährige, denen man immer wieder begegnet, deren LebensFührung schon eine körperliche und geistige Vergreisung bewirkt hat. Die Defekte sind zwar da, und man ist sich ihrer bewußt, aber sie bleiben im HinterGrund, Mahner gewissermaßen, Hinweise auf die Begrenztheit der eigenen körperlichen Ressourcen, Hinweise auf die Begrenztheit der Zeit, die man noch hat, frühe Vorboten des Alters. Man ist noch im VollBesitz der eigenen Kräfte, ja, die Kombination zwischen den Noch-Fähigkeiten, die man hat, und den Erfahrungen, die man schon angesammelt hat, bewirken eigentlich, daß man sich auf der Höhe der eigenen LeistungsFähigkeit befindet und daß man sich doch dessen bewußt ist, daß es nun langsam bergab geht. Man wird sich bewußt, daß man die Zeit gut nutzen müßte.
Wenn man aber das eigene Schicksal sowenig in der Hand hat wie das jetzt der Fall ist, wenn man nicht einmal zwischen den Pfaden, die man beschreiten kann und jenen, die man besser nicht beschreiten sollte, wählen kann, dann gerät man mit viel größerer Wahrscheinlichkeit in Situationen, in denen man sein Alter spürt.
Es dauert lange. Ich hoffe nicht auf ein baldiges Ende, weil wir ja die ausgedehnten Anstrengungen kennen, die die KletterEinrichtungen in dieser Welt verursachen. Dann aber, ganz plötzlich, ändert sich wieder die Atmosphäre, und das Echo des eigenen Atems ist wieder nah. Wahrscheinlich wird Charmion gleich sagen, daß die SturzFalle zu Ende ist.
Sie sagt nichts dergleichen. Selbst, als ich durch vorsichtiges Zur-Seite-Treten feststelle, daß die Stufen nicht mehr konkav sind, und als ich definitiv höre, daß die Frauen hinter mir wieder mit den Fingern über die FelsWand rechts und links fahren, und als ich bei jedem Versuch, aufrechter zu gehen, bereits die HöhlenDecke meine Haare streifen spüre, sagt Charmion nicht, daß wir wieder normal gehen können.
"Ist die SturzFalle denn schon zu Ende?" frage ich.
"Natürlich." sagt Charmion.
"Warum sagst du das denn nicht?"
"Warum soll man das offensichtliche sagen?"
Ich nehme meine Hände von ihren Hüften.
"Pause!" ruft Charmion kurz. Hinter mir Äußerungen der Zustimmung.
21.3 ZungenSpiele
"Wollen wir nicht wenigstens weitergehen, bis wir wieder ans Licht kommen? Da können wir dann etwas essen!" schlage ich vor. Ich will endlich wieder etwas sehen.
"Wir halten nicht, um zu essen!" sagt Charmion bestimmt.
"Nein?"
"Nein."
Eigentlich, denke ich, bin ich es, der darüber zu befinden hat. Aber ich komme nicht dazu, weitere Einwendungen hervorzubringen.
Plötzlich faßt sie mich im Dunklen auf die Schultern, und ehe ich mich versehe, sitze ich auf der Treppe auf den Knien. Sie drückt meinen Kopf nach unten. Meine beiden Wangen berühren ihre Haut - es muß sich um die InnenSeite ihrer OberSchenkel handeln. Ehe ich etwas sagen kann, preßt sie mein Gesicht in die warme Feuchte der KörperRegion, wo sie am weiblichsten ist. Jedenfalls kann ich die Situation in der Dunkelheit nicht anders interpretieren.
Wehren kann ich mich auch nicht. Jetzt schiebt sie mein Gesicht über ihre SchamRegion auf und ab. Ihre rauhen SchamHaare geraten in meine Augen, und mein Gesicht wird überall naß. Sagen kann ich nichts, solange mein Mund abwechselnd durch ihre auf- und abgleitenden SchamLippen und durch ihren SchamhaarWald verschlossen wird, und hören kann ich jetzt auch nichts mehr, weil ihre OberSchenkel meine Ohren meistens abdichten. Sie wird immer naßer und rutschiger, und einige der Dinge, die über mein Gesicht auf- und abgleiten, schwellen immer mehr an.
Die Stellung ist sehr unbequem, jedenfalls für mich. Wahrscheinlich denkt sie aber nur an ihre eigene Lust, und das treibt sie noch eine ganze Weile so weiter. Wenigstens ab und zu komme ich dazu, Luft zu holen. Die GeräuschEntwicklung muß für die anderen drei Frauen eine Quelle ganz besonderer Unterhaltung sein. Aber ich kann nichts dagegen tun - irgendwie liegen meine Arme ganz unglücklich und nutzlos hinter meinem Rücken, ohne daß ich weiß, wie sie dahingekommen sind, und werden dort festgehalten.
Eine unwürdige Situation, ermöglicht durch die Dunkelheit, versteckt durch die Dunkelheit und trotzdem öffentlich, was unsere Zuhörerinnen betrifft. Ich kann nichts tun. Frauchen zeigt, wer hier der Boß ist, und was Cherkrochj irgendwann mal bezüglich meiner Stellung an Bord des SaurierFängers entschieden hat ist lange her und ohne Bedeutung.
Dann richtet Charmion mich mit kräftigem Griff wieder auf, hebt zielsicher in der Dunkelheit meinen LederstreifenRock hoch, und ich spüre ihre schlangengleichen Beine, die rechts und links an meinen Hüften vorbeihuschen und mich dann fest umschlingen. Mein Schwert wird zur Seite gedrückt und kratzt an der FelsWand.
"Dafür haben wir doch jetzt keine Zeit!" versuche ich, zu protestieren. Genaugenommen versuche ich, mich zu wehren. Ich greife aber ins Leere. Dafür fassen ihre Hände ganz plötzlich wie ein SchraubStock meine UnterArme an, und wieder kann ich überhaupt nichts mehr machen. Hinter mir kichert eine der drei anderen Frauen. Sie hören sich ganz genau an, was hier gespielt wird.
Charmion hebt meine UnterArme hoch über ihren Kopf und zieht mich dabei an und über ihren Körper. Durch leichtes Auf- und Absenken, das sicherlich viel Kraft kostet, bewirkt sie damit, daß sich mein Geschlecht auf dem naßen KampfPlatz des ihren reibt. Das vollbringt rasch, worauf sie im Moment am meisten Wert legt. Dann hebt sie mich mit einem Ruck in sich hinein. Immer noch sind meine Arme über ihrem Kopf hilflos gefangen. Meine FingerKnöchel stoßen heftig gegen die Decke des Stollens. Kratzer werde ich mir dabei also auch noch holen.
"Geht ganz schnell!" flüstert sie in mein Ohr, "Du darfst jetzt spritzen! Dann gehen wir weiter!"
Es geht auch ganz schnell. Ihr Körper holt in Wellen aus meinem heraus, was sich in den letzten vierundzwanzig Stunden angesammelt hat. Ich wühle in ihrem Körper herum wie ein kraftvoll gezogener Pflug in dampfender Erde, fülle ihren ganzen Bauch, als wollte ich wie eine FlutWelle bis an ihr Herz vordringen. Die Härte und die Eruption lösen sich kurz nacheinander, das Klatschen des Fleisches und der raschere Atem echot von den nahen Wänden wider, dann Erschlaffen und Ruhe. Viel zu schnell. Ich bekomme meine UnterArme wieder. Rasch reibe ich mein Gesicht von ihren scharf duftenden, salzigen Sekreten trocken.
"Gut," sagt Charmion, als sie sich von mir löst, "jetzt wir gehen weiter. Nehmt eure Sachen mit!"
Und wir gehen weiter, als ob nichts gewesen wäre, als ob wir eine ganz normale Pause eingelegt hätten. Das haben wir nach den hiesigen Maßstäben wohl auch. Madam hat sich befriedigen müssen. Das war alles. Der Bissen zwischendurch. Keine große Sache, nicht auf langen Genuß ausgelegt. Und ohne großen Widerstand - ein Mann funktioniert so gut, der macht so etwas nach kurzer Zeit schon mit. Das hat sie begriffen: Daß von mir nicht mit allzugroßem Widerstand zu rechnen ist. Wie oft wird sie das noch ausnützen?
Und wie oft werde ich es noch ausnützen? Denn was anderes ist es, sich willig ausnützen zu lassen? Wie lange wird es noch dauern, bis man die Erniedrigung und den Zwang nicht mehr wahrnimmt? Bis man dankbar die Verantwortung delegiert hat? Bis man die objektiv vorliegende Situation der Vergewaltigung nicht mehr als solche erkennt? Genausowenig, wie man sich durch den Zwang, ab und zu den eigenen Darm entleeren zu müssen, vergewaltigt vorkommt?
Die Freiheit der Gefangenen, denke ich, ist die, die Gitter nicht mehr zu sehen. Wenn man sich der Vergewaltigung nicht mehr entziehen kann, dann darf man das nicht mehr Vergewaltigung nennen. Den bloßen Begriff kennen sie hier nicht. Den gibt es in der Xonchen-Sprache gar nicht. Das ist genauso eine durch die Sprache festgeschriebene Lüge wie die 'innereheliche Vergewaltigung', von der viele Menschen in unserer Welt auch meinen, daß es sie per definitionem nicht gibt. Dabei ist sie der NormalFall bei diesen biederen Bürgern da oben. - Was hier der NormalFall ist, das habe ich eben erlebt.
Ob sie wohl jemals auf die Idee kommt, etwas mehr mit sich selbst und etwas mehr im Verborgenen zu spielen, wie das andere brave Mädchen auch tun?
Wir steigen weiter, lange Zeit. Einmal nur nehmen wir uns die Zeit, anzuhalten und zu trinken. Dabei reden wir kaum etwas. Danach geht es sofort im EilMarsch weiter.
Endlich Licht. Ein grauer Schimmer von ferne. Kurz darauf stehen wir am Ende des Ganges. Die Treppe hört übergangslos auf, hinter der letzten Stufe ist die äußere FelsWand. Ein weiter AusBlick empfängt uns: Das Meer, 1500 Meter unter uns, schräg unten die Kette der SchärenInseln, in weiterer Ferne zahllose Säulen, die aus Inseln aufsteigen und in der ewig gleich grau leuchtenden WolkenDecke verschwinden, hoch über uns die drohend überhängende FelsWand des Pilzberges, eine auf den Kopf gestellte Landschaft, die einen schwindeln macht.
Ich sehe die vier Frauen nacheinander an. Ich zwinge mich dazu. Gar nicht erst anfangen, die Blicke schamvoll niederzuschlagen. Eine davon hat mich vor kurzem vergewaltigt, die drei anderen waren mehr oder weniger interessierte Zeugen. Trotz der Dunkelheit dürfte ihnen kaum etwas entgangen sein. Gibt es Spuren von Spott oder Belustigung in ihren Augen?
Nichts dergleichen. Diesen alltäglichen Vorgang haben alle schon wieder vergessen. Alle außer Chrwerjat, die mich etwas seltsam ansieht. So hat sie mich noch nie angesehen, und ich begreife: sie hat auch Lust. Ihre passive akustische Beteiligung hat die Wirkung nicht verfehlt. Aber sie zeigt es nicht offen, da Charmion und theoretisch auch ich rangmäßig über ihr stehen. Ich sehe aber, daß ich sie jederzeit nehmen könnte, wenn ich es nur wollte. Das ist natürlich eine rein theoretische Überlegung, aber ich denke weiter: vielleicht ist es irgendwann einmal nützlich, zu wissen, wer was will.
Was ich nicht sehe ist, wie es hier weitergeht. Und was ich spüre ist eine ordentliche Müdigkeit in meinen Knochen.
"Fängt hier der KletterSteig an?" frage ich Charmion. Es sieht nämlich so aus, als ob rechts und links und unter uns und über uns nur die senkrechte, allmählich schon sich leicht nach außen neigende FelsWand sei. Genau kann man rundherum die FelsWand nur ansehen, wenn man sich auf den Bauch auf die letzte Stufe legt und sich weit hinauslehnt. Dazu habe ich aber überhaupt kein Nerv.
Hoffentlich fängt der KletterSteig nicht erst ein paar Meter entfernt von diesem Loch an, so daß irgendwelche akrobatischen Taten notwendig sind, um bis dahin zu gelangen. Es würde ins Bild passen - ein weiteres Hindernis für ausbrechende Gefangene.
"Hast du es nicht bemerkt?" fragt Charmion mich, eine Spur von Triumph in der Stimme.
"Nein. Was denn?"
Wir sind an der richtigen Abzweigung schon vorbei. Hat es jemand von euch bemerkt?"
Auch Chrwerjat, Chmerm und Chechmirch verneinen das. Charmion sonnt sich sichtlich im Lichte ihrer exklusiven OrtsKenntnis.
"Gehen wir zurück. Ich zeige es euch."
21.4 Der SchwertGang
Höhe zu verlieren ist im Gebirge immer ärgerlich, bergab zu gehen schlecht für die Gelenke, und das ganze im Dunkeln sowieso lebensgefährlich. Wenn wir eine Abzweigung übersehen haben, dann hätte Charmion uns eigentlich früher darauf aufmerksam machen können. Hoffentlich müssen wir nicht bis zu der SturzFalle zurück.
Als der letzte LichtSchimmer hinter uns verschwunden ist und wir Stufe für Stufe erfühlen müssen, um nicht zu stürzen, ruft Charmion:
"Gleich haben wir es!"
Wir gehen zwar in umgekehrter ReihenFolge nach unten wie wir nach oben gekommen sind, also ich jetzt als vierter, aber trotzdem bin ich der erste, der etwas merkt: Obwohl ich rechts und links die FelsWand unter meinen Fingern entlanggleiten spüre, glaube ich plötzlich, einen seitlichen Zug zu spüren.
"Hier ist etwas!" rufe ich. Alle bleiben stehen. Tatsächlich: da ist ein Zug. Man spürt es besonders deutlich an den Beinen.
Ich gehe in die Knie. Links, oder, wenn man aufsteigt, rechts, ist die FelsWand vollkommen normal und geht in FußHöhe in die Treppe über. Gegenüber weicht sie jedoch zurück, und dicht über dem Boden fingere ich ins Leere.
"Hier geht es irgendwie rein!" sage ich. Dabei bemerke ich, daß ich immer noch so erregt bin, daß mir die DoppelBedeutung von 'hier geht es irgendwie rein' sofort auffällt. Dabei meine ich wirklich eine Öffnung im Felsen, und die anderen werden das auch genauso auffassen.
"Ganz richtig," stellt Charmion fest, "das ist ein DurchGang zu einem zweiten Stollen, der so aussieht wie dieser hier. Es ist etwas anstrengend, weil es sich um eine enge, schräge Spalte handelt. Man muß die ganze Zeit auf den Knien rumrutschen."
Schon wieder. Auch den letzten beiden Sätzen könnte man eine DoppelBedeutung unterstellen. Aber ich bezweifele, daß Charmion das beabsichtigt hat und daß sie es überhaupt bemerkt. Denn wie sollte man diesen SachVerhalt auch anders ausdrücken? Es ist Zufall.
"Wie weit?" frage ich.
"Fünf mal fünf mal fünf mal zwei MenschenLängen." sagt sie. Das sind ungefähr vierhundert Meter, rechne ich rasch aus. Wird ganz schön anstrengend. Es kommt aber noch schlimmer:
"Dieser Spalt geht zunächst nach unten und nach der Hälfte des Weges wieder aufwärts." fährt Charmion fort, "Und es gibt einen Mechanismus, ihn unter Wasser zu setzen. Dann ist er unpassierbar. Wie dieser Mechanismus in Gang gesetzt wird, und von wo er ausgelöst wird, und woher das Wasser kommt weiß ich nicht."
"Schöne Aussichten," murmele ich, "hoffentlich kommt jetzt niemand auf die Idee, das genau jetzt auszuprobieren!"
"Um die Schwierigkeiten zu erhöhen hat man in diesem Spalt eine ganze Reihe SchwertKlingen befestigt. Sie ragen von schräg unten und von schräg oben in den Spalt hinein. Dazwischen ist aber reichlich Platz. Man darf nur auf der Schräge nicht ausrutschen. Dann sitzt man drin."
Ich habe das Gefühl, Charmion macht die Beschreibung dieser Anlage Spaß. Sie redet weiter:
"In der Mitte des schrägen Bodens verläuft eine in den Fels gehauene Rille. Sie dient gleichzeitig zur Orientierung und zum FestHalten. Sie ist zu flach, um von Nutzem zu sein, wenn der Spalt unter Wasser ist, aber jetzt ist es ein KinderSpiel. Es gibt auch ein paar gewinkelte Rillen mit gleichem Profil. Unter Wasser würde man diese verwechseln und sich selbst mit großer Sicherheit mit einigen SchwimmStößen in die SchwertKlingen bohren."
"Und der Gang drüben," frage ich, "Wenn der so aussieht wie dieser hier, dann geht der doch auch sowohl nach oben als auch nach unten?"
"Richtig."
"Wohin kommt man denn da, wenn man da nach unten geht?"
"Das," sagt Charmion, "ist eine weitere Falle. Eine ganze Weile geht es so weiter nach unten wie in diesem Gang. Es kommt sogar eine Höhle mit einer SturzFalle, ganz von der Art, wie wir sie schon durchquert haben. Was man aber nicht sieht, wenn man von oben kommt, nicht einmal, wenn man Licht hat, ist, daß das letzte Stück der Treppe, das in die SturzFalle von oben hineinragt, aus einem lose aufliegenden, schlanken FelsBlock besteht. Dieser FelsBlock kommt bereits aus dem GleichGewicht, wenn nur ein Mensch sich weit genug auf dieser Treppe in die zweite SturzFalle hinunterwagt. Er kippt dann, oder er bricht, auf jeden Fall stürzt er in die Tiefe. Ein großer Teil des Stollens ist dann auch unbrauchbar, weil die Treppe dann verschwunden ist. Die Anlage ist groß genug, um Gruppen mit mehr als hundert fliehenden Gefangenen mit sich in die Tiefe zu reißen!"
"Ihr habt vielleicht eine Phantasie!" sage ich, "Was für ein immenser Aufwand, um ein paar Gefangene am Fliehen zu hindern! Wer hat sich das bloß ausgedacht? Würde nicht ein massives, bewachtes Tor ausreichen?"
"Diese Anlagen sind aus alter Zeit." entgegnet Charmion, "wir können so etwas heute gar nicht mehr bauen. Außerdem funktioniert diese Falle nur einmal, und sie ist bis jetzt ja noch nicht aktiviert worden. Bewachte Tore gibt es weiter oben auch noch. Noch nie sind fliehende Gefangene soweit gekommen."
"Wer hat es denn gebaut? Die Bewohner der Toten Städte?" frage ich.
"Ich weiß es nicht," sagt Charmion nach einigen Sekunden des Überlegens, "ich weiß es wirklich nicht. Es ist so lange her. Es gibt kaum Überlieferungen."
"Also auf jeden Fall müssen wir da durch. Oder gibt es noch einen anderen Weg?" will ich wissen.
"Nein." sagt Charmion kurz, "Es sei denn, du willst außen an der FelsWand entlangklettern. Da ist aber nichts, wo du dich festhalten könntest."
Wieder einen Moment Schweigen. Vielleicht bilde ich es mir ein, aber da scheint irgendwo Wasser zu tropfen. Natürlich weiß ich jetzt von der Möglichkeit, die Spalte unter Wasser zu setzen, und wenn das stimmt, was Charmion erzählt, dann muß es irgendwo eine Art Wehr oder Dichtung oder sonst etwas geben, welches dieses Wasser jetzt noch zurückhält. Und das wird kaum hundertprozentig dicht sein, wenn es sich um eine so alte Anlage handelt.
"Gehen wir!" entscheide ich. Die einzige Entscheidung, die gemacht werden kann, weil das ja sowieso unser Auftrag ist. "Du voran, Charmion! Du kennst den Weg." Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen, fällt mir gleichzeitig ein: Entweder, Charmion will sowieso vorangehen, dann tut sie es auch, oder sie will nicht. Dann habe ich einen lustigen Satz, der keine weiteren Folgen hat, ins Leere gesagt.
Sie will aber offenbar voran. Geschwind drängt sie sich an mir vorbei und bückt sich. Wenig später höre ich ihre gedämpfte Stimme, die uns zum HinterherKlettern auffordert. Ich steige als Zweiter ein, indem ich mich auf die Knie niederlasse und so von den Stufen nach links herunterrutsche. Natürlich stoße ich mir prompt den Schädel an der Decke des Spaltes. Er ist sechzig oder siebzig Zentimeter dick, genug, wenn man sich auf Händen und Knien weiterbewegt.
Charmion greift in der Dunkelheit meine Hand und legt sie auf die FührungsRille, bevor ich den Halt der TreppenStufen verliere. Ich mache dann dasselbe mit meiner NachFolgerin, und die mit ihrer, und so weiter.
Man kann sich gut festhalten. Die Rille hat etwa das Profil eines Trapezes mit drei ZentiMeter KantenLänge - das sind die aus dem Fels herausgehauenen Flächen - und vier ZentiMeter BasisLänge. Eine Art verkleinertes KanalProfil. Aber da ist das kitzelige Gefühl in der MagenGrube und im Schritt, das von dem BewußtSein herrührt, daß nicht allzuweit die schiefe Ebene des Spaltes abwärts scharfe Klingen auf einen zeigen. Diese TurnÜbung wäre in jeder TurnHalle, einige ZentiMeter über dem HallenBoden, trivial. Ich versuche, mir das klarzumachen - diese Überlegung hat mir beim AbStieg in die WeltHöhle vor fast drei Wochen an einigen Stellen ja auch geholfen. Ein bißchen wenigstens.
"Sind hier schon Menschen gescheitert?" frage ich Charmion.
"Ich weiß es nicht. Wenn wir Licht hätten, könnten wir nachsehen. Aber da wir keins haben, können wir uns genausogut auch auf das Klettern konzentrieren."
Sie hat ja recht, denke ich. Da liegen wahrscheinlich noch Knochen und TotenKöpfe um die Schwerter herum, nur wenige Meter von uns entfernt. Ich bin nicht so scharf darauf, das genau zu sehen.
Wenige Sekunden später spüre ich mit Knien und Händen eine zweite FührungsRille, die senkrecht zur ersten verläuft - auf der schrägen Ebene von unten nach oben. Klar, denke ich, unter Wasser, ohne genaue Vorstellung von unten und oben, und dann in absoluter Finsternis, da könnte man die Rillen gut verwechseln. Ein genialer Trick.
Im Laufe der Zeit passieren wir noch mehrere der TäuschungsRillen, die man immer deutlich betasten kann. Was man weniger deutlich fühlt ist, daß der Spalt zunächst etwas in die Tiefe und dann wieder aufwärts führt. Irgendwann warnt Charmion uns, daß er gleich zu Ende ist. Kurz darauf ändert sich ihr KletterGeräusch, und dann spüre ich auch das Ende der FührungsRille. Ich fingere weiter nach links und ergreife Stufen. Mit Hilfe von Charmion bin ich im AugenBlick auf einer Treppe. Nacheinander kommen die drei anderen nach.
"Gut gegangen." sage ich, "gehen wir gleich weiter, ja?"
Niemand protestiert. Der Stollen ist dem anderen, den wir vor über einer halben Stunde verlassen haben, völlig ähnlich. Bald sehen wir das Licht der StollenÖffnung, und als wir sie erreichen, haben wir den schon bekannten AusBlick auf die See und die fernen Säulen und die SchärenInseln.
Wo ist den das andere StollenLoch, wo wir eben waren?" frage ich, als ich mich ein wenig hinauslehne. Im GegenSatz zum anderen StollenLoch beginnt hier der KletterSteig. Massive StahlBügel von der Art, wie wir sie schon gesehen haben, beginnen an der linken StollenWand, zunächst parallel zu dieser in der StollenWand befestigt, dann, jeder gegen den darunter liegenden um fünfzehn Grad gedreht, sich langsam über den Abgrund ins Freie schiebend.
21.5 Zwischen Himmel und Himmel
"Hinter der FelsKrümmung, nach rechts. Man kann es von hier aus nicht sehen. Wenn man weiß, wo man hinsehen muß, dann kann man die beiden Löcher von unten erkennen, von den Inseln aus." erklärt Charmion. Sie ergreift routinemäßig die StahlBügel und klettert los. Da kann ich mich nicht lumpen lassen, ich gehe sofort hinterher. Nach einigen SteigSchritten bin ich in der Wand, und 1500 Meter unter mir ist die WasserFläche. Dazwischen ist nichts. Herwig, denke ich mir, das hast du doch schon gemacht, auch, wenn es jetzt bald drei Wochen her sind. Greif fest zu, und es wird dir nichts passieren. Du hast sowieso keine andere Wahl.
Die SelbstSuggestion funktioniert. Allerdings steigen wir recht schnell, den Charmion ist ja auch gut durchtrainiert. Ich muß wie schon auf der Treppe heftig atmen. Hoffentlich gibt es keinen Blackout, kein orthostatisches Syndrom, wie ich es bei mir schon kenne. Das wäre jetzt fatal.
Da die Wand deutlich überhängt - das ist keine EinBildung - hat man dauernd den Eindruck, als wolle einem jemand die Füße von den SteigBügeln herunterziehen. Zusätzlich hängt ein wesentlich größerer Teil des eigenen Gewichtes an den SteigBügeln als das der Fall bei einer genau senkrechten Wand wäre. Es ist sehr anstrengend, und ich habe schon die Vision, daß mich vor dem Hängenden Weg, der in 3000 Metern Höhe um die GefängnisInsel herumführen soll, die Kräfte verlassen könnten. Zunächst versuche ich aber, mit kräftigen KlimmZügen mit Charmion Schritt zu halten.
Jedenfalls sehe ich rasch ein, daß mich diese KletterTour ganz anders fordert als der senkrechte KletterSteig, der bei unserem Abstieg in diese Welt die letzte schwierige Etappe war. Irene wäre hier nicht weitergekommen. Cherkrochj hatte recht. Ich bin ihr dankbar, daß Irene auf dem SaurierfangSchiff jetzt sicher ist.
Noch dankbarer wäre ich, wenn ich da jetzt auch wäre.
21.6 HöhenKoller
Dreihundert SteigBügel - hundert Meter HöhenDifferenz. Die Arme schmerzen. Ich werden langsamer, deutlich langsamer. Der Abstand zu Charmion ist mindestens zwanzig Meter. Um das zu sehen muß ich aber den Kopf in den Nacken legen, und dann könnte mir schlecht werden. Wenn ich aber an meinen Füßen vorbeisehe, dann sehe ich Chechmirch, Chmerm und Chrwerjat dicht hinter mir, und dahinter die FelsWand, die sich zum Wasser herunterkrümmt. Wie eine gestickte Naht kann ich auch den bisherigen Teil des KletterSteiges verfolgen. Wenn ich das so sehen kann, dann heißt das nur eins: Die ÜberhangNeigung nimmt noch zu! Das ist keine Illusion, was dein GleichgewichtsSinn und deine schmerzenden Muskeln dir melden, Herwig! Erinnere dich an das Profil des PilzBerges: je höher, desto größer der ÜberhangWinkel! Nimm es zur Kenntnis: aus der FelsWand wird kontinuierlich eine FelsDecke! Oder nimm es besser nicht zur Kenntnis.
Ich habe den Eindruck, daß ich jeden Moment von den SteigBügeln runterrutschen muß. Wie weit noch bis zum Hängenden Weg? Das kann ich nicht aushalten! Das schaffe ich nicht.
Und doch versuche ich noch mein bestes. Wegen mir werden die anderen nicht umkehren. Dieser KletterSteig ist für die GranitBeißer eine RoutineAngelegenheit. Sie werden es nicht verstehen, daß ich hier Schwierigkeiten habe. Charmion wird es nicht verstehen. Und gerade ihr möchte ich es eigentlich zeigen, ihr, die so selbstverständlich über mich verfügt als wäre ich ein AusrüstungsGegenstand. Soll ich ihre VorUrteile bestätigen? Nein.
Der Gedanke, daß einer der SteigBügel locker sein könnte macht mir Angst. Nicht jetzt auch noch meine Reflexe trainieren - ich brauche den ganzen Willen, den ich habe, um mich überhaupt festzuhalten, die ganze Konzentration, um mit den Füßen nicht von den SteigBügeln runterzurutschen. Nicht auszudenken, was wäre, wenn das passiert: An den Armen hängend, mit den Füßen hin- und herpendelnd, versuchend, die Füße wieder auf die Bügel zu setzen, und das mit diesen erlahmenden Armen. Ich kann zwar ein paar KlimmZüge hintereinander machen. Im Prinzip. Aber der bisherige AufStieg hat meine Arme schon wachsweich gemacht.
Und dann nimmt der Wind zu. Wenig nur, aber die bloße Vorstellung, daß er noch mehr zunehmen könnte, um ein bißchen an uns herumzuzerren, reißt an dem letzten Rest meines SelbstVertrauens herum.
Wie lange fällt man 1700 Meter? Ein paar Sekunden mindestens. Rechne es aus, Herwig, teste deinen Verstand. Wenn das noch funktioniert, dann funktioniert auch vieles anderes noch. Es ist doch ganz einfach, die BeschleunigungsFormel: S ist a halbe mal t zum Quadrat, umgeformt ist das Zwei s durch a ist t zum Quadrat. Das habe ich nicht umgeformt, sondern ich erinnere mich noch an die Umformung. Die Formel habe ich doch schon oft gebraucht. Zwei s durch a ist 340, das ist t zum Qadrat, dann ist t, moment, 340 liegt zwischen den Quadratzahlen 256 = 16 * 16, 289 = 17 * 17, ist auch noch zu wenig, 18 * 18 =, ja, was ist es denn? Ich kann mich nicht konzentrieren. Festhalten, greifen, weitersteigen! 18 * 18 ist soviel wie 9 * 9 * 4, das geht doch viel einfacher, das ist 324. Ist auch noch kleiner als 340, aber 19 * 19 müßte schon drüber sein. Also ein 18 Sekunden langer Fall, etwas mehr, vielleicht noch ein paar Sekunden mehr wegen der LuftReibung.
Und steigen und greifen und steigen und greifen und steigen und greifen. Konzentrieren. Irene soll ihren Mann nicht verlieren. Und Charmion nicht ihren Feind. Ja, Feind ist wohl das richtige Wort. Sie würde amüsiert zusehen, wenn ich hilflos loslasse und in der Tiefe verschwinde.
18 Sekunden, ist denn das richtig? Mal ErdBeschleunigung heißt das, daß man mehr als die halbe SchallGeschwindigkeit erreicht. So schnell wird man aber nicht. Jeder FallschirmSpringer weiß das. Im freien Fall schafft man etwa zweihundert StundenKilometer. Hier ist Druck und Dichte der AtmoSphäre höher, unten, auf dem Niveau der See etwa das vierfache der entsprechenden Werte an der ErdOberfläche. Das heißt, wenn man sich mit ausgebreiteten Armen fallen läßt, dann kann man etwa mit hundert StundenKilometern rechnen. Bloß? Dann wäre der Fall wesentlich länger. Und: Kann man es überleben? Vom Zehn-Meter-Turm im SchwimmBad erreicht man schon die Hälfte. Vor dem EinTauchen ins Wasser, aber wirklich kurz vorher, Körper senkrecht ausrichten? Das müßte doch gehen?
Und wenn es nicht geht, dann zerplatzt dir beim AufSchlag die Lunge. Herwig, sieh es realistisch: Du bist einmal in deinem Leben von einem Fünf-Meter-Brett gesprungen, in deiner unnachahmlichen Art: Rechte Hand Nase zuhalten und mit den Füßen zuerst. Du hast keine Sprung-Erfahrung. Und wer sagt dir, daß da nicht eine weiter innen liegende SchärenInsel ganz plötzlich im Wege ist? Oder ein Riff, dicht unter Wasser? Auf nacktem Fels sind auch hundert KiloMeter pro Stunde zuviel.
Gib dich bloß keinen Illusionen hin, was das ÜberLeben beim Absturz aus dieser Wand betrifft. Halt dich fest! Halt dich bloß fest.
Und die Arme sind mir so lahm. Ich kann nicht mehr. Nur noch festhalten, nicht mehr steigen. Wenn ich es versuche, rutsche ich ab. Es ist so weit.
Ich klammere mich mit den Beinen in einen der SteigBügel hinein, und mit den Armen in den zweiten darüber. So hänge ich im Moment fest. Es geht nicht mehr weiter. Ein klassischer Anfall von HöhenSchwindel. Ich kann nichts dagegen machen. Wie ein Embryo klammere ich mich fest, weil die SchwerKraft mich vom Berg zu reißen versucht.
So schlimm wie diese Stelle war nichts, was wir während des Abstieges in diese Welt erlebt hatten.
"Charmion!" rufe ich, "Ich kann nicht mehr!"
Sie hält ein, ich höre es. Hinzusehen traue ich mich nicht, weil ich immer noch und schon wieder die irrationale Angst habe, daß die MetallBügel aus dem Fels rutschen könnten, wenn ich sie nicht dauernd ansehe. Außerdem sieht der Fels vertrauenerweckend normal aus, wenn man ihn aus wenigen DeziMetern Entfernung ansieht. So sieht nämlich auch ein Fels dicht über dem ErdBoden aus. Dem Fels ist es genaugenommen völlig egal, ob er 1600 oder 1700 Meter über dem Wasser schwebt, oder nur fünfzig Zentimeter.
Charmion turnt näher. Dann ist sie, von der FelsWand aus gesehen, über mir, also eigentlich mehr unter mir. Ich habe die entsetzliche Vorstellung, daß sie mir die Arme aus den MetallBügeln heraushebeln und mich so zum WeiterGehen bewegen will.
Aber sie muß wohl begriffen haben, daß da etwas anderes bei mir vorliegt als reine Schwäche. Bei einem SchwächeAnfall hätte ich ja einfach losgelassen und wäre schon runtergefallen. HöhenSchwindel ist den GranitBeißern unbekannt, deshalb kann sie überhaupt nicht wissen, was mit mir los ist.
Sie überlegt eine Weile. Die drei Frauen unter uns warten ab. Dann hat sie einen Entschluß gefaßt.
"Nehmt ihm den Beutel und das Schwert ab!" ruft sie Chechmirch zu, die genau hinter oder unter mir ist. Ich kooperiere wenig, als Chechmirch mir den Beutel entwindet. Sie muß dazu den TrageGurt aufknoten, weil ich nirgends loslasse. Mit dem Schwert macht sie es genauso. Dann steigt Charmion wieder tiefer.
"Stütz dich auf meinem Bauch ab und dreh dich um!" schägt sie vor.
"WAS! MICH UMDREHEN? BIST DU WAHNSINNIG?"
"Es kann dir nichts passieren! Ich halte dich!"
Ich glaube es nicht. Zwar hat sie ihre Füße irgendwie rechts und links unter mir so mit den SteigBügel verkeilt, daß sie mit ihrem Körper unter mir eine Art HängeBrücke bildet. Aber sie kann unmöglich mein Gewicht auch noch aushalten.
"Du mußt dich auf meinen Bauch setzen!" stellt sie fest.
"Nein!"
"Warum nicht? Es ist die einzige Möglichkeit!" sagt sie eindringlich, "Du mußt rittlings so auf meinem Bauch sitzen, daß dein Kopf neben meinem ist und deine Arme und Beine seitlich herunterhängen, damit sie mir beim Klettern nicht im Wege sind!"
Es ist unmöglich, was sie vorschlägt. Sie kann so nicht klettern, und ich kann nicht loslassen. Wir sitzen fest. Solange, bis mir sogar zum Festhalten die Kräfte ausgehen.
"Du könntest dich natürlich auch auf meinen Rücken setzen, aber du hältst dich ja doch nicht fest!" sagt Charmion. Mir schießen unzusammenhängende Gedanken durch den Kopf, Zeichen beginnender Desorientierung. Ich spüre ihre Hitze an meinem Rücken, denke: Wenn sie mich hier rausholt, dann kann sie von mir alles haben, dann würde ich mich sogar von Irene trennen wenn sie das will, nein, das kann sie nicht verlangen aber ich will nicht sterben bloß weg aus dieser Wand aber wie will sie das denn machen ich lasse dieses Eisen nie los da kann sie sagen was sie will!
"Wenn du nicht losläßt," droht Charmion, "dann hebele ich deine Hände ab!"
Sie wartet nicht ab sondern tut es. Alle Instinkte in mir sträuben sich, das Eisen loszulassen, aber ihr Griff ist stärker, und er tut weh. Irgendwann wird der Schmerz dann größer sein als die Angst vor dem Absturz, und mein erschöpfter Griff bietet ihren Bemühungen sowieso nicht viel Widerstand.
"Wenn du nicht losläßt, dann breche ich dir beide Arme!" droht sie und setzt auch schon an, es zu tun. Dabei kann sie nur eine Hand brauchen, weil sie sich mit der anderen ja festhalten muß. Zu einem anderen ZeitPunkt hätte ich diese Stärke bewundert.
"Halt dich doch an mir fest, was hindert dich daran!" ruft sie, fast ärgerlich.
Sie schafft es, mir nicht nur die Hände von den Bügeln des KletterSteiges zu reißen, sondern mir dann den gesamten OberKörper so zu verdrehen, daß ich mich auch mit den Beinen aus den Bügeln herauswinden muß, wenn ich nicht riskieren will, daß sie mir das Rückgrat bricht. Sowie ich den Halt am KletterSteig verloren habe, rutsche ich an ihrem Körper entlang, sitze auf ihrem OberSchenkel auf, kippe zu einer Seite ab. Ich bin völlig orientierungslos.
Sie hält mich mit einer Hand.
"Siehst du, es geht doch!" lacht sie.
Das finde ich gar nicht. Ich klammere mich an ihren OberSchenkel, aber ein harter Griff zwingt mich wieder höher. Sekunden später liege ich auf ihr, die Griffe des KletterSteiges unerreichbar hinter meinem Rücken.
"Halt dich gefälligst fest, hinten rum an meinen Schultern." befiehlt sie. Das geht, und es ist wahrscheinlich ein völlig sicherer und sogar bequemer Platz, wenn man davon ausgehen kann, daß sie selbst sich beliebig lange am KletterSteig festhalten kann. Da meine Arme unter ihren AchselHöhlen durchgreifen, um an ihre Schultern zu gelangen, kann sie problemlos über sich greifen und ist dort durch mich nicht behindert. Allerdings muß sie einen größeren Abstand zwischen ihrem Körper und den Bügeln des KletterSteiges halten, weil mein Körper dazwischen ist. An ihrem Kopf vorbei kann ich in die Tiefe sehen, das Wasser, die Insel des SchärenRinges.
"In Ordnung!" ruft sie nach unten, "Ich habe ihn. Wir können weiter!"
21.7 Charmions Bauch und der nasse Schwamm
Und das macht sie sofort. Es ist eine wüste Schaukelei. Und mir ist elend. Nicht nur wegen dem Schwindel und der wahrscheinlich unnötigen Furcht, daß Charmion anstürzen könnte. Nein, das passiert ihr nicht, bei ihrer Kraft und Geschicklichkeit, auf die ich mich jetzt voll und ganz verlassen muß. Aber daß der Herwig sich einen Berg rauftragen läßt wie ein nasser Schwamm!
Wir sind nicht viel langsamer als vorher. Charmions Bewegungen sind kraftvoll und routiniert. Das macht es für mich schlimmer, denn es gibt keinen Teil ihres Körpers, der sich nicht bewegt, keine festen BezugsPunkt. Kein Schiff im Sturm bewegt sich so heftig. Das bin ich nicht gewöhnt.
Ich spüre das Spiel ihrer BauchMuskeln an meinem Bauch, unter meinen Händen arbeiten ihre SchulterMuskeln, immer wieder schiebt sie mich mit dem OberSchenkel des Beines, das sie gerade einen SteigBügel weiter nach oben setzt, an ihrem Körper entlang weiter nach oben, um meine Neigung, wieder nach unten zu rutschen, zu kompensieren. Ich versuche, mich so gut wie möglich an ihren Schultern hochzuziehen, um möglichst wenig Anlaß zu Kritik zu liefern.
Wieder einmal liegt mein Leben völlig in ihrer Hand, bin ich völlig abhängig von den Fähigkeiten und dem guten Willen eines anderen Menschen. Die unangenehmste Situation. Habe ich nicht mein ganzes Leben daran gearbeitet, daß diese Art von Situationen nicht so eintreten kann? Ausbildung, Beruf, ökonomische Selbstständigkeit - alles diente doch nur dem einen Ziel: Zu verhindern, daß man sich in direkte Abhängigkeit zu anderen Menschen begibt. Mein ganzes Leben ist eine Manifestation dieses Prinzips und dieser Strategie. Schon die Wahl des InteressenGebietes. Physik, die Technik, Informatik. Maschinen, deren prinzipiell erreichbare maximale Zuverlässigkeit, die NaturGesetze selber, der EichBegriff der Zuverlässigkeit, die Inkarnation der Zuverlässigkeit. Niemals hätte ich in meiner LebensPlanung auf das WohlWollen eines anderen Menschen gesetzt, nicht einmal temporär. Dieser BauStein ist nicht vorgesehen.
Jetzt aber muß ich auf das WohlWollen eines anderen Menschen setzen, ob ich will oder nicht. Wenn es Charmion gefällt, kann sie ihre Scherze mit mir treiben. 'Hätte ich dich nicht gehalten, wärst du runtergefallen!' Das alte Spiel vom SchulHof. Hier ist es Ernst. Was immer ihr einfällt, es droht ihr keine Vergeltung, von niemandem. Von mir schon gar nicht. Es braucht nicht einmal böser Wille zu sein - was ist, wenn ich ihr zu schwer werde?
Der Wind, der vorhin aufgesprungen ist, umflattert uns immer noch unruhig. Vielleicht irgendwelche lokalen WirbelErscheinungen an diesem PilzBerg, vielleicht aber auch VorBoten eines WetterUmschwunges. Ist Charmion beunruhigt?
Nein, sie klettert ruhig weiter, tief, aber gleichmäßig atmend. Die Wand neigt sich weiter über, und damit unser KletterWinkel. Es muß für sie immer schwerer werden, die Füße auf den SteigBügeln zu halten. Wie sie es wohl macht? Streckt sie den Fuß, so daß die FußSohle waagerecht steht oder sogar noch weiter geneigt ist? Ich vermeide es, hinzusehen. Ich will sie nicht durch eine unvorhergesehene KopfBewegung irritieren.
Ein paar WolkenFetzen ziehen unter uns vorbei, vielleicht siebenhundert bis tausend Meter über dem Meer. Einige der SchärenInseln verschwinden kurzzeitig, tauchen dann wieder auf. Größere Wolken treiben vorbei, fast kleine Berge. Einmal tauchen wir kurz in Nebel ein - ich überlege, ob das gut oder schlecht ist, aber ich komme zu keinem Ergebnis. Dann sind die Wolken wieder unter uns, immer noch vielfach durch Lücken das Meer zeigend. Die Säulen am Horizont scheinen zwischen WolkenSchichten zu schwimmen: Die permanent leuchtende WolkenSchicht oben, und die WolkenSchicht, die gerade dabei ist, sich zu bilden, etwa dreitausend Meter darunter.
Wir müssen schon über zweitausend Meter hoch sein. Brave Charmion - wie müht sie sich ab mit einem untüchtigen Sack wie mich! Ich wage allerdings nicht, etwas zu sagen, damit sie nicht auf die Idee kommt, ich könne wieder selbst klettern.
Ihr Körper windet sich in meiner haltenden Umarmung, nicht unähnlich den Bewegungen beim LiebesSpiel. Aber erotische Gedanken kommen mir jetzt nicht in den Sinn. Ihr hoffentlich auch nicht. Die Stellung wäre eine der ungewöhnlichsten, die man je beim GeschlechtsVerkehr ausprobiert hätte, fällt mir ein. Aber ist etwas, was für mich ungewöhnlich ist, für sie genauso ungewöhnlich? - Jedenfalls sind, da meine Beine sich über ihren Beinen um ihre Hüfte schlingen oder dieses jedenfalls sollen, unsere GeschlechtsOrgane hinreichend weit voneinander entfernt. Ich hoffe deshalb, daß sie nicht schon wieder auf dumme Gedanken kommt.
Das bringt mich auf andere Gedanken, und ich brauche andere Gedanken, weil ich mich ganz weit wegdenken möchte. Ich möchte mir ebenen, festen Boden vorstellen. Vielleicht merke ich dann gar nicht mehr, wo ich bin. Wollte ich nicht einmal an die Playboy-Redaktion schreiben, um fachkundigen Rat darüber einzuholen, auf welchen Fahrzeugen und VerkehrsMitteln schon nachweislich GeschlechtsVerkehr getrieben wurde und auf welchen sicher nicht? Ich habe es dann nicht getan, weil ich glaubte, mir die Antwort eigentlich schon selbst geben zu können: Auf RaumSchiffen - wahrscheinlich ja. Auf fahrenden FahrRädern - wahrscheinlich nein. Zu kompliziert. Komplizierter als das, was wir jetzt machen? GeschlechtsVerkehr auf einem, oder besser unter einem hängenden KletterSteig?
Vielleicht würde Charmion meine GedankenSprünge auch als abwegig betrachten, oder höchstens belustigt sein. Jetzt ist die Zeit des Kletterns und des Am-Leben-Bleibens. Genau das zeigt sie mir gerade: Wie man am Leben bleibt. Die Zeit des Spiels der Körper kommt schon noch. Ein andermal.
Kein Wort wird gesprochen. Jetzt nicht. Vielleicht später? Wenn ich nicht in HörWeite bin? Die Legende von dem Mann, den die Höhe krank machte und der sich den Berg raufschleppen ließ? Lege ich gerade die GrundLage für eine neue, mehr lustigere ÜberLieferung in der Welt der GranitBeißer? Ist schon entschieden, daß man hier noch in Generationen über mich lachen wird?
Jetzt ist die WolkenDecke unter uns dicht, und es gibt nur noch diese endlose, überhängende FelsWand, und Wolken, wohin man blickt. Nein, einige Säulen sind da ja noch zu sehen, in der Ferne, am Horizont. Aber die Orientierung, das AuseinanderHalten von oben und unten ist schwer. Nur die SchwerKraft ist noch ein sicherer Anzeiger.
21.8 Das HufEisen
Als ich kurz aufblicke, sehe ich in einiger Entfernung, daß wir auf etwas zuklettern. Zunächst sieht es aus wie ein HufEisen, das überkopf in der Wand hängt, ein viele Meter großes HufEisen. Zunächst bin ich noch geneigt, an einen merkwürdigen FelsVorsprung zu glauben. Nur langsam kommen wir näher.
Was es ist, sehe ich erst, als wir es erreichen. Es ist eine hängende PlattForm, die tatsächlich die Form eines HufEisens hat. Das HufEisen öffnet sich zur FelsWand, und durch diese Öffnung laufen zwei KletterSteige ein, der, den wir gekommen sind, und ein zweiter, den ich erst im letzten Moment, bevor wir das Niveau des HufEisens erreichen, sehe. Überraschenderweise erreichen beide KletterSteige dieses HufEisen von unten.
Die Breite dieses Loches innerhalb des HufEisens ist etwa drei Meter, der AußenDurchmesser fünf Meter. Es handelt sich also um einen einen Meter breiten, stark gekrümmten Steg. Dieser ist aus massiven Planken gezimmert und durch viele Seile, die an seiner AußenKante befestigt sind, mit der schrägen FelsWand verbunden. Diese Seile, besonders die, die weiter von der FelsWand entfernt sind, sind teilweise recht lang - bis zu zwanzig Meter - bis sie in EisenBügeln enden. Wie bei der Hängenden Straße, die wir kurz vor unserer FestNahme beschritten haben, führen die TrageSeile nicht senkrecht nach oben, sondern sie sind um einen Winkel von etwa 25 Grad nach außen geneigt, einige mehr, einige weniger. Dadurch wird Schwankungen der PlattForm vorgebeugt.
Noch wichtiger ist für mich: Dieser Steg bildet eine waagerechte OberFläche. So gut ich das bei meinem geschädigten OrientierungsVermögen erkennen kann.
Als Charmion die Ebene des PlattForm überstiegen hat, bedeutet sie mir, nach rechts von ihrem Körper herrunter zu rutschen. Da ist der Steg. Genau unter ihr ist aber für 500 Meter nichts, dann die WolkenSchicht, dann sind es noch etwa 2000 Meter bis zum Meer darunter. Eine recht wackelige Angelegenheit, denn so lagestabil ist die PlattForm auch nicht.
Das mit etwas Schwung zu tun ist auch problematisch, denn an der anderen Seite des Steges, also der AußenSeite des HufEisens, gibt es nur die HalteSeile, zwischen denen man ohne weiteres durchtorkeln kann.
Eigentlich hätte der KletterSteig hier die Montage spezieller seitlicher EisenBügel benötigt, damit man gefahrlos von ihm heruntersteigen kann. Das ist aber nicht geschehen. Und so muß ich zunächst das rechte Bein weit vorstrecken, um es auf dem Steg aufzusetzen. Dabei weicht der Steg zwar trotz seiner stabilisierenden AufHängung unwesentlich, aber fühlbar aus, während ich Charmion gleichzeitig in die GegenRichtung drücke. Die Vision, daß ich zwischen ihr und dem Steg durchfallen könnte ist wieder überdeutlich gegenwärtig.
"Du kannst nicht herunterfallen - ich paß schon auf!" sagt sie. Das erste, was jemand nach langer Zeit spricht.
"Sehr beruhigend." ächze ich und verlagere, vielleicht mit übertriebener Vorsicht, einen immer größeren Teil meines Gewichtes auf mein Bein. Dann schiebe ich mich von ihrem Körper herunter.
Auf dem Steg angekommen lasse ich mich sofort auf die Knie nieder. Er ist mir zu schmal. Verglichen mit dem KletterSteig und verglichen mit dem Ritt auf Charmions Bauch bietet ein einen Meter breiter Steg zwar immens viel Platz. Aber mir ist nur zu bewußt, daß dies nur eine ZwischenStation sein kann. Die SchwindelTour wird über kurz oder lang weitergehen.
Es ist 6 Uhr. Wir waren mehr als zwei Stunden auf diesem KletterSteig. Mir kommt es kürzer und länger zugleich vor. Mein ZeitGefühl ist auch etwas aus den Fugen geraten.
Charmion springt wesentlich eleganter als ich auf den Steg, danach die drei anderen Frauen. Alle setzen sich, Charmion dicht neben mich. Sie sieht mir in die Augen, irgendwie verwundert.
"Besser?" fragt sie.
"Ja. Etwas."
"Was war denn los?"
Ich kenne das Xonchen-Wort für 'Schwindel' nicht. "Die Höhe." sage ich.
"Na und?"
"Große Höhe macht uns Schwierigkeiten. Wir haben Angst davor."
"Wer ist 'wir'?"
"Die meisten Leute aus der Welt, wo wir herkommen."
Charmion schüttelt verwundert den Kopf.
"Das muß eine merkwürdige Welt sein!" sagt sie, "Alles, was ihr darüber erzählt, klingt so unlaubhaft. Ihr habt Angst vor der Höhe. Ihr habt Angst vor dem Tod. Ihr verbergt euch beim Scheißen und beim Spielen. Männer haben mindestens die gleiche Stellung wie Frauen oder im allgemeinen noch eine höhere. Ihr seid enorm viele, nachdem, was ihr erzählt habt. Und doch seid ihr schwach. Ihr eßt kein Fleisch."
"Kein MenschenFleisch!" korrigiere ich, "Fleisch schon."
"Hattet ihr nicht gesagt ..."
"Ich persönlich vermeide es, Fleisch überhaupt zu essen, außer wenn es sein muß, um nicht zu verhungern. Aber MenschenFleisch - nein."
"Auf dem Schiff hast du aber MenschenFleisch gegessen!" stellt sie fest.
"Ja. Zuerst versehentlich. Ich habe nicht gewußt, was es war."
"Und? Hat es geschadet?"
"Nein."
"Wird es noch schaden? Ist es für euch Gift?"
"Nein."
"Warum also?"
Ich möchte wissen, warum sie ausgerechnet jetzt mit GrundsatzDiskussionen über den Kannibalismus anfängt. Sie gibt sich so ruhig, als wäre sie in einem HörSaal einer philosophischen Fakultät und nicht auf einem schwankenden Steg hoch über den Wolken über einem unterirdischen Meer. Allerdings, korrigiere ich mich selber, in einer philosophishen Fakultät kann ich mir Charmion auch nicht vorstellen.
Wie mache ich ihr meine Einwände gegen das Essen von MenschenFleisch klar?
"Es ist respektlos." versuche ich, "Menschen sind etwas besonderes. Das Erstaunlichste, was das Leben auf der Erde hervorgebracht hat."
"So?"
"Ja. Kein anderes Tier kann, was der Mensch kann, weil er einen Verstand hat, eine Seele." Hoffentlich habe ich die richtigen Xonchen-Worte getroffen.
"Und was hat das mit seinem Körper zu tun?" fragt Charmion, "Der ist so gebaut wie der Körper von anderen Tieren auch. Es gibt dieselben Organe. Nur die Formen sind unterschiedlich. Was ist also an MenschenFleisch besonderes?"
"Aber ihr tötet doch Menschen zum Zwecke der NahrungsBeschaffung!"
"Nein!" entgegnet sie, "Wir töten unsere Feinde, und wir töten zur Strafe, und wir töten Menschen, die nutzlos sind oder gar anderen zur Last fallen oder ihnen schaden. Warum soll man den Körper solcher Menschen nicht nutzen? Was würde denn passieren mit Menschen, die tot sind und die man nicht ißt? Das Fleisch würde schlecht. Es würde stinken und zerfallen. Ist das nicht viel übler als es rechtzeitig zu essen? Was macht ihr denn in eurer Welt mit den Toten?"
"Wir graben sie ein." sage ich.
"Ihr macht was?" Unglauben zeichnet sich auf ihrem Gesicht.
"Wir graben sie ein. Manchmal werden sie auch verbrannt."
"Warum das denn?" fragt sie ganz entgeistert.
"Damit niemand ihre Ruhe stört!"
"Aber sie sind doch tot! Die stört doch sowieso nichts mehr!"
"Trotzdem. Wir sehen das so. Wir graben unsere Toten ein, damit noch etwas übrig bleibt. Ein Ort wo man hingehen kann."
"Wo wer hingehen kann?"
"Die Angehörigen der Toten!"
"Und was machen die da? Graben sie ihn wieder aus?"
"Nein, natürlich nicht. Man nennt das ein Grab. Es ist eine Stätte der Erinnerung. Der Tote bleibt da. Die Lebenden gehen dahin, um sich zu erinnern."
"Aber warum? Was macht der Tote da, in dem Grab?"
"Nun - er zerfällt. Im Laufe der Zeit."
Charmion schüttelt den Kopf. "Ich verstehe das nicht. Du wirfst uns vor, daß wir Fleisch von Menschen essen. Und ihr laßt eure Toten nutzlos in der Erde verfaulen. Ein ganzes MenschenLeben laßt ihr zum Schluß verfaulen!"
"Aber ein MenschenLeben ist doch nicht nur der Körper, der übrigbleibt!" engegne ich, "Die Erinnerungen ..."
"Was soll das heißen? Können sich die Lebenden nicht an die Toten erinnern, ohne daß sie ein Grab, oder wie ihr das nennt, zu Hilfe nehmen müssen? Ist die Erinnerung nicht im Kopf? Sind eure Köpfe so schlecht?"
"Nein, das ist es nicht."
Mehr fällt mir nicht mehr ein. Charmion sitzt neben mir, sie sieht aus wie ein ungewaschenes Schulkind mit dem Körper einer Frau, ihre Anstrengung, mich den KletterSteig entlang zu tragen, sieht man ihr nicht mehr an, und sie will etwas über mich und über unsere Welt da oben wissen, in einem bis jetzt ungewohnten Anfall von Neugier oder Interesse. Und alles, was ich ihr sage, muß ihr wie WahnSinn erscheinen. Ihre Logik gegen unsere. Ach was, mit Logik hat das ganze ja sowieso nichts zu tun.
"Wir glauben, daß der Körper eines Menschen nach seinem Tode wieder in den KreisLauf der Natur zurückgegeben werden sollte," versuche ich ein letztes Mal, "er wird begraben, und Pflanzen können sich von ihm ernähren."
"Wieso nur Pflanzen? Was ist daran so anders, wenn andere Tiere oder andere Menschen von diesem Körper profitieren? Wieso dürfen Pflanzen, was Tiere oder Menschen nicht dürfen?"
Zwecklos. Dagegen komme ich nicht an. Charmion sieht, daß ich mich geschlagen gebe. Sie scheint aber noch nicht fertig zu sein:
"Was macht ihr denn mit Menschen, die ihr töten müßt?"
"Wir müssen niemanden töten!"
"Niemanden?"
"Niemanden. Ausgenommen solche Fälle, wo sich jemand gegen einen Verbrecher zur Wehr setzen muß. Wenn es dann nicht anders möglich ist, dann darf man auch töten. Das nennt man bei uns 'NotWehr'. Aber es wird danach sehr genau untersucht, ob diese Tötung gerechtfertigt war. Der normale Weg ist, daß ein Verbrecher eingesperrt wird."
"Nicht getötet?"
"Nein, nicht getötet. Eingesperrt."
"Für welche Verbrechen?"
"Für alle. Die Länge des EingesperrtSeins hängt vom Verbrechen ab."
"Und wenn das Verbrechen im Töten von Menschen bestand?"
"Das nennen wir, je nach Schwere der Tat und nach der Absicht, die dahinter stand, TotSchlag oder Mord. Im schlimmsten Falle heißt das, daß der Täter lebenslänglich eingesperrt wird."
"Aha. Wo hinein eingesperrt?"
"In ein festes Haus. Wir nennen das Gefängnis."
"Und da verhungert er?"
"Nein. Warum sollte er? Er wird ernährt bis an das Ende seiner Tage!"
"Von wem?"
"Von der Allgemeinheit."
"Das heißt, eure Verbrecher werden mit einer Art lebenslangem Unterhalt belohnt?"
Charmion findet auch immer wieder die Interpretation, gegen die am schwersten zu argumentieren ist. Ich muß zugeben, daß sie intelligenter ist als ich zunächst dachte. Oder ist das die direkte FrageMethode, die aus grenzenloser Naivität herrührt?
"Nein, das ist keine Belohnung," entgegne ich, "denn der Verbrecher ist nicht mehr frei. Er kann nicht mehr am Leben der Menschen teilnehmen. Er sitzt in einer Zelle."
"Und wenn er zufällig ein Mensch ist, dem diese Freiheit nichts bedeutet, dann ist er überhaupt nicht bestraft worden!" stellt Charmion fest.
"Das kann in EinzelFällen passieren. In seltenen EinzelFällen. Aber wir gehen davon aus, daß jeder Mensch frei sein möchte. Außerdem ist das EinSperren eine ziemlich gute Versicherung dagegen, daß der Verbrecher seine oder eine ähnliche Tat wiederholt."
"Das kann man mit dem Töten eines Verbrechers aber auch erreichen! Sogar noch viel besser!"
"Und," fahre ich fort, "einsperren ist nicht endgültig. Wenn sich später herausstellt, daß jemand anderes die Tat begangen hat, dann kann man den Verbrecher, der gar keiner ist und nie einer gewesen ist, wieder freilassen. Er bekommt dann sogar eine Entschädigung. Das wäre nicht möglich, wenn wir unsere Verbrecher hinrichteten!"
Charmion ist immer noch nicht überzeugt. Wie kann es überhaupt sein, daß jemand für ein Verbrechen haftbar gemacht wird, das er gar nicht begangen hat? Ich muß ihr etwas über die kriminalistische BeweisFührung erläutern, und über den Begriff 'IndizienBeweis', und die Möglichkeit falscher Geständnisse. Und immer wieder Unglauben. Immer wieder der HinWeis auf die viel direkteren Methoden der GranitBeißer. Das Entfernen von unerwünschten Personen durch Tötung scheint für sie die Ultima Ratio der SozialVerträglichkeit zu sein.
Dann wechselt sie das Thema. Sie fragt nach StammesKonflikten. Wenigstens fangen wir jetzt an, nebenbei etwas aus unserer MarschVerpflegung zu essen, und ich übe, mit vollem Mund in der Xonchen-Sprache zu reden. Das ist gar nicht so einfach, bei dieser Häufung von Konsonanten.
Ich erläutere ihr, daß wir in unserer Welt nicht in Stämme, sondern in wesentlich größeren Kollektive eingeteilt sind, die man 'Nation' nennt. Natürlich kommen wir dann ganz zwangsläufig zum Thema 'Krieg'.
"Warum werden Kriege geführt?" will sie wissen.
Berechtigte Frage. Ich erzähle einige Beispiele aus der Geschichte. Dabei versuche ich, die Analogien mit ihren StammesKonflikten herauszustellen. Das Dritte Reich und Hitler und die JudenVerfolgung erwähne ich allerdings nicht. Ich fürchte, es wäre zu kompliziert. Zuviel Stoff auf einmal. Verstehen doch auch viele Menschen in unserer Welt nicht die psychologischen und psychiatrischen Grundlagen einer Ideologie wie die des Nationalsozialismus.
"Also werden in Kriegen wesentlich mehr Menschen absichtlich getötet als sonst?" stellt sie fest.
"Genau so ist es."
"Und im Krieg ist das Töten also erlaubt?"
"Das Töten des Feindes, ja. Es ist sogar unbedingt befohlen. Wer sich dieser Pflicht entzieht, kann eingesperrt werden. - Im Nachherein bestimmt natürlich die SiegerNation, was recht war und was nicht."
Das scheint ihr wieder plausibel vorzukommen. Nur die Anzahl der Menschen ist eine deutlich unterschiedliche Größe. Charmion hat Schwierigkeiten, als ich versuche, in ihrem ZahlenSystem ihr die Anzahl der Menschen in einer typischen Nation zu verdeutlichen. Ich weiß nicht, ob sie mir das glaubt. Sie weiß schon, daß in unserer Welt viel mehr Menschen leben als in der Welt der GranitBeißer, aber wieviel mehr, das entzieht sich ihrem BegriffsVermögen. Sie geht nicht weiter darauf ein, und ich auch nicht.
Eine ganze Weile essen wir schweigend weiter. Die Fladen, die uns in der Küche des SaurierFängers eingepackt worden sind, scheinen eine Mischung zwischen Brot und Wurst zu sein. Ich habe keine Möglichkeit, festzustellen, ob bei der Herstellung dieser Wurst MenschenFleisch verwendet wurde. Es ist das beste, ich denke nicht darüber nach.
Auch Charmion schweigt. Sie läßt sich einiges durch den Kopf gehen. Ebenso Chrwerjat, die sich an unserem Gespräch nur passiv beteiligt hat, bis auf die Stellen, wo ich sprachliche Hilfe brauchte.
Chechmirch und Chmerm finden Gefallen aneinander, stelle ich nebenbei fest. Ich sehe es an ihren Blicken. Sie sind noch nicht in dem Stadium, Hand aneinander zu legen, aber es kann nicht mehr lange dauern. Letztlich ist es mir auch egal. Seit wir in der Gesellschaft der GranitBeißer sind, befinden wir uns in einer Kulisse ständiger mehr oder wenig beiläufiger homo- oder heterosexueller Handlungen. Solange man nicht beteiligt oder zwangsbeteiligt ist, nimmt man es schon gar nicht mehr zur Kenntnis, sieht darüber hinweg, so, als ob man Zeuge einer Kopulation von Tieren wird.
Nein, korrigiere ich mich, bei Tieren haben wir das schon interessierter verfolgt. Das war auf dem Lanzarote-Urlaub vor fünf Jahren, auf der belebtesten Kreuzung des Ortes Puerto-del-Carmen. Mitten auf dieser Kreuzung waren zwei Hündchen, die mehr Leidenschaft als Auswahl bewiesen, beim Rammeln. Das Männchen schaute derweil, von seiner aufgerichteten Position, interessiert und hoheitsvoll den Verkehr an, während es unten das Weibchen unermüdlich weiter bearbeitete. Der Verkehr, also die Fahrer der PKWs rundherum, schauten interessiert zurück, denn die Kreuzung war natürlich vollständig blockiert. Das wiederum gab den beiden Hündchen die Gelegenheit, mit ihrem Tun fortzufahren.
Da wurde so manchens SeitenFenster runtergekurbelt und so manche VerbalInjurie verschiedener Stärke flog den Hunden um die Ohren. Andere amüsierten sich königlich, trotz der ZwangsPause im VerkehrsFluß. Und die beiden Hunde sonnten sich im Lichte dieser ungewohnten Aufmerksamkeit, die ihnen von allen Seiten zuteil wurde. Vielleicht fühlten sie sich gerade deshalb ermutigt, ihre Semi-Akrobatik immer weiter zu treiben. Bis sie mit ihren kurzen, unwillkürlichen TrippelSchritten den GehSteig erreichten und plötzlich feststellen mußten, daß sich niemand mehr für sie interessierte.
"Wann wollen wir weitergehen?" frage ich. Eigentlich sollte ich das entscheiden, als formaler Leiter dieser Excursion. Aber diese Rolle habe ich mir schon längst abgeschminkt. Oder besser, Charmion hat sie mir abgeschminkt.
Es ist schon bald 8 Uhr, und zwei Stunden Pause sind genug. Ich möchte richtigen, festen Boden unter den Füßen haben, wenn die SchlafPeriode kommt. Hier zu schlafen stelle ich mir unangenehm vor - bis zu einem gewissen Level des HalbSchlafes kann man immer noch auf die eigene Lage aufpassen. Aber so müde wie ich bin werde ich in recht tiefen Schlaf versinken, und dann ist es möglich, daß man durch heftigere Bewegungen sich selbst von diesem Steg herunterschiebt.
"Wann wir wollen," antwortet Charmion, "von mir aus, sofort."
"Wo geht's überhaupt weiter?" frage ich, "Der andere KletterSteig dort geht wieder nach unten. Wir müssen doch rauf!"
"Dieses ist eine VerteidigungsStelle, die besetzt werden kann, wenn die Gefahr besteht, daß Gefangene ausbrechen sollten. Sie müßten dann ja hier vorbeikommen. Von diesem Steg aus kann sogar eine Einzelne jedes HinüberWechseln von einem KletterSteig zum anderen verhindern, selbst, wenn hunderte im Anmarsch sind. Man schlägt ihnen einfach der Reihe nach die Hände ab, so, wie sie den KletterSteig hoch kommen. Dann fallen sie runter. Ganz einfach."
"Ganz einfach." stimme ich zu. Ich versetze mich in die Lage eines Gefangenen, der diesen zweiten KletterSteig hoch kommt, vielleicht schon verunsichert, weil er meint, der Abstieg vom PilzBerg müßte die ganze Zeit nach unten führen. Und dann steht hier jemand, der ihn partout nicht vorbeilassen wird. Ewig lang kann er auch nicht im KletterSteig hängen - das habe ich ja erst vor kurzer Zeit anschaulich erlebt. Eine unangenehme Situation.
Nein, hier möchte ich kein Gefangener sein. Diesen Berg kann man auf diesem Wege, gegen den Widerstand einer entschlossenen Gruppe von Bewachern, nicht verlassen. Es sei denn, man könne fliegen.
"Dieser andere KletterSteig geht nicht allzuweit runter. Gleich hinter jener FelsWölbung, da hört er auf. Dann kommt wieder ein kurzes TunnelStück, und dann wieder ein KletterSteig nach oben. Der geht dann durch bis zum Hängenden RingWeg." erläutert Charmion weiter.
"Nicht schon wieder!" murmele ich. Charmion sieht mich amüsiert an:
"Es ist nur noch dieses Stück abwärts, Cherwig. Der KletterSteig rauf ist anders konstruiert. Soll ich dich wieder tragen?"
Stolz und Vorahnung des kommenden Schwindels kämpfen in mir. Runter klettern ist noch schwieriger. Ich stelle mir meinen tastenden Fuß vor, der den tieferen SteigBügel sucht und ihn nicht findet, dann rutscht der andere Fuß runter ohne daß ich das mindeste dagegen tun kann, dann der Ruck in den Armen, die das ganze Gewicht tragen müssen, das verzweifelte Pendeln, um mit den Füßen wieder einen SteigBügel zu erreichen, die panischen Blicke auf die WolkenDecke unter uns.
"Was ist los mit dir? Du zitterst ja!" ruft Charmion. Auch die drei anderen Frauen sehen mich sehr interessiert an.
"Es tut mir leid," verteidige ich mich, "aber ich kann nichts dafür. Die Höhe macht mich eben krank!"
"Gut," entscheidet Charmion, "machen wir es gleich richtig. Ich trage dich."
Sie steht auf und geht den Steg entlang, bis sie neben dem zweiten KletterSteig steht. Ein kurzer Sprung in die Öffnung des HufEisens hinein - ich halte den Atem an - und schon hängt sie völlig sicher an den Bügeln des zweiten KletterSteiges. Sie dreht sich um:
"Ihr nehmt wieder seinen Beutel und sein Schwert, ja!" ruft sie den anderen Frauen zu, "Komm her zu mir, Cherwig!"
21.9 Tritt ins Leere
Es wird ernst. Mir ist unwohl, als ich auf dem Steg neben sie trete. Zwischen ihrem Bauch, auf den ich mich wieder wie ein FaulTier setzen soll, und dem Steg sind etliche DeziMeter Platz - genau wie auf dem anderen Schenkel des HufEisens bei dem anderen KletterSteig.
"Also, rechtes Bein!" kommandiert Charmion, "Komm schon! Genauso wie vorhin! Nur in der umgekehrten ReihenFolge!"
Es ist schwierig, aber es geht. Mit einem weiten SpreizSchritt kann ich meinen rechten Fuß über ihren Bauch schieben, wobei Charmion mir ihren rechten Arm zum FestHalten hinhält, weil ich ja mit dem Rücken zur Wand stehe und mich nirgends selbst festhalten kann. Gerade in diesem Moment werde ich mir besonders des ständigen, unregelmäßig flatternden Windes bewußt, und natürlich drücke ich auch den Steg wieder ein nur gerade eben fühlbares Stück von Charmion weg.
"Jetzt Gewicht verlagern!" sagt Charmion seelenruhig. Ich wäre nicht so ruhig, wenn ich, so wie sie jetzt, nur an einer Hand im KletterSteig hinge.
Ihr Bauch ist rutschig-klebrig. Wir haben alle geschwitzt. Aber eigentlich kann ich ja nicht abrutschen, da, weiter abwärts an ihrem Körper entlang ihre Beine in einem der Bügel verkeilt sind. Damit könnte sie sich vielleicht schon alleine festhalten.
Ich muß etwas Schwung nehmen, um symmetrisch auf ihrem Bauch aufsitzen zu können. Dabei könnte ich mir einen der SteigBügel in den Rücken rammen, stelle ich fest, denn zwischen ihrem Bauch und diesen EisenBügeln ist sehr wenig Platz, eben weil sie ihre UnterSchenkel hinter einem der tieferen Bügel verkeilt hat. Das ist wohl der Grund, daß mein Sprung zu verhalten ausfällt. Ich rutsche mit meinem rechten Bein von ihrem Bauch wieder herunter, während mein linkes Bein nutzlos zwischen Steg und KletterSteig zappelt.
Ich muß wohl schreien, aber alles geht zu schnell, und ich weiß nicht, was eigentlich passiert. Mein einziger Halt ist mein Griff mit meiner rechten Hand um ihren rechten UnterArm, und dieser Griff ist zu schwach. Außerdem spüre ich noch, wie sie mir mit Gewalt ihren UnterArm entwindet. Ich kann nichts dagegen tun, und als ich auf die Idee komme, etwas dagegen zu tun, ist es zu spät. Der Fall hat schon begonnen.
Ich weiß nicht, was und ob ich in diesen wenigen MilliSekunden denke. Charmion rutscht aus meinem BlickFeld, und ich kann schwören, daß ich den HufEisenförmigen Steg bereits aus einem flachen BlickWinkel von unten sehe. Die WolkenSchicht 500 Meter unter uns dränge ich aus meinem BewußtSein, da sind keine Überlegungen, wann ich sie durchstoßen und wann ich die See darunter erreichen werde. Keine Planung. Sogar die Panik erstarrt. In dieser Sekunde hält die Welt an.
Aber die Welt meldet sich wieder, mit Macht. Ein Schmerz schießt mir aus meinem rechten UnterArm entgegen, und es ist, als wolle mir jemand denselben jetzt noch aus dem Körper reißen. Fast gleichzeitig schlage ich, herumgerissen durch die Kraft auf meinen UnterArm, auf die FelsWand zwischen den beiden nach unten sich voneinander entfernenden KletterSteigen auf, schmerzhaft und böse, aus purem Zufall der dynamischen AnfangsBedingungen den Gesetzen der Mechanik folgend die harten EisenBügel vermeidend. Als mein linker Arm nach oben schleudert, was er tut, da er in kurzen MilliSekunden in sehr viele Richtungen schleudert, wird auch dieser schmerzhaft ergriffen. Dann werde ich wieder nach oben gerissen, mit solcher Wucht, daß ich das Niveau des Steges wieder übersteige. Im nächsten Moment lande ich auf Charmions Bauch, diesmal quer, und wie ein Blitz schießt eine ihrer Hände über meinen Rücken hin, um ihr selbst wieder Halt zu geben. Ich begreife: Sie hat ihren Halt mit den Händen kurzzeitig aufgegeben und sich nach hinten, das heißt also nach unten, gebeugt, um mich im Fall noch zu ergreifen. Das Manöver wäre ihr nicht möglich gewesen, wenn sie ihre Füße nur auf die SteigBügel aufgesetzt hätte. Dann hätte sie mindestens den Halt einer Hand gebraucht, und sie hätte mich fallen lassen müssen.
Mir tut alles am Körper weh, von dem AufPrall auf dem Fels eben gerade. Auch ist meine jetzige Lage sehr unbequem, sowohl für mich als auch für sie. Sie muß mich mit einer Hand im GleichGewicht halten, und so kann sie natürlich nicht klettern. Deshalb zwingt sie mich mit energischem Griff wieder in dieselbe Position zwischen ihrem Körper und dem KletterSteig, so daß ich mich an ihr in einer Pseudo-KopulationsHaltung festhalten kann. Damit kann ich ihr wieder in die Augen sehen.
Ihr Gesicht ist verzerrt von Anspannung. Es muß knapp gewesen sein. Begannen ihre UnterSchenkel, schon aus dem Halt in den EisenBügeln herauszurutschen? Ist sie verletzt? Einem normalen Menschen könnte bei diesem Manöver eine BandScheibe herausgedrillt werden. Ist sie eventuell in dieser halben Sekunde ein Wrack geworden, das nur zufällig noch am KletterSteig hängt?
"Kannst du dich nicht festhalten? Lernt man in eurer Welt nicht das Gehen?" brüllt sie mich mit heiserem, gepressten Atem an, "Hast du denn überhaupt nichts gelernt?"
Und zu den anderen: "Wir gehen sofort." Dann wieder zu mir, in hartem, bellenden TonFall: "Halt dich bloß fest. Sonst werfe ich dich ab!"
Ihr Abstieg ist hastig, ihre Bewegungen sind ansatzweise unkoordiniert. Ich habe Angst. Dabei ist dazu kein Grund: Für ein paar SekundenBruchteile war der Tod mir sicher. Jetzt ist er nur noch wahrscheinlich. Das ist eine ungeheure Verbesserung.
Der KletterSteig führt schräg nach unten rechts, was die Kletterei nicht gerade einfacher macht. Der KletterSteig, auf dem wir gekommen sind, ist schon bald nicht mehr zu sehen, und dann verschwindet auch das HufEisen hinter einer Wölbung der FelsWand. Es sind nur zweihundert Meter, bis wir eine TunnelÖffnung erreichen, die ganz derjenigen gleicht, aus der wir vor unendlicher langer Zeit auf diese KletterAnlage hinausgetreten sind. Charmion windet sich hinein, wirft mich ab und schmeißt sich zu Boden. Sie atmet immer noch schwer.
21.10 Charmions Schmerzen
Nach wenigen Sekunden betreten auch die drei anderen Frauen den Stollen. Sie machen sich sofort daran, Charmion zu untersuchen.
Chrwerjat wirft mir einen Blick zu, den ich nicht vergessen werde. Kritik und Abneigung und Verachtung und SchuldZuweisung in einem. Es könnte einem fast die eigenen Schmerzen vergessen machen. Aber nur fast.
Während die drei sich mit Charmion beschäftigen, stelle ich fest, daß mir außer einigen subkutanen BlutErgüssen nichts passiert ist. Keine Sehne gerissen, kein Muskel wesentlich gequetscht, kein Gelenk disloziert, kein KnochenBruch, alle inneren Organe heil und keine Schäden an irgendwelchen SinnesOrganen. Eigentlich war bei einem Sturz über wenige Meter, der von einem anderen Menschen abgefangen wurde, auch nichts Schlimmeres zu erwarten, und ich kann mich unter diesen Umständen eigentlich glücklich schätzen.
Was mit Charmion ist, weiß ich nicht. Chrwerjat ist mit ihrer Untersuchung fertig. Sie dreht sich zu mir um.
"Es fehlt ihr nichts," sagt sie mit neutraler Stimme, "aber ich glaube, daß sie nah dran war. Nahe dran, abzustürzen. Das hat sie noch nicht erlebt."
Ich rutsche auf den Knien näher und beuge mich über Charmion, sehe ihr in die Augen. Sie liegt bewegungslos und sieht mich an. Was soll ich sagen? 'Also habt ihr doch auch Angst vor dem Tod!'? Nein. Sowas sagt man nicht seinem LebensRetter. Was sagt man denn dann, passenderweise? Ich denke schon an ein semi-heldenhaftes 'das nächste Mal laß mich bitte fallen!' Das geht aber auch nicht. Das würde ihre Bemühung um mein Leben entwerten. 'Könntest du mir das nicht vorher mitteilen?' wäre ihr logisch berechtigter Einwand.
"Wir rasten hier!" entscheide ich. Es liegt nahe, das zu tun, und niemand widerspricht. Ich nehme meinen Beutel, suche nach einem der Tücher, in dem die halben BrotFladen eingewickelt sind, und nach meinem TrinkwasserGefäß. Dann fange ich an, Charmions Gesicht von Schweiß und Dreck zu säubern, danach ihren Körper. Daß ich mich so fühle als habe ich mich mit einer Lokomotive geprügelt versuche ich zu ignorieren.
Während ich mich so um Charmion bemühe, sieht sie mich unverwandt an, ohne etwas zu sagen. Was mag hinter dieser Stirn jetzt vorgehen?
Ich ziehe sie völlig aus, um überall hinzukommen. Die anderen Frauen verfolgen, was ich tue, aber sie greifen nicht mehr ein. Als ich mit meinen SäuberungsArbeiten an ihren Beinen angekommen bin, sehe ich die DruckStellen, die die EisenBügel ihr beigebracht haben.
Ich hatte gedacht, daß sie die EisenBügel in ihren KnieKehlen hatte. Aber die DruckStellen sind viel tiefer, und tiefblau. Der Sturz muß passiert sein, als sie gerade dabei war, ihre Beine umzupositionieren. Der HebelArm war extrem ungünstig. Daß sie das geschafft hat, das Gewicht von zwei Menschen auf diese Weise zu halten!
Als ich wieder ihr Gesicht ansehe, ist sie eingeschlafen. Ungewöhnlich, so früh. Die SchlafPeriode sollte heute erst etwa um 11 Uhr beginnen.
"Gut. Schlafen wir jetzt. Oder könnte uns hier jemand stören?"
Keine der anderen Frauen hat EinWände, und so verteilen wir uns, so gut es geht, in dem engen Stollen. Ich lege mich neben Charmion. Irene möge mir verzeihen. Wie sieht es aus, mit den 'Rechten' auf persönliche Nähe, zwischen einer LebensRetterin und einer EheFrau? Ich weiß es nicht. Ich will jetzt auch nicht darüber nachdenken. Nur schlafen und nicht von endlosen Stürzen träumen.
21.11 Tod und Zufall
Der Schlaf will jedoch nicht kommen. Ich bin zu aufgewühlt, und Charmion ist es auch. Kaum, daß sie einige Minuten mit geschlossenen Augen dagelegen hat, wird ihr Schlaf unruhig, und sie beginnt, sich hin und herzuwerfen. Ich weiß zwar nicht, wie sie normalerweise zu schlafen pflegt, weil ich bis jetzt ja kaum Gelegenheit hatte, sie dabei zu beobachten. Aber ich stelle mir vor, daß sie normalerweise so ruhig schläft wie sie sich im Wachen gibt.
Es ist so, daß sie soeben in eine vielleicht für sie völlig neue Situation geraten ist. Die Situation, dem Tod durch bloßen Zufall entgangen zu sein, und der Situation, daß sie die für sie gefährliche Situation selbst heraufbeschworen hat, indem sie, fast reflexartig, mir geholfen hat, obwohl sie dazu durch nichts gezwungen wurde.
Für sie ist bei dieser Excursion keine wirkliche Gefahr zu erwarten gewesen. Mit ihren Reflexen, mit ihrer Sicherheit der Bewegung in ausgesetztem Terrain, mit ihrer Ausdauer und ihrer Vertrautheit mit der Umwelt dieser WeltHöhle ist diese Excursion für sie ein besserer SpazierGang. Und in der Tradition ist sie schon aufgewachsen: Immer war sie bei den WettKämpfen ihrer Jugend die beste, bis zum heutigen Tage, nie ist ihr etwas mißlungen, was man mit körperlicher Kraft und Gewandtheit erreichen kann.
Auch ob ich die Excursion überlebe oder nicht ändert ihre Stellung und LebensErwartung in dieser Welt wenig, ja genaugenommen wäre es für sie ja eine Genugtuung, wenn sie von dieser Excursion zurückkehren und erzählen kann, daß der Fremde verunglückt ist, weil er sich nicht einmal richtig hat festhalten können. Implizit ist das auch eine gelungene Kritik an Cherkrochj, die mich mit der Leitung dieser Excursion beauftragt hat, und nicht sie.
Und dann greift sie einmal daneben und muß erkennen, daß es für sie ein bloßer Zufall gewesen ist, daß sie gerade noch davon gekommen ist.
Gewiß, auch für sie lauert der Tod überall. Jederzeit kann ein Teil der WeltHöhle einbrechen. Jederzeit kann sie in eine Konfrontation mit unbezwingbarer ÜberMacht auf der anderen Seite geraten. Jederzeit kann sie in einen Kampf mit einem der wilden UrweltUngeheuer verwickelt werden, ohne vorher die Möglichkeit zu haben, sich den KampfPlatz sorgfältig aussuchen zu können. Diesen negativen RandBedingungen des Schicksals, wenn dasselbe denn solche für einen bereithält, kann man nicht entweichen. Aber aus einer für sie völlig sicheren Situation heraus, aus eigener Veranlassung und ohne einen Grund, den sie bei klarer Überlegung als ausreichend betrachten würde, sich in LebensGefahr zu bringen, das muß für sie so sein wie für unsereinen, mit geschlossenen Augen bei Rot über eine StraßenKreuzung zu rennen, um auf der anderen StraßenSeite ein unwichtiges Plakat zu lesen.
Vielleicht ist sie jetzt erst erwachsen geworden. Ein Stück wenigstens. Das wird man eben, wenn man etwas Überaschendes über sich selber lernt. Ihre Jugend war bis jetzt zu leicht. Sie war immer Sieger, immer auf ihrer Kräfte vetrauend, nie auf einen Zufall hoffend. Jetzt lebt sie noch von Gnaden eines Zufalls. Eine sekundenlange Unüberlegtheit, und plötzlich hat man von sich selbst ein ganz anderes Bild.
Ich selbst sollte die Situation kennen. Sind wir nicht hier, weil wir irgendwann auf unserem Abstieg in diese Welt einmal nicht genau genug überlegt und den Moment verpaßt haben, wo wir noch zurückkonnten? Ich denke an die steile Stufe vor dem allerersten KletterSteig, wo wir gleich danach feststellen mußten, daß wir nicht mehr umkehren konnten. Danach war für uns nur noch der Weg nach unten offen, aufgrund dieser einen Unüberlegtheit, sich etwas zu weit vorzuwagen. Das ist zweifellos eine richtige Aussage, auch wenn die prinzipielle Möglichkeit besteht, daß das Wetter auf dem HöllentalPlatt so schlecht geworden wäre, so daß wir nicht die geringste Chance hatten, den Berg lebend wieder zu verlassen. Dann war natürlich die Entscheidung, in die Höhle einzusteigen, im Nachherein richtig gewesen. Dann hat es aber auch vorher irgendwann einen ZeitPunkt gegeben, an dem wir spätestens unbedingt hätten umkehren müssen. Vielleicht, damit kann ich mich etwas trösten, war zu diesem ZeitPunkt nicht der geringste Hinweis auf das kommende Unheil zu sehen. Die Gelegenheit zur Unüberlegtheit fand nicht statt, das DurchSchreiten des 'Tors ohne WiederKehr' war ein unbemerkter Vorgang. Wie oft im Leben mag man solche Tore durchschreiten, ohne es zu merken.
Charmions Gesicht ist von Schweiß bedeckt. Es hat immer noch keine Linien, keine Falten, die einem menschlichen Gesicht Charakter und Geschichte geben. Mit zweiundzwanzig Jahren nimmt die Haut diese Spuren noch sehr unwillig an. Sie werden aber kommen - Chrwerjat kann mit ganz ordentlichen KrähenFüßen aufwarten, Cherkrochj hat ein Gesicht wie aus Leder, und die Alte mit dem unaussprechlichen Namen, die wir da unten auf dem Schiff des Forts umbringen mußten, sah ja nun wirklich aus wie ein SchrumpfKopf in OriginalGröße.
Wenigstens ein sympathischer Zug in dieser Welt: Niemand versteckt seine Falten. Niemand versteckt das äußere Bild seines Ichs. Ich habe über den Kosmetik-Firlefanz, den die Frauen in unserer Welt treiben, hier noch nichts erzählt, und Irene wohl auch nicht. Ich denke, ich würde damit auch Überraschung und Unglauben auslösen. Wie kann man nur meinen, etwas von der eigenen Person durch Bemalen verstecken oder verändern zu wollen! Und doch ist das genau einer der beherrschenden CharakterZüge in unserer Welt: Vor dem eigenen Ich eine Fassade aufzubauen. Mit Kosmetik, mit Titeln, mit PseudoWissenschaft, mit unechtem Gehabe.
Ich wische Charmions Gesicht trocken. Dabei wacht sie auf, unvermittelt, von einem Moment zum anderen. Sie sieht mich an. Sie scheint vollkommen klar zu sein, nicht der paar Sekunden zu bedürfen, die unsereiner braucht, um sich nach dem AufWachen wieder in der Welt zurechtzufinden.
"Du schläfst unruhig." sage ich leise, um die anderen nicht zu wecken.
Sie sagt nichts. Sie kann die Fragen noch nicht ausdenken geschweige denn formulieren, die sie stellen wollte, an mich oder an irgend eine Instanz, die zur Antwort authorisiert ist.
"Du glaubst, du hast etwas falsch gemacht." stelle ich fest.
"Was weißt denn du!" erwidert sie, mit starrem Blick.
"Du glaubst es." wiederhole ich.
Der Wind fängt sich in der StollenÖffnung nach draußen, die nur wenige Meter von uns entfernt ist, wie immer ein warmer, schwüler Wind, der wenig Erfrischung bringt. Durch das helle Loch sehe ich in der Ferne einige Säulen die WolkenSchichten verbinden. Sogar die Schicht der leuchtenden Wolken ist wogenartig gewellt.
"Ich habe nichts falsch gemacht." sagt sie langsam.
"Du wärst besser dran, wenn wir nicht hier wären, wir aus der AußenWelt." vermute ich.
"Du verstehst nichts." sagt sie und schweigt dann wieder.
Die blauen DruckStellen an ihren UnterSchenkeln werden noch eine Zeit bleiben, denke ich mir. Da sie sich immer noch nichts angezogen hat, kann ich weiter begutachten, ob und wo noch mehr Verletzungen sind.
Aber da sind keine. Auch liegt sie nicht in einer irgendwie verkrampften Haltung da, die auf gerissene Sehnen, beschädigtes BindeGewebe, gequetschte innere Organe und gesplitterte Knochen schließen lassen. Körperliche Schmerzen sind es jedenfalls nicht, die ihr im Moment zu schaffen machen.
'Du verstehst nichts.' hat sie gesagt. Meint sie, erraten zu können, was ich glaube, über ihre Gedanken verstanden zu haben? Das alte Spiel über allzuviele Indirektionen: Ich denke, was du denkst, daß ich es denke, oder noch besser, ich denke, was du denkst, daß ich es denke, was du denkst. Und so weiter. Um so viele Ecken herum irrt man sich leicht. Weder die deutsche Sprache noch die Xonchen-Sprache noch unser Denken überhaupt sind für die Verfolgung solcher WinkelSchlüsse geeignet.
"Habt ihr vielleicht doch Angst vor dem Tod?" frage ich, und schon tut es mir leid, so direkt diese plumpe Frage zu stellen.
"Wenn er zu früh kommt, ja." sagt sie. Sie liegt da wie ein MehlSack. Manchmal denke ich mir, daß es unmöglich wird, unsere Erlebnisse zu verfilmen. Eine aufregend schöne Frau, die nackt ist, liegt nicht da wie ein MehlSack. Aber in dieser Welt tun sie es. In dieser Welt gibt es keine Erotik.
"Aber er wäre nicht zu früh gekommen." fährt sie fort.
"Finde ich doch. Ich will noch nicht sterben." bremse ich.
"Ich rede von mir."
"Und warum wäre er nicht zu früh gekommen?"
"Er wäre nicht umsonst gekommen."
"Das verstehe ich nicht." stelle ich fest.
"Das habe ich schon gesagt."
Sie schweigt. Sieht immer noch nicht aus, als ob sie mir erklären wollte, was ich nicht verstehe.
Sie dreht sich auf die Seite, den Rücken zu mir.
"Ich will schlafen." sagt sie, "deck mich zu!"
Ich greife nach ihren Klamotten, schon überlegend, wie man mit sowenig jemanden 'zudecken' soll, als sie das über ihre Schuler hinweg sieht:
"Nein, das nicht. Du. Komm her!"
Als ich nicht gleich reagiere, flüstert sie fast:
"Halt mich fest!"
Mir kommt ein schrecklicher Verdacht. Als ich, wie geheißen, mich an ihren Rücken lege, sie umarmend und die Wärme meiner körperlichen Berührung gewährend, die in dieser Welt wirklich niemand braucht, begreife ich. Ich begreife, daß ich jetzt erst in Gefahr laufe, die Irene wirklich zu betrügen.
Diese Welt ist ohne Erotik, das ja. Überall wird allgegenwärtig gefummelt, gerammelt, sich befriedigt, sich gegenseitig mißbraucht. Deshalb habe ich geschlossen, daß die sogenannten 'romantischen Gefühle' hier nicht bekannt sind.
Aber das ist nicht richtig. Weiß ich es nicht aus meiner früheren Jugend? VerliebtSein ist zwar mit Sexualität korreliert und deutlich durch sie gesteuert. Aber das ist es nicht nur. Wenn man es zum ersten Male erlebt, und das tut man eigentlich nur einmal, dann wird die ganze Welt eingefärbt. Eine Welle von Bedeutungen fließt durch alle Dinge, und alle Dinge stehen in neuen Relationen. Später können Worte nicht einmal einen müden Abklatsch davon erwecken, und es gibt auch keine Gelegenheit zur Wiederholung.
Die Welt schwingt in einer anderen Bedeutung, und es gibt einen AusgangsPunkt und einen Fokus dieser neuen Sicht, um den oder um die sich alles dreht. Ein 'du', dem man sich meistens noch nicht einmal zu nähern wagt. Sexualität liegt da noch ganz ferne. Wie ferne muß sie in dieser Welt erst liegen, in der gleichen Situation? Doch daraus zu schließen, daß es die Situation des VerliebtSeins nicht gibt, das ist wohl falsch.
Charmion, denke ich, bloß nicht! Wie kann ich das stoppen? Ich bin verheiratet. Ich liebe dich nicht. Du hast mich zweimal vergewaltigt. Du bist zwanzig Jahre jünger als ich, eher mehr. Du bist stärker. Du kennst nur diese Welt, und ich nur unsere. Du bist eine MenschenFresserin.
Was wir gemeinsam haben ist wenig. Den aufrechten Gang vielleicht. Was noch? Gibt es denn in eurer Welt keine jungen, ansehnlichen Männer, oder wenn es denn sein muß, so wie die Männer hier behandelt werden, eine andere attraktive Frau? Bist du in einen bei euch sehr unüblichen Zustand geraten? Ist Verliebtheit ein Atavismus bei euch? Und warum dann gerade ich?
Ich denke das nur, ich sage es nicht. Ich liege unbequem, denn der FelsBoden ist hart und uneben, Charmions KörperTemperatur ist hoch, und für mich ist es in dieser Welt sowieso immer zu heiß. Eigentlich bräuchte ich meine ganze KörperOberfläche, um Schweiß zu verdampfen. Statt dessen muß ich Charmion 'nahe sein'. Wie soll ich Irene das erklären?
Naja, vielleicht ist es ja ganz nützlich. Schließlich wollen wir wieder nach Hause. Vielleicht kann Charmion da etwas für uns tun.
Sie schläft jetzt ruhiger, aber ich nicht. Langsam löse ich mich wieder von ihr. Wie man das macht, ohne daß der Partner aufwacht, lernt man ja in vielen EheJahren.
Als ich mich umdrehe, sehe ich, daß Chrwerjat aufgewacht ist. Sie lehnt, halb aufgerichtet, mit dem Rücken an der StollenWand und gräbt sich mit den Fingern rhythmisch zwischen die Beine. Hat sie uns beobachtet und ist dabei so erregt geworden, daß sie sich befriedigen muß? Schön, mal wieder unromatische und handfeste HandArbeit zu sehen zu bekommen!
Sie läßt sich nicht dadurch stören, daß ich ihr dabei zusehe.
"Macht Spaß, ja?!" frage ich in Xonchen, während ich mich zum Schlafen zwischen den FelsHöckern umpositioniere.
"Ja." sagt sie ungerührt. Und macht weiter.
Ich schlafe ein, bevor sie fertig ist.
21.12 Das unsichtbare Tor
Es ist 20 Uhr, als ich von Bewegungen in dem StollenEingang geweckt werde. Das entspräche der normalen WeckZeit. Also haben wir ordentlich lange geschlafen. Geistig erfrischt, aber mit einigen neuen DruckStellen, zusätzlich zu den gestern am HufEisen erworbenen, setze ich mich auf.
Schweigend erledigen wir die MorgenToilette. EssensReste und Scheiße fliegt mit einigen Tritten aus dem StollenEingang ins Freie. Dann ziehen wir uns vollständig an, gürten unsere Schwerter und unsere TrageBeutel um und brechen auf.
Charmion ist wieder ganz die alte. Arrogant und bissig. Als ich so sehe, wie sie die Klinge ihres Schwertes kost, während sie es in die Scheide gleiten läßt, würde ich ihr jede Fähigkeit zum Empfinden irgendwelcher romantischen Gefühle absprechen. Wahrscheinlich habe ich mich gestern mit meinen sowieso unkonkreten Vermutungen verrannt.
Den Stollen müssen wir wieder ohne Licht entlanggehen. Als wir losmarschieren, erklärt Charmion, was uns erwartet.
Zunächst macht der Stollen, etwa hundert Meter weit im Berg drinnen, eine RechtsBiegung. Danach ist der letzte Rest des TagesLichtes verschwunden, aber da der Stollen immer einen konstanten QuerSchnitt hat, können wir uns gut orientieren, indem wir wie schon früher die Finger über die FelsWände gleiten lassen. Charmion sagt, das bleibt auch den größten Teil des Weges so.
Trotzdem sind wir bereits, so sagt sie, in den ersten AbsperrEinrichtungen. Die Decke dieses Stollens besteht streckenweise in Wirklichkeit aus FelsQuadern, Dutzende bis Hunderte von Tonnen schwer, die gerade eben durch Verkeilungen gehalten werden. Wie man diese auslöst ist bekannt, wenn auch nicht ihr persönlich, aber es ist noch nie geschehen, weil dann der Stollen für immer unbrauchbar wird, und man müßte den Aufwand treiben, entweder einen neuen Stollen zu bauen oder draußen, an der FelsWand, eine weitere SteigAnlage, etwa ein Segment einer Hängenden Straße.
Natürlich, sagt Charmion, sind diese FelsBlockierungen von woanders so geschickt auslösbar, daß lange StollenAbschnitte beidseitig für immer abgesperrt werden können und auf diese Weise fliehende Gefangene im gewachsenen Fels eingesperrt werden können. Diesen Spaß, sagt Charmion, kann man sich nur einmal gönnen.
Das sind genau die Worte, die sie braucht: 'diesen Spaß'. Spaß heißt bei den GranitBeißern offenbar immer, daß jemand zu Schaden kommt.
Dann kommen wir an massive Tore, die im Fels verankert sind. Alle stehen offen. Sonst bräuchten wir Licht, um sie zu öffnen. Es handelt sich um Holz und sogar um EisenTore, die nur aus unserer Richtung kommend geöffnet werden können.
Das einzige, was wir von den Toren mitkriegen, sind Stellen, an denen unsere Hände nicht bis zur FelsWand reichen, und ein paar Mal stoßen wir gegen Balken und EisenTeile - Angeln oder Stützen oder dergleichen. Dann durchzuckt mich immer ein Schreck, weil ich daran denke, daß wir irgendeine Falle auslösen könnten. Aber nichts passiert - das Tor ist und bleibt im wesentlichen unsichtbar und es tut uns nichts.
Danach ist der Stollen wieder normal. Nach ein paar hundert Metern hallt das Echo unserer Schritte von weit oben zurück, als ob sich eine große Öffnung über unseren Köpfen befände. Ich frage Charmion, aber sie weiß nichts darüber.
Dann ist endlich ein grauer Schimmer voraus, und der Gang macht eine RechtsBiegung. Innerhalb einer weiteren Minute stehe wir wieder an einer StollenÖffnung. Der Ausblick gleicht immer noch dem schon bekannten Ausblick auf die SchärenInsel, die man durch gelegentliche WolkenLücken sieht, und auf die nahen und fernen treibenden Wolken. Wir sind auch immer noch in einer Höhe von etwa 2300 Meter über dem MeeresSpiegel und wahrscheinlich haben wir schon einen deutlichen Teil des Umfanges des PilzBerges in dieser Höhe zurückgelegt.
Die untere Kante des StollenLoches ist wesentlich dichter vor unseren Füßen als die seitlichen oder gar die obere Kante, Zeichen der starken ÜberhangNeigung des Berges. Es müßten 45 WinkelGrade sein. So ungefähr.
"Ist dieser Steig dir recht, Cherwig?" fragt Charmion. Da ist wieder der alte UnterTon des Spottes in ihrer Stimme, und sie bemüht sich nicht einmal, meinen Namen richtig auszusprechen.
Der Steig, auf den sie deutet, ist so abenteuerlich wie all die anderen. Er besteht wieder aus MetallBügeln, die aber wesentlich weiter sind als die Bügel der KletterSteige, die ich bis jetzt gesehen habe. Es handelt sich etwa um Quadrate von 60 ZentiMetern KantenLänge, die aus dem gebogenen Eisen mit dem quadratischen QuerSchnitt von etwa 3 ZentiMetern bestehen. Die Bügel haben den üblichen Abstand von 30 ZentiMeter voneinander.
"Hier kann man innerhalb der Bügel klettern." erklärt Charmion.
"Bleibt das auch so?" frage ich.
"Ja."
Der erste Bügel ist direkt über der unteren Kante des StollenLoches, vielleicht einige ZentiMeter dahinter, dann geht es Bügel für Bügel über die Tiefe hinaus. Nach einigen wenigen Bügeln verschwindet der Steig aus unserem BlickFeld, indem er sich um die obere Kante des StollenLoches windet.
"Muß ich dich wieder tragen?" fragt Charmion.
"Nein," entgegne ich, vielleicht etwas zu heftig, "ich habe mich an die Höhe schon etwas gewöhnt!"
"Ach ja? Hast du das?" Etwas in ihrer Stimme warnt mich. Aber es ist schon zu spät.
21.13 Charmions Launen
Charmion greift mich an den Schultern. Ehe ich es mich versehe, sitze ich knapp auf dem unteren Rand des StollenLoches, mit dem Rücken nach draußen. Charmion zwingt meine Beine lang auf den Boden, in Richtung auf das StollenInnere. Ich muß mich mit den Händen auf der StollenKante, wo der Boden des Stollens abbricht, abstützen. Ich spüre die AbwärtsRundung der StollenKante im Hintern, und mein GleichGewicht ist sehr marginal. Keinesfalls darf ich mich weiter nach hinten hinaus lehnen.
Charmion steht über mir, Füße auch auf der StollenKante. Mit den Händen stützt sie sich am ersten Bügel der SteigAnlage ab. Um meine Hilflosigkeit perfekt zu machen, steigt sie mir mit ihren Füßen auf die Hände. Mit ihren bloßen Füßen richtet sie damit zwar keine Verletzungen an, aber meine Hände sind eingeklemmt, und zwar so, daß ich mit den Händen keinerlei Halt gegen das Drehmoment nach hinten habe. Wenn ich nach hinten kippe, dann komme ich aus dem GleichGewicht, ohne daß ich das mindeste dagegen tun kann. Meine Beine würden zwar, wenn ich sie im Knie nicht abwinkele, gegen ihren Hintern schlagen, dann hätte ich aber schon so eine SchrägLage nach hinten unten, daß ich abrutschen würde. Jedenfalls, wenn sie dann von meinen Händen heruntersteigt.
Weiter nach vorne kann ich mit dem OberKörper aber auch nicht, denn da ist Charmions Hüfte meinem Kopfe im Wege.
Mit einem flinken Griff entledigt sie sich einhändig ihres Rockes und ihres Schwertes. Beides fliegt nach hinten.
"Nun komm schon," sagt sie, "leck mich sauber. Ich brauche das." Und ihre Hüfte bewegt sich nach vorne. Um nicht das GleichGewicht zu verlieren, muß ich mein Gesicht in das dunkle Gebüsch ihrer SchamHaare versenken. Lippen berühren Lippen.
"Muß das sein?" frage ich, so gut es eben geht.
"Gestern habe ich etwas für dich getan," stellt sie fest, "nun tust du etwas für mich. Das kannst du doch, oder? Wenigstens das kannst du doch?"
Ich habe wenig WahlMöglichkeiten, das, was ich jetzt kann und was nicht, zu erläutern, und Charmion macht mir das in den nächsten Minuten genauestens klar. Die drei anderen Frauen stehen nur wenige Meter entfernt, und ich bin nicht einmal in der Lage, festzustellen, ob sie interessiert zuschauen oder gelangweilt von einem Fuß auf den anderen treten.
Nach einigen Minuten, als Charmion naß und erregt ist, reißt sie mich einige Meter mit sich in den Stollen hinein. Damit haben wir eine köstliche Entfernung zwischen uns und diesen Abgrund gebracht. Dafür bin ich ihr fast dankbar. Sie schmeißt mich jedoch einfach mit dem Rücken auf den Boden und setzt sich auf mich drauf. Dann müht sie sich ab, bei mir das zustande zu bringen, was das BewußtSein der Tiefe hinter meinem Rücken bis jetzt verhindert hat.
Endlich wächst ihr ihr SpielZeug entgegen und sie stopft es in sich hinein.
"Die einzige Gefahr ist, daß vielleicht einige Bügel lose sind und rausrutschen könnten!" erklärt sie, während sie auf- und niedergleitet. Dabei paßt sie sehr genau auf, daß ihr nichts rausrutscht. Ihre Brüste schwabbeln filmreif auf und ab.
"Warum bewegst du dich so wenig?" herrscht sie mich an.
"Du bewegst dich doch!" entgegne ich trotzig. Das erscheint mir eine ausreichende Erklärung. Der Grad der Trotzigkeit, den ich mir erlaube, ist aber nicht sehr groß, da ich nicht schon wieder an die StollenKante will.
"Ach was." Sie kommt richtig in Fahrt, "Wir müssen schnell machen. Wir müssen weiter. Mach endlich!"
Ich mache aber nicht. Das Bild von den rausrutschenden EisenBügeln steht zu deutlich vor meinem inneren Auge.
Charmion hopst noch ein paarmal auf- und ab, dann steht sie urplötzlich auf.
"Ich mag nicht mehr," sagt sie, und zu Chrwerjat, auf mich deutend: "Mach weiter!"
Das klang wie ein Befehl, und das war auch ein Befehl. Chrwerjat kommt rüber, zieht im Gehen Rock und Schwert aus und setzt sich ohne Umstände auf mich drauf. Sie ist noch trocken, aber ich bin es nicht - Charmions Sekrete ermöglichen ein rasches EinDringen.
Charmion setzt sich und lehnt sich gegen die StollenWand. Sie sieht gar nicht her.
"Er läßt los und läßt sich fallen. Was seid ihr für Leute! Und spielen kann er auch nicht. Schlafft ab. Einfach so."
Chrwerjat, die so überraschend zu unerwarteten sexuellen Freuden gekommen ist, nutzt die Gelegenheit. Sie ist weniger wild als Charmion. Eher die stille Genießerin. Sie zieht mich rein und schiebt mich raus, wohl wissend, daß Charmion von einer Sekunde zur anderen den Abmarsch befehlen könnte. - Was ich befehlen könnte zählt ja nicht.
"Ihr seid jedenfalls nicht die Nachfahren der Menschen aus den Toten Städten." stellt Charmion fest. Das hatte ich sowieso noch nie angenommen, aber ich will Charmion nicht bei ihren historischen Erwägungen stören.
"Die konnten steigen. Wahrlich, das konnten sie. Die waren aus einem anderen Holz geschnitzt. Ob du jemals die schwebenden Städte von Ganch betreten kannst?"
Diesen OrtsNamen habe ich noch nie gehört. Chrwerjat vielleicht auch nicht, aber ich kann sie nicht fragen, weil sie im Moment so mit sich selbst beschäftigt ist. Oder mit mir, wie man es eben sehen will.
"Wir können es ausprobieren!" schlage ich vor.
"Nee." wehrt Charmion ab, sagt aber nicht, warum. Ein Schauer läuft durch den drahtigen Körper von Chrwerjat, dann noch einer.
"Seid ihr bald fertig?" fragt Charmion.
"Sind wir bald fertig?" frage ich Chrwerjat. Sie knautscht sich inzwischen selbst ihre knabenhaften Brüste, vielleicht, weil ich keine Anstalten mache, das zu tun. Antworten tut sie nicht.
"Sie denkt darüber nach." sage ich zu Charmion. Ich habe das Gefühl, daß sie meine FestStellung ernst genommen hat. Sie wartet.
Ich auch. Chrwerjat bekommt die Zeit, die sie haben will.
Es geht eine ziemlich lange Zeit, aber schließlich geht es bei mir nicht mehr. Zuviel davon in letzter Zeit. Chrwerjat sieht das irgendwann ein und steigt mit einer Miene des Bedauerns von mir herunter.
"Tut mir leid, sie hat mich leer gemacht!" sage ich ihr und zeige auf Charmion. Chrwerjat zuckt mit den Schultern. Es ist unwichtig. Hier sind solche Dinge unwichtig. Was heute nicht funktioniert, funktioniert morgen. Oder es wird weggeworfen. So ist das.
Ohne weitere Diskussionen ziehen wir uns vollständig an, nehmen unsere Sachen und machen uns wieder abmarschbereit.
Dabei sehe ich auf meiner ArmbandUhr, daß gerade MitterNacht vorbei ist.
******** 022. Tag: Samstag 1995-09-09 ********
22.1 Chrwerjat
Der erste Schritt, bis man im ersten Bügel kauert, ist schwierig, aber dann geht es. Eigentlich geht es sogar gut - es ist wie üblich nur eine NervenSache, die prinzipielle Möglichkeit, zwischen den Bügeln hindurchzurutschen, zu ignorieren.
Das Schwert schlägt dauernd irgendwo an - das ist lästig. Aber wir sind ja nicht gezwungen, uns leise fortzubewegen. Der Wind ist immer noch frisch und die Bewölkung unter uns so dicht, daß wir nur zeitweise einen Blick auf die SchärenInseln erhaschen können.
Charmion geht wieder als erste, dann ich, dann Chrwerjat, dann die anderen beiden. Beim EinStieg hatte ich den Eindruck, das Chrwerjat einen inneren Frieden ausstrahlte, aber ich kann mich auch irren. Herwig, sage ich mir, bilde dir nicht allzuviel ein!
Von dem StollenLoch sehen wir rasch nichts mehr, und nun verliere ich fast meine Courage, als rundherum nur noch die weite FelsWand oder FelsDecke zu sehen ist und unter uns ein dichtes WolkenMeer. Auch wenn der letzte KletterSteig am HufEisen das schlimmste war, was ich bis jetzt gesehen habe, darf man sich nicht verleiten lassen, sich zu sicher zu fühlen. Und da ist immer noch die Möglichkeit, daß einige dieser gut begehbaren Bügel nicht mehr fest sind - wenn Charmion keinen Scherz gemacht hat. Ist sie zu so subtilen Scherzen in der Lage? Ich denke darüber nach, aber ich finde keine definitive Antwort. Bei ihr kann ich mir vorstellen, daß sie eher aus Spaß einen Bügel absichtlich lockert, um jemanden anderes in Schwierigkeiten zu bringen.
Wie lange werden wir gehen müssen? Ich versuche, es zu überschlagen: Die hängende RingStraße soll 3000 Meter über dem Meer liegen, wir haben etwa bei 2300 Meter angefangen - das war die Höhe des letzten StollenLoches. Macht 700 Meter HöhenUnterschied. Bei einer ÜberhangNeigung von ungefähr 45 Grad bedeutet das eine Länge des KletterSteiges von 1000 Metern, und bei einem Abstand von 30 ZentiMetern sind das etwa 3300 EisenBügel. Immer wieder das gleiche Problem, ärgere ich mich: Man hätte schon beim ersten Bügel daran denken müssen, mitzuzählen.
So, ohne Orientierung, könnte man auf die Idee kommen, daß dieser KletterSteig von Unendlichkeit zu Unendlichkeit führt. Das ist natürlich BlödSinn, weil wir ja erst vor kurzem das StollenLoch verlassen haben.
Ein kurzer, metallender Klang hinter mir schreckt mich aus meinen Gedanken auf. Dann sehe ich Chrwerjat, die sich plötzlich unter mir in mein Blickfeld schiebt und sich immer rascher entfernt. Sie schreit nicht. Ein paarmal überschlägt sie sich. Ich habe den Eindruck, daß sie dazwischen immer noch zu uns zurücksieht. Aber gegen das SichÜberschlagen kann sie nichts machen, weil sie mitten in der Luft ihren DrehImpuls nicht abbauen kann. Es dauert Sekunden, bis ich vollständig begriffen habe, daß sie abgestürzt ist.
"Großer Gott." sage ich. Was soll ich sonst sagen? Sie ist tatsächlich abgestürzt. Einfach so. Und sie hat nicht einmal geschrien. Um uns nicht zu irritieren?
Immer kleiner wird die Figur unter uns. Wir folgen ihr mit unseren Blicken - das ist alles, was sie als sogenanntes 'letztes Geleit' je kriegen wird. Dann taucht sie in die Wolken ein und ist verschwunden.
Ich drehe mich um: "Was ist denn passiert?"
Chechmirch und Chmerm haben der fallenden Chrwerjat auch bewegungslos zugesehen. Chechmirch war direkt hinter ihr.
"Ich weiß nicht," sagt sie, "Sie hat losgelassen. Ganz plötzlich. Durchgerutscht. - Dieser Bügel ist jedenfalls fest, und der da auch."
Keine Vermutung, keine Spekulationen, keine Wertung, nicht die Spur einer Bestürzung.
Ich sehe nach vorne. Auch auf Charmions Gesicht dieselbe gleichgültige Ratlosigkeit.
Der Wind weht um uns herum. Er ist nicht stark. Er hätte den Schrei dieser Frau nicht verweht. Nicht aus wenigen Metern Abstand. Wir hätten ihn gehört. Also hat sie tatsächlich nicht geschrien. Und diesem Wind ist es so verdammt egal, ob jemand schreit oder nicht.
Nun muß Chrwerjat unten auf dem Wasser oder auf einer der FelsenInseln aufgeschlagen sein. Zerschmettert im AugenBlick.
Arme Chrwerjat. Gibt es jemanden, der viel über dich weiß? Jemanden, der über dich weinen würde? Du warst eine gute SprachLehrerein, da unten, auf dem SaurierFangschiff. Besser als viele, die sich bei uns oben mit einem Diplom schmücken. Talent und Begabung. Wie sonst hätten wir in so ungewöhnlich kurzer Zeit einen brauchbaren EinStieg in diese schwierige Sprache finden können? Was wärst du in unserer Welt geworden?
Und hier, auf unserer Excursion, hast du immer im beherrschenden Schatten von Charmion gestanden. Ich habe ja nichts über dich gewußt. Jetzt werde ich auch nichts mehr über dich erfahren. War das dein Wille? Und was hat diese zwangsweise - Begegnung - zwischen uns vor kurzer Zeit bedeutet? Hast du daran gedacht, als du eben fehlgegriffen hast? Aber warum nur? Gibt es da einen Zusammenhang? Es ist doch nicht so wichtig, in eurer Welt? Oder stimmt das nicht? Ist das immer nur die Behauptung der Charmions und der Cherkrochjs und all der starken Frauen? Weil die Schwachen sich nicht zu Wort melden und nicht widersprechen? - Was weiß ich schon über euch? Vielleicht hat Charmion recht, wenn sie sagt, daß ich überhaupt nichts begriffen habe. In dieser Welt gibt es den Löwen und das Lamm - und das Lamm ist noch unwichtiger als bei uns.
"Gehen wir weiter." sagt Charmion.
"Schon?" frage ich.
"Natürlich. Was willst du denn noch hier?"
Und so gehen wir denn weiter. Chechmirch schließt auf. Von keinem ein Wort des Bedauerns. Wir sehen Chrwerjat auch nicht mehr hinterher. Warum sollten wir auch? Da unten sind nur verwaschene, driftende WolkenFelder. Auch in einer WolkenLücke würde man nichts sehen. Im Meer nicht und auf den Inseln nicht. Es ist zu weit weg.
So, Herwig, denke ich mir, wäre es auch gewesen, wenn du es gewesen wärst, der am HufEisen oder hier abgestürzt wäre. Sie alle hätten mit gemessenem Interesse hinter mir hergeschaut, bis mein Körper in die Wolken eingetaucht wäre. Ein paar Bemerkungen - WeiterMarsch. Wie jetzt. Das wäre die Reaktion gewesen, die Charmion von sich selbst erwartet hätte. FallenLassen und sich selber festhalten.
Wieder zwinge ich mich zur Konzentration. Irene soll mich nicht durch eine Unachtsamkeit verlieren. Es muß möglich sein, auf dieser Excursion zu überleben. Habe ich doch schon länger gelebt als wenigstens ein anderes Mitglied dieser Excursion, das mit dieser Welt bestens vertraut war!
Im Laufe der Zeit sehe ich, daß wir mehr Abstand zu den Wolken unter uns gewinnen und daß die ÜberhangNeigung noch weiter zunimmt. Das macht das Klettern deutlich schwieriger, weil immer mehr KörperGewicht auf den Armen ruht und der Griff immer fester sein muß. Dieser KletterSteig ist auch kein KletterSteig zum AusRuhen wie etwa eine Hängende Straße oder ein Stollen. Man muß sich dauernd festhalten. Die RuhePause kommt erst, wenn wir oben sind.
22.2 SeilTanz
Als wir um etwa 2 Uhr an der Hängenden Straße ankommen, sehe ich schon von weitem, daß das ein Irrtum ist: Es handelt sich um eine Folge kleinerer SeilBrücken von der Art, wie wir sie auf unserem Weg in diese Welt beschritten haben: Ein TretSeil, zwei HandSeile, gelegentliche QuerSeile zum Abstand halten, Aufhängung alle dreißig bis vierzig Meter. Ich hoffe noch, daß die Folge hängender Bögen, die man schon von hundert Metern Entfernung erkennen kann, sich noch als etwas anderes herausstellen. Aber diese Hoffnung wird entäuscht.
Die Seile sind aus einem hanfähnlichen Material. Wir haben die Wahl, rechtwinklig rechts oder links abzubiegen. Charmion entscheidet sich für links, so daß wir in derselben Richtung wie bisher um den PilzBerg herumgehen. Worauf sie ihre Entscheidung gründet, sagt sie nicht. Ich nehme an, sie weiß, was sie tut.
Die Seile sind leicht. Das TretSeil ist fünf Zentimeter stark, die beiden HandSeile etwa vier ZentiMeter. Das sollte ausreichen, mehrere Menschen zu tragen, solange das SeilMaterial in einem guten Zustand ist. Das TretSeil ist so von einem weiteren SeilGeflecht umwickelt, wie wir es auch schon kennen, allerdings habe ich den Verdacht, daß dieses SeilGeflecht gegenüber dem eigentlichen TretSeil leichter verruschten kann als bei einem massiven StahlSeil. Vielleicht hat man es dann mit bloßen Füßen leichter, oder mit dem bei den GranitBeißern üblichen SchuhWerk.
Kein Vergleich mit den schweren und deutlich dickeren StahlSeilen von jener Brücke, die von dem Gewicht eines Menschen kaum Kenntnis genommen haben. Ich vermute, daß sich das TretSeil unter meinen Füßen zur Seite schieben wird. Daß Charmion die erste SeilBrücke betritt und problemlos auf ihr entlangbalanciert, darf mich nicht täuschen. Ich weiß, wie behende sie sich in der Takelage des SaurierFängers bewegt hat. Wahrscheinlich könnte sie sogar freihändig gehen, wenn sie es darauf anlegte.
Und daß unter diesen SeilBrücken nur 3000 Meter FallStrecke sind, im GegenSatz zu den mehr als 8000 Metern, die ich hinuntergefallen wäre, wenn ich mich auf jener StahlseilBrücke nicht doch noch festgehalten hätte, ist auch nur ein begrenzt wirksamer Trost. Tatsächlich dürfte es so sein, daß der Widerstand der dichten Luft hier in beiden Fällen eine etwa gleich große EndGeschwindigkeit zugelassen hätte.
Es gibt nicht einmal eine kleine PlattForm am Ende des KletterSteiges. Vom letzten Bügel läßt man sich sofort auf das TretSeil herunter. Da hier gerade eine AufHängung der Brücke ist, ist das TretSeil noch relativ stabil.
Dann folge ich Charmion, wohl spürend, daß die beiden anderen Frauen dicht hinter mir sind. Das TretSeil zittert und schwankt, und darunter sind Wolken, sonst nichts. Ich habe Schwierigkeiten mit dem Focussieren: Sind die Wolken nun nahe oder fern? Ich kann es ausrechnen, aber nicht direkt sehen.
Sogar die HandSeile winden sich in meinen Händen, und je weiter ich mich vom AufhängePunkt entferne, desto deutlicher werden die Schwankungen zur Seite. Ich habe Angst.
Charmion ist inzwischen an der nächsten Aufhängung angekommen. Sie sieht sich um. Bis jetzt ist sie vielleicht noch gar nicht auf die Idee gekommen, daß ich Schwierigkeiten haben könnte.
Die habe ich aber. Meine Reflexe werden mit dem widerspenstigen TretSeil nicht fertig. Nur wenige Meter vom letzten AufhängePunkt entfernt weicht es bedenklich weit mal zur rechten, dann wieder zur linken Seite aus, kaum, daß ich mich mit den HandSeilen im GleichGewicht halten kann. Bei Charmion senkte sich das Seil unter ihrem Fuße nur etwas ab. Wie sie das wohl macht? Naja, KunstStück, wenn man die Kletterei mit der MutterMilch eingesogen hat.
Meine Füße sind mehrfach kurz nacheinander in Gefahr, einfach abzurutschen. Dazu wird mir der unstete Wind nur zu deutlich bewußt. Ich habe die Befürchtung, daß mir in einer momentanen SchrägLage ein harmloser WindStoß den Rest geben könnte.
"Es geht nicht!" sage ich. Ich will zurück, zum AufhängePunkt der Brücke. Allerdings sind Chechmirch und Chmerm direkt hinter mir, und rückwärts kann ich ohnehin noch schlechter gehen.
Charmion sieht mir eine ganze Weile so zu, wie ich auf dem TretSeil zappele.
"Wenn du glaubst, daß ich dich trage, dann kannst du lange warten!" sagt sie in einer Mischung zwischen Ärger und Spott.
"Wie lange geht es denn so weiter?" will ich wissen. Charmion meint, daß der größere Teil des Weges so konstruiert ist. Das heißt, daß es etliche KiloMeter sein müssen.
Diese SeilBrücken sind schlimmer als die große SeilBrücke vor drei Wochen. Den Beinah-Absturz damals hätte ich mit etwas mehr Aufmerksamkeit vermeiden können. Hier kann ich so etwas auf die Dauer nicht vermeiden.
"Das Seil ist zu wackelig. Ich müßte es erst lange üben!" verteidige ich mich. Dabei habe ich das unangenehme Gefühl im Kreuz, daß eine der beiden Frauen hinter mir damit beginnen könnten, mich zu drängeln.
"Üben muß er es." Charmion schüttelt den Kopf, "Soviel Zeit haben wir nicht." Sie kommt zurück, leichtfüßig und sicher. Vielleicht noch leichtfüßiger und sicherer als sonst, bloß, um es mir zu zeigen. Und bei ihr wackelt das TretSeil überhaupt nicht. Was noch an Bewegung im TretSeil ist, kommt von mir.
Dicht vor mir bleibt sie stehen, so dicht, daß ihre nackte Brüste meine Brust und ihr Bauch meinen Bauch berühren.
"Üben muß er." wiederholt sie. "Was muß er denn wohl üben?" Dabei fängt sie an, absichtlich hin- und herzuschwanken und dabei das TretSeil mitzubewegen. Mit sichtlichem Genuß reibt sie sich an mir. Hinter mir höre ich Kichern. Unter mir spüre ich drei KiloMeter Leere. In mir spüre ich ein kaltes Kribbeln. Ein eiskaltes Kribbeln. Charmion muß sich schließlich selbst festhalten, wenn ich jetzt bei diesem blöden Spielchen runterfalle, dann kann sie mir nicht helfen. - Und das TretSeil dreht und windet sich unter meinen Füßen.
"Wir haben doch erst vor zwei Stunden da unten ..." versuche ich zu argumentieren, aber Charmion läßt nicht locker. Ihre BrustWarzen stellen sich wie harte Knorpel auf. Wie kann ihr das jetzt, in dieser Situation, soviel Spaß machen? Und wieso sieht sie nicht, daß es mir überhaupt keinen Spaß macht? Und hat sie den Absturz von Chrwerjat schon wieder vergessen?
"Wir können richtig loslegen, sowie wir wieder festen Boden unter den Füßen haben!" schlage ich vor. Wenn man TodesAngst hat, dann wird man verhandlungsbereit.
Sie hält inne. "So richtig?" fragt sie.
"So richtig." Die ganze SeilBrücke schwankt noch nach.
"Ja dann," sagt sie und dreht sich um. Leichtfüßig macht sie sich wieder auf den Weg: "Das ist ein Wort."
Damit ist das Problem, wie ich diese SeilBrücke bewältige, noch lange nicht gelöst. Charmion bemerkt das und kommt wieder zu uns zurück. Sie spricht zu den zwei Frauen hinter mir:
"Ich gehe dicht vor ihm, ihr dicht hinter ihm. Dann wackelt das Seil nicht so. Das macht unserem Cherwig Angst! Wir müssen ihn sicher weiterbringen! Er macht es uns dann 'so richtig'!"
Sprachs und dreht sich um. Unsere seltsame Karawane setzt sich wieder in Bewegung.
Es funktioniert tatsächlich. Da diese GranitBeißerinnen, das SeileSteigen gewöhnt sind, ist das zwischen ihren Füßen gespannte Seil durch ihren GleichgewichtsSinn genug stabilisiert, so daß ich es nicht mehr durch meine Ungeschicklichkeit dazu bringen kann, zur Seite auszuweichen. Dabei muß ich mich vollständig auf ihren GleichgewichtsSinn verlassen. Wenn ich mir unsere Gruppe von außen gesehen vorstelle, dann sehe ich nicht, was uns daran hindern sollte, uns auf der Mitte einer Brücke als Ganzes um die LängsAchse zu drehen und dann alle zusammen zwischen Hand- und TretSeil hindurchzufallen.
Durch unser dichtes ZusammenGehen sind die SeilBrücken lokal sehr stark belastet, so daß wir am Anfang einer Brücke steil hinunter, am Ende der Brücke wieder steil hinauf gehen müssen. Unangenehm, aber nicht unüberwindlich.
Auf jeden Fall erfordert diese Brücke viel Konzentration. Deshalb gelingt es mir, den VorFall eben weitgehend zu verdrängen. Außerdem besteht sowieso begründete Hoffnung, daß Charmion es auch vergißt, bis wir wieder festen Boden erreicht haben.
Es ist schwer, gefühlsmäßig die Senkrechte zu erfassen. Die FelsWand, an der die SeilBrücken hängen, ist etwa 45 Grad übergeneigt, so daß man links dauernd den Fels sieht, der sich immer weiter entfernt, je mehr man den Blick nach unten richtet, bis er in der WolkenSchicht tausend Meter unter uns verschwindet. Nach rechts sieht man in horizontaler Richtung viele KiloMeter weit, aber da zwischen der hohen, leuchtenden WolkenSchicht und der unteren, aufgewühlten WolkenDecke nur gelegentlich einige fernere Säulen zu sehen sind, ist da die Orientierung der Waagerechten auch nicht so genau auszumachen.
Nach einigen hundert Metern Marsch denke ich, daß es so tatsächlich noch eine ganze Weile gut gehen könnte. Allerdings hat Charmion etwas neues gefunden, um mich zu ärgern: Sie legt einfach an Tempo zu. Um das SeilStück zwischen der Frau vor mir und den beiden Frauen hinter mir kurz zu halten, muß ich einfach folgen. Das ist der TrittSicherheit aber auch nicht förderlich.
Trotzdem sage ich nichts. Ich verlasse mich darauf, daß meine Reflexe sich kurzzeitig wenigstens etwas anpassen. Immer wieder sage ich mir, daß es sich um höchstens einige KiloMeter handeln kann. Auf ebenem Boden ist das ein Klacks. Aber hier scheint der Weg endlos.
Früher habe ich mal rumtheoretisiert, daß einem solche ExtremSituationen, die nicht vorbeigehen wollen, die also die subjektive ZeitEmpfindung strecken, eigentlich das Leben subjektiv verlängern. Aus dieser Überlegung jetzt irgendeine Art von Beruhigung gewinnen zu wollen scheint mir jetzt aber weit hergeholt. Ich will raus hier, so schnell wie möglich. Dafür würde ich ohne weiteres ein ordentliches ZeitStück meines ferneren zukünftigen Lebens eintauschen.
Weil es keine Möglichkeit gibt, irgendwie eine HimmelsRichtung auszumachen - mein Kompaß ist auf dem SaurierFangschiff - weiß ich nicht, wieweit wir um den PilzBerg herumgegangen sind, als endlich etwas zu sehen ist. Es ist eine PlattForm, die unter einem der AufhängePunkte quer zu den SeilBrücken hängt - ein kleiner Steg von acht mal zwei Metern. Eine Gruppe von mehr als nur ein paar Leuten würde darauf nur noch unbequem Platz finden. Auf der linken Seite müßte man schon gebückt stehen, weil man die FelsWand direkt über sich hat.
Wahrscheinlich ist der Zweck dieser auch an Seilen an der FelsWand aufgehängten Konstruktion nicht nur der eines RastPlatzes. Ein paar entschlossene Leute können von dort jeden DurchgangsVerkehr auf der Brücke unterbinden. Von dieser im Verhältnis zur SeilBrücke selbst etwas erniedrigten Position gestaltet sich das Bekämpfen von Menschen auf der Brücke sogar besonders effektiv, erleichtert auch durch die TatSache, daß letztere sich ja festhalten müssen und auf dem schwankenden Seil stehen. Bei diesen Überlegungen fällt mir auf, daß ich schon die Gedanken der GranitBeißer denke. Daß die GranitBeißer an einen RastPlatz gedacht haben, ist eher unwahrscheinlich.
"Will etwa jemand eine Pause machen?" fragt Charmion, als wir uns der PlattForm nähern. Zum selben ZeitPunkt fällt mir auf, daß auf der PlattForm Gegenstände liegen.
Als wir näherkommen, sehe ich, was es ist: Ein grauer TotenKopf, der von einem schweren Schwert durchbohrt worden ist. Die Klinge dringt in die linke AugenHöhle ein und kommt durch ein zersplittertes Loch im HinterKopf wieder heraus.
Andere Knochen sind nicht zu sehen. Wahrscheinlich hat der Wind sie schon längst von der PlattForm heruntergeweht. Es scheint, als ob in der Umgebung des PilzBerges öfter mal Menschen oder Leichen oder LeichenTeile vom Himmel regnen. Nur das Gewicht des Schwertes hat diesen TotenKopf schon wer weiß wie lange Zeit hier oben gehalten.
Ich will keine Pause machen. Nur rasch zum wirklichen Ende dieser SeilBrücke. Ich glaube nicht, daß ich mich vorher effektiv ausruhen kann. Außerdem besteht ja auch noch die Gefahr, daß Charmion sich noch an das 'es ihr mal richtig machen' erinnert. Darauf habe ich in der Nähe dieses TotenKopfes schon gleich überhaupt keine Lust.
Da überhaupt keiner auf Charmions Frage antwortet, gehen wir in stillschweigender ÜberEinkunft weiter.
22.3 Charmions Spott
Das macht sich bezahlt. Schon vielleicht vierhundert Meter hinter der PlattForm ändert sich der AufBau des hängenden Weges. Plötzlich werden wieder Planken verwendet, die in üblicher Weise am Felsen aufgehängt sind. Diese Planke, die wir nun gehen, ist zwar schmal - 40 bis 50 Zentimeter im DurchSchnitt - aber übereinander verschränkt doppelt gelegt, und die HandSeile sind immer noch da, so daß man selbst, wenn eine solche Planke brechen sollte, nicht ganz ohne Chancen ist.
Ich warte jede Sekunde auf eine Bemerkung von Charmion, aber es kommt keine. Sie geht in Gedanken versunken weiter, und wir können uns jetzt auch beim Gehen einen etwas größeren Abstand leisten. Was man sich nicht leisten kann, nach wie vor, ist Unkonzentriertheit. Auf einem 40 Zentimeter breiten Pfad kann man durchaus schon einmal daneben treten, wenn man aus dem Gehen heraus längere Zeit die Aussicht bewundert. Auf die Idee, wegen der AusSicht mal anzuhalten, wird hier keiner kommen. Meine größere Sorge ist, daß uns wieder eine Strecke SeilBrücken bevorsteht.
Die Sorge verschärft sich, als wir in einigen hundert Metern Entfernung sehen, daß der Hängende Weg wieder endet. Allerdings endet er nicht in einer SeilBrücke, sondern er endet vollständig! Das kann doch nicht sein!
Es ist aber so. Als wir am Ende des Weges ankommen, haben wir Gewißheit. Und wir sehen auch, warum:
Hier ist aus dem überhängenden FelsHang ein gewaltiges Stück rausgebrochen. Es hat ein domartiges Loch von über zweihundert Metern DurchMesser hinterlassen, seine Höhe muß sogar noch größer sein, denn nach oben hin ist es undurchdringlich dunkel. Die innere Form entspricht einer unregelmäßigen, auf dem Kopf stehenden Schüssel.
Dieser FelsBruch muß schon vor langer Zeit geschehen sein. Charmion weiß nichts darüber, aber da man sie nicht gewarnt hat, muß es eine Möglichkeit geben, diesen Dom zu umgehen.
Es gibt auch eine. Als dieser FelsBruch den Hängenden Weg unterbrach, hat man darauf verzichtet, die Umgehung in ähnlicher BauWeise wiederaufzubauen. Vielleicht war es zu mühsam, das Material in der benötigten Menge heraufzuschaffen.
Statt dessen wurde am unteren Rand der DomKante ein Weg in den Fels gehauen. Wir können ihn fast vollständig rund um das halbe Loch herum verfolgen, bis er uns gegenüber, an der anderen Seite des Loches wieder ungefähr auf den Hängenden Weg stößt. Der allerdings fängt erst ein Stück hinter der Kante wieder an. Einzelheiten kann man von hier aus nicht sehen.
In die letzten TrageSeile rechts des Hängenden Weges an unserer Seite des Domes ist eine StrickLeiter eingearbeitet. Damit kann man bis zur FelsWand oder zur schrägen FelsDecke klettern. Dort ist dann wieder eine Folge massiver EisenBügel in den Fels eingelassen, der so gebildete KletterSteig windet sich nach wenigen Metern um die Kante des Loches und verschwindet aus unserem BlickFeld. Dort wird er wahrscheinlich den in den Felsen geschlagenen Weg, dessen Anfang wir von hier aus nicht sehen können, erreichen.
Das Stück KletterSteig über unseren Köpfen ist kritisch. Die KletterRichtung ist dort für einige Meter waagerecht, während die FelsDecke ja um 45 Grad geneigt ist. Das wird einen zur Seite wegziehen. Es wird viel Kraft kosten, sich da überhaupt festzuhalten. Da es die letzten Meter vor der Kante des Domes einen Hängenden Weg unter diesem KletterSteig nicht mehr gibt, gibt es nicht einmal die Illusion einer Sicherung.
Wahrscheinlich kann ich die kurze Strecke so bewältigen, indem ich meine UnterSchenkel um die EisenBügel hake. Jeden Moment erwarte ich eine Bemerkung von Charmion. Sie muß sich aber auch erst einmal mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut machen.
Daß sie damit fertig ist, erfahren wir durch die erwartete Bemerkung von Charmion:
"Nun, Cherwig? Wie fühlen wir uns?"
Dieser KrankenSchwester-Tonfall geht mir gerade noch ab. Versuchen wir es mal mit Logik:
"Das kann ich nicht sagen, wie wir uns fühlen, weil ich nicht weiß, wie du dich fühlst!"
Sie sieht sinnend nach oben, prüft die StrickLeiter, zieht dran. Sie hält.
"Wie ich mich fühle," denkt sie laut nach, "ja, wie denn? Lust hätte ich, auf ein bißchen Spielen. Willst du mir mal den Arm reinstecken? Bis zum EllenBogen? Es ist schön heiß bei mir drin! Vielleicht kannst du damit kräfiger stoßen als mit deinem ..."
Bei dieser so unschuldig aussehenden Charmion weiß man nie, was sie ernst meint, und womit sie nur provozieren will. Ich ergreife die StrickLeiter:
"Nein, ich will dir den Arm nicht reinstecken! Auf geht's!"
Alle drei Frauen lachen schallend auf, als ich mich die StrickLeiter emporhangele. Ich achte nicht allzusehr darauf, weil die StrickLeiter - wie alle StrickLeitern - sehr widerspenstig ist. Diese ist zwar durch das Gewicht des hängenden Weges und der drei Frauen auf ihm gespannt, aber doch nicht so sehr, als daß das Ausweichen der Stufen nicht doch noch möglich wäre. Erst, als ich die BefestigungsBügel der StrickLeiter und damit den ersten Bügel des KletterSteiges erreicht habe, fühle ich mich für einen Moment wohler.
"Du kannst dir deinen Arm selber reinstecken!" rufe ich hinunter. Ich brauche ein bißchen Wut. Das wird mir vielleicht über die nächsten Meter helfen. Das brauche ich dringend.
22.4 Überkopf im FelsenDom
Kein Lachen von unten. Vielmehr sehen mir die drei Frauen mir interessiert zu. Wird der ungeschickte Fremde abstürzen?
Ich will es ihnen zeigen. Diese Bügel haben eine lichte Öffnung von 20 mal 30 Zentimeter. Das ist also definitiv zu wenig, um sich innerhalb der Bügel zu bewegen. Der Abstand der Bügel voneinander ist ebenfalls 30 Zentimeter, wie üblich. Es muß also möglich sein, sich mit KnieKehlen und HandGriffen daran vorzuarbeiten. Leider sind die von den Bügeln umschriebenen RechtEcke wegen der Neigung der FelsDecke auch geneigt. Das macht mir am meisten Schwierigkeiten, weil sowohl Hände als auch die in den Bügeln eingehängten KnieKehlen immer in eine Ecke des Bügels rutschen.
Trotzdem - es geht. Es tut zwar weh, und ich brauche alle Kraft, die ich habe. Aber es sollte ja nach wenigen Metern zu Ende sein. Das ist lang, den ich brauche für jeden Bügel mindestens zwanzig Sekunden.
Als ich an der Ecke ankomme, wo sich der KletterSteig in die dunkle Höhe des Domes hineinwindet, wird es einen Moment lang noch schwieriger, weil ich weit über meinen Kopf greifen muß, um zum nächsten Bügel zu gelangen. Erst, als mein Körper sich, dem KletterSteig folgend, allmählich aufrichtet, kann ich die Kraft meiner Beine zum Steigen mitverwenden. Dann, nach einer kleinen Ewigkeit, bin ich endlich auf dem senkrechten Stück, und ich kann die Füße normal auf die Bügel setzen.
Ich muß anhalten, weil ich fürchterlich ins Keuchen gekommen bin, außerdem trieft der Schweiß. Die gesamte Muskulatur meines OberKörpers und meiner Arme tut mir weh. Vom Hängenden Weg und von den drei Frauen kann ich jetzt nichts mehr sehen. Unter mir sind nur Wolken. Es ist, als ob ich alleine in einem SteinBruch bin, der kopfüber vom Himmel hängt.
Ich steige weiter. Nach nur drei weiteren Metern ist der KletterSteig zu Ende. Die letzten Bügel winden sich in eine schräge FelsScharte hinein, in der man offenbar weiterklettern soll. Die Tritte und Griffe sind nicht sehr vertrauenerweckend und alle etwas nach unten und nach außen geneigt. Der KletterSteig hatte sichereren Halt geboten. Aber es hilft nichts, ich muß hinübertreten. Ich zittere vor Anstrengung und vor Aufregung.
Dem Spalt muß ich einige Meter in die Höhe folgen, dann endet er in einem herausgehauenen Sims. Es hat eine Breite von vierzig ZentiMetern und bietet einen leidlich horizontalen Boden. Festhalten kann man sich nirgends, aber es ist möglich, sich an der FelsWand des Loches abzustützen.
Die Bügel des KletterSteiges kann ich von hier aus nicht mehr sehen, obwohl sie nur wenige Meter unter mir sind.
"Der nächste!" brülle ich nach unten. Hohl echot meine Stimme in dem Dom hin und her. Das müssen sie hören.
Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich das Knirschen unten in der Scharte höre. Charmions Kopf taucht auf. Mit wenigen Schritten steht sie dicht neben mir. Auch sie wirkt etwas angestrengt, und ihre DuftWolke könnte ein Pferd einschläfern, trotz des Windes.
"Das hätte ich nicht gedacht, daß du als erster reinkletterst!" sagt sie, "Für einen Mann hast du doch viel Mut!" War das eine Spur von Anerkennung? Oder eine besondere Kombination zwischen Anerkennung und Beleidigung?
"Du kannst natürlich in mich reinstecken, was und wann immer du willst!" erklärt sie. Anderen Menschen wird mit diesem TonFall eine Medaille überreicht. Jedenfalls war es dann tatsächlich Anerkennung, wenn sie mir so die Initiative für ihre Lust anbietet.
"Ich fühle mich geehrt!" versuche ich in der XonchenSprache zu formulieren, aber das geht wahrscheinlich vollständig daneben, so verständnislos, wie sie mich darauf ansieht. Ich sollte noch nicht versuchen, UnterTöne von Sarkasmus in dieser fremden Sprache zu vermitteln.
"Machen wir mal Platz für die anderen!" schlage ich dann vor und gehe einige Schritt weiter. Die Luft riecht da wieder sauerstoffhaltiger. Charmion tritt gleich wieder neben mich, um das zu ändern. Ich sehe, daß sich unter ihrer LederJacke ihre BrustWarzen schon wieder aufgestellt haben.
"Hier nicht!" sage ich bestimmt, und laut: "Der Nächste!"
Eine ZwangsPause von wenigen Minuten ist immer gefährlich, weil man nie weiß, auf welche Ideen Charmion kommt. Hoffentlich beeilen die anderen sich.
Charmion lehnt neben mir, sieht mich unverwandt an und greift sich unter ihren Rock zwischen die Beine. Während sie sich reibt und reibt, fährt sie fort, mich dabei anzusehen.
Mir ist das peinlich. Zwar waren wir schon öfter Zeuge intensiver MasturbationsTätigkeit. Aber jetzt sieht Charmion mich dabei so intensiv an, daß es keine Frage ist, was sie sich dabei denkt.
"Ich kann hier nicht! Es geht einfach nicht!" sage ich. Dabei habe ich mich für gar nichts zu entschuldigen.
Andererseits bin ich auf ihr WohlWollen angewiesen. Was kommen denn noch für abenteuerliche Stellen? Ich fürchte, ich muß sie bei Laune halten.
Ich strecke meine Hand aus, öffne ihr ihre Jacke etwas weiter und fange an, vorsichtig mit dem Finger um ihre BrustWarze herumzufahren, immer der Begrenzung des Hofes folgend, dann langsam nach innen kreisend.
Das wirkt. Sie werden noch roter und noch steifer, und Charmion schließt die Augen.
"Nicht weiter!" warne ich, "du fällst noch runter! Später!"
Sie öffnet die Augen wieder uns sieht mich an, mit einem Blick, als hätte ich ihr die Butter vom Brot gestohlen.
Wo bleiben die anderen? Wir müssen weiter. Ich höre auf, ihre BrustWarzen zu umkreisen. Ich möchte ja auch vermeiden, daß ich selber erregt werde.
Das mag sie gar nicht. Sie ergreift meine linke Hand und führt sie sich zwischen die Beine, wo ich weitermachen soll, was ihre Hand schon angefangen hat. Ich versuche, mich zu wehren, aber sie ist stärker. Für etliche Sekunden habe ich Gelegenheit, taktile AnatomieStudien der weiblichen primären GeschlechtsTeile zu treiben. Dann taucht endlich Chechmirchs Kopf in der Scharte unter uns auf, und ich bekomme meine Hand wieder. Zu spät: sie ist triefend naß. Bäh.
Zu dritt warten wir noch weitere Minuten. Charmion tut nichts mehr, aber sie sieht mich an, als ob sie mich jede Sekunde quer in sich hineinstecken könnte. Chechmirch, die am günstigsten steht, um die Scharte unter uns zu beobachten, dreht sich plötzlich zu uns um, schnüffelt kurz aber hörbar, sieht Charmion an und wendet sich wieder von uns ab. Charmion stört sich nicht daran.
Nun taucht Chmerm auf. Sie atmet schwer. Offenbar hat sie solche Klettereien noch nicht mitgemacht. Es beruhigt mich, daß sie auch zittert, aber das gibt sich schnell, bis sie neben uns steht.
"Gehen wir weiter?" frage ich. Ich muß ja anfangen, weil ich jetzt der erste bin, und ich mag mich nicht an den anderen vorbeidrängeln, um wieder einen Platz in der Mitte der Gruppe einzunehmen.
Dann greife ich noch einmal Charmion, die mich immer noch ansieht, verstohlen unter die Jacke, um ihren BrustWarzen ein 'Lebewohl' zu streicheln: "Später." sage ich, "Wirklich! Jetzt müssen wir weiter." Die anderen beiden sehen gleichgültig zu, und mir gelingt es, etwas von der Feuchte von meiner Hand abzustreifen, ohne daß Charmion diese Absicht bemerkt.
Außerdem kann ich ruhig diese weitgehenden Versprechungen geben - sie holt es sich ja doch.
Dann wende ich mich ab und marschiere los. Ich höre, daß die anderen mir sofort folgen.
22.5 Chechmirch
Der Weg ist halbwegs einfach. Die Breite des Sims schwankt zwischen dreißig und fünfzig ZentiMetern, und besonders an den schmaleren Stellen muß man verdammt genau aufpassen, wo man hintritt. Der Weg ist so gelegt worden, daß möglichst wenig Felsen herausgeschlagen werden mußte. Deshalb gibt es Stellen, wo es steil aufwärts, und solche, wo es steil abwärts geht. Auf dem ersten Teil des Weges überwiegen die Abwärts-Stellen, drüben wird es umgekehrt sein. Man muß die Hände häufiger zu Hilfe nehmen. Dabei wird besonders meine linke Hand, die Charmion so schön naß gemacht hat, ordentlich dreckig. Die brauche ich leider häufiger, weil es die wandseitige Hand ist.
An einigen Stellen, wo es sehr steil abwärts geht, bin ich versucht, mich umzudrehen und wie auf einer Leiter herabzusteigen, Arsch voran. Aber hinter mir drängeln sie zu sehr. Und als ich diese WegStücke vorwärts hinuntersteige, habe ich die Vision, daß sich meine dabei stark eingeknickten Knie an einer Unregelmäßigkeit in der FelsWand stoßen könnten und ich mich so auf diese Weise ganz einfach vom Weg herunterhebele.
Weil wir uns alle so sehr auf den Weg konzentrieren müssen, reagieren wir etwas zu spät auf das Rauschen, das aus der dunklen Höhe auf uns niederfällt. Ich halte an, stelle fest, ob ich einen sicheren Stand habe, und sehe mich um.
"Es ist ein Rhchochchider!" schreit Chechmirch, "Es hat da oben ein Nest!"
Das muß eine FlugsaurierArt sein, wenn ich mich richtig an unseren SprachUnterricht erinnere. Das hat uns gerade noch gefehlt.
Wir alle haben unsere Schwerter draußen. Nutzlos, wir können kaum etwas erkennen. Es schießt aus der Dunkelheit über uns auf uns herab. Dann ist es da, und ich kann erst recht nichts erkennen. Rechts von mir höre ich das scharfe Rauschen von Charmions Schwert. Verglichen damit halte ich mein Schwert nur in die Gegend. Da sind mächtige Schwingen, und ein Körper, dessen Anatomie ich in dem Wirbel der Flügel kaum erfassen kann. Ich glaube kaum, daß ich etwas treffe.
Die drei Frauen verteidigen sich wesentlich heldenhafter. Der Saurier hat es auf eine von ihnen abgesehen, weil ich hier nur den Flügel zu sehen bekomme. Trotzdem besteht die Gefahr, daß mich ein FlügelSchlag von dem schmalen FelsWeg in die Tiefe reißt.
"Charmion, paß auf!" schreie ich. Blödsinnig, natürlich, so etwas muß ich ihr nicht sagen.
Da weicht das Tier nach hinten aus, flattert mitten über dem Abgrund. Eine Frau hängt ihm um den Hals. Es ist Chechmirch, und sie ist fürchterlich verletzt. Ihre ganze Seite ist aufgerissen, Blut und Gedärm fällt heraus, wie ich einen AugenBlick lang sehe. Trotzdem hält sie sich immer noch fest und drischt auf das Tier ein. Es scheint auch schon böse Schnitte in der KopfGegend und am Hals abgekriegt zu haben. Es flattert, als ob es wenigstens teilweise blind wäre.
"Wenn ich nur meinen Bogen hier hätte!" flucht Charmion neben mir. Ihr Schwert trieft von Blut. Meines ist beschämend sauber.
Das Tier schlägt seitlich an der DomWand an, versucht, zu steigen. Wir sehen die dunklen Spritzer, die nach allen Seiten von ihm abgeschleudert werden.
Es wird schwächer, so daß ich einen Moment seine Anatomie besser sehen kann, die weiten, ledrigen Flügel, den großen aber schmal gebauten Körper, den fast pfeilförmigen Kopf. Chechmirch hängt ihm immer noch am Hals, aber sie bewegt sich nicht mehr. Ihr Schwert fällt taumelnd in die Tiefe.
Dann sinkt das Tier ab, überschlägt sich, überschlägt sich wieder, ist schon mindestens hundert Meter tiefer. Chechmirch wird immer noch nicht abgeworfen, aber ich bezweifele, daß sie noch lebt. - Vielleicht ist es nur noch ein Reflex, der sie sich festhalten läßt. Ein urkindlicher KlammerReflex in einem sterbenden Körper.
Das Tier fällt nicht senkrecht, da es durch seine Flügel ständig in verschiedenen Richtungen abgelenkt wird. FlugSaurier sind auch nicht sehr schwer. Wir verfolgen seinen Fall, solange es noch über den Wolken sichtbar bleibt. Selbst dann, als der tanzende Fleck verschwunden ist, sehen wir noch eine ganze Weile hinterher.
"Arme Chechmirch." sage ich.
"Was geht dich das denn an!" faucht Chmerm mich an Charmion vorbei an. Auch ihr Schwert ist blutig, aber sie sieht aus, als ob sie Tränen in den Augen hätte. Oder verbissene, ohnmächtige Wut. Vielleicht irre ich mich auch.
"Lassen wir die Schwerter draußen," sagt Charmion und blickt nach oben, "Vielleicht ist da noch einer. Ist jemand verletzt?"
Das ist nicht der Fall. Deshalb können wir weitergehen. Wir drei. Noch drei: Charmion, Chmerm, und ich. Der WegeZoll für dieses Stück ist entrichtet.
Der weitere Weg um den Dom herum sieht so aus wie der bisherige Abschnitt, wenn man davon absieht, daß stellenweise dunkle, feuchte Flecken auf dem Fels liegen. Das Tier hat sein Blut weit verspritzt. Sein eigenes und das von Chechmirch.
Als wir den Dom vollständig umgangen haben, was wir an der zunehmenden Häufigkeit der Stellen, wo wir aufwärts klettern müssen, bemerken und auch daran, daß wir jetzt den Hängenden Weg, von dem wir gekommen sind, an der anderen Seite sehen, aber nicht mehr den, den wir erreichen wollen, endet unser FelsPfad ganz plötzlich in einer dunklen FelsNische.
"Wie es wohl weiter geht?" denke ich laut nach und schiebe das Schwert wieder in die Scheide. Ich rechne mit einer abwärts führenden Scharte, so wie drüben, und einem ähnlichen Stück KletterSteig. Wir sehen am Felsen unter unserem Weg nach unten, uns vorsichtig überlehnend.
Da kann man nichts Definitives erkennen. An einer Stelle sieht es so aus, als ob, gerade eben erreichbar, unter unserem Wege brauchbare Tritte und Griffe im Felsen sind. Aber genau weiß man das erst, wenn man versucht, abzusteigen. Und wenn KletterSteig und Straße nicht genau unter uns sein sollten, dann findet man sich plötzlich an dem zurückweichenden Teil der FelsDecke wieder, wo es keinerlei Halt mehr gibt. Vielleicht kann man dann nicht einmal mehr zurück.
Geht es also nicht weiter? War alles umsonst? Müssen wir zurück und die andere Richtung um den PilzBerg einschlagen? Ist Chechmirch ganz umsonst gestorben? Nur weil wir eine falsche Abzweigung genommen haben?
Charmion geht zum Ende des Weges und untersucht die dunkle Nische. Ein kurzer AusRuf verrät uns, daß sie etwas gefunden hat.
"Sieh mal!" sagt sie zu mir, als ich in der engen Nische neben ihr stehe, "Was hältst du davon?"
Die Nische hat einen dunklen Spalt verborgen. Er ist sehr eng, noch enger als die Nische, vielleicht 25 ZentiMeter. Aber das ermöglicht, daß sich ein menschlicher Körper gerade noch durchzwängen kann.
"Ich gehe zuerst," entscheidet Charmion, "weil man am anderen Ende wahrscheinlich klettern muß. Es sieht wirklich so aus, als ob da unten Licht ist."
Sie drückt sich gegen mich, weil die Nische das so erzwingt. Oder weil sie es so will und die Gelegenheit wahrnimmt.
22.6 Charmions Brüste
"Es ist verdammt schmal," sage ich, "und vielleicht wird es noch schmaler. Schaffst du das? Du hast oben mehr Umfang als ich!" Dabei zeige ich kurz auf ihren Busen.
"Gefallen sie dir?" fragt sie. Das war nicht das, was ich gefragt hatte.
Ihr Blick ist seltsam weich. Vielleicht liegt das auch nur an dem HalbDunkel in dieser Nische, in die das Licht nur auf dem Umweg über diffuse Reflexion durch die Decke des FelsenDomes hineinkommt. Eigentlich ist es Charmion völlig egal, ob sie jemandem gefällt oder nicht. Wieder ein neuer Zug an ihr.
"Diese sind weich," erklärt sie, demonstrativ ihr Brüste knetend, "ich komme mindestens überall da durch, wo du auch durch kommst, ganz besonders, weil du so ungeschickt bist."
Wie man sich Freunde macht, denke ich, Auflage drei, Band zwei, Kapitel siebzehn: Die Direktheit und ihre offensive Anwendung zur Hebung der allgemeinen Stimmung. Ich sage aber nichts. Sie hat ja recht, sowohl, was ihre Anatomie betrifft als auch mit der AusSage über meine KletterKünste.
"Paß auf dich auf, vielleicht kann man sich in dem Spalt nicht überall halten!" sage ich ihr.
"In einem solchen Spalt kann man sich immer halten." erwidert sie und läst ihre eigenen Brüste los.
"Ich meine ja nur. Damit du keine Schrammen bekommst. - Die gefallen mir schon! - Du gefällst mir." verteidige ich mich. Experimenteller Vorstoß. Ich muß wissen, ob es da nicht doch noch Ähnlichkeiten mit der Psyche von Frauen gibt, wie ich sie aus unserer Welt kenne.
Ich weiß es einen AugenBlick später. Sie hängt sich an meinen Hals, 'wie eine ChristbaumKugel', wie Irene sich immer ausdrückt. Mit dieser Erinnerung ist das schlechte Gewissen auch gleich wieder da. Ich meine es ja gar nicht so, verteidige ich mich vor mir selbst. Das ist hier doch etwas ganz anderes. Inwieweit anders, darüber will ich jetzt keine detaillierten Aufstellungen machen. Charmion hat sich verändert, in den letzten Tagen oder Stunden. Ich hoffe, ich nicht.
Chmerm steht dabei, vor der Nische, sagt nichts und sieht mit unbewegtem Gesicht zu.
"Wir wollen nicht noch mehr Verluste haben, auf dieser Excursion," sage ich zu Charmion. Beim Reden kann man die ganze Zeit ausatmen, und das bringt definitive Vorteile. "Du nicht, und ich nicht, und Chmerm auch nicht."
"Warum Chmerm nicht?" flüstert sie mir ins Ohr, während sie meinen UnterKörper mit ihren Beinen einklammern will, "Das war doch aufregend, wie Chechmirch auf den Rhchochchider losgegangen ist!"
"Und dabei umgekommen ist!" entgegne ich.
"Ohne die Gefahr wäre es doch langweilig!"
"Egal. Ich möchte jetzt, daß wir alle am Leben bleiben! Alle drei!"
"Warum? Gefällt dir Chmerm so?"
Oh, diese weibliche Logik!
"Nein. Das ist es nicht. Wenn man eine solche Gruppe wie uns führt, dann ist nicht nur das Erreichen des Zieles notwendig, sondern auch das ÜberLeben aller GruppenMitglieder. Alles andere bedeutet eine FührungsSchwäche. Inkompetenz in der Vermeidung von Gefahren. Leichtfertiges Aufgeben von wertvollen PersonalRessourcen! Deshalb will ich, daß Chmerm auch am Leben bleibt! Wir brauchen sie noch."
Mit Humanität argumentiere ich gar nicht erst, außerdem vermeide ich rhetorisch alles, wo ich mich entscheiden müßte, ob nun Charmion die Gruppe führt und geführt hat, oder ich. Ob Charmion mir da folgen kann?
"Mit uns hat das nichts zu tun," setze ich hinzu, "ich will nur dich."
Dem kann sie folgen. Sie drückt mich oben und unten wie ein glühender SchraubStock. Die Nische könnte jetzt noch enger sein. Jedenfalls darf ich hoffen, daß Chmerm am Leben bleiben darf. Irene, wo du jetzt auch bist, sieh das gelassen, denke ich.
Wieder habe ich etwas gelernt. Die emotionale Variabilität von Frauen, die wir in unserer Welt kennen, die gibt es hier auch. Man braucht eben etwas länger, um das festzustellen. MenschenFresserinnen sind auch Menschen und sind auch Frauen.
Es gibt wohl andere Unterschiede. Charmion ist mit ihren 22 Jahren in gewisser Hinsicht viel reifer als Mädchen dieses Alters in unserer Welt. Sie schlägt ihre Zeit nicht so tot, wie ich das von manchen Frauen kenne, wo man sich wirklich fragen muß, ob sie zwischen Beauty-Shop und Disko noch etwas von der wirklichen Welt wissen. Die wirkliche Welt der GranitBeißer erlaubt nicht, daß man sie ignoriert. Die wirkliche Welt der GranitBeißer formt jeden ihrer Bewohner. Sie duldet keine Schwächlinge, Träumer, Gammler, Taugenichtse.
Ob das ein Plus oder ein Minus ist kann ich nicht so in Bausch und Bogen bewerten. Als human kann man diese Gesellschaft ja nun wirklich nicht bezeichnen, andererseits hat es Vergleichbares in unserer Geschichte ja genug gegeben.
Jedenfalls ein MißerfolgsErlebnis für unsere Feministinnen: Eine matriarchalische Gesellschaft ist nicht automatisch human. Das wird ihnen nicht schmecken. Wenn ich jemals Gelegenheit haben sollte, darüber zu berichten.
Charmion umarmt mich immer noch. Einen Moment habe ich eine andere Vision: Sie verbirgt ihr Gesicht an meiner Schulter, um die Gefahren um uns herum nicht zu sehen. Einen Moment lang ist das kleine, furchtsame Mädchen, das sie vielleicht in einem Alter von wenigen Jahren war, durchgebrochen. Das ist eine schlimme Vision, denn wenn sie von einem Moment zum anderen von Schwindel oder von Angst vorm Tod heimgesucht würde, dann hätte ich Schwierigkeiten, sie von hier wegzubringen. Gerade ich, der immer noch glaubt, in einem AlpTraum herumzulaufen, bloß, weil es ein paar ZentiMeter seitlich von unseren Füßen erst abschüssig wird und dann dreitausend Meter in die Tiefe geht, bloß, weil man gelegentlich das eigene Leben gegen die verschiedensten SaurierTypen verteidigen muß, und gelegentlich auch gegen die Bewohner dieser Welt. Ein AlpTraum, in dem ich sogar schon bei einer Tötung assistieren mußte. - Jedenfalls kann ich nicht die Rolle des Beschützers übernehmen. Hier nicht.
Die Befürchtung einer plötzlichen MotivationsKrise von Charmion ist unbegründet. Sie ist nach wie vor eine Kämpferin in dieser Welt. My Lady of the Sword. Nur hat sie mich emotionell vereinnahmt.
"Gehen wir weiter!" sage ich. Ihre in jeder Beziehung heiße Umarmung löst sich. Dann steigt sie in den Spalt ein.
Schon nach einigen Metern ist sie so tief, daß ich sie kaum noch sehe. Ich höre nur noch das Klirren ihres Schwertes und das Scharren über die engen FelsWände der Spalte.
"Da ist tatsächlich Licht!" kommt es dumpf herauf. Ich mache mich bereit, ebenfalls in den Spalt einzusteigen. Er ist schräg und deshalb von mir auch ohne eine Ausbildung in KaminKletterei zu bewältigen. Bald sehe ich auch das Licht von unten heraufscheinen. Schon fällt mein Blick zwischen den FelsWänden auf die WolkenSchicht unter uns.
Das Schwert ist beim Klettern sehr lästig, aber ich kann es nicht ändern. Es wird schon seinen Grund haben, warum unsere Alpinisten keine Schwerter in die Berge mitnehmen.
22.7 SportStunde am RitzenWeg
Als ich mich etwas weitergeschoben habe, erkenne ich die Ränder des SpaltEndes. Was ich nicht sehe ist der Hängende Weg. Eigentlich dachte ich, daß wir über demselben herauskommen. Aber ich sehe nur das wesenlose Weiß der Wolken - von hier drinnen gesehen blended es, obwohl die Helligkeit absolut gesehen ja gar nicht so groß ist.
Über der unteren SpaltKante schwebt Charmions Gesicht. Ich sehe ihre Finger auf dem FelsRand.
"Worauf stehst du?" frage ich.
"Auf nichts. Der Spalt endet hier. Aber es gibt eine Ritze, in die man die Finger hineinstecken kann. Die Ritze geht bis zum Hängenden Weg, so, wie ich das von hier aus verfolgen kann."
Es dauert eine Weile, bis ich so ungefähr begriffen habe, wie es weitergeht.
"Du mußt es Chmerm beschreiben, damit sie vorbereitet ist!" fährt Charmion fort.
"Heißt das, wir müssen uns so gewissermaßen an der FelsDecke entlanghangeln?" frage ich entsetzt.
"Wenn du hierherkommst, wirst du es sehen. Der Abstieg ist das schwierigste. Sowie du erst einmal mit den Fingern in der Ritze hängst, ist es ganz einfach. Ich helfe dir."
"Wie denn?"
"Du steigst auf mich. Erst auf die Schultern, dann greifst du an meine HandGelenke und steigst weiter ab, bis du in die Ritze hineingreifen kannst."
"Das ist doch WahnSinn!"
"Wieso? Die Ritze hält. Ist bester Fels!"
Chmerm ist bereits dicht hinter mir. Ich muß weiter.
Wieder einmal bin ich auf Charmion angewiesen. Vielleicht ist es richtig, daß ich mich an der Ritze entlanghangeln kann. Aber aus diesem Spalt heraus ins Freie zu klettern, wobei man eine Zeitlang die besagte Ritze zu Füßen hat, wo sie einem nichts nutzt und wo man sie auch noch nicht sieht, das hätte ich nicht alleine geschafft. Ich habe auch keine Idee, wie Charmion es angestellt hat - sie hat ja überhaupt nicht gewußt, was auf uns zukommt. Wir werden wenigstens gewarnt.
Wir machen es so, wie Charmion vorgeschlagen hat. Sie ermutigt mich mehrfach, daß ich ruhig kräftig auf sie treten kann - ihr Griff ist fest. Nur abrutschen darf ich nicht. Sie kann mich hier nicht mehr halten.
Dann ist es soweit, und ich hänge auch im KlimmZug mit den Fingen in der Ritze, Gesicht nicht weit vom Fels entfernt. Die Ritze ist etwa zwei ZentiMeter breit und hinreichend tief. Sie sieht vertrauenerweckend aus. Wahrscheinlich eine natürliche Formation, die man hier ausgenutzt hat. Griff für Griff bewegen wir uns auf den Hängenden Weg zu, der vielleicht siebzig Meter entfernt ist. Das sind verdammt lange siebzig Meter. Von der anderen Seite des Loches sah es aus perspektivischen Gründen kürzer aus.
Und unter uns ist ein Meer von Wolken. Der Wind zerrt an uns, wenn auch schwach. Leider ist die Ritze horizontal: Man kann die Finger nicht hinter einen Griff hineinkrümmen. Für einen Untrainierten wäre diese Stelle völlig unüberwindbar.
Chmerm ist schon neben uns. Ich konnte ihr nicht so helfen wie Charmion mir geholfen hat. Ich habe auch nicht beobachtet, wie sie den ÜberGang vom Spalt zur Ritze geschaft hat.
Schweigend arbeiten wir uns vorwärts. Nur wenige ZentiMeter pro Sekunde sind möglich. Bei diesem Tempo wird es eine halbe Stunde dauern, bis wir den Hängenden Weg erreicht haben werden. Die ganze Zeit rechne ich damit, daß meine Arme irgendwann den Dienst versagen könnten.
Als wir auf halber Strecke sind, sagt Charmion aus heiterem Himmel:
"Ich bin ganz naß zwischen den Beinen."
"Wieso denn gerade jetzt?" frage ich.
"Ich weiß nicht. Es kommt so plötzlich. - Ich könnte den ganzen Tag spielen!"
Hoffentlich nicht gerade jetzt. "Wenn wir wieder festen Boden unter den Füßen haben!" verspreche ich.
Eine ganze Weile hangeln wir uns schweigend weiter, ohne derartige niveauschwangere Diskussionen. Der rettende Hängende Weg kommt langsam, viel zu langsam, näher. Wenigstens ist es wieder die Ausführung mit Planken und nicht die SeilbrückenVersion.
Vielleicht war hier noch ein besserer Weg geplant, und diese Lösung mit der Ritze ist nur provisorisch. Es ist mir klar, daß Gefangene hier kaum fliehen können. Aber ebenso muß das GefängnisPersonal doch große Schwierigkeiten mit diesem Weg haben, besonders, wenn man schweres Gerät transportieren muß. Ich verstehe das nicht. Ist der Weg an der anderen Seite um den PilzBerg herum vielleicht einfacher? Hat Charmion aus purer Bosheit diesen Weg gewählt, weil sein 'UnterhaltungsWert' größer ist?
Noch sechs Meter bis zum Hängenden Weg. Ich erkenne schon die StrickLeiter, die uns von dieser Ritze auf die Planken runter bringen wird. Noch fünf Meter.
Plötzlich knackt es links neben mir. Ich sehe Chmerm an, die augenblicklich in ihren Bewegungen erstarrt ist.
Sie hat Angst. Das Geräusch kam genau aus dem RitzenSegment, an dem sie gerade hängt.
"Ruhig und langsam weiter!" sagt Charmion, die es auch gehört hat. Ist die Ritze an der Stelle, an der ich hänge, auch schon betroffen?
ZentiMeter um ZentiMeter schieben wir uns weiter. Dabei entferne ich mich von Chmerm, die weiter bewegungslos hängt.
"Warte noch einen Moment," schlägt Charmion vor, "damit wir das Stück der Ritze entlasten können!"
Guter Vorschlag. Auf diese Weise entfernen Charmion und ich uns von der Stelle, wo es geknackt hat. Sehr guter Vorschlag.
Und es knackt wieder. Charmion ist vielleicht noch einen Meter von der StrickLeiter entfernt, ich einen Meter dahinter, Chmerm ist vier Meter von uns entfernt. Lächerliche sechs Meter von dem rettenden Hängenden Weg!
"Ich weiß nicht, wie groß das betroffene Stück ist!" flüstert Charmion neben mir, "besser, wir steigen schon mal runter!"
Das ist mir nur recht, auch, wenn es mir wie Verrat an Chmerm vorkommt.
Charmion erreicht die StrickLeiter, prüft sie und turnt an ihr herunter. Sie steht einige Meter unter mir, als ich mit der rechten Hand nach der StrickLeiter greife. Dann lasse ich meine Füße etwas schwingen, um die Sprossen zu fassen.
"Vorsicht - erst die Leiter ganz greifen!" warnt Charmion von unten.
Die Finger meiner linken Hand rutschen erst aus der Ritze heraus, als ich mit einem Fuß und meiner rechten Hand einen guten Halt habe. Ich bin sicher. Meine OberarmMuskeln zittern, aber ich kann trotzdem schnell zum PlankenWeg absteigen.
Nun ist Chmerm dran. Charmion hält mich derweil überflüssigerweise fest, oder vielleicht doch nicht so überflüssigerweise, weil die nachlassende Anspannung durchaus dazu führen kann, daß man jetzt auf dem relativ sicheren Grund des Hängenden Weges zur Seite kippen oder fehltreten kann.
Chmerm hat schon drei Meter zurückgelegt. Noch drei Meter. Sie müßte aus dem Bereich der Ritze, die geknackt hat, schon heraus sein.
Noch zwei Meter. Noch einen. Weniger sogar. Die StrickLeiter ist in ihrer ReichWeite.
"Du schaffst es!" sage ich. In dem Moment bricht die Ritze auf einer Länge von fast zwei Metern aus. Chmerm fällt, zusammen mit einigen länglichen FelsStücken.
Nun geschieht alles sehr schnell. Im Fallen greift sie, auf unserer Höhe angekommen, eines der tragenden Seile. Ihr Griff muß stahlhart sein. Die Kraft der Verzweifelung.
Das Seil, so ruckartig belastet, reißt dicht unter dem HalteBügel an der FelsDecke. Chmerm fällt weiter, unter das Niveau des PlankenWeges. Sie hält das Seil immer noch.
Ein scharfer Ruck geht durch die Planken. Charmion und ich beginnen, uns entlang des Hängenden Weges zurückzuziehen. Oben reißen weitere TrageSeile. Der Weg, auf dem wir stehen, kippt zur Seite.
"Festhalten!" schreit Charmion. Wir greifen eines der HandSeile, dasjenige auf der Seite, wo die TrageSeile nicht gerissen sind. Die Planken fallen unter uns weg. Eine Strecke des Hängenden Weges von etwa fünf Metern Länge wird im AugenBlick unbrauchbar.
Ich sehe unter uns die Planken in die Tiefe trudeln. Einen Moment lang denke ich, daß Chmerm getroffen worden ist. Aber sie hängt immer noch einige Meter unter uns an einem der ehemaligen TrageSeile und sieht unverletzt aus. Das schwere Holz muß haarscharf an ihr vorbeigesaust sein.
Wir alle schaukeln wild hin und her. Unser HandSeil hält. Weitere TrageSeile reißen nicht. Noch nicht. Bei der Schaukelei werden sich die Knoten um die TrageBügel aufreiben.
"WeiterKlettern!" ruft Charmion. Ich ignoriere meine zitternden Muskeln und hangele mich wie Charmion an dem ehemaligen HandSeil entlang. Es hält immer noch. Es ist schwierig, zwischen oben und unten zu unterscheide, aber wenn man dem HandSeil folgt, dann müßte man eigentlich zum unbeschädigten Teil des Weges kommen.
Wir erreichen diesen auch relativ schnell. Bei Chmerm dauert es länger. Wir können sie jetzt erst wieder beobachten. Vielleicht sind ihr Muskeln oder Sehnen gerissen. Aber sie macht nicht den Eindruck, als wäre es so. Sie hat einfach mehr zu klettern.
Als sie auch den unbeschädigten Teil des Weges erreicht, marschieren wir sofort weiter, nachdem wir festgestellt haben, daß niemand verletzt ist. Gar nicht erst irgendwelchen Knien die Zeit geben, weich zu werden. Meine Uhr sagt, daß es 5 Uhr ist. Irgendwie eine völlig bedeutungslose Zahl.
"Wie soll man über diesen Weg irgend etwas nach oben transportieren?" frage ich Charmion. Ich denke an das SaurierFleisch, daß unten, an der AnlegeStelle, jetzt schon längst vollständig ausgeladen sein sollte.
"Andersrum," sagt Charmion, "ist es leichter."
Aha, denke ich. Und warum gehen wir hier herum?
22.8 Das Hängende Fort
Die nächste halbe Stunde ereignet sich nichts von Bedeutung. Der Hängende Weg wird besser, und aus irgendeinem Grunde auch breiter. Mir erscheint das unlogisch, weil man bei einem Weg ja eigentlich zuerst die schlechtesten Stellen ausbauen müßte. Was nützt ein hervorragender Weg, der an einigen Stellen von unüberwindlichen Hindernissen unterbrochen worden ist?
Dann aber schiebt sich um die Wölbung der FelsDecke ein seltsames, geschachtelt kastenförmiges Gebilde in unser BlickFeld hinein. Es sieht wie ein HolzGebäude aus, das von der schiefen FelsDecke herunterhängt. Es befindet sich genau auf der Höhe des Hängenden Weges, und dieser führt genau dorthin.
Man muß sich eine Art BlockHaus vorstellen, das wie ein VogelHäuschen am Felsen klebt oder hängt, oder wie eine große SchubLade. Der Hängende Weg führt zum BasisStockwerk, von dort gibt es einen fast zwei Meter breiten Weg, der von einem massiven HolzGeländer gesichert ist, rund um dieses Gebäude herum.
Ein weiteres, kleineres StockWerk hängt unter dem HauptGeschoß, und außen, wo der GeländerWeg um das Gebäude herum aus unserer Sicht verschwindet, ist noch ein weiterer, balkonartig angebrachter Raum, der ebenfalls von einem GeländerWeg umgeben ist und der selbst keine Verbindung zur FelsDecke mehr hat.
Wir betreten den GeländerWeg und gehe zunächst um das Gebäude herum. An der anderen Seite führt, wie erwartet, der Hängende Weg weiter. Wenn dies der Einstieg zum weiteren Weg nach oben ist, dann hätten wir auch von dort kommen können. Vielleicht wäre Chechmirch dann noch am Leben.
Ich betrachte die massiven Balken des Gebäudes, die nach oben in die FelsDecke führen. Wie fest dieses Gebäude mit der FelsDecke verbunden ist, darüber kann ich im Moment noch keine AusSagen machen. Ich hoffe, die BauMeister haben ihr HandWerk verstanden. Andererseits ist unser KörperGewicht geringer als die Kräfte, die durch den StauDruck eines stärkeren Windes auf das ganze BauWerk entstehen können. Schon daraus kann man schließen, daß wir im Moment in keiner Gefahr sind.
"Ist denn niemand hier?" frage ich, während wir nach einem Eingang in das HauptStockwerk suchen. Charmion findet es unnötig, mir darauf zu antworten.
Es gibt FensterÖffnungen, die aber alle mit HolzBalken verrammelt sind, und gegenüber der ausladenden BalkonKammer gibt es, sowohl in dieser als auch im HauptGeschoß, so etwas, das wie eine große Tür aussieht, die ebenfalls geschlossen ist.
Ich gehe einmal um die BalkonKammer herum. Dabei entfernt man sich aber sehr weit von der FelsDecke, und man glaubt, den Boden schwanken zu fühlen. Man kann von hier aus jedenfalls einen großen Teil der umgebenden FelsDecke und des Hängenden Weges zu beiden Seiten überblicken, und wenn die Wolken unter uns nicht wären, dann hätte man wahrscheinlich auch auf die Inseln des SchärenRinges einen umfassenderen AusBlick.
Während ich mich auf das vertrauenerweckende Geländer lehne und mich umsehe, steht Charmion hinter plötzlich mir. Ich merke es zuerst daran, daß die frische Luft, die ich mir um die Nase wehen lasse, nicht mehr ganz so frisch ist.
"Chmerm hat herausgefunden, wie man die Tür aufmacht."
"Also ist es doch ganz gut, daß sie noch bei uns ist!" stelle ich fest.
"Wir hätten es über kurz oder lang auch herausgefunden."
Einen Moment ist Stille. Charmion lehnt sich an mich.
22.9 Wollust
"Erinnerst du dich an das, was ich gesagt habe, als wir vorhin in der Ritze hingen?"
"Du hast sehr viel gesagt." meine ich. Das stimmt nicht. Die Dialoge, die wir in der Ritze geführt hatten, hielten sich in engen thematischen Grenzen. Ich weiß auch ganz genau, worauf sie hinauswill. Aber ich muß ihr ja die GesprächsFortführung nicht unbedingt leichter machen.
"Das ist mir bei einem Mann noch nie passiert!" sagt sie, offenbar unterstellend, daß ich schon weiß, wovon sie spricht.
"Bei einer Frau schon?" frage ich.
"Nein. Überhaupt nicht. - Ihr seid irgendwie anders. Ich bin schon wieder naß. Wollen wir?"
"Wir müssen weiter." verteidige ich mich.
"Wir haben immer noch Zeit genug. Chmerm sucht die Fackeln."
"Fackeln?"
"Ja, Fackeln. Ohne die kommen wir hier nicht mehr weiter. Es gibt hier immer einen Vorrat an Fackeln."
Sie dreht mich mit Gewalt zu ihr um und zwingt mich dann in die Knie. Im AugenBlick hat sie ihre Jacke ausgezogen und hinter sich geschmissen. Sie drückt mein Gesicht auf ihren Busen. Er ist glitschig von einer Mischung von altem und neuem Schweiß.
"Du hast doch gesagt, daß sie dir gefallen, ja?"
"Ja, aber ..."
"Dann zeig es ihnen doch. Faß mich an - hier." Und nach einer Pause, in der ich nicht das gewünschte Maß an Interesse zeige: "Seid ihr alle so stur?" Schon hat sie sich völlig ausgezogen und fummelt jetzt an mir herum.
"In unserer Welt ist es für einen Mann eine Ehre, wenn er mit einer Frau spielen muß." fährt sie fort. 'Muß' sagt sie, nicht 'darf'. Inzwischen liege ich mit dem Rücken auf dem Boden des GeländerWeges, ob ich will oder nicht. Sie setzt sich auf mich. Es ist noch keine sechs Stunden her, daß sie mich das letzte Mal so überfallen hat, am letzten MundLoch des Stollens. Davor waren die Perioden sexueller Inaktivität auch nicht übertrieben lang. Ich fürchte, es bringt nichts, jetzt mit diesem Argument zu protestieren.
Eigentlich will ich auch gar nicht protestieren. Von einem Moment zum anderen ist die Bereitschaft da. Zu rasch und zu bequem ist die Erregung und das Eindringen, zu lustvoll und zu entschieden ihre Stöße, zu verlangend die Hitze ihres Körpers. Ein WiderSpruch ist nicht vorgesehen. Die Vereinigung zweier UrweltTiere - ein altes und eine junge. Es ist so natürlich. Vielleicht bin ich ja gar nicht der wohlverheiratete Angestellte und brave EheMann aus der Welt da oben. Vielleicht war ich ja schon immer hier, Teil dieser Welt, und was wir machen ist richtig und natürlich. Aber woher dann die Erinnerungen an diese andere Welt?
Wie immer beim Bumsen denke ich an etwas ganz anderes. Das muß einen neurologischen Grund haben - die GroßhirnRinde wird elementar angeregt, und gelegentlich löst man Probleme, die eigentlich zu anderer Zeit anliegen. Machen andere das anders? Geben sich andere ganz dem AugenBlick hin? Dem AugenBlick wahrer und unmittelbarer Animalität und Emotionalität, wie er wahrer und unmittelbarer wohl nicht sein kann: Wie eine Sphinx hockt sie auf mir, ich wie ein besiegtes Wild unter ihr und baumstark und entschlossen in ihr, die einzige Stelle, wo ich Stärke zeigen kann und will, wie eine Brandung schaukeln ihr Brüste vor meinen Augen hin und her und auf und ab, perspektivisch vergrößert, ganz nahe und doch nicht greifbar, denn um wie jeder Eventualität einer GegenWehr von mir zuvorzukommen hat sie meine UnterArme ergriffen und nebem meinem Kopf fixiert. Die einzige Freiheit, die ich habe, ist zu stoßen und gestoßen zu werden und mir gelegentlich ihren Busen ins Gesicht klatschen zu lassen, wenn sie ihren Rücken weit genug durchbiegt.
Aus den AugenWinkeln sehe ich, daß Chmerm um die Ecke gekommen ist. Sie sieht uns, bleibt stehen und fährt fort, uns genau zu beobachten. Charmion stört das nicht. Warum soll es mich dann stören? Ich denke an die Hündchen auf der StraßenKreuzung in Lanzarote. So tun wirs, und wir tun es lang, und Charmion gibt nicht eher auf als bis ich nichts mehr auf der Welt, sondern nur noch ihren Körper sehe und fühle und diesen wie ein heißer Strom auffülle, so, wie das Gesetz es befielt, und dann ist es soweit, und schmerzhaft drücken unsere KörperTeile, wo wir am intensivsten vermischt sind, aneinander, es ist soweit, der Strom durchbricht aller Mauern, und jauchzet, frohlocket zum ersten, und es soll nur fortdauern, denn dafür würde ich alles tun, und ich greife mit meinen Lippen ihre BrustWarze wie um den AugenBlick zu halten, aber es dauert nicht fort und der AugenBlick läßt sich nicht halten, und die EntSpannung ist groß und die Leere dahinter weit.
Auch Charmion entspannt sich, richtet sich auf und sieht auf mich herab, die Augen voller Befriedigung.
"Es war schön." sage ich, noch außer Atem, unwürdig für einen AusdauerSportler, den ein paar periodische Bewegungen eigentlich nicht erschöpfen sollten.
"Ja, es war schön," stimmt sie zu, "aber wir müssen jetzt weiter. Hast du die Fackeln gefunden?"
Die Frage war an Chmerm gerichtet, die immer noch dabeisteht. Charmion steht auf und ich falle aus ihr heraus, immer noch sichtbar erregt. Von ihrer Erregung scheint nichts mehr übrig zu sein - so schnell ist sie fertig.
22.10 Chmerm
Chmerm läßt sich neben mir auf die Knie fallen. Das SchauSpiel hat sie offenbar nicht unbeeindruckt gelassen. Sie zeigt eine für eine GranitBeißerin mir ungewohnte Verwirrtheit. Es ist bei ihr eine Mischung von Erregung und Verdrängung des Verlustes, den sie mit dem Tod von Chechmirch erlitten hat. Ich kann mich nicht in sie hineinversetzen, und so beobachte ich sie nur passiv. Sie greift nach meinem triefend naßen Glied wie ein Kind nach einem SpielZeug: "Ich möchte jetzt auch ..."
Wie ein WirbelWind hat Charmion sich gebückt und aus dem Haufen ihrer Ausrüstung und Kleidung ihr Schwert herausgezogen. Es dauert nur MilliSekunden, und ein feiner, transparenter, zischender metallender Bogen ist in der Luft zu sehen. Dann spüre ich einen scharfen Ruck an meinem Penis.
"Nein!!" tönt der urweltliche Schrei von Charmion, "Der gehört mir!"
Der unterhalb des EllenBogens sauber abgetrennte UnterArm Chmerms fliegt über das Geländer in die Tiefe, sich überschlagend und torkelnd wie ein falsch geworfener Bumerang. Mit einer Mischung zwischen Sprachlosigkeit und Entsetzen starrt Chmerm auf ihren ArmStumpf. Und nicht nur sie:
"Wie kannst du ihr nur den Arm abschlagen?" frage ich Charmion.
"Wieso denn nicht? Gefällt sie dir etwa?" Ihre SchwertSpitze zeigt auf meinen Bauch. Vermutlich nicht zufällig.
"Sie hat doch überhaupt nichts getan!"
"Sie hat dich angefaßt. Das darf nur ich. Nicht einmal 'deine Frau' darf das, von jetzt an!"
Chmerm sieht immer noch bewegungslos auf ihren ArmStumpf. Sie versucht nicht, den pulsierenden BlutStrom, der aus ihm quilt, zu stoppen. Mein ganzer UnterKörper ist bereits von der tiefroten, warmen Flüssigkeit besprenkelt.
"Wie soll sie denn jetzt klettern?"
"Das ist mir doch egal." zischt Charmion. Sie ist dabei, sich wieder anzuziehen. Ich sehe inzwischen aus, als ob ich bis zum Bauch in Blut gewatet habe.
Ich wage nicht einmal, Chmerm verbal den Vorschlag zu machen, die Wunde abzubinden, aus Angst, Charmion könnte heftig reagieren. Chmerm selber kommt nicht auf die Idee. Ob das Absicht ist? Vielleicht weiß sie, daß eine Einarmige in dieser Welt sowieso nicht lange lebt.
Langsam steht sie auf. Charmion beobachtet sie lauernd. Chmerm hat ihr Schwert griffbereit an der Seite, aber ich bezweifele, daß sie gegen Charmion eine Chance hätte, insbesondere, weil es ihre rechte Hand ist, die sie verloren hat. Charmion hat ihr Schwert zudem noch draußen.
Chmerm sagt nichts. Ich habe von ihr auf dieser Excursion nichts erfahren und tue es auch in dieser Sekunde nicht. Ein schweres Schicksal ist auf sie niedergefahren, und alles, was sie tut ist still zur Seite zu treten. Auf das Geländer zu.
"Zieh dich an!" sagt Charmion zu mir, "Jetzt sehen wir uns die inneren Räume an!"
Chmerms Blut klebt ekelhaft an meinem Körper, aber mir bleibt nichts anderes übrig, als meinen Rock auch noch zu verschmutzen. So schmell werden wir kein Wasser zum Säubern finden, vermute ich.
Dann gehen wir über den GeländerWeg zum Haupteingang, den Chmerm geöffnet hat. Wir lassen Chmerm, die am Geländer steht und in die Tiefe sieht, zurück.
Das Innere des Gebäudes zeigt, daß es sich im wesentlichen um einen WerkzeugSchuppen handelt. Vielleicht könnte man das auch StraßenMeisterei nennen, wenn man diese Wege als 'Straßen' bezeichnen würde. Wahrscheinlich läßt sich auch hier eine VerteidigungsStellung gegen fliehende Gefangene einrichten.
Seile, Planken, EisenTeile, ein großer Vorrat an Fackeln, einige geschlossene Gefäße mit Flüssigkeiten, die beim Bewegen glucksen - vielleicht Farben, oder Öl zum Brennen.
Kerzen finde ich nicht, und weil ich das Xonchen-Wort dafür nicht kenne, kann ich auch nicht fragen. Vielleicht kennen die GranitBeißer auch keine Kerzen. - Eigentlich seltsam, fällt mir ein, denn Kerzen sollten bei dem hohen LuftDruck heller brennen als bei uns. Ideale LichtQuelle. Oder hält kein Docht das aus? Oder kennen die GranitBeißer keine geeigneten wachsähnlichen Stoffe?
Eine FallTür in den Raum unter uns. Aber ein kurzer Blick zeigt, daß dieser Raum leer zu sein scheint. Viel kann man in diesem HalbDunkel sowieso nicht erkennen.
Der hintere Teil dieses Raumes ist überraschend groß. Er ist wahrscheinlich in den Fels hineingehauen.
"Ich suche ein paar gute Fackeln aus." sagt Charmion, "geh du raus und hole Chmerm. Wir marschieren gleich weiter."
Ich tue wie befohlen. Aber als ich auf dem GeländerWeg um den äußeren Raum biege, finde ich Chmerm nicht. Auf den Planken des GeländerWeges ist ein obszön großer BlutFleck, und das Geländer ist an einer Stelle ebenso durchtränkt. Außer der Blutspur, die ich selber mit Chmerms Blut verursacht habe, gibt es jedoch keine weitere.
Neben der großen, schon antrocknenden BlutPfütze liegen Chmerms Schwert und ihr ProviantBeutel.
Ich beuge mich über das Geländer. Die WolkenDecke unter uns ist immer noch dicht. Natürlich ist nichts zu sehen.
Ich nehme Chmerms Sachen auf. Das zweite Schwert stecke ich zunächst nach SamuraiArt in meinen Gürtel, denn den TrageGurt für das Schwert hat sie mitgenommen. Dann kehre ich zurück.
Charmion hat inzwischen - ich weiß nicht wie - eine der Fackeln entzündet und ist dabei, eine zweite anzustecken. Diese Fackeln sind mit irgendeinem Öl oder Teer getränkt und brennen hell und rauchend.
"Sie ist gesprungen." sage ich.
"So?" murmelt Charmion. Es interessiert sie überhaupt nicht. Oder sie hat es erwartet.
Wie selbstverständlich wird dann der Inhalt von Chmerms ProviantSack zwischen uns aufgeteilt. Charmion sieht, daß ich Chmerms Schwert trage. Aber sie kommentiert das nicht weiter, auch als ich provisorisch den Teil der SchwertKlinge von Chmerms Schwert, der unter meinem Gürtel ist, umwickle, um nicht den Gürtel mit der Zeit zu durchschneiden.
Das Thema Chmerm wird auch nicht weiter verfolgt. Wir brechen sofort auf. Es ist 7:45 Uhr.
22.11 WendelTreppe
Zunächst betreten wir, nachdem wir die EingangsTür des Forts wieder geschlossen haben, einen horizontalen Stollen, der noch weiter in den Berg hineinführt. Der ist aber höchstens hundert Meter lang, bis wir zum Boden eines kreisrunden, vier Meter durchmessenden Schachtes kommen. In diesem Schacht ist eine rechtsdrehende, hölzerne WendelTreppe eingebaut. Der horizontale Stollen geht zwar noch weiter in den Berg hinein, aber wir kümmern uns nicht mehr darum.
Als wir beginnen, die WendelTreppe zu besteigen, merke ich erst, wie sehr das getrocknete Blut von Chmerm zwischen meiner Haut und dem Rock reibt. Das wird SchürfStellen geben, wenn ich nichts dagegen unternehme. Ich wersuche, das getrocknete Blut mit einer Hand so gut es geht abzubröseln. Mit der anderen muß ich ja meine Fackel halten. Es geht nicht ganz leicht, weil das Blut noch an einigen Stellen klebrig ist. Jedenfalls habe ich zu tun.
Charmion geht vor mir. Sie redet nicht. Ich mag mit ihr auch nichts reden. Vielleicht hätte ich vor ihr gehen sollen, um der ohnehin stickigen Luft in diesem Schacht nicht auch noch ihren KörperGeruch hinzuzufügen. Jetzt ekelt es mich wieder an.
Die Wände des Schachtes sind roh aus dem Fels herausgehauen. Ab und zu gibt es Vertiefungen, in denen StützBalken der WendelTreppe eingelassen sind. Andernfalls müßte diese ganze WendelTreppe ja auf ihrem MittelPfeiler ruhen, und ich glaube nicht, daß das Holz das aushält - so allmählich haben wir ja schon einige weitere hundert HöhenMeter unter uns gelassen.
Jedenfalls ist mir diese Art des VorwärtsKommens noch angenehmer als diese KletterSteige außen am Berg. Ohne Chmerms Blut an mir wäre es fast ein Genuß. Naja, nicht nur: ohne die Hitze, ohne die stickige Luft, ohne den TrageBeutel und ohne die Schwerter. Ich hätte früher nie gedacht, wie lästig es ist, dauernd ein oder zwei Schwerter mit sich herumzuschleppen.
Man kann die Höhe, die wir erreicht haben, schwer schätzen, und natürlich habe ich wieder nicht rechtzeitig daran gedacht, mitzuzählen. Das ärgert mich jedesmal.
Charmion ist zur Zeit nicht ganz auf der Höhe - ich habe sie lange Treppen vor nicht allzu langer Zeit ja schon viel schneller und trotzdem ausdauernd hinaufrennen sehen. Im Moment machen wir jede Sekunde bloß eine Stufe - also in fünf Sekunden einen Meter. Vielleicht eine Idee schneller. Das kann ich noch lange aushalten. Hoffentlich bleibt es bis zum OberFort so. Und rechnen kann man damit:
Es ist jetzt 8:30 Uhr. Wir sind also etwa 2500 Sekunden lang gestiegen, dann sollten wir ungefähr 500 Meter Höhe über dem Hängenden Fort gewonnen haben. Das sind 3500 Meter über dem MeeresSpiegel draußen. Oder etwa 7000 Meter unter der ErdOberfläche. Die allerdings kommt in meinen Gedanken kaum noch vor.
Wir kommen an eine Stelle, an der Stollen nach zwei gegenüberliegenden Richtungen abzweigen. Da wir uns aber seit mehr als einer halben Stunde beständig im Kreise drehen, haben wir nicht die geringste Ahnung, welche Richtungen das sein könnten. Wir folgen dem Schacht mit der WendelTreppe weiter.
Wie ich dachte, brütet Charmion über irgend etwas. Plötzlich hält sie an, dreht sich um und fragt:
"Würde man mich in eurer Welt einsperren?"
"Wegen Chmerm?"
"Ja."
"Ich weiß nicht," sage ich, etwas überfordert durch die plötzliche Notwendigkeit einer juristischen Erörterung, "der Fall ist kompliziert. Auf jeden Fall wegen schwerer KörperVerletzung. Das würde schon einige fünf mal fünf mal fünf Tage Kerker bringen. Vielleicht sogar fünf mal fünf mal fünf mal fünf."
'Kerker' klingt in der Xonchen-Sprache direkter als 'Gefängnis'. Was das StrafMaß betrifft, habe ich nicht die Absicht, jetzt mit Charmion solche Fälle zu erläutern, wo unsere Justiz dem Täter mehr Verständnis entgegenbringt als dem Opfer.
"Gewußt zu haben, daß sie springen würde, würde man dir vorwerfen. Vielleicht. Aber es würde sich nicht mehr auf das StrafMaß auswirken. Nicht direkt."
"Aber Chmerm wollte dich!" verteidigt Charmion sich.
"Na und? Du doch auch!"
"Ich bin die bessere Kämpferin!"
"Ist das Grund genug?" frage ich.
"Ja, natürlich. Bei euch ist es doch auch so!"
"Nein," sage ich, "unsere RechtsSprechung ist gerade dazu da, daß nicht überall das Recht des Stärkeren gilt!"
"Aber die, die euer Recht durchsetzen, sind doch die Stärkeren, denn sonst könnten sie das nicht tun! Also ist euer Recht das Recht des Stärkeren, denn das Recht ist das Stärkere! Andernfalls könnte man das Recht bei euch ja nicht durchsetzen. Oder etwa nicht?"
Weil ich nicht gleich antworte, dreht sie sich um und steigt wieder weiter, während ich noch an einer leicht faßlichen Antwort herumformuliere. Aber sie macht nicht den Eindruck, als wollte sie die Antwort hören.
"Jedenfalls hat sie nichts getan, was eine schwere Strafe verdient!" rede ich gegen Charmions Rücken, "Nicht das geringste. Sie war verwirrt. Und dann hat sie uns da bumsen sehen. Das hat sie völlig durcheinandergebracht. Ich weiß nicht, warum, aber so war es."
"Geil ist sie geworden." knurrt Charmion vor mir. Die Bedeutung des Wortes 'geil' in der Xonchen-Sprache erschließe ich nur aus Kontext und Tonfall. Ich habe es vorher noch nie gehört.
"Na und? Und was bist denn du gewesen?"
22.12 Charmions JähZorn
Wie ein WirbelWind hat Charmion sich umgedreht. Ehe ich weiß, was mit mir geschieht, liege ich auf den TreppenStufen. Meine Fackel poltert mir aus der Hand. Charmion ist über mir, eine Hand um meine Kehle, mit der anderen hält sie ihre Fackel unangenehm nahe an mein Gesicht. Mein eigenes Schwert bohrt sich mit dem Griff in meinen Rücken, und auch ohne das wäre meine Lage schon unbequem genug.
Charmions Gesicht ist tatsächlich wutverzerrt. Ein großer GegenSatz zu ihrer üblicherweise gezeigten Ausdruckslosigkeit. Sie schüttelt mich mit ihrem Griff um meine Kehle hin und her. Zeitweilig ist der Abstand zwischen meinem Gesicht und der Fackel nur noch wenige ZentiMeter. Ich spüre die Hitze im Gesicht. Jetzt braucht nur noch ein brennender Span abzuspringen, und ich habe es im Auge.
"Du, ich habe dir schon mal gesagt, wenn ich will, dann will ich! Ob Spielen oder totmachen, ich kriege, was ich will! Deine BesserWisserei sind hier nicht erwünscht! Deine Welt da oben interessiert hier nicht! Was bist du denn? Alles könnt ihr da angeblich besser! Aber du bist hier, und du bist ein Jämmerling! Du kannst dich nicht einmal festhalten, wenn man ein bißchen in den Bergen spazieren geht! Und wahrscheinlich gibt es deine Welt da oben auch gar nicht, und du versuchst nur, uns zu verwirren. - Lass mich haben, was ich haben will, und misch dich da nicht ein! Du bist bloß ein Mann, vergiß das nicht!"
Während der ganzen Zeit hat sie meinen HinterKopf rhythmisch auf die Stufen geschlagen.
"Du brennst mich!" stoße ich mühsam hervor. Keine Argumentation. Wenn eine Frau in dieser Stimmung ist, das weiß ich auch aus unserer Welt, dann ist Argumentation ohnehin nicht gefragt.
Sie sieht mir in die Augen. Langsam nimmt sie die Fackel gnädigerweise etwas weiter weg. - Wenn man mit ihr im Moment reden könnte, dann könnte man durchaus ihr letztes Argument einmal analysieren, denke ich mir. Ich soll mich nicht darin einmischen, wenn sie vergewaltigt, auch wenn es sich bei ihrem Opfer zufällig um meine eigene Person handelt!
Jedenfalls habe ich wieder etwas gelernt. Keine Belehrungen, nichts, was auch nur entfernt an Belehrungen erinnert. Das verträgt sie nicht.
Plötzlich sieht Charmion zur Seite:
"Feuer! Steh auf. Schnell!"
"Was?" frage ich. Mit ihrer Hilfe stehe ich rasch wieder auf den Beinen. Als ob ich nicht selber gehen könnte zwingt sie mich die nächsten Stufen der Treppe hinauf. Kaum kann ich einen Blick nach unten werfen.
Aber der genügt. Meine Fackel, die mir aus der Hand gefallen ist, ist zwei oder drei Windungen der WendelTreppe unter mir liegengeblieben. Der Licht- und RauchEntwicklung nach haben dort einige Stufen der WendelTreppe Feuer gefangen.
22.13 Flucht
Vielleicht könnte man es noch löschen. Wenn man sehr entschlossen handelte und Tücher oder Wasser zum Löschen hätte. DraufPissen wäre auch eine Möglichkeit. Vielleicht. Vielleicht ist das Holz der WendelTreppe im Innern auch so feucht und modrig, daß sich das Feuer ohnehin nicht verbreiten wird. Vielleicht ist es aber auch trocken.
Aber Charmion hat sich bereits dafür entschieden, auf keine dieser Möglichkeiten zu setzen. Sie sieht nicht einmal nach, ob das Feuer noch löschbar ist. Wir rennen weiter nach oben, diesmal sehr schnell, zunächst immer zwei Stufen mit einem Schritt nehmend. Ich habe keine Zeit, eine ErsatzFackel für mich anzuzünden.
Noch ist schon nach wenigen Metern weder Rauch zu riechen noch ein Zug wahrzunehmen. Aber mir ist nur zu klar, und wahrscheinlich auch Charmion, daß wir uns in einem ganz hervorragendem SchornStein befinden. Wenn die WendelTreppe ernsthaft Feuer fängt, dann werden wir wie mit einem gigantischen BunsenBrenner behandelt. Wenn dieser Schacht nicht bald zu Ende ist, dann haben wir keine Chance.
Ich stolpere gelegentlich, weil nur Charmion eine Fackel hat und deshalb die Stufen vor meinen Füßen sich immer im flackernden HalbDunkel befinden. Jede DoppelStufe bringt weitere 40 ZentiMeter zwischen uns und dem BrandHerd. Das sind vielleicht nur MilliSekunden, wenn sich der SchachtBrand erst richtig entwickeln sollte.
Immer noch ist kein Anzeichen dafür wahrzunehmen. Die Luft riecht stickig und modrig, und sie steigt auf jeden Fall langsamer als wir selbst. Wegen des schnellen Steigens sind wir in Schweiß gebadet.
"Wie lange noch?" frage ich. Charmion sagt nichts darauf. Wenigstens fragt sie mich nicht, ob sie mich tragen soll. Aber ihre Geschwindigkeit vermindert sie nicht. Also noch lange. Wenn wir diesen Schacht schon demnächst verlassen könnten, dann könnten wir uns auch ein geringeres Tempo leisten.
Allmählich glaube ich, daß wir doch noch einmal davongekommen sind. Das feuchte Holz hat das Feuer nicht ausreichend genährt und spätestens mit Abbrennen der Fackel ist es vollständig erloschen. Andererseits - die Fackel von Charmion brennt ja auch noch. Dann ist es vielleicht etwas voreilig, sich in Sicherheit zu wähnen.
Wir hätten auch, fällt mir ein, rasch am BrandHerd vorbei nach unten steigen und dort abwarten können, ob das Feuer wirklich ausbricht. Das wäre sicherer gewesen. Ja, man hätte sogar versuchen können, das Feuer zu löschen. Die Option, im MißerfolgsFall doch noch nach unten zu flüchten hätte es dann auch noch gegeben. Daß man auch immer in der momentanen Panik nicht alle Optionen sauber durchdenkt!
Aber Charmion hat sich für das unbedingte FortFühren der Excursion entschieden, warum auch immer. Nach allem, was ich weiß, ist dieses der einzige Weg nach oben, und wenn man ihn schon benutzen muß, dann besser, bevor er abbrennt.
Wir müssen schon viele hundert Meter über dem BrandHerd sein. Eigentlich müßten wir schon wieder langsamer gehen können, denn wenn dieser Schacht bis zum OberFort durchgehen sollte, dann gibt es nur einen Umstand, der uns retten könnte: Daß nämlich die WendelTreppe kein Feuer gefangen hat.
Aber Charmion verrät ihre Gedanken nicht, und so hetzen wir weiter. Die Flüssigkeit in den LabyrinthGängen unseres GleichgewichtsSinnes muß jetzt schon präzise mit derselben Geschwindigkeit kreisen, mit der wir uns um die MittelSäule der WendelTreppe bewegen: Die Rotation wird kaum noch wahrgenommen, dafür ist die ganze Motorik irgendwie merkwürdig durcheinandergekommen, da die FliehKräfte ja immer noch wirksam sind. Wie lange muß man leben, ständig eine WendelTreppe aufwärts rennend, um sich daran zu gewöhnen? Ist eine Welt mit solch langen WendelTreppen denkbar?
Charmion hält plötzlich an. Ich natürlich auch. Augenblicklich muß ich mich an der Wand abstützen, weil sich alles dreht. Charmion offenbar nicht, sie bringt das KunstStück fertig, freihändig zu stehen. Ob ihr GleichgewichtsSinn auch anders funktioniert als meiner? Oder ob sie die Wirkungen ihrer rotierenden LabyrinthGänge wegabstrahieren kann?
"Psst!" haucht sie. Mit angehaltenem Atem - schwierig genug nach der Aufwärts-Rennerei, aber man ist ja ein bißchen trainiert - lauschen wir. Kommt ein Wind von unten? Ist etwas zu hören? Ich würde beide Fragen verneinen, aber Charmion ist anderer Ansicht:
"Es brennt!" sagt sie, "Weiter."
Und weiter rennen wir die WendelTreppe rauf.
Es gibt keine weiteren Pausen. Irgendwann bin ich auch der Meinung, daß das geringe Maß an GegenWind, das wir durch unser AufwärtsRennen uns mühsam genug verdienen, nicht mehr so stark ist wie es sein sollte. Dann scheint er plötzlich ganz zum Erliegen gekommen sein. Und wenig später haben wir definitiv RückenWind.
"Schneller!" ruft Charmion.
"Schaffen wir es noch?" frage ich keuchend.
"Sicher."
Das ist ein Wort. Wenn Charmion es sagt.
Eine Zeitlang ist der Wind, der uns überholt, nahezu erfrischend. Dann fängt es an, erwartungsgemäß nach HolzRauch zu riechen. Bald wird es auch wärmer, oder ich bilde mir das nur ein. Noch wird die Abluft des Feuers ja durch hunderte von Metern von WendelTreppenSchacht unter uns von Rauch und Hitze weitgehend befreit. Tausende von QuadraMetern Holz- und FelsOberfläche sollten ordentlich SchwebeTeilchen absorbieren.
Aber dann wird es doch wärmer, und der Wind nimmt weiter zu. Der RauchGeruch wird stärker, und bald stellt sich auch der erste HustenReiz ein. Daß auch Charmion husten muß macht sie wieder menschlich. Wenigstens funktionieren ihre Bronchien so ähnlich wie meine.
Natürlich habe ich jetzt meine Visionen: Wir, erschöpft, unfähig, im Rauch zu atmen, durch immer weiter steigende HitzeGrade und HustenKrämpfe gelähmt, zusammengesunken und bewegungsunfähig. Ob noch 50 Meter WendelTreppenSchacht über uns sind, oder 500 ist kein Unterschied mehr. Wir können nicht mehr weiter, und aus der Tiefe wird bereits rote Glut sichtbar. Irene wird niemals erfahren, was aus mir geworden ist. Es sei denn, sie bleibt in dieser Welt, erreicht eine gewisse Stellung und kümmert sich irgendwann einmal um die GefängnisInsel Casabones. Vielleicht findet man den verkohlten Schacht, vielleicht kann sie zwei und zwei zusammenzählen, vielleicht findet man sogar unsere Knochen. Meine werden nicht von den Knochen eines GranitBeißers zu unterscheiden sein, und ich führe ja nichts mehr mit mir, was auf unsere Zivilisation hinweist. Nein, das stimmt nicht ganz: Die ArmbandUhr. Das ist aber auch alles. Ob sie von meinen UnterarmKnochen runterrutschen wird? Und wie wird es sein, im TodesKampf in der FeuerWolke, die die WendelTreppe heraufstürmt, Charmion nicht weit von mir, aber genauso mit dem Krepieren beschäftigt wie ich selbst? Gibt es noch ein paar unschöne Szenen, bevor wir gegrillt werden? SchuldZuweisungen? Oder sollten wir uns umbringen, weil ein Schwert im Thorax noch angenehmer ist als verbrannt zu werden?
Aber so wird es nicht. Das schlimmste bleibt uns erspart. Noch lange, bevor wir von dem Feuer unter uns überhaupt etwas sehen können, weichen die Wände des Schachtes plötzlich zurück. Die WendelTreppe ist nun in einem turmähnlichen Gerüst und ragt so in eine nachtdunkle Höhle hinein. In dem schwachen Schein von Charmions Fackel kann ich allerdings so gerade eben die Abmessungen dieser Höhle erkennen: Die Wände sind in allen Richtungen acht bis zehn Meter von dem WendelTreppenTurm entfernt, dabei handelt es sich in drei Richtungen um natürlichen Fels, in der vierten Richtung sieht die Wand wie gemauert aus. Diese vielleicht 15 Meter breite aber sehr viel höhere Mauer scheint leicht gebogen. Das kann aber bei dem schwachen Licht auch eine Täuschung sein. Trotzdem kann ich aber auch erkennen, daß die Mauer sehr präzise gefügt ist, und daß die Steine genau behauen sind.
Die Krümmung der Mauer ist keine Täuschung. Der WendelTreppenturm endet, und wir betreten eine Art AussichtsPlattform ohne jede Aussicht. Von dieser PlattForm führt ein schmaler Steg zu der Mauer. Wie immer in dieser Welt ohne jedes Geländer, und ich bin mir der 30 oder 40 Meter FallStrecke unter mir wohl bewußt. Charmion, die jetzt nicht mehr so hetzt, scheint die dunkle Tiefe gar nicht zu interessieren.
Die Luft ist jetzt wieder besser, da sich der Rauch aus der Tiefe mit mehr 'frischer' Luft vermischen muß. Das ist gut, denn auf dem schmalen Steg möchte ich mir keine HustenAnfälle leisten. Der DrehSchwindel macht das Begehen dieses Steges schon schwierig genug.
Der Steg trifft die Mauer an ihrem oberen Ende. Dahinter ist Wasser, nach einer nur eineinhalb Meter breiten Krone. Jetzt begreife ich es: Es ist eine StauMauer! Eine Höhle unbekannter Größe öffnet sich über dem See hinter der StauMauer. Charmions Fackel kann diese nicht ausleuchten. Ob diese StauMauer auch eine Leistung der Erbauer der Toten Städte ist?
Dann stehen wir auf der Krone der StauMauer. Vor dem Feuer sind wir jetzt wohl sicher. Deshalb sehen wir in die Tiefe, zum Fuße des WendelTreppenTurmes, wo das Licht der Fackel nicht mehr hindringt.
"Wie lange das wohl noch dauert?" frage ich mehr mich als Charmion.
"Nicht mehr lange." sagt sie kurz. Ist sie schon wieder eingeschnappt? Sie hat doch gerade erst ihren WutAnfall gehabt! Das Feuer ist der sichtbare Beweis dafür. Oder der in Kürze sichtbar werdende Beweis.
Es dauert aber noch einige Minuten. In diesen Minuten wird der RauchGeruch stärker, und ein warmer Wind scheint uns aus der Tiefe vor der StauMauer entgegenzuwehen. Der Geruch schwelenden Holzes zieht durch die Höhle, als ob wir uns einem riesigen Ofen befänden, der gerade angeheizt wird.
Dann hören wir ein fernes, gedämpftes Knistern und Knacken, darüber ein Rauschen. Vor uns, in Dunklen, gibt der WendelTreppenTurm die Geräusche von arbeitendem Holz von sich: Es knackt und knirscht. Wahrscheinlich bewegt sich die MittelSäule der WendelTreppe. Balken bewegen sich gegeneinander, die das vielleicht schon seit JahrHunderten nicht mehr getan haben. Und immer noch steht dieser WendelTreppenTurm, als ob diese vergangenen JahrHunderte eine Garantie für weitere JahrHunderte wären. Jemand mit einem pan-animistischen WeltBild würde dem Turm jetzt Angst unterstellen.
Dann entwickelt sich in wenigen Sekunden ein schwacher roter Schein am Fuße des Turmes. Nach einigen weiteren Sekunden sehen wir die ersten Flammen, und dann ist auch schon die ganze Höhle schnell von ihrem Licht und ihrer Hitze erfüllt. Von einem AugenBlick zum anderen steht der WendelTreppenTurm in einem brausenden, rotgelbem FeuerMeer, das ihn von unten her auffrißt. Im Schacht wäre jetzt kein ÜberLeben mehr möglich. Hätten wir uns mehr Zeit gelassen, dann wären jetzt meine Visionen von vorhin Wirklichkeit geworden. Aber wir leben noch. Die Kunst des ÜberLebens, Kapitel WegLaufen, Abschnitt Rechtzeitig.
Ich sehe Charmion von der Seite an. Denkt sie daran, daß das die Fackel war, die sie mir im JähZorn aus der Hand geschlagen hat? Aber sie läßt sich nichts anmerken. Unbeweglich starrt sie ins Feuer, und auch, als der WendelTreppenTurm in einer Kaskade von sprühenden Funken mit Getöse zusammenbricht, zuckt sie mit keiner Miene. Polternd fällt der Steg in die Tiefe. Zeitweise ist die Hitze hier auf der MauerKrone unangenehm groß.
Das SchachtLoch stößt noch mehrfach FeuerFontänen aus, die große Mengen von Asche und brennenden HolzResten mit sich führen. Aber es fällt auch viel in das SchachtLoch zurück. Vielleicht gewinnen schwere Aschen, die den Schacht auf Hunderte von Metern erfüllen, die Oberhand über die aufsteigende Heißluft, wenn sie jetzt beginnen, in die Tiefe zu stürzen. Egal wie, dieser Schacht ist als Weg raus oder rein versperrt.
Hoffentlich ist das nicht der einzig mögliche Weg gewesen.
Nach einigen Minuten mit Eruptionen wechselnder Stärke sinkt das Feuer immer mehr in sich zusammen. Wir können daran gehen, uns um das nächstliegende zu kümmern: wie geht es weiter? Ich sehe auf der Uhr, daß es erst kurz nach 9 Uhr ist.
22.14 Charmions Furcht
Wir zünden eine neue Fackel für mich an. Das dauert eine Minute, bis sie ordentlich brennt. Die ganze Zeit sieht Charmion die Fackeln an, um den Kontakt der Köpfe sicherzustellen - so, als ob sie diese RoutineAngelegenheit zum ersten Male macht. Mich sieht sie dabei nicht an. Interessant. Das leibhaftige schlechte Gewissen. Na warte, denke ich mir, dich lasse ich schmoren. So schnell bekommst du keine Absolution!
"Wie geht's jetzt weiter?" frage ich, etwas ungeduldig. Mir fällt ein, daß bei einem Feuer dieser GrößenOrdnung viel Holz mit zuwenig SauerStoff verbrannt sein muß, als in den späteren Phasen des Feuers schon WendelTreppenteile einstürzten und den DurchZug blockierten. Zuwenig SauerStoff heißt KohlenMonoxid. Ich weiß nicht, ob das Volumen der uns umgebenden Höhle groß genug ist, um eine gefährliche KohlenmonoxidKonzentration zu verhindern. Es riecht zwar nach Rauch, aber man kann noch gut atmen. Als ob der Rauch irgendwo abgesogen würde. Also nehme ich an, daß das Volumen dieser Höhle wirklich sehr groß ist.
"Einfach über den See rüber. Genauer hat man es mir auch nicht erzählt. Es sollen mal RaubSaurier im Wasser gewesen sein, um die Überquerung gefährlich zu machen, aber die konnten hier, in der Dunkelheit, nicht richtig leben. Das Füttern war zu aufwendig. Deshalb hat man es wieder gelassen, schon vor langer Zeit."
"Sicher?" frage ich.
"Sicher." Sie hält ihre Fackel hoch und leuchtet die MauerKrone ab und auf den See hinaus. Die MauerKrone schließt rechts und links direkt an die FelsWand an, die Öffnung zwischen dem See und dem Raum, in dem der WendelTreppenTurm gestanden hatte, hat die Form eines großen, geschwungenen Bogens über der MauerKrone. Die höchste Stelle dieses Bogens ist vielleicht acht Meter über uns.
"Ist dies vielleicht das WasserReservoir, aus dem dieser schräge Spalt, durch den wir geklettert sind, der mit der FührungsRille und den Schwertern, gefüllt werden kann?" frage ich.
"Weiß ich nicht." knurrt Charmion. Das hat sie auch nicht gerne: Dinge gefragt zu werden, die sie nicht weiß. Ist jedesmal eine kleine Niederlage. Niederlagen mag sie nicht. Da würde sie sich in einer IndustrieGesellschaft ganz gewaltig umstellen müssen.
Was sind das überhaupt für Überlegungen, denke ich mir. Charmion in unserer Welt da oben? Wie sollte sie denn dahin kommen? Wieso sollte sie das überhaupt wollen? In erster Linie wollen ich und Irene die Welt der GranitBeißer wieder verlassen. Ob wir da jemanden zum MitGehen bewegen wollen steht überhaupt nicht zur Debatte.
Ich lenke meine Aufmerksamkeit wieder auf den See. Die Höhle weitet sich über ihm aus, sowohl in der Höhe als auch in der Breite. Die Stelle, wo die Mauer gebaut worden ist, ist nur ein vergleichsweise schmaler Abschluß. Das sah man dem PilzBerg von außen überhaupt nicht an, was für interessante HöhlenSysteme er enthält!
"Es sollen Steine sein, auf die man treten kann!" erklärt Charmion, die beide Enden der Mauer absucht, "Aber ich kann nichts finden."
"Soll der weitere Weg denn am Ufer lang gehen, an der FelsWand entlang?" frage ich.
"Weiß ich nicht." antwortet sie gereizt.
"Ich frage nur, weil hier etwas ist!" Ich zeige in das Wasser direkt vor mir. Direkt vor der MauerMitte ist etwas im Wasser, aber es ist schwer zu sehen, weil das SpiegelBild der Fackel blendet, wenn man sie über das Wasser hält. Charmion kommt näher.
"Das muß es sein. Es sind TretSteine unter der WasserOberfläche, auf denen man entlanggehen kann."
"TretSteine? Das müssen ja Säulen vom Grunde des Sees sein! Oder ist der See so flach? Das kann doch nicht sein, so hoch wie die Mauer ist!"
"Weiß ich nicht!" schnaubt sie mich an. Dann ist sie sofort wieder still. Dreht sie mir durch? Aber warum denn? Sie ist doch mit dieser Welt vertraut, nicht ich. Und im Moment befinden wir uns ja nicht einmal in LebensGefahr.
Dann fällt mir ein, daß die Dunkelheit für sie vielleicht eine größere Belastung sein könnte als für mich - die GranitBeißer sind immerwährendes, wenn auch trübes TagesLicht gewöhnt. - Andererseits ist sie durch andere, nachtdunkle Stollen schon sehr zielsicher gestiegen. Wo ist der Unterschied? War, am Anfang dieser Excursion, die Welt für sie noch in Ordnung? Ich überlege mir, ob ich sie direkt fragen sollte, entscheide mich dann aber dagegen.
"Soll ich zuerst gehen?" schlage ich vor, "Es ist ja nicht gefährlich. Wir können schwimmen. Nur die Fackeln gehen aus, wenn wir ins Wasser fallen. Das sollten wir vielleicht vermeiden, daß uns beiden das zugleich passiert."
Charmion sieht mir ins Gesicht:
"Herwig, ich habe Angst!"
"Wovor denn?"
"Vor Chmerm!"
"Aber die ist doch tot!"
"Hast du sie springen sehen?"
"Nein. Glaubst du, sie hatte sich versteckt?"
Sie schüttelt den Kopf. Sie sieht sehr beunruhigt aus, fast fiebrig. Ist sie krank? Nebenbei, wie hoch steigt die KörperTemperatur bei einem GranitBeißer, der krank ist? Ob die überhaupt Fieber kriegen? Ich weiß die alltäglichsten Dinge nicht, trotz des umfassenden SprachUnterrichtes.
"Angenommen, sie ist nicht gesprungen," fahre ich fort, "dann muß sie den PilzBerg wieder verlassen, wenn sie nicht verhungern will. Wie soll sie das denn machen? Mit einer Hand? Auch, wenn sie den anderen Weg nimmt und die Ritze vermeidet - die KletterSteige, wie will sie die schaffen? Und hinter uns her ist sie auch nicht. Dann ist sie entweder in das Feuer geraten oder sie ist gar nicht erst da durchgekommen. Das ist jetzt ein langer Schacht voller glühender Asche. Und wir haben sie nicht herauskommen sehen, bevor das Feuer sichtbar wurde! Wir sind allein, glaub mir!"
"Wenn es nicht noch einen anderen Weg gibt."
"Dann ist es aber nicht sehr schön, daß man ihn uns nicht verraten hat. Und warum sollte gerade sie einen anderen Weg finden, behindert, wie sie ist?"
"Aber vielleicht kommt sie hinter uns her, weil sie tot ist!"
Ach du liebe Zeit. Das sieht nach metaphysischen Vorstellungen aus. Das erste Mal, daß ich bei den GranitBeißern etwas über solche Dinge höre.
"Glaubst du, daß jemand, der tot ist, noch herumläuft?"
Sie sieht mich nur an.
"Was glaubst du denn, was mit den Toten geschieht?" bohre ich nach.
"Eigentlich" sagt sie, "sollten sie verfaulen, wenn man sie nicht aufißt. Aber Sterben ist so wie weggehen. Die Körper sind noch da, aber es ist nicht mehr dasselbe. Es ist so, als ob die Toten irgendwohin gegangen sind."
Ich nehme sie in die Arme und sehe ihr in die Augen.
"Viele Menschen bei uns denken das auch. Sie wollen nicht akzeptieren, daß es ein absolutes Ende gibt. Es beleidigt ihren Stolz. Da läuft jemand ein ganzes Leben lang herum, handelt und spricht und verändert etwas an der Welt, und dann liegt er plötzlich nur noch da und verfault, und das ganze Gerede von der Überlegenheit des Menschen, von der Krone der Schöpfung ist nur noch stinkendes Fleisch wert. Die meisten Menschen können sich dieser Wahrheit nicht stellen. - Aber ich dachte, bei euch ist das anders! Ihr seid doch im Leben dem Tode viel näher - fast könnte man sagen, ihr seid die Gegenwart des Todes gewöhnt!"
Sie weiß nichts darauf zu sagen. Sie klammert sich an mich, und ich spüre, daß sie zittert. Was soll ich dummer VerstandesMensch denn da für Trost geben, wenn ich mich nicht einmal so in sie hineinversetzen kann, daß ich verstehen könnte, was sie bedrückt, und warum gerade jetzt?
"Man ist nur eine Zeitlang auf der Welt, und vorher und nachher sind unendliche ZeitRäume, in denen man noch nicht ist und nicht mehr ist. Die Welt findet ohne uns statt. Auch das wollen viele nicht wahrhaben. Sie glauben, das wäre eine Beleidigung dessen, was den Menschen zum Menschen macht. Die Beschränktheit in Zeit und Raum, die völlige Machtlosigkeit, bei all der Macht, die wir sonst haben. Als ob die Welt unser Dasein und Dabeisein nötig hätte!"
Sie versteht mich nicht. Ich rede irgendwie an ihr vorbei. Aber wie?
"Aber sie denken falsch. Hast du mir nicht selbst gesagt, wie natürlich der KreisLauf des Menschen und seines Körpers ist? Wir sind doch aus dem Stoff, aus dem all die andere belebte Natur gemacht ist! Wenn wir unseren Körper aufgeben, dann geben wir unsere BauSteine zurück. Zurück an den Rest der Welt, damit andere leben können: Saurier, Bäume, Tang, Schlangen, Menschen. Jeder hat seine Chance, ein Teil der Welt zu sein. Für eine gewisse Zeit."
Sie sieht sich um, nach hinten über den See, an mir vorbei nach unten, in die jetzt dunkle Höhle, wo der WendelTreppenTurm stand, als ob von dort Gefahr drohe.
"Und wir haben nur eine gewisse Zeit, so, wie wir auch nur einen gewissen Raum ausfüllen. Wir müssen uns damit abfinden. Die eine, unumstößliche Wahrheit im Leben. Wir sind hier und nicht dort, wir sind jetzt und nicht zu anderer Zeit, wir waren nicht, und wir werden nicht sein. Wenn wir mehr als das wollen, dann kann man nur hoffen, daß die, die nach uns kommen, etwas mehr erreichen - was immer es auch ist, das man erreichen kann. Vielleicht können wir ihnen eine bessere StartChance geben. Aber für uns fällt irgendwann der Vorhang, und dann haben wir unsere Rolle ausgespielt. Dann kommt nichts mehr. Kein RumGehen in der Welt, kein NachDenken, kein Erinnern, keine Gedanken, kein Abwägen, was war gut und was war schlecht, kein Bedauern, kein Stolz, keine Trauer, keine Freude. Es ist wirklich Schluß. So, wie es für Chmerm jetzt schon der Fall ist. Sie denkt nicht mehr an ihren Tod. Sie spürt nichts mehr. Sie bedauert nichts mehr. Sie haßt dich nicht mehr, wenn sie das jemals im Leben getan hat. Sie wird dich nicht - heimsuchen. Das grosse Vergessen vergibt alles, und die Zeit deckt alles zu. Sei froh, daß es so ist. Es wäre sonst noch zu viel von dem Schlechten, was Menschen getan haben, in der Welt, zuviel unbeglichene Rechnungen und GegenRechnungen."
Sie hat mir sprachlos zugehört. "Du kannst so seltsam schön reden," sagt sie jetzt, "das ist merkwürdig. Unsere Sprache kannst du immer noch nicht so richtig, aber du sagst Dinge, die ich nicht verstehe. Oder du redest über dieselben Dinge, aber du siehst sie ganz anders!"
"Vielleicht verstehe ich auch nicht alle Dinge!" sage ich ihr, "Das habe ich nie behauptet. Und ich behaupte auch nicht, daß meine Art, die Dinge zu sehen, die einzig richtige ist. Es ist nicht so, daß es falsch ist, Menschen zu essen, bloß weil sich in mir alles dagegen sträubt. Es ist nicht so, daß es unbedingt falsch sein muß, wenn in eurer Welt die Männer rechtlose Geschöpfe sind, obwohl ich leidenschaftlich dagegen kämpfen sollte. Vielleicht ist das alles für euch richtig. Ihr habt auf die Frage des Lebens und des Überlebens eine andere Antwort gefunden, die sich mit unseren Antworten nicht verträgt. So wenig verträgt, daß ich glaube, daß meine Leute und deine Leute besser niemals aufeinander treffen sollten. - Vielleicht wäre ich selbst besser nie hier herunter gekommen, zu euch."
Sie schüttelt unmerklich den Kopf.
"Weißt du, für mich ist das Leben ein ungeheures Rätsel." fahre ich fort, "Da sind wir in der Welt, und durch einen Zufall in der Entwicklung des Menschen haben wir genug Gehirn im Kopf, um zu begreifen, daß da eine gigantische Frage hinter allem ist. Die Frage nach dem Sinn, den Woher und dem Wohin und dem Warum, und warum so und nicht anders. Wir haben genug Hirn, um diese Frage zu ahnen, aber wir haben nicht genug Gehirn, um die Antwort zu finden. Ich finde, daß das eine Zumutung ist, aber es ist so. Niemand gibt uns eine Antwort. Man läßt uns völlig allein in dieser Welt. Wie Kinder, denen man vergessen hat, zu sagen, was wichtig und was richtig ist, und wo der Weg ist, und wie das Ziel heißt. Und deshalb sollten wir auch von selbst und aus uns selbst heraus erwachsen sein und nicht die Dinge wollen, die wir nicht und niemals bekommen können. Die eine, alles umfassende Antwort. Solange wir leben, bekommen wir sie nicht. Was dann kommt, das habe ich dir eben gesagt, was ich darüber glaube. Manche glauben, nach dem Tode erhielte man diese Antwort. Ich glaube das nicht. Es wird diese Antwort nicht geben. Für dich nicht und für mich nicht."
Sie legt den Kopf an meine Schulter, und es ist an mir, beide Fackeln so von uns weg zu halten, daß wir uns nicht brennen.
"Und weil ich das nicht glaube, ist für mich das Leben ungeheuer wertvoll. Es gibt nichts anderes. Mein Leben, das Leben meiner Frau, dein Leben. Auch Chmerms Leben, und das von Chechmirch und Chrwerjat. Aber es stand nicht in unserer Macht. 'Der Herr über Tod und Leben hat es genommen wie er es gegeben.'"
"Welcher Herr?" fragt sie.
"Vergiß es. Diesen Herren über Tod und Leben, das ist eine der Antworten, die meine Leute da oben sich ausgedacht haben. Aber die Antwort ist voreilig. Nimm es als ein Bild. - Wir sind noch auf dem Weg. Wie können wir behaupten, das Ziel zu kennen, wenn wir nicht einmal wissen, ob es ein Ziel gibt? - Es gibt keine Herren über Tod und Leben. Sei lieber froh, daß du lebst, und versuche, am Leben zu bleiben. Darüber hinaus kann man sich manchmal den Luxus leisten, auch anderen LebeWesen das Leben zu retten oder zu erleichtern. Wenn die Umstände es zulassen. Aber erst dann. - Und aus diesem Grunde hätte ich es lieber, wenn Chrwerjat, Chechmirch und Chmerm noch am Leben wären."
Eine Weile sagen wir gar nichts. Dann:
"Hast du noch Angst?" frage ich.
"Ich weiß nicht," sagt sie. "Es ist so seltsam mit dir. Es ist überhaupt alles so seltsam. Früher, als meine Mutter noch lebte, da war alles so sicher. Ich war geborgen, und ich wollte stark werden, damit ich Geborgenheit zurückgeben konnte. Ich lernte, mit Waffen umzugehen, und wie man die großen Saurier bezwingt. Ich lernte, schneller und gewandter als alle anderen zu sein. Ich lernte auch Technik und BauKunst. Aber dann ist meine Mutter bei einem WettKampf umgekommen, und ich war plötzlich allein. Und seitdem ist alles so in Bewegung. Nichts ist sicher. Sicher, ich bin stärker und klüger als die meisten, aber das kann mir nicht immer helfen. Das Leben nimmt immer neue, unerwartete Wendungen! Und es braucht doch nicht viel, daß alles zu Ende ist. Ein kurzes Stück Eisen zwischen die Rippen, ein ausbrechendes Stück Fels in einem SteilHang. Es ist alles so unsicher!"
"Aber das geht doch nicht nur dir so!" sage ich, während ich ihr über das verklebte Haar streiche, "Das ist bei uns genauso. Jeder Mensch, der heranwächst, erlebt das. Die Welt ist nicht nach unseren Wünschen gestaltet. Nicht einmal über unsere Wünsche haben wir Macht. Nicht einmal über uns selbst. Ein Dichter hat einmal gesagt, wir werden getrieben vom Strom des Lebens, das Leben ist in uns und es brennt in uns, es will heraus, es gibt keinem Rechenschaft, warum es ist und warum es will. Wir haben keine Macht. Nicht die Macht, um zu erzwingen, am Leben zu bleiben, und nicht die Macht, zu entscheiden, ob wir am Leben bleiben wollen oder nicht. - Wir haben nicht einmal die Macht, zu entscheiden, wen wir lieben wollen oder nicht, und wann die Liebe beginnt und wann sie aufhört."
Sie nickt, als ob sie mir folgen kann und zustimmt.
"Du bist nicht allein, Charmion! Unzählige vor dir haben das gefühlt. Legionen. Niemand, der denken und empfinden kann, trägt die Last des Lebens leicht. Da mußt du durch. Erst, wenn du weißt, was in deiner Macht liegt und was nicht, und was besser nie in deiner Macht liegen sollte, erst, wenn du das weißt, dann bist du innerlich so stark wie du es jetzt schon körperlich bist. Dann bist du sogar so stark, daß du im Alter gefaßt deinen verfallenden Kräften zusehen können wirst."
Ich gebe ihr einen Kuß auf die Stirn:
"Aber das ist für dich noch lange hin! Du bist noch jung und schön! - Gehen wir jetzt weiter?"
"Ja!" sagt sie. Auf das Kompliment reagiert sie, als ob ich es nicht gesagt hätte. Unweiblich, nach unseren Begriffen - es ist für sie nicht wichtig, ob jemand sie 'schön' findet und das auch sagt. Sie drückt mich fest: "Spielen wir nachher noch einmal miteinander? Ich meine, wenn wir oben sind?"
"Sicher!" sage ich. Was für ein FortSchritt: sie fragt und holt sich nicht einfach, was sie will. Und wie KnetGummi in ihren Händen will ich, was sie auch will. Schweig stille, mein Gewissen.
Manchmal, wenn man sehr persönliche Überlegungen anderen erläutert hat, dann hat man eine Art KatzenJammer. Da sind Gedanken unfertig und irgendwie doch nicht richtig und deshalb verdreht ausgedrückt worden, und darunter ist vielleicht auch einiges, was man besser nicht hätte sagen sollen. Diesmal empfinde ich das nicht so, aber vielleicht liegt das auch daran, daß Charmion nicht alles verstanden haben kann - da kann ich von manchen Schnitzer einfach annehmen, er sein nicht angekommen.
Wir sehen uns das Wasser vor der MauerMitte genau an, die Fackel so haltend, daß ihr SpiegelBild im Wasser nicht alles überstrahlt.
"Es sind TretSteine, etwa einen Fuß im Quadrat groß und einen Fuß unter Wasser. Aber ich kann nicht erkennen, worauf sie liegen." stelle ich fest.
"Es macht Sinn," sagt Charmion, jetzt wieder ganz sachlich, "denn wenn es früher mal geplant war, durch gefährliche Tiere im Wasser den DurchMarsch zu hindern, dann ist es besonders einfach, wenn man fliehende Gefangene zwingt, durch das Wasser zu waten. Das Geräusch würde sie anlocken!"
"Und wie kommen die Leute durch, die dazu berechtigt waren?" frage ich. Charmion weiß es auch nicht.
"Jedenfalls sind jetzt ja keine Saurier mehr da." stelle ich fest, "Also ich zuerst."
"Nein," sagt Charmion, "ich zuerst. Du bist nicht schnell genug, wenn etwas Unerwartetes passiert."
Sie hat ja recht. Ich sehe zu, wie sie in das Wasser steigt und mit weitem Schritt den ersten TretStein erreicht. Dann tritt sie auf den zweiten.
22.15 Das TentakelMonster
"Glitschig." sagt sie, und noch einen Vergleich, wie glitschig es ist. Ich verstehe ihn nicht, aber es muß ein obszöner anatomischer Vergleich gewesen sein. UmgangsSprache. Naja. Ich bin dran.
Das Wasser ist urinwarm, wie alles in dieser Welt. Wenn ich mir von dem FußBad irgendeine Art von Erfrischung versprochen habe, dann wird diese Erwartung spätestens jetzt enttäuscht.
Wenn man vorsichtig ist, dann ist diese Art der FortBewegung relativ ungefährlich. Man hält die Fackel weit seitlich, damit ihr SpiegelBild nicht gerade genau auf dem TretStein liegt, den man als nächstes betreten will. Die TretSteine haben alle horizontale OberFlächen. 30 mal 30 ZentiMeter sind genug Platz. Wir gehen etwa zwei Meter voneinander entfernt hintereinander. Das Wasser ist sehr klar - auch wenn man mit Wasser dieser Temperatur wieder eher ein trübes Medium verbindet, aber meine eigenen Erfahrungen gehen in der Welt der GranitBeißer ja dauernd daneben.
Da ich die Information, daß hier im Wasser keine Tiere mehr zu finden sind, für absolut zuverlässig halte - wie sollten LebeWesen sich hier halten, ohne Licht oder Fütterung? - habe ich in dieser Richtung am allerwenigsten Befürchtungen. Deshalb bin ich auch mehr überrascht als erschrocken, als sich nach etlichen Minuten - längst sind die FelsWände, die den See begrenzen, nicht mehr in der ReichWeite unserer Fackeln - plötzlich zwischen uns aus einer Lücke zwischen den TretSteinen eine saugnapfbewehrte Tentakel erhebt und nach Charmion greift.
Noch bevor Charmion berührt wird ist meine SchreckSekunde vorbei. Herwig, tu jetzt mal was richtiges! Diese Erkenntnis rollt wie eine nichtverbale Welle durch meinen ganzen Körper. Mein Schwert ist draußen als ob ich mein ganzes Leben nichts anderes getan hätte. Wie gut, denke ich, oder denke ich auch nicht, daß ich die Fackel gerade in der linken Hand halte!
Ein Sausen in der Luft, und ich habe das Ding abgetrennt. Der Stumpf zieht sich zurück, während Charmion sich überrascht umdreht. Gerade noch sieht sie die abgetrennte Tentakel ins Wasser plumpsen. Von meinem Schwert tropft eine bleiche, zähe, jedenfalls nicht rote Flüssigkeit.
"Es ist doch etwas da!" sage ich, "Vielleicht lockt sie das Licht an!" Dabei ziehe ich die Klinke zischend durch das Wasser, um sie zu säubern.
"So." sagt Charmion. Ohne sonderlich beunruhigt zu sein hat sie ihr Schwert im AugenBlick ebenfalls draußen. Aber es passiert zunächst nichts mehr.
"Ich verstehe nicht, wie hier etwas leben kann," sage ich, mehr zu mir selbst. Einen Zufluß halte ich für unwahrscheinlich - wir müssen uns noch tausend Meter unter der OberFläche von Casabones befinden. Vielleicht Abwässer, die genügend NährStoffe hinunterbringen, so daß manche LebeWesen sich hier noch halten können. Wir können das jetzt nicht herausfinden. Aber wir müssen auf der Hut sein.
"Achte auch auf das Wasser hinter dir!" sagt Charmion. Das braucht sie mir nicht zu sagen. Für mich ist die Situation etwas ungünstiger als für sie, weil ich sie beim Marschieren dauernd vor mir sehe, sie aber nicht mich. Ich muß schon selber dauernd hinter mich schauen. Habe ich endlich einmal die Gelegenheit, von uns beiden den gefährlicheren Teil der Aufgabe zu übernehmen!
Aber so gefährlich ist die Sache nicht. Jetzt, wo wir gewarnt sind, stellen wir fest, daß sich diese Tiere nicht sehr schnell bewegen. Noch einige Male in den nächsten Minuten taucht so ein SaugnapfArm auf, meistens zwischen uns, zweimal hinter mir, einmal vor Charmion. In allen Fällen schlagen wir das Ding ab. Ich sogar einige mehr als Charmion! Wie das Tier in seiner Gesamtheit aussieht bekommen wir nicht zu sehen.
Da wir sowieso schon im Wasser stehen, benutze ich schließlich die Gelegenheit, mich vollständig von Chmerms Blut zu säubern. Ein weitergehendes Bad täte uns beiden gut, aber dafür sollten wir ein anderes Gewässer abwarten.
Es ist 10:50 Uhr, als sich vor uns ein FelsenUfer aus der Dunkelheit herausschält. Außerdem sehe ich in den letzten Minuten gelegentlich bis zum Grund des klaren Wassers - wir haben einen weniger tiefen Teil des HöhlenSees erreicht, und die Angriffe der SaugnapfTentakeln hören völlig auf. Andere LebensFormen - Algen auf dem Grund, kleine WasserTiere - sind nicht zu sehen. Keine Ahnung, wovon die SaugnapfArm-Tiere leben.
Immerhin ist die Anlage leicht zu begreifen: Wer immer sich hier fortbewegt, ist auf einer langen Strecke gezwungen, im Wasser zu waten und mit den dabei entstehenden platschenden Geräuschen wirklich gefährliche Tiere anzulocken, wenn welche da sein sollten. Ich glaube nicht, daß die Anwesenheit der Tentakel-bewehrten Tiere jemals geplant gewesen ist. Zu langsam, um einem vorgewarnten Menschen ernsthaft gefährlich zu werden. Die sind sicher später hier eingewandert.
Die GesamtHöhle verengt sich so weit, daß wenigstens die FelsWände rechts und links wieder in den Bereich unserer Fackeln kommen. Der See wird jedoch noch schmaler als die Höhle und läßt auf beiden Seiten ein zunehmend breiteres Ufer frei. Wir steigen aus dem Wasser und können nun viel bequemer weitergehen.
Der Rest des Sees hat sich bald zu einer Rinne von knapp einem Meter Breite und ebensolcher Tiefe verdünnt. Es sieht wie ein tiefer Bach mit stehendem Wasser aus. Man kann bequem hinüber und herüber springen. Ich kann nicht erkennen, ob dieser Bach auf natürliche Weise durch Erosion entstanden ist - dann müßte er ja zu Zeiten fließen - oder ob er künstlich ausgehoben wurde.
Wir kommen rasch vorwärts. In einigen Stunden ist es Zeit zum Schlafen, und wir möchten, daß wir bis dahin vielleicht sogar das OberFort erreichen. Dann haben wir wenigstens die Besteigung des PilzBerges hinter uns.
Außerdem möchte ich mit Charmion schlafen. Es ist schlimm: Wenn der SexualInstinkt sich erst ein Ziel ausgesucht hat, dann haben alle anderen Erwägungen praktischer oder 'moralischer' Natur SendePause. Überhaupt ist es so, daß ich mich seit knapp drei Wochen wie in einem Traum oder einem AbenteuerRoman fühle - jedenfalls so, als ob ich ein ganz fremdes Leben lebe. Gerade jetzt, wo Irene weit weg ist, wo überhaupt das Einzige, was an die Zivilisation erinnert, nämlich meine digitale ArmbandUhr, bei flüchtigem Hinsehen auch noch für ein SchmuckRing gehalten werden könnte, wo ich mich selbst in jeder anderen Hinsicht äußerlich nicht mehr von einem Bewohner dieser Welt unterscheide, wo ich auf viele Aspekte meiner Existenz nicht mehr den geringsten Einfluß habe, wo hingegen mehr mein früheres Leben eine traumartigere Qualität gewinnt als mein jetziges, gerade jetzt fühle ich mich allen Prinzipien, die früher mein Leben bestimmt haben, weit entrückt.
Es ist nicht mehr notwendig, jeden Tag diszipliniert zur Arbeit zu gehen, um eventuell sehr nutzlose Dinge ineffizient zu erledigen, sondern es ist, in variablen ZeitAbständen, notwendig, sich effizient seiner Haut zu wehren. Es ist nicht mehr vollkommen nebelhaft, ob das, was man tut, richtig ist, eine Erfahrung, die wohl jeder in einem GroßKonzern gelegentlich macht, sondern es wird unmittelbar klar, ob man das momentane KlassenZiel erreicht: überleben oder nicht. Es gibt hier keine langfristigen Strategien, die den Rhythmus des Lebens in unserer Welt da oben bestimmen: Keine VermögensBildung. Kein weiterer KompetenzAufbau in den Dingen, die man in der Branche so braucht. Kein RumÄrgern mit der EinkommenssteuerErklärung, kein BeiseiteLegen von Belegen, keine VersicherungsPlanung, keine RentenBerechnung. Nein, was jetzt zählt ist die unmittelbare Bewährung.
Wie in dieser Welt eine langfristige LebensPlanung aussehen soll ist mir unklar. Die meisten GranitBeißer leben ja nicht lang - die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Also wird so etwas wie eine langfristige LebensPlanung für einen GranitBeißer oder eine GranitBeißerin ein sehr seltsames Konzept sein.
Das alles beeinfußt alle Werte. Wie sehr die AußenWelt das BewußtSein formt! Bin ich überhaupt noch ich, bei diesen Änderungen des Ich? Was ist der kleinste gemeinsame Nenner? Etwa der, daß ich Irene wieder treu sein werde, sowie es uns gelungen sein wird, in unsere Welt zurückzukehren? Daß aber jetzt der AusnahmeZustand herrscht? Ist mein Ich jetzt ein anderes?
Ich habe mal eine Definition des Ichs von Popper gelesen, die auf eine nachvollziehbare Kontinuität des Erlebens und eine dadurch bedingte Kontinuität des Ichs hinausläuft. Es ist so, daß sich in jedem Moment Erinnerungen aus dem BewußtSein in das Vergessen hinein abseilen, aber immer noch, je nachdem, wie lange sie zurückliegen, wieder hervorgerufen werden können. Diese Anbindung an die eigene Vergangenheit bewahrt das Ich vor dem Zerfall in zeitlich getrennte Stücke. Diese Stetigkeit der Änderungen aller Umstände, das MitSchleppen der Erinnerungen an die Umstände, die mal waren. Deshalb gibt es eine stetige Verbindung zwischen all den Ichs, die ich mal war, bin und je sein werde. Deshalb bin ich noch der, der ich auch vor einer Minute war, oder vor einer Stunde, oder der, der ich in einer Stunde sein werde. Nur langsam und kontinuierlich verändert Lernen und Vergessen das BewußtSein.
Aber nicht alles wird vergessen. Bestimmte KindheitsErinnerungen oder auch traumatische Erlebnisse bleiben und machen ein bestimmtes BewußtSein so unverwechselbar und unterscheidbar von allen anderen. Gewissermaßen die BergRiesen am BewußtseinsHorizont, die man von überall sieht, und die der Landschaft ihr unverwechselbares Gepräge geben, auch, wenn sie sich dauernd weiter entfernen.
Wir aber sind vor drei Wochen leichtsinnig in einen HöhlenSpalt hineingegangen, und von da an war alles anders. Von da an sind alle Verbindungen zur eigenen Vergangenheit gebrochen, und im Moment sogar die bloße Möglichkeit, wieder dorthin zu gelangen. Es ist wie das Einfliegen eines RaumSchiffes in ein Schwarzes Loch: Die lokale RaumzeitStruktur ist die ganze Zeit immer noch die vertraute, aber nachdem man den EreignisHorizont hinter sich gelassen hat ist der RückWeg für immer versperrt. Unser EreignisHorizont war irgendwo auf dem Abstieg in die Welt der GranitBeißer. Unser EreignisHorizont, der auch die Schwelle für ein neues Ich erzwang. Denn unser altes Ich ist nicht für diese Welt gemacht. Und die unverwechselbar persönlichen Erinnerungen 'passen plötzlich nicht mehr'.
Bin ich eigentlich, jetzt, mit meinem neuen Ich, eifersüchtig, wenn ich mir jetzt vorstelle, daß auch Irene jetzt einen anderen SexualPartner hat? Ich glaube nicht. Ich darf es auch nicht, der Symmetrie wegen. Und ich darf es nicht, weil sie vielleicht auf diesem Wege ihre ÜberlebensChancen erhöht. Ja, so geht das Argument: ÜberlebensChancen erhöhen. Wir müssen uns gegenseitig GeneralAmnestie geben, solange wir hier unten sind. Solange wir jemand anders sind. Dann, wenn wir wieder oben sind, werden wir wieder die alten. Hoffentlich.
Jetzt aber möchte ich Charmion. Am liebsten gleich - etwas in mir ist auf den Geschmack gekommen.
Die HöhlenWände weichen wieder von uns zurück. Der stillstehende Bach geht quer durch diese HöhlenErweiterung hindurch. Er macht eine Biegung, um die Mitte dieses Raumes zu vermeiden. Dann verschwindet er in einem niedrigen Loch in der hinteren HöhlenWand. Rechts daneben ist das Loch eines dunklen Tunnels, der in die Richtung weiterführt, die wir bisher schon gegangen sind.
In der Mitte des Raumes ist eine drei Meter durchmessende Grube, die sich aber mit Wasser gefüllt hat, das genauso hoch steht wie der Bach außen. Wie tief diese Grube ist kann ich nicht erkennen.
Mitten in dieser Grube stehen zwei HolzBalken, dicht nebeneinander, in einem Abstand von vielleicht dreißig ZentiMeter. Ihre QuerSchnitte sind etwa 4 mal 10 ZentiMeter. Nach oben verschwinden diese HolzBalken aus dem LichtBereich unserer Fackeln. Die HöhlenDecke ist, wie bisher auch schon, nicht zu sehen.
Dann fällt mir noch etwas auf. Ich habe es nicht gleich gesehen, weil wir erst um die beiden Balken herumgehen: alle vier Meter gibt es ein keilförmiges Stück Holz, das an dem Balken befestigt ist.
"Ich weiß nicht, wie es weitergeht, ich weiß nur, daß es weitergeht." gibt Charmion zu, "Entweder wir folgen dem Bach noch weiter, oder wir müssen hier nach oben. Ich weiß nur nicht, wie."
Die HolzBalken erinnern mich an etwas. Ein uralter AngstTraum aus meiner Kindheit:
"Es ist eine FahrKunst!" rufe ich aus.
"Eine was?"
"Eine FahrKunst!" Aufgeregt erkläre ich Charmion, was das ist.
22.16 FahrKunst!
Wahrscheinlich ist die Einrichtung einer FahrKunst in der Welt der GranitBeißer nicht sehr verbreitet. Die meisten Menschen bei uns oben kennen diese einfache technische Vorrichtung auch nicht mehr. Um so überraschender ist es, daß wir hier so etwas vorfinden!
Man hat diese Einrichtung in früheren Zeiten im OberHarzer BergBau verwendet, um BergLeuten zu ermöglichen, schnell in die Tiefe der Schächte und wieder zurück nach oben zu gelangen. Das war lange bevor der FörderKorb in den BergBau eingeführt wurde.
Es geht so: Wasser treibt ein WasserRad an. Damals hatte man noch keine andere Quelle mechanischer Energie in der benötigten Menge. Dieses WasserRad treibt über eine PleuelstangenKonstruktion eine hölzerne Wippe an - wie überhaupt das KonstruktionsMaterial der ganzen Einrichtung im wesentlichen Holz ist. Die Größe dieser Wippe ist so berechnet, daß die Enden um etwa zwei Meter auf und ab wippen. Das geschieht in einem einige Sekunden langen Turnus, wenn das WasserRad beschickt wird.
Diese HolzWippe befindet sich über einem Schacht. An beiden Seiten der Wippe ist jeweils ein langes HolzGestänge aufgehängt. Diese oft einige hundert Meter langen HolzGestänge werden über Gelenke nahe zusammengeführt, bevor sie parallel und nahe beieinander in den Schacht hinunterhängen. Wenn die Wippe in Betrieb ist, werden diese HolzGestänge im GegenTakt auf und ab bewegt, mit einer Amplitude von drei bis vier Metern gegeneinander.
Der Rest der Konstruktion sind HolzTritte, die in regelmäßigen Abständen an dem HolzGestänge angebracht worden sind. Dabei sind die Positionen dieser Tritte so bemessen, daß sich jeweils Tritte an beiden Stangen gegenüberstehen, wenn diese bei ihrem Auf und Ab die ExtremPositionen erreicht haben.
Die Benutzung dieser FahrKunst ist ganz einfach: Man tritt auf einen Tritt an der Stange, die sich im nächsten Zug abwärts bewegen wird. Damit legt man drei bis vier Meter zurück, bis die betreffende Stange in ihrer unteren ExtremPosition ist. Dann tritt man flink auf den gegenüberliegenden Tritt an der anderen Stange hinüber. Der ist nämlich gerade in seiner oberen ExtremPosition. Mit dem fährt man in den nächsten Sekunden die nächsten drei bis vier Meter in die Tiefe. Dann wechselt man wieder zurück, und so weiter. Wenn man mit einer FahrKunst nach oben will, geht es genauso.
Natürlich ist es nicht ganz ungefährlich, und es sind auch seinerzeit viele BergLeute verunglückt. Einen Moment der Unachtsamkeit, und schon ist es passiert. Eigentlich ist es kein Wunder, daß die FahrKunst in der Welt der GranitBeißer auch erfunden wurde - bei der Immunität gegenüber allen Situationen, die unsereinem HöhenSchwindel in seiner puresten Form verursachen.
Ich erinnere mich, daß ich als kleiner Junge die FahrKunst in einem Clausthaler BergwerksMuseum das erste Mal gesehen und begriffen hatte. Der Angestellte des Museums, der das Gerät an einem Modell in natürlicher Größe erklärte, muß mich damals fürchterlich erschrocken haben, weil er andeutete, wir müßten das Ding auch benutzen. Wegen meiner geringen KörperGröße konnte ich damals nicht sehen, daß das Loch im Boden gar nicht der Eingang zu einem echten Schacht war. Deshalb war meine Angst echt, und noch lange Zeit danach erschien mir die FahrKunst als eine ganz schreckliche Einrichtung.
Natürlich habe ich bis heute noch nie eine wirkliche FahrKunst benutzt, noch damit gerechnet, dies je tun zu müssen. Aber jetzt hier, an diesem Ort, diese Konstruktion wieder vorzufinden ist eine angenehme Überraschung - die FahrKunst ist etwas Vertrautes aus der Welt da oben.
Charmion findet nichts Schreckliches daran, als ich ihr den Mechanismus erkläre. Sie kennt ihn noch nicht, aber sie ist ganz begeistert von dieser Methode.
"Eine tolle Sache," sagt sie, "hat sich das etwa auch ein Mann ausgedacht?"
Diplomatisch bleiben. "Vielleicht war es in eurer Welt eine Frau. Bei uns war es sicher ein Mann."
So weit so gut. Eine FahrKunst, die sich nicht bewegt, nützt uns nichts. Entweder, es gibt hier irgendwo eine Steuerung, um die FahrKunst in Betrieb zu nehmen, oder dies ist nicht der Weg hinauf. Wir suchen die Höhle weiter ab. Es kann der Weg hinauf sein, es muß nicht. Schließlich waren die Mittel, auf den GefängnisBerg zu gelangen, bis jetzt sehr heterogen: Tunnel, KletterSteige der verschiedensten Art, Hängender Weg, RillenPfad im Fels, Stollen, WendelTreppenSchacht, WendelTreppenTurm, Pfad im See. Jetzt ist es eben eine FahrKunst. Nun gut.
In diesem Moment hören wir aus dem Stollen, der demjenigen, aus dem wir gekommen sind, gegenüberliegt, ein fernes Geräusch: Ein Kratzen oder Schleifen über den Fels. Dann ist es wieder still. Ich brauche Charmion nicht anzusehen - sie hat es auch gehört. Ich habe gar nicht gesehen, wie sie das Schwert zog, so schnell ging es.
"Was war das?" flüstere ich.
"Weiß nicht."
Wir sind beide im Lichte unserer eigenen Fackeln aus diesem Stollen gut zu sehen, während dieser für uns nur ein schwarzes Loch ist. Schon in den ersten Metern sehen wir kaum noch etwas.
Immerhin fallen mir erst jetzt genau neben diesem Stollen eine Anzahl von MetallRingen auf, die dort in den Fels eingelassen worden sind. Durch diese MetallRinge gehen zwei Seile locker nach oben. Die Enden dieser beiden Seile liegen auf dem Boden, und beide haben die Farbe des Felsens angenommen. Deshalb sehen wir sie erst jetzt.
"Das könnte die Steuerung für die FahrKunst sein!" flüstere ich zu Charmion, "wahrscheinlich kann man mit einem der beiden Seile oben irgendwo ein Wehr öffnen und mit dem anderen schließen. Wenn es noch funktioniert."
Charmion ist über meine langen Erklärungen nicht sehr erbaut. Das Geräusch hat sich wiederholt. Vielleicht ist es ein bißchen nähergekommen.
"Du links, ich rechts!" flüstert sie, "Ist dein Schwert kaputt?"
Rüge begriffen. Ich ziehe auch mein Schwert. Dann gehen wir auf die dunkle Öffnung des Stollens zu, ich an die Seite, wo die SeilBefestigungen sind.
Die Vermutung, daß man durch Ziehen an den Seilen die FahrKunst in Betrieb nehmen könnte, löst sich genauso schnell in Luft auf wie die Seile selbst: Das erste zerkrümmelt mir in der Hand, gleichzeitig reißt es irgendwo über mir. Ich springe zur Seite, und neben mir schlagen die BruchStücke des Seils auf den Boden. Es hätte mich nicht ernsthaft verletzen können, aber es staubt und riecht widerlich muffig.
Das zweite Seil ist von derselben Qualität. Als ich es auf dieselbe Weise zerstört habe, knirscht es im Tunnel wieder. Das Geräusch ist definitiv nähergekommen. Außerdem höre ich ein Schmatzen oder Gurgeln, das die scheußlichsten Assoziationen erweckt.
"Wie bringen wir jetzt die FahrKunst in Betrieb?" frage ich.
"Später." flüstert Charmion, "Wir haben jetzt andere Sorgen." Sie stellt sich bereit, um zuzuschlagen. Todesmutig ist dieses Mädchen, das muß man ihr lassen. Sie hat nicht die mindeste Ahnung, was da auf uns zukommt, aber wie selbstverständlich stellt sie sich zum Kampf.
Ich überlege, ob wir vielleicht zum See zurücklaufen sollten. Aber das kann ich unter den Augen von Charmion natürlich nicht tun. Also reiß dich zusammen.
Um einen sicheren Stand zu haben, halte ich mich mit der linken Hand an einem der EisenRinge in der FelsWand fest und hebe eines meiner Schwerter zum Schlag. Die Fackel habe ich so wie auch Charmion solange auf den Boden gelegt.
Der EisenRing bewegt sich unmerklich.
22.17 InbetriebNahme
Im AugenBlick begreife ich: Wo immer in der Welt der GranitBeißer Eisen in eine Wand geschlagen worden war, da saß es felsenfest. Wenn dieses sich bewegt, dann ist das Absicht. Ich drehe und ziehe mit allen Kräften an dem EisenRing, zuerst mit einer, und dann, nachdem ich das Schwert auf den Boden gelegt habe, mit beiden Händen.
"Was machst du denn da?" fragt Charmion empört.
"Hilf mir lieber!" sage ich, aber es ist nicht mehr nötig. Der EisenRing kommt mir entgegen. Er ist an einer langen Stange mit quadratischem Querschnitt, die sich um etwa sechzig Zentimeter herausziehen läßt, im Fels befestigt. Dann gibt es wieder einen deutlichen Widerstand.
Wieder das Geräusch. Beunruhigt versucht Charmion, mit ihrem Blick das Dunkel des TunnelLoches zu durchdringen, während ich mich an dem zweiten der vier größten Ringe zu schaffen mache. Ich habe den Verdacht, daß nur die vier größten Ringe diese Manipulation erlauben.
Es gelingt mir rasch, tatsächlich einen EisenStab nach dem Anderen herauszuziehen. Als ich den letzten in seine äußere ExtremPosition gebracht habe, rasselt es gedämpf hinter der FelsWand, Sekunden später poltert es über unseren Köpfen, ohne daß jedoch etwas herunterfällt. Dann rasselt es in der Höhe, und wenig später poltert es aus noch größerer Höhe herab. Das wiederholt sich noch einige Male, dann ist wieder Stille. Auch das, was da im Tunnel ist, ist vorübergehend ruhig geworden.
Dann glaube ich, ein fernes Rauschen zu hören, aber ich kann mich auch irren.
Nein, ich irre mich nicht. Von weitem ist das Knarren und Quietschen und Schleifen von Holz auf Holz zu hören.
"Nimm die Fackel!" rufe ich und deute auf die FahrKunst, "ich glaube, wir haben es in Betrieb gesetzt!"
Charmion sieht mich ungläubig an, aber sie folgt mir.
Am Rand der Grube, in der Mitte der Höhle, stellt sich heraus, daß es einen weiten Schritt braucht, die Stangen zu erreichen - über einen Meter. Eine SteigHilfe ist nicht vorgesegen. Außerdem ist an einer der Stangen der TretKeil in einem Meter Höhe über dem Wasser, bei der anderen sind es drei. Immer noch beschleicht mich die Besorgnis, daß meine Interpretation der Geräusche weit über uns falsch sein könnte, und daß die FahrKunst sich nicht die Spur bewegen wird.
Aber dann bilden sich kaum sichtbare kreisförmige Wellen um die Stelle, an der die Stangen die WasserOberfläche durchstoßen. Kurz danach zittern die senkrechten Balken schon deutlich wahrnehmbar.
Charmion sieht es auch. "Rein!" befiehlt sie. Die Fackel über dem Kopf haltend lasse ich mich vom Rand der Grube in das brühwarme Wasser gleiten. Es gelingt mir, mich ohne die Fackel zu ertränken an den Balken heranzuschieben. Charmion steckt auch ihr Schwert in die Scheide und macht es mir nach.
An dem Balken, an dem sich der nächste TretKeil in drei Metern Höhe über dem Wasser befindet, finde ich etwa einen Meter unter Wasser einen weiteren Tretkeil. Wie stabil der ist weiß ich allerdings nicht - wer weiß, wie lange das Wasser schon in dieser Grube steht.
Drüben, im TunnelLoch bewegt sich etwas, aber wir werden von unseren eigenen Fackeln zu sehr geblendet.
Als die Stangen anfangen, sich knirschend zu bewegen, sehe ich allerdings, daß ich auf das falsche Pferd gesetzt habe: Meine Stange sinkt, die andere hebt sich. Ich muß vorübergehend wohl wieder schwimmen. Charmion auch.
Zwei Meter über den WasserSpiegel bewegen sich zwei TretKeile aufeinander zu, werden wieder langsamer, kommen in gleicher Höhe nebeneinander etliche Sekunden zur Ruhe. Dann kommt der eine wieder herunter, und der, auf dem ich vorübergehend schon gestanden habe, läßt sich wieder mit meinen Füßen ertasten. Ich stelle mich drauf, und langsam hebt er mich, bis ich mit meinen Füßen so gerade eben die WasserOberfläche durchstoße. Zu gleicher Zeit ist an der anderen Stange der TretKeil, der etwa einen Meter über der WasserOberfläche war, ebenfalls bis zur WasserOberfläche heruntergekommen, und ich kann hinübersteigen. Es geht ganz leicht.
Charmion schwimmt noch im Wasser. Sie steigt im nächsten Takt auf. Ich bin nun etwa vier Meter über ihr.
"Was habe ich gesagt!" rufe ich herunter, voller Euphorie, letztere besonders auch, weil wir das Viech, oder was immer da im Tunnel hockt, nun hinter uns lassen.
Eine Hand zum Festhalten, eine Hand für die Fackel. Es sollte vollkommen sicher sein - nach hiesigen MaßStäben. Wenn alle TretKeile sauber befestigt sind. - Wie alt diese HolzKonstruktionen wohl sind? Aus der Nähe sieht das Holz der FahrkunstStangen sehr alt, trocken und mürbe aus.
Die HolzStangen bewegen sich träge auf und ab. Zumindestens auf einer kurzen Treppe kann man wesentlich schneller aus eigener Kraft hinauflaufen. Aber sie bringen uns sicher in die Höhe, und als nach wenigen Takten der FahrKunst das Licht unserer Fackeln den Boden der Höhle nicht mehr erreicht, fühle ich mich schon übermütig sicher.
"Was es wohl war? Du kennst doch die Tiere hier! Oder waren es Menschen?" rufe ich hinunter.
"Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht genau gesehen." antwortet Charmion. Aus dem UnterTon in ihrer Stimme bemerke ich, daß sie ihre Freude an dieser technischen Einrichtung hat. So ähnlich hat sie - und auch Chrwerjat - reagiert, als ich ihnen das Prinzip des SegelKiels erklärt habe. Diese Menschen haben noch viele Begabungen. Ob ihre Welt humaner werden würde, wenn man ihnen einige technische Dinge verriete?
Weit unten, vielleicht jetzt schon dreißig Meter unter uns oder mehr - ich habe schon wieder die Anzahl der Takte der FahrKunst nicht mitgezählt - scharrt etwas Schweres über den Boden der Höhle, dann platscht es in der WasserGrube am Fuße der FahrKunst. Ein harter Schlag läßt die Balken erzittern.
"Es kommt uns nach." stellt Charmion fest.
"Dann kriegen wir ja doch noch raus, wie es aussieht." sage ich, aber Charmion antwortet nicht darauf. Ich mache mir Gedanken darüber, wieviel Hände man braucht, um sich festzuhalten, eine Fackel zu halten und ein Schwert zu führen. Da sehe ich ein unlösbares Problem auf uns zukommen.
Das unlösbare Problem scheint tatsächlich hinter uns herzuklettern. Allerdings scheint es damit Schwierigkeiten zu haben - plötzlich hören wir einen unmenschlichen, tiefen, guturalen Schrei. Ein SchmerzSchrei. Wieder schwanken die Balken seitlich in vom Konstrukteur nicht vorgesehener Weise.
Wahrscheinlich kommt es mit der FahrKunst nicht klar und hat sich zwischen den sich auf- und abbewegenden Balken und TretKeilen eingeklemmt. Dann muß es wenigstens so groß sein wie ein Mensch. Wahrscheinlich größer, denn es bringt die ganze Konstruktion noch öfter heftig zum Schwanken.
"Es bleibt zurück." stelle ich fest. Rhythmisch und präzise wechseln wir die Balken. Hoffentlich wird die FahrKunst nicht nach einer gewissen Zeit abgestellt. Zum Klettern eignen sich diese Balken nicht. Und inzwischen dürften wir weit über hundert Meter Luft unter uns haben. Sehen tun wir das nicht. Gerade eben sichtbar ziehen FelsWände im Schein unserer Fackeln vorbei. Das ist auch alles.
Nach einigen weiteren Versuchen des für uns noch immer unsichtbaren Wesens unter uns, die Erschütterungen verursachen, die mich an einen RiesenAffen denken lassen - eine Art King-Kong - passiert ihm wohl ein Malheur. Plötzlich ist es völlig still. Sekunden vergehen. Ein Knurren, daß vielleicht Verwunderung ausdrücken könnte, aus weiter Entfernung unter uns. Dann ein dumpfer AufSchlag, gefolgt von schwachen, klatschenden Geräuschen. Kein Schrei. Das gedämpfte Echo verläuft sich. Es ist wieder Stille.
"Abgestürzt." sagt Charmion. Erleichterung in ihrer Stimme - da sie unter mir ist, wäre sie zuerst mit dem Viech konfrontiert worden.
Über uns kommt etwas näher, was rauscht und knarrt. Wahrscheinlich das obere Ende der FahrKunst. Der AntriebsMechanismus. Ewig lang kann sie ja nicht sein. Es dauert aber noch etwas, und als endlich ein in diesen senkrechten NaturSchacht eingebaute schwere HolzKonstruktion in Sicht kommt, stellen wir fest, daß es sich zwar um einen Antrieb und eine Aufhängung für die FahrKunst handelt, nicht aber um das Ende derselben.
Ohne das wir unseren SteigRhythmus ändern müssen, passieren wir einen DoppelBoden. Wir sehen eine Wippe, so, wie sie für eine FahrKunst benötigt wird, aber sie scheint nur einen Teil der BetriebsEnergie und der AufhängeStabilität beizusteuern. In einer NebenHöhle, so hört es sich jedenfalls an, arbeitet ein WasserRad. Aber bevor ich Einzelheiten der Konstruktion durchschauen kann, sind wir schon vorbei.
Das läßt auf eine ausgefeilte Anlage schließen. Offenbar habe ich durch die Ringe synchrone WasserRäder und Wippen ausgelöst. Das mit der hiesigen, rein mechanischen Technologie herzustellen erfordert schon einiges an ingenieurmäßigem ErfindungsReichtum. Sind das die GranitBeißer, die das gebaut haben und instandhalten? Oder ist es auch eine Hinterlassenschaft der Menschen aus den Toten Städten, über die wir nichts wissen?
"Bist du noch da?" frage ich überflüssigerweise. Es ist wirklich überflüssig. Wer sonst sollte da unter mir die Fackel halten? Charmion antwortet auch nicht.
Der HöhlenTeil, durch den uns die FahrKunst nun trägt, ist stellenweise eng und an einigen Stellen nachbearbeitet worden, um Platz für das Gestänge der FahrKunst zu schaffen. Manchmal ziehen die FelsWände in EllenbogenReichweite vorbei. Ich vermeide es aber, sie zu genau anzuschauen, weil wir uns konzentrieren müssen.
Nach ungefähr derselben Zeit, die wir gebraucht haben, um die erste ZwischenStation zu erreichen, erreichen wir die nächste. Es müssen jedesmal 300 Meter sein. Auch diese zweite Station ist nicht die EndStation, wohl aber die dritte. Als wir sie erreichen, hören, als wir durch ein Loch in einem HolzBoden getragen werden, die TretKeile auf. Die obersten, die noch da sind, erreichen gerade eben das Niveau dieses ZwischenBodens. Ich warne Charmion. In der nächsten Sekunde haben wir dann schon wieder festen Boden unter den Füßen.
Der Schritt vom TretKeil zum Rand des Loches brauchte nur 50 ZentiMeter zu überbrücken - leicht machbar, aber das Loch um die beiden Stangen ist immer noch groß genug, daß man dazwischen durchrutschen kann. Der Kitzel in der MagenGrube bleibt.
Ich bin etwas stolz. Habe ich doch dieses Gespenst aus der frühen Kindheit überwunden, die Angst vor der FahrKunst, von der doch eigentlich nie die Gefahr ausging, daß ich mal eine benutzen müsste. Dazu noch die Bedrohung durch dieses HöhlenWesen, das ja tatsächlich hätte gefährlich werden können, wenn es etwas geschickter im Klettern gewesen wäre. Wir sind schon ein paar Helden, denke ich mir. Aber wie oft haben diese Helden auch schon überlebt, weil die Umstände nicht ganz so schlecht waren, wie sie es schlimmstenfalls hätten sein können?
Die junge Frau neben mir mustert die Decke. Dahinter rumort die letzte, tragende Wippe. Es gibt dort ein Loch, das gerade so groß ist, daß unsere FahrkunstStangen dort verschwinden. Irgendwo ist auch wieder das klappernde Rauschen eines WasserRades zu hören, aber ich kann im Moment nicht erkennen, wo. Dafür sehe ich einen Stollen, an dessen Seite vier EisenStangen aus dem Fels ragen. Sie tragen an den Enden Ringe.
"Das wird der Schalter sein." zeige ich Charmion, "Wir sollten die Maschinerie wieder anhalten!"
Gesagt, getan. Mit Mühe gelingt es mir, alle EisenStangen wieder in den Fels zu drücken. Wieder höre ich ein anhaltendes, gedämpftes KettenRasseln. Dann geschieht eine Weile lang nichts, bis wir merken, daß die WippGeschwindigkeit der FahrKunst abnimmt. Das Rauschen im HinterGrund wird schwächer.
Bald schon kommt die Mechanik knirschend zum Stehen. Es bleiben tropfende und knackende Geräusche übrig, RestWasser aus dem Antrieb, das jetzt in blockierten WasserRädern übriggeblieben ist. Ich stelle mir vor, daß hier oben irgendwo eine WasserQuelle ist, die man bis zum Fuße der FahrKunst mehrfach über WasserRäder laufen lassen kann. Das geschieht wahrscheinlich in einem getrennten Schacht, denn wir haben ja nichts dergleichen mit eigenen Augen gesehen. Es würde auch den stillstehenden Bach erklären, der unten aus dem niedrigen Loch aus der Wand kam.
Wieder beschleicht mich der Gedanke, daß wir etwas wesentliches übersehen haben könnten. Dieser für GranitBeißer ungeheure technische Aufwand für das letzte Stück des Weges, verglichen mit der Ritze, an der bis jetzt überhaupt kein Aufwand für die Erhaltung des Weges getrieben wurde. Dann das mögliche MaximalAlter der verschiedenen Einrichtungen entlang unserer Weges, jetzt auf den PilzBerg hinauf und vor drei Wochen in diese Welt hinunter, das so unterschiedlich ist: In einer permanent trockenen FelsWand können EisenBügel schon seit zehntausend Jahren oder mehr stecken, ohne sich zu verändern, eine FahrKunst wie diese sollte aber schon nach wenigen JahrZehnten Schäden zeigen, wenn sie nicht instandgehalten wird. Man braucht nur an die Enden der Balken unten in der wassergefüllten Grube zu denken, oder auch an den mechanischen Antrieb dieser FahrKunst, wo viele BauTeile mit Wasser in Berührung kommen müssen. Das hält keine Ewigkeit. Ist diese Welt nicht in Ordnung, oder verstehe ich etwas nicht?
"Am besten, wir folgen diesem Stollen!" schlage ich vor, um in die Welt der konkreten Maßnahmen zurückzukehren. Charmion ist einverstanden. Auch das ist immer wieder eine Art Trost: zeigt es doch, daß meine Gedanken so falsch nicht laufen können, wenn Charmion häufig derselben Ansicht ist wie ich. Aber sie sieht diese Welt mit den Augen von jemandem, der wirklich hier aufgewachsen ist. Welche WiderSprüche mögen ihr entgehen? - Außerdem ist sie sowieso nicht der Typ, der sich lange über WiderSprüche Gedanken macht.
"Wir müßten bald oben sein." vermute ich.
"Das ist gut!" meint Charmion, wobei sie mich von oben bis unten mustert. Es kribbelt mich in der KörperMitte. Aber jetzt möchte ich erst einmal diese Höhlen wieder verlassen.
Ich vermute, daß wir nur noch 100 Meter unter der OberFläche des PilzBerges sind, nicht mehr weit von dem OberFort Casabones entfernt. Dreimal 300 Meter mit der FahrKunst über die 4000 Meter Höhe des Tentakel-Sees hinaus macht etwa 4900 Meter. 5000 Meter ist der Berg hoch, jedenfalls am Rand.
Wir betreten diesen Stollen, obwohl da eine Leiter zum nächsthöheren Boden ist. Aber ich nehme an, daß über dieselbe im wesentlichen die technischen Einrichtungen der FahrKunst erreichbar sind, und vielleicht die Räume mit den WasserRädern. Der Stollen verspricht eher ein FortKommen in die gewünschte Richtung. Es ist jetzt 12:30 Uhr. Wie viel ist an diesem Tag schon passiert, denke ich. Unter normalen Umständen kann man daraus schon eine ganze ReiseBeschreibung machen.
Zunächst ist der Stollen noch von gleichbleibendem QuerSchnitt. Es gibt Windungen und Treppen, die weiter nach oben führen. Dann weitet sich der Stollen in eine offenbar natürliche Höhle. Lediglich der weitere Weg ist befestigt und ausgebaut, wo nötig. Alles andere scheint naturbelassen.
22.18 Im Reiche des BergKönigs
Wir gehen am Ufer eines flachen, stillen, unterirdischen Sees vorbei. Wenig später finden wir TropfSteine, erst vereinzelt, dann ganze Galerien. Wahrscheinlich ermöglicht die Nähe der OberFläche der GefängnisInsel die notwendige Penetration von Wasser, das zur TropfsteinEntstehung notwendig ist. Charmion hat das noch nie gesehen, und ich nehme die Gelegenheit wahr, ihr etwas über deren Entstehung zu erklären - wobei ich davon ausgehe, daß die TropfsteinEntstehung hier nicht anders vor sich geht als in unserer Welt. Eine vielleicht etwas voreilige Annahme, denn die TropfSteine bestehen nicht aus KalkGestein, oder jedenfalls nicht aus reinem KalkGestein. Das Material scheint viel härter zu sein.
Immer wieder blicken wir hinter neue, orientalisch anmutende VorhangGalerien aus TropfSteinen, während wir dem sich stark windenden und verzweigten See folgen. Der Weg führt über kleine Brücken und über gefrorene WasserFälle. Die Höhle wird sehr unübersichtlich und zeigt ständig neue, geheimnisvolle Winkel. Ein gefrorener Garten - die Hallen des BergKönigs. Eine unwirkliche Schönheit, die ihren Eindruck auf Charmion nicht verfehlt, was mich veranlaßt, darüber nachzudenken, wie es kommt, daß man sich zu Menschen hingezogen fühlt, die ähnlich empfinden wie man selbst. Hat nicht sogar Antoine de Saint Exupery gesagt: "Die Erfahrung lehrt uns, dass Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in die gleiche Richtung blickt." Aber der Gedanke ist im Moment nicht objektiv weiterverfolgbar, weil ich mich sowieso zu Charmion hingezogen fühle.
Jedenfalls verändert sich unsere Stimmung, so, als ob wir nicht auf einer Excursion sind, die letzten Endes darauf hinausläuft, Gefangene zum Fort auf dem SchärenRing hinunterzubringen. Ein Job, der mir inzwischen unmöglich erscheint, besonders wegen des blockierten WendelTreppenschachtes. Aber das verdränge ich jetzt. Wir sind in einer MärchenWelt, von der man sich nur schwer vorstellen kann, daß sie eigentlich Teil einer GefängnisAnlage ist.
Wir steigen weiter auf und verlieren damit den See, der vermutlich etwas mit der WasserVersorgung der FahrKunst zu tun hat, aus den Augen. Mir fällt auf, daß dieser Weg, der doch offenbar schon häufiger verwendet worden sein muß, nicht von Spuren des Vandalismus an TropfSteinen gesäumt ist. Wo es zur Anlage des Weges nicht nötig war, die TropfSteine zu bearbeiten oder wegzuschlagen, dort ist dies auch nicht geschehen. Wie anders sähe eine touristisch zugängliche Höhle bei uns aus!
"Ich bin müd!" stelle ich fest. Nicht zum ersten Male. Entspricht auch den TatSachen. Außerdem will ich Charmion. Während wir gehen, fasse ich ihr hinten unter die Jacke und folge mit dem Fingern ihrem RückGrat. Sie läßt es geschehen, aber ich zucke zusammen, weil mir einfällt, wie oft ich das bei Irene gemacht habe. Charmion sieht mich verwundert an, bleibt stehen, dreht sich um, drückt sich an mich.
"Besser, wir sind erst wieder am Licht!" sage ich. Wohl wahr. Fast hätte ich ihr mit der Fackel die Haare versenkt.
Der Weg führt wieder abwärts, und wir erreichen den See wieder. Vielleicht ist es sogar ein unterirdischer Fluß. Ich muß mir immer in die Erinnerung zurückrufen, wie die Dimensionen dieser Landschaft eigentlich aussehen: Eine weitverzweigte HöhlenLandschaft dicht unter dem Plateau eines pilzförmigen Berges, der einen größten DurchMesser von 10 KiloMetern hat und auf einem Stamm von nur drei KiloMetern DurchMesser steht. Das ganze in einer kontinentgroßen Höhle von durchschnittlich 8 bis zehn KiloMetern Höhe, die, bislang unentdeckt, sich unter weiten Teilen MittelEuropas erstreckt. Vollständig isoliert, offenbar unauffindbar durch alles, was Geologen bislang in Europa angestellt haben. Jeder Geologe wird mir sagen, daß es die Welt der GranitBeißer nicht gibt. Aber hier, in der Welt der GranitBeißer, gibt es keine Geologen.
Da wir jeder noch eine ErsatzFackel haben, und da das OberFort ja nicht mehr weit entfernt sein kann, schlage ich vor, in dem See ein Bad zu nehmen. Charmion ist sofort einverstanden.
Wir befestigen die beiden Fackeln am Ufer, eine dritte, die wir anzünden, ebenfalls. Dann legen wir unsere Klamotten am Ufer ab und lassen uns in das warme Wasser gleiten - springen sollten wir besser nicht, weil der SeeGrund dazu zu unregelmäßig sein dürfte.
22.19 Charmions WasserSpiele
Die Höhle wirkt aus der neuen Perspektive von dicht über der WasserOberfläche aus gesehen unwirklich und faszinierend genug, und ich würde gerne im Wasser treiben und meditieren. Aber Charmion hat sich schon anders entschlossen. Sie drängt mich an eine flache UferStelle, wo das Licht der Fackeln kaum hindringt. Ihr Sinn für Romantik, sofern sie denn einen hat, wird vom Wunsch nach fleischlicher Lust an die Wand gedrängt.
"Wir wollen doch erst nach oben!" protestiere ich.
"Da können wir es ja noch einmal machen," bestimmt sie, während sie mich zurecht- und sich dann auf mich drauf legt, "Ich will es gleich haben!"
Mein Protest bleibt schwach und sowieso unberücksichtigt. Wenigstens ist das UferStück so flach, daß sie mich nicht unter Wasser drückt.
Die Fackeln brennen ein ordentliches Stück herunter, denn es dauert lang. Eine direkte Folge sexueller Erschöpfung: Dann dauert es eben lang. Angenehm lang. Sie nutzt es absichtlich aus. Sie reitet unermüdlich auf mir auf und ab, so, als ob sie dicht vor der Erfindung des AchtstundenTages stände.
Ich sehe nicht sehr viel von ihr, weil es an dieser Stelle so dunkel ist. Hinter und über ihr, an der Decke, ist eine TropfsteinKaskade, die etwas besser beleuchtet ist. Einige dieser hängenden Säulen aus dem harten Material schweben direkt über uns. Ich denke daran, daß dieses die Implementation des DonnerSchlages vom Himmel sein könnte, der den EheBrecher bestraft. Aber dann denke ich an etwas anderes, oder an nichts, spüre und erforsche die Hitze in Charmions Körper, und sie stößt auf und ab wie ein Schiff im Sturm. Wie eine dritte Hand umfaßt mich ihr KörperTeil, der mich nicht wieder sogleich hergeben will. Wie eine Hand, die mich immer weiter in sie hineinzieht.
Alles geht automatisch, wie selbstverständlich. Unsere Körper wissen, was sie zu tun haben. Fast ist es so, daß man sich der reinen Beobachtung widmen kann. 'Aktive Beobachtung', müßte man sagen.
Und wir reden nichts. Jeder ist mit seinen Gedanken allein, trotz der intensiven Umklammerung. Jeder denkt an den AugenBlick, und einen Moment frage ich mich, ob genug davon bleibt, um auch nach vielen Jahren noch von der Erinnerung zu zehren. Wenn wir dann noch leben.
Erst, als eine der Fackeln flackert und zu verlöschen droht, erlaube ich mir die Eruption, den heißen Guß in sein vorbestimmtes Ziel. Wie im Krampf spannt sich ihr UnterKörper, streckt und dehnt und reckt sich, während sie den Strom in sich spürt und lenkt und aufsaugt. Wie ein Akt der endgültigen VerSiegelung ist das letzte AufBäumen, Vulkanismus und verschlingender ErdSchlund, Schwarzes und Weißes Loch, die Korrespondenz zweier eigentlich separater Individuen, die vermöge Bestimmung der Evolution und Zugehörigkeit zur selben Spezies doch BestandTeil ein und desselben Organismus sind.
Dann, die wohlige Erschöpfung, die Befriedigung und der Wunsch, aneinander und ineinander zu liegen und zu schlafen und die Welt draußen zu lassen. Vielleicht schlafe ich auch einen Moment, vielleicht schläft sie an meiner Brust auch etwas. Nachher können wir das gar nicht so genau sagen.
"Wir müssen noch ein bißchen weiter." bringe ich uns auf den Boden der Wirklichkeit zurück, und sie stimmt zu. Schnell ziehen wir uns wieder an - abtrocknen ist unnötig, bei dieser Hitze - nehmen Fackeln und Schwerter auf und marschieren weiter.
Noch eine ganze Weile geht es auf und ab, durch verschiedene Höhlen, noch mehrfach sehen wir unseren See, manchmal tief und unergründlich, manchmal seicht, so daß man jeden Stein am Grunde sieht. Die feierliche und innige Stimmung weicht nicht von uns. Dann geht es mehr aufwärts als abwärts, und endlich sehen wir die Spur eines LichtScheines.
Der HöhlenEingang ist am Grunde einer sechzig Meter tiefen Schlucht. Er fügt sich sehr unauffällig in den Felsen ein - man käme nicht automatisch auf die Idee, daß ein großes HöhlenSystem durch diesen Eingang erreichbar ist. Farne und Moose wachsen auf den Wänden der Schlucht, die acht bis zwölf Meter voneinander entfernt sind, und es gibt ein kleines Rinnsal am Grunde der Schlucht, das an unserem Weg entlang uns entgegen fließt und in unserer Höhle verschwindet. NebelSchwaden durchziehen die Schlucht, und trübe Wolken treiben über uns hinweg. Ich erinnere mich, daß wir ungefähr in der Höhe der leuchtenden WolkenSchicht sein müssen. Trübes Wetter wird hier der NormalFall sein.
Endlich können wir die Fackeln löschen und aus der Hand legen. Eigentlich sollten an so einem HöhlenEingang die Reste gebrauchter Fackeln herumliegen, aber das ist nicht der Fall. Wahrscheinlich werden sie ab und zu weggeräumt, um nicht ausbrechenden Gefangenen die BeleuchtungsMittel noch frei Haus zur Verfügung zu stellen. Jedenfalls würde ich das für eine naheliegende Maßnahme halten.
Es ist 14 Uhr. Zeit zum Schlafen. Charmion findet sehr rasch ein geeignetes Plätzchen. Wir machen es uns ohne Umstände bequem. Wir essen von dem wenigen, was wir noch haben. Unser Begehren zielt jedoch in eine andere Richtung. Schade, daß Kraft und Leidenschaft begrenzt sind. Gut, daß Zärtlichkeit und Nähe sich mehren, je mehr man davon gibt und nimmt.
"Leg dich auf mich," sagt sie, "so kannst du besser schlafen. Ich will dich immer spüren, wenn ich aufwache!"
Ich versuche, ihr das auszureden. Der Boden ist hart und uneben. Warum soll ich sie mit meinem Gewicht noch zusätzlich unnötig belasten? Aber sie will es so. Sie spürt den harten Stein nicht. Herwig, denke ich, was hast du angerichtet? Bloß wegen deiner peripheren philosophischen Überlegungen, daß du in dieser Welt ein anderer Mensch bist, weil dich diese Welt - und auch Charmion - eben dazu gemacht haben, bloß deshalb hast du doch nicht das Recht, jemanden emotionell so an dich zu binden. Ihr seid doch zueinander gekommen wie Wesen von verschiedenen Planeten! Oder war es unvermeidlich? Eure Hormone haben euch zueinander geführt. Ihr seid gar nicht gefragt worden, ob ihr das gewollt habt. Sowenig, wie der Magen frei entscheiden kann, ob er seinen Inhalt an den DünnDarm weiterleiten muß oder nicht.
Ist da eine Hoffnung, über alle kulturelle GegenSätze und alle Abgründe des gegenseitigen Unverständnisses hinweg sich wenigstens noch über die Zuneigung zu begegnen, die in ihrer nachdrücklichsten Form als Erotik sich über alle Vernunft hinwegsetzt? Ist das die instellare Verbrüderung, oder wenigstens die Hoffnung darauf? Ist nur der Trieb gut und der reine Geist schlecht? Ist das eine Hoffnung, daß sogar Gott, wenn es ihn denn geben sollte, mehr durch seine Liebe zu den Menschen denn durch seine Allmacht und seine Allwissenheit gebunden sein könnte? Und wenn er die Menschen - und die GranitBeißer - liebt, weil er selbst keine Wahl hat, ist er dann noch allmächtig? Ist das eine frohe Botschaft, wo wir doch wissen, was man mit zuviel Macht anrichten kann? Ist Gott nur respektabel, wenn er eben nicht allmächtig und allwissend ist? Ist er nur deshalb in die Welt gekommen, weil nur die körperliche Existenz die Liebe zu den Menschen manifestieren kann, und weil die körperliche Existenz AllMacht und AllWissen ausschließt?
Die Überlegungen verblassen. Der Schlaf kommt schnell. Auch wenn wir nach diesem Tag beieinander liegen mehr wie Brüderlein und Schwesterlein denn wie Männlein und Weiblein, so glaube ich doch, daß wir nie näher waren als jetzt.
Denn der Tag war groß, und wir sind nicht gebeugt worden. Wir haben ein Recht, einander zu haben, weil das Leben in uns es so will.
******** 023. Tag: Sonntag 1995-09-10 ********
23.1 Charmions Liebe
Es ist kurz vor Mitternacht, als wir aufwachen. Das ist ein langsamer, kontinuierlicher Prozess. Aus Träumen werden TagTräume, aus der geträumten Nähe wird die wirkliche Nähe, und so schmusen wir uns gegenseitig wieder in das WachSein hinein. Nur zu selbstverständlich gleiten wir wieder ineinander, ununterscheidbar, wo der eine aufhört und die andere anfängt. Der Rest der Welt existiert nicht.
Einen Moment lang beschleicht mich der Gedanke, daß uns nur die Abwesenheit der drei anderen Frauen die Gelegenheit zu dieser Muße und dieser Ausführlichkeit gibt. Sogar in der Liebe stehen wir noch auf Gräbern.
Drei Stunden lang reden wir von diesem und jenem. Ich erzähle aus meinem Leben, und Charmion aus ihrem. Fenster öffnen sich zwischen zwei Welten, Subjektivitäten und Verwundbarkeiten werden ausgetauscht. Der Boden ist immer noch hart, aber keiner bemerkt es. In zwei Menschen begegnet sich die Welt der GranitBeißer und die Welt unserer Zivilisation da oben. Wir sehen weiter über den Zaun als es bisher möglich war.
Und es ist da die Drohung, daß all dieses zu Ende gehen wird. Es kann nicht dauern. Entweder, es gelingt mir, wieder in meine Welt zurückzukehren - dann sehen wir uns nie wieder. Oder ich bleibe hier - als Mann ist aber der Aufenthalt in dieser Welt, unter den GranitBeißern, auf die Dauer nicht akzeptabel. Charmion mag mich als vollwertigen MitMenschen akzeptieren, die anderen GranitBeißer werden das nie tun. Ich kann hier nicht als SchoßHündchen von Charmions Gnaden leben.
Und ich kann Charmion nicht in unsere Welt mitnehmen. Sie würde sich dort niemals zurechtfinden, ebensowenig wie ich mich hier. Ganz abgesehen davon, daß Irene da ein Wörtchen mitreden würde.
Wir beide wissen das, und beide sprechen es nicht aus. Es werden lediglich keine ZukunftsPläne gemacht, wie es so oft in solchen Situationen üblich ist. Unser Verhältnis hat Gegenwart und Vergangenheit. Das Heute ist so intensiv, weil es kein Morgen geben wird. Irgendwann wird es enden. Aber wie? Arme Charmion. Armer Herwig.
23.2 Durch die Schlucht und zum OberFort
Irgendwann müssen wir aber doch weiter. Nur widerwillig stehen wir auf, erfrischen uns etwas in dem Bach auf dem Boden der Schlucht und laden unsere Sachen auf.
Wie geht es weiter? Die Schlucht, in der wir uns befinden, endet hier in einigen Höhlen. Aus einer von diesen sind wir eben gekommen, und ich vermute deshalb, daß es im PilzBerg noch weitere HöhlenSysteme geben wird. Wenn wir nicht über die FelsWände hinaufturnen wollen, müssen wir dem Grunde der Schlucht weiter folgen. Charmion meint, daß das der richtige Weg ist, so, wie es ihr beschrieben wurde.
Die Schlucht windet sich, und der Bach, der uns entgegenfließt, nimmt ab und zu den gesamten begehbaren Grund der Schlucht ein. Stellenweise wird die Schlucht auch sehr schmal, ein oder zwei Meter nur, und wir müssen über Geröll klettern. Dabei gewinnen wir weiter an Höhe, aber weil das die Schlucht umgebende Terrain offenbar auch ansteigt, werden die Wände der Schlucht nicht wesentlich niedriger.
An einigen Stellen der Schlucht fällt mir das erste Mal ein geologisch definitiver Hinweis auf: Es gibt an gegenüberliegenden Stellen der SchluchtWände morphologisch korrespondierende Formen, die fast wie Positiv- und NegativFormen zusammenpassen würden, wenn man die Wände der Schlucht zusammendrückte. Sie ist also offenbar nicht durch die Erosion des Baches entstanden, sondern der Bach hat erst später hier ein geeignetes Bett gefunden.
Vor meinem geistigen Auge baut sich ein Bild von einem fast gespaltenen PilzBerg auf, einem geologischen Vorgang, der unterbrochen wurde. Aber das ist sicher auch zu stark vereinfacht. Da die Schlucht dort, wo wir sie vorhin erreicht haben, erst ihren Anfang nimmt, kann sie keine geologische Formation sein, die den ganzen GefängnisBerg umfaßt oder durchschneidet.
"Das Fort Casabones liegt direkt am Ende dieser Schlucht!" behauptet Charmion bestimmt, "Es kann nicht mehr weit sein!"
Es ist auch nicht mehr weit. Die Schlucht, deren Wände immer noch 50 Meter hoch sind, weitet sich, wir folgen einer weiteren Biegung, und da ist es.
Jetzt begreife ich auch, warum das Fort in einer Schlucht gebaut wurde: Die Schlucht teilt sich und windet sich in zwei Armen um einen Schiff-förmigen MittelFelsen herum. Dieser ist mindestens 200 Meter lang - genau können wir es von hier aus nicht erkennen - und an seiner breitesten Stelle etwa 30 Meter breit - weiter hinten könnten es aber noch mehr werden. Er wird von den beiden SchluchtWänden durch jeweils mindestens 10 Meter getrennt. Genau auf diesem Felsen steht das Fort.
Es erinnert an eine mittelalterliche Burg. Ein Konglomerat aus SteinMauern und Türmen, beidseitig gibt es ZugBrücken, die gerade herabgelassen sind, die wenigen Fenster scheinen völlig planlos in den Mauern verteilt.
"Was hindert die Gefangenen, hier einfach direkt in die Schlucht abzusteigen und die Flucht zu versuchen?" frage ich. Ich erfahre, daß ein großes Gebiet um das Fort herum für die Gefangenen gesperrt ist. Jeder, der dort aufgegriffen wird, hat mit seiner sofortigen Hinrichtung zu rechnen.
"Auch jetzt werden wir schon beobachtet, wie wir uns dem Fort nähern!" erklärt Charmion, "Wahrscheinlich sind sie sehr beunruhigt, wieso ich von einem bewaffneten Mann begleitet werde. Vielleicht solltest du deine Schwerter vorübergehend mir aushändigen, bis ich dich bekannt gemacht habe!"
"Vorschlag abgelehnt," sage ich, "mir gefallen meine Schwerter. In eurer Welt fühlt man sich mit einem Schwert einfach wohler! - Außerdem habe ich jetzt schon die ganze Zeit zwei Schwerter geschleppt, jetzt behalte ich sie auch."
Charmion zuckt mit den Schultern. "Wir müssen zur anderen Seite des Forts. Da ist der Eingang."
Wir erreichen erst jetzt in dem aufsteigenden Boden der Schlucht das Niveau des Fußes des Felsens, auf dem das Fort steht. Vor unseren Augen öffnet sich eine WasserFläche, aus der unser kleiner Bach gespeist wird. Der Felsen des Forts ist von einem See, der sich auf dem Boden der Schlucht gebildet hat, umgeben.
So ab und zu verbergen ziehende NebelSchleier das Fort vor unseren Augen. Eigentlich sollte in dieser Höhe, wo die absolute MilchSuppe durchaus die Regel ist, die optische Überwachung von irgendwelchen Mauern und Absperrungen und Zugängen schwierig sein.
"Ist es auch," sagt Charmion, als ich sie danach frage, "die Mauern, die das eigentliche GefangenenGebiet abtrennen, sind hoch und sehr steil. Da sind viele WachTürme, und von außen kann niemand sagen, welcher besetzt ist und welcher nicht."
Am rechten Ufer des Sees, der nun die ganze Schlucht ausfüllt, finden wir einen steinigen Pfad, nur einen Fußbreit unebenen Boden zwischen der senkrechten FelsWand der Schlucht zur Rechten und dem Wasser links. Dahinter erhebt sich drohend und leicht überhängend der Felsen des Forts. Sogar jetzt, wo wir uns praktisch unter dem Fort entlang bewegen, kommt es vor, daß das eigentliche Fort unseren Blicken durch NebelBänke entzogen wird.
Der Felsen des Forts ist etwa 300 Meter lang, länger, als es zunächst den Anschein hatte. Dahinter weitet sich die Schlucht noch weiter auf, so daß man mehr von einem See mit 50 Meter hohen SteilUfern sprechen kann, dessen Ende wir im Nebel nicht sehen können. Als wir das Ende des Felsens unter dem Fort erreichen, fällt mir eine Treppe auf, die drüben in den Felsen des Forts geschlagen ist.
"Wie kommen wir rüber?" frage ich.
"Schwimmen." sagt Charmion, als ob es das selbstverständlichste der Welt wäre. Ist es vielleicht auch, wenn man nicht daran denkt, daß über diesen Weg Material und Gefangene zwischen dem Oberfort Casabones und dem Fort auf dem SchärenRing transportiert werden müssen. Ich verstehe das nicht. Allmählich bin ich davon überzeugt, daß es einen ganz anderen Weg auf den PilzBerg geben muß, und daß wir diesen anderen Weg für den GefangenenTransport auch unbedingt benötigen. Vielleicht ist es aber auch WunschDenken, an einen anderen Weg zu glauben.
Triefend naß steigen wir wenig später die eingehauene Treppe zum Fort hinauf. Diese Treppe ist kein Luxus, sondern nach bester GranitBeißer-Art nur 30 ZentiMeter breit. Die Stufen sind wenigstens sauber. Trotzdem müssen wir aufpassen - das Wasser unten ist zu flach, um bei einem Sturz aus bis zu 50 Metern Höhe groß von Nutzen zu sein.
Dicht unter dem Niveau der Linie, wo die FelsWand in die AußenMauern des Forts übergehen, biegt die Treppe nach innen in den Fels hinein. Ein kurzes, enges TunnelStück, das eine HöhenDifferenz von nur vier Metern überwindet. Dann stehen wir in einer Art Hof, mitten im Fort. Der Hof ist so klein, daß er außer dem AufGang, den wir gerade benutzt haben, keinen weiteren Boden hat. In den vier Wänden rundherum ist auch weder eine Tür noch ein Fenster.
"Wie geht's jetzt weiter?" frage ich. Noch bevor Charmion etwas sagen kann, saust neben uns ein Seil herunter. Es kommt aus einer FensterÖffnung, die vielleicht acht Meter über unseren Köpfen ist. Auch eine Möglichkeit, denke ich: Gegen den Willen der FortBesatzung kommt keiner in das Fort hinein.
Charmion klettert als erste hinauf, gewandt und schnell, wie es ihre Art ist. Als sie oben durch das Loch verschwunden ist, komme ich dran. SeilKlettern ist mir sehr unangenehm, aber man kann die Füße in die MauerFugen einstemmen, und dann geht es. Trotzdem brauche ich wesentlich länger als Charmion, weil das Klettern mit den Händen am Seil und den Füßen in der Mauer mich immer wieder von der Mauer wegdrückt. Auf den letzten Metern sieht mir jemand von oben zu. Mit raschen und festen Griffen hilft man mir über das letzte, schwierige Stück, wo das Seil über die UnterKante des Fensters aus dem Inneren des Gebäudes herauskommt. Mit beherztem Schwung lande ich auf dem Boden des Raumes hinter dem Fenster. Es ist zunächst so dunkel, daß ich kaum etwas sehen kann. Dafür merkt man sofort am Geruch, daß viele GranitBeißer anwesend sein müssen - da ich und Charmion im HöhlenSee gebadet haben, hatte mein GeruchsSinn wieder eine Weile Gelegenheit, sich an frische Luft zu gewöhnen.
"Kommt noch jemand?" fragt eine agressive Stimme. Eine männliche, aggressive Stimme. Ungewöhnlich für diese Welt.
"Nein," sage ich, "nur wir zwei. Wir kommen von ..."
Schmerzhaft schnell werde ich auf die Beine gestellt.
23.3 Gefangen unter Meuterern
"Ihr werdet uns schon in allen Einzelheiten erzählen, woher ihr kommt." sagt ein Bär von einem Mann vor mir. Zwei andere halten mich fest, einer davon hält mir ein Messer unter meine Kehle. Ein vierter, der an der Seite steht, hält zwei Schwerter in den Händen, die ich als meine eigenen erkenne. Ich habe eben überhaupt nicht gemerkt, wie man sie mir abgenommen hat.
An der gegenüberliegenden Wand wird Charmion in ähnlich hilfloser Weise festgehalten. Entsetzt sehe ich den großen, blauen Fleck auf ihrem Bauch. Von ihrer Stirne läuft Blut herunter, und sie hat Abschürfungen auf beiden OberArmen. Sämtliche Kleidung und Ausrüstung ist von ihr heruntergerissen worden. Sie muß in den wenigen Sekunden, die ich gebraucht habe, um das Seil heraufzuklettern, ganz schön verprügelt worden sein, dazu noch völlig lautlos.
Wir sind in eine Art Falle gelaufen. Was wollen diese Menschen? Ist das die Besatzung von Casabones? Warum sind es Männer?
"Abführen. Getrennt abführen. Und beide befragen!" schnauzt der Bär vor mir die anderen an.
Charmion wird vor mir aus dem Raum gebracht, auf einem Gang biegen wir aber in verschiedene SeitenGänge ein. Wir verlieren uns aus den Augen.
Allerdings habe ich noch deutlich genug gesehen, wie gierig einige der Männer Charmion angestarrt haben.
Mir wird angst um sie. Aber ich kann nichts tun. Ich kann nicht einmal für mich selbst etwas tun.
23.4 Im DreckLoch
Etwa eine halbe Stunde verbringe ich in einem engen, fensterlosen Raum. Er ist nicht ganz lichtlos, weil AußenLicht durch MauerRitzen eindringt. Das ist genug, um zu sehen, daß sich in den drei QuadratMetern dieses Raumes keinerlei EinrichtungsGegenstände befinden, aber daß der Boden vor Dreck starrt. Wahrscheinlich handelt es sich um eingetrocknete Fäkalien. Es ist widerlich.
Besonders widerlich ist es, daß sie mich gleich auf den Boden geworfen haben. Seit ich in der Welt der GranitBeißer bin, war ich praktisch noch nie sauber, aber auch die Unsauberkeit hat viele Abstufungen. Ich lerne jetzt eine neue kennen.
Bei aller Verwirrung und Panik schält sich doch allmählich eine plausible Idee heraus, was passiert sein könnte: Eine GefangenenRevolte war insofern erfolgreich, als daß das Fort besetzt werden konnte. Wahrscheinlich ist es noch nicht allzulange her, denn sonst sollte man erwarten, daß bereits ein Versuch gestartet worden wäre, den GefängnisBerg zu verlassen. Dann hätten sie uns in irgendeiner Weise entgegenkommen müssen. Das wäre unangenehm geworden.
Großer Gott, denke ich, Charmion! Was werden sie mit dir machen! Wahrscheinlich ist alles, was weiblich ist, hier Inbegriff der verhaßten FührungsSchicht. Ich habe die schlimmsten Befürchtungen.
Meine ArmbandUhr hat man mir nicht genommen. Es ist 4 Uhr, als sie mich holen.
Der Raum, in den sie mich bringen, ist größer und hat zwei Fenster. Im HinterGrund sehe ich den See, der sich mit seinen gegenüberliegenden SteilUfern im Nebel verliert. Fast ein romantisches Bild, das in krassem GegenSatz zu meiner jetzigen Situation steht. Aber um das zu diskutieren haben sie mich nicht geholt.
Es gibt keinen Tisch und keinen Stuhl. Ich muß mich mit dem Rücken an die Wand setzen, die den Fenstern gegenüberliegt. Drei Männer sind anwesend. Einer davon ist ausschließlich damit beschäftigt, mir mein eigenes Schwert unter den Hals zu halten. Das scheint ihnen als SicherheitsMaßnahme ausreichend - ich werde nicht gefesselt. Die anderen stellen Fragen.
Die üblichen Fragen, die man erwarten würde: Was wir hier wollen, woher wir kommen. Woher ich komme. Sowie sie rausgekriegt haben, daß ich auch eine Art Gefangener bei den GranitBeißern bin, wird ihr Ton eine Spur versöhnlicher. Auch, daß ich genaue OrtsKenntnis des Weges auf den GefängnisBerg habe, interessiert sie.
Ihre Xonchen-Sprache unterscheidet sich von dem Dialekt, den ich auf dem SaurierFangSchiff kennengelernt habe. Vielleicht Dialekt, vielleicht Slang einer unterprivilegierten Klasse. Manchmal ist es schwer, zu verstehen, was sie wollen.
Sie kommen nicht auf die Idee, zu hinterfragen, wer bei dieser Excursion die formale FührungsVerantwortung hat. Sie unterstellen, daß das Charmion ist. Und ich stelle das nicht richtig. Natürlich habe ich vor mir selber die - vielleicht sogar richtige - Ausrede, daß ich so für Charmion mehr tun kann, als wenn ich mir ein größeres Maß an Zorn zuziehe. Aber genaugenommen bin ich zu feige.
Einer der Männer, der die meisten Fragen stellt und der offenbar von den dreien die meiste WeisungsBefugnis hat - woher er die auch immer her hat - ist vielleicht 32 Jahre alt. Er wird nur mit einem Xonchen-Wort angesprochen, das soviel wie 'Käptn' bedeutet. Seinen Namen erfahre ich nicht. Er scheint leidlich intelligent zu sein, aber in ihm brennt ein Haß auf alle die, die ihn in seinem bisherigen Leben ausgebeutet und beherrscht haben. Objektiv hat er wahrscheinlich Grund dazu, nachdem, was ich bis jetzt bei den GranitBeißern im Allgemeinen gesehen habe. Da seine 'AusBeuter' im wesentlichen Frauen sind, dürfte man erwarten, daß er Frauen gegenüber intolerant, grausam, sadistisch, rachesüchtig und geringschätzend denkt. Ich merke rasch, daß ich mir mit jeder AusSage, die GranitBeißerinnen irgend etwas positives unterstellt, sofort MinusPunkte und Verärgerung einhandle.
Trotzdem gelingt es mir, im Laufe des Verhörs wenigstens die FührungsVerantwortung für unsere Expedition von Charmion weg auf Chrwerjat, Chmerm und Chechmirch zu delegieren. Denen kann das nicht mehr schaden.
Dann aber, bei der Beschreibung unseres AufStieges, kommen wir zu einem Punkt, der den 'Käptn' brennend interessiert: Der zerstörte WendelTreppenSchacht.
"Vollständig abgebrannt?" fragt er. Er ist natürlich nicht entsetzt. Das würde er nie zeigen. Aber daß das Bestreben dieser Männer ist, Casabones zu verlassen, ist ja eigentlich klar.
"Kann man das ausräumen?" fragt der andere. Er ist jünger, vielleicht 25, und wurde einmal mit 'Och' angeredet.
"Unmöglich," meine ich, "Der Schacht ist immer noch heiß. Glühende HolzKohle, große Mengen davon, auf hunderten von HöhenMetern keine WendelTreppe mehr, noch viele Tage erstickende FeuerungsGase, die nicht abziehen können. Keine Chance."
Sie überlegen eine Weile laut, was man da machen könnte. Es sieht so aus, als wären viele Gefangene mit verbundenen Augen auf den GefängnisBerg gebracht worden. Wie man den Weg mit verbundenen Augen bewältigen kann ist mir allerdings völlig unklar. Andere Bemerkungen lassen auf einen anderen Weg schließen, der mit 'von oben' umschrieben wird und der mindestens genauso gefährlich sein soll. Aber Einzelheiten darüber erfahre ich nicht, und es ist jetzt nicht an mir, Fragen zu stellen.
"Wie habt ihr denn gedacht, wieder runter zu kommen?" fragt der Käptn. Er gibt dem Mann neben mir einen Wink, und der nimmt mein Schwert von meinem Hals weg und legt es griffbereit auf den Boden.
"Soviele Gedanken habe ich mir bis jetzt darüber nicht gemacht," sage ich, "aber ich hatte den Eindruck, daß es andere Wege geben muß. Meine Begleiterin ist ortskundig. Sie müßte es wissen."
"Das werden wir herausfinden, ob sie etwas weiß." stellt der Käptn kurz fest. Ich kann mir verdammt gut vorstellen, wie das 'herausfinden' aussehen soll. Ich muß sie retten. Irgendwie.
"Meine Begleiterin ist übrigens mein Eigentum!" stelle ich fest.
"Ach wirklich? Seit wann dürfen Männer Sklavinnen haben?" fragt der Käptn ungläubig.
"Nicht alle." phantasiere ich drauf los. Ich muß mir etwas ausdenken. Etwas plausibles, um diesen frustrierten und brutalen Leuten klarzumachen, daß ich eine ungewöhnliche Stellung hatte. Mir fallen die Methoden ein, die ich den GranitBeißerinnen verraten habe, wie man mit einem Schiff Höhe am Wind gewinnen kann. Das müßte gehen. Vielleicht geht noch mehr in dieser Richtung.
"Nicht alle," wiederhole ich, "nur die Techniker." Und ich erläutere etwas über die Bedeutung eines Kiels bei einem SegelSchiff, und wie ich dieses den GranitBeißerinnen an Bord des SaurierFängers erklären wollte, und wie dies zu gewissen Privilegien geführt hat.
Der Käptn ist nicht sonderlich beeindruckt. Wahrscheinlich hat er keine FachKenntnisse in der Seefahrt. Also muß eine andere Idee her. Am besten eine Idee, die auch eine Möglichkeit der Flucht von diesem GefängnisBerg andeutet. 'Man müßte fliegen können', habe ich mir schon mehrfach gedacht.
23.5 Die Mär vom GleitSchirmFliegen
Warum eigentlich nicht? Aber jetzt konsistent bleiben. Bis jetzt habe ich im Verhör im wesentlichen die Wahrheit gesagt, weil ich erstens nicht weiß, welche Unwahrheiten mir Vorteile brächten und weil es zweitens für mich sowieso ein Prinzip ist, die Wahrheit zu sagen. Nicht aus ethischen Gründen, sondern aus DenkÖkonomie: Wenn man Unwahres als wahr erzählt, dann muß man sich diese alternativen 'Versionen' der Wirklichkeit zusätzlich merken, um nicht in WiderSprüche verwickelt zu werden, und aus genau dem gleichen Grund muß man auch einigen ÜberlegungsAufwand hinein stecken, um nicht inkonsistente LügenGeschichten zu konstruieren. Wenn man bei der Wahrheit bleibt, dann braucht man das nicht zu tun, weil die Wirklichkeit sowieso in sich konsistent ist. 'Lügen haben kurze Beine' ist für mich keine ethische Forderung, sondern eine ErfahrungsTatsache. Eben eine Eigenschaft der üblichen sozialen Interaktionen. Lügen kann man sich nur leisten, wenn man sehr intelligent ist, so daß man die ÜberSicht über die eigenen Lügen behält. Das bin ich aber nicht.
Ich will es aber mal mit HalbLügen versuchen. Über das Segeln mit einem Kiel habe ich an Bord des SaurierFängers gesprochen. Über die Anwendung von Segeln zum Fliegen aber noch nicht. Aber hätte ich das nicht über kurz oder lang tun können?
"ParaGlider!" sage ich, "Das war das nächste Vorhaben! Es war allerdings nicht so dringend, weil sich die SchiffsKommandantin nicht dafür interessierte. Aber es könnte ein Weg sein, von diesem Berg herunterzukommen! Ich meine, wenn diese anderen Wege von diesem Berg herunter nicht existieren sollten!"
"ParaGlider?" fragt der Käptn, die Xonchen-angepaßte AusSprache dieses Wortes möglichst gut reproduzierend.
Ich versuche, es zu erklären. Unglauben. Drohung, man werde mich wegen dieser versuchten Lügen foltern. Das sei doch Unfug. Ich zeichne Skizzen in den Dreck auf dem Boden. Der Käptn und Och denken nach. Man sieht ihnen an, daß das für sie eine ungewohnte Situation ist. Naja, dafür können sie vielleicht nichts, wenn ihnen in ihrem Leben jede Form von Bildung und geistige Tätigkeit vorenthalten worden ist. Leider ist es tief in mir drinnen, durch Erziehung in früher Kindheit eingebrannt, dieses HerabBlicken auf dümmere als ich. Ich muß mich vorsehen, daß ich mir das nicht anmerken lasse.
"Du kommst aus einer Welt, die woanders liegt als unsere?" fragt der Käptn noch einmal nach. Wahrscheinlich stellt er sich eine andere WeltHöhle vor. "Und dort gibt es solche Dinger?"
Ich muß Farbe bekennen. Ich habe noch nie selber solche Geräte gebaut, erzähle ich. Aber ich habe sie gesehen. Die ungefähre Form ist mir klar, es gibt die Möglichkeit, Experimente anzustellen, bis man ein funktionsfähiges Modell hat. Dann die volle Größe. Ich erläutere auch den normalen FallSchirm, den man vielleicht auch benutzen könnte, um die HochEbene von Casabones zu verlassen.
"Es ist für viele Menschen bei uns eine Art zweckfreier Beschäftigung." ende ich, "Sie fliegen aus Spaß. Man kann mit den Dingern ja keine Höhe gewinnen." Ein bißchen muß ich zunächst schon vereinfachen.
"Man braucht Stoff. Viel Stoff." überlegt Och. Kluges Kerlchen.
"Reißfesten Stoff. Er muß mehr als das Gewicht eines Menschen tragen." stimme ich zu.
Sie diskutieren noch eine Weile. Ich merke, daß keiner von beiden auch nur eine blasse Ahnung von StrömungsDynamik oder überhaupt von Mechanik hat. Da kennt Charmion sich besser aus. Wie diese Leute wohl die eigentliche Besatzung des Forts überwältigt haben? - Och zeigt mehr Spuren des Verstehens als der Käptn. Der bricht an dieser Stelle das Verhör wieder ab. Er muß wohl noch länger nachdenken.
"Ich will meine Sklavin wieder haben!" sage ich.
"Du bekommst eine Sklavin." sagt der Käptn kurz.
"Nein. Nicht irgendeine. Meine Sklavin!"
Der Käptn ist sich unschlüssig. "Mal sehen." sagt er. Dann werde ich in meine Zelle zurückgeführt.
Es ist gleich 6 Uhr. Wie wenig man in zwei Stunden Palaver erreichen kann, denke ich mir. Naja, bei meinem ehemaligen ArbeitGeber war das ineffiziente BesprechungsWesen noch viel schlimmer.
Die Zelle ist in meiner Abwesenheit nicht sauberer geworden, und es ist immer noch nichts da, womit ich das selbst ändern könnte. Im GegenTeil, die normale Tätigkeit meines VerdauungsTraktes zwingt mich dazu, die Ecke der Zelle, die am schmutzigsten aussieht, noch etwas mehr einzusauen. Wenigstens weiß ich, daß diese Art von Gestank nicht gesundheitsschädlich ist. Und irgendwie ist einem die eigene Scheiße auch immer noch vertrauter als die von anderen Leuten.
Durch die dicke Tür höre ich gedämpft lautes Reden, das gelegentlich in Schreien übergeht. Nur MännerStimmen. Ich kann nichts verstehen. Hoffentlich lassen sie Charmion in Ruhe. Immer noch erinnere ich mich in pathologischer Deutlichkeit an ihre Verletzungen, die sie ihr beigebracht haben.
Ich überlege, ob ich den Mund eben nicht zu voll genommen habe. Manchmal habe ich früher Kollegen gegenüber solche GedankenSpiele geäußert: Was wäre, wenn Hannibal oder irgendein anderer Feldherr FlugDrachen oder HangGleiter gehabt hätte? Ein faszinierender Gedanke. Die Technologie, die man dazu braucht, ist in der europäischen Geschichte schon seit Jahrtausenden vorhanden: Man braucht nichts weiter als reißfeste, leichte Stoffe, reißfeste Seile und stabile Stäbe. Bambus, oder bestimmte Hölzer, die vielleicht speziell bearbeitet worden sind. Wenn dann die AnfangsIdee da ist, dann braucht es nichts weiter als stete Experimente, Versuch und Irrtum, Menschen, die mechanische StrömungsVorgänge intuitiv erfassen können. Aber erst Leonardo da Vinci hat sich eine Art FallSchirm überlegt, jedenfalls, soweit wir wissen. Es hätte Jahrhunderte früher der Fall sein können. Ein historischer Zufall, daß das SegelSchiff dem FlugDrachen vorausging. Es hätte auch anders kommen können. Insbesondere militärische Anwendungen hätten der Idee des FlugDrachens die nötige SchubKraft verliehen.
Daß, die geeigneten Materialien vorausgesetzt, die GranitBeißer diese FlugGeräte haben können, bezweifele ich nicht. Unsicher ist aber, ob es mir schnell genug gelingt, die Idee zu vermitteln. Schnell genug für irgendwelche AnfangsErfolge. Für etwas, das man sehen und vorführen kann.
Zumindestens gibt es Stoffe, die sich für Segel eignen. Das haben wir ja unten gesehen. Ob es hier auf Casabones welche gibt ist eine andere Frage. Dafür arbeitet ein anderer physikalischer Effekt für uns: Der hohe LuftDruck. Hier, auf dem Pilzberg, 5000 Meter über dem Meer unten und etwa 5000 Meter unter dem MeeresSpiegel unserer Ozeane, ist der LuftDruck doppelt so groß wie in unserer vertrauten MeeresHöhe. Unten, am Fuße des PilzBerges, ist der DruckFaktor sogar vier. Nur den bisher sehr großen körperlichen Anstrengungen ist es zu verdanken, daß sich mein und auch Irenes Körper dem bisher ohne Schaden, ja ohne es zu bemerken, angepaßt haben. Dieser hohe LuftDruck erleichtert jede Art von SegelVerwendung, sei es nun auf SegelSchiffen oder für LuftFahrzeuge.
Ich muß mir eine Strategie zurechtlegen. FallSchirme zuerst, kleine DemonstrationsModelle. Dann steuerbare FallSchirme. Die ersten Versuche mit Menschen draußen am SteilUfer. Es sollte möglich sein, das ohne den Verlust von MenschenLeben durchzuziehen. Es muß gehen.
Ich bin wohl im PläneSchmieden etwas schneller als die Führung der derzeitigen FortBesatzung. 3 Stunden muß ich tatenlos rumgammeln, bevor man mich um 9 Uhr wieder holt.
Wieder sind Och und der Käptn anwesend, dafür verzichtet man auf jemanden, der mich ständig mit einer Waffe bedroht. Nach einigen Minuten betritt ein weiterer Mann den Raum. Er ist jung, noch keine 20, würde ich sagen, und er setzt sich auf die FensterBank, mit dem Rücken nach draußen. Zunächst sagt er gar nichts, obwohl Och und der Käptn mit ihrem Verhör offensichtlich gewartet haben, bis er anwesend ist.
Sie kommen gleich zum Punkt: Wie verläßt man die GefängnisInsel, diesen unzugänglichen PilzBerg. Wir gehen noch einmal in die Einzelheiten des HerWeges, auch wenn ich nicht weiß, was das noch bringen soll.
Nach einer kurzen Dauer der Unterhaltung gelange ich aber zu der Einsicht, daß dieser Weg nicht mehr ernsthaft in Betracht gezogen wird. Einmal sieht der Käptn den jungen Mann am Fenster an, und der nickt unmerklich. Dann begreife ich: der muß den Weg auch etwas besser kennen als die anderen. Meine AusSagen wurden jetzt auf Richtigkeit überprüft.
Sie wechseln das Thema. Der ParaGlider, das interessiert sie wirklich. Besonders den jungen Mann. Er kommt nach vorne, setzt sich neben die beiden anderen und sagt:
"Ich bin Oaszom. Ich war Fischer, bevor sie mein Dorf überfallen haben. Dann war ich lange auf einem Schiff als Gehilfe der SegelMacherin. Ich weiß etwas über Segel."
"Das ist gut, Oaszom," sage ich, "denn wir brauchen jemanden, der sich gut mit Segeln auskennt. Das ist sehr wichtig!"
Sofort wächst er innerlich einige ZentiMeter, obwohl er sich bemüht, es nicht zu zeigen. Aber das kann man in dem Alter noch nicht so gut verbergen. Wahrscheinlich hat ihn noch nie jemand gelobt.
"Du sollst mir alles über diesen - ParaGlider? - erzählen!"
Also erzähle ich alles noch einmal. Mitten drin fällt mir etwas ein:
"Meine Begleiterin ist auch SegelMacherin. Jedenfalls kennt sie sich in der SchiffsTechnik aus. Das war so ungefähr ihre Aufgabe an Bord des SaurierFängers. Ich glaube, sie sollte dabei sein, weil wir wirklich viele brauchen, die sich mit der ParaGlider-Technik auskennen!"
"Eine Frau?" mischt sich der Käptn ein, "Nein."
"Aber sie kann uns nützlich sein!"
"Sie wird uns nützlich sein. Aber nicht so." Es ist entschieden. Versuch mißglückt. Charmion ist noch nicht mit von der Partie.
Hoffentlich habe ich nicht noch einen anderen Fehler gemacht. Vorhin habe ich Charmion als 'meine Sklavin' bezeichnet, jetzt als 'meine Begleiterin'. Das ist nicht ganz genau dasselbe. Solche WiderSprüche in Nuancen können einem irgendwann später noch einmal Schwierigkeiten machen, wenn sich jemand dran erinnert und einen plötzlichen Anflug von logischem Denken hat.
Oaszom begreift tatsächlich etwas schneller als die beiden anderen. Und er fängt Feuer. Er gehört zu den Leuten, die von Technik fasziniert sind. Das entscheidet sich teilweise durch genetisch bedingte Variation und Ausprägung der cortikalen MusterDarstellung, teilweise durch Zufälligkeiten in der eigenen Biographie, besonders in frühester Jugend: Wer als Kind von den unbelebten Dingen weniger Enttäuschungen erfährt als von den Mitmenschen, dessen WeltBild wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr um die unbelebten Dinge kreisen als um die Menschen. Bei uns oben wäre er ein Ingenieur geworden, oder ein Physiker, vor 50 oder 100 Jahren wahrscheinlich ein geschickter HandWerker. Hier hat er so viel weniger Chancen gehabt, seine Begabungen zu entfalten, daß diese neue Idee bei ihm auf sehr fruchtbaren, aufnahmefähigen Boden fällt. Nun ja, auch Charmion würde diese Idee sehr rasch begreifen. Vielleicht gelingt es mir doch noch, sie irgendwie zu beteiligen.
"Die Qualität des Stoffes ist ganz wesentlich," erzähle ich, "meine Begleiterin ist darin eine große Expertin. Sie ist eine gute SegelMacherin, auch wenn sie eine Frau ist!"
"Nein." sagt der Käptn. Vorstoß zurückgeschlagen.
Jedenfalls fängt Oaszom bereits an, selbstständig Ideen zu entwickeln:
"Wenn so ein Schirm sehr groß ist, dann kann er doch auch mehrere Menschen tragen?" fragt er.
"Im Prinzip ja. Aber dann ist er sehr schwer oder überhaupt nicht zu lenken. Besser, jeder Mann hat einen Schirm oder einen ParaGlider."
Ich vermeide es, von FallSchirmJägern zu erzählen, denn dann müßte ich auch ein Wort über Flugzeuge verlieren, und das würde jetzt mehr Verwirrung als Klarheit stiften.
Aber ich brauche auch nichts über die militärische Anwendung von ParaGlidern oder FallSchirmen zu erzählen. Der Käptn mischt sich plötzlich ins Gespräch ein:
"Eigentlich müßte es möglich sein, mit diesen Dingern in ein feindliches Lager zu fliegen. Was das für eine Überraschung wäre, wenn die SchwertKämpfer so plötzlich vom Himmel herabschweben!" Jetzt zeigt er zur Abwechslung etwas Begeisterung.
"Und vor der Landung sind sie minutenlang hilflose ZielScheiben für die Pfeile der Verteidiger!" dämpfe ich seine Hoffnung auf schnelle militärische GroßTaten.
"Wenn niemand aufsieht? Wenn man völlig lautlos herabschwebt?"
"Völlig lautlos geht das nicht. Der Wind rauscht immer im Schirm, wie bei jedem Segel. Und irgendjemand wird bei einer größeren Menge von Leuten irgendein Geräusch machen. Außerdem - so einen ÜberraschungsAngriff macht man vielleicht ein einziges Mal. Dann spricht sich so etwas rum, und jede Anhäufung von Menschen, die eine Wache für nötig halten, werden wenigstens einen abstellen, der den Himmel beobachten soll."
Der Käptn ist nicht überzeugt, daß ich recht habe, schon weil es seine eigene Idee war, aber er hält zunächst wieder den Mund. So kann ich mit Oaszom schon über technische Einzelheiten reden. Einzelheiten, die ich selbst schon nicht mehr kenne. Habe ich denn jemals einen ParaGlider oder einen FallSchirm selbst hergestellt? Bezüglich der handwerklichen und technischen Einzelheiten hänge ich doch selbst zu sehr in der Luft. Genausowenig kann ich den Leuten hier den Nutzen und die Herstellung eines BenzinMotors oder eines PersonalComputers klarmachen, bloß weil ich selbst die Funktion dieser Dinge kenne.
Oaszom weiß etwas über die Herstellung von SegelTuch. Es gibt auf Casabones keine nennenswerte Vorräte von Textilien, aber die GrundStoffe sind pflanzlicher Art. Die gibt es.
"Wieviele Menschen sind denn in Casabones?" frage ich.
23.6 UmgangsTon
"Mehr als die Hälfte von 5 mal 5 mal 5 mal 5 mal 5!" sagt Oaszom. Das ist das letzte, was er sagt. Das Schwert des Käptns saust von oben quer in seinen Schädel und trennt Gesicht von Hinterkopf. Oaszom fällt nach vorne um. Ich werde von Blut und Gehirnfetzen bespritzt.
Reglos bleibe ich sitzen. Der Käptn steckt sein Schwert, blutig, wie es ist, wieder in die Scheide. Oaszoms grausam verstümmelter Körper liegt zwischen uns. Er kann nicht mehr am Leben sein. Nicht mit dieser Verletzung. Hoffe ich.
"Wieviele Leute hier einsitzen, geht niemand etwas an!" sagt er wütend zu mir und zu Och, "Das habe ich schon hundert Mal gesagt, daß ich bestimme, was gesagt werden darf und was nicht!"
Einen Moment lang Schweigen. Bin ich der nächste? Und wenn nicht, was kann man noch erreichen, wenn man nicht einmal wesentliche ZahlenWerte erfragen darf, ZahlenWerte, die man unbedingt für ein solches Unternehmen braucht? Woher soll man die Anzahl der benötigten FallSchirme denn wissen, wenn man nicht die Anzahl der Personen wissen darf, für die sie bestimmt sind?
In mir regt sich Aggression gegen soviel führungstechnischer Dummheit. Es ist die alte Wahrheit: Gewaltsame Revolutionen stürzen manchmal den Herrscher, doch nie den Thron. Mit diesen Leuten ist keinesfalls leichter zu verhandeln als mit der OriginalBesatzung, wenn diese noch hier wäre.
Vielleicht hatte der Käptn noch eine alte, unbeglichene Rechnung mit Oaszom, einen persönlichen Streit. Oder sein plötzlicher JähZorn war eine Folge der Frustration, nicht zu jenen zu gehören, die die technischen Dinge am besten verstehen. Ich weiß es nicht.
Inzwischen hat das Denken des Käptns seinen AusBruch an Jähzorn wieder eingeholt. Allmählich dämmert ihm, daß es sehr ungeschickt war, einen der KenntnisTräger so einfach zu eliminieren, und das aus einem nichtigen Grund. Außerdem dämmert ihm, daß das mir und Och wohl auch klar sein muß. Hoffentlich ist ihm klar, daß ich jetzt der einzige bin, der etwas über ParaGlider und FallSchirme weiß.
Er steht auf und wendet sich an Och: "Sorge dafür, daß das ..." Er deutet auf die Leiche mit dem gespaltenen Kopf. "... daß das in der SpeiseKammer verschwindet." Dann verläßt er den Raum.
Och ist sich auch noch nicht darüber klar, wie er diese neue Entwicklung der Dinge interpretieren soll. Nicht, daß er durch diese Grausamkeit schockiert ist - das ist für einen Bewohner dieser Welt ja alltäglich. Aber er wird andere Sorgen haben: Der Käptn hat einen wesentlichen Fehler gemacht, und wie immer, wenn so etwas passiert, wird dieser versuchen, diesen Fehler auf seine Untergebenen zu schieben. Und da ist Och die nächste Adresse. Oder ich. Aber mich brauchen sie noch, wenn sie von Casabones runterwollen.
Och steht auch auf, geht an die Tür und ruft etwas hinaus. Nur Sekunden später kommen zwei andere Männer, die den Leichnam Oaszoms hinaustransportieren. Keiner von beiden zeigt sich überrascht.
Dann sind Och und ich wieder allein.
"Wie soll es weitergehen?" frage ich. Bloß selber keinen Vorschlag machen. Wenn einem schon das Wissen, daß sich zwischen 1500 und 2000 Menschen auf Casabones aufhalten, so übel genommen wird, dann sollte man anderen die Initiative überlassen.
"Wir müssen ein paar andere Leute finden, die etwas von SegelMacherei oder Seilerei verstehen." überlegt Och laut. Er ist durchaus nicht glücklich über die Entwicklung der Dinge. Vielleicht habe ich in ihm eher jemanden, der zum MitDenken in der Lage ist. Was das technische betrifft, wäre Oaszom da die erste Wahl gewesen.
"Gut, finden wir ein paar. Werden die dann gleich umgebracht?"
Och schaut mich sorgenvoll an. Er ist sich deutlich bewußt, daß sein Kopf nicht allzu fest auf seinen Schultern ruht.
"Ougom hat immer recht. Manchmal kommt er erst nach langer Zeit von selbst auf die richtige Lösung. Vorher darf man sie nicht unter seine Nase halten. Nachher darf man aber nicht mehr erwähnen, wer diese Idee zuerst hatte. Es sei denn, sie geht schief."
"Ougom?" frage ich.
"Der Käptn. Er läßt sich immer 'Käptn' nennen. Halt dich besser daran."
"Mmh. Gut. Und du glaubst, daß er von selbst auf die Idee kommen wird, meine Begleiterin an dem Unternehmen zu beteiligen? Ich meine, wenn sich nicht noch ganz qualifizierte Leute finden lassen?"
"Erstmal hoffe ich," sagt Och, "daß er bisher von selbst auf die Idee gekommen ist, sie überhaupt am Leben zu lassen."
"Kannst du etwas für sie tun?" frage ich.
"Ich kann es versuchen."
"Gut." fahre ich fort, "Wenn ich darum bitten dürfte. Die ParaGlider sind nämlich nicht das einzige Problem, mit dem man sich beschäftigen muß."
"Was denn noch?" fragt Och beunruhigt.
"Angenommen, es gelingt, alle Gefangenen von Casabones mit ParaGlidern unbeschädigt nach unten zu bringen. Was dann? Da ist nur ein Ring von Inseln rund um den GefängnisBerg. Einige davon sind völlig kahl. Nackte Felsen. Was auf den anderen wächst, reicht vielleicht nicht aus, um diese Leute zu ernähren. Dann ist da noch das UnterFort mit seiner Besatzung. Die werden vielleicht nicht ganz tatenlos zusehen, wenn ein größerer GefangenenAusbruch vor sich geht."
"Bei der Anzahl von Angreifern?" zweifelt Och.
"Überschätze die bloße Anzahl nicht. Die da unten sind bewaffnet und geübt. Nach der ersten Überraschung werden die erbitterten Widerstand leisten. Ich glaube kaum, daß die ihre Schiffe uns freiwillig ausliefern."
"Dann holen wir sie uns." sagt Och bestimmt, "Und Waffen haben wir. Die von der Besatzung dieses Forts."
"Für alle?" frage ich, "Und was richtet man mit Schwertern gegen massive Mauern aus? Und dann - was die an Schiffen da haben, das reicht nicht für alle Gefangenen. Es sei denn, wir haben ganz fürchterliche Verluste. Dann reicht es."
Vielleicht habe ich Och jetzt etwas überfordert. Aber irgendwie muß ich diese Erwägungen in seinen Kopf hineinkriegen. Nur, wenn wir erfolgreich diese GefängnisInsel verlassen, habe ich die Möglichkeit, Irene wiederzutreffen, und nur dann können wir versuchen, wieder unsere eigene Welt zu erreichen. Das bleibt das letzte Ziel.
Und Charmion. Was wird mit ihr? Kurzfristiges Ziel: Sie muß in die FallschirmMacherei mit eingebunden werden, und zwar als sakrosankter KenntnisTräger. Wenn es nicht dazu schon zu spät ist.
Es ist 11 Uhr, und ich werde wieder in meine Zelle gebracht. Was für eine ResourcenVerschwendung: Anstatt sich unverzüglich an die Arbeiten zu machen, die die Flucht von diesem Berg ermöglichen sollten, werde ich zu unproduktivem NichtsTun gezwungen. Ja, und die Meuterer müssen sich wohl kaum zum NichtsTun groß zwingen lassen. Vielleicht gärt in einigen Köpfen allmählich eine Vorstellung davon, was jetzt zu tun ist.
Wenigstens gelingt es mir, von Och etwas zu essen zu fordern, bevor die ZellenTür hinter mir zuschlägt. Wenig später wird mir auch etwas gebracht: Wasser und rohes Fleisch. Der Hunger treibt es runter. Und mir ist, weil ich die GeschmacksUnterschiede kenne, restlos klar: Das was ich esse, ist Teil der ehemaligen FortBesatzung:
MenschenFleisch.
23.7 Von SegelMacherei, Sklaverei und Motivation
Nach weiteren drei Stunden, um 14 Uhr, ist das nächste Verhör fällig. Och und der Käptn Ougom sind anwesend, dazu zwei weitere Männer, die aber offensichtlich nur zu reden haben, wenn sie gefragt werden.
Besondere Überraschung: Sie bringen auch Charmion. Sie ist, wie ich, unbewaffnet, hat aber noch oder schon wieder ihren LederStreifenrock und ihre Jacke an. Auch scheint sie nicht mehr Verletzungen zu haben als die, die ihr gleich zu Anfang beigebracht wurden. Dafür ist sie, wie ich, völlig verdreckt. Zweifellos ist sie mißhandelt worden, aber ihr Trotz ist ungebrochen. Ihre Miene hellt sich kurz auf, als sie mich sieht. Wahrscheinlich ist das auch bei mir der Fall. Besser, wir zeigen das nicht zu deutlich.
"Tja," sagt der Käptn Ougom, "da sind noch einige Dinge, über die wir sprechen müssen. Einige WiderSprüche.!" Er zeigt auf Charmion und spricht weiter zu mir: "Deine Sklavin hat behauptet, ihr hättet Waffen, von denen wir nicht einmal träumen könnten!"
"Was für Waffen?" frage ich.
"Sie spricht da von einer Art FeuerBall, der ganze Landschaften verbrennen und vergiften kann!"
Oh weh. Charmion hat irgend etwas erzählt, um ihre oder meine Haut zu retten, indem sie die Neugier unserer Bewacher geweckt hat. Irgendwann in den letzten Tagen habe ich sicher etwas von der WaffenTechnik in unserer Zivilisation erwähnt. Aber wie kann sich jemand aus einem NaturVolk Bau und WirkungsWeise etwa von AtomWaffen vorstellen? Wie kann jemand, der weiß, wie man Pfeile schlitzt und schärft, Bögen schneidet und spannt und Schwerter schmiedet und schleift, eine Vorstellung davon haben, welch immenser Aufwand erforderlich ist, bevor man über eine Rakete oder eine KernWaffe oder ein JagdBomber verfügen kann?
"Es sind Waffen, wie wir sie in unserer Welt haben. So etwas führen wir nicht mit uns. Das wäre völlig unmöglich!"
Ougom läßt nicht locker. Fast eine Stunde lang versuche ich, etwas über unsere MilitärTechnik zu erzählen und gleichzeitig klarzumachen, warum man solche Dinge hier nicht nachvollziehen kann. Diese ganze Diskussion kostet wieder kostbare Zeit, und meine GlaubWürdigkeit wird dadurch nicht besser.
"Und dann behauptet sie aber, daß ihr etwas mit euch hattet, was eine Art kaltes Feuer ist. Man bewegt es, und es leuchtet!" bohrt Ougom ein anderes Thema an. Unsere DynamoLampen! Charmion hat aber viel erzählt, stelle ich fest.
Ich mache ihm klar, daß ich diese durchaus vorführen könnte, wenn ich sie hier hätte. Habe ich aber nicht - sie sind auf dem SaurierFänger. Immerhin stelle ich in AusSicht, daß ich das vorführen kann, wenn wir erst einmal unten sind.
Och und Ougom sehen sich an, ebenso die anderen beiden Männer. Wenn Skepsis Gestank kompensieren könnte, dann wäre hier jetzt richtig frische Luft.
"Ihr dürft euch keine Illusionen machen!" versuche ich zu erklären, "Diese Dinge gibt es nur in unserer Welt, und es gibt keinen Grund, sie hierherzubringen. Ich habe, als ich in eure Welt abstieg, nicht erwartet, daß es hier Menschen gibt. Sonst hätte ich Bilder über unsere Welt mitgebracht!"
Endlich kommt das Thema wieder auf die FallSchirme. Die beiden anderen Männer stellen sich als FachLeute heraus, weil sie jetzt bei dem Gespräch beteiligt werden. Sie heißen Ozcham und Ochom, und ich merke schnell, daß es sich um kleine Lichter handelt. Ozcham hat lange Zeit unter Anleitung und Aufsicht mechanisch Seile flechten müssen, ohne sich für weitergehende Fertigkeiten dieser Art auch nur rudimentär zu interessieren. Der andere hat einmal als SeeMann auf einem Schiff gearbeitet. Das sind also meine Experten! Es ist aussichtslos, mit diesen Leuten.
Ich fürchte, ich muß ihre Inkompetenz demonstrieren. Ich drehe den Spieß also um und befrage die beiden intensiv, und zwar nach Art eines Betreuers eines physikalischen Praktikums.
Das Betreuen eines Praktikums habe ich vor über 20 Jahren einige Male gemacht. Es handelte sich um ein DemonstrationsPraktikum, das die Technische Universität Clausthal in ihrem LehrProgramm anbot, in dem LehrAmts-Studenten lernen sollten, wie man Schülern physikalische Experimente vorführt. Natürlich ist es dazu nötig, daß man weiß, was man macht, und deshalb war es die Aufgabe der Assistenten, die PraktikumsTeilnehmer gelegentlich in 'intensive Gespräche' zu verwickeln, um herauszubekommen, ob die wußten, was sie taten. War ein Student nicht genügend vorbereitet, dann kam es durchaus vor, daß er gleich wieder nach Hause gehen durfte. Passierte ihm das mehr als ein- oder zweimal pro Semester, dann war seine Teilnahme an diesem Praktikum umsonst und er durfte im nächsten Semester noch einmal antreten.
Zu Unrecht wurde den Assistenten - die selbst Studenten der Physik in höheren Semestern waren - vorgeworfen, sie würden PraktikumsTeilnehmer 'herausquizen'. Das ist nie der Fall gewesen. Im ZweifelsFall haben wir immer noch die Unkenntnis des befragten Studenten zu seinen Gunsten abgerundet, bis auf die ganz krassen Fälle natürlich, wie zum Beispiel der, der es fertigbrachte, zu einem Versuch, in dem er Elektrolyse demonstrieren sollte, wobei man mit scharfen Säuren und Laugen umgehen muß, mit Anzug und Krawatte zu erscheinen und auf diese Weise zu demonstrieren, daß er überhaupt keine Ahnung hatte, was ihn erwartete. In dem Fall mußten wir natürlich frühzeitig mit der Befragung anfangen, um zu verhindern, daß dieser nicht mehr ganz so junge Mann mit etlichen Löchern im seinem vermutlich einzigen Jacket oder in seiner sicherlich einzigen Haut das Institut wieder verließ.
Auch wenn wir also niemals jemanden absichtlich so befragten, daß er keine Chance mehr hatte, so waren wir dennoch in der Lage, das zu tun. Jeder routinierte Prüfer kann das. Jeder Prüfer kann den dümmsten Studenten durch die schwerste Prüfung hindurchwürgen und das größte Genie durchfallen lassen. Wer die Autorität hat, die Fragen auszusuchen und zu stellen, kann eine Prüfung im Prinzip in jede Richtung lenken. Das macht es ja so schwer, eine gerechte Prüfung durchzuführen. Eine Prüfung zu manipulieren ist viel einfacher.
Und genau das mache ich jetzt. Es dauert nicht lange, bis es so aussieht, als ob Ozcham noch nie in seinem Leben ein Seil gesehen hat und als ob Ochom nicht den Unterschied zwischen Bug und Heck und MastSpitze kennt. Ich sehe, daß das auf den Käptn Eindruck macht. Bald jedenfalls dürfen die beiden sich wieder entfernen. Sie werden nicht mehr gebraucht. Hoffentlich tut man ihnen nichts. Diesen Leuten ist das zuzutrauen.
"Und diese Frau kennt sich mit ParaGlidern aus?" fragt der Käptn und deutet auf Charmion.
"Noch nicht. Wie ich gesagt habe, standen wir erst dicht davor, diese Technologie einzuführen. Sie macht die technische Überwachung an Bord des SaurierFangSchiffes."
Der Käptn denkt wieder nach. Allmählich müßte er Übung darin bekommen. Dann wendet er sich wieder an mich:
"Wie würdest du an meiner Stelle verfahren?"
"Um alle Gefangenen von diesem Berg herunter zu bekommen?"
"Ja."
"Wir müßten mehrere Dinge gleichzeitig beginnen. Erstens ist es sicher, daß wir riesige Mengen an Stoff und an dünnen Schnüren brauchen. Sehr viele Leute müssen sofort dazu eingesetzt werden, um diese herzustellen. Zweitens müssen wir Experimente machen. Dazu brauchen wir auch Stoff und Schnüre, aber nicht so viele. Wir müssen ein paar ProbeExemplare schneidern und mit denen die ersten Sprünge üben. Am Anfang da draußen auf dem See, vom SteilUfer herunter. Dann von einem höheren Hang herunter, wenn es auf der OberFläche von Casabones so etwas gibt."
Ougom nickt, also gibt es so etwas.
"Dann," fahre ich fort, "müssen wir mehr und mehr ParaGlider herstellen. Mit denen, die wir schon haben, fängt dann ein AusbildungsProgramm an: Jeder muß in etlichen ProbeSprüngen damit umgehen können. Wir können den Absprung von allen Gefangenen auf Casabones nicht eher wagen, als bis jeder an kleineren Hängen wenigstens einige Male geübt hat."
Ougom sieht von einem zum anderen. Dann sieht er Charmion an. Sie hält seinem Blick trotzig stand. Sie hat schon begriffen, was vor sich geht.
"Das Herstellen des Stoffes ist am schwierigsten." sagt er.
"Wieso?" frage ich nach, "Ich denke, der Vorrat an den nötigen pflanzlichen RohMaterialien ist groß genug?"
"Das ist es nicht," sagt Ougom, "aber diese Männer sind das Arbeiten nicht gewöhnt."
"Wollen die nicht die GefängnisInsel verlassen?"
"Doch. Wenn es so einfach ist, drauf loszulaufen und, wenn nötig, drauf loszuschlagen. Den Zusammenhang zwischen solchen Arbeiten und einer möglichen Flucht wird kaum einer sehen."
"Wie würdest du es tun?" frage ich, die Frage diesmal direkt an Charmion gerichtet.
"Ich? Um die zum Arbeiten zu bringen?"
"Ja."
Sie macht die Bewegung des HalsAbschneidens: "Jeder zwanzigste. Wenn sie dann immer noch nicht arbeiten, noch einmal."
Ougom sieht so aus, als wolle er sie am liebsten gleich anspringen und so bestrafen, wie er es mit Oaszom getan hat. Wie Wellen in flachem Wasser sehe ich einige der Muskeln von Charmion unter ihrer Haut spielen. Sie ist auch ohne Waffen durchaus nicht wehrlos, und Ougom will wohl vermeiden, sich ein paar Blessuren abzuholen, auch wenn er mit seinem Schwert am Ende doch Sieger sein würde. Außerdem hat er schon einmal einen Know-How-Träger beseitigt. Zu oft kann man sich das nicht leisten, wenn man Erfolg haben will.
"Wir haben unsere Bewacher beseitigt, weil wir genug von diesen BestrafungsAktionen haben!" sagt er, "Hier kommandiert keiner mehr herum!"
Vermutlich schließt er sich selbst bei dieser Aussage nicht ein, aber ich frage nicht nach.
"Ich bin gefragt worden, wie ich es anstellen würde, eine große Menge von Menschen zu einer großen Aufgabe zusammenzufassen und zu gemeinsamen Anstrengungen zu bringen. Darauf habe ich geantwortet. Wenn meine Antworten unerwünscht sind, dann sollte man mich vielleicht gar nicht erst fragen!"
Großartige Charmion! Jetzt hat sie es ihm gegeben. Ougom sieht sie haßerfüllt an. Aber was kann er tun?
"Was sie meint," versuche ich zu beschwichtigen, "ist, wenigstens einen machbaren Weg zu zeigen, wie man diese Arbeiten organisieren kann. Das hat sie getan. Es gibt aber noch andere Wege."
"Ach ja? Und welche?"
Jetzt darf ich mir etwas ausdenken.
"Spaß!" sage ich.
"Was?"
"Spaß. Wie ich vorhin erzählt habe, wird diese Art des Fliegens in unserer Welt als eine FreizeitBeschäftigung betrieben. Wenn man es einmal anfängt, dann läßt es einen kaum los. Ich denke, das sollte man ausnutzen: Jeder Mann, der seinen eigenen FallSchirm im wesentlichen selbst herstellt, darf ihn nachher behalten! Ich denke, schon nach den ersten ProbeFlügen wird es sich herumsprechen, wieviel Spaß das macht!"
Ougom sieht sehr zweifelnd drein. Menschen mit positiver Motivation zu etwas zu bringen hat er wohl noch nicht erlebt. Ich muß mir wieder klarmachen, daß mehr oder weniger alle auf Casabones ein Schicksal hinter sich haben, das mit den Worten 'Unterdrückung' oder 'Ausbeutung' oder 'ZwangsArbeit' am besten beschrieben werden kann. Ob diese Leute tatsächlich an etwas arbeiten können, weil sie es wollen und nicht, weil sie es müssen, das muß sich erst noch zeigen.
Und dann muß ich auch damit rechnen, daß sich bei ihm ähnliche Vorbehalte bilden, wie sie ansatzweise in der 'UnternehmensKultur' meines ArbeitGebers zu finden sind: Wenn etwas Spaß macht, dann ist es keine Arbeit und damit nicht nützlich. Ein teures VorUrteil, aber nichtsdestoweniger nicht auszurotten.
Trotz allem, unsere Stellung scheint schon sehr viel besser als am Anfang zu sein. Das sollte man ausnutzen. Das muß ich ausnutzen. Ich stehe auf, gehe die drei Schritte zu Charmion, setze mich neben sie und nehme sie in die Arme:
"Wenn ihr hier wirklich von diesem Berg herunter kommen wollt," erkläre ich, "dann ist es besser, wenn es das Wort 'unmöglich' nicht mehr gibt. Irgendwie werdet ihr alle Leute hier zum Arbeiten bringen, oder ihr werdet eure Tage auf dem GefängnisBerg beschließen. Ihr könnt auch den Weg versuchen, den wir gekommen sind und etwas an dem alten WendelTreppenSchacht schnüffeln, wenn ihr mir nicht glaubt. Oder findet einen anderen Weg."
Nebenbei beginne ich, einige der schlimmsten Abschürfungen an Charmions Oberarmen zu untersuchen.
"Ihr könnt alles mögliche probieren. Wir brauchen nie wieder miteinander zu reden. Ihr könnt uns sogar umbringen. Aber wenn wir den Weg durch die Luft nehmen wollen, dann gibt es nur eine Autorität, die weiß, wie man das anstellt. Und das sind wir. Ich möchte, daß das völlig jenseits jeden Zweifels klar ist."
Ougom und Och blicken uns starr an, wohl immer noch unsicher, ob sie soviel Arroganz auf der Stelle bestrafen oder ob sie uns weiter zuhören sollten.
"Und wo wie schon einmal dabei sind," fahre ich fort, "Um gute Arbeit leisten zu können, brauche ich eine gute ArbeitsUmgebung. Die DreckLöcher, in die ihr mich und sie geworfen habt, sind ja wohl unzumutbar. Ich verlange auf der Stelle eine bessere Unterkunft. Und ich will unsere Schwerter zurück!"
"Nein," entscheidet Ougom, "eure Schwerter bekommt ihr nicht. Aber eine bessere Unterkunft sollt ihr haben."
Charmion und ich sehen uns an. Gewonnen, denke ich! Wenn man erst einmal einen Hebel hat, mit dem man wieder am eigenen Schicksal herumdrehen kann, dann geht es auch irgendwie weiter.
Vielleicht war es sogar ganz gut, daß ich auch unsere Schwerter zurückverlangt habe. So hat Ougom wenigstens etwas, was er uns abschlagen kann, und wir bekommen eine bessere Unterkunft.
Das Verhör ist zunächst mal zu Ende. 16 Uhr ist es geworden. Es gelingt mir noch, während irgendwo weiter oben im Fort ein Raum für uns freigemacht werden soll, die Erlaubnis zu erwirken, das Fort für ein Bad im See zu verlassen. Erstens haben wir das nötig, und zweitens kann ich dann vielleicht mit Charmion alleine sprechen.
"Was hast du ihnen denn alles erzählt?" frage ich, als wir wenig später, unter den zwischen Gleichgültigkeit und Strenge und Neugier und Verwunderung wechselnden Blicken zweier zu unserer Bewachung abgestellten Männer im See am Fuße des FortsFelsens schwimmen.
Sie erzählt in kurzen StichWorten. Die beiden Männer brauchen nicht alles mitzukriegen. So ähnlich wie mich hat man sie über den HerWeg befragt, und sie ist GottseiDank nicht auf die Idee gekommen, sich etwas auszudenken. So haben unsere Beschreibungen übereingestimmt. Dann aber hat sie allmählich gemerkt, daß alle ihre Befrager eigentlich bescheidenen Geistes waren, und sie hat angefangen, einige RäuberPistolen zu erzählen, um sie zu verwirren. Dabei hat sie einiges von dem, was ich ihr über unsere Welt erzählt habe, benutzt. Damit hat sie einen Pegel von Verwirrung und Neugier erzeugt, der sie vielleicht vor Schlimmerem als vor bloßer IntensivBefragung bewahrt hat.
Jetzt, wo die schlimmsten Befürchtungen nicht eingetreten sind, kann ich wieder Genuß an Charmions Nähe und dem warmen, milden Wasser des Sees und dem romantischen SteilUfer, das sich in einigen hundert Metern Entfernung im Nebel verliert, empfinden. Einen unangenehmen Gedanken habe ich aber noch:
"Haben sie versucht, dich zu vergewaltigen?" frage ich, während ich um sie herumschwimme.
"Ja, natürlich!" sagt sie, "einmal, und dann nicht wieder!"
"Einmal?"
"Ja."
"Hat er?"
"Was?"
"Ich meine, hat er?"
"Ach das meinst du. Nein. Er wollte mir sein Ding ins Gesicht stecken, und da habe ich ihm den Schwanz abgebissen. Danach hatte er keine Lust mehr."
Das sagt sie in einem TonFall, in dem andere Leute sagen 'Ich habe gerade ein Eis am Stiel gegessen'.
"Da kannst du aber froh sein, daß sie dich nicht in Stücke gerissen haben!" sage ich.
"Da war keine Gefahr. Die anderen beiden im Raum, die zugucken wollten, haben sich fast totgelacht!"
"Und der, den du - abgebissen hast?"
"Hat erst entsetzt an sich heruntergestarrt, dann hat er angefangen zu heulen wie ein kleines Kind und ist rausgerannt."
"Jedenfalls hast du jetzt einen Feind mehr." vermute ich.
"Was macht das schon." Sie legt sich auf den Rücken und läßt sich fast bewegungslos treiben, "außerdem glaube ich das nicht. Der wird jetzt überall ausgelacht werden. Der kann sich nirgends mehr blicken lassen. Nein, der ist alle. Ich weiß, was in solchen Fällen passiert: Es kommt dauernd wieder zu Raufereien, wenn ihn jemand dumm anquatscht. Bei einer davon wird er umkommen."
Sie paddelt glücklich weiter. Ich sehe ihr an, wie sie den Gedanken an einen besiegten Feind und an ein ruiniertes MenschenLeben genießt.
"Tja, Herwig," sagt sie und sonnt sich sichtlich im Lichte ihrer wiederhergestellten Überlegenheit, "so ist das. Du kannst von Glück sagen, daß du zu mir gehörst!"
Ich bin mir nicht restlos sicher, ob ich ob dieser Bemerkung auch eingeschnappt sein sollte. Bei aller Intimität - Charmion denkt in völlig anderen Kategorien als ich. Wie leicht kann einer von uns die größte LiebesErklärung von sich geben, und der andere faßt sie als Beleidigung auf. Oder umgekehrt.
Als wir hinreichend erfrischt und sauber sind - wir haben auch gleich die Gelegenheit wahrgenommen, unsere Klamotten zu waschen - treten wir wieder ans Ufer und steigen mit unseren Bewachern den bekannten FelsenWeg zum Fort auf.
Wenig später stehen wir in unserem neuen Quartier. Es ist ein sehr kleiner Raum mit nur einem Fenster, das auch in Richtung See zeigt. Aus dieser Höhe sehen wir aber nicht nur den See und die beiden divergierenden SteilUfer, sondern auch die Mischung zwischen Steppe und RegenWald, die das Land jenseits der SteilUfer bedeckt. Dort, wo unser Blick wegen des Nebels kaum noch hinreicht, scheint das Land sich aufzuwölben, wie der Fuß eines Berges. Aber das ist nur eine Vermutung.
"Ob da im See Saurier sind?" überlege ich laut, während ich mit Charmion in den Armen am Fenster stehe, "In einem der ersten Seen, an dem wir vorbeigekommen sind, als wir in eure Welt abstiegen, waren welche. Der war etwa in derselben Höhe über dem Meer."
"Hier sind überall Saurier," sagt Charmion und windet sich in meinen Armen, "Manche sind in Seen, manche in Höhlen. - Du glaubst gar nicht, in wieviel Höhlen eine große Schlange lauert! Andere Schlangen müssen ihre Höhle noch finden - ich finde, in jeder Höhle sollte eine Schlange zuhause sein!"
Wink verstanden. Es ist ohnehin schon 17 Uhr. Zeit zum Schlafen.
******** 024. Tag: Montag 1995-09-11 ********
24.1 Verdrängung
Es ist nach unserer Zeit 2 Uhr morgens, am 11. September 1995, als wir aufwachen. Montag, sagt die Uhr, die nicht wissen kann, wie bedeutungslos diese Information hier ist.
Der Ausblick aus dem Fenster zeigt keine Veränderung zu gestern. Da dieses nachweislich kein Hotel ist, müssen wir schon selbst runtermarschieren und uns um etwas zu essen kümmern. Das ist nicht ganz einfach, weil dafür niemand zuständig ist. Zwar haben die meuternden Gefangenen das Fort in ihre Gewalt gebracht, aber das heißt noch lange nicht, daß so etwas wie ein regelmäßiger KüchenDienst eingerichtet wurde, oder sonst irgendeine sinnvolle InfraStruktur. Das wäre ja mit Arbeit verbunden.
Überall sieht man die Spuren dieser mangelnden Organisation: Es liegt in allen Gängen Dreck rum, SpeiseReste und Exkremente, AusrüstungsGegenstände werden dort abgestellt, wo der Eigentümer es für richtig hält. Das war wahrscheinlich bei der eigentlichen FortBesatzung nicht ganz so unordentlich.
Immerhin fragen wir uns bis zur Küche durch. Jeder, der etwas essen will, geht dort ein und aus. Auch hier ist niemand für irgendwas verantwortlich. Die Küche ist ein einziges Chaos. Und in der SpeiseKammer nebenan bestätigt sich meine Vermutung über den Verbleib der FortBesatzung: Ein Berg von Leichen. Mehr Leichen als Platz in den Regalen. Die zuletzt hinzugekommenen Leichen liegen in einem Haufen auf dem großen ZubereitungsTisch in der Mitte. Es sind nur Frauen - es müssen etwa 20 oder 30 sein. Einige davon sind geöffnet, Gedärm liegt am Boden, GliedMaßen sind abgetrennt oder fehlen ganz. Der Gestank ist unerträglich. Ich bringe es nicht fertig, die Kammer weiter zu durchsuchen, um zum Beispiel herauszufinden, ob da irgendwo etwas anderes zum Essen ist als MenschenFleisch.
Charmion sieht das anders. Die geschlachteten Frauen machen sie wütend, aber nur deshalb, weil es sich um Frauen handelt. Das ist das Sakrileg. Nicht die MenschenFresserei. Zugleich merkt sie aber auch, wie mir bei dem Anblick zumute ist.
"Das ist die Strafe," sagt sie zu mir, "die haben das Fort nicht gut verteidigt. So etwas kommt dabei heraus, wenn man nachlässig ist!"
Als ob das alles erklärt. Zwei Männer, die sich gerade in der SpeiseKammer aufhalten und damit beschäftigt sind, sich aus einem Kadaver ein Stück Fleisch herauszuschneiden, sehen uns mißmutig an, Charmion sogar mit offener Feindschaft. Einer zeigt auf das Stück, das er gerade abgetrennt hat - ich sehe nicht genau hin - und macht eine deutliche Geste. Übersetzt etwa: 'Auch ihr könntet hier liegen!'
In der Küche gibt es eine Art Kamin mit einem Rost. Es brennt dort sogar ein zusammengesunkenes Feuer. Niemand macht sich die Mühe, Fleisch zu braten. Man steht hier auf RohKost.
"Lass uns gehen!" bitte ich Charmion.
"Willst du nichts essen?"
"Ja, aber nicht das!"
"Die haben nichts anderes! Jedenfalls nicht hier!"
Ich dachte, es wäre mir in letzter Zeit gelungen, ihr zu erklären, was ich von der MenschenFresserei halte. Aber dem ist wohl nicht so. Die Farbe meines Gesichtes interpretiert sie aber richtig.
"Warte," sagt sie, "ich bereite etwas so zu, daß du nicht mehr siehst, wo es herkommt. Aber du mußt hier bleiben!"
Und sie tut es. Während ich im wesentlichen nur im Wege herumstehe - dauernd kommt jemand herein, um etwas aus der SpeiseKammer zu holen, während kaum jemand etwas in der Küche zubereiten will - bringt Charmion das Feuer schnell wieder in helle Glut und holt dann ebenfalls etwas aus der SpeiseKammer. Bald liegt über dem VerwesungsGeruch der Duft von bratendem Fleisch. Aber das macht es nicht weniger ekelhaft.
Ich weiß, daß Charmion es gut meint. Aber als wir wenig später die Küche wieder verlassen, jeder mit einem kiloschweren, saftigen Steak in der Hand, ist mir elend zumute. 'Der Kreislauf der Natur', hat Charmion gesagt. Hat sie ja Recht. Aber der Körper des Menschen ist sein Ureigenstes. Sein einzigstes Ureigenstes. Das verdient doch mehr Respekt. Da habe ich doch Recht, oder?
Egal. Am Leben bleiben. Fressen oder gefressen werden. Will ich mit Irene eines Tages diese Welt wieder verlassen? Ja. Also muß ich bei Kräften bleiben. Also Fressen. Und ich esse das Fleisch. 'Es wird gegessen, wer auf den Tisch kommt', wie ein dummer Witz über Kannibalen sagt.
Der Tag bleibt nicht so makaber, wie er angefangen hat, und mit wohlgefülltem Bauch, dem die Herkunft seines Inhaltes ja egal ist, sieht man wieder optimistischer in die Welt. Ein Kaffee wäre jetzt auch recht. Aber so etwas gibt es bei den GranitBeißern nicht.
Ougom hat entschieden, daß wir etwas mehr von der OberFläche des Pilzberges kennenlernen sollen. Vielleicht denkt er da an die ÜbungsHänge für das ParaGlider-Fliegen. Vielleicht will er auch nur seine OrtsKenntnis demonstrieren, das einzige, was er uns voraus hat.
24.2 Zum Tor hinaus
Wir verlassen das Fort um etwa 4 Uhr über die Zugbrücke. 50 Meter sind es bis zur Wasserfläche unter uns, aber Charmion und ich haben da schon Schlimmeres gesehen. Nicht einmal, daß die drei Meter breite Zugbrücke keinerlei Geländer hat kann mich jetzt noch erschrecken.
Wir, das sind Charmion und ich, Ougom und Och, außerdem ist Ohohohom dabei, der etwa so alt sein muß wie ich selbst und von dem ich noch nichts weiß außer daß er es nicht mag, wenn man sich bei der Aussprache seines Namens in der Anzahl der 'ho's verzählt. Das ist aber auch unwahrscheinlich, weil jede Silbe anders betont wird. Vielleicht sollte man O-hoho-hom schreiben, aber das wird der Aussprache auch nicht gerecht. Unser Alphabet ist für die Xonchen-Sprache eben wenig geeignet, und das hiesige Alphabet kenne ich nicht. Oder noch nicht.
Während wir über die Zugbrücke marschieren und ich in königlicher Gleichgültigkeit in diese für unsere jetzigen Maßstäbe gar nicht große Tiefe sehe, beschleicht mich ein Gedanke, der mich in besonderen Situationen eben manchmal heimsucht: Wenn mich jetzt dieser oder jener sähe, Eltern, Bruder, Klassenkameraden, Kommilitonen oder Kollegen, in dieser Situation und in dieser Umgebung, in der Gesellschaft dieser Halbwilden, ausgerüstet mit einem echten Schwert und ... nein, stimmt nicht, ich habe ja kein Schwert. Soviel traut man uns noch nicht. Jetzt stört es mich. Warum habe ich kein Schwert, in dieser abenteuerlichen Umgebung? Plötzlich empfinde ich es als einen Makel. Nein, jetzt möchte ich lieber nicht von irgendjemandem gesehen werden. Als wir Casabones bestiegen, da vielleicht. Ich überlege. Nein, da waren ja auch einige peinliche Situationen. Also, da müßte man sich noch genauere Gedanken drüber machen, wann man gesehen werden möchte und wann nicht. Daß immer da so eine Spur von Stolz ist, der die Situationen, wo man sich weniger vorteilhaft darstellt, von der Weitergabe an die Nachwelt ausschließen möchte!
Ich nehme mir vor, alles über diese Reise zu berichten, wenn ich jemals Gelegenheit dazu haben sollte. Wenn es jemals zu einem Buch kommen sollte. Keine Lügen. Ich werde alles berichten: das, wo ich versagt habe, wo ich mir habe helfen lassen müssen, wo ich falsche Entscheidungen getroffen habe, wo ich hilflos war und nur der Zufall oder die Laune von anderen mich gerettet haben, wo ich verzweifelt war und aufgeben wollte, wo ich anderen gegenüber ungerecht war. Das ist eine Verpflichtung. Was mit mir persönlich los ist, oder wie ich mich darstelle, im Kontext dieses Erlebnisses, das ist doch eigentlich unwichtig. Ich habe es eben nicht besser gekonnt. Ich bin kein Abenteurer. Kein Held. Nur ein Ziel habe ich: Wieder nach Hause kommen. Mit Irene. Und was wird mit Charmion? Wir werden uns trennen müssen, wenn ich mit Irene nach Hause gelangen kann. Sie muß hierbleiben. Sie ist von dieser Welt. So intensiv, wie unsere Beziehung im Moment auch ist.
Ich sehe Charmion an, wie sie neben mir marschiert, aufrecht und ungebrochen. Wie sie an mich glaubt. Gestern abend erst haben wir das letzte Mal zusammen geschlafen, schon routiniert und immer noch leidenschaftlich, und ich weiß, heute abend will sie es wieder haben, und wer weiß, vielleicht vorher schon. Und ich will es auch. Und doch plane ich bereits unsere Trennung. Ich werde sie betrügen, so, wie ich im Moment Irene betrüge. Nein, Herwig, gib dich keinen Illusionen hin: Wenn du jemals dieses Buch schreibst, dann wirst du eine der Minusfiguren abgeben. Oder du wirst unehrlich sein. Überleg dirs, damit du es weißt, wenn es erst soweit ist!
Nach der Zugbrücke geht es zunächst einen Fahrweg entlang, der ein bißchen an den Weg erinnert, den wir gegangen sind, als wir etwa am ersten Sauriersee waren. Der Urwald an beiden Seiten, der Nebel, die Gräben, die überflüssiges Wasser vom eigentlichen Weg ableiten sollen.
"Dieses gehört noch zum Fort!" erklärt Ougom und macht eine umfassende Geste, "das ist ein größeres Gebiet, das von einer Mauer eingegrenzt wird. Erst außerhalb der Mauer ist der Platz für die Gefangenen. Das heißt," er grinst, "bis vor kurzem!"
Es dauert tatsächlich nicht lange - höchstens eine Viertelstunde von der Zugbrücke aus - bis die Mauer vor uns aus dem Nebel tritt.
Sie ist hoch - vielleicht fünf bis sieben Meter - und hat auf der Innenseite einen überdachten und aus neuerem Holz gezimmerten Wehrgang. Da sind sogar Schießscharten zu sehen. Was ich nicht sehe sind die Türme, von denen Charmion gesprochen hat, aber das liegt vielleicht daran, daß der Nebel keine allzuweite Sicht erlaubt.
Auf den zweiten Blick fällt mir aber auf, daß diese Mauer sogar wesentlich älter sein muß als der Wehrgang. Ich frage nach, wer die Mauer gebaut hat.
Ougom weiß es nicht. Dafür meldet sich Ohohohom zu Wort.
"Nein, die Mauer war schon immer da. Sie ist nur irgendwann für den Zweck der Gefängnisinsel mit benutzt und umgebaut worden, aber warum und von wem sie eigentlich zuerst gebaut wurde, das weiß man nicht."
Es ist, wie ich dachte. Vielleicht wieder ein Hinweis auf die Bewohner der Toten Städte. Aber Ohohohom schweigt wieder.
Unser Weg führt direkt auf ein geschlossenes Tor zu. Ich sehe nicht, wie wir oder sonst jemand es öffnen könnte, aber wir haben auch nicht die Absicht, es zu öffnen. Ougom biegt nach links ab und folgt einem Pfad durch das Gestrüpp.
"Eigentlich war es ein Glücksfall," erklärt er, "auf der anderen Seite der Mauer, an der Stelle, wo wir gleich hinkommen werden, ist ein Spalt, so ähnlich wie der, in dem das Fort steht, nur kleiner. Das war wahrscheinlich Absicht, denn dadurch war die Mauer an der Stelle noch schwerer einnehmbar. Man hätte den Spalt und die Mauer in einem überklettern müssen. Grund genug, die Mauer direkt auf dem Spaltrand zu bauen. Es war aber auch unklug, denn so war es möglich, sich im Spalt ungesehen bis an den Fuß der Mauer zu schleichen - oder genaugenommen an die Stelle am Grund des Spaltes, die sich direkt unter der Mauer befand. Dort haben wir schon vor langer Zeit, im Sichtschutz des Gestrüpps, angefangen, die Wand des Spaltes zu bearbeiten und auszuhöhlen. Irgendwann würde der Spalt schon einbrechen, und die Mauer auch. Dann brauchten wir nur noch durchzumarschieren. Das ist vor einigen Tagen geschehen!"
"Und niemand hat euch aufgehalten? War die Mauer denn nicht bewacht?" wundere ich mich.
"Im Prinzip schon. Aber da noch nie jemand einen Aus- oder Einbruch versucht hat, hat die Fortbesatzung die Personalstärke der Mauerwache immer weiter runtergefahren. Wir haben keinen einzigen getroffen, selbst, als schon hunderte durch waren! Niemand hat das Poltern und die Schreie gehört!"
"Die Schreie?"
"Die zwei Männer, die gerade im Spalt an der Arbeit waren. Der eine ist sofort verschüttet worden, aber den anderen mußten wir tot machen, damit er mit dem Schreien aufhört. Hätte uns alles vermasseln können."
Ich vermeide, irgendeine Art von Mißbilligung zu zeigen. Auch Charmion verzieht keine Miene.
"Und danach habt ihr das Fort so einfach nehmen können?" frage ich.
"Ja. Sie waren völlig überrascht. Hatten nicht im Traum mit so etwas gerechnet. Zugbrücke war unten, Tor war offen. Natürlich haben sie sich gewehrt, als sie gemerkt haben, was vor sich geht - aber da waren schon über hundert Mann im Fort. Sie hatten keine Chance."
"Und das war erst vor einigen Tagen?" frage ich.
"Richtig."
Ougom sagt nichts weiter, weil wir jetzt zu dem Mauereinsturz kommen. Es ist so, wie er gesagt hat. Die Mauer ist auf einer Länge von vierzig Metern eingebrochen, und ihre Trümmer füllen den Spalt, der nur vier bis fünf Meter tief und vielleicht zwei Meter breit war, soweit aus, daß man jetzt ohne Probleme die andere Seite des Spaltes erreichen kann. Von dort gehen wir auf einem schmalen Pfad an der Mauer entlang zurück bis zum Fahrweg, der das unbeschädigte Tor verläßt. Als ich die von hier wesentlich abweisendere Mauer mustere, denke ich daran, wieviele Gefangene auf dieser Insel für den Rest ihres Lebens verbannt wurden, und daß für diese die Mauer den Rest der Welt vollständig abtrennte. Gewiß, bei einem Außendurchmesser der Inselkrone von 10 Kilometern standen den Gefangenen ja immer noch mehr als siebzig Quadratkilometer zur Verfügung. Aber das auch nur unter der Annahme, daß der größte Teil dieser Fläche auch tatsächlich bewohnbar ist. Vielleicht ist es viel weniger. Vielleicht erfahren wir das jetzt.
Wir folgen weiter dem Fahrweg, biegen aber nach nur zehn Minuten auf einen schmalen Pfad nach rechts ab. Dieser führt alsbald in die Höhe.
24.3 Über den Wolken
Schon nach Minuten passiert das, was ich eigentlich auch erwarte: Über uns wird es dunkler. Die Nebelschwaden werden dünner und dünner, und mit jedem Schritt formt sich deutlicher die grauweiß wogende Wolkenoberfläche, die wir überschreiten. Bald wird in der tiefer werdenden Dunkelheit über uns die Struktur der Höhlendecke deutlicher und deutlicher. Wir sind auf einer kleinen, bergigen Insel in einem leuchtenden Wolkenmeer.
Die Vegetation nimmt ab, macht Moosen und Flechten Platz. Immer häufiger sieht man den nackten Fels. Die Luft ist über den Wolken auch trockener. Ich sehe kaum noch, wo der Pfad entlang geht.
Auf einem isolierten Vorsprung, fast könnte man sagen, einem Seitengipfel, machen wir Halt. Wir haben schon etwa 200 Meter Höhe über der Wolkenobergrenze gewonnen, aber noch lange nicht den Hauptgipfel des Berges erreicht.
In unserer Nähe ragen noch andere, kleinere Berge aus den leuchtenden Wolken. Nur einer ist wesentlich größer: Fast wie eine Säule durchbricht er mit meist senkrechten Wänden in zwei bis drei Kilometer Entfernung die Wolkendecke und ragt wie ein abgebrochener Spieß oder eine Zahnruine bis dicht unter die Höhlendecke, scheint aber mit dieser keine Verbindung zu haben. Von hier aus hinter diesen steilen Fels scheint eine gigantische Masse Fels zwischen den leuchtenden Wolken und der Höhlendecke zu schweben oder aufgehängt. Es ist nicht klar, wodurch sie gestützt wird.
"Die Oberfläche von Casabones" erklärt Ougom "ist sehr bergig. Wir stehen am Hang des zweithöchsten Berges. Der höchste ist der dort drüben. Der ist aber kaum zu besteigen. Dort soll aber noch ein Weg von Casabones wegführen. Keiner von uns weiß, wie man den findet, und ob er überhaupt noch gangbar ist."
Ohohohom weiß etwas mehr. Er erklärt, daß die scheinbar schwebende Felsmasse hinter diesem Steilberg nur der kleinere Teil eines gigantischen Bruchstückes der Höhlendecke ist, das sich vor Urzeiten zwischen Höhlendecke und einigen Säulen verfangen hat. Wenn es gelänge, diesen schwebenden Berg zu erreichen, dann hätte man viele Dutzende Kilometer Weges in einem sehr fremdartigen Gebirge vor sich, ein Gebirge, daß den wagemutigen Wanderer ständig auf abenteuerlichen Wegen von den Ufern, die von dem leuchtenden Wolkenmeer berührt werden, zu den höchsten Höhen, in finsteren Höhlen weit über uns führt. Der Weg sei so gefährlich, daß das völlig als Abschreckung reiche. Deshalb brauchte er auch nicht überwacht zu werden - nie ist ein Gefangener von der Gefängnisinsel über diesen Weg geflohen.
"Woher weiß man denn, daß es überhaupt geht?" frage ich.
"Überlieferungen. Aus alter Zeit. Die Alten kannten sich mehr aus, in diesen Regionen über den Wolken." sagt Ohohohom bedächtig.
Die Alten? Meint er die Bewohner der Toten Städte? Ich weiß es nicht, und Ohohohom sagt nicht mehr.
Der Schwebende Berg macht mir Angst. Ich habe mich ja allmählich an die Vorstellung gewöhnt, daß diese gigantische Höhle große Teile Mitteleuropas untertunnelt, und daß der feste Boden unseres Landes in Wirklichkeit auf der kilometerweiten lichten Weite zwischen verschiedenen Säulen ruht. Aber wenn dieser Schwebende Berg ein Abbruch von der Höhlendecke ist, dann heißt das ja nichts weiter, als daß dort noch ein viel größerer Teil der Höhlendecke ohne jeden Halt ist. Wie kann das stabil sein? Vielleicht, weil es ein längliches Gebilde ist? - Es muß so sein. Eigentlich kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis diese WeltHöhle irgendwo zur Oberfläche durchbricht. Warum ist es nicht schon längst passiert?
Andererseits fasziniert mich der Gedanke an den Weg über den Schwebenden Berg auch, weil man dort so weit nach oben kommt, nahe an die Erdoberfläche heran. Der Gedanke ist nicht von der Hand zu weisen, daß es vielleicht irgendwo einen anderen Weg an die Oberfläche gibt.
Charmion schmiegt sich an mich und sieht nach oben, in die dunklen Winkel der Höhlendecke über uns, zwei bis drei Kilometer über unseren Köpfen, die dunkelsten Stellen noch weiter entfernt:
"Und da kommst du wirklich her, Herwig?"
"Ja. Da komme ich wirklich her."
Sie schaudert: "Ich bin selten über den Wolken. Der Fels da oben macht mir Angst."
"Warum?" frage ich, "Es sieht doch über eurer ganzen Welt so aus! Nur ist von ganz unten immer die leuchtende Wolkendecke dazwischen."
"Ja, schon," sagt sie, "aber es ist hier anders. Hier ist es dunkler."
Tatsächlich. Sie hat recht. Wie kommt das? Unter den leuchtenden Wolken hat man oder habe wenigstens ich den Eindruck eines trüben Tages, hier oben hat man den Eindruck einer großen, dunklen Höhle, die mit einem leuchtenden Meer gefüllt ist. Vielleicht strahlt die leuchtende Wolkendecke nach oben und nach unten unterschiedlich hell, bedingt durch eine asymmetrische Schichtung, vielleicht ist das aber auch eine Folge der zerklüfteten und unregelmäßigen Struktur der Höhlendecke über uns.
"Ist dieser Berg geeignet zum Üben mit Paraglidern?" unterbricht Ougom uns.
"Im Prinzip schon. Aber es wäre zweckmäßig, wenn man etwas mehr von der Landefläche sieht. Nicht, daß jemand bei einem Übungsflug bereits die Grenzen von Casabones überfliegt und dann ganz alleine unten ankommt!"
"Was die Landeflächen betrifft, so läßt sich da wenig machen. Diese Wolkendecke sieht immer so aus wie sie jetzt aussieht, sie ändert sich kaum. Aber es reicht doch, wenn man auf den letzten Metern den Boden sieht, oder?"
"Kommt drauf an, wo man runterkommt. Jedenfalls schärft es die Reflexe."
"Die was?"
Ich muß ihm kurz erklären, was Reflexe sind. Ougom versteht es und ist nicht mehr interessiert. Das kommt davon, wenn man leichtfertig versucht, Fremdworte in die Xonchensprache einzuführen.
"Gehen wir noch ganz diesen Berg hinauf?" frage ich.
"Das ist nicht nötig. Man sieht kaum mehr, und weiter oben wird dieser Berg auch schwierig. Wir gehen jetzt ins Dorf."
"Ins Dorf?"
"Wo die meisten Gefangenen ihre Hütte haben."
"Ach so." Frustration, wie immer, wenn ich an einem Berg umkehren muß, dessen Gipfel ich nicht erreicht habe. Aber wir sind ja nicht als Touristen hier.
Weil Ougom, Och und Ohohohom beim Abstieg vorangehen, sind Charmion und ich ziemlich unbeobachtet. Einige Schritte versuchen wir, umarmt zu gehen, aber dazu ist der Weg zu uneben. Und als wir einmal anhalten - schon wieder mitten in den Wolken, an einer ebenen Pfadstelle - und uns lange küssen, dreht sich Ougom um:
"Was macht ihr denn da?" ruft er zurück. Er weiß es wirklich nicht. Für diese Leute dürfte sich Sexualität auf Bumsen oder zum Bumsen gezwungen werden beschränken. Andere Formen der Zärtlichkeit sind ihnen fremd. Wie kann ich ihnen daraus einen Vorwurf machen? Auch Charmion lernt ja noch. Und ich auch.
"Weißt du, was die eigentlich vorhaben, wenn sie tatsächlich diesen Berg verlassen sollten?" frage ich Charmion später.
"Nein. Vielleicht wollen die meisten dahin zurück, wo sie hergekommen sind. Oder sie behalten die Schiffe und werden Piraten. Oder sie wollen Grom überfallen."
"Könnten sie das?"
"Dieser undisziplinierte Haufen? Nein."
Ougom dreht sich wieder ungeduldig um: "Wo bleibt ihr denn? Was redet ihr da? Beeilt euch!"
"Jaja, wir kommen doch schon!" beruhige ich ihn. Und zu Charmion: "Und was machen wir, wenn wir wieder unten sind?" Vielleicht eine sehr akademische Frage. Noch ist es lange nicht so weit. Noch gibt es auf ganz Casabones nicht einen einzigen Fallschirm.
"Spielen!" schlägt Charmion vor.
"Ja, natürlich. Aber was dann? Was machen wir auf lange Sicht?"
"Auf lange Sicht? Wie meinst du das?" Charmion zeigt Unverständnis.
"Den nächsten Tag, den Tag darauf, und so weiter!" erkläre ich.
"Spielen! Solange wir können!" Schon bei dem bloßen Gedanken stellen sich ihre Brustwarzen wieder auf.
Hat sie recht? Bin ich auf dem Holzweg, mit meiner ständigen Sorge um das Morgen und das Übermorgen? Nur noch das Jetzt genießen, ist das die weisere Methode? Weil wir nicht wissen, ob wir morgen schon tot sind, oder, wer weiß, vielleicht heute schon? Aber wenn ich hier wieder weg will, dann muß ich mir schon ein paar längerfristige Überlegungen machen. Ich glaube kaum, daß Charmion das verstehen wird. Die längerfristigen Überlegungen nicht, und daß ich wieder weg will schon gar nicht.
24.4 Das Dorf der Meuterer
Wir haben den Fahrweg wieder erreicht und gehen auf ihm weiter. Es dauert nicht lange, bis Hütten am Wegesrand auftauchen, erst vereinzelt, dann immer mehr. Apathisch herumsitzende Männer. Andere zeigen Interesse, als sie uns sehen. Kaum einer steht auf und folgt uns, um herauszukriegen, wohin wir gehen.
Die Hütten sind jämmerlich. Gebaut mit Material, das sich zufällig anbot: Bretter, in den Boden gerammte Äste, zerfetzter Stoff, manchmal sogar Zweigwerk, als ob Kinder versucht hätten, sich eine Hütte zu bauen. Habe ich auch gemacht, als Kind. Regendicht war so ein aus Ästen geflochtenes Dach nie, und die hier sehen nicht besser aus.
"Sieh dir das an!" sage ich zu Charmion, "Das ist doch der reine Zufall, daß die die Fortbesatzung überwältigen konnten!"
Ougom hat das gehört. Er dreht sich kurz um. Auf seinem Gesicht ist eine Mischung zwischen resignierter Zustimmung und Zorn über unsere Bemerkung zu lesen. Weil keine dieser Emotionen die Oberhand gewinnt, sagt er auch nichts. Wir gehen weiter.
Dieses Hüttendorf zieht sich hin, immer dem Fahrweg entlang. Ich fühle mich an Bilder aus der dritten Welt erinnert. Es ist deprimierend. So etwas hatte ich bei den GranitBeißern nicht erwartet.
Einige sehen Charmion feindlich an, erstaunlich wenige lüstern. Charmion tut so, als merke sie das nicht. Die meisten ignorieren sie sowieso, genauso wie Ougom und mich und die beiden anderen.
Ich sehe auch Kranke, Leute, die nicht mehr von ihrem Lager hochkommen können. Üble Hautekzeme, schlecht verheilte Wunden, faule Zähne. Ist es die Wirkung des hilflosen Dahinvegetierens, bedingt durch das hilflose Eingesperrtsein auf Casabones, das diese Leute so verkommen läßt? Auf dem Saurierfänger waren alle in einem wesentlich besseren Gesundheitszustand, sogar die Männer.
Sogar Charmion zeigt gelegentlich einen Anflug von Ekel. Das ist bei ihr ungewöhnlich.
"Hat Grom auch solche Viertel?" frage ich.
"Nein, natürlich nicht."
Ougom heißt uns schweigen. Wir haben ein größeres Gebäude erreicht. Wenn ich ihn richtig verstehe, handelt es sich um eine Art Dorfzentrum. Wir gehen hinein.
Das Gebäude hat nur einen Raum. Es stinkt, die Beleuchtung ist schlecht, und palavernde Männer versperren überall den Weg. Ougom äußert ein paar scharfe Worte, und eine erstaunliche Anzahl verschiedener Gestalten verlassen fast fluchtartig den Raum.
Ich sehe mich um, so gut es geht. Ein Dorfzentrum im Sinne von 'Kneipe' ist es nicht, denn es wird nichts ausgeschenkt. Es ist auch kein Laden für Dinge, die in einer Gefangenenkolonie eben gebraucht werden. Es ist tatsächlich nur eine etwas größere Hütte.
Ougom hat offenbar nach bestimmten Personen geschickt. Bis die kommen, lassen wir uns in der Mitte des Raumes nieder.
24.5 Von Winden und vom Luftwiderstand
Die nächsten Stunden sind ermüdend und langweilig. Es ist klar, was Ougom vorhat: Verschiedene Personen, die innerhalb dieser Gefangenenkolonie durch Intelligenz und Initiative aufgefallen sind und auf diese Weise gewisse Gruppenführungsfunktionen an sich gerissen haben - so etwas beobachtet man immer in Gefängnissen und Gefangenenlagern - müssen mit unserer neuen Fluchtidee vertraut gemacht werden. Immer wieder muß ich - praktisch ohne graphische Hilfsmittel, denn die gibt es hier nicht - erklären, wie ein Fallschirm oder ein Paraglider funktioniert. Und immer wieder muß ich deutlich machen, daß niemand sich Charmion zu nähern hat. Kaum, daß Ougoms Autorität dazu ausreicht.
Diese Leute, die ich in den nächsten Stunden kennenlerne, sind völlig uninteressant. Phantasielos, voll Haß auf die, die sie hierhergebracht haben, voller Aggression, die meisten haben sich ihr persönliches Provinzfürstentum mehr durch Brutalität erstritten denn durch Intelligenz. Der getötete Oaszom war unter diesen Männern schon eine große Ausnahme.
Es gibt Grund, sich Gedanken darüber zu machen, wie es zu dieser Sammlung von Abschaum kommt. Ist es die Wirkung des Gefangenendaseins auf den normalen männlichen Durchschnittsbewohner der GranitBeißer-Welt? Oder werden Menschen, die man leicht mit dem Wort 'Abschaum' disqualifiziert, auch bei den GranitBeißern leichter in Situationen verwickelt, die sie in ein Gefangenenlager bringen? Nichts genaues weiß ich. Bisher weiß ich ja nicht einmal, für welche Vergehen man in diesem Lager landet, für welche Zeitdauer Strafen ausgesprochen werden und ob überhaupt das Konzept einer zeitlich begrenzten Gefangenschaft vorgesehen ist. Diese Dinge von einzelnen zu erfragen bin ich nicht hier. Vielleicht ergibt sich später die Gelegenheit.
Ich komme zwar schon bald auf die Idee, den Luftwiderstand eines großen Tuchstückes mit einem solchen zu demonstrieren, das einen Teil der Wand in diesem Raum verkleidet. Es ist etwas größer als ein Quadratmeter, dreckig wie alles hier, aber es ist ein Tuch. Zwei Personen können es in die Hände zwischen sich nehmen, senkrecht ausbreiten und ein paar Schritte damit auf der Straße laufen. Dann fühlt man den Luftwiderstand.
Aber damit stolpere ich wieder in eines meiner ureigensten Vorurteile, nämlich das, daß fast alle Menschen in der Lage sein sollten, einfache Abstraktionen und Verallgemeinerungen aufzustellen. Das Tuch ist kleiner als ein Fallschirm und wird bei solchen Demonstrationen auch oft falsch gehalten. Die Kraft des Luftwiderstandes, die man dabei also spüren kann, ist gering. Viel geringer als das Gewicht eines Menschen. Und schon kommt das Argument, daß man mit einer solchen Kraft doch unmöglich einen Menschen tragen könne.
Ein junger Bursche kommt mit einem ähnlichen Einwand, der mir aber fast schon wieder Hoffung macht. Seine Argumentation geht etwa so: Angenommen, es sei gelungen, einen Fallschirm herzustellen, der 90 Prozent des Gewichtes seines Benutzers trägt. Müßte wegen der fehlenden 10 Prozent der Benutzer nicht abstürzen? Er sagt es natürlich mit anderen Worten.
Das ist immerhin mitgedacht. Deshalb gebe ich mir bei diesem jungen Mann mehr Mühe als bei den meisten anderen.
Ich versuche, zu erklären, daß in einem solchen Falle die Fallgeschwindigkeit einfach etwas größer wird, bis der Luftwiderstand die 100 Prozent des Gewichtes des Benutzers und des Fallschirms zusammen erreicht. Wenn sich dieses Gleichgewicht eingestellt hat, dann fällt der Fallschirm mit genau dieser Geschwindigkeit weiter. Der junge Mann - er heißt Oomboo - glaubt mir nicht so recht. Aber es sieht so aus, als ob er sich Gedanken machen wird. Ich bedeute Ougom, sich um Oomboo zu kümmern, und er ist einverstanden.
Wir reden mit diesen Leuten nicht nur über das Prinzip Fallschirm, sondern auch über die Tuchherstellung. Das sieht ganz finster aus. Es mag sein, daß von den notwendigen pflanzlichen Rohstoffen genügend auf Casabones vorhanden sind. Das kann ich nicht beurteilen. Aber mit dem untrüglichen Instinkt des von Arbeit entwöhnten Menschen merken sie sofort, daß da etwas auf sie zukommen könnte, was Mühe bedeutet. Soviel Argumente, daß das nicht möglich ist, was sie noch nie versucht haben, habe ich noch nie gehört.
Wenigstens fällt nicht nur mir und Charmion das auf. Auch Ougom, der doch einer aus ihrer Mitte ist, merkt, woran das Projekt zu scheitern droht. Mehrfach wird er wütend, wenn zuviele belanglose 'Wenn und Aber's vorgetragen werden. Dafür fängt er sich mißtrauische Blicke von allen Seiten ein, wenn er sich mit Charmion bespricht. Das geschieht zunehmend häufiger - sie versteht etwas von der Segelmacherei mit den Mitteln, die in dieser Welt zur Verfügung stehen. Mit den Vorarbeiten war sie zwar selbst nie befaßt, aber sie kennt sie. Da ist das Ernten gewisser flachsartiger Fruchtfäden bestimmter Pflanzen, das Kämmen dieser Fäden und die dann mögliche Weiterverarbeitung zu verdrillten Schnüren oder gewebten Tüchern.
Mit letzteren wird es allerdings schwierig werden, weil ich Charmions Erklärungen entnehme, daß es bei den GranitBeißern mechanische, mit Muskelkraft betriebene Webstühle gibt. Besonders in Grom soll es sehr viele dieser Einrichtungen geben, aber sogar an Bord des Saurierfängers war einer, erfahre ich jetzt erst. Wahrscheinlich ist der irgendwo in raumsparend zusammengeklappter Form aufbewahrt worden.
Wie dem auch sei, hier gibt es keine Webstühle. Also zwei Alternativen: Tücher nähen, oder Webstühle bauen. Oder beide Ansätze gleichzeitig verfolgen. Und das mit diesen Leuten!
Dann gibt es noch die Möglichkeit, das Tuch zu verwenden, was man hier und dort finden kann. Aber es dürfte viel zu wenig sein, und von viel zu ungleichmäßiger und schlechter Qualität.
Das Palaver an diesem Tag ist endlos. Erst um 16 Uhr verlassen wir das Dorfhaus wieder in Richtung Fort. Fast zehn Stunden Gequatsche, rechne ich aus.
Wir werden von Oomboo begleitet, weil ich Ougom auf seine potentielle Begabung hingewiesen habe. Ein junger Mann von vielleicht 21 Jahren, der ab und zu einige intelligente Fragen gestellt hat. Hoffentlich lebt er länger als Oaszom. Vielleicht sieht Ougom inzwischen auch ein, daß es Dinge gibt, die man geheimhalten sollte, und Dinge, die der Geheimhaltung überhaupt nicht bedürfen, und daß Fachleute und fähige Mitarbeiter nicht wie Sand am Meer gesät sind. Aber ich bin skeptisch - auch bei meinem Arbeitgeber in unserer Welt da oben sind solche Einsichten durchaus nicht Allgemeingut.
Als unsere Gruppe von jetzt sechs Leuten, also Charmion und ich, Ougom, Och, Ohohohom und jetzt auch Oomboo das Fort wieder betreten, erfahren wir, daß es Streit gegeben hat. Worüber, das bleibt mir verborgen. Vielleicht erfährt Ougom es auch nicht. Irgendeine Nichtigkeit. Immerhin hat diese Nichtigkeit sieben Menschenleben gekostet, wie wir erfahren.
"Wenn die so weitermachen, brauchen die bald keine Fallschirme mehr!" sage ich in einem stillen Moment zu Charmion. Sie erwidert nichts darauf, aber weil Ougom den Rest des Abends damit beschäftigt ist, dem Streit auf den Grund zu gehen, gibt es keine weiteren Besprechungen.
Aber noch vor dem Schlafengehen um 20 Uhr erfahren wir, daß es weitere drei Hinrichtungen gegeben hat. Nur den Grund erfahren wir nicht. War es eine Meuterei gegen Ougom? War es ein Streit um irgendeinen kleinen Vorteil in der Hierarchie der Meuterer? War es Spaß, der plötzlich eskalierte? Ich nehme an, daß die Speisekammer wieder aufgefüllt wurde. Immerhin müssen wir an diesem Abend nicht von Fleisch leben - Charmion hat unterwegs, unter den mißtrauischen Augen von Ougom, allerlei Kräuter vom Wegesrand gesammelt. Jetzt erfahre ich, warum: Alles eßbar. Sie teilt meine Abneigung gegen Menschenfleisch nicht, sie versteht sie nicht einmal, aber sie respektiert sie. Ich kann an diesem Abend vegetarisch leben.
Charmion hingegen holt sich Fleisch aus der Küche. Es ist roh und sieht sehr frisch aus. Wahrscheinlich aus 'neuester Produktion'. Ich sehe nicht hin.
"Dieser Oomboo" erzählt sie beiläufig mit vollem Mund, "ist weg."
"Weg? Ist ihm etwas passiert?" frage ich ahnungsvoll zurück.
"Nein. Er hat das Fort wieder verlassen. Zurück ins Dorf."
"Merkwürdig. Will er doch nicht mit uns zusammenarbeiten? Mir schien es so, als ob er wollte."
"Weiß ich nicht." sagt Charmion. Und ich weiß es auch nicht.
Jedenfalls sind die sozialen Strukturen um uns herum sehr in Bewegung. Und viele dieser Bewegungen sind mir völlig unverständlich. Leute streiten sich und bringen sich um, manche werden ohne besonderen Grund hingerichtet, und manche laufen weg. Wissen wir, wer morgen hier das Sagen hat? Wissen wir, ob die Idee von der Flucht mit Fallschirmen demnächst in Ungnade fällt? Wissen wir, ob und wann wir in Ungnade fallen?
Man läßt uns diesen Abend in Ruhe, und als wir, dicht aneinandergedrängt aus dem kleinen Fenster schauen, ist aus dem ganzen Fort kein Laut zu hören. Der See liegt reglos vor uns, der dampfende Urwald hinter den Steilufern, der zu allen Tageszeiten gleich aussieht und der durchaus auf die Anwesenheit menschlicher Wesen verzichten kann, steht uns in herber Gleichgültigkeit gegenüber. Ich muß daran denken, daß sich dieses Bild nicht um ein Deut ändern würde, wenn sich heute Nacht noch alle Einwohner von Casabones entschieden, sich gegenseitig umzubringen. Im Gegenteil, unzugänglich, wie Casabones jetzt ist, läge für den Rest der Zeit, die diesem abgeschiedenen Fleck Erde aus geologischen Gründen noch bleibt, eine feierliche Ruhe über dem Urwald. Pflanzen und Tiere würden ihren üblichen Kampf ums Dasein führen, die Reste menschlicher Aktivität würden überwachsen, das Gefangenendorf würde sogar sehr bald schon völlig verschwunden sein.
Die einzige Gefahr für diesen Platz wäre die, daß irgendeinem Geologen bei uns oben einmal irgend etwas auffällt. Die Gefahr, daß Menschen die WeltHöhle der GranitBeißer entdecken. Ich bin ja eigentlich schon die Vorhut. - Ob es schon andere gegeben hat?
Sollte ich das geplante Buchprojekt doch nicht ausführen? Sollte ich den Mund halten, wenn es Irene und mir gelingt, wieder nach Hause zu kommen? Und wenn ich darauf schon eine einfache Antwort finde, was sollte ich tun, wenn es nur mir gelingt, nach Hause zu kommen, ich Irene aber nicht mitnehmen kann, weil sie in dieser Welt verschollen ist? Schließlich sind wir nun schon einige Tage getrennt - ich weiß nicht, wo sie ist. Alles mögliche kann inzwischen passiert sein.
Und wenn wir beide nach Hause kommen, dann werde ich immer noch wissen, daß Charmion in dieser Welt lebt. Ist das ein Argument für oder gegen weitere Nachforschungen? - Alles reduziert sich auf die Frage, ob es einen Kontakt zwischen unserer Zivilisation und dieser Welt jemals geben darf.
Charmion neben mir spricht nichts. Vielleicht hat sie analoge Gedanken. Sie weiß etwas über unsere Welt da oben - das, was ich ihr erzählt habe und was sie mindestens teilweise verstanden hat. Wenig genug. Für sie ist da noch die unüberwindliche Barriere des Nichtverstehens zwischen unseren Welten. - Was passiert, wenn unsere Zivilisationen aufeinander treffen sollten, überlegt sie sich wahrscheinlich nicht. Was sie interessiert ist, was aus uns beiden wird.
Und als allernächstes interessiert sie, was wir miteinander machen werden sowie wir uns auf unser karges Lager zurückgezogen haben. Weiteres Üben für das Fest der Körper, das sich immer wiederholt und immer gleich und dann wieder anders ist. Leidenschaft und schlechtes Gewissen kämpfen in mir einen nur kurzen Kampf. Wie immer in letzter Zeit gewinnt die Leidenschaft. Bei Charmion sowieso - für sie ist es das natürlichste, das, worauf jeder und auch sie ein Anrecht hat, das, was man sich, wenn notwendig, holen darf.
In ihren Umarmungen denke ich auch manchmal, daß wir lediglich ein Recht wahrnehmen. Was stimmt mit meiner Moral nicht? Muß man sich leichter und widerstandsloser korrumpieren lassen, um glücklich zu sein? Rechtfertigen die Umstände und unser gemeinsames Erleben in den letzten Tagen irgend etwas?
Diese Gedanken werden, wie immer vor dem Einschlafen, weggeschwemmt durch Lust und Willen zur Lust. Wie immer ist es so, daß es überhaupt keine Frage ist, daß das, was wir machen, richtig ist.
Und wie immer ist der Schlaf nach der Liebe tiefer und erschöpfter als jeder andere Schlaf.
******** 025. Tag: Dienstag 1995-09-12 ********
25.1 Charmion und die Früchte des Waldes
Auch der Morgen beginnt mit Liebe. Als wir merken, daß nach unserem Aufwachen um 5 Uhr das Fort immer noch ruhig ist, eigentlich ungewöhnlich ruhig, nehmen wir die Gelegenheit gleich wahr. So kommt es, daß wir erst um kurz vor 7 Uhr durch die Gänge des Forts gehen, um rauszukriegen, was heute gemacht werden soll.
Nur wenige Männer sind anwesend. Wir erfahren, daß Ougom mit dem größten Teil der Besatzung im Dorf ist, um die Herstellung des Fallschirmtuches zu organisieren. Wir erfahren auch, daß er explizit erwähnt hat, daß er uns dazu nicht braucht.
"Wahrscheinlich wird er jetzt seine Vorstellungen von Motivierung verwirklichen, und wahrscheinlich ist er mit seinen Vorstellungen gar nicht soweit von deinen Vorstellungen entfernt!" sage ich zu Charmion, als wir die Speisekammer nach etwas Eßbarem durchstöbern. Im Moment sind wir hier allein - sowenig Leute sind im Fort. Ich versuche, die Leichen zu ignorieren, während ich nach etwas anderem zu Essen suche, aber Charmion stellt fest, daß sich offenbar niemand besondere Mühe mit der Haltbarmachung der Leichen gegeben hat.
"Die werden alle schlecht werden!" sagt sie und deutet auf einen Schrank, der Salzsteine enthält, "Man muß doch sofort das Salz in die Kadaver einlegen. Hier, sieh mal! Überhaupt nicht aufgeschnitten!"
Mir reicht es. Ich verlasse die Speisekammer und die Küche fluchtartig. Charmion kommt hinter mir her. "Okay, wir suchen etwas anderes!" sagt sie.
Wir können das Fort ohne Probleme verlassen. Die meisten haben uns schon gesehen, und solange Charmion nicht bewaffnet herumläuft wird sie toleriert. Wahrscheinlich, weil der Käptn es so befohlen hat.
Wir folgen dem Steilufer des Sees soweit, bis der Nebel das Fort verschluckt hat. Charmion zeigt mir, was an pflanzlichen Dingen nahrhaft ist. Sie sagt, man kann sich im Urwald ohne weiteres für beliebig lange Zeit vegetarisch ernähren, wenn man alle eßbaren Pflanzen kennt und wenn man weiß, wie man die Eßbarkeit unbekannter Pflanzen gefahrlos ausprobieren kann. Für ihre Begriffe schmeckt Fleisch oder Fisch zwar besser, aber das ist ohne Waffen schwerer zu bekommen.
Sie zeigt mir auch gefährliche Pflanzen. Da ist zum Beispiel diese pflaumengroße, rote Beere, mit der ich schon ganz zu Anfang eine so unangenehme Bekanntschaft gemacht hatte. Sie sei nicht direkt giftig, so wie manche andere Pflanzen, sagt Charmion, aber wenn man diesen ätzenden Beerensaft lange genug einwirken läßt, kann man damit tiefe, schwer heilende Wunden erzeugen. Ein bekannter Trick ist es, Pfeilspitzen mit diesem Saft zu tränken. Damit wird sogar ein bloßer Kratzer in der Haut zu einem Problem.
Andererseits muß ich wissen, daß dieser ätzende Beerensaft auch die letzte Rettung sein kann, wenn man mit bestimmten, sehr giftigen anderen Pflanzen in Berührung gekommen ist, oder wenn man von einer giftigen Schlange gebissen worden ist. Dieser Beerensaft kompensiert manche Gifte, und er dringt sehr rasch in das Gewebe ein, eben weil er das Gewebe so nachhaltig zerstört. In solchen Vergiftungsfällen ist die Ätzwunde eventuell das kleinere Übel.
Dann finden wir einen anderen, unscheinbaren, schachtelhalmartigen Strauch, den Charmion als Heilkraut vorstellt. Es gäbe manche Fieber, die durch ihn gesenkt werden könne, andere Fieberarten bleiben aber unbeeinflußt. Er bewirke heftigen Durchfall, und ein Matsch, der aus diesem Strauch und Wasser und Erde hergestellt werden kann, tut entzündeten Wunden gut. Man soll diesen Strauch nicht zum Spaß und nicht auf Verdacht essen, wegen des Durchfalles, sagt sie. Ob dieser Strauch auf natürliche Weise ein Antibiotikum erzeugt, denke ich mir? Gibt es sowas? Ich kenne mich nicht einmal in der oberirdischen Botanik gut genug aus, um so etwas zu wissen, oder um zu wissen, ob so etwas biochemisch überhaupt möglich ist. Und wieder wenden wir uns einer anderen Pflanze zu, jeder einzelnen Art nur sehr wenig Zeit widmend. Aus dem, was ich gezeigt bekomme, könnte ein Biologe ein ganzes Lebenswerk an Klassifikation und Beschreibung machen.
Plötzlich sagt Charmion leise: "Dreh dich nicht um. Jemand folgt uns!" Sofort habe ich wieder das Fadenkreuz-im-Nacken Gefühl.
25.2 Charmions Wurf
"Dann wäre jetzt ein Messer recht!" sage ich, ebenso leise.
"Brauche ich nicht."
Wir sind auf einer kleinen Lichtung, vielleicht 150 Meter vom Steilufer entfernt. Das Dickicht ist so undurchdringlich, daß sich eigentlich überall jemand verbergen kann. Charmion hat mir keinen Hinweis gegeben, in welcher Richtung sie unseren Verfolger weiß oder vermutet. Statt dessen fährt sie fort, mir botanische Erläuterungen zu geben, denen ich jetzt aber kaum noch folgen kann.
Wieso folgt uns überhaupt jemand? Ist jemand aus dem Fort der Meinung, daß wir bei unserem Treiben unter Beobachtung bleiben sollten? Oder sinnt jemand auf unsere Beseitigung?
"Diese Wurzel wird, besonders bei dem Volk der Jaklinjefjek, sehr gerne in zerfaserter Form als Verbandunterlage gebraucht" erklärt Charmion, während sie ein kleines Bäumchen dicht über der Erde abdreht. Es splittert. Sie spricht eigentlich lauter als notwendig. Möchte sie, daß unserer Verfolger uns hört?
"Wenn man sie sehr fein zerkleinert, dann stillt sie Blutungen. Siehst du hier?" Ich sehe nichts. Sie hat das Bäumchen nicht zerkleinert, sondern von den meisten Ästen befreit. Es ist ein Stock mit scharfem Ende übrig geblieben. Ich ahne, was sie vorhat.
"Manchmal," fährt Charmion fort, "kann man damit auch medizinisch notwendige Schnitte machen, ohne die Wunde mehr als notwendig zu verunreinigen. So!"
Und mit einer raschen Bewegung schleudert sie das, was von dem Bäumchen übrig geblieben ist, in eine ganz unerwartete Richtung. Das Geschoß verschwindet zwischen den Büschen. Ein ganz undramatisches Ächzen kommt von dort. Wir eilen hin.
Es ist einer aus dem Fort. Ich habe ihn schon gesehen, aber mehr weiß ich nicht über ihn. Ein Mann von vielleicht 32 Jahren, der verschlagen aussieht. Oder besser, verschlagen aussah. Niemand, dem ein Holzpflock den Kehlkopf quer zerteilt hat, sieht verschlagen aus. Er röchelt und ist noch bei Bewußtsein, aber natürlich kann er nicht mehr sprechen. Er wird in wenigen Sekunden bewußtlos und in einigen Minuten tot sein. Er krümmt sich krampfhaft und wirft sich hin und her, weil er nicht mehr atmen kann.
"Schade, daß man ihn nicht mehr befragen kann!" sage ich.
"Wäre dir das lieber gewesen?" fragt Charmion und hebt eine Schnurschlinge mit zwei verschieden langen Griffen an jedem Ende auf. Eine Garotte!
"Der wollte nicht jagen gehen. Der wollte uns." stellt sie fest, "Oder wenigstens einen von uns."
"Aber warum?"
"Warum denn, warum ist der Schwanz so krumm." Es hört sich in Xonchen noch etwas obszöner an als in Deutsch. Vielleicht hat sie recht. Irgendjemand unter diesen Meuterern wird uns immer Übles wollen. Vielleicht war dies ein Einzelkämpfer, der sich irgend etwas davon versprochen hat. - Vielleicht wollte er Charmion, und die Garotte brauchte er, um mich vorher und sie danach zu beseitigen. Das hätte er sich vorher überlegen können, daß er gegen Charmion wenig Chancen hat.
"Ob der allein war?"
"Weiß ich nicht," sagt Charmion, "auf jeden Fall muß er verschwinden. Und das nehmen wir mit. Hier!" Damit gibt sie mir die Garotte in die Hand.
"Diese Art von Schnur bräuchten wir für die Fallschirme!" stelle ich fest, "Sehr reißfest! Man kann damit ..." Entsetzt sehe ich, was Charmion mit dem Mann macht, obwohl er noch immer nicht ganz tot ist.
Sie zerreißt ihn ohne Werkzeug, mit bloßen Körperkräften!
Wie jeder Mediziner weiß, sind viele Gewebe des Menschen erstaunlich fest. Eine gesunde Achillessehne kann wohl niemand mit bloßen Körperkräften zerreißen, und viele andere Stellen sind mechanisch ähnlich zäh. Aber Charmion hat sehr große Körperkräfte, und ihre Kenntnisse in Anatomie sind profund - wie man es bei Menschenfressern ja eigentlich auch erwarten sollte. Sie weiß ganz genau, was sie zerreißen und zerbrechen kann und was nicht.
"Man soll ihn nicht finden!" erkärt sie, etwas außer Atem. Sie bemerkt meine verstörten Blicke wohl, wahrscheinlich macht es ihr deshalb noch einmal soviel Spaß.
Den Schädel zum Beispiel bricht sie wie eine Walnuß mit dem Druck ihrer Schenkel. Dann kann ein Handkantenschlag in die Fontanelle den Griff in den Kopf hinein ermöglichen, der dann auseinander gebrochen wird. Im selben Arbeitsgang beginnt sie, das ausfließende Gehirn mit Erde zu vermischen. Das Gleiche geschieht mit den zerbrochenen Resten des Schädels. Kleine, blaße Steinchen, das ist alles, was übrig bleiben wird.
Gesichtsschädel, Rückgrat und die größten Knochen brauchen etwas mehr Aufwand. Aber es ist überall das gleiche: Die zerkleinerten Teile des Körpers werden so mit Erde und Steinen vermischt, daß es im Nachherein nicht mehr möglich ist, festzustellen, daß hier eine menschliche Leiche verschwunden ist. Zurück bleibt eine zerwühlte Stelle im Waldboden. Und ein Herwig, dem schon wieder schlecht ist.
"So, erledigt." Sie steht auf. In der Hand hält sie die Kleidungsstücke des Getöteten: "Das werfen wir unterwegs stückchenweise weg. Wir gehen am besten da rüber!" Und wir gehen weiter, als ob nichts geschehen wäre.
Irene, denke ich, hoffentlich bleibst du in dieser Welt am Leben! Ich muß sogar hoffen, daß sie ähnlich starke Freunde gefunden hat wie ich. Alleine hätte ich die Situation eben ja auch nicht bewältigt. Der Mann wäre mit seiner Garotte schneller gewesen.
"Sollten wir die nicht auch wegwerfen?" frage ich.
"Nein, wo denkst du hin? Das ist ein äußerst praktischer Gegenstand! Du kannst ihn unter dem Rock verstecken!" Und sie zeigt mir, wie.
Als sie an mir rumfummelt, um die Garotte unter meinem Rock zu verbergen, merke ich deutlich, daß sie schon wieder erregt ist. Das muß wohl mit der Tötung eben zusammenhängen.
"Ich kann jetzt nicht!" versuche ich, vorzubauen.
"Kommt schon noch!" meint sie und grinst infam. Dann aber gehen wir weiter, jetzt wieder zum Steilufer des Sees.
"Was Ougom jetzt wohl vorhat?" überlege ich laut, um mich abzulenken. Charmion antwortet nicht darauf.
"Diese Leute - die nehmen doch nie etwas selbst in die Hand!"
"Sind halt Männer." stellt Charmion fest.
"Es sind Gefangene!"
"Ja und?"
"Nichts und! Es sind Gefangene! Manche sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr daran gewöhnt, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen! Das hat mit ihrer Geschlechtszugehörigkeit überhaupt nichts zu tun!"
"Beruhig dich doch!"
"Ich bin ganz ruhig!" fahre ich fort, "Ich will nur mal drauf hinweisen! Was meinst du, wie du dich ändern würdest, wenn du schon so lange hier festgehalten worden wärst!"
"Würde ich nicht mit mir machen lassen!" erwidert Charmion, "Ich würde kämpfen!"
"Ja, genau! Ist ja mein Reden! Diese Leute sind auch deshalb hier, weil man mit ihnen inzwischen nichts anderes mehr anfangen kann als sie hier zu lassen! Was meinst du, wieviel Aufwand es bräuchte, die wieder an ein Leben in Freiheit zu gewöhnen - sofern man den Zustand 'Freiheit' nennen möchte, in dem Männer bei euch leben."
Charmion hält es nicht für nötig, darauf einzugehen. Ich habe den Eindruck, daß meine Argumentation sie ärgert.
"Nebenbei, was macht man eigentlich bei euch mit einer Frau, die sich falsch verhält?"
"Hast du doch gesehen: Degradierung. Hinrichten. Es gibt viele Möglichkeiten."
"Das waren nur zwei."
"Naja, letzten Endes läuft jede Art von Bestrafung darauf hinaus. Absteigen in der sozialen Stellung, oder Hinrichtung, wenn es denn gar nicht anders geht."
"Aber kein Gefängnis!" stelle ich fest.
"Nein, natürlich nicht!"
"Siehste! Woher willst du denn wissen, wie eine Frau nach langem Aufenthalt in so einem Gefangenenlager wie diesem werden würde?"
Durch Argumente eingekesselt geruht Charmion hoheitsvoll zu schweigen. Sie sieht wirklich verärgert aus. Nachdem wir so einige Zeit weiter am Ufer entlanggegangen sind, versuche ich wieder, Versöhnung zu sähen. Schließlich weiß man als geplagter Ehemann ja, wie man eine eingeschnappte Frau seelisch wieder aufbaut.
25.3 Oom
"Da ist ein Weg am Felsen hinunter." stelle ich fest.
Nichts.
"Wollen wir mal nachsehen?"
"Dann geh doch!"
"Tu ich auch! Vielleicht finden sich da kleine Mädchen im Uferschilf!"
"Hier gibt es kein Uferschilf."
"Und was ist das da unten?"
Wieder habe ich mich ins Unrecht gesetzt, weil ich recht habe. Charmion sieht woanders hin. Über den See, als ob dort, im undurchdringlichen Nebel etwas entsetzlich interessantes wäre.
"Kommst du mit runter?"
Keine Antwort.
"Also gut. Es ist kein Uferschilf. Es sind Saurier-Erpel. Aber sie haben alle die Form von Schilf und sie bewegen sich im Moment nicht. Sogenannte Schilf-Saurier!"
Keine Antwort.
"Das kleine Mädchen muß ich natürlich noch suchen."
Keine Antwort.
"Ich habe ein besonderes Talent dazu."
Immer noch keine Antwort. Ich fange an, den schmalen Saumpfad über das Steilufer abzusteigen. Als ich ein paar Meter tiefer bin, höre ich knirschende Tritte hinter mir. Ich drehe mich um.
"ICH bin dein kleines Mädchen!" stellt Charmion fest.
"Jaja."
"Nichts jaja. Ich bin dein kleines Mädchen. Sag, daß ich dein kleines Mädchen bin!"
"Du bist mein kleines Mädchen!"
Und wieder hängt sie wie eine Christbaumkugel an mir. Daß sie immer auf ausgesetzten Wegen damit anfängt! Das hat Irene nie getan. Ich meine, auf ausgesetzten Wegstellen.
"Und jetzt möchte dein kleines Mädchen einen großen ..."
"Wollen wir nicht vielleicht erst da runter gehen? Da ist vielleicht ein besserer Platz!" wehre ich ab. Erotik und Akrobatik soll man nicht allzusehr verflechten.
Flink steigen wir weiter ab. Der Weg ist künstlich, wahrscheinlich vor langer Zeit angelegt worden. Von oben, vom Rand des Steilufers, war er sehr schwer zu erkennen gewesen, aber jetzt ist es kein Problem, ihm zu folgen. Überall, wo es zu schwierig wird, ist mit wenigen Schlägen in den Fels eine allernötigste zusätzliche Stufe gehauen worden.
Unten ist tatsächlich Schilf und ein nur ein bis zwei Meter breites Geröllufer. Gerade will ich etwas über das Schilf sagen, da stolpern wir um eine Ecke des Steilufers, und plötzlich haben wir eine gemauerte Wand vor uns.
"Da schau her!" sage ich, "hier hat mal jemand gewohnt!"
"Hier wohnt noch jemand." stellt Charmion fest.
"Woran siehst du das?" Ich sehe nämlich nichts. Es handelt sich offenbar um eine natürliche Höhle im Fels des Steilufers, die durch eine Mauer zum Wasser hin abgetrennt wurde. Es gibt eine niedrige Türöffnung, sonst nichts. Die Mauer ist nicht verputzt noch sonst auf irgendeine Weise auf Dichtigkeit bearbeitet. Deshalb würde ich nicht vermuten, daß sich da jemand länger als nötig aufhalten sollte oder gar dort wohnt.
"Da steht jemand hinter der Tür." meint Charmion seelenruhig. Ich kann in dem dunklen Loch nichts erkennen.
"Hat er eine Waffe?" frage ich leise.
"Nein. Er ist alt." Und in befehlsgewohntem Ton ruft sie laut: "Komm heraus!"
Tatsächlich verläßt ein gebeugter Mann das dunkle Türloch. Er ist grauhaarig und bärtig und in schäbigsten Lumpen gekleidet. Er sieht in der Tat zunächst alt aus, aber das ist wohl eine Folge eines Lebens, das vielleicht von langen Entbehrungen gekennzeichnet ist, oder von asketischer Lebensweise. Er könnte sogar etwas jünger als ich sein. Ich fühle mich an einen Propheten in der Wüste erinnert.
Er stolpert auf uns zu. Ich habe den Eindruck, daß er entweder verwachsen ist oder an den Folgen einer lange zurückliegenden schweren Verletzung seines Bewegungsapparates leidet.
"Friede und der Wind des Herrn sei mit euch!" sagt er in schlecht verständlichem Xonchen, macht aber gleichzeitig den Eindruck, als habe er Angst, geschlagen zu werden. Den Ausdruck habe ich bei den GranitBeißern schon oft gesehen - immer im Gesicht eines Mannes.
Allerdings ist das nicht der einzige Ausdruck, den ich im Gesicht dieses Mannes zu lesen glaube. Aber ich weiß nicht, was ich da noch hineininterpretieren sollte.
"Hab keine Angst!" sage ich.
"Wieso soll er keine Angst haben?" faucht Charmion mich an.
"Wieso soll er? Glaubst du, von dem geht eine Gefahr aus?"
Wieder reagiert Charmion unlogisch. Wenn wir etwas von dem Mann erfahren wollen, dann ist es besser, wenn er keine Angst vor uns hat. Und es bringt uns keinen anderen Vorteil, wenn er doch Angst haben sollte. Abgesehen davon, daß wir wahrscheinlich nur sehr wenig Einfluß darauf haben, ob er Angst hat oder nicht. Sieht Charmion das nicht?
Oder ist gar ihr Selbstwertgefühl beeinträchtigt, vielleicht bedingt durch die momentane generelle Situation, daß Frauen auf Casabones jetzt nichts mehr zu melden haben? Oder ist sie sauer, weil unsere eigentliche Absicht beim Absteigen auf dieses Uferstück eine andere war?
"Du würdest eine Gefahr doch nicht bemerken! Weißt du, ob er allein ist? Zum Beispiel? Hast du das nachgeprüft?"
"Bist du allein?" frage ich den Alten, um das gleich zu klären.
"Der Herr ist bei mir."
"Welcher Herr?" fragt Charmion, "Er soll rauskommen!"
"Laß ihn doch mal! Ich glaube, er meint das anders!" Mit ein paar Sprüngen bin ich an der Türöffnung und stecke meinen Kopf rein. Das ist zwar bodenlos leichtsinnig, wenn ich wirklich damit rechnen müßte, daß da tatsächlich noch jemand sein sollte. Aber ich bin sicher, daß das nicht der Fall ist. Als sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben, sehe ich, daß ich recht habe.
Ich gehe zu den beiden zurück.
"Nun?"
"Nichts. Niemand."
"Das kann ich mir denken. Wenn da doch jemand gewesen wäre, hätte der dir den Kopf abschlagen können, als du ihn durch das Loch da stecktest."
"Du hättest es sicher verhindert!"
"Auf jeden Fall hätte ich ihn hier einen Kopf kürzer gemacht!"
"Womit?"
Das ist eine fruchtlose Diskussion, die der Alte mit anhören muß. Und die Charmion wieder weiter verärgert.
"Ihr seid hier sicher!" versucht er, mir zu erklären.
"Das sage ich doch die ganze Zeit! Charmion, das ist ein - wie sagt man bei euch - Einsiedel? Der ist harmlos! Der hat sich abgesondert und lebt allein!"
Ich weiß nicht, ob ich mit 'Einsiedel' das richtige Xonchen-Wort getroffen habe.
"Du meinst, der spinnt?" fragt Charmion. Sieht so aus, als ob ihr der Begriff des Einsiedels aus freien Stücken völlig fremd ist.
"Fragen wir ihn doch erstmal selbst!"
Wir beide sehen den Alten an, der immer noch dabei ist, unsere Kampfrhetorik zu verdauen.
"Ich bin Oom!" sagt er. Dann sagt er eine ganze Zeitlang nichts.
"Aha." sage ich. Und nach einer Weile: "Das erklärt natürlich alles!"
"Was?" fragt Charmion.
"Er ist Oom!"
"Und was bedeutet das?"
"Das bedeutet, daß wir noch mehr erfahren werden, wenn wir ihm noch länger zuhören! Wenn wir bis morgen warten, erfahren wir vielleicht sogar, ob er einen zweiten Namen hat. Das heißt, wenn er nicht vorher umfällt!"
Ich weiß, daß ich unhöflich bin. Der Alte kann nichts dafür, daß er im Erklären langsam ist. Aber etwas mehr möchte ich schon wissen. Oom steht nur vor uns und lächelt uns schwach und hilflos an.
"Was tust du hier?" frage ich. So ungefähr kenne ich die Antwort schon.
"Ich lebe hier allein. Niemand weiß, daß ich hier bin. Niemand. Ihr seid die ersten ..."
"Wieso? Kann man deine Hütte nicht von See aus sehen?"
"Da ist niemand auf dem See! Niemals."
Ich frage Charmion: "Hältst du es für möglich, daß die Fortbesatzung sich so wenig um diesen See gekümmert hat, daß hier jemand so lange unbemerkt leben konnte?"
"Was weiß ich? Ich weiß vom Dienstbetrieb der alten Fortbesatzung genausowenig wie du! - Hast du denn am Fort ein Boot gesehen?"
Ich denke nach. "Ich glaube, nein." Und wieder zu Oom: "Wir haben dich unterbrochen. Entschuldige. Du lebst also hier? Seit wie lange?"
"Oh, so lange schon. Verzeiht, Meister. Ich kann es nicht ausrechnen. Mein Verstand reicht nicht aus."
"Und von was lebst du?"
"Was der Herr mir zukommen läßt. Fische, Beeren, Kräuter. Oft bin ich oben im Wald. Aber wenn sie kommen, verberge ich mich."
"Wenn wer kommt?"
"Die Frauen von der Burg."
"Aha. Weißt du noch, wie du hierher gekommen bist? Was war vorher?"
Der Alte überlegt, sichtlich angestrengt. Dann: "Ich kann mich nicht mehr erinnern. Der Herr sagte, daß ich mich hier niederlassen sollte. Und so ging ich von den anderen weg."
"Von den anderen Gefangenen?"
"Ich glaube, ja."
"Von welchem Herrn redest du denn?"
"Er spricht zu mir."
"Wann?"
"Oft."
"Auch jetzt?"
"Er ist da."
"Was sagt er?"
Der Mann überlegt länger. "Er führt mich." sagt er schließlich.
"Er sagt dir, was du tun sollst?"
"Ja, ungefähr. Er sagt mir, wie ich leben soll, und ich handele danach."
"Und wie sollst du leben? Ich meine, kannst du das ungefähr beschreiben?"
Er hat offenbar viel Schwierigkeiten mit der Sprache. Kein Wunder, wenn er jahrzehntelang mit niemandem geredet haben sollte.
"Er lehrt mich, alles Leben zu achten."
"Hmh. Kannst du ihn sehen, diesen deinen Herrn?"
"Nein. Nur hören. Er spricht zu mir, wenn er bei mir ist."
"Ich verstehe."
"Ich nicht," sagt Charmion, "spinnt der nun oder nicht?"
"Schwer zu sagen. In unserer Welt würden die Ärzte sagen, daß er wahrscheinlich eine Frontallappenläsion hat."
"Eine was?"
"Das ist eine spezielle Verletzung im Kopf, die man von außen nicht sieht."
"Also ist er verrückt!"
"Nein," sage ich, "kein Wesen, das es erfolgreich fertigbringt, Jahrzehnte lang am Leben zu bleiben, und das in eurer Welt, die einem das Überleben ja wirklich nicht leichtmacht, ist wirklich und vollständig verrückt. Er hört Stimmen, die nicht wirklich da sind. Es ist in seinem Kopf. Diese Stimmen, oder vielleicht ist es nur eine Stimme, sagen sogar sinnvolle Dinge. Viele nennen das verrückt. Aber es ist nur eine andere Art zu denken. - Außerdem, wenn er behauptet, daß er Stimmen hört, die nicht wirklich da sind, dann heißt das noch lange nicht, daß er sie tatsächlich hört. Vielleicht versucht er nur, auf diese Art seine - Eingebungen - zu erklären."
Oom läßt nicht erkennen, ob er sich durch meine Ausführungen beleidigt oder verwirrt fühlt. Auch nimmt er zu meinen Vermutungen keine Stellung.
"Vielleicht ist er sogar glücklich." vermute ich.
"Bist du glücklich, Oom?" fragt Charmion in erfrischender Deutlichkeit, sich nach vorne beugend, wie eine Kindergartenschwester, die mit einem Kind spricht.
Oom reagiert nicht darauf. Er sieht mich an. Lange. Plötzlich habe ich eine üble Vorahnung.
"Der Herr verzeiht vieles. Deine Frau aber braucht dich. Bleib bei ihr, Herwig!"
Dann dreht Oom sich um und stolpert in seine Hütte zurück.
"Jetzt hast du es gehört!" sagt Charmion, "Ich brauche dich, und du bleibst bei mir! Komm wieder da rauf. Der da ist doch harmlos!"
Da bin ich nicht so sicher. Noch eine ganze Weile sehe ich in die dunkle Türöffnung, aber ich kann nicht erkennen, ob der Alte uns von innen beobachtet.
Wir brauchen nur zwei Minuten, um den schmalen Weg auf das Steilufer hinauf wieder zu ersteigen.
"Eigentlich wollten wir ja etwas anderes da unten tun!" meint Charmion, als wir oben sind.
"Charmion," sage ich, deutlicher als gewöhnlich, "kannst du dich erinnern, daß du oder ich in der letzten Zeit meinen Namen ausgesprochen haben?"
"Ich weiß nicht. Wieso fragst du?"
"Weil der Alte da unten mich mit meinem Namen angeredet hat. 'Herwig', du hast es doch gehört, oder? Ich bin sicher, daß mein Name in der ganzen Zeit, in der wir dort unten waren, und auch schon einige Zeit vorher nicht gefallen ist. Deinen Namen habe ich ausgesprochen. Aber keiner von uns hat meinen Namen erwähnt."
Charmion sieht mich eine Weile an.
"Jetzt spinnst du auch." stellt sie fest.
"Hast du eine Erklärung? Oder erinnerst du dich, daß mein Name zwischen uns gefallen ist? Ich nicht!"
"Ja, das ist doch ganz einfach zu erklären! Du hast es doch selbst gesagt! Er hat etwas im Kopf! Er ist verrückt! Da kann er doch alles mögliche sagen! Warum also nicht auch deinen Namen! Und vielleicht, was wissen wir denn, vielleicht ist er nicht so einsam, wie er behauptet hat. Vielleicht hat ihm jemand von uns erzählt."
Ich überlege. "Vielleicht hast du recht."
"Und er hat gesagt: 'Deine Frau aber braucht dich. Bleib bei ihr!' genau das hat er gesagt." Charmion strahlt mich an.
"Brauchst du mich wirklich?" frage ich sie, "Du bist von dieser Welt. Du gehörst zu den Starken. Du kannst ohne mich überleben. Ich glaube, er meint die Irene. Die Frau, mit der ich runtergekommen bin. Da paßt die Aussage besser. Aber wie kann er von ihr wissen? Die Irene hatten wir überhaupt nicht erwähnt!"
Charmion sieht mich an, als hätte ich ihr die Butter vom Brot gestohlen, oder wie man so sagt. Zu spät merke ich, daß man nicht alle Überlegungen zu jeder Zeit und an jedem Ort so deutlich vor Charmion aussprechen sollte.
"Dann geh doch zu ihr zurück, wenn sie dich so dringend braucht! Ich gehe jetzt ins Fort zurück." sagt es und dreht sich um. Im Laufschritt verschwindet sie schnell im Nebel.
25.4 Charmions Streit
"Bleib doch, Charmion! So habe ich das nicht gemeint!"
Zwecklos. Dieser Streit wird länger dauern.
Es ist kurz nach 12 Uhr. Vielleicht sollte ich auch in das Fort zurück. Mal sehen, was sich da tut. Und Charmion trösten.
Ich begreife, daß ich zwei Frauen habe. Das ist nicht wegzudiskutieren. 'Deine Frau aber braucht dich. Bleib bei ihr ...' hat der alte Oom gesagt.
Wie kommt überhaupt so ein Prophet dazu, sich in so banale Familienangelegenheiten einzumischen? Gibt es denn nichts Wichtigeres, was 'sein Herr' ihm flüstern kann?
Und wie kommt er zu meinem Namen?
Auf dem Rückweg zum Fort - das Laufen erspare ich mir, weil Charmion sich auch ganz gut ohne meine Anwesenheit wieder abregen kann, und es schont meine Nerven, wenn sie das möglichst vollständig in meiner Abwesenheit tut - denke ich viele Aspekte dieses Rätsels durch.
Immer, wenn jemand etwas weiß, was er eigentlich nicht wissen kann, dann fallen einem sofort Spekulationen über Telepathie und außersinnliche Wahrnehmung und metaphysische Phänomene ein. Besonders, wenn dann noch die äußeren Umstände dazu angetan sind, Assoziationen an Druiden und Propheten und Medien zu wecken. Das geht mir so, und es ist letzten Endes auch etwas romatisch, abgesehen davon, daß es eigentlich alles andere als romantisch wäre, wenn die Natur sich nicht an ihre eigenen Spielregeln hält.
Aber den Glauben an die bloße Möglichkeit von Telepathie habe ich schon vor langer Zeit verloren. Nicht wegen der nicht feststellbaren physikalischen Übertragungsmöglichkeiten von Gedanken aus einem Gehirn in ein anderes. Das ist sowieso klar und auch oft genug untersucht worden. Nein, auch die bloße Idee, daß Gedankeninhalte ohne einen beiden beteiligten Individuen gemeinsam bekannten Informationszwischenträger von einem Kopf in einen anderen gelangen könnten, ist zu verwerfen, weil man sonst annehmen müßte, daß die innere Gedankenwelt in einem Kopf von der inneren Gedankenwelt des anderen Kopfes erkannt werden könnte. Das ist aber nicht der Fall. Es ist sogar völlig unmöglich:
Jeder Mensch entwickelt im Laufe seines Lebens eine innere Repräsentation der äußeren Welt mit allen ihren ihm bekannten Aspekten. Die Neuroinformatiker reden von solchen Dingen wie 'evolutionär entwickelten attributierten und sequentiell focal aktivierten Semantischen Netzen', wenn sie von Bewußtsein sprechen, aber das ist eine Sprechweise, die man sich gar nicht unbedingt zu eigen machen muß, um die wesentlichsten Eigenschaften des Bewußtseins zu verstehen.
Die innere Repräsentation der äußeren Welt, die das Bewußtsein eines jeden Menschen bildet, hängt nämlich von den biographischen Zufällen eines jeden Menschen ab. Keine zwei Menschen wachsen auf dieselbe Weise auf, haben in genau derselben Reihenfolge dieselben Sinneswahrnehmungen und dieselben begleitenden intellektuellen Vorgänge. Keine zwei Menschen haben dieselben genetischen Voraussetzungen, denselben Körper und dieselben Funktionseinzelheiten ihres Gehirns. Unterschiede und Individualität, wohin man blickt.
Was ist dann verschiedenen Menschen überhaupt noch gemein? Das sind nur bestimmte Erfahrungen, die durch unsere physische Existenz unserem Bewußtsein aufgezwungen werden: Schmerz und Lust und vergleichbare Sinneswahrnehmungen, letztere bedingt dadurch, daß wir ungefähr ähnliche Dinge in der äußeren Umwelt wahrnehmen. Schließlich gehören wir zur selben Spezies. Das ist aber auch alles.
Deshalb gelang die Evolution eines Symbolsystems, um sich über die Welt zu verständigen - erst die Sprache, später kamen Mathematik und technische Zeichnungen und Programmiersprachen hinzu und andere, ähnliche formale Systeme, die letztlich der Kommunikation dienen. Sprache ist allen gemein - mit Abstufungen. Aber was wir uns unter den einzelnen Begriffen vorstellen, denen dieselben Wörter zukommen, das ist in unendlich vielen Variationen verschieden, selbst, wenn es um konkrete Begriffe des Alltags geht, aber erst recht, wenn gewisse abstrakte Begriffe im Spiel sind, wie 'Recht' und 'Ehre' und 'Liebe' und 'Sinn' und 'soziale Gerechtigkeit'. Wieviel Kämpfe, ja Kriege sind schon geführt worden, weil verschiedene Interpretationen solcher Begriffe sich nicht miteinander zur Deckung bringen ließen!
Und diese völlig verschiedene Gedankenwelt sollte, unter Umgehung der rudimentär allen Menschen gemeinsam bekannten Symbole, direkt von einem Geist in einen anderen gelangen können? Begriffe oder Strukturen aus Begriffen sollten aus einem Bewußtsein herauskopiert werden und in ein anderes Bewußtsein eingebettet werden und dabei noch ihre Bedeutung behalten können? Wo die Bedeutungsveränderung nur eines einzigen Begriffes in einem bestimmten Bewußtsein eventuell Bedeutungsänderungen an allen anderen Begriffen, die diesem Bewußtsein eigen sind, bewirken kann? Niemals glaube ich daran!
Nein. Informationen gelangen von einem Kopf in einen anderen nur über den Umweg der Außenwelt. Sprache, Musik, Kunst, Liebe, das sind alles Wege solcher Übermittlungskanäle, jeder gut geeignet für bestimmte Klassen von Botschaften und weniger gut für andere. Jede subjektive Wahrheit ändert ihre Bedeutung, wenn sie ausgesprochen wird, und sie ändert noch einmal ihre Bedeutung, wenn ein anderer sie hört. Daß wir uns überhaupt verständigen können, zwischen diesen so entsetzlich weit getrennten Universen der separaten Bewußtseins-Inseln, das grenzt schon an ein Wunder.
Oder auch nicht: Die Evolution hätte uns schon längst hinweggefegt, wenn wir uns überhaupt nicht verständigen könnten. Ein bißchen geht es eben doch, und wir müssen mit dem wenigen leben, was wir in dieser Hinsicht haben. Ab und zu trifft man jemanden, mit dem man 'auf derselben Wellenlänge' sprechen kann, wo man 'eine verwandte Seele' vermutet. Der größte Grad der intellektuellen Nähe, die ein lebender Mensch vielleicht haben kann.
Aber Telepathie? Nein. Oom kann keine Gedanken lesen. Keinen Augenblick glaube ich daran. Wenn er etwas weiß, dann hat er sein Wissen auf andere Weise erhalten. Wer weiß, vielleicht war er ja kurz vor unserer Ankunft noch oben, im Wald, und hat uns belauscht? Vielleicht hat er auch ein extrem gutes Gehör? Und wer weiß, vielleicht war seine Aussage ja tatsächlich auf mich und Charmion gemünzt, und nur ich habe festgestellt, daß seine Aussage auf mich und Irene ja eigentlich noch viel eher zutreffen könnte?
Nun gut. Legen wir die Gänsehaut beiseite. Es gibt nichts Übernatürliches. Aber, Herwig, du hast eine ganz natürliche Methode, deine unfertigen Gedanken zu schnell auszusprechen. Deshalb darfst du dich jetzt wieder bemühen, mit Charmion ins Reine zu kommen!
Und so komme ich wieder dazu, an die wirklichen Probleme des Lebens zu denken. Ich mache mich auf den Weg zurück zum Fort. Es gibt keine Gefahr, sich zu verirren, weil ich nur dem Steilufer folgen muß. Sporadisch denke ich daran, daß es immer noch möglich sein könnte, daß der Mann, den Charmion umgebracht und beseitigt hat, vielleicht nicht allein war, und daß dessen Begleiter für mich jetzt eine Gefahr werden könnten.
Aber auf dem ganzen Weg zurück, bis sich das Fort aus dem Nebel schält, nehme ich keinen Hinweis auf Verfolger wahr. Da ich relativ schnell gehe, müßte dieser Verfolger sich ja auch ähnlich schnell durch das Dickicht fortbewegen, was wahrscheinlich nicht lautlos möglich wäre.
Außerdem bin ich etwas stolz auf meine Charmion. Wie sie die Nähe dieses Mannes bemerkt hat und wie sie ihn zur Strecke gebracht hat, das erinnert schon an beste Tradition aus alten Wildwest-Geschichten. Das muß ihr erst einmal jemand nachmachen!
25.5 Wiederbewaffnung
Im Fort stellt sich heraus, daß Ougom mit den meisten seiner Leute immer noch im Dorf ist. Was er genau macht, weiß niemand, oder niemand will es mir sagen.
Ich gehe in unser Zimmer. Charmion ist da, lehnt aus dem Fenster heraus und behandelt mich wie Luft. Ich schmeiße mich auf unser Lager.
"Dieser Oom spinnt natürlich - er kann nichts über uns wissen. Er hat nur einfach eine Bemerkung so hingeworfen." Damit versuche ich, Oom die Schuld zu geben. Aber das funktioniert nicht. Charmion ist stocksauer.
"Vielleicht sollten wir noch einmal hin - der weiß noch mehr. Denke ich."
Charmion schweigt immer noch. Unten im Fort hört man Lärm und Gerede. Vielleicht kommt Ougom zurück.
"Ich seh mal nach, was los ist. Kommst du mit?"
Charmion kommt nicht mit. Sonst hätte sie es gesagt. Oder es einfach getan.
Auf der winkligen Treppe zwischen unserem Raum und den unteren Stockwerken laufe ich fast Ougom über den Haufen. Er ist mißmutig.
"Dich habe ich gesucht. Du mußt dir die Tuchherstellung ansehen!"
"Charmion versteht mehr davon." entgegne ich. Wieso er mich schon gesucht haben kann, wo er doch gerade das Fort betreten hat, frage ich nicht.
"Wir brauchen keine Frau dazu." Es hört sich sehr entschieden an. "Du mußt es dir ansehen." Das klang wie ein Befehl. Da kann ich nichts machen.
Die Arbeiten sollen irgendwo hinter dem Dorf vor sich gehen. Ougom meint, ich könne ohne weiteres alleine dorthin gehen und mich durchfragen. Es gibt da ein sumpfiges Wald- und Seengebiet, wo jetzt geeignete faserige Pflanzen geschnitten werden, und ich könne mich ja durchfragen.
Bei dem Gedanken, allein durch den Wald zu streifen, wird mir aber wirklich unbehaglich:
"Bekomme ich mein Schwert zurück?"
Ougom überlegt kurz. "Ja, natürlich. Hol es dir selbst aus der Zeugkammer! Ocronk weiß, wo es ist. Sag ihm, ich hätte es angeordnet."
Die Zeugkammer ist im untersten Geschoß des Forts, gleich neben dem Tor zur Zugbrücke. Ocronk ist ein schon älterer Mann, vielleicht etwas über 50, den ich auf dem Boden schlafend vorfinde. Wahrscheinlich ist er jetzt eine Art Zeugmeister. Ich könnte mir, ohne ihn zu wecken, alles mögliche mitnehmen, ohne daß er es merkt - das Prinzip Wachsamkeit ist ihm wohl auch fremd - aber ich will mein eigenes Schwert. Das kann ich in diesen Bergen von Gerümpel nicht finden. Also muß ich ihn wecken.
Als er hört, daß ich auf Anordnung von Ougom etwas haben will, fragt er überhaupt nicht weiter nach. Auch eine Schwachstelle, denke ich mir - da könnte ja jeder kommen und sich etwas aushändigen lassen. Ich frage nach meinem Schwert, und was ich bekomme ist sowohl mein als auch Charmions Schwert samt Tragegurten, weil er nicht genau genug hingehört hat. Nun gut. Zwei Schwerter umzugürten ist natürlich wieder lästig, aber vielleicht kann ich so irgendwann Charmion mit ihrem eigenen Schwert versorgen.
Ein schlechtes Gedächtnis hat er auch, denke ich, weil wir ja drei Schwerter hatten, als wir hier ankamen: Ich hatte ja noch das von Chmerm. Aber ich will jetzt nicht kleinlich sein.
Bevor ich gehe, äußere ich noch meine Bewunderung über die reichhaltige Ausstattung der Zeugkammer. Ocronk scheint - in Maßen - geschmeichelt, tendiert aber mehr zur Gleichgültigkeit. Er scheint sich so schnell wie möglich wieder hinlegen zu wollen, und da ich nichts weiter von ihm will, ist für ihn die Welt wieder in Ordnung. Vielleicht kann man aus ihm noch einiges mehr rausholen, wenn er wacher ist.
Ohne Probleme verlasse ich das Fort über die Zugbrücke. Einige Männer sehen mich, niemand stört sich an meinen zwei Schwertern - außer mir selber, natürlich. Ich überlege, wie ich Charmions Schwert so aufbewahren kann, daß sie es im Notfall finden kann, eventuell sogar nur nach meiner Beschreibung. Es muß natürlich ein Platz sein, an dem sonst niemand nachsuchen wird, auch nicht per Zufall.
25.6 Das Waffenlager
Ich bin völlig allein auf meinem Weg zum Dorf. Als ich zur Mauer komme, denke ich, daß dort ein Platz am besten geeignet sein sollte, weil man ihn dort leichter wiederfinden kann. Das Tor! Seit Eroberung des Forts ist es nicht mehr geöffnet worden, weil der Weg durch den Mauerdurchbruch bequemer ist. Ich biege also nicht den Pfad nach links ab, sondern ich folge dem Fahrweg die restlichen fünfzig Meter bis zum Tor.
Bei dem Tor handelt es sich um ein Loch in der Mauer, das einen halbellipsenförmigen Querschnitt hat. Die Breite ist drei Meter, die Höhe auch. Es ist mit zwei schweren, hölzernen Torflügeln verschlossen, die durch baumstarke Riegel arretiert sind. Diese Riegel aus ihren Lagergabeln zu heben dürfte die Kraft mehrerer Leute erfordern. Für Fuhrwerke ist das Tor schon etwas niedrig, besonders an den Seiten. Aber ich habe hier auf Casabones ja auch noch nie ein Fuhrwerk gesehen. Nur aus der Breite des Fahrweges schließe ich, daß es so etwas geben muß. Oder früher einmal gegeben haben muß.
Zur rechten Seite des Tors gibt es einem gezimmerten Aufstieg zum Wehrgang, ein einfaches Gerüst, mit Bretterwänden umkleidet und innen eine Leiter.
Ich sehe mich um. Niemand da. Ich bin völlig allein. Hoffe ich. Schon bin ich in diesem Aufgang und steige nach oben.
Die Qualität der Sprossen ist nicht vertrauenerweckend. Die alte Fortbesatzung war wohl nicht allzu scharf auf Instandsetzungsarbeiten. Wahrscheinlich ist die Motivation zu solchen Arbeiten allmählich abgeflaut, genauso wie die Motivation zum Wacheschieben, wie Ougom erzählt hat.
Auf jeden Fall muß ich aufpassen, daß ich nicht auf morsche Balken trete. Einen Sturz aus vier Metern Höhe kann man zwar noch überleben, aber meine Chancen, die Welt der GranitBeißer wieder zu verlassen, wären wesentlich geringer, wenn ich mich schwer verletzte.
Die ursprünglichen Erbauer des Wehrganges haben solide Arbeit geleistet, und das ist wahrscheinlich der Grund, aus welchem der Wehrgang trotz der Vernachlässigung immer noch steht. Das Geländer des Wehrganges ist vollständig mit Brettern verkleidet, so daß ich mich bloß hinknien muß, um nach unten unsichtbar zu werden, wenn jetzt jemand den Fahrweg entlang kommen sollte. Nur bewegungslos müßte ich dann ebenfalls werden, denn wohin man auch tritt, alles knirscht und knackt und ächzt und quietscht.
Dort, wo man von der Leiter des Aufganges auf den Wehrgang tritt, sind beiderseitig von der Lücke im Geländer schrankartige Kästen angebracht. Das Dach des Wehrganges ist an dieser Stelle etwas weiter heruntergezogen, um sowohl diese Kästen als auch den Aufstieg selbst zu überdecken. Die Kästen haben Türen, die nicht verriegelt sind. Ich öffne sie.
Es sind Waffenkammern, die der Aufmerksamkeit der Meuterer entgangen sind. Bögen, Pfeile, Messer, Schwerter, Äxte. Auch einige Spaten, Seile, Hämmer und Holzdübel finde ich. All das, was Verteidiger dieser Mauer gebrauchen könnten. In dem zweiten Kasten derselbe Inhalt. Sollte ich Charmions Schwert hier deponieren? Offenbar sieht doch niemand hier nach.
Das allerdings könnte sich ja noch ändern. Ich untersuche diese Schrankkästen weiter und stelle fest, daß sie sehr solide gezimmert sind. Die Wände sind zweischichtig und auch die Zwischenböden. Aus einem solchen kann ich ein Brett entfernen. Da ist Platz genug für Charmions Schwert. Es ist sogar soviel Platz da, daß ich von den vorhandenen Waffen die am besten erhaltenen aussuchen und ebenfalls dort verstecken kann. Dann bringe ich das lose Brett wieder an seine ursprüngliche Stelle, und nichts ist mehr zu sehen. Wer immer diesen Waffenschrank ausräumen sollte, wird ihn nicht ganz leer zurücklassen.
Denselben Trick versuche ich noch bei dem gegenüberliegenden Waffenschrank, aber dort gelingt es mir nicht: Es gibt kein loses Brett in den Schrankwänden oder in den Zwischenböden. Wenigstens verlege ich noch einen Teil der Waffen in den anderen Schrank, damit beide wieder gleichvoll aussehen. Dann schließe ich sie wieder.
Sorgfältig sehe ich mich um. Ein paarmal habe ich mit den Waffen und Werkzeugen geklirrt. Wenn jemand in der Nähe ist, dann könnte derjenige hellhörig werden. Aber es ist völlig still. Und auch an der anderen Seite der Mauer scheint niemand zu sein, soweit ich das durch eine der Schießscharten beurteilen kann. Der Nebel hängt reglos zwischen dem Buschwerk vor der Mauer. Ich mache mich wieder auf den Abstieg.
Bis zum Dorf begegne ich tatsächlich keinem Menschen. Dort sehe ich das übliche Bild: phlegmatisches Rumgammeln. Hat Ougom nicht behauptet, er hat die Leute zum Arbeiten gebracht?
25.7 Der neue Richtplatz
Vielleicht sind weniger Menschen im Dorf als sonst, vielleicht auch nicht. Das ist schwer zu beurteilen. Was sich aber auf jeden Fall geändert hat, das sind die Vollstreckungskreuze, die vor der größeren Hütte in der Mitte des Dorfes aufgestellt wurden. Sieben Stück sind es, davon einige aus frischem Holz. Weitere Balken, die auf die Bearbeitung waren, liegen auf dem Boden. Männer sitzen darauf und lassen die Zeit vergehen. Als sie mich kommen sehen, springt einer, der mich zuerst sieht, auf und greift sich eine Axt. Die anderen sehen sich um.
Es ist kein Angriff, wie meine ersten Reflexe mir suggerieren wollen. Diese Männer haben offensichtlich den Auftrag, die Kreuze aufzustellen. Solange Ougom abwesend ist, halten sie sich nur etwas in ihrem Arbeitseifer zurück.
"Wo wird das Tuch gemacht?" frage ich. Einer zeigt die Dorfstraße entlang. Er ist offenbar nicht gewillt, mehr zu sagen. Inzwischen haben sogar schon zwei weitere die Arbeit wieder aufgenommen. Das ist schon eine gewisse Schwierigkeit, gleichzeitig zu demonstrieren, daß man arbeitet und daß man nicht nur deshalb die Arbeit wieder aufnimmt, bloß weil jemand kommt, der von Ougom zur Aufsicht beauftragt sein könnte.
Ich gehe die Dorfstraße weiter. Als ich mich vor der nächsten Biegung wieder umdrehe, sehe ich, daß die Arbeit schon wieder eingestellt worden ist. Der Gesichtsausdruck der Männer zeigt ein schmalen Ausschnitt des Spektrums zwischen Gleichgültigkeit und Abneigung, mehr zur Gleichgültigkeit hin, um genau zu sein.
25.8 Die Schneidgrasschnitter
Die Dorfstraße geht bald wieder in den Fahrweg durch den Wald über. Dabei sinkt die Qualität dieses Fahrweges, man kann eigentlich nur noch von einem Weg sprechen. Der Wald unterscheidet sich eigentlich nicht von dem Wald zwischen Dorf und Fort.
Es kommt eine Wegabzweigung. Beide Wegalternativen sehen gleich gut aus. Das einzige Kriterium ist, den Weg mit der geringeren Änderung der MarschRichtung zu nehmen. In diesem Punkte unterscheiden sich die Wege allerdings auch nicht besonders: Der eine verspricht eine MarschRichtungsänderung von 45 Grad nach links, der andere nach rechts.
Dann allerdings sehe ich im Matsch am Rand des rechten Weges eine Vertiefung, die ein Fußabdruck sein könnte. Also nehme ich die rechte Abzweigung.
Der Weg führt in Windungen abwärts, und der Boden wird feuchter. Als ich zu einem flachen Sumpfteich komme, liegen mitten auf dem Weg einige Bündel von einem pflanzlichen Material, das wie Schilf aussieht. Diese Bündel sind so zusammengelegt worden, daß man sich drauflegen kann. Das haben auch zwei Männer getan. Sie schnarchen um die Wette.
Was tun? Reicht meine Autorität aus, die beiden wieder zum Arbeiten zu bringen? Sind diese zwei überhaupt alle? Ougom hat mir nicht verraten, wieviele an der Ernte von diesen Faserpflanzen arbeiten.
Ich muß einen Konflikt riskieren. 2000 Fallschirme für 2000 Menschen herzustellen erfordert etwas mehr Einsatz, als diese beiden hier zeigen. Ich ziehe mein Schwert und halte es dem einen unter die Kehle. Dabei hebe ich seinen verfilzten Bart an. Wahrscheinlich kitzelt ihn das.
Der wacht auf, sieht mein Schwert vor seinem Hals und erstarrt. Der andere schläft seelenruhig weiter.
"Was tut ihr hier?"
"Wir beaufsichtigen die Schnitter!" sagt der Mann. Er sieht abwechselnd die Klinge des Schwertes und mich an. Der andere wacht auf, sieht uns und erstarrt ebenfalls.
"Soso. Ihr beaufsichtigt die Schnitter. Wo sind sie denn? Ich sehe keine!"
"Wir haben ..." sagt der andere und schweigt dann wieder.
"Ihr habt was?"
"Wir haben sie beauftragt, weiterzuarbeiten."
"Aha. Das wollen wir uns gleich ansehen. Auf!"
Beide gehorchen. Der, den ich zuerst angesprochen habe, ist sichtlich erleichtert, daß meine Schwertklinge sich von seinem Hals entfernt.
Sie setzen sich in Bewegung. Meine forsche Aktion war wohl ziemlich gefahrlos, wenn ich mir diese Initiative-entwöhnten Männer ansehe. Aber ich muß aufpassen, daß ich es nicht zu weit treibe, denn ich möchte nicht in die Situation kommen, eine Waffe zur Disziplinierung tatsächlich benutzen zu müssen oder unglaubwürdig zu werden.
"Das geht auch schneller." stelle ich fest. Diese Aussage hat keinen meßbaren Einfluß auf ihre Fortbewegungsgeschwindigkeit.
Ich lasse meine Schwertklinge durch die Luft sausen.
"Ich habe gesagt, das geht noch schneller! Los, im Laufschritt! Oder soll ich euch Beine machen?"
Das wirkt. Sie setzen sich in Trab. Nicht, daß ein Freizeit-Jogger diese Art der Fortbewegung als 'Laufen' bezeichnen würde. Die beiden erreichen gerade die Geschwindigkeit, die für mich zum Laufen zu langsam und zum Gehen zu schnell ist. Das müssen etwa sieben Kilometer pro Stunde sein.
Zum Glück für die beiden haben wir nur ein paar hundert Meter zurückzulegen. Dann kommen wir dem Ufer des verzweigten Sumpfteiches näher.
Das Bild ist bedrückend. Da sitzen oder liegen etwa 30 oder 40 Leute. Einige schlafen, andere palavern, einer onaniert und ein anderer scheißt gerade in den Teich. Es liegen einige wenige Bündel von Material herum, solche wie die, auf denen ich die beiden 'Aufseher' schlafend vorgefunden habe.
Dieselben sind völlig außer Atem. Mir wird klar, daß der Durchschnittsgefangene auf Casabones eine Kondition hat, die man bei uns in einem Altersheim feststellen würde - und vielleicht nicht einmal da.
Die Leute sehen uns verwundert an. Einige der Schläfer werden durch rasches Anstoßen geweckt. Ich schätze die Menge der Materialbündel ab, die diese Leute bis jetzt geschafft haben. Ich weiß nicht, wieviel Verschnitt bei der Herstellung von Tüchern aus diesem Material abfällt. Selbst mit den optimistischsten Schätzungen dürften mit dem vorhandenen nur wenige Dutzend Quadratmeter herstellbar sein. Ein einziger Fallschirm in einem Abeitstag.
Haben die Vollstreckungskreuze, die Ougom aufgestellt hat, denn überhaupt keinen Eindruck gemacht? Oder wissen diese Männer hier noch nichts davon? Jedenfalls wird mir klar, daß bei diesem Arbeitstempo eine Flucht aller Gefangenen von Casabones noch viele Jahre an Vorbereitung benötigt. Viele Jahre, bis ich daran gehen kann, Irene wiederzufinden und dann zu versuchen, wieder nach Hause zu kommen.
Das darf nicht sein. Es ist nicht nur eine Sache der Geduld. In der Welt der GranitBeißer ist die Wahrscheinlichkeit pro Zeiteinheit, ums Leben zu kommen, einfach zu hoch, um geduldig zu sein. Um aus der drohenden Verzögerung von Jahren Tage zu machen bedarf es drastischer Methoden. Vielleicht, denke ich mir, sollte ich in mir selbst die unschönen Charaktereigenschaften eines Ausbildungsunteroffiziers, eines üblen Einschleifers, herausarbeiten. Um das gut zu können, muß es mir sogar noch Spaß machen, muß es mir ein inneres Bedürfnis sein, Menschen fertig zu machen. Ich fürchte, das sanfte Zureden und Erklären und Deutlichmachen der Notwendigkeiten hat hier kein Platz - all das, woran ich doch selbst glaube. Aber man sehe sich doch diese verlauste und faule Bande an!
Jedenfalls, sage ich mir, ist es wohl legitim, wenigstens zu Anfang mal die Sau herauszukehren. Hoffentlich gelingt mir das - es ist eigentlich nicht meine Art.
25.9 Nagold
"Alles aufstehen!" brülle ich, "Los, worauf wartet ihr? Alles auf!"
Wie die alten Männer erheben sich die, die bisher gesessen oder gelegen haben.
"Das geht noch schneller!"
Geht es nicht. Mit schnellem Schritt trete ich an den heran, der sich am allermeisten Zeit gelassen hat. Ich halte meine Klinge unter seinen Hals, bis er endlich aufrecht steht.
"Jetzt in einer Reihe antreten!" kommandiere ich. Die Wirkung ist Null. Woher sollen sie wissen, was man unter 'in einer Reihe antreten' zu verstehen hat? Diese Fachausdrücke kennen sie nicht.
"Du - dahin. Du - dahin. Und du - dahin! Ist das so schwer?"
So zeige ich fast jedem einzelnen, wo er zu stehen hat. Die beiden 'Aufseher', die inzwischen wieder zu Atem gekommen sind, stehen hoheitsvoll dabei. Sie fühlen sich nicht angesprochen.
"Was ist?" frage ich sie, "Braucht ihr eine Extra-Einladung?"
Siehe da, sie verstehen es. Endlich stehen alle in einer Reihe. Es ist zwar keine übertrieben gerade Reihe, aber der Boden ist zu uneben, um da Wunder zu verlangen. Ich zähle nach - durchzählen zu lassen, wie ich es seinerzeit beim Militär erlebt habe, probiere ich gar nicht erst: Ich glaube kaum, daß jemand von diesen Männern zählen kann, geschweige denn alle.
Es sind 47 Männer. Ich stelle mich so vor die Reihe auf, daß alle mich sehen können. Mein Schwert bleibt schlagbereit in meiner Hand. Die Geste ist unmißverständlich.
"Herhören. Ihr seid beauftragt worden, eine bestimmte Arbeit auszuführen. Diese Arbeiten sind notwendig, um uns die Flucht von Casabones herunter zu ermöglichen. Jedes Nachlassen in Arbeitseifer, jedes Sabotieren dieser Arbeiten ist der Versuch, uns an dieser Flucht zu hindern. Faulheit ist ein Angriff gegen alle. Ist das verstanden?"
Sie sehen mich an wie die Ochsen. Einige nicken. Vielleicht ist meine Xonchen-Aussprache und meine grammatischen Improvisationen nicht allen gleich gut verständlich.
"Wenn einer der Herren der Meinung ist, diese Arbeit ist zuviel für ihn, oder zu schwierig, dann möge er jetzt vortreten und das sagen. Niemand ist gezwungen, zum Wohle aller anderen zu arbeiten. Wir sind keine Unmenschen. Wir werden für diesen eine andere Verwendung finden. Also? Ist sich jemand zu fein für diese Arbeit?"
Niemand tritt vor.
"Gut. Ihr werdet jetzt alle weiter arbeiten. Wenn ich den Eindruck habe, daß sich jemand allzuviel Zeit läßt, dann werde ich mich um denjenigen ganz speziell kümmern. Ist auch das verstanden? Gut. Hat noch jemand Fragen?"
Niemand hat Fragen. Jedenfalls keine, die er jetzt, vor aller Augen, stellen möchte.
"Also an die Arbeit!" Mit meinem Schwert deute ich auf den Teich.
Die Reihe löst sich auf. Nur zwei bleiben stehen. Meine beiden 'Aufseher'.
"Wartet ihr auf etwas bestimmtes?"
"Nein!" sagt der eine ohne Argwohn.
"Das ist fein. Dann könnt ihr ja auch gleich anfangen, etwas zu tun!"
Die Degradierung paßt ihnen nicht. Das ist ihren Gesichtern deutlich anzusehen. Aber im Moment bleibt ihnen nichts anderes übrig als sich zu fügen.
Hoffentlich bin ich nicht zuweit gegangen. Diese Männer haben alle Messer, um die schilfartigen Pflanzen zu schneiden. Gegen einen koordinierten Angriff könnte ich mich kaum wehren. Aber ich denke auch, daß es ein wahres Wunder wäre, wenn diese Männer aus eigenem Antrieb die Idee, etwas Koordiniertes zu tun, bekämen.
Es ist jetzt 15 Uhr. Ich bleibe am Ufer stehen, weil mich interessiert, was sie eigentlich machen. Es ist nichts aufregend kompliziertes: Die Halme müssen tief unter Wasser abgeschnitten, gebündelt und an Land aufgestapelt werden. Es ist aber erstaunlich, was man bei dieser einfachen Tätigkeit alles falsch oder ineffizient machen kann.
Zum Beispiel verstehe ich nicht, warum die meisten einen Halm abschneiden und ihn dann an Land bringen, den nächsten abschneiden und den dann an Land bringen und so weiter. Auf dem Uferstück, das dabei ständig betreten und wieder verlassen werden muß, ist deshalb auch ein ziemliches Gedrängel.
Ich rufe den, der mir am nächsten steht, an:
"Heh, du! Gibt es einen besonderen Grund, warum du jeden Halm einzeln an Land bringst?"
Der junge Bursche, den ich angesprochen habe, weiß darauf überhaupt nichts zu sagen. Erst, als ich nachbohre, kommt etwas heraus wie 'Das haben wir schon immer so gemacht'. Die Ausrede kommt mir bekannt vor.
"Probiere, immer zehn Halme zu schneiden und dann alle zusammen dort zu stapeln!"
Er guckt ungläubig zurück.
"Na probiers schon! - Zehn, das ist so viel!" Ich halte meine zehn Finger hoch, so deutlich, wie es eben geht, ohne mein Schwert loszulassen, "Zehn Halme kann man in einer Hand halten!"
Er tut es widerwillig. Die geschnittenen Halme sind nicht schwimmfähig, wie ich sehe, und als der junge Bursche zehn davon geschnitten hat, muß er diese alle vom Grund wieder auflesen. Trotzdem schafft er damit wesentlich mehr Halme pro Zeiteinheit als mit der bisherigen Methode.
"Geht das?" frage ich.
"Ja."
"Wunderbar. Dann bleiben wir bei dieser Methode. Einverstanden?"
Er ist einverstanden. Dann spreche ich den nächsten an, daß er es dem jungen Burschen gleich tun soll. Dann den übernächsten. Als ich etwa beim siebten bin, haben auch die übrigen schon begriffen, daß ich das offenbar von allen so gemacht haben will.
"Das ist aber mühsam!" sagt einer.
"Das ist mühsam?! Oh, das tut mir aber leid!" sage ich so laut, daß es alle hören können. Verwirrt unterbricht der Mann seine Arbeit.
"Komm aus dem Wasser heraus!" befehle ich ihm. Angst zeigt sich auf seinem Gesicht. Die anderen hören auf zu arbeiten und sehen zu, was jetzt passiert.
"Habe ich etwas von Pause gesagt?" brülle ich, weithin vernehmbar, "Wenn ich Pausen anordne, dann werde ich euch das schon mitteilen! Habe ich das eben etwa getan? Na also!" Und zu dem Mann, der immer noch untätig im Wasser steht: "Kommst du jetzt raus? Stell dich da hin!"
Als der Mann vor mir steht, frage ich ihn:
"Wie heißt du?"
"Ich habe keinen Namen."
"So. Die Arbeit ist dir also zu mühsam. Das hast du doch eben gesagt, nicht wahr?"
Er antwortet nicht, völlig unsicher, welche Antwort ihm jetzt mehr Nachteile bringen wird.
"Weißt du, was ein Liegestütz ist?"
"Nein."
"Das ist etwas, was wirklich mühsam ist. Willst du es gerne lernen?"
Darüber ist er sich wirklich nicht im klaren.
"Ich frage, ob du das gerne lernen möchtest!"
Endlich nickt er.
"Gib mir dein Messer!"
Er gibt es mir ohne Widerspruch. Ich gehe einige Schritte das Ufer hinauf und grabe das Messer so ein, daß noch etwa zwölf Zentimeter der Klinge, die senkrecht aus dem Boden ragt, zu sehen ist. Dann schütte ich 30 Zentimeter rechts und links von der Klinge Erdhaufen auf. Der Mann ohne Namen sieht interessiert zu, die im Wasser arbeitenden Männer schielen aus den Augenwinkeln ebenfalls herüber. Danach stehe ich auf.
"Alles aufhören zu arbeiten! Alles herhören und hersehen!"
Als ich sicher bin, daß ich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden habe, fahre ich fort:
"Dieser Herr dort, der nach eigenen Bekunden keinen Namen hat, hat sich soeben darüber beschwert, daß diese Arbeit zu mühsam für ihn sei. Ich sehe das ein. Ich will deshalb etwas noch mühsameres demonstrieren. Jeder, der sich hinfort beklagt, wird mir nachmachen, was ich jetzt vormache. Man nennt es 'Liegestütze'. Es ist in der Welt, aus der ich komme, ein beliebter Sport. Also hersehen. Und ich habe nichts von reden gesagt!"
Das mit dem beliebten Sport ist natürlich übertrieben, besonders die Variation mit dem Messer. Ich selber kann nicht allzuviele Liegestütze ausführen, aber wohl immer noch mehr als die meisten Anwesenden. So stemme ich denn meine beiden Hände auf die Erdhaufen und fange an, zu pumpen. Die Klinge, die aus der Erde heraus auf mein Herz zielt, macht mir keine Angst, da ich ja die Freiheit habe, aufzuhören, wenn ich nicht mehr kann. Vorsichtig muß ich natürlich trotzdem sein.
"Bei einem Liegestütz" doziere ich, während ich mich auf- und abbewege, "bildet der Körper eine gerade Linie. Der Arsch kommt nicht hoch. Die Brust muß sich immer bis kurz vor die Messerspitze senken. So!"
Zwanzig Mal bringe ich es zustande. Dann springe ich wieder auf.
"Hast du begriffen, wie man das macht?" frage ich den Mann, den ich eben aus dem Wasser herausgewunken habe. Der nickt.
"Na, dann los! Laß sehen, was du kannst!"
Zögernd kommt er näher. Ich muß mit dem Schwert winken, damit er sich überhaupt bewegt. Widerstrebend läßt er sich nieder. Das hat er schon begriffen, daß Liegestütze vermutlich kein Vergnügen sind.
In den nächsten Sekunden verfestigt sich seine Vermutung zur Gewißheit.
"Tiefer," rufe ich, "und Arsch runter! So." Und zu den Zuschauern sage ich: "Seht es euch genau an! Jeder von euch, der sich beschwert, kommt auch noch dran!"
Nach bloß vierzehn Ausführungen muß ich den Mann wieder unterbrechen, weil er in Gefahr läuft, schon demnächst nicht mehr hochzukommen. Ich helfe ihm beim Aufrichten.
"Hast du nun begriffen, was eigentlich 'mühsam' bedeutet?"
Er nickt.
"Okay. Dann nimm dein Messer und geh wieder an die Arbeit. Die anderen auch! Die Pause ist zu Ende!"
Während der Mann ohne Namen sein Messer aus der Erde wieder ausgräbt, sehe ich ihm an, daß er es am liebsten in mich hineistoßen würde. Aber er traut sich nicht.
Trotzdem wird mir immer deutlicher bewußt, daß ich mich vorsehen muß. Ich kann nicht überall hinsehen. Ich muß mir da noch etwas einfallen lassen.
Jedenfalls gelingt es mir, die Schilfproduktion dieser Gruppe von Leuten bis zum Abend auf einem für sie ungewohnt hohem Niveau zu halten.
25.10 Bericht
"Wieviel haben die geschnitten?"
Ougom ist ganz ungläubig, als ich am Abend im Fort über die erzielten Fortschritte berichte, und darüber, was ich vorher an Arbeitsaktivität vorgefunden habe.
"Aber ich hatte doch zwei zur Aufsicht ausgewählt!" meint er.
"Sie fühlten sich auch ausgewählt. Auf jedenfall hatten sie sich einen bequemen Platz zum Schlafen ausgewählt, als ich kam. Von Aufsicht war nicht die Rede - ich glaube, es gab so eine Art stillschweigendes Einverständnis zwischen den Aufsehern und den zu Beaufsichtigenden. 'Wenn ihr uns nicht weckt, dann wecken wir euch auch nicht.'"
"Die werden erschlagen." knurrt Ougom.
"Ich glaube nicht, daß das nötig ist. Es ist alles eine Sache der Organisation."
Ougom glaubt das nicht, aber ich habe jetzt keine Lust, auf Einzelheiten einzugehen.
"Und was hältst du von dem Material?" fragt er.
"Das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß nicht, wie es weiterverarbeitet werden muß. Charmion ist die Expertin."
"Das ist aber eine Frau." winkt Ougom ab. Bevor er weiter auf dem Thema herumreiten kann, fahre ich fort:
"Selbst wenn das Material brauchbar ist, wir brauchen viel mehr davon. Es müssen noch mehr Leute zum Ernten eingesetzt werden. Viel mehr!"
"Mmh." Ougom überlegt. "Vielleicht könnte man auch an diesem See ernten."
Er meint wohl den See draußen vor dem Fort, an dessen Ufern Oom lebt.
"Ich habe mir diesen See schon daraufhin angesehen," sage ich, "da ist zu wenig Schilf. Es ist nicht Schilfknappheit, die uns Schwierigkeiten machen könnte. Es ist die verfügbare Arbeitskraft. Die Sumpfteiche hinterm Dorf geben noch viel her. Auch die Weiterverarbeitung muß effektiver organisiert werden."
Das Letzte sage ich, weil ich den Verdacht habe, daß da überhaupt noch nichts organisiert worden ist.
"Möglich." sagt Ougom. Mehr nicht.
"Warum hast du Vollstreckungskreuze im Dorf aufstellen lassen?" frage ich nach.
"Um die Leute zu motivieren!"
Es ist wie ich mir dachte. Als ob Tote effektivere Arbeitskräfte sind als Lebende.
"Ich glaube, diese Leute haben noch vor etwas anderem mehr Angst als vor einer Hinrichtung."
"Vor was denn?"
"Vor noch mehr Arbeit!"
Ougom ist sehr ungläubig. Ich versuche, es ihm zu erklären, so oder so ähnlich, wie ich es schon Charmion erklärt habe:
"Es ist doch so, daß diese Leute dem Arbeiten völlig entwöhnt sind. Schlimmer: Sie sind es nicht mehr gewöhnt, ihr Schicksal selber in die Hände zu nehmen. Deshalb muß man ihnen kurzfristige Ziele setzen: 'Wenn ihr ein gewisses Maß an Arbeit leistet, dann lauft ihr nicht in Gefahr, noch weit mehr arbeiten zu müssen.' Das muß jeder verstehen! Faulheit ist ein guter Motor für Fleiß, wenn man es richtig anstellt!"
Ich bezweifele, daß Ougom es versteht. Wieso soll man jemanden mit der Aussicht, nicht arbeiten zu müssen, zum Arbeiten ködern können? Ich kann es wiederum verstehen, daß er es nicht versteht. Verstehen auch manche Arbeitgeber bei uns oben recht wenig davon, was eigentlich einen Arbeitnehmer zum Arbeiten motivieren könnte.
Ich erzähle Ougom die 'Motivationsmethode' mit den Liegestützen über dem senkrechten Messer. Das gefällt ihm. Das dachte ich mir. Dabei habe ich vor, das Messer irgendwann wegzulassen. Schließlich ist das, was ich getan habe, eine ganz üble Schikane. Hat es nicht einmal eine Regierungskrise bei uns gegeben, vor Jahrzehnten, weil solche Methoden in der Grundausbildung von Fallschirmjägern verwendet wurden?
"Aber daran kannst du das Prinzip sehen!" erkläre ich ihm, "Die Angst vor der Anstrengung bei den Liegestützen läßt sie die mindere Anstrengung des Schilfschneidens leicht ertragen!"
"Ich muß es mir aber mal ansehen!" Ougom leuchtet vor Vorfreude.
"Irgendwann werden wir nur noch positive, belohnende Motivationsanreize brauchen!" meine ich. Daß das sehr schnell der Fall sein wird, glaube ich zwar selbst nicht, aber ich will Ougom die Richtung klarmachen, in die es geht. In die es gehen muß, wenn man Erfolg haben will.
Es ist 22 Uhr. Ich gebe vor, müde zu sein, um mich zurückziehen zu können. Ich bin auch müde. Aber zuallererst muß ich Charmion über die weitere Tuchmacherei befragen. Wenn sie nicht auch auf Charmion hören wollen, weil sie eine Frau ist, dann muß Charmion ihr Wissen eben mir vermitteln.
25.11 Fachsimpelei
Charmion liegt auf dem Lager und schläft. Das ist ganz unüblich bei ihr. Hat sie den ganzen Nachmittag verschlafen?
"Da bin ich!" sage ich, als ich mich neben sie lege. Sie blinzelt mich an.
"Wollen wir unten Schwimmen gehen?" frage ich. Sie sagt nichts. Also immer noch eingeschnappt.
"Sie sind dabei, massenweise so eine Art Schilf zu ernten," sage ich ihr, "daraus wollen sie Tuch machen."
"Schneidgras." sagt sie.
"Heißt das so?"
"Ja. Man kann sich an den Blättern schneiden. Wenn man dämlich genug ist."
"Aber das ist der richtige Rohstoff für Tuchmaterial?"
Charmion schüttelt den Kopf. Sie dreht sich auf die andere Seite, mir zu, und ich spüre ihre Wärme.
"Ja und nein. Es ist zu mürbe, selbst, wenn man es richtig verarbeitet. Für Sturmsegel muß man dieses Tuch mit speziellen Fäden aus Darm verstärken. Für die Dinger, die du herstellen willst ..."
"Fallschirme!"
"Ja, Fallschirme. Dafür reicht es nicht aus. Es wird zerreißen."
"Also brauchen wir Därme?"
"Das ist es nicht alleine," dämpft Charmion meine Hoffnung, "solche Mengen von Därmen werden wir auf Casabones nicht beschaffen können. Es gibt nicht genug Tiere. Und einen Teil der Männer zu opfern, da würdest du dich ja weigern!"
"Allerdings weigere ich mich!" stelle ich fest, "und selbst, wenn man an so etwas denkt - die betreffenden Männer würden sich auch weigern!"
"Ach die."
Wie lange es noch dauern wird, bis das Verhältnis der Geschlechter sich bei den GranitBeißern normalisiert haben wird, denke ich mir. Die Frauen schätzen die Männer am meisten in ihren Kochtöpfen und umgekehrt ist es genauso. Wenn es da nicht den Sexualtrieb gäbe, hätten sie sich wahrscheinlich schon längst gegenseitig ausgerottet. Das heißt, sie geben sich ja alle Mühe, das immer noch zu tun.
"Also halten wir fest: Därme kriegen wir nicht. Was muß sonst noch weiter getan werden?"
"Das Schneidgras muß über Steine gezogen werden, um die einzelnen Fasern voneinander zu trennen und die Säfte abzuscheiden. Das macht viel mehr Arbeit als das Schneiden!"
"Wie ermutigend!"
"Dann," fährt Charmion fort, "wird das Fasermaterial auf rotierenden Trommeln gestreckt und verdrillt. Solche rotierenden Trommeln gibt es auf Casabones nicht. Danach werden die so entstandenen Fäden nach Dicke und Länge sortiert. Das ist sehr arbeitsaufwendig, und man braucht auch etwas Erfahrung, um schwache Fasern zu erkennen und gleich wegzuwerfen. Das lernt man nicht von heute auf morgen! Dann erst kann man daran gehen, das Material auf einem Webstuhl zu flächigem Tuch weiterzuverarbeiten. Und Webstühle gibt es hier auch nicht. Nicht einen einzigen."
"Und auf eine andere Weise geht es nicht?"
"Nein. Und damit du alles weißt: Der Stoff, den man auf diese Weise erhält, ist sehr luftig. Da kannst du durchblasen. Du kannst eine Flamme durch den Stoff hindurch ausblasen, wenn du willst, als ob der Stoff nicht da wäre. Ist das für ein Fallschirm brauchbar?"
"Nein, natürlich nicht. Und wenn man den Stoff dicker macht?"
"Wird er schwer. Und man braucht noch mehr Stoff. Und durchblasen kann man immer noch."
"Das heißt," sage ich niedergeschlagen, "Unsere Hoffnung, auch nur einen Fallschirm herzustellen sind gering. Geschweige denn 2000 Stück."
"So ist es." sagt Charmion kurz. "So wirst du deine Irene nicht wieder sehen."
"Freut dich das?"
"Das habe ich nicht gesagt. Ich komme so ja auch nicht weg."
Ein Anfall von Logik. Die Erfahrung des launengeplagten Ehemannes sagt, daß man dann bald wieder mit einem vernünftigen und rationalen Gesprächspartner rechnen kann.
"Also war alles bisher umsonst. Wenn Ougom das hört, zerreißt er mich in der Luft. Und dich auch. Wir sind hier nur nützlich, solange wir eine Hilfe für das Entkommen von Casabones sind."
"Weiß ich." murmelt Charmion.
"Also müssen wir auf dem bisherigen Weg fortfahren. So tun als ob. Schneidgras ernten, Steinmühlen bauen, Webstühle bauen, etwas jagen, um wenigstens ein paar Därme zu beschaffen. Ein paar Meter, für die ersten Versuchsfallschirme. Vielleicht schaffen wir es ja, wenigstens ein paar Fallschirme herzustellen. Vielleicht gelingt es uns, bei einem Probesprung mit den ersten verfügbaren Schirmen zu fliehen - wir beide!"
"Hast du nicht einmal etwas von 'ethischen Erwägungen' erzählt? Du erzählst doch gerne so etwas! Oder wie bewertet man das 'Im-Stich-Lassen' von anderen?"
"In erster Linie will ich dich nicht im Stich lassen!"
Sie versucht, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie das nun doch wieder ganz gerne hört. Es deckt sich auch mit ihrem WeltBild, indem die Meuterer als zu rettende oder der Errettens werte Personengruppe wohl kaum vorkommen.
"Also so tun als ob," fahre ich fort und lege mich auf den Rücken, "solange es gut geht. Wenn Ougom - oder wer immer dann das Sagen hat, anfängt, sich über den mangelnden Fortschritt der Arbeiten zu beschweren, müssen wenigstens zwei Versuchsfallschirme fertig sein. Zwei funktionsfähige Fallschirme! Für uns beide."
Charmion kommentiert das nicht.
"Bin ich müde!" sage ich, "Den ganzen Tag herumkommandieren, das strengt an. Ach ja, bevor ich es vergesse: Ich habe dein Schwert in Sicherheit gebracht!"
Sofort ist Charmion aufmerksam. Ich beschreibe ihr das Versteck über dem unbenutzen Tor.
"Kannst du dir das merken? Du solltest es erst holen, wenn du es wirklich ganz dringend brauchst! Die mögen es hier nicht, wenn eine Frau bewaffnet herumläuft!"
"Weiß ich!" sagt Charmion, "Ich kann schon auf mich aufpassen!"
"Sicher kannst du das." Ich werfe ein Blick auf die Uhr. 23 Uhr. Zeit zum Schlafen. So, wie ich bin, fallen mir die Augen zu.
******** 026. Tag: Mittwoch 1995-09-13 ********
26.1 Wie und in wem die Papieridee geboren wurde
Ich habe wirre Träume. Ich sehe Stapel von Büchern mit braunen Seiten. Ich begreife, daß das das Buch ist, das ich selbst schreiben will, wenn wir die Welt der GranitBeißer lebendig verlassen sollten. Ein Verleger erklärt mir, daß so eine Art von gemischter Abenteuer- und Reisebeschreibung sich nicht mehr gut verkauft. Deshalb sei das Buch aus mehrfach recycletem Papier gedruckt worden. 'Man muß es trocken halten!' sagt er und erklärt dann, daß nur Buchhandlungen über der Wasserlinie in Frage kommen. Dann ruft er eine ältliche Sekretärin herein, die sich sofort auszieht. Sie fängt an, an mir herumzuzupfen und meint dabei, daß sie die erotischen Szenen aus meinem Buch mit mir ausprobieren muß, 'wegen der Authentizität'. Ich will mich wehren, weil ich sie nicht vor der laufenden Kamera bumsen will. Dann sagt sie 'Aber das geht doch ganz automatisch. Da braucht man sich nichts bei zu denken!' Schon stecke ich in ihr drin. Davon wache ich auf.
Das war in frühester Pubertät immer so ein Problem: Man hatte zwar die tollsten erotische Träume, aber immer, wenn es zur Sache ging, wachte man auf und dann war man alleine mit seiner Spontanerektion. Das ist jetzt nicht so: Charmion hat meine Erregung im Schlafe bemerkt und die Gelegenheit wahrgenommen. Sie hat meinen und ihren Lederstreifenrock hochgehoben und reitet auf mir. Ich bin tatsächlich bis zum Anschlag in ihr drin.
So geweckt zu werden schätze ich. Meistens wenigstens. Aber da ist noch etwas, was meinem Bewußtsein zu entgleiten droht, etwas wichtiges.
"Nein, warte noch ..." sage ich, aber Charmion hört nicht hin. Jedenfalls wartet sie nicht. Der Strom sammelt sich und stürzt hinauf in seine ureigenste Heimat. Und wie ich ihren Leib auffülle und erfülle, viel zu schnell und doch nicht schnell genug und schon gar nicht lange genug, da fällt es mir wieder ein:
"Wir machen es aus Papier!" rufe ich, so laut, daß man es noch einige Räume weiter hören muß.
Langsam entspannt Charmion sich. Ich auch. Die Tat ist getan. Unsere Körper sind zu eingespielt aufeinander. Wir sollten uns nicht zu selten lieben, weil es dann zu schnell geht. Schade, daß es so schnell war.
"Was machen wir?" fragt Charmion.
"Papier! Die Fallschirme! Aus Papier! Leicht und luftdicht!"
"Was ist 'Papier'?" fragt sie. Die Bewegungen in ihrem Körperinneren zeigen an, daß sie noch an anderes denkt.
Ich erkläre es ihr. Schließlich kennen die GranitBeißer ja schon Papier, und ich lerne jetzt das richtige Wort dafür kennen. Allerdings fällt mir jetzt erst auf, daß ich durchaus nicht alle Einzelheiten der Papierherstellung kenne. Eine Suppe aus zermahlenem Holzbrei und Leim mischen und auf flacher Platte trocknen lassen - so etwas ähnliches stelle ich mir vor. Charmion weiß auch nicht genau, wie man das pergamentartige Papier macht, das wir unten auf dem Saurierfänger gesehen haben. Ganz dunkel erinnert sie sich daran, daß sie auch etwas von einem Holzbrei gehört hat. Wir sind also wenigstens ungefähr auf der richtigen Fährte.
"Aber es zerreißt doch zu leicht!" sagt sie.
"Nicht unbedingt. Risse pflanzen sich in einem Papier-Stoff-Verbund nicht beliebig weit fort. Und einige wenige Löcher in einem Fallschirm kann man tolerieren. Verstehst du? Vom Papier kommt die Luftdichtigkeit und das relativ geringe Gewicht, und von den Stoff-Fasern die Reißfestigkeit!"
"Dieser Stoff, den ihr da machen wollt, ist nicht reißfest!" erinnert sie mich.
"Aber reißfester als Papier!"
Charmion denkt nach.
"Das ist ein Prinzip, das bei uns oben häufiger verwendet wird. Man nennt es 'Verbundwerkstoff'. So kann man die besten Eigenschaften von verschiedenen Materialien kombinieren!"
Sie ist noch nicht überzeugt. Aber sie ist auch müde. Und ich auch. Ich sehe, daß es erst kurz nach Mitternacht ist. Die Bumserei hat den Schlaf nur unterbrochen, nicht beendigt.
"Morgen früh machen wir weiter!" murmelt Charmion, als sie sich an mich ankuschelt. Weiter womit? Fallschirme herstellen oder bumsen oder beides? Ich frage nicht nach, weil sie schon eingeschlafen ist.
Ich liege noch eine Weile wach. Die Erinnerung an meine Anfangszeit mit Irene drängt sich in mein Bewußtsein. Das ist jetzt knapp zwölf Jahre her. Da hatten wir auch solche Nächte. Wo sie jetzt wohl ist? Geht es ihr gut? Ist sie noch unten an Bord des Saurierfängers im Schärenring? Oder hat der Saurierfänger wider unserer Verabredung abgelegt und ist weiter nach Grom gesegelt, weil wir nicht zurückgekommen sind? Ich weiß ja nichts über Cherkrochj und ihre Planungen oder über ihre Vorgaben.
Aber soviel Zeit ist doch gar nicht vergangen! Es kommt mir nur solange vor, weil inzwischen soviel passiert ist! - In jeder Sekunde, die wir getrennt sind, können uns unsere Wege weiter auseinander treiben. Wir müssen dieses Fallschirmprojekt packen. Es ist unsere einzige Chance.
Sonst werde ich hier mit Charmion zusammen alt - oder auch nicht so alt, und Irene findet alleine den Weg zurück nicht mehr.
Wir müssen es schaffen.
Endlich schlafe ich endgültig ein.
26.2 Und wie Ougom nichts mehr davon erfuhr
Am anderen Morgen um 8 Uhr wachen wir auf, weil jemand an die Tür trommelt. Wir stehen panikartig auf. Aber als wir die Tür entriegeln - der Holzriegel würde einer verstärkten Bearbeitung sowieso nicht lange standhalten - ist es bloß Och.
"Du sollst zu Ougom kommen - er ist fuchsteufelswild!" sagt er.
"Wieso denn?"
"Jemand hat den Vorrat an Schneidgras angezündet - den großen Vorrat am See!"
"Sauber. Und was habe ich damit zu tun? Warum hat Ougom keine Bewachung organisiert?"
"Das fragst du ihn am besten selbst. Und du bleibst hier!"
Das letzte hat er zu Charmion gesagt.
"Sie hatte sowieso die Absicht, hierzubleiben!"
Och ist stur: "Ougom will keine Frau auch nur in der Nähe des Dorfes haben!"
"Er wird sie doch wohl nicht im Verdacht haben?" frage ich nach, "wir waren die ganze Nacht zusammen!"
"Vielleicht weiß Ougom das. Aber es gibt zuviele Leute, die jede Frau am liebsten zerreißen würden! Es ist besser, wenn sie etwas abseits bleibt!" versucht Och zu erklären. Dabei sieht er Charmion länger als notwendig an.
"Okay. Sie bleibt abseits. Und sie bleibt bei mir!" sage ich und versuche dabei, meinen Worten das richtige Maß an drohendem Unterton zu geben. Och scheint verunsichert.
"Noch etwas, bevor wir jetzt zu Ougom gehen. Ich weiß nicht, ob Ougom immer noch nicht begriffen hat, oder ob er es nicht begreifen will. Du scheinst mir von besserer Auffassungsgabe, Och! Also höre: Ich weiß etwas von Fallschirmen. Aber alles, was mit der Stoffherstellung zu tun hat, ist mir fremd. Da ist sie der absolute Experte! Wenn wir also jemals von Casabones wegkommen wollen, dann ist sie die wichtigste Person auf der ganzen Gefängnisinsel! Wenn ihr etwas passiert, dann werden wir alle hier verrotten! Ich möchte, daß wenigstens du das verstehst. Bloß, weil eure bisherigen Bewacher Frauen waren, sind Frauen nicht automatisch disqualifiziert! - Es sind auch Menschen, auch wenn es euch schwerfällt, das einzusehen!"
Och sieht zwischen mir hin und her. Charmion hat sich wieder auf unser Lager gesetzt. Sie hebt nacheinander ihre Busen hoch und kratzt sich in den Hautfalten darunter. Das ist ja eine Stelle, die meistens mit Schweiß bedeckt ist. Nach meinen Maßstäben sieht das sehr unerotisch, fast abstoßend aus, aber Och sieht fasziniert zu. Ich weiß nicht, was er denkt. Das heißt, eigentlich weiß ich es doch.
"Ougom wartet!" sagt er schließlich.
Als wir zur Tür hinausgehen, ruft Charmion mich kurz zurück:
"Keine Angst! Der nicht!" sagt sie so leise, daß Och es nicht hört.
"Paß trotzdem auf dich auf!" sage ich, bevor ich die Tür schließe. Charmion verriegelt sie hinter mir.
Ougom ist in der Tat sauer. Aber sein Zorn richtet sich nicht gegen mich oder Charmion - über soviel Logik, das einzusehen, verfügt er noch. Das kann sich natürlich schnell ändern, wenn ich ihn auf seine eigenen organisatorischen Fehler aufmerksam mache.
"Es muß jemand aus dem Dorf gewesen sein!" meint er, während er mit stampfenden Schritten in der großen Halle im Erdgeschoß des Forts auf- und abmarschiert.
"Wir können zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, wenn wir ..."
"Wir können wen schlagen?"
"Oh. Sprichwort aus meiner Welt. Ich meine, wir können erstens verhindern, daß sich das wiederholt, und zweitens die Produktivität erhöhen, indem wir schichtweise arbeiten!"
"Schichtweise?" Ougom kennt die einfachsten Ideen nicht.
"Drei Gruppen von Leuten nacheinander an einem Tag. Dann ist die Pflückstelle dauernd bewacht!"
"Ah!" begreift Ougom, und "Wer soll darauf aufpassen? Wer bringt diesen Leuten das effektive Arbeiten bei, so wie du es gestern gemacht hast?"
"Gibt es denn überhaupt niemandem, dem man vertrauen kann?" frage ich.
"Doch, schon. Aber die waren gestern nicht dabei. Die wissen doch nicht, wie man das Schneidgras so schnell erntet!"
"Na und? Dann werden wir es ihnen eben zeigen!"
Einen Moment denke ich, Ougom wird wütend. Ich muß ihm noch mehr zum Nachdenken geben, und zwar schnell.
"Es waren gestern 47 Leute beim Pflücken. Vielleicht wäre es gut, die noch einmal alle zu sammeln. Wenn jemand fehlt, dann wäre es interessant, sich einmal darum zu kümmern, warum derjenige fehlt!"
Ougoms Gesicht hellt sich auf: "Du meinst, der könnte etwas mit dem Feuer zu tun haben?"
"Es ist immerhin möglich. Vielleicht bin ich mit meinem Ansinnen, schnell zu arbeiten, jemandem zu nahe getreten!"
"Dann kümmere dich darum!"
"Nach dem Essen. Ich habe heute noch nichts gegessen!"
Schon hat Ougom wieder schlechte Laune. Er stellt auch nicht das dar, was man sich unter einer Führungspersönlichkeit vorstellen würde.
"Essen kannst du später. Ich will diese 47 Leute jetzt sehen!"
"Erstens hat jemand anders diese 47 Leute eingeteilt - ich weiß gar nicht, wo ich sie suchen sollte. Und zweitens kann ich nicht später essen - ich habe einen kranken Magen. Wenn ich nichts esse, dann verdaut der sich selber!"
Es ist zwar ein bißchen übertrieben, eine hohe Magensäureproduktion als 'kranken Magen' zu beschreiben, aber ich möchte auch einmal wissen, wie diese Argumentation hier wirkt.
"Bist du so ein Schwächling?" fragt Ougom.
"Ich mache es, ich hole die Leute zusammen!" wirft Och ein, wohl merkend, daß da eine völlig überflüssige Konfrontation heraufzieht.
"Halt!" sage ich zu Och, und zu Ougom: "Was heißt hier Schwächling? Wollen wir vielleicht mal darüber diskutieren, was es bedeutet, wertvolle Rohstoffe für den Fallschirmbau unbewacht rumliegen zu lassen? Das war doch entweder Absicht, oder da hat jemand nicht nachgedacht! Das heißt doch: 'Schwach im Geiste', oder?"
Was nun passiert, passiert sehr schnell. Ougom ist sichtbar zornig. Er legt die Hand an sein Schwert, vielleicht gar nicht, um es zu ziehen. Aber ich sehe nicht gleich, daß er es mit dieser drohenden Geste bewenden lassen wird. Deshalb ziehe ich mein Schwert. Dann tut er das natürlich auch, fast gleichzeitig, aber eben nur fast. Jetzt sind nur Millisekunden Zeit, um das Mißverständnis zu klären. Das reicht nicht.
Die wenigen Millisekunden, die ich mein Schwert früher gezogen habe, machen den ganzen Unterschied. Wenn ich ihn jetzt nicht schlage, dann schlägt er mich. Nicht mal ein Sprung weg von ihm kann mich retten. Auch dazu ist zuwenig Zeit. Das alles nicht rational sondern mehr reflektorisch durchüberlegt bleibt mir keine andere Wahl als der Angriff. Mein Schwert schneidet, mit Wucht geführt, in seine linke Schulter, noch während er ausholt. Schultergürtel, Schlüsselbein und Rippen - in diesem Moment merke ich, daß mein Schwert tatsächlich etwas taugt - sogar Knochen durchtrennt es.
Gleichzeitig stoße ich mich mit dem Schwert von seinem Körper ab, bringe ein bißchen mehr Abstand zwischen ihm und mir. Dadurch dringt mein Hieb noch weiter in seinen Thorax ein. Der lethale Kontakt mit seinem Körper hat nur wenige Dutzend Millisekunden gedauert. Als sein Schwert vor mir heruntersaust, verfehlt es mich nur um Haaresbreite. Glatter Zufall, daß er mich nicht genauso verstümmelt wie ich ihn. Zu diesem Zeitpunkt ist mein eigenes Schwert schon wieder draußen. Ougoms Schwert schlägt klirrend auf dem Boden auf.
Einen Moment stehen wir erstarrt da. Ougom sieht an sich herunter, sieht aus schiefem Blickwinkel in seinen eigenen klaffenden Thorax hinein. Vielleicht kann er aus seinem Blickwinkel sogar sein eigenes Herz sehen. Eigentlich müßte dasselbe jetzt völlig zerschnitten sein, wenn mich meine Anatomiekenntnisse nicht trügen.
Langsam sieht er auf. Wird er sein Schwert noch einmal heben? Seine rechte Körperhälfte ist noch unversehrt. Vier bis acht Sekunden dauert es, bis nach Herzstillstand das Bewußtsein wegen Unterversorgung des Gehirns aussetzt. Soviel anders kann es bei den GranitBeißern nicht sein. Diese Zeit sollte ausreichen, daß ein Menschenfresser ganz genau erkennt, was er da sieht. Welch ein seltenes, traumatisches Erlebnis, in den eigenen Kadaver Einblick zu nehmen. Ich beneide ihn nicht darum.
Ougom sieht mich an wie jemand, der etwas nicht verstanden hat. Vielleicht sehe ich genauso blöd zurück. Och ist einige Schritte zurückgetreten.
Ougom verliert das Gleichgewicht, kippt nach hinten um. Als sein Schädel auf den steinernen Boden kracht, müßte er eigentlich das Bewußtsein schon verloren haben.
26.3 Spurenverwischen
Och sieht mich immer noch entgeistert an.
"Siehst du jetzt, wie unklug es ist, sich bloß mit Worten zu streiten aber trotzdem Waffen zur Hand zu haben? Ich wollte ihn nicht töten, und er mich auch nicht!"
Meine Stimme klingt vielleicht fester als mir zumute ist. Die Entwicklung der Ereignisse in den letzten Sekunden war mir zu schnell. Ich war der Handelnde, und trotzdem denke ich, daß ich nicht den geringsten Einfluß hatte. Aber wie nahe mir der Tod wieder war, das versuche ich, zu verdrängen. Ich habe das Gefühl, ich muß mich irgendwo hinsetzen, unbeobachtet.
"Ich habe es gesehen," sagt Och, "aber was wird jetzt?"
"Was heißt das: 'Was wird jetzt'?"
"Was sollen wir jetzt tun?"
"Das, was wir sowieso vorhaben: Wir machen diese Fallschirme!"
"Ich meine, mit ..." Och zeigt auf die Leiche Ougoms, die in einer inzwischen ansehnlichen Blutlache auf dem Boden liegt.
Das ist immerhin eine berechtigte Frage. Verschwinden lassen? Wohin? Wir haben bei diesem Vorfall zwar keine Zeugen gehabt, aber der Versuch, die Leiche Ougoms irgendwohin fortzuschaffen würde mit Sicherheit irgendjemandem auffallen - ein paar Leute sind ja noch im Fort.
Andererseits - Der große Blutfleck auf dem Boden würde vielleicht gar nicht so besonders auffallen, so häufig, wie hier Blut vergossen wird.
Vielleicht, daß man eine besondere Geschichte aufbauen könnte? Ougom bei dem Versuch der Sabotage erwischt? Durch Nachlässigkeit ermöglicht, daß irgend so ein Querkopf die Schneidgrasballen am Seeufer anzünden konnte? Da müßte Och mitspielen, und ich weiß nicht, inwieweit er diese Version glaubhaft machen könnte. Außerdem ist es immer schwieriger, eine solche belastende Aussage bei Leuten, die weiter oben in der Hierarchie sind, aufrechtzuerhalten, hier, bei den Meuterern mit ihren selbsternannten Führerpersönlichkeiten genauso wie im Management eines Industriekonzerns. Und das gilt völlig unabhängig vom Wahrheitsgehalt einer solchen Aussage.
Jeden Moment kann jemand die Halle betreten und Ougoms Leiche sehen. Und dann sind wir in Erklärungsschwierigkeiten.
"Wir können sagen, daß es diese Frau war - diese Charmion!" schlägt Och vor.
Sieh mal einer an. Hat er doch vorhin merken lassen, daß er sie begehrt, aber um sein eigenes Leben zu retten würde er sie sofort über die Klinge springen lassen! Oder ist es die kleinliche Rache des Zurückgewiesenen?
"Nein." sage ich. Beiläufig bemerke ich, daß ich mein noch bluttriefendes Schwert immer noch draußen habe und Och seins nicht. Sieht er nicht, daß das für ihn sehr nachteilig wäre, wenn ich hinreichend skrupellos wäre?
Einen Moment lang spiele ich im Geiste auch all die Möglichkeiten durch, die sich aus einem plötzlichen Ableben von Och ergäben - einem plötzlichen Ableben von meiner Hand, jetzt sofort, versteht sich. Aber da ist kein besonders vorteilsbehafteter Handlungsstrang zu finden, und so komme ich gar nicht in die Verlegenheit, da abwägen zu müssen.
"Am Ende dieses Ganges ist doch die Küche, nicht wahr?" frage ich.
"Ja."
"Sieh nach, ob da jemand ist!"
Och rennt kurz raus, kommt gleich wieder:
"Ist alles frei!"
Er hat schon begriffen, was ich vorhabe. Da er seine Hände frei hat - ich habe ja noch mein Schwert in der Hand - packt er Ougoms Leiche an den Füßen und wirft sie sich so über den Rücken, daß das Blut aus der riesigen Wunde auf den Boden tropft.
Mit ein paar Schritten sind wir über den Gang durch die Küche und in der Speisekammer.
Die zusammengetragenen Leichen machen mir weniger aus, jetzt, wo ich Angst um mein eigenes Leben haben muß. Ich gehe sogar noch weiter, so weit, wie ich es mir früher niemals hätte träumen lassen:
"Kannst du ihm den Kopf abtrennen?"
"Ja." sagt Och. Er zieht sein Schwert und tut es sofort. 'Vorauseilenden Gehorsam' nennt man das, glaube ich - ich hatte ja noch nicht einmal vorgeschlagen, das auch zu tun.
Draußen hören wir Schritte.
"Wohin damit?" fragt Och, schon mehr als beunruhigt. Fieberhaft denke ich nach. Dann, weil Och so bewegungslos herumsteht, reiße ich ihm den Schädel aus der Hand. Mit ein paar Schritten bin ich am Regal, wo mehrere männliche Leichen gestapelt liegen. Ich verstecke den Kopf hinter einigen von ihnen, die geeignet übereinandergestapelt sind. Das Regal sieht samt Inhalt so wie vorher aus. Aber meine Arme sind jetzt bis zum Ellenbogen mit Blut besprenkelt.
Wir hören, daß ein Mann der Fortbesatzung die Küche betritt. Sekunden später steht er schon in der Speisekammer. Er hat ein Messer in der Hand und beabsichtigt offenbar, sich ein Stück Fleisch zu besorgen. Wie alle GranitBeißer stört er sich überhaupt nicht an dem widerlichen Gestank. Da bin ich wohl der Einzige, der darunter leidet.
Er nickt uns kurz zu, offenbar nimmt er an, daß wir aus dem gleichen Grunde hier sind.
"Och, hast du draußen auf dem Gang und in der Küche diese Blutspur gesehen?" frage ich im gleichen Moment, als ich einen Einfall habe, was man aus dieser Blutspur machen könnte. Och sieht mich völlig verständnislos und entsetzt an. Ich gebe ihm keine Zeit, etwas zu sagen:
"Ich finde, das ist eine Schweinerei. Eine SCHWEINEREI! Das sind hier doch Lebensmittel! Wieso dann dieser Dreck auf dem Boden? Wieso sind diese Dinger" ich zeige auf die Leichen auf den Zerlegungstischen und in den Regalen "nicht anständig aufgeräumt?"
Och scheint zu begreifen. Der Mann, der sich gerade daran gemacht hat, aus einem zufällig herausgesuchten Kadaver etwas herauszuschneiden, sieht verunsichert auf.
"Und außerdem kommt hier jeder wie es ihm paßt. Niemand ist für die Küche verantwortlich. Jeder schneidet sich etwas ab und rennt raus, ohne aufzuräumen. Wann wird das endlich anders? Wann wird aus diesem Saustall endlich EINE KÜCHE?"
Och hat begriffen. Er deutet auf den Mann mit seinem bewegungslosen Messer:
"Oclomch, hast du das verstanden?"
Der Angeredete ist vielleicht 38 Jahre alt und hat offenbar nicht im Traum damit gerechnet, so angeredet zu werden, seitdem die Herrschaft der eigentlichen Fortbesatzung zu Ende ist.
"Oclomch, weiß du, wie man einen Boden saubermacht?"
Oclomch weiß es nicht. Er ahnt aber, daß es besser für ihn ist, wenn er es doch weiß.
"Worauf wartest du denn dann noch? Der Zeugmeister hat Tücher zum Putzen!"
Und schon ist Oclomch draußen.
"Das war knapp!" sage ich, "Aber jetzt kommt der gleich wieder, zum Saubermachen. Was, wenn er auf die Idee kommt, die Regale aufzuräumen?" Ich deute auf die Stelle, an der Ougoms Kopf liegt, den wohl jeder erkennen würde.
Och nickt. Er hat seine Fassung wiedergewonnen. Nun weiß er genau, was zu tun ist, um seine Aussicht, noch etwas länger zu leben, zu erhöhen. Wir müssen aus dem getöteten Ougom einen auf unerklärliche Weise nicht auffindbaren Ougom machen.
Er holt Ougoms Kopf dort her wo ich ihn hingelegt habe und fängt sofort an, ihn nach allen Regeln der Kunst bis zur Unkenntlichkeit zu zerhacken. Ich sehe zur Seite, aber nicht hinsehen heißt hier immer noch hinhören.
"Laß die Reste auf dem Boden liegen, damit es ordentlich etwas zum Saubermachen gibt!" sage ich so fest wie möglich, "Und dann muß wirklich gut aufgeräumt werden. Ich bin in unserem Raum oben."
Dann verlasse ich die Speisekammer, gerade noch, daß ich sehe, daß Och geschäftig nickt.
An das ausgefallene Frühstück denke ich gar nicht mehr, als ich die engen Steintreppen zu unserem Raum hinaufrenne. Mir ist zum Kotzen.
26.4 Charmions Anerkennung und Versöhnung
Als ich Charmion so ungefähr berichtet habe, was geschehen ist, macht sie eine anerkennende Bemerkung.
"Das war keine Heldentat, das war ein Unfall!" versuche ich, ihr klarzumachen, "Unsere Lage wird dadurch auch nicht einfacher!"
"Ich denke schon," sagt sie, "du hast Och doch jetzt in der Hand?"
"Daß du dich da nicht vertust!" entgegne ich, "Wenn mich mein Verstand nicht täuscht, hat er mich in der Hand! Ich habe Ougom umgebracht, nicht er!"
"Und er hat dich dabei gut unterstützt. Nein." Charmion redet auf mich ein wie eine Mutter auf einen kleinen Jungen einredet, um ihm zu erklären, daß ein kleiner Kratzer keine schwere Verletzung ist.
"Sieh es doch mal so: Ougom ist weg. Niemand weiß, warum. Och wird sich hüten, etwas zu sagen. Wenn ihr jetzt den Willen vom abwesenden Ougom verkündet, oder sagen wir, quasi weitergebt, dann habt ihr seine Autorität. Eine Zeitlang jedenfalls. Am besten, ihr laßt sofort nach Ougom suchen, weil ihr, in Verfolgung seiner Anweisungen, ihm etwas mitteilen müßt."
Sie ist doch gerissen, meine Charmion. "Und was ist mit dem Blutfleck in der Halle?"
"Der stört niemanden."
Ich lasse mich auf unser Lager sinken. Immer noch habe ich das Bild vor Augen, wie Och das Gesicht und den Kopf von Ougom zerfleischt. Und warum? Nur weil ein kurzer Zornesausbruch zu Gesten führte, die wechselseitig falsch interpretiert wurden und sich blitzschnell zu einem Schlagaustausch mit scharfen Schwertern eskalierte. Mehr durch Glück als durch Können habe ich gewonnen.
Und Ougom war nicht mein Feind, nicht mehr als etwa Och oder sonst jemand hier. Och hat dann sein Gesicht zerschnitten, das wenigstens von einer Mutter vor langen Zeiten vielleicht einmal schön gefunden wurde, und vielleicht irgendwann auch einmal von einer Frau. Ougom hat noch etwas mehr Talente besessen als der Durchschnitt der Meuterer. Vielleicht hat er sich auch einmal gefragt, wozu die Welt existiert und was hinter den Wolken ist und ob die Zeit ewig dauert. Und du, Herwig, mit deinen feinen humanistischen Idealen, gehst hin und schlägst ihn tot. Nicht nur das, du bringst seinen Körper in eine Speisekammer und du läßt es zu, billigst sogar, daß sein Kopf in widerlicher Weise zerstört, geschändet wird.
Wer hat dich, Herwig, überhaupt gebeten, in die Welt der GranitBeißer zu kommen? Wer hat dich dazu ausersehen, die GranitBeißer zu kritisieren, weil sie Menschenfresser sind? Wer bist du, daß du überhaupt ethische Urteile über andere fällst? Sieh dich doch selber an: Wenn es ernst wird, dann versteckt er sich hinter einer Frau, und wenn er das Schwert führt, dann erwischt es Unschuldige.
Und doch weiß ich, jetzt schon, daß ich mir eine Rechtfertigung ausdenken werde, völlig unabhängig davon, ob sich mein Verhalten rechtfertigen läßt. Der Mensch ist eine Rechtfertigungsmaschine. Der größte Teil der intellektuellen Aktivität eines jeden Menschen dient dazu, sich zu rechtfertigen, die eigene Existenz, das eigene Handeln und die eigenen Fehler in besserem Licht darzustellen. Niemand kann etwas dafür: Es ist das neurologisch begründbare Prinzip der Schmerzvermeidung und der Lustgewinnung, das uns zwingt, die Welt und uns selbst in bestmöglichem Lichte sehen zu wollen. Dem Diktat wird alles unterworfen. Besonders das, was man für die gültige Ethik hält. Und deshalb werde ich mich rechtfertigen. Vielleicht nicht gleich, aber irgendwann schon. Habe ich nicht auch schon sehr gute Gründe für mein Verhältnis mit Charmion gefunden?
Und ich bedaure auch, mit einem Teil meines Verstandes, daß die Rechtfertigung nicht so schnell kommt wie die Wirkung einer intraarteriellen Injektion. Denn wenn sie sowieso kommt, dann könnte sie ja auch gleich kommen und mich vor dem momentanen Stimmungstief bewahren, oder?
"Charmion, warum verstehst du das nicht?" frage ich.
"Was?"
"Dieses sinnlose Gemetzel. Hier, in eurer Welt, überall. Und ich mache auch schon mit."
"Hätte er denn dich umbringen sollen?"
"Wir hätten beide am Leben bleiben sollen!" sage ich, vielleicht etwas aufbrausend. Charmion schweigt. Sie versteht nicht. Vielleicht fühlt sie. Aber sie versteht nicht.
"Gewiß," sage ich, langsam und gleichzeitig nachdenkend, "es gibt Fälle, wo man töten muß. Das war aber keiner. Vielleicht trifft mich keine persönliche, sondern eine tragische Schuld. Solange ich in eurer Welt bin, werden solche Dinge eben passieren. Wir sind zu verschieden. Solange ich hier bin, wird es immer so weitergehen. Bis es mich erwischt. Und dann habt ihr Ruhe. Dann könnt ihr euch wieder nach euren ungestörten Spielregeln metzeln."
Charmion setzt sich dicht neben mich auf das Lager. Minutenlang sagt sie nichts. Dann:
"Wollen wir spielen?"
Ihr Versuch, mich aus der Stimmung herauszuholen, in der ich mich befinde, auch wenn sie die Stimmung nicht nachvollziehen kann.
"Nein. Jetzt nicht."
"Aber es ist gesund. Es gibt Kraft zurück. Und die brauchst du, wenn du die Fallschirme bauen willst. Das willst du doch?"
"Das muß ich."
"Wieso mußt du das?"
"Alleine kommt die Irene nie wieder aus eurer Welt heraus. Ich muß sie wiederfinden."
Zu spät fällt mir wieder ein, daß die Erwähnung von Irene jetzt wirklich nicht klug ist. Habe ich den Krach von gestern schon wieder vergessen? Aber der erwartete Wutausbruch von Charmion bleibt aus.
"Du wirst deine Irene wiedersehen. Das verspreche ich dir! Aber jetzt bist du bei mir. Du und ich, wir beide, wir wissen doch viel mehr als diese Leute da draußen! Wir schaffen es schon! Wir beide zusammen können die Welt biegen! Wir werden Casabones wieder verlassen! Und du wirst ..."
Ich sehe sie überrascht an. Keine Eifersucht? Aber ihr Gesicht ist offen und ehrlich. Nur in ihren Augenwinkeln ...
"Warum - warum weinst du denn?"
"Weil ich weiß, daß du von einer anderen Welt bist! Du gehörst dahin, und ich hierher. Es kann nicht dauern. Manchmal sehe ich es so deutlich - wie jetzt."
Ich nicke. "Ja. - Es kann nicht dauern. Aber du hast recht: Wir beide, wir können die Welt biegen. Ein bißchen wenigstens. - Ich wünschte nur, man könnte das tun, ohne Schuld auf sich zu laden, und ohne die Schuld gleich wieder wegzuargumentieren. - Vielleicht ist es das, was er vor zweitausend Jahren gemeint hat. Seine Welt war wie die eure: noch mehr Gewalt als etwa bei uns oben, direkt erfahrbar von jedem an jedem Tag. Man konnte nicht leben und schuldlos sein. War einfach nicht möglich.
"Alles, was er versucht hat, ist, seinen Mitmenschen über diese kleine Tatsache die Augen zu öffnen. Man gewöhnt sich nämlich an so vieles. Aber sie haben ihn nicht verstanden. Erst hielten sie ihn für einen Führer gegen die römischen Besatzer. Und dann schlugen sie ihn ans Kreuz. Weil er lehrte, ein kleines bißchen nachzudenken. Nachzudenken über die Natur des Menschen. Phantasie oder Intelligenz ist es, was man braucht, um zu wissen, was man anrichtet durch die bloße Tatsache, daß man lebt. Phantasie und die Fähigkeit, das Leiden auf der anderen Seite der Existenz, also bei anderen Wesen, mitzuerleben und mitzufühlen. Mitleid mit jedermann, der leidet. Das war seine Form von Liebe. Und dafür schlugen sie ihn ans Kreuz. Die Welt der empfindenden Phantasie ist noch nicht von dieser Welt. Das muß er wohl gemeint haben. Und damit hat er recht gehabt."
"Von wem redest du jetzt eigentlich?"
"Von jemanden, der schon lange tot ist. Du kannst ihn nicht kennen. Ich erzähle dir später mehr. Jetzt ..."
"Jetzt spielen wir?!" fragt Charmion hoffnungsvoll.
"Nicht. Aber laß mich bei dir liegen. Ich muß nachdenken."
Es stimmt nicht ganz, mit dem Nachdenken. Den größten Teil des Vormittags schlafe ich durch. Niemand stört uns. Von ferne dringen Geräusche zu uns hinauf - vielleicht wird die Küche jetzt anständig saubergemacht. Vielleicht schmiedet jemand auch schon tödliche Intrigen gegen uns. Aber ich schlafe, um das zerfetzte Gesicht von Ougom zu vergessen.
Und Charmion liegt bei mir, weil ich gesagt habe, daß ich das so will. Nicht eine Sekunde weicht sie. Und mit jeder Sekunde, die vergeht, gehören wir mehr zusammen.
Irene, was werde ich dir alles erklären müssen!
26.5 Auf eigene Faust
Es sind nicht die Überlegungen über Ethik im Allgemeinen, die mich besser fühlen lassen, als ich um 13 Uhr aufwache. Es ist nicht die erfolgte Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, sondern einfach die vergangene Zeit, die der Erinnerung langsam die Unmittelbarkeit nimmt, und die Traumarbeit, die ohne unser Zutun das Bewußtsein wieder stabilisiert, ohne daß man als Betroffener genau sagen könnte, wie Träume das zustande bringen.
Und ohne daß man es merkt, verschieben sich die Werte. Die Vernetzung der Begriffe im Bewußtsein mag im Laufe des Lebens in beliebiger Weise zustande kommen. Die ungeheure Flexibilität des Geistes erlaubt jede noch so abstruse Weltanschauung. Nichts ist vorgegeben, keine Logik, keine Konformität mit der wirklichen Welt, nicht mal ein Zwang, mit der wirklichen Welt in Wechselwirkung zu treten. Das jedenfalls wäre der reine Geist.
Aber so rein ist er nicht. Die Fähigkeit, Lust und Schmerz zu empfinden, und die wirklichen Gegebenheiten, die Lust und Schmerz mit bestimmten Begriffen assoziieren, strukturieren den Geist. Jeder Begriff hat seine emotionelle Färbung. Und bei jedem Menschen eine andere Färbung.
Durch unsere physische Existenz ist die emotionelle Assoziierung der Begriffe nicht in jeder Weise möglich, obwohl der Geist auch dazu flexibel genug wäre. Aber in der Welt der emotionellen Konzepte sind wir nicht Herr im Hause. Wir haben keine Macht darüber, Schmerz anders als unangenehm zu empfinden und Lust anders als angenehm. Wir haben keine Macht darüber, etwas anderes zu tun als Verbrennungen und Verletzungen mit Schmerz zu assoziieren, Sättigung und sexuelle Befriedigung mit Lust, und so weiter. Dieser Teil der subjektiven Wirklichkeit ist vorgegeben. Sogar dem abgeleiteten Teil dieser Subjektivität sind wir hilflos ausgeliefert, etwa dem Mitleid, wenn wir erst einmal gelernt haben, mit Hilfe der Phantasie den Schmerz von anderen Wesen nachzuempfinden. Wenn wir diese Fähigkeit erst einmal haben, dann werden wir sie nicht mehr los, es sei denn durch Hirnschäden, die unser Ego sowieso in nicht korrigierbarer Weise schädigen.
Die Konzepte Lust und Schmerz teilen sich auf Umwegen unserer gesamten Begriffswelt mit. Die dadurch entstehenden Attribute an Dingen in der wirklichen Welt heißen gut und schlecht, oder gut und böse. Eine Einteilung der Welt, die auszusuchen wir zumindestens während unseres Aufwachsens auch nicht die Freiheit hatten. So, wie in einfachen, sogenannten 'primitiven' Kulturen die Menschen nicht die Freiheit hatten, zum Beispiel die Dinge nicht anders als pananimistisch zu sehen, das heißt, als beseelt. Oder so, wie wir während unserer kulturellen und sprachlichen Entwicklung nicht die Freiheit hatten, allen Begriffen eine Geschlechtszugehörigkeit zuzuordnen, die in unseren heutigen Sprachen als grammatisches Geschlecht eine Spur hinterlassen hat. Eine Spur, die nicht notwendig ist, denn daß den Dingen so etwas wie ein Geschlechtsbegriff nicht zukommt, wissen wir schon daher, daß derselbe Begriff in verschiedenen Sprachen verschiedenes grammatisches Geschlecht haben kann.
Das verschiedene grammatische Geschlecht in verschiedenen Sprachen ist ein Modell der unterschiedlichen Bewertung der Dinge auf einer Skala von gut bis schlecht in verschiedenen Kulturen, Gruppen und Individuen. Daß wir diese Einteilung der Welt in gut und schlecht haben, davon können wir uns nicht freimachen. Aber wenigstens ist diese Einteilung wandelbar. Die eigentliche Flexibilität des Geistes scheint wieder durch. Wenn wir intellektuell unabhängig genug sind, dann können wir im Laufe unseres Lebens unsere Einteilung der Welt in gut und schlecht mehrfach einer Revision unterziehen. Nur eines können wir nicht: Diese Konzepte ganz aufgeben. Wir wären sofort nicht mehr lebensfähig. Denn das eigene Überleben muß einer der Begriffe sein, der immer mit 'gut' attributiert ist.
Aber alles andere? Ist die Menschenfresserei unbedingt mit 'schlecht' zu attributieren? Was wäre denn, wenn die Welt der GranitBeißer ganz genauso wäre wie sie tatsächlich ist, bis auf den Usus, Menschen aufzuessen? Diesselbe allgegenwärtige Gewaltbereitschaft, dieselbe Abqualifizierung des männlichen Teils der Menschheit als Untermenschen, und natürlich all die miesen Charakterzüge, die auch in unserer 'zivilisierten' Welt zu finden sind, wie etwa den unbedingten Willen, Macht über andere Menschen zu haben? Was wäre denn dann? Wären wir schlechter dran als wir es jetzt sind? Wird eine bestimmte Lebensgefahr gefährlicher, wenn neben der Todesgefahr noch die Möglichkeit besteht, aufgegessen zu werden?
Das einzige, was mich bis jetzt betroffen hat und was auch auf die Menschenfresserei zurückzuführen ist, ist, daß es so schwierig ist, etwas vegetarisches zu essen zu bekommen. Das ist der ganze, wirklich erfahrbare Unterschied.
Bei dem Gedanken an Essen fällt mir ein, daß ich heute ja immer noch nichts gegessen habe. Dieses Problem fühlt sich in meiner Magengrube dringlich an. Ich habe nicht mehr die intellektuelle Freiheit, mich mit meinem Hunger in mehr abstrakter Weise zu beschäftigen.
"Charmion?"
"Ja?"
"War was, während ich schlief?"
Ich stelle jetzt erst fest, daß ich auf der Seite liege und sie mich von hinten umarmt hat. Das erinnert mich wieder an Irene. Wie oft haben wir in unserer Anfangszeit so gelegen!
"Nichts."
"Och auch nicht? Ich meine, ist er aufgetaucht, während ich schlief?"
"Nein."
"Mmh. Ich wette, der Erntefortschritt hakt wieder. Und um alles andere haben wir uns noch nicht gekümmert. Das wird noch dauern!"
Charmion sagt darauf nichts. Ich winde mich aus ihren Armen und stehe auf.
"Sehen wir mal nach, was sich im Hause tut. Es ist so ruhig."
Charmion ist anzusehen, daß sie andere Vorstellungen hat, was wir mit unserer Zeit tun könnten, aber sie steht auch auf.
"Es ist schon eine ganze Weile so ruhig im Fort. Als ob niemand da wäre."
Als wir das Fort durchsuchen, bestätigt sich das. Niemand ist da. Wir sehen in viele Räume hinein, die wir noch nicht kennen. Unterkunftstuben der ehemaligen Fortbesatzung, Erker mit Schießscharten in mehrere Richtungen, die große Halle, die Zeugkammer, die ich schon kenne, die Küche und die Speisekammer, denen man geglückte Versuche zum Aufräumen und Saubermachen eigentlich nicht gleich ansieht. Nirgends eine Menschenseele.
"Eigentlich müßte das Fort ein Verließ haben, oder einen so genutzten Keller!" überlegt Charmion laut, "Aber ich habe nichts dergleichen gesehen."
"Und ich habe Hunger." stelle ich fest, "Vielleicht sollten wir wieder in den Wald gehen! Danach könnte man sich wieder um die Fallschirme kümmern. Wenn das noch gefragt ist."
Und so geschieht es. Auch, als wir das Fort über die Zugbrücke verlassen und am Steilufer entlang den Urwald aufsuchen, begegnen wir niemandem. Diesmal verfolgt uns auch niemand. Charmion ist da sicher.
Ich erhalte weitere Lektionen in Ernährung in der freien Natur, mit praktischen Beispielen, versteht sich, und als wir damit fertig sind, bin ich leidlich satt. In meinem Darm rumort es, aber das tut er immer ganz gerne, wenn er mit vegetarischer Kost überfrachtet wird. Das ist ganz normal. Nur Charmion muß ich erklären, daß das nichts Schlimmes bedeutet.
Oom suchen wir nicht auf. Noch nicht und heute nicht. Mich interessiert es mehr, was im Dorfe los ist. Es ist 15:30 Uhr, als wir uns dorthin aufmachen.
Als wir zum Tor kommen, sehe ich wohl, daß Charmion den Holzaufstieg zum Wehrgang mustert, wo ich ihr Schwert versteckt habe.
"Besser nicht," sage ich, "wir kriegen sofort Schwierigkeiten, wenn du bewaffnet herumläufst!"
Ich sehe ihr an, daß es ihr schwer fällt. Aber sie fügt sich der besseren Einsicht. Wir biegen nach links ab, um durch die Mauerlücke zum Dorf zu gelangen.
Als wir das Dorf bald darauf erreichen, bemerken wir einige Änderungen: Es sind weniger Menschen anwesend, und die, die anwesend sind, betrachten uns mit unverhüllter Abneigung. Es ist schwer zu erkennen, wem von uns beiden diese Abneigung in größerem Maße gilt.
26.6 Mißgunstbeweise
Einige hundert Meter hinter dem Dorfeingang landet vor uns auf der Straße ein Stein, von einem Punkt hinter uns geworfen. Ich drehe mich um. Natürlich ist nicht zu erkennen, wer es war. Etliche der Gesichter, die aus den Dreckhütten herausschielen, grinsen schadenfroh.
"Du mußt einen töten!" sagt Charmion leise.
"Was muß ich?"
"Du mußt einen töten! Sonst glauben sie, sie könnten sich alles erlauben! Bitte glaube mir!"
"Und welchen? Ich weiß doch nicht, wer den Stein geschmissen hat!"
"Ist doch egal! Aber wenn du es ignorierst, fliegt gleich der nächste. Und der könnte treffen!"
Und nach einer Pause, in der ich unschlüssig herumstehe, droht sie:
"Wenn du es nicht machst, nehme ich mir dein Schwert und mach es selbst! Dann kann es allerdings sein, daß sie über uns herfallen. Es ist besser, wenn du es machst."
Muß ich nicht annehmen, daß Charmion diese Leute hier besser einschätzen kann als ich? Gerade bin ich dabei, zu verdrängen, daß ich heute morgen jemanden getötet habe, und schon wird mir nahegelegt, das gleich noch einmal zu tun, und zwar mit vollem Vorsatz.
"Ich probiere es anders!" sage ich leise zu Charmion. Dann winke ich einem, der in einer der nächsten Hütten hockt. Der kommt nicht gleich, und so kann es ja nicht schaden, das Schwert wenigstens zu ziehen und ein paar Schritte auf die Hütte zu zu treten. Charmion behält die Umgebung im Auge. Endlich bequemt sich der Mann, aus seiner Hütte herauszukommen.
Verdreckt, mehr Zahnlücken als Zähne, diese alle braun, ein aggressiver Ausdruck auf dem Gesicht. Keine Spur von Angst. Ein Unsympath. Vielleicht fällt es mir dann leichter, wenn es schon sein muß.
"Hast du diesen Stein gesehen?"
Der Mann nickt. Ich winke mit dem Schwert so, daß er versteht, daß er sich hinknien soll. Er tut es.
"Wer hat ihn geworfen?"
Er sieht mich an, als ob er mich für doof hält. Ich zeige mit der Schwertspitze auf seine Kehle:
"Du kannst in wenigen Sekunden tot sein! Du kannst auch antworten. Also: wer hat diesen Stein geworfen?"
Ich lege die Schwertspitze auf die Kuhle, die durch das Schlüsselbein gebildet wird. Es ist so scharf, daß sofort aus einer leichten Hautverletzung Blut austritt. Nur reden tut der Mann nicht.
Plötzlich brüllt Charmion neben mir auf und springt in die Luft. Einen Moment lang nehme ich an, daß sie von irgend etwas getroffen worden ist, und ich stoße zu. Dann erst bemerke ich, daß zwar wieder jemand einen Stein nach uns geworfen hat, aber daß Charmion denselben in der Luft aufgefangen hat. Ihre Reflexe sind gut. Ich hatte nicht einmal bemerkt, daß ein zweiter Stein unterwegs war.
Der knieende Mann vor mir ist schwer verletzt. Ich habe das Schwert am Schlüsselbein vorbei wenigstens 15 bis 20 Zentimeter tief in seinen Thorax eingeführt. Das Herz habe ich wahrscheinlich nicht erreicht, aber ein Pneumothorax ist wahrscheinlich. Der Mann ächzt und stöhnt. Aus der Halswunde pulsiert ein Blutstrahl.
"Gut," sagt Charmion befriedigt, "ein bißchen hecheln lassen. Ich glaube, ich weiß ungefähr, wer die Steine geworfen hat. Er steht da drüben und beobachtet uns genau. Siehst du?"
Ich sehe nicht. In erster Linie sehe ich, wie der jämmerliche Mann vor mir sich am Boden windet und die Wunde am Hals zuhält. Er versucht, das Leben, das aus ihm herausquillt, zurückzuhalten. Offenbar begreift er erst jetzt, daß es ihn erwischt hat.
"Stell dich nicht so an!" zischt Charmion neben mir.
"Wieso denn? Er hat doch Schmerzen!"
"Ich meine dich!"
Ich sehe sie an, dann wieder den Mann. Dann hebe ich mein Schwert. Er ist so mit sich selbst beschäftigt, daß er es gar nicht bemerkt. In einem Augenblick, wo sein Hals und die Schwertklinge einen rechten Winkel bilden, schlage ich zu. Der Kopf wird sauber vom Rumpf getrennt. Aus dem Hals strömt einige Sekunden lang noch mehr Blut als aus der Halswunde. Aber der Mann ist still.
"Naja, meinetwegen." sagt Charmion ungerührt, "Jetzt wäre es noch nützlich, wenn du nach dort hinten einen leidlich bösen Blick wirfst. Ich glaube, dann haben wir Ruhe."
Das tue ich nicht. Ich gehe die Dorfstraße weiter, ohne mich umzusehen. Charmion kommt hinter mir her. Die geköpfte Leiche lassen wir einfach liegen.
"Du kannst froh sein, daß kaum jemand hier Waffen hat. Sonst wäre es aus mit uns. - Du stellst dich vielleicht immer an, wenn du dich mal wehren mußt!"
Ich antworte nicht. Bis zum Dorfplatz schweige ich, und Charmion auch. Ich habe schon wieder den Eindruck, daß sie beleidigt ist, weil ich nicht einsehe, daß man sich hier, unter den Meuterern, mit allen Mittel Respekt verschaffen sollte. Außerdem war es ja ihre Aufmerksamkeit, die uns das Leben gerettet hat. Ich habe nur etwas Handarbeit machen dürfen.
Und beleidigt bin ich selber auch. Weil ich mich 'immer so anstelle'. Diese Art von Vorwürfen habe ich gefressen. Meine Eltern, Irene, und jetzt auch noch Charmion.
26.7 Verkürztes Verfahren
Auf dem Dorfplatz fällt mir sofort auf, daß jetzt ganze 12 Vollstreckungskreuze aufgerichtet sind. Außerdem sind in den angrenzenden Hütten und um den Dorfplatz herum weniger Männer zu sehen als im bisherigen Teil des Dorfes.
Ein Mann in mittlerem Alter sitzt auf einigen Holzbalken, als ob er auf dieselben aufpassen soll. Er hat ein Schwert. Als er uns kommen sieht, steht er auf.
Jetzt erst merke ich, daß vier von den 12 Kreuzen 'in Betrieb' sind.
"Och hat schon nach dir gefragt!" grüßt er mich und wirft einen mißtrauischen Blick auf Charmion, "Ich bin übrigens Oshaim."
"Warum?"
"Er hat die Ernte ganz gut durchorganisiert. Es liegen schon viele neue Bündel am See bereit!"
"Aha. Und was ist mit denen?" frage ich und deute auf die vier Männer, die an den Kreuzen hängen.
"Oh, die. Ja, sieh sie dir genau an. Der da hat die Bündel angezündet. Und der da hat es auch nicht gestanden."
"Was?"
"Ja, die beiden sind häufiger zusammen. Die kennen sich, die machen alles zusammen. Jeder weiß das."
"Hat man sie gesehen, wie sie die Bündel angezündet haben?"
"Natürlich nicht. Sonst hätte man sie das ja nicht tun lassen, oder?"
Bevor ich etwas sagen kann, zeigt er auf den dritten, der im Gegensatz zu den beiden anderen, die Oshaim als Brandstifter bezeichnet hat, noch bei Bewußtsein ist.
"Der hat diese Übung nicht machen wollen - wie heißt sie noch? Diese Übung mit Händen und Füßen auf dem Boden?"
"Liegestütze."
"Ja, Liegestütze. Und der vierte ist dreimal von der Arbeit weggelaufen. Er hat gesagt, er wäre krank, er könne nicht arbeiten. Leider ist er gestorben, als er auf das Kreuz geschlagen wurde. Vor Schreck vielleicht, hihi."
"Und trotzdem habt ihr weitergemacht?"
"Ja, natürlich. Als Abschreckung!"
"Vielleicht war er wirklich krank!"
"Der? Ne. Der hat schon immer behauptet, daß er krank ist. Deshalb hat man ihn ja auch nach Casabones gebracht."
Diese Logik ist umwerfend. Mir fehlen die Worte. Dafür sehe ich mir die Gekreuzigten genau an.
Man hat sie nicht mit großen Nägeln auf das Holz geschlagen, so, wie man sich das bei uns vorstellt, wenn man die Redewendung 'gekreuzigt' oder 'an ein Kreuz schlagen' hört. Das liegt vielleicht daran, daß keine Nägel zur Hand waren. Was man gemacht hat ist aber genauso grausam: Es wurden starke Seile um Schienbeine und den senkrechten Teil des Kreuzes gewickelt und diese mit einer Garotte so fest angezogen, daß Schien- und Wadenbeine gebrochen wurden. An dem waagerechten Teil des Kreuzes hat man es mit den Unterarmen genauso gemacht. Schon die solcherart abgebundenen Gliedmaßen müßten durch Zersetzung und Vergiftung des übrigen Organismus schon bald den Tod herbeiführen, unterstützt durch die Zwangshaltung, die das Atmen sehr behindert.
Nebenbei stelle ich fest, daß für so etwas hinreichend starke Seile vorhanden sind.
Der eine, der noch bei Bewußtsein ist, sieht von seinen fünf Metern Höhe auf uns herab und sagt nichts. Er ist in jungen Jahren und war offensichtlich gesundheitlich bis vor kurzem etwas besser dran wie die meisten hier. Jetzt muß er konzentriert atmen, um überhaupt am Leben zu bleiben, wohl wissend, daß man ihn nicht vom Kreuz abnehmen wird, bis er tot ist, und vielleicht auch wissend, daß seine abgebundenen und schon abgestorbenen Gliedmaßen ihn töten würden, wenn man ihn dennoch abnähme. So paradox es klingt, aber im Moment hält das Kreuz ihn am Leben.
"Wie lange dauert es denn?" frage ich.
"Kommt drauf an." Oshaim scheint sich auszukennen, und er scheint stolz darauf zu sein. "Man kann es nach Belieben einstellen, je nachdem, wie man den Körper befestigt. Bis zu zehn Tagen Dauer ist möglich, vielleicht auch länger. Aber es kann auch schon nach wenigen Atemzügen zu Ende sein. Wenn man zum Beispiel den Körper in senkrechter Richtung beweglich anbringt und unten einen spitzen Pfahl ..."
"Ich will es nicht hören!" sage ich.
"Aber es ist interessant! Wenn man ..."
"Ich will es nicht hören!" Ich fasse mein Schwert an, und Oshaim versteht den Wink sofort.
"Wer bestimmt, wie lange jemand da hängen muß?"
"Das kommt drauf an. Eigentlich sollte auf einer gut geführten Hinrichtungsstätte dauernd jemand hängen. Zur Abschreckung, versteht sich. Wenn es also wenig Verurteilte gibt, oder wenn man zuviele Kreuze hat, dann verlängert man natürlich die Vorführung jedes einzelnen."
Die 'Vorführung'. So heißt das also. Ich spüre den Ärger in mir hochsteigen. Immer, wenn ich soviel überzeugter Dummheit begegne, habe ich das Bedürfnis, dreinzuschlagen. Meistens beherrsche ich mich, so auch jetzt. Oshaim kann wirklich nichts dafür, daß er in diesem Geiste aufgewachsen ist. Er verstände es gar nicht, wenn ich ihn jetzt verprügelte oder noch schlimmer bestrafen würde. Alles, was er verstände wäre, daß ich eben zornig wäre. Und das wäre dann auch tatsächlich der ganze Sachverhalt.
Also ruhig bleiben. Ich frage ihn: "Hat Och explizit gesagt, daß diese da so lange hängen sollen?"
"Nein, natürlich nicht, aber das ist doch selbstverständlich!"
Vielleicht kann ich jetzt etwas gut machen. Es wird nicht ganz ungefährlich sein. Ich sehe schon wieder Charmions mißbilligende Blicke. Runternehmen lassen kann ich die Unglücklichen nicht. Das würden sie nicht mehr überleben. Aber ich kann ihr Leiden abkürzen. Fangschuß, heißt das in der Sprache des Waidmannes. Ein unwürdiger Vorgang für einen Menschen.
"Hast du einen Bogen?"
"Nein, wozu?"
"Gibt es eine Leiter?"
"Ja, natürlich. Wie hätten wir sie sonst hinaufbringen sollen?"
"Dann hole sie."
"Was?"
"Dann hole sie!"
Er braucht nicht weit zu gehen. Eine Leiter liegt direkt neben dem Balkenstapel, aus dem noch mehr Kreuze hergestellt werden können.
"Leg die Leiter an das Kreuz da an und steig hinauf!"
"Warum denn?" Oshaim ist restlos erstaunt.
"Weil ich es so möchte. Und um dem Mann da oben dein Schwert in sein Herz zu stoßen, darum!"
"Aber das würden die Leute nicht gut finden! Hier gibt es so selten etwas zu sehen!"
"Siehst du hier Leute? Eine Hinrichtung ist kein Volksvergnügen! Na los, mach schon!"
Natürlich ist eine Hinrichtung ein Volksvergnügen. Das ist in allen Zeiten so gewesen. Daß sich im Moment hier nicht allzuviele Zuschauer rumtreiben muß andere Gründe haben. Man läßt sich nicht gerne blicken, wenn Zwangsarbeit und so barbarische Maßnahmen drohen.
Oshaim ist mit dem Schwert ziemlich ungeschickt.
"Weißt du vielleicht nicht, wo ein Mensch sein Herz hat?" rufe ich hinauf, als er dem ersten - einem der schon Bewußtlosen und vielleicht auch schon Toten - mit seinem Schwert eine üble Bauchverletzung beibringt. Der Mann bewegt sich nicht einmal. Also hat er es auch schon überstanden.
"Wenn du noch einmal daneben stichst, dann zeige ich es dir an deinem eigenen Herzen, wie man es richtig macht!" drohe ich. Das wirkt. Die beiden anderen bringt er nacheinander ohne Fehler vom Leben zum Tod. Der, der gerade noch am Bewußtsein ist, kriegt noch genau mit, was vor sich geht und was auf ihn zukommt. Ich kann aber nicht erkennen, ob er die Abkürzung seiner Leiden willkommen heißt oder nicht. Ich weiß ja auch nicht, ob er sich seiner schon aussichtslosen Situation klar ist - er sollte es eigentlich, da er wahrscheinlich schon anderen Hinrichtungen als Zuschauer beigewohnt hat. Bis zu dem Zeitpunkt, wo Oshaim ihm sein Schwert ins Herz stößt, sieht er ihn ausdruckslos an, dann ächzt er schwach und läßt seinen Kopf hängen.
"Komm herunter!" bedeute ich Oshaim. Als er unten neben mir steht, sehe ich, daß er mehr Unverständnis hat als Angst. Müßte er nicht damit rechnen, daß ich jetzt meiner Mißbilligung mit Gewalt Ausdruck verschaffe, so, wie das hier jeder tut?
"Wenn Och das nächste mal an dich das Ansinnen stellt, jemanden zu kreuzigen, dann wirst du ihn darauf hinweisen, daß ich das nicht schätze. Hast du das verstanden?"
Er nickt, und wir machen uns weiter auf den Weg, um zum Teich zu gelangen. Zurück bleibt ein verwirrter Oshaim, der nicht mehr genau weiß, wieso er Vollstreckungskreuze bewachen soll, die nicht so verwendet werden dürfen wie er sich das vorgestellt hat.
Jetzt erst fällt mir ein, daß ich eben explizit Och als maßgebende Autorität bezeichnet habe. Wenn jemand nachdenkt, könnte derjenige auf die Idee kommen, daß ich zu diesem Zeitpunkt schon weiß, daß Ougom nicht mehr am Leben ist. - Ein Seitenblick auf Charmion - sie hat diesen Lapsus auch noch nicht erkannt. Vielleicht habe ich Glück, und niemand merkt etwas, oder niemand erinnert sich später, was ich eben gesagt habe.
Ich habe aber auch schon andere Gedankenspiele. Oshaim bei Gelegenheit zu beseitigen, zum Beispiel, damit der sich nicht irgendwann erinnert. - Naiv ist, wer meint, auf solche Gedanken käme er an meiner Stelle nicht!
26.8 Versehen
Wie erwartet treffen wir Och am Sumpfteich. Es müssen mehr als 200 Leute im Einsatz sein, und die Menge der neu geernteten Ballen von Schneidgras ist beachtlich. Allerdings sehe ich auch, daß Och offenbar verschiedene Männer zu Aufsichtspersonen ernannt hat, die dafür charakterlich nicht unbedingt geeignet sind. Die meisten davon sind damit beschäftigt, jemanden über offenem Messer Liegestütze machen zu lassen. Meine Disziplinierungsmethode scheint sehr beliebt geworden zu sein - als Volksbelustigung. Und warum da jeweils mehrere Leute zusehen ist mir auch nicht klar. Wir gehen zur größten Menschentraube.
"Saustall!" sage ich leise zu Charmion, so, daß niemand sonst es hört. Außerdem könnte ich mich selbst in den Arsch treten, weil ich die Liegestütze mit der Messervariante eingeführt habe. Aber diese Form der Selbstbestrafung stößt auf praktische Schwierigkeiten.
Vierzehn Menschen sehen einem Mann bei seinen Liegestützen zu. Der Fünfzehnte hat ihm seinen Fuß auf den Nacken gestellt, damit er es ja nicht zu einfach hat. Das, erinnere ich mich, habe ich so nicht vorgeführt. Wie schnell solche Entdeckungen gemacht werden! Wieviele Zeitalter müssen noch vergehen, bis Zeitvertreib wie Kreuzworträtsel lösen oder Fingerhakeln mengenmäßig den Spaß an Quälen von Menschen ablösen!
Der fünfzehnte Mann ist der dicke, breitschultrige Mann, der uns ganz am Anfang im Fort in Empfang genommen hat.
"Was geht hier vor?" frage ich, "Wer hat hier die Aufsicht?"
Der Breitschultrige sieht mich an. Er denkt nach. Das dauert länger.
"Wieso arbeiten diese Leute nicht?" frage ich ihn.
Es kommt sofort Bewegung in die Gruppe. Die Intelligentesten merken, worauf ich hinaus will, und entfernen sich in Richtung See. Die anderen bleiben stehen, vermutlich in Erwartung einer neuen, interessanten Konfrontation.
"Ich habe etwas gefragt!" stelle ich fest. Der Breischultrige denkt immer noch.
"Steh auf!" sage ich zu dem Mann, der bis eben Liegestütze gemacht hat, "Und laß dein Messer in der Erde drin!"
Der tut das, reichlich verwirrt, aber auch erleichtert, daß die Tourtur mit den Liegestützen vorbei ist.
"So. Darf ich jetzt bitten?" frage ich den Breitschultrigen.
Der überlegt sich immer noch, ob er von mir Anweisungen entgegennehmen soll. Um ihm diese intellektuellen Vorgänge zu erleichtern, ziehe ich mein Schwert. Jeder kann deutlich das angetrocknete Blut sehen. Ich habe noch keine Zeit gefunden, das Schwert sauber zu machen.
Charmion steht in einigen Metern Entfernung und sieht uns interessiert zu. Der Breitschultrige bequemt sich auf seine Knie runter. Von schräg unten sieht er mich an. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht interpretieren. Wird er mich in der nächsten Sekunde anfallen? Oder ist das ein mildes Bedauern, daß er sich nun auch anstrengen und zusätzlich vor all den anderen blamieren muß? Irgendwie sieht er kummervoll aus. Aber ich bleibe hart. Für niemanden darf es Extrarationen geben.
"Wenn ich bei seiner vierten Auf- und Abbewegung hier noch jemanden rumstehen sehen, dann braucht derjenige gar nicht mehr an die Arbeit zu gehen!" sage ich zu den Umstehenden. Das verstehen sie. Noch bevor der Dicke anfängt, gehen ausnahmslos alle zum See. Trotzdem werden wir von allen Seiten ohne Zweifel neugierig beäugt.
Der Dicke fängt aber immer noch nicht an.
"Fühlst du dich vielleicht nicht wohl?"
Jetzt sieht er aus, als ob er gleich weinen will.
"Ich kann das nicht tun, Herr!"
"Ach ja! Und warum nicht?"
"Ich bin krank."
"Och Gottchen!" sage ich zynisch, "Er ist krank! Das tut mir aber leid!" Und etwas lauter, damit es alle hören können: "Gerade eben habe ich jemanden gesehen, der gekreuzigt wurde, weil er krank war oder weil er das von sich behauptet hat. So geht ihr doch mit euren Mitmenschen um! Krank willst du sein? Ein Bär von einem Mann und krank? Der stärkste hier am Platz und krank? Aber andere schikanieren bis zum geht nicht mehr! AUF, IN DEN LIEGESTÜTZ!"
Jetzt sehen alle her. Der Breitschultrige gehorcht. Er stemmt seine Hände in die beiden Erdhaufen beidseitig des Messers und beugt sich nach vorne über. Das wird eine Karrikatur eines Liegestützes, das sehe ich schon.
Dann stellt der Dicke die Beine nach hinten und läßt sich auf das Messer fallen. Nach einem kurzen, unwichtigen Röcheln ist er tot. Es hat keine Sekunde gedauert. Nach einigen Sekunden wird seitlich unter seiner Brust eine Blutlache sichtbar, die sich langsam vergrößert.
Jemand kommt auf uns zu. Es ist Och.
"Oh, grüß euch. Was ist denn da geschehen? Ah. Ich seh schon. Ja, Ohochmoich hatte eine alte Verletzung. Hier, seine Brustmuskeln!"
Er dreht die Leiche auf den Rücken und öffnet die Lederjacke vollständig. Man braucht kein großer Anatom zu sein, um es zu sehen: Ein früher Schwerthieb muß ihm die Pectoralismuskeln bis auf die Knochen zerschnitten haben. Da, wo andere Männer, die über ordentliche Muskeln verfügen, eine fast busenartigen Vorwölbung der Pectoralismuskeln haben, hat dieser hier nur vereinzelte Knoten, wie ich trotz Dreck und Blut deutlich sehe. Daß er das unter den hier üblichen Bedingungen überlebt hat, und daß er sich trotz dieser Behinderung noch so gut hat bewegen können ist erstaunlich.
Aber einen Liegestütz hat er natürlich nicht machen können.
"Deshalb habe ich ihn zur Aufsicht eingeteilt." sagt Och. "Was sagst du zu unserer bisherigen Ernte?"
Schon vorbei. Der Tote wird nicht mehr erwähnt. Da habe ich gerade wieder den Tod eines Menschen verschuldet, eines fast wehrlosen Behinderten, verschuldet durch einen Akt unentschuldbarer Dummheit, und Och fragt mich, was ich von der Schneidgras-Ernte halte. Auch, daß Ohochmoich ein Arschloch war, der andere gerne schikaniert hat - muß ich jedenfalls annehmen, denn das ist ja das einzige, was ich von ihm je gesehen habe, vor wenigen Minuten - auch das entschuldigt nichts.
"Die Ernte. Ja, gut." sage ich. Ich versuche, mein Schwert wieder in die Scheide einzuführen. Es geht schlecht, weil es so klebrig-blutig ist. Ich bin gezwungen, zum Wasser zu gehen und die Klinge abzuspülen. Dann geht es. Alle, in deren Nähe ich komme, arbeiten doppelt so konzentriert. Ich habe keine Befriedigung an dieser Beobachtung. Vielleicht halten sie mich jetzt für eine entschlossene und brutale Führernatur, jemanden, dem man besser nicht zur Unzeit über den Weg laufen sollte. Bloß nicht auffallen. Alle rundherum machen den Eindruck, genau das zu ihrer momentanen Strategie erhoben zu haben.
Och spricht weiter.
"Ich habe schon rumgefragt, wer etwas von Stoffweberei versteht. Es sind nicht viele, und sie geben widersprüchliche Auskünfte."
Gestern hätte ich vielleicht noch entgegnet: 'Dann bringe alle bis auf einen um, dann hast du keine widersprüchlichen Auskünfte mehr!' Aber heute habe ich selbst schon zu viele Menschen umgebracht, um mir diesen Ton noch leisten zu können.
Wieso ist Och überhaupt so freundlich? Er müßte mich eigentlich doch schon durchschaut haben. Er weiß, daß es nur Zufall war, daß ich Ougom getötet habe und nicht umgekehrt. Och könnte sich leicht meiner entledigen, und gegen die Übermacht der anderen Männer könnte Charmion wohl auch kaum helfen, mir nicht und dann sich selbst nicht. Trotzdem, seinem Verhalten nach scheint er mich als die Nummer Eins akzeptiert zu haben. Warum tritt er freiwillig zurück? Mangelt es ihm an Machtwillen?
Es ist so schwer, sich in andere hineinzuversetzen, besonders hier, bei den GranitBeißern, wo man 'verwandte Seelen' kaum findet. Ich kann nur mutmaßen und dabei dauernd die schlimmsten Irrtümer begehen. Wahrscheinlich hat Och erkannt, daß ich der einzige Garant einer Flucht von Casabones bin. Auch, wenn ich versucht habe, ihm klarzumachen, daß Charmion genauso wichtig ist, so weiß er doch, daß ich das Prinzip des Fallschirmes mitgebracht habe, und selbst, wenn Charmion auch über Fallschirme alles notwendige wüßte, so könnte er ohne mich wahrscheinlich nicht ihr Überleben garantieren, geschweige denn die Akzeptanz von Charmion als fachliche Autorität für Tuchmacherei und Fallschirmtechnik.
Ich bin für diese Leute lebenswichtig. Das ist wahrscheinlich objektiv richtig, und Och weiß das. Für mich und für Charmion ist das natürlich keine Lebensversicherung, weil es genügend Leute gibt, die das nicht wissen. Und wie bei uns ist es hier für viele Menschen eine hinreichende Begründung für blanken Haß, wenn man in einer sozialen oder hierarchischen Stufenleiter mehr erreicht hat, völlig unabhängig davon, ob zu Recht oder zu Unrecht.
"Wir werden wahrscheinlich die Fallschirme aus einer Kombination von Stoff und Papier machen müssen," erkläre ich Och, "und dazu sind Steinmühlen nötig. Für 2000 reine Tuchfallschirme bräuchten wir viele Webstühle, von denen ich bezweifle, daß wir sie herstellen können, und das Tuch wäre auch zu luftdurchlässig."
"Papier?" Och wundert sich, aber nicht lange. Wahrscheinlich assoziiert er Papier auch mit schwach und leicht reißfähig. Aber wenn ich es sage, muß es wohl richtig sein. Eine kontroverse technische Diskussion kommt ihm nicht in den Sinn. Entweder man ist dafür oder man ist dagegen. Im Moment ist er für alles, was ich sage. So kann ich natürlich nicht einmal ein technisches Konzept diskutieren.
Ich erläutere ihm das wenige, was ich über die Papierherstellung weiß. Die ungefähre Idee, die ich ihm nahezubringen versuche, ist ein grobmaschig geflochtenes Netz, dessen Maschenlöcher in einem Flachbad mit Papierbrei gefüllt werden. Das muß dann noch abtrocknen - fertig. Hoffe ich.
Außerdem trage ich ihm auf, unter den Meuterern auch nach solchen zu suchen, die etwas von der bei den GranitBeißern bekannten Pergamentherstellung wissen.
"Das Papier muß langfaserig sein, und die Fasern müssen gut vernetzt werden! Außerdem müssen wir einen geeigneten Leim finden." sage ich. Er nickt. Ob er es verstanden hat, weiß ich nicht.
"Ich mache das schon!" sagt er.
Dann binde ich mir die Garotte ab, die ich unter dem Rock trage:
"Sieh her - so zäh und so schmal müßten die Seile sein! Davon brauchen wir viele - für jeden Schirm fast fünf mal fünf mal fünf Manneslängen!"
"Kein Problem." sagt er. Worauf er diese Zuversicht stützt weiß ich nicht. Ich stecke meine Garotte wieder ein und wir reden noch eine Weile über dies und das. So kriege ich wenigstens heraus, daß Och auch eine Idee hatte, wie man Casabones verlassen könnte. Es läuft letzten Endes auf ein fünf Kilometer langes Seil hinaus, das an einer Stelle von der Kante Casabones herunterhängen könnte. Ich gebe ihm das Eigengewicht dieses Seiles zu bedenken, und außerdem dürften viele Meuterer nicht über die körperlichen Voraussetzungen verfügen, die man braucht, um ein fünf Kilometer langes Seil herunter zu klettern. Ob ich ihn überzeuge, kann ich nicht sagen. Er verspricht jedenfalls, sich um die Steinmühlen und die Wickeltrommeln zu kümmern, und flache Schalen für die Papierzubereitung. Keine Ahnung, wo er das alles finden will.
Charmion steht die ganze Zeit in einigen Metern Entfernung. Niemand spricht mit ihr. Die Blicke, die ihr zugeworfen werden, umfassen das ganze Spektrum zwischen offenem Haß und deutlichster Geilheit. Aus den Augenwinkeln sehe ich einige der Männer, die obszöne Gesten machen. Als Och mein Mißfallen bemerkt, bietet er mir an, diese zu bestrafen.
"Aber nur Liegestütze," sage ich, "nicht kreuzigen." Wenn Och nicht einverstanden ist, dann verbirgt er es gut.
"Und Liegestütze ohne Messer. Erst, wenn sie sich keine Mühe geben, dann mit. - Du mußt wissen, Liegestütze sind gesund: Das gibt Kraft!"
So wie Ochs Gesicht aufleuchtet, muß ich annehmen, daß von nun an jedem zu bestrafenden erklärt wird, wie gesund Liegestütze sind. Da hat er etwas, womit er sich rechtfertigen kann!
Es ist 19 Uhr, als wir uns wieder zum Fort aufmachen. Irgendwie kann ich selbst doch nicht viel tun. Och bringt es mit seinem Halbverständnis der Papierherstellung fertig, irgend etwas in die Wege zu leiten, und ich habe immer den Eindruck, daß es wenig Unterschied macht, ob und was ich sage.
Als wir auf dem Rückweg durch das Dorf gehen, sind die Vollstreckungskreuze leer. Oshaim ist nirgends zu sehen. Im ganzen Dorf folgen uns Blicke aus versteckten Winkeln, aber kein Stein fliegt. Trotzdem fühle ich mich erst wieder wohler, als wir das Dorf verlassen haben.
Charmion ist so taktvoll, nicht auf den Vorfall mit Ohochmoich einzugehen. Dafür bin ich ihr dankbar. Dreimal innerhalb eines Tages völlig unnötigerweise einen Menschen umgebracht. Die Vorstellung 'wenn mich jetzt ... sehen könnte' wäre mir jetzt sehr unangenehm. Die Hauptpersonen von gewissen Abenteuerromanen pflegen nicht aus Tolpatschigkeit andere Menschen zu töten. Das wird ein literarisches Novum sein, wenn ich über unsere Abenteuer schreiben sollte.
Ich überlege schon ernsthaft, ob ich nicht das Blaue vom Himmel herunterlügen sollte. Dann habe ich aber, wie immer, wenn man Halbwahrheiten oder Lügen erzählt, über kurz oder lang das Problem, die Übersicht über meine 'Korrekturen' der Wahrheit zu behalten.
Aber das ist jetzt noch lange nicht das Problem. Ich muß mich selbst auf andere Gedanken bringen.
"Wir suchen Oom auf," schlage ich vor, "sonst braucht uns im Moment doch keiner. Außerdem können wir das Steilufer begutachten, weil wir irgendwann ja eine Stelle zum Üben brauchen. Für Fallschirme reicht ein schräger Hang nämlich nicht aus, das geht nur für Hanggleiter."
"Du meinst, Paraglider?" fragt Charmion.
"Ja. Das ist dieselbe Sache. Ein anderes Wort für dieselbe Sache."
Charmion ist es einverstanden. Als wir wieder am Tor vorbeikommen, bemerke ich, daß Charmion schon wieder das Versteck ihres Schwertes mustert. Wahrscheinlich fühlt sie sich ohne Waffen restlos nackt und ausgeliefert.
Das Steilufer ist für die ersten Experimente eigentlich überall gleich gut brauchbar - die FelsWand ist überall senkrecht, und an den meisten Stellen ist das Wasser auch genügend tief. Das müßte man natürlich an den Stellen, die man ernsthaft in Betracht zieht, erst noch durch Schwimmer genau untersuchen lassen. Die Stelle, wo Oom wohnt, ist zum Beispiel ungeeignet, weil das Schilf eine Untiefe direkt vor der Steilwand anzeigt.
Aber ein ernsthafteres Problem ist, daß man zwar einen Paraglider mit einem Anlauf aufblähen und entfalten kann, nicht aber einen klassischen Fallschirm. Ob ein Sprung über eine 50 Meter hohe FelsWand genügend Raum läßt, um einen klassischen Fallschirm rechtzeitig und vollständig zu entfalten darf bezweifelt werden. Außerdem könnte der Fallschirm sich gerade noch in der FelsWand verfangen.
Vielleicht wird es doch notwendig, mit den ersten Versuchsmodellen Anlaufexperimente zu machen, um herauszukriegen, wie ein Fallschirm beschaffen sein muß, damit er auf diese Weise entfaltet werden kann. Dann kommt man aber ganz automatisch zu einer Paraglider-ähnlichen Konstruktion.
Wir finden den Abstieg zu Ooms Wohnhöhle ohne Schwierigkeiten, aber er ist nicht da. Als ich meinen Kopf eine längere Zeit durch die Türöffnung seiner Wohnhöhle stecke, um meine Augen an das Dämmerlicht zu gewöhnen, finde ich nichts von Interesse. Ein paar Gegenstände des täglichen Gebrauchs, irdene Schalen und Töpfe, Stoff-Fetzen, die zu etwas zusammengelegt worden sind, was wahrscheinlich sein Lager ist.
Wenn ich mir vorgestellt habe, daß er irgendwelche 'kulturellen' Gegenstände sein eigen nennt, dann habe ich mich getäuscht. Keine Pergamentrollen, keine fremdartigen Gegenstände ohne jeden erkennbaren Zweck.
Ich betrete die Höhle nicht. Es käme mir wie ein Einbruch vor. Auch Charmions Neugier hält sich in Grenzen. Wahrscheinlich denken wir jetzt beide daran, daß wir bei unserem ersten Abstieg hier bumsen wollten. Aber diese kleine Steinstrand gehört eigentlich auch noch zu sehr zu Ooms Privatgrund.
26.9 Von Sonne und Sternen, von Tag und von Nacht
Als wir wieder oben auf dem Steilufer sind, bemerke ich, daß es dunkler geworden ist. Das bedeutet, daß die obere Grenze der leuchtenden Wolkenschicht abgesunken ist, oder daß Luftmassen angeweht wurden, die Nebel mit sich führen, der relativ frei von Leuchtkeimen ist. Beides könnten Vorboten eines Sturmes sein. Ich wundere mich sowieso, warum die Luftschichtung in der WeltHöhle so relativ stabil ist - eigentlich sollte der Wärmestrom aus dem Erdinneren zur Erdoberfläche turbulentere Erscheinungen bewirken. Als Wärmeleiter ist Luft sehr schlecht. Und unsere Geologen haben ja überall auf der Erdoberfläche einen Wärmestrom aus der Tiefe nachgewiesen. Vielleicht geht der Hauptteil des geothermen Stromes um die WeltHöhle herum? Oder, andere Möglichkeit, es gibt eben ab und zu heftige meteorologische Vorgänge, die viel Wärme durch die WeltHöhle schleusen. Mir fallen dabei die Druckschwankungen ein, die ich bei unserem Abstieg in die WeltHöhle auf dem Höhenmesser beobachtet zu haben glaube.
Auch Charmion bemerkt die Lichtveränderung. Wir lassen uns fast einen Kilometer von Ooms Strand entfernt auf dem Felsufer nieder und lassen die Unterschenkel über die Kante baumeln. Eigentlich müßte der See hier ja bald zu Ende sein, weil er ja nicht länger sein kann als der Durchmesser der Oberfläche von Casabones.
Die Helligkeit nimmt rasch ab, besonders deutlich senkrecht über uns. Das spricht mehr für das Absinken der Wolkenobergrenze. Auch wird der Nebel durchsichtiger, was aber durch die abnehmende Helligkeit kompensiert wird, so daß die Sicht nicht besser wird.
Es ist wie immer wenig Wind zu spüren. Wenn es ein heftiges Wetter gibt, dann tobt sich das woanders aus. Aber als die Nebelschicht über uns so dünn wird, daß wir die Höhlendecke einige Kilometer über uns erkennen können, glaube ich, die Kühle der Felsen zu fühlen. Das kann gut sein, denn von dort oben kommt weniger Infrarotstrahlung zurück als von hier unten hinaufgeht.
Die Helligkeit rund um uns herum zieht sich zum Horizont ringsum zurück, fast wie bei einer Sonnenfinsternis, oder bei einem Gewitter direkt über uns, und doch wieder völlig anders. Sogar das Fort wird jetzt von hier aus sichtbar. Das Dorf liegt tiefer und hinter Bergen, in der Richtung können wir weder etwas hören noch etwas sehen.
Auf Charmion wirkt die Dunkelheit stärker als auf mich, weil ich ja die Nacht kenne. Das habe ich ja schon bei unserem Aufstieg durch den Berg Casabones vermutet. Aber die lange 'Nachtabstinenz' hat mich auch verändert. Die Felsdecke da oben wirkt drohend, obwohl sich nichts anderes geändert hat als daß sie jetzt eben sichtbar ist. Aber es ist ein Felsgebirge, das bereit ist, jeden Moment auf uns herabzustürzen. Was es nicht tun wird, denn warum gerade jetzt, wo es das doch Millionen Jahre lang nicht getan hat.
"Und in eurer Welt ist in Richtung nach dort oben nichts?" fragt Charmion. Sie erinnert sich an das, was wir auf dem Saurierfänger schon von unserer Welt erzählt haben. "Das kann ich nicht glauben. Wie kann irgendwo nichts sein? Es ist doch überall etwas! Wie sieht das überhaupt aus, das 'Nichts'?" Sie lehnt sich an mich.
"Es ist da nicht 'nichts'." versuche ich, zu erklären, "Zunächst einmal ist auf unserer Welt Luft, genau wie hier. Wenn du die Hand schnell bewegst, dann spürst du sie. Und unsere Fallschirme funktionieren ja auch nur mit Luft."
Ich fuchtele mit den Händen in der Luft herum, um es deutlich zu machen. Vielleicht gelingt es mir, vielleicht auch nicht.
"Je höher man kommt, desto dünner wird die Luft. Sie geht ganz allmählich in das Nichts über. Auf unseren höchsten Bergen kann man schon nicht mehr atmen, noch etwas höher würde das Blut anfangen zu sieden, obwohl es sehr kalt ist. Kein Mensch kann dort ohne Hilfsmittel leben. Aber es geht immer weiter nach oben. Und nachts, wenn es dunkel ist, viel dunkler als jetzt hier, dann sieht man die Sterne."
"Sterne?" fragt Charmion.
Ich versuche, zu erklären, was Sterne sind. Sowie ich aber die übliche Beschreibungen von gigantischen, grellen und überheißen Feuerkugeln bringe, versteht Charmion wieder nicht mehr, warum diese Sterne dann nur als schwache Lichtpünktchen sichtbar sein sollen, und warum sie nicht herunterfallen. Dann bin ich gezwungen, das Konzept riesiger Entfernungen einzuführen, die sie sich natürlich nicht vorstellen kann. Und als ich versuche, etwas über das Wesen und die Wirkung der Gravitation zu erklären, gibt sie endgültig auf.
"Das ist doch Unsinn," sagt sie, "wenn das so wäre, dann würden wir beide uns ja auch anziehen!"
"Das tun wir auch," sage ich, "aber die Kraft ist unmeßbar schwach. Schwächer als der Tritt eines kleinen Tiers oder eines Insektes. Aber so ein großer Körper wie ein Stern oder ein Planet, der kann dich natürlich deutlich fester anziehen."
Ich versuche, ihr deutlich zu machen, daß sie und der Erdball unter ihr sich gegenseitig anziehen und daß das Ergebnis ihr Körpergewicht ist. Aber schon das Konzept des Erdballes unter ihr macht ihr wieder Schwierigkeiten. Wie soll man das auch von jemandem, der zeitlebens in dieser WeltHöhle gelebt hat, anders erwarten?
Ich habe im Laufe meines Lebens so einen Riecher dafür bekommen, wenn jemand meinen oder irgendwelchen anderen Erklärungen nicht mehr folgen kann. Bei Charmion ist es schon lange soweit. Wie soll sie in wenigen Minuten Konzepte verarbeiten, mit denen ich selbst von Kindesbeinen an konfrontiert wurde? Wer weiß, wenn nicht schon mein Vater mir das Planetensystem erklärt hätte, lange bevor ich zur Schule ging, vielleicht würde ich heute noch nicht wirklich glauben, daß die Erde eine richtige Kugel ist? Es ist jedenfalls nicht Intelligenz, die ihr fehlt. Sie ist eben aus einer anderen Welt. Oder ich bin es, zu sehr jedenfalls, um die Verhältnisse richtig darzustellen.
"Jedenfalls sieht es sehr schön aus, unser Sternenhimmel. In klaren Nächten sieht man tausende, und mit speziellen Instrumenten kann man nachweisen, daß es noch viel mehr sind."
"Und wir ziehen uns nur ein ganz klein wenig an?" fragt Charmion und bringt damit das Gespräch wieder auf das Naheliegende.
"Durch Gravitation, ja," sage ich, "aber es gibt noch andere Methoden, sich anzuziehen. Vorher muß man sich aber noch ein bißchen ausziehen!"
Ich habe schon begriffen, worauf sie hinauswill. Und warum auch nicht? Wozu sind denn solche romantischen Plätze sonst gut?
Die Absenkung der leuchtenden Wolkendecke hält einige Stunden an. Wir nutzen die Zeit gut. Ich weiß wohl, daß diese Zeit nicht wiederkommt. Deshalb muß man sie festhalten, solange man sie hat. Die Zeit und Charmion. Warum, denke ich mir, geht es mir so gut, am Abend eines Tages, an dem ich drei unnütze Morde vollbrachte? Und warum ist es der jungen Frau bei mir so völlig egal, wer heute getötet wurde und wer nicht, solange wir nicht selbst die Opfer waren?
Mitternacht ist schon vorbei, als wieder Nebelschleier vorbeiziehen, die Sicht einengen und dann schon bald das trübe Licht zurückbringen. Als wir eine Stunde später Hand in Hand zum Fort zurückgehen, erschöpft und glücklich, deutet nichts mehr darauf hin, daß einige Stunden lang eine ungewohnte Finsternis über der Landschaft gelegen hat.
Und nichts deutet darauf hin, daß diese Finsternis die periphere Auswirkung eines wälderzerbrechenden, weit entfernten Sturmes gewesen sein könnte. Wovon ich fast überzeugt bin.
Ich sollte nicht zu neugierig auf wirkliche Stürme in der Welt der GranitBeißer sein, denke ich mir. Schlimme Prüfungen kommen noch früh genug. Auch, wenn wir von Casabones herunterkommen sollten, sind die Probleme nicht zu Ende. Noch lange nicht.
******** 027. Tag: Donnerstag 1995-09-14 ********
27.1 Charmions Versteck
Wir wachen um 11 Uhr in unserem Zimmer auf, immer noch oder schon wieder eng aneinandergeschlungen. Draußen schlägt jemand an die Tür. Das müßte Och sein.
Ist er auch. Als wir wieder überhastet aufgestanden sind und die Tür aufmachen, betritt er hastig das Zimmer. Diesmal wirft er keine genußvollen Blicke auf Charmion.
"Es gibt Probleme. Wir haben fast 60 Leute, die sich weigern, zu arbeiten, und es werden immer mehr!"
"Wie kommt das denn?" frage ich. Wahrscheinlich wird es heute morgen wieder nichts mit dem Frühstück. Vielleicht sollte man sich ein so dickes Fell zulegen, daß man noch in Ruhe im See schwimmen gehen oder etwas essen kann, wenn rundherum die Schwerter klirren.
"Ja," sagt Och, "sie murren darüber, daß sie mehr arbeiten müssen als zu der Zeit, wo die ehemalige Fortbesatzung noch die Aufsicht führte. Damals saßen die meisten ja im wesentlichen nur herum!"
"Ist ihnen nicht klar, daß sie für die eigene Flucht arbeiten?"
"Einigen ist es klar. Eigentlich müßte man mit jedem einzelnen reden. Vielleicht könnte man dann die Einsicht verbreiten!"
"Vielleicht würde es ausreichen, mit den Rädelsführern zu reden!" schlage ich vor.
"Zu spät. Es haben sich größere Gruppen in die Wälder geschlagen. Und das ist noch nicht das schlimmste. Sie haben auch Waffen!"
"Woher denn?"
"Nun, einige sind uns ja in die Hände gefallen, als wir das Fort erobert haben. Die meisten davon sollten allerdings noch in der Zeugkammer sein. Aber da sind noch verschiedene Waffenkammern in der Maueranlage gewesen."
Mir fällt sofort der Aufgang ein, wo ich Charmions Schwert versteckt habe. Wahrscheinlich redet Och davon, oder von ähnlichen Waffenkammern.
"Dann gibt es noch ein Problem:" fährt Och fort und zeigt auf Charmion, "Sie!"
"Wieso?"
"Zu vielen stößt die Gegenwart einer Frau, die frei herumlaufen darf, sauer auf. Besonders, daß sie gestern an den Sumpfseen war, hat sehr viel Unruhe erzeugt. Es gibt sehr viel Unentschlossene, die wir für unser Vorhaben sehr viel leichter gewinnen könnten, wenn sie nicht da wäre!"
"Sie ist aber da! Und sie bleibt da!"
Och schüttelt den Kopf: "Sie darf nicht bleiben! Jeder zweite will sie gekreuzigt sehen!"
"Und du?"
"Ich rede doch nicht von mir. Von mir aus kann sie solange bleiben, wie notwendig. Besonders, wenn sie, wie du sagst, etwas von Seilen und Tuch und Papier versteht. Aber ich rede von den Leuten. Die wollen jetzt keine Frau so frei rumlaufen sehen!"
"Also sollte sie sich unsichtbar machen!" stelle ich fest und gehe zu Charmion, um sie demonstrativ zu umarmen. Gerade noch hat sie Och böse angefunkelt, aber in meinen Armen wird sie wieder weich und anschmiegsam. Es ist ein Reflex. Ein Reflex, der nur bei mir funktioniert! Nein, Charmion gebe ich nicht her.
"Eine öffentliche Hinrichtung würde die Volksseele mehr beruhigen!" stellt Och lapidar fest.
Barbarisch. Was tun? Ich lasse nicht von Charmion. Man mag diskutieren, ob das mehr humanistische Überzeugung oder emotionelle Gebundenheit zu Charmion ist, aber ich habe mich entschlossen. Charmion wird leben. Eher müssen noch einige andere sterben.
"Aber unsichtbar muß sie sich auf jeden Fall machen. Sie darf nicht mehr im Fort bleiben!"
"Da sind doch," überlege ich laut, "genug Leichen von Frauen in der Speisekammer. Was hindert uns, zu behaupten, sie wäre eine davon, weil sie schon längst hingerichtet worden wäre?"
Och denkt nach. "Könnte gehen. Man müßte sie alle unkenntlich machen und umsortieren."
Ich weiß, was das bedeutet. Mir ist die 'Unkenntlichmachung' von Ougom noch zu gut in Erinnerung.
"Wäre das glaubhaft?" frage ich.
"Ja," meint Och, "das wäre es. Eine Zeitlang wenigstens. Denn würden wir sie tatsächlich hinrichten, dann würden wir ja nicht jedermann als Zeugen hinzuziehen. Problematisch wäre nur, daß es überhaupt keine Zeugen gäbe! Das würde irgendwann auffallen. Beschreibungen von Hinrichtungen gehen normalerweise wie ein Lauffeuer um. - Die Männer mögen das."
"Wenn die Zeugen nicht wenig später ebenfalls ums Leben kommen!" sage ich, "Außerdem - auch Ougom ist doch bis jetzt nicht vermißt worden, oder? - Also, laß mich mal überlegen! Wir suchen Freiwillige für die Durchführung der Hinrichtung. Jeder muß das wissen, daß wir Freiwillige genau für diesen Zweck suchen. Da werden sich vermutlich genügend viele melden. Von denen nehmen wir die größten Störenfriede. Ja, so muß es gehen. Die Hinrichtung setzen wir an einem abgelegenen Ort an. Und dort lassen wir die Freiwilligen verschwinden. Das Problem ist dann nur noch, sich eine plausible Erklärung für das Verschwinden dieser Freiwilligen auszudenken!"
"Das ist dann aber ein sehr schwieriges Problem!" stellt Och fest. Die von mir angedeutete Tötung dieser Gruppe von Freiwilligen belastet ihn weniger.
"Andere Möglichkeit: Charmion flieht. Jeder, der nicht gerade arbeiten muß, kann sie suchen. Oder besser noch, muß sie suchen. Wird dazu abgestellt. In Wirklichkeit bleibt sie aber in der Nähe. Sie muß in der Nähe bleiben, weil ich mich mit ihr häufiger besprechen muß. Und das muß auch unauffällig möglich sein! Also bietet sich etwas in allernächster Nähe an!"
Och nickt. "Solange niemand auf die Idee kommt, daß genau das der Plan sein könnte, gut."
Ich bin fast sicher, daß niemand auf diese Idee kommt, nachdem, was ich an Phantasiefähigkeit und Intelligenz im Dorfe gesehen habe. Einem Durchschnitts-Bundesbürger, der durch zahllose Fernsehabende trainiert ist, könnte man diese Version wahrscheinlich nicht anbieten. Man kennt die Ideen der Drehbuchschreiber und Romanautoren allmählich, weil es immer dieselben sind.
"Und wo soll sie am besten hin?"
"Es gibt noch eine Zeugkammer im Fort," sagt Och, "draußen, vor eurer Tür, die Treppe. Die geht noch weiter rauf, in den seewärtigen Turm."
"Geht es da überhaupt weiter?" frage ich, "Ich bin schon mal einige Stufen weiter hinaufgelaufen, aber dann kommt eine Holztür, die von innen mit Gerümpel versperrt ist!"
"Das ist die Zeugkammer, die ich meine," erklärt Och, "es handelt sich um Baumaterial und alles, was zur Erhaltung des Forts nötig ist. Balken, Seile, Steine, Holzplatten, Sandmischungen, Werkzeuge. Allerlei Zeug eben. Jetzt kommt niemand auf die Idee, etwas am Fort zu reparieren. Warum sollte also jemand sich die Mühe machen und da raufgehen? - Es sind, soweit ich weiß, mehrere Kammern übereinander, und da gibt es viele Verstecke. Kein Mensch hat Überblick, was da liegt und was nicht. Wahrscheinlich war noch gar keiner oben, seitdem das Fort uns in die Hände gefallen ist."
Leichtsinnig, denke ich: Wie kann man denn sicher sein, daß sich nicht irgendwo innerhalb des Forts doch noch jemand von der alten Fortbesatzung aufhält? Diese Meuterer haben manchmal mehr Glück als Verstand.
"Nur die Spuren auf dem Treppenstück bis zur ersten Tür," sage ich, "an denen sieht man, ob jemand häufiger da hinauf geht oder nicht."
"Wenn wir nicht auf diesem Treppenstück noch mehr Gerümpel abstellen. Soviel, daß man gerade noch die Treppe benutzen kann. Und dann sind ja frische Spuren da."
Gute Idee, denke ich. Das könnte gehen. "Wir müssen dem Zeugmeister Ocronk klarmachen, daß er seine Zeugkammer unten aufräumen soll. Alles, was dort nicht gebraucht wird oder im Wege steht, soll er woanders hinbringen. Unter anderem auf dieses Treppenstück!"
"Und mich fragt niemand?" fragt Charmion dazwischen. Ich sehe ihr in die Augen:
"Dich frage ich jetzt! Denke daran, es ist nur zu dem Zweck, dich am Leben zu erhalten! Ich versorge dich schon mit dem Notwendigen. Du mußt nur aufpassen, daß du dich nicht durch die Fenster da oben blicken läßt! Da sind zwar nur wenige, aber wenn jemand scharfe Augen hat, dann könnte demjenigen etwas auffallen!"
Sie ist hübsch, denke ich. Wieso fällt mir das jetzt auf? Wir haben anderes zu tun.
"Kann ich zum Schlafen runterkommen?" fragt Charmion.
"Sieh dich um! Dieser Raum ist zu klein! Wenn jemand anderes hereinkommt als Och, dann kannst du dich nicht verstecken! Du kannst nicht einmal vorübergehend aus dem Fenster raus und dich von außen an der Mauer festhalten, weil ja jemand von außen gerade auf dieses Fenster schauen könnte. - Nein, das geht nicht. Du kannst dich nicht mehr hier aufhalten. Eher komme ich rauf!"
"Versprochen?"
"Versprochen!"
"Und ich möchte da oben ein Schwert haben - für alle Fälle!"
"Du bekommst ein Schwert. Du mußt dir ohnehin eine Art Abfallbehälter bauen, der Speisereste und Scheiße von vielleicht vielen Wochen aufnehmen kann."
"Kein Problem," sagt Och, der zuhört, "Mit dem Bausand da oben ..."
"Jaja, die technischen Feinheiten können wir schon alleine lösen. Wir müssen jetzt Charmions Flucht planen. Och, es muß plausibel aussehen! Am besten, du gibst heute schon die geplante Hinrichtung von Charmion für einen Termin in naher Zukunft bekannt. Dann flieht sie heute nacht!"
"Ich lasse es mir durch den Kopf gehen." verspricht Och, "Kommst du noch ins Dorf? Es gibt noch einiges zu besprechen!"
"Ja!" sage ich und schon ist Och draußen.
"Jetzt fängt eine unschöne Zeit an!" sage ich.
"Ja. Das tut es."
"Denk dran, daß sie die Wälder nach dir durchsuchen werden! Sie werden sich dumm und dämlich suchen!"
"Kein beruhigender Gedanke," sagt sie, "wenn sie ihre Arbeit verstünden und wissen, wie man einen Wald effizient durchsucht, dann würden sie sich schon davon überzeugen können, daß ich dort nicht bin! So groß ist Casabones nicht! - Aber sie sind dumm und dämlich."
"Eben. Effizienz ist das allerletzte, was wir bei diesen Leuten fürchten müssen. Außerdem werden wir sie schon am Arbeiten halten - jedenfalls werden wir uns Mühe geben, das zu tun. Ich weiß nicht, wie Och sich die Steinmühlen vorstellt, aber ich denke, wie sie auch aussehen werden, es wird viel körperliche Kraft kosten, sie zu bewegen. Ich denke, wir werden sie schon müde machen!"
"Das geht mit den Ziehtrommeln auch schon. Normalerweise treibt man die mit einem Wasserrad an."
"Soviel fließende Gewässer gibt es hier nicht, als daß es sich lohnen würde, das Wasserrad zu 'erfinden'."
"Vielleicht kommt jemand drauf? Oder jemand weiß schon, was ein Wasserrad ist?"
"Dann macht es auch nichts. Der Bau eines Wasserrades kostet auch Arbeitskraft. Nein, Charmion, die Wälder werden nicht systematisch durchsucht. Schon gar nicht von denen, die sich jetzt in die Wälder abgesetzt haben, weil diese jeder Form von Arbeit abhold sind. Ich nehme an, daß die zum Schluß hierbleiben werden. Vielleicht bringen sie sich auch gegenseitig um. Wäre das nützlichste, was sie tun könnten."
Nach langen, wortlosen Umarmungen fahre ich fort:
"Ich muß jetzt ins Dorf. Du richtest dich am besten schon einmal im Turm ein. Wir müssen nur aufpassen, daß niemand dich sieht. Und auf dem Rückweg bringe ich dir dein Schwert mit, und vielleicht noch mehr!"
Nach einigen weiteren Küssen sagt sie:
"Du mußt noch jemanden umbringen!"
"Was muß ich?"
"Wenn ich heute nacht fliehe, dann wahrscheinlich nicht, ohne daß jemand versucht, mich aufzuhalten. Den würde ich dann ja beseitigen. Beseitigen müssen! Da ich aber tatsächlich nicht fliehe, mußt du diese Spur legen!"
"Aber es war doch bis jetzt immer möglich, auch für dich, das Fort zu verlassen, ohne daß dich daran jemand hindert!"
"Nicht, wenn ich es bewaffnet verlassen würde. Und das täte ich dann ja. Außerdem würde ich doch wohl versuchen wollen, Zeugen meiner Flucht zu beseitigen!"
"Klingt vernünftig." sage ich.
"Es ist vernünftig."
"Nichts ist vernünftig, was Menschen einfach so umbringt. Aus purem Zufall könnte dich nämlich niemand aufhalten wollen. Vielleicht sähe dich gar niemand!"
"Kannst du dich nicht überwinden und für mich jemanden töten, wenn es sein muß?" fragt Charmion mit einer Spur von Ärger.
"Aber wenn es doch vielleicht gar nicht sein muß! Charmion! Vielleicht hast du dich unter der Zugbrücke entlanggehangelt, oder so etwas! Etwas ganz Geniales! Die Charmion wird es doch fertigbringen, ungesehen dieses Fort zu verlassen, dieses unübersichtliche Fort hier! Wollen wir uns doch nicht jetzt darum streiten. Ich komme zu dir hinauf, sobald es möglich ist, ja? Sowie jeder glaubt, daß du weg bist."
Sie besteht nicht weiter auf das Töten. Vielleicht habe ich sie überzeugt.
Nachdem ich Charmion noch mit Proviant aus der Küche versorgt habe - mit hinreichend Aggression gegen diese bornierten Meuterer im Bauch ist es viel einfacher, sich geeignete Fleischstücke aus dem Vorrat abzuschneiden und vorzubraten - verlasse ich das Fort. Nach einem Umweg durch den Wald, um mich selbst zu sättigen, komme ich um etwa 13 Uhr im Dorf an.
27.2 Die Holzfäller
Diesmal greift mich niemand an, vielleicht, weil ich nicht in Begleitung von Charmion bin, vielleicht auch, weil sich die Sache mit Ohochmoich herumgesprochen hat. Ich kann ungehindert das Dorf erforschen. Man geht mir aus dem Wege, aber mehr geschieht nicht.
Ich finde weitere Seitenwege, an denen auch Dorfhütten stehen. Irgendwo müssen die 2000 Gefangenen ja wohnen. Ich erinnere mich dunkel, auch von anderen Dörfern gehört zu haben, aber dieses ist das größte.
Die Vollstreckungskreuze in der Dorfmitte sind verwaist. Gut so. Vielleicht finden die Liegestütze genügend Anklang, um die Hinrichtung als Volksbelustigung etwas zu verdrängen.
Am Schneidgras-Ernteplatz ist der übliche Betrieb. Es liegen aber nicht mehr Ballen rum als gestern. Also müssen schon wieder welche wegtransportiert worden sein. Och ist nicht hier, aber einer der Aufseher verrät mir, in welche Richtung ich gehen muß, um ihn zu finden. Einfach weiter an den Sumpfteichen entlang und wieder in den Wald.
Es ist nicht schwer, ihn zu finden. Die Geräusche von als Äxte mißbrauchten Schwertern weisen mir den Weg durch den nebelverhangenen Wald. Ich höre auch ab und zu das Krachen umstürzender Bäume. Einige Male muß ich umkehren, weil ich in Morast und Unterholz stecken bleibe. Dabei fällt mir siedendheiß ein, daß vielleicht die Sachen in Charmions Versteck zwar nicht mehr zum Erhalt des Forts gebraucht werden, aber hier zum Beispiel schon. Äxte zum Beispiel. Jemand könnte auf die Idee kommen, diese Turmkammern zu durchsuchen. - Ich muß es drauf ankommen lassen.
Och ist mit vielleicht zwanzig Leuten bei der Arbeit. Er ist guter Laune, weil er meint, daß die Arbeit gut vorangeht. Da irrt er sich aber, denn ich sehe, daß die bisherigen Aktivitäten im wesentlichen im Bäumefällen bestanden. Entasten, entrinden, Zerlegen der Stämme in kleinere Einheiten und Abtransport sind noch gar nicht in Angriff genommen worden. Sie haben es lediglich geschafft, eine ordentliche Lichtung zu schaffen, die auch ein Windbruch erzeugt haben könnte. Das reine Chaos. Teilweise sind Stämme so übereinandergestürzt und miteinander verkeilt, daß es viel Arbeit kosten wird, sie wieder ohne Gefahr voneinander zu trennen. Ich erinnere mich an eine Faustregel aus der Forstwirtschaft, die etwa von einem tödlichen Unfall bei einer Million gefällter Bäume ausgeht. Hier ist die Unfallwahrscheinlichkeit sicher größer.
"Was hältst du davon?" begrüßt Och mich, als er mich bemerkt. Ich will versuchen, meine Kritik diplomatisch auszudrücken. Vielleicht kann ich dann verhindern, daß ganz Casabones entwaldet wird, noch bevor wir das erste Brett haben.
"Genug, Genug! Schon mehr als genug! Das ist gutes Rohmaterial für Bretter. Jetzt kann man drangehen, diese herzustellen!"
Skeptisch hört Och sich meine Erklärungen an. Sägen? Wo kriegt man Sägen her, wenn man keine hat? Man muß Schwerter umschleifen. Eine Gattersäge wäre am besten, aber womit soll man die antreiben?
"Du mußt eine Sägerei einrichten!" schlage ich ihm vor, "Weißt du niemanden, der zuverlässig genug ist?"
Dann: Steine für die Fasermühlen. Mühlsteine. Das wird ein schweres Stück Arbeit, Felsen in die richtige Form zu schlagen. Vielleicht brauchen die Mühlsteine nicht allzugroß zu sein, aber mahlen muß man damit können.
Probleme über Probleme. Rotierende Mühlsteine bräuchten zum Antrieb ein Loch für eine Achse. Wie bohrt man Steine? Och läßt nach weiteren, mir noch nicht bekannten Männern schicken, und ich habe den Eindruck, als erklärte ich alles zum zehnten Mal. Gibt es irgendwo einen Fortschritt?
Behälter zum Papierbrei mischen gibt es genug. Sonst hätten wir auch da Schwierigkeiten. Aber die flachen Wannen, in denen mal Papier um weitmaschige Netze entstehen soll, die können wir erst bauen, wenn wir Bretter haben, gute Bretter, mit einer Geometrie, die mehr als nur entfernt an Quader erinnert. Diese Wannen müssen ja auch dicht sein.
Leim. Wer weiß etwas von Leim? Ich muß Charmion fragen. Sie hat mir in jenem Wald auch Pflanzen gezeigt, die für eine Art Leimherstellung gut sind, aber ich habe mir in erster Linie die eßbaren Dinge und die Heilpflanzen gemerkt. Wahrscheinlich hält Charmion von diesen pflanzlichen Leimen auch nicht viel, sonst wäre sie drauf zurückgekommen.
Andere Ideen gehen mir jetzt durch den Kopf. Warum unbedingt Fallschirme? Man könnte aus Holz Modellflugzeuge basteln, und sowie man das vernünftig im Griff hat, die Modelle vergrößern. Käme man da rascher zum Ziel? 2000 Segelflugzeuge aus Holz? Vergiß es, Herwig. Du bildest keine 2000 Piloten aus. Und für diesen Ansatz braucht man wieder immense Mengen an Brettern, mehr, als für die Fallschirmherstellung.
******** 028. Tag: Freitag 1995-09-15 ********
28.1 Charmions Flucht
Es ist 4 Uhr morgens, als ich, restlos geschafft und trocken geredet, wieder das Fort aufsuche. Am großen Tor bringe ich Charmions Schwert wieder an mich und stelle dabei fest, daß diese Waffenschränke noch unberührt sind. Es müssen andere Waffenschränke gewesen sein, als von den Waffen aus dem Wehrgang die Rede war. Nach einem Umweg durch den Wald am See, wo ich weiter das Erkennen von eßbaren Pflanzen übe, betrete ich die Zugbrücke.
Im Fort wartet schon die nächste Überraschung auf mich.
Es hat ein fürchterliches Gemetzel gegeben. Man erzählt mir, daß Charmion getürmt ist. Sie sei plötzlich verrückt geworden. Woher sie ein Schwert hat, weiß niemand, aber plötzlich sei sie in der Halle aufgetaucht, habe fürchterliche Verwünschungen über mich und Och ausgestoßen, besonders über mich, und habe auf die sieben Männer, die dort beim Nichtstun zusammensaßen, eingeschlagen. Man habe sich kaum wehren können, und als sie endlich zur Zugbrücke raus sei, da haben von den sieben vier im eigenen Blute gelegen. Die anderen haben alle üble Verletzungen.
Auf der Zugbrücke ist Charmion fünf Meuterern begegnet, die gerade auf dem Weg ins Fort waren. Auch von diesen, die überhaupt nicht vorhatten, sie aufzuhalten, hat sie vier erschlagen, der fünfte konnte sich gerade eben in Sicherheit bringen. Danach ist Charmion in Richtung Dorf gerannt, so schnell, daß ihr niemand folgen konnte. - Wahrscheinlich hat es auch keiner versucht, vorsichtshalber.
Ich muß mir in allen Einzelheiten anhören, was passiert ist, immer wieder. Besonders muß ich mir anhören, was sie über mich gesagt hat. Da ist von 'gemeinsame Sache mit den Meuterern machen' die Rede, und auch davon, daß ich sie dauernd vergewaltigt und zum exklusiven sexuellen Gebrauch in dem Zimmer eingesperrt hätte. Das scheint die Männer schwer beeindruckt zu haben, zu gerne wüßten sie Einzelheiten. Aber ich weise diese Anschuldigungen weit von mir, so, wie ich es machen müßte, wenn sie wahr wären.
Ich stelle fest, daß, während dieser Erzählungen, einer dauernd meine zwei Schwerter mustert. Er heißt Osont. Ich muß ihn mir merken. Ich fürchte, er könnte auf die richtige Idee kommen.
Die Wortwahl ist interessant: Sie reden von der 'feigen' und 'aggressiven' Frau. Aggressiv vielleicht, aber gegen eine Handvoll Männer anzukämpfen, auch wenn sie diese Kampfhandlungen selbst sehr plötzlich eröffnet hat, kann wohl kaum als feige bezeichnet werden.
Was ist überhaupt 'feige'? Da war mal, bei einigen Terroristenüberfällen vor einigen Jahren, öffentlich die Rede von einem 'feigen Anschlag'. Wie hätte denn ein 'mutiger Anschlag' ausgesehen? Denn nur, wenn es einen solchen gibt, hat die Bezeichnung Sinn. - Der Entschluß, etwa einen Politiker umzubringen, und die ausgeführte Tat ist das, was Kritik und strafrechtliche Würdigung verdient, nicht die Methoden, die sich dann notwendig anbieten, um diese Tat auch auszuführen. Soll der Terrorist den Politiker vielleicht zum persönlichen Duell herausfordern? Ist das ein 'mutiger' Anschlag?
Jedenfalls ist mir zweifelsfrei klar, was passiert ist. Charmion hat sich wesentlich spektakulärer abgesetzt als wir es abgesprochen hatten. Ich bin mit Charmions Methode, die allgemeine Aufmerksamkeit so blutig auf sich zu lenken, nicht einverstanden. Aber Feigheit ist da das letzte, was ich ihr vorwerfen würde.
Es ist wahrscheinlich ohne Gefahr möglich, mit diesen Männern mein Zimmer aufzusuchen. Es sollen ruhig alle sehen, daß sie nicht dort ist.
Ist sie auch nicht. Aber auch hier hat sie ihren Abgang sehr schön verdeutlicht: Die Tür zu unserem Zimmer ist aus den Angeln gerissen worden, was völlig überflüssig war, da sie nur von innen verriegelt werden konnte. Hoffentlich fällt niemandem diese kleine Ungereimtheit auf. Im Zimmer selbst scheint alles unverändert, abgesehen davon, daß Charmion eben nicht da ist.
Als sich die Gruppe Männer wieder nach unten verzieht - das zu erreichen ging ganz einfach, man muß sie nur mit Arbeit versorgen, und schließlich sind die acht Unglücklichen ja sauber in der Speisekammer unterzubringen, außerdem möchte ich meine Tür repariert haben - sehe ich mir die Treppe zu den Turmkammern an.
28.2 In Charmions Turmkammer
Gründlich vollgestellt, daß muß man schon sagen. Ocronk hat ganze Arbeit geleistet. Es handelt sich besonders um behauene Steine, die auch in der Zeugkammer gelagert wurden. Jetzt liegen sie hier, stellenweise bis zur Decke des Treppenganges. Außerdem sind da noch Balken und anderer Sperrmüll aus Holz, dessen ursprünglicher Zweck nicht mehr zu erkennen ist. Ocronk muß eine ganze Menge Leute beschäftigt haben, um diese Mengen hier rauf zu transportieren. Deshalb waren wohl soviele Leute in der Halle anwesend. Ihr Pech.
Erst, als meine Tür wieder repariert worden ist - der alte Zeugmeister macht es selbst, und er entschuldigt sich bei der Gelegenheit dafür, daß soviel Krempel hier oben abgestellt worden wäre, aber Och hat es eben so bestimmt - wage ich, nachdem ich eine ganze Weile gehorcht habe, ob sich doch noch jemand zu mir nach oben verirrt, die Steine zu überklettern. Die Tür des Zimmers lasse ich geschlossen zurück. Um festzustellen, ob jemand während meiner Abwesenheit das Zimmer betritt, lege ich ein Brett aus dem Gerümpelhaufen von innen wohlpositioniert gegen die Tür, bevor ich sie ganz schließe. Charmions Schwert nehme ich mit, obwohl ich ja gehört habe, daß sie sich irgendwo ein anderes besorgt hat.
Der Holzverschlag ist jetzt von beiden Seiten zugestellt und schwer zu öffnen. Es geht, mühsam, und nichts weist darauf hin, daß hier vor kurzem jemand durchgekommen sein muß. Hinter mir bringe ich ihn in seinen ursprünglichen Zustand zurück.
Ich stehe in der unteren Turmkammer. Sie hat kein eigenes Fenster, aber sechs Meter über meinem Kopf ist der aus schweren und alten Holzbalken gezimmerte Boden der nächsten Kammer, und von dort kommt eine Spur Licht. Außerdem gibt es so manche undichte Mauerritze. Ungefähr kann ich erkennen, daß hier große Stapel Balken und Holzplatten liegen. Eine Treppe in die nächste Turmkammer gibt es aber nicht. Wie soll ich da hinaufkommen? Der höchste Balkenstapel ist dreieinhalb Meter hoch, und dann sind es noch einmal zweieinhalb Meter bis zu diesem Holzboden.
Dieser knarrt jetzt. Hoffentlich ist es wirklich Charmion. Aber wer sollte es sonst sein? Jedenfalls habe ich ja viel Vertrauen zu ihren Fähigkeiten, wenn ich so sicher annehme, daß es ihr gelungen ist, das Fort wieder ungesehen zu betreten.
Jetzt, wo sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnen, stelle ich auch noch fest, daß die einzige Luke in dem Holzboden sich gegenüber von dem größten Holzstapel befindet, nämlich über dem Verschlag, durch den ich hereingekommen bin. Und dort ist gar nichts aufgestapelt. Soll ich sechs Meter hoch springen? Oder soll ich etwas aus dem Holz bauen, um hinaufzukommen? Das könnte nach außen auffallen.
Oben schiebt sich mit leisem Schleifen die Luke zur Seite. Das gibt etwas mehr Licht. Ich sehe Charmions lockigen Kopf:
"Du mußt von der Tür aus über die Mauer klettern!" flüstert sie herunter, "Es ist gar nicht so schwer!"
Was sie für leicht hält, muß es für mich noch lange nicht sein. Aber es geht, die roh behauenen Mauersteine des Turmes lassen tatsächlich viele Ritzen offen, die geeignete Griffe und Tritte bilden. Manche sind glitschig, da sich überall wegen der immerwährenden Feuchtigkeit Moose und Flechten festgesetzt haben. In anderen Ritzen sind Reste vermutlich organischen Mörtelmaterials - oder es ist einfach nur Dreck.
Mit Charmions Anweisungen gelange ich so bis dicht unter die Decke. Aber um durch die Luke zu kommen müßte ich mich weit zurücklegen. Das geht nicht.
"Faß diese Seilschlinge!" flüstert Charmion, "Du kannst dich mit vollem Gewicht an ihr festhalten!"
Neben mir klatscht ein Seil auf die Mauer und ich greife reflexhaft danach. Dabei verliere ich den Halt. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diesem Seil mein volles Gewicht anzuvertrauen. Hoffentlich hat Charmion es wirklich gut festgelegt.
Wild schaukle ich unter der Luke hin und her. Charmion gelingt es, die Schwingung zu dämpfen. Ich kann nichts weiter tun als mich krampfhaft festzuhalten. Auch eine Fallstrecke von bloß sechs Metern kann tödlich sein. Dann zieht Charmion das Seil mit mir dran durch die Luke. Wenig später legt sie den Lukendeckel wieder auf.
"Wie soll ich denn da je wieder runter kommen?" frage ich.
"Da sind noch mehr Seile. Aber ich muß sie erst ausgraben!" deutet Charmion in eine Ecke. Gleichzeitig legt sie sich auf mich drauf und drückt mich auf den hölzernen Boden: "Darauf habe ich so gewartet!"
Sie hat irgend etwas mit ihren Haaren gemacht. Es dauert eine Sekunde, bis ich feststelle, daß sie gewaschen worden sind. Sie muß im Wasser gewesen sein. Sie ist schön, denke ich mir. Je länger ich sie kenne, desto schöner. Warum ist das so? Normalerweise gewöhnt man sich an Schönheit genauso wie an Häßlichkeit und nimmt beides mit der Zeit immer weniger wahr.
Ich bemerke auch, daß ihre Abschürfungen und blauen Flecken, die sie sich eingefangen hat, als wir das Fort ganz am Anfang betreten haben, im wesentlichen verheilt sind. Sie ist, trotz allem, was wir schon erlebt haben, voll leistungsfähig und kerngesund.
Das ist beneidenswert, aber eigentlich leicht zu erklären: GranitBeißer sind entweder gesund und fit, oder sie sind tot. Invalidität und Anfälligkeit gegenüber Krankheiten hält in dieser Welt niemanden lange am Leben. Es ist der umgekehrte Effekt, den wir bei unserer hochgezüchteten Medizintechnik bemerken: In unserer Welt da oben sorgt die Kunst der Ärzte und das soziale Netz dafür, daß auch noch sehr kranke Menschen lange leben können. Deshalb ist der Anteil der Kranken an der Gesamtbevölkerung sehr hoch. Hier sorgen die rabiaten Gepflogenheiten des miteinander Umgehens, die offenbar kaum existierenden sozialen Unterstützungsstrukturen, die hohen Anforderungen des täglichen Überlebens und die mangelhafte Hygiene dafür, daß Schwache und Kranke die Bildfläche rasch verlassen. Deshalb finde ich bei den GranitBeißern nur gesunde Menschen. Das Resultat einer intensiven Auslese.
Das heißt aber auch, daß ich Charmion - oder auch mein eigenes Leben - hier wegen einer Kleinigkeit verlieren könnte. Eine akute Appendizitis reicht aus. Keine Chance mehr. Das Leben hier ist ein permanenter Drahtseilakt ohne Sicherungsnetz.
"Kann ich vielleicht diese Schwerter beiseite legen? Kann man uns durch die Scharte da sehen?" frage ich, um rasch an die dringendsten Sachen zu erinnern.
"Ich habe doch schon an alles gedacht!" sagt sie. Eigentlich möchte ich jetzt erfahren, wie sie das Fort wieder betreten hat. Und woher sie sich das andere Schwert besorgt hat. Und woher sie die Idee für ihren spektakulären Abgang genommen hat.
Aber nichts von alledem frage ich. Charmion ist in gehobener Stimmung. Sie zieht uns geübt aus, mit leisen, präzisen Bewegungen. Der Zwang, lautlos zu bleiben, ist ständig präsent. Und der Wunsch, uns zu vereinigen, unwiderstehlich.
"Du mußt mich jetzt von außen und von innen streicheln! Gleichzeitig!" flüstert sie mir ins Ohr. Es sieht nicht so aus, als ob ich die Wahl hätte, etwas anderes zu tun - Ich bin im Augenblick in ihr drin, ob ich will oder nicht. Ich will aber. Und sie schiebt und schiebt und schiebt, als ob es noch tiefer in sie hineinginge. Wir machen es so oft, wie wir können, und dann noch einmal, um zu sehen, ob es immer noch geht.
Nachher - 5 Uhr ist schon vorbei, und es ist wirklich Zeit zum Schlafen - liegen wir noch erschöpft beieinander und ein bißchen ineinander, hören auf das Knacken im Gebälk und das sachte Rauschen des Luftzuges, der von außen durch alle Mauerritzen und die Schießscharten streift. Sie erzählt, wie sie das Fort in großem Bogen umgangen hat, links rum, hinter der Schlucht vorbei, die wir aus den Höhlen heraufgekommen sind. Dann hat sie einfach die Zugbrücke zur anderen Seite, die zufällig heruntergelassen war, benutzt, um das Fort wieder zu betreten. Niemand hat aufgepaßt, weil das die der Richtung zum Dorf entgegengesetzte Richtung ist. Sie hat sich, ohne daß sie jemand gehindert hat, im ganzen Fort umgesehen, die Beschreibungen ihres eigenen 'Ausbruches' angehört, und in einem günstigen Moment ist sie in den Turm hinaufgestiegen. So einfach war das.
Unterwegs hat sie sogar noch Zeit für ein Bad in einem Tümpel gefunden, weil sie gemerkt hat, daß ich so 'pingelig' in Sachen Körpergeruch bin. Dann muß ich daraus wohl schließen, daß ich im Moment von uns beiden der ungewaschenere bin. Aber es scheint sie nicht zu stören.
Woher sie das Schwert hatte, ganz am Anfang, vor ihrem Ausbruch? Sie hatte gar kein Schwert, sagte sie. Als sie sich informiert hatte, wer sich wo im Fort aufhält, hat sie einfach die Halle gestürmt und dem einzigen, der zufällig ein Schwert bei sich hatte, dieses weggenommen, bevor der kapiert hatte, was vor sich ging.
"Das habe ich vom Herwig gelernt!" sagt sie, auf das Ereignis auf dem Saurierfänger anspielend. Jetzt sind wir wieder quitt, weil sie jetzt auch sowas zustande gebracht hat.
"Aber acht Menschen ..." sage ich.
"Wenn du's nicht für deine Charmion tust" sagt sie, an der Grenze zur schlechten Laune. Aber das gibt sich schnell wieder, und bevor wir einschlafen, bumsen wir nocheinmal, weil es sich halt so ergibt. Ich glaube, die schmutzigen Bodenbalken dieser Turmkammer werde ich nie vergessen.
28.3 Die Steinbrecher
Charmion weckt mich rechtzeitig auf, damit es mir gelingt, vor dem üblichen Aufstehen in mein Zimmer zurückzukommen. Inzwischen hat sie ein längeres Seil gefunden, das ich hinfort verwenden kann, um zu ihr zu gelangen. Sie wird es einfach herunterlassen, wenn ich komme. Genauso verlasse ich die Turmkammer wieder. Ihr Schwert lasse ich ihr da. Jetzt hat sie zwei davon zur Hand.
Es ist 13:40 Uhr. In wenigen Minuten sollte der normale Tagesrhythmus beginnen, wie mein Zeitgefühl mir ungefähr und Charmions Zeitgefühl ihr genauer sagt. Das Brett, das von innen gegen meine Tür lehnt, ist unverändert, und ich kann mich auf das Lager legen, so, als ob ich die ganze Nacht da verbracht hätte.
Aber immer, wenn man sich auf etwas vorbereitet, passiert es nicht. Och trommelt nicht an die Tür, und auch sonst niemand. Ich nicke noch ein wenig ein. Um 15 Uhr mache ich mich, nach dem üblichen, kurzen Umweg durch den Wald, um etwas zu essen, wieder auf den Weg ins Dorf. Auf dem Weg dorthin begegnet mir niemand.
Es ist eine gewisse Unruhe im Dorf, obwohl weniger Leute sich dort aufhalten als sonst. An zwei verschiedenen Stellen finde ich eine Gruppe um ein Feuer, das fast mitten auf dem Dorfweg brennt. Sie sind meistens mit Essen beschäftigt und werfen mir mißmutige Blicke zu. Die wenigen Blicke, die ich dann und wann in die miefigen Hütten werfen kann, zeigen mir, wenn überhaupt jemanden, meistens Dorfbewohner beim Schlafen. Und am anderen Dorfausgang kommt mir eine Gruppe Männer entgegen, die deutlich erschöpft aussehen. Auch sie sprechen mich nicht an, sondern gucken nur böse.
Ich begreife, daß Och es geschafft haben muß, mehr Männer als noch am Tage zuvor in die Arbeiten zu integrieren. Das gibt zu Hoffnungen Anlaß. Hoffentlich sind es halbwegs sinnvolle Tätigkeiten.
Als ich am Rande des Weges zwischen Dorf und Sumpfteich an drei Männern vorbeikomme, die am Wegesrand schlafen, überlege ich eine ganze Weile, ob das nun ein positives oder negatives Zeichen ist. Ich lasse sie ruhen - sie könnten ja wegen wohlverdienter Erschöpfung schlafen. Wenn sie sich vor Arbeit gedrückt haben sollten, dann haben sie sich einen sehr unklugen Platz dafür ausgesucht.
Die Erntetätigkeit am Sumpfsee hat abgenommen. Da sind vielleicht noch 25 Männer beschäftigt. Aber von weitem höre ich neue Geräusche: Das Poltern von schweren Steinen, die auf andere Steine geworfen werden. Es kommt aus der Richtung der neuen Waldlichtung oder von noch etwas weiter dahinter, wo wieder ein Berghang ansteigt. Also gehe ich da mal hin.
Die Waldlichtung ist nicht viel größer geworden - mein Ratschlag wurde also befolgt. Teilweise wenigstens, denn die durcheinandergestürzten Bäume sind noch nicht sichtbar aufgeräumt, geschweige denn bearbeitet worden. Zu sehen ist niemand, aber der Ort der neuen Steinbearbeitung scheint nur einige hundert Meter weiter zu sein.
Ich folge einem frisch ausgetretenem Pfad, der in Richtung der Geräuschquelle geht. Bald steigt der Boden an und ich komme an einen Waldrand. Der plötzlich in steile, steinige Hänge übergehende Boden hat keinem Wald und kaum anderer Vegetation mehr Wurzeln geboten.
Um Steine verschiedener Größe zu beschaffen ist der Platz gut gewählt. Es handelt sich nicht gerade um gewachsenen Fels, so daß sich Steine finden lassen, die nicht mit dem Untergrund fest verbunden sind. Andererseits ist der Hang steil genug, um durch Herabrollenlassen der Steine die Schwerkraft zur Steinbearbeitung zu nutzen.
Und genau das ist es, was geschieht. Überall, soweit ich sehen kann, bis vielleicht dreißig Meter über meinem Standpunkt, also soweit der Nebel mich blicken läßt, stehen Männer im Hang und suchen Steine, die man loslösen kann. Wenn das gelungen ist, werfen sie diese hinunter oder lassen sie einfach rollen. Besonders das Rollen von schweren Brocken wird von der Aufmerksamkeit aller verfolgt. Der Spaß an dem Gepolter ist kindisch, und am Fuße des Hanges, wenige Dutzend Meter von mir entfernt, liegen viele Steine verschiedenster Größe, fast alle mit frischen Bruchkanten, aber kaum einer in einer Form, die nicht noch weitere Verarbeitung nötig machen würde, egal, ob man nun Mühlsteine oder Quader zum Bauen haben möchte.
Ich bin an meinem Standort nicht sicher, plötzlich von einem rollenden Stein getroffen zu werden. Genau über mir scheint zwar gerade niemand tätig zu sein, aber noch weiter höher am Hang, durch den Nebel verborgen, könnte ja jemand gerade einen neuen, spektakulären Steinschlag vorbereiten.
Daß es bei diesem Vorgehen noch nicht zu Unfällen gekommen ist grenzt an ein reines Wunder. Ich sehe nicht, wer die Aufsicht hat, und Och ist auch nicht zu sehen. Jeder läßt Steine poltern wie es ihm gefällt, in der Annahme, etwas grenzenlos Nützliches zu tun. Es macht wohl deutlich mehr Spaß als Bäume umkrachen zu lassen.
Ich steige den steilen Hang hinauf. Den ersten, den ich treffe, frage ich nach Och. Er weiß nicht, ob Och hier ist, aber ich erfahre wenigstens, wer hier die 'Aufsicht' führt.
Es ist Osont. Ich erinnere mich. Der hat sich möglicherweise gewundert, daß ich gelegentlich mit zwei Schwertern herumgelaufen bin. Ob er nun wirklich einen Verdacht in Richtung Charmion gehabt hat weiß ich nicht. Vielleicht kriege ich es jetzt heraus.
Osont müßte knapp über dreißig sein. Seine Haut ist narbig, aber das sind nicht die Narben von Kampfverletzungen, sondern es könnten eher die Narben von Krankheiten wie Pocken sein, oder was immer in der Welt der GranitBeißer überhaupt an ähnlichen Krankheiten vorkommt. Es ist gut vorstellbar, daß er irgendwann einmal wegen dieser Krankheit auf Casabones gelandet ist. Wenn es doch ansteckende Krankheiten in der Welt der GranitBeißer geben sollte, dann ist wahrscheinlich das Einsperren und Quarantänisieren die einzige verfügbare Therapie, sofern überhaupt ungefähr verstanden wurde, was ein Ansteckungsmechanismus ist. Selbstverständlich ist es nicht, daß man das weiß, wie aus Berichten aus den Zeiten der mitteleuropäischen Pestepidemien überliefert ist.
Osont freut sich über das Steinerollen wie alle anderen auch. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß er bei diesem Spiel eine Vorreiterrolle übernommen hat. Als er mich zu ihm hinaufsteigen sieht, wird er sofort mißtrauisch.
"Schön viel Steine. Sind schon ein paar geeignete drunter?" frage ich, auf den Haufen am Fuße des Hanges deutend, den man von hier durch den Nebel kaum sehen kann, auf dem aber häufiger krachend eine kleine Steinlawine endet.
"Geeignet wofür?" fragt Osont.
"Dafür wofür wir überhaupt Steine brauchen. Es ..."
"Wir brechen Steine, weil Och es gesagt hat." stellt Osont fest.
"Und ich habe es Och vorgeschlagen."
"Ach? Vielleicht. Aber wir tun das, was Och gesagt hat."
Sieht nicht so aus, als wäre mit Osont eine Diskussion über Sinn und Zweck der Arbeiten möglich. Meine Autorität scheint ihm auch nicht so deutlich wie ich das gerne hätte. Und ich hätte es sehr gerne, denn ohne Autorität kann ich diesen Unfug nicht unterbinden.
"Wo ist Och jetzt?" frage ich.
"Wo er es für richtig hält, zu sein." Osont hat seine Hand am Griff seines Schwertes. Ich sehe erst jetzt, daß er eines trägt.
"Zweifellos. Und wo ist das, bitte?"
Osont antwortet nicht, sondern sieht mich nur reglos an.
"Er wird sehr unzufrieden sein, wenn ich ihm berichte, daß noch nicht ein einziger Mühlstein fertig ist. Wenn ich ihm erzähle, daß ich erwachsene Männer dabei beobachtet habe, ohne Sinn und Verstand Steine einen Berg hinunterzurollen!"
Ich bemerke, daß nicht weit hinter mir ein anderer Mann sich uns genähert hat und uns zuhört. Ich fürchte, ich kann hier nichts mehr ausrichten. Deshalb beginne ich den Abstieg.
Als ich die Hälfe des Steinhanges geschafft habe, sehe ich bei einem kurzen Blick nach hinten, daß Osont mit dem anderen Manne spricht. Sie werfen Blicke in meine Richtung.
Dieser Osont ist mir unsympathisch.
Mir ist erst wohl, als ich den Steinbruch wieder verlassen habe und im schützenden Wald feststelle, daß mich offenbar niemand verfolgt. Aber wer sollte mich auch und warum verfolgen?
28.4 Ooms Rat
Ich frage noch einmal im Dorfe nach Och, aber dort bekomme ich auch nur abweisende Antworten. Dann beschließe ich, wieder das Fort aufzusuchen. Ich habe die Schnauze voll.
Als ich an dem Mauerdurchbruch vorbei bin, kommt mir die Idee, noch einmal Oom aufzusuchen. Mal sehen, was der alte Mann noch an interessanten Informationen bereithält. Es ist bald 19 Uhr, als ich den schmalen Weg zu dem entlegenen Schilfufer hinabsteige.
Oom ist da. Obwohl ich bemüht leise absteige, stolpert er um die Felskante und sieht mir die letzten Meter beim Hinunterklettern zu. Als ich unten bin, drehe ich mich um und stehe direkt vor ihm.
"Der Friede des Herrn und der Friede des Windes sei mit dir!" sage ich. Ich fürchte, daß ich die Begrüßungsfloskel, die er vor drei Tagen angewendet hat, nicht ganz korrekt reproduziert habe. Aber wenn er beleidigt sein sollte, dann läßt er es wenigstens nicht erkennen. Er wiederholt meine Worte fast wörtlich.
Wie soll ich anfangen? "Ich bin gekommen, um einen Rat zu erfragen!" sage ich. Oom steht nur da und sieht mich an. Vielleicht eine implizite Aufforderung, weiterzusprechen.
"Einen Rat. Vielleicht kannst du mir helfen, Oom!"
Ich setze mich auf das Ufergeröll, so daß Oom, der stehen bleibt, mich überragt. Vielleicht ist das ein Akt der Unhöflichkeit, vielleicht auch nicht. Was ich vorhabe ist, damit klarzumachen, daß ich nicht nur eine kurze Auskunft möchte.
"Ich komme von sehr weit her, aus einem Gebiet, das nicht mehr zu eurer Welt gehört. Ich weiß, daß das sehr schwer vorzustellen ist, Oom. Aber es gibt eine Welt, weit außerhalb dieser WeltHöhle, weit darüber, sehr hochgelegen. Die Anderen können sich das überhaupt nicht vorstellen und glauben es auch nicht. Aber von dort komme ich. Und ich möchte dorthin zurück."
Vielleicht irre ich mich, aber ich habe den Eindruck, daß Ooms Augen irgendwie aufgeblitzt haben, als ich eine Welt über der WeltHöhle erwähnte. Er sagt aber nichts. Also muß ich das Gespräch am Laufen halten.
"Wir sind versehentlich in diese Welt gekommen. Wir folgten einem Weg - einem sehr schwierigen Weg - und plötzlich ging es nicht mehr zurück. Wir mußten ihm immer weiter folgen. Und so betraten wir die WeltHöhle, an einem Orte sehr weit entfernt von hier."
Oom fährt fort, mich starr anzusehen.
"Wir können hier nicht leben. Hier ist alles anders. Es ist einfach nicht unsere Welt. Wir müssen zurück!"
Vielleicht nicht ganz logisch, aber er soll ja nur begreifen, was ich will.
Endlich sagt er etwas:
"Das Mädchen bei dir ist aber von dieser Welt!"
Gut beobachtet. Senil ist er also nicht. Er kann sich über drei Tage erinnern und Charmion als Bewohner dieser Welt einklassifizieren. Er hat eine gute Beobachtungsgabe. Und er hat keine Angst, seinen Widerspruch zu artikulieren. Das gibt Anlaß, auf eine ergiebige Unterhaltung zu hoffen.
"Du hast recht, Oom. Das Mädchen bei mir ist nicht dieselbe Frau, mit der ich diese Welt betreten habe. Meine Frau ist nicht weit von hier auf einem Schiff. Sie wird dort gefangengehalten. Ich bin mit diesem Mädchen auf diesen Berg geschickt worden. In Wirklichkeit bin ich aber auch ein Gefangener."
Wieder überlegt Oom so lange. Dann stellt er endlich mal eine Gegenfrage:
"Das Mädchen bei dir soll nicht mit in deine Welt zurück?"
"Ich glaube nicht, daß sie das will. Wie du ganz richtig bemerkt hast, Oom, ist sie von dieser Welt."
"Aber ihr liebt euch."
Donnerwetter. Perfekte Diagnose. Und das von einem Einsiedel, der praktisch keinen Umgang mit anderen Menschen hat, jedenfalls nach eigenen Aussagen, und schon gleich gar nicht Umgang mit dem anderen Geschlecht. Hat er uns das neulich so deutlich angesehen? Er formuliert es schärfer als ich es mir meistens selbst zugestehe.
"Ja. Vielleicht hast du recht. Das tun wir. - Ja, das tun wir. Es war nicht unser freier Entschluß, das zu tun. Es ergab sich so. Sie ist nicht meine Frau. Aber ich liebe sie. Und sie mich wahrscheinlich auch. Wir können nichts dafür. Es ist eben so. - Ja, du hast recht, Oom."
"Und dann willst du sie hierlassen?"
"Sie wird nicht mitgehen wollen! Und außerdem - da ist ja noch meine Frau."
"Sie wird mitgehen wollen. Wenn du gehst, dann geht sie mit. - Aber sie wird dennoch nicht mitgehen."
"Wieso nicht?"
Oom schließt die Augen, und ich habe den albernen Eindruck, daß er so besser sieht als vorher.
"Sie ist am Ende ihres Weges angekommen. Sie wird nie wieder weggehen. Nirgendwohin."
"Wieso denn nicht? Sie ist jung, stark, ..."
"Nein," sagt Oom, "der Herr sagt, ihre Zeit ist gekommen. Und es ist gut so. Denn sie würde in deiner Welt nicht leben können. Du wirst mit deiner Frau gehen."
"Das ist meine eigentliche Frage," unterbreche ich, "denn wenn ich - oder wir - diese Welt verlassen, dann wüßte ich ganz gerne, wie. Der Weg, den wir gekommen sind, ist zu schwer. Für meine Frau, meine ich. Charmion würde ihn schaffen. Das ist das Mädchen, das bei mir ist."
"Sie wird bleiben," insistiert Oom, "denn ihre Zeit ist gekommen. Und du bist schuld."
"Was bin ich?"
"Warum nimmst du dir eine Frau von hier, wenn du doch schon eine andere hast?"
"Was heißt 'nehmen'? Ich bin gar nicht lange gefragt worden. Sie hat mich genommen. Am Anfang. Naja, und dann ..."
Oom schweigt und gibt mir Gelegenheit, meine Aussage zu überdenken. Natürlich hat er recht. Wenn ich Charmion gegenüber immer den Spröden gespielt hätte, dann hätte sie mich zwar häufigst zwangsverführt, ohne mich groß zu fragen. Aber es wäre etwas anderes gewesen. Oder wäre es das? Wieviel Freiheit lassen einem denn die eigenen Instinkte, wenn sie so drastisch zur Tat gefordert werden, wie Charmion das getan hat?
"Vielleicht hast du recht. Aber wieso soll ich daran schuld sein, daß sie nicht mehr von hier wegkommt? Das ist doch absurd! Sie ist die Kämpfernatur, nicht ich. Wenn jemand in Gefahr ist, für immer hierzubleiben, dann bin ich es. Wenn jemand in Gefahr ist, umzukommen, dann bin ich das. Und auch meine Frau."
Oom geht darauf nicht ein, und deshalb spreche ich nach einer Pause auch weiter:
"Wie dem auch sei, was ich eigentlich wissen möchte ist, ob du eine Idee hast, wie ich diese Welt wieder verlassen kann. Mit meiner Frau. Ja, und wenn Charmion mitkommen wollte, dann auch mit ihr. Zu dritt. - Zu zweit. Zu dritt. Was weiß ich."
Oom geht nicht mehr auf Charmion ein. Er geht überhaupt nicht mehr auf das Thema ein, und so komme ich auch nicht mehr dazu, zu fragen, wie er damals seine Bemerkung über uns gemeint hat.
"Da gibt es," sagt Oom nach langem Überlegen bedächtig, "die braunen Quellen und die salzigen Quellen. Beide sind weit von hier entfernt und sie sind auch weit voneinander entfernt. Beide kommen aus hochgelegenen Bereichen der WeltHöhle, und über beide gibt es Geschichten. Alte Geschichten. Ich kann mich an diese Geschichten aber nicht mehr erinnern. Sie sind aus sehr alter Zeit ..."
"Diese Quellen entspringen da oben?"
"Es ist Wasser aus eurer Welt. Vielleicht. Und vielleicht ist da ein Weg nach oben. Es heißt, vor langer Zeit sind Menschen dort gewesen, sind immer höher gestiegen, auf der Suche nach den Quellen. Viele kehrten um. Mußten umkehren. Und einige wurden nie wieder gesehen. Sie müssen irgendwohin gelangt sein."
"Das ist ja großartig!" sage ich, "Wenn das ein Weg ist ..."
"Es ist gefährlich," fährt Oom fort, "denn eine dieser Quellen, so heißt es, führte plötzlich viel Wasser, und in diesem Wasser waren die Leichen von ertrunkenen Menschen. Von den Menschen, die versucht haben, die Quellen dieser Wasser zu ergründen."
"Welche dieser Quellen war das denn, die mit dem braunen Wasser oder die mit dem salzigen Wasser?" frage ich nach.
"Ich weiß es nicht mehr. Es ist solange her, daß ich davon erfahren habe." Oom schweigt. Er hat nicht mehr zu sagen.
Auch auf meine weiteren Fragen schweigt er. Wohin muß man gehen, in welche Richtung? Wie weit ist es noch? Und kennt er den Weg, den wir selbst heruntergekommen sind? Vielleicht gibt es da ja auch noch eine Variation, um wieder nach oben zu kommen?
Oom schweigt. Ich könnte ihn jetzt wieder über Irene und Charmion und mich befragen, aber ich habe Angst, daß ich ihm irgendwann etwas von dem glaube, was er sagt.
"Willst du nicht wieder diesen Berg verlassen? Dieses ist doch ein Gefängnis!" frage ich, um das Thema wieder zu wechseln.
"Oh nein. Es ist kein Gefängnis. Ich bin frei."
"Aber du bist doch nicht immer hier gewesen! Du bist doch irgendwo aufgewachsen! Du hast doch einen Vater und eine Mutter gehabt! Das ist doch nicht hier gewesen. Vielleicht hast du noch Verwandte. Willst du nicht zu ihnen?"
"Nein."
"Wir werden diesen Berg verlassen, weißt du. Wir werden es jedenfalls versuchen, und ich bin zuversichtlich, daß es uns gelingen wird. Und wenn wir das getan haben, dann gibt es keinen Weg mehr auf diesen Berg und von ihm herunter. Du wirst allein sein. Ganz allein. Für immer."
"Der Herr ist mit mir."
"Und wenn da draußen, in der Welt, jemand ist, der dich braucht?"
Gemeiner Trick, diese Argumentation, gebe ich zu. Auf dieser Linie habe ich schon mal argumentativ einen Priesterstudenten in die Enge getrieben, der dem 'weltabgeschiedenen' Leben einen größeren Wert zusprach als anderen Formen der Lebensführung. Ich versuchte, ihm damals zu erklären, daß Christus selbst durchaus kein weltabgeschiedenens Leben geführt hatte. Hätte er es getan, dann wüßte man nichts von ihm und er hätte auch nichts bewirkt. Schließlich muß man in die Welt gehen, um dort eine Botschaft loszuwerden oder dort tätig zu sein.
Oom antwortet auch nicht. Das heißt aber auch, daß er bei seiner Entscheidung bleibt, hierzubleiben.
"Willst du denn den Menschen da draußen gar nichts sagen?" forsche ich nach.
Oom schüttelt den Kopf.
"Die Menschen sind immer gleich. Wenn man ihnen etwas Gutes tut, dann verläuft sich das Gute in der Zeit wie Tränen im Regen. Und ebenso, wenn man ihnen etwas Schlechtes tut. Meine Gegenwart ist dort nicht erforderlich. Dort sowenig wie hier. Ich bin unwichtig."
"Aber ist die Welt nicht wichtig?" frage ich, "Und so das, was man in der Welt tut?"
"Die Welt kann auf sich selbst aufpassen. Sie hat ihre Gesetze, seit Anbeginn der Zeit schon. Und diese Gesetze sagen, daß alles, was Menschen tun können, sich in der Zeit verliert, bis nur noch Spuren dort sind, und dann verlieren sich die Spuren, wenn der Wind über sie geht. - Bald wird der Wind auch über mich gehen."
"Mit der Einstellung kann man ja gleich aufhören, sich um irgend etwas zu kümmern!" versuche ich es nochmal, "wenn sowieso alles vergeht."
"Für dich ist es anders," sagt Oom, "du hast Charmion und Irene. Sie sind ein großer Teil deiner Welt. Du mußt für sie da sein. Denn weil ihr seid und weil ihr füreinander da seid, seid ihr eine Welt in der Welt. Deshalb ist es wichtig, daß du gehst. Ich bin allein, und der Herr ist überall und zu allen Zeiten."
Nach einer langen Pause, sage ich: "Du bist sehr allein, Oom." Er antwortet nicht, und ich stehe auf.
"Soll ich irgendjemandem da draußen etwas von dir ausrichten?"
Oom schüttelt den Kopf.
"Dann lebe wohl." Ich wende mich zum Gehen. "Lebe wohl, Oom. Vielleicht komme ich noch einmal hierher."
Er schüttelt wieder den Kopf. Soll das heißen, daß er meint, daß ich nicht wieder hier her kommen werde? Nun wendet er sich zum Gehen und verschwindet mit wackelnden Schritten hinter der Felskante, hinter der sich seine Hütte befindet. Ich gehe ihm nicht einmal soweit nach, um um die Felskante herum die Mauer und den dunklen Eingang seiner Hütte zu sehen. Dann ich steige wieder den schmalen Pfad zur oberen Kante des Seeufers hinauf. Ich habe das dumpfe Gefühl, daß ich nicht alles gefragt habe, was ich sinnvollerweise hätte fragen sollen, und daß ich nie wieder hierherkommen werde.
Während ich langsam und mit unstetem Gang am Seeufer entlang auf das Fort zugehe, überlege ich mir, was ich von Ooms Aussagen halten soll. Ob die Informationen über die braunen und die salzigen Quellen irgendwo in der Hochhöhle stichhaltig sind ist immerhin möglich. Daß er praktisch Charmions Tod vorausgesagt hat halte ich hingegen für etwas weit hergeholt. Ich hatte schon Tagträume - oder sagen wir mal, Überlegungen über mögliche Ereignisketten - in denen Charmion der einzig lebende Mensch ist, der Casabones je wieder verläßt. Wenn ich jemandem so etwas zutraue, dann ihr. Diesen Unsinn, den ich eben gehört habe, werde ich ihr besser nicht erzählen.
Und plötzlich erinnere ich mich noch an einen anderen Punkt aus dem Gespräch eben: '... du hast Charmion und Irene.' Charmions Namen habe ich erwähnt. Irenes Namen nicht. Und doch hat er ihn gewußt. Ganz genau wie er meinen eigenen Namen gewußt hat, als wir uns das erste Mal begegneten.
Was weiß der Alte? Wer ist er wirklich?
28.5 Ochs Sorgen
Es ist 21 Uhr, als ich in der Halle des Forts Och treffe. Allein und schlecht gelaunt sitzt er auf einem der grob gezimmerten Stühle und brütet vor sich hin. Wenn es unter den GranitBeißern üblich wäre, Alkohol zu trinken, dann würde er das jetzt wahrscheinlich tun. Als er mich kommen sieht, bessert sich seine Laune durchaus nicht.
"Wieso hast du die Arbeiten am Steinbruch gestoppt?"
"Ich soll bitte was getan haben?"
"Osont hat mir erzählt, daß du ihm gesagt hast, daß sie alles, was sie da machen, falsch machen. Dann haben sie eben aufgehört, überhaupt etwas zu machen. Dann machen sie nämlich auch nichts falsch. Ist doch logisch, oder?"
"Also das ist etwas übertrieben. Ich habe sie nicht von der Arbeit abgehalten. Ich habe lediglich darauf hingewiesen, daß sich mal jemand darum kümmern sollte, wie man diese Steine weiterverarbeitet. Was sie getan haben ist nichts weiter als Steine den Berg hinunterrollen zu lassen. Wie kleine Kinder!"
"Ich hätte das über kurz oder lang in die Wege geleitet. Sie hören nicht auf dich."
"Wie soll ich wissen, wer hier auf mich hört und wer nicht?"
Och steht auf, immer noch ärgerlich, wenn auch nicht ausschließlich wegen mir. "Osont jedenfalls hört nicht auf dich. Da sind schon wieder Ausdrücke gefallen, wegen Charmion. Die will ich lieber nicht wiederholen!"
"Ich möchte sie aber hören!" sage ich, "Volkes Stimme interessiert mich!"
Och weicht aus. "Im wesentlichen ist da vielleicht auch eine Art Neid. Seit bekannt ist, daß sie sich in den Wäldern aufhalten soll, möchten die meisten lieber Charmion jagen als irgend etwas arbeiten. Eigentlich möchten das alle."
"Sexualneid?"
"Was für'n Ding?"
Schon wieder ein Versuch gescheitert, bestimmte Begriffe in die Xonchen-Sprache zu übertragen.
"Ich meine, viele möchten Charmion haben, auch wenn sie das sich selbst und anderen gegenüber nicht eingestehen."
"Schon möglich." sagt Och ausweichend. Er möchte das Thema lieber wechseln. Ich weiß auch, warum: Er gehört auch zu denen, die Charmion haben möchten. Hoffentlich meint er nicht eines Tages, daß sein Wohlverhalten und seine Kooperation beim Verstecken von Charmion mit Gunstbeweisen ihrerseits belohnt werden sollten.
"Problem ist doch," sage ich, "daß die Arbeit wenig Fortschritte macht. Zuviel, was getan wird, bringt uns nicht weiter. Wir haben schon einen riesigen Windbruch mit jeder Menge Holz und Kleinholz, und wir haben einen Steinbruch mit einem ordentlichen Steinhaufen. Was wir noch nicht haben ist einen einzigen brauchbaren Mühlstein oder ein einziges Brett. Nicht ein einziger neuer Faden ist bis jetzt hergestellt worden. So ist das doch. Wenn das so weiter geht, dann werden wir nie von hier wegkommen!"
"Was soll ich denn machen?" schreit Och, "Keiner von denen kann selbsttätig arbeiten! Wenn ich ihnen den Rücken zudrehe, dann tun sie genau das, was ihnen Spaß macht, oder überhaupt nichts mehr! Und wenn du dich mit Vorschlägen einmischst, dann gibt es auch Ärger. Neulich, zum Beispiel: warum mußtest du unbedingt die gekreuzigten Männer töten lassen? Die hätten doch noch tagelang gezappelt!"
Manchmal bleibt einem wirklich die Luft weg. Er meint es völlig ernst.
"Solange wir daran arbeiten, von hier wegzukommen, und solange du meine Kooperation dazu brauchst, werden keine Kreuzigungen mehr durchgeführt! Liegestütze, Dauerläufe, Zwangswaschungen in den Teichen oder hier im See. Das muß als Disziplinierungsmaßnahme genügen. Aber keine Kreuzigungen mehr! Verstanden?"
Och sieht mich starr an. Wir leben in verschiedenen Welten. Die Art, wie bei uns Menschen zum Arbeiten motiviert werden, ist ihm fremd und wird ihm fremd bleiben. Die Vorstellung, daß jemand ohne eine Strafandrohung eine Hand rühren könnte, ist ihm vielleicht sogar lächerlich. Und wie ist es hier überhaupt, mit der Möglichkeit einer positiven Motivation? Was erwartet diese Leute denn, wenn die Flucht von Casabones gelingt, in einer Welt, die nicht für den Mann gemacht ist? Und wie ist es wohl mit der Motivation von Och selbst bestellt? Hat er am Ende auch keinen positiven Motivationsanreiz, den ich ihm automatisch unterstelle, bloß weil ich ihn selbst habe und weil ich ihn allen unterstellen würde, die etwas intelligenter als der Durchschnitt sind?
"Was glaubst du, was passiert, wenn bekannt wird, daß du nichts unternommen hast, als Ougom erschlagen wurde, und daß du mitgearbeitet hast, Charmion zu verstecken?" sage ich in einem plötzlichen Impuls.
Oh weh, das war wohl zuviel. Och ist sich über diese Dinge schon im klaren. Aber ich hätte sie nicht so deutlich aussprechen dürfen. Er rennt beleidigt und zornig hinaus. Ich gehe nach oben, in mein Zimmer, nachdem ich in der Küche Fleisch besorgt und rasch leicht angebraten habe, weil das Feuer im Kamin gerade brennt. Wenn ich sauer bin, dann bringe ich das tatsächlich fertig. Ich erwische mich sogar bei dem Gedanken, daß ich in gewisser Weise auch darauf stolz sein könnte. Herwig bei den Menschenfressern - und er geht mit der landesüblichen Diät schon so um, als ob er dazu gehört. Eine ungewöhnliche Karriere - hätte man mich in meinem früheren Leben gefragt, dann hätte ich einen Nobelpreis für mich oder die Wahl zum Papst für wahrscheinlicher gehalten.
Wie ein bißchen Aggression und Frustriertheit plus die Gewöhnung die moralische Grundlage des eigenen Bewußtseins schon manipuliert hat! - Aber wahrscheinlich liegt es mehr daran, daß in der Speisekammer genügend zerteiltes Fleisch herumliegt, dem man nicht mehr auf dem ersten Blick ansieht, daß es vom Menschen stammt.
Dann schleiche ich mich in den Turm, zu Charmion, die mich zu dieser Zeit überhaupt nicht erwartet hat.
28.6 Phantasien
"Er ist scharf auf dich!" beende ich meine Erzählung über das Gespräch mit Och, das eben in der Halle stattgefunden hat.
"Es spielt keine Rolle, worauf ein Mann scharf ist und worauf nicht!" stellt Charmion fest. Ich entschließe mich, die Bemerkung nicht auf meine Person zu beziehen und auch nicht kollektiv beleidigt zu sein.
"Jedenfalls müssen wir vorsichtig sein. Och ist frustriert, weil die Arbeit schlecht voran geht. Osont ist direkt gefährlich, besonders, wenn er je etwas ahnen sollte. Ich bin immer noch nicht sicher, ob er es tut. Und da ist noch Oom."
"Ist der auch gefährlich?" fragt Charmion verwundert.
"Nein. Aber ich war heute noch einmal bei ihm und habe ihn noch etwas befragt."
In wenigen Worten erzähle ich Charmion, was ich erfahren habe. Ooms düstere Prophezeiungen lasse ich weg, ebenso, daß er schon wieder einen Namen gewußt hat, den er eigentlich nicht wissen kann. Ich bin allerdings geneigt, letzteres mehr auf mein mangelhaftes Gedächtnis zu schieben. Ich weiß nach einer gewissen Zeit wirklich nicht mehr, was ich früher in Einzelheiten gesagt habe.
"Eine braune und eine salzige Quelle? In Hochlagen der WeltHöhle? Nein, davon habe ich noch nie gehört."
"Es soll sehr, sehr, sehr weit weg sein!" gebe ich zu bedenken. Charmion sieht mich lange und stumm an.
"Du willst heim!" sagt sie. Kein Vorwurf. Eine Feststellung.
"Komm doch mit!" schlage ich vor. Und: "Würdest du denn mitkommen?"
Sie sagt lange nichts. Wägt sie in diesen Sekunden das Leben, das sie kennt, gegen meine Gegenwart, gegen mich ab? Ein klassischer Interessenkonflikt. Sollte ich sie nicht warnen? Sie kennt mich nicht, sie kennt unsere Welt nicht. Sie wird dort nie leben können. Und da ist auch noch Irene.
Dann sagt sie aus tiefster Überzeugung: "Wo du hingehst, da will auch ich hingehen."
Das hat sie so noch nie gesagt. Aber Oom hat es gesagt, daß sie es sagen würde. Vor wenigen Stunden erst. Seine erste Prophezeiung ist schon eingetroffen. Irene, was soll ich machen?
"Und wo du bleibst, da will auch ich sein."
Ich sage das so, weil es wie ein Reflex ist. Ob ich es so meine oder nicht - vielleicht meine ich es so, vielleicht würde ich es bei genauerer Überlegung nicht mehr so meinen. Was weiß ich. Die genaue Wortstellung - ist es Zufall? Ich kenne sie. Leise singe ich die Strophen, die mir in den Sinn gekommen sind, in deutscher Sprache:
"Und gibt's auch kein Schriftstück vom Standesamt
Und keine Blumen auf dem Altar
Und weißt du auch nicht, woher dein Brautkleid stammt
Und gibt's keine Myrten im Haar
Die Liebe dauert - oder dauert nicht
An diesem oder jenem Ort."
"Was bedeutet das?" fragt Charmion. Ich übersetze, so gut sich diese Zeilen in die Xonchen-Sprache übertragen lassen. Dabei fällt mir auf, daß sie eigentlich gar nicht passen. Nichts liegt mir ferner, als Charmion zu ehelichen.
"Was ist," fragt sie "ein 'Standesamt'? Und 'Altar'? Und ein 'Brautkleid'? Und 'Myrten'?"
Ich erkläre, so gut es geht. Damit sind wir wieder beim Thema 'Ehe'. Dieses Konzept ist den GranitBeißern fremd und unverständlich. Außerdem sind wir ganz zwanglos dabei auch wieder beim Thema 'Irene' angekommen. Ich versuche, das Gespräch auf etwas anderes zu bringen, aber Charmion läßt nicht locker:
"Wieso reicht es bei euch nicht aus, wenn zwei wissen, daß sie zusammengehören? Wen geht das denn sonst noch etwas an?"
Und schon bin ich wieder im Erklärungsnotstand. Da kann man viel um die Sache herumreden. Ich versuche, es mit den Begriffen 'Familie' und 'Kinder aufziehen' zu beschreiben - schließlich gibt es viele Ehen, deren hauptsächlicher Zweck es ist, Kinder großzuziehen. Aber es erscheint für Charmion unplausibel, wieso Kinder immer denselben Erwachsenen zugeordnet sein sollten. Bei den GranitBeißern ist es anders.
Die wirtschaftliche Einheit, die eine Ehe nach außen und nach innen bildet, ist ihr ohne weitschweifige Erklärungen unseres Wirtschaftssystems auch nicht klarzumachen. Ich versuche es gar nicht erst.
Über kurz oder lang sind wir wieder bei dem Problem, wie Charmion in unsere Welt mitkommen könnte. Daß wir viel näherliegende Sorgen haben stört nicht, und ein paarmal werden wir so laut, daß ich Sorge habe, jemand außerhalb des Forts könnte auf den Turm aufmerksam werden. Ich inspiziere deshalb die vier einzigen Schießscharten dieses Turmraumes, schon um das Thema zu wechseln.
Die Schießscharte in Richtung des Sees ist durch Holzplatten zugestellt und ich lasse sie da stehen. Durch ein paar Ritzen sehe ich nach draußen, und es ist dieselbe Aussicht wie aus meinem Zimmer, nur von noch höherem Standpunkt.
Am interessantesten dürfte die Sicht aus der Schießscharte sein, die der Hauptzugbrücke und dem Dorf zugewandt ist.
Aber auch dort ist niemand zu sehen. Schräg unter der Schießscharte ist das unsystematische Dächergewirr des Forts, organisch gewachsen im Laufe der Zeit. Der Blick auf die Zugbrücke ist durch das Fort selbst blockiert, und der Fahrweg in Richtung des Dorfes verschwindet im Nebel.
Die Dächer sind bei näherem Hinsehen interessant, da sie sehr unterschiedlichen Ausbau und einen sehr unterschiedlichen Stand des Dachdeckerhandwerkes verraten. Es gibt sowohl reine Holzdächer als auch solche, die mit Steinen belegt sind. Nur an ganz wenigen Stellen sind diese Steine in eine Form bearbeitet worden, die entfernt an Dachziegel erinnert. Diese Dachkonstruktion dürfte dem gleichzeitigen Angriff von Wind und Regen wenig entgegenzusetzen haben. Ich sehe Dachschäden, um die sich noch niemand gekümmert hat. Offenbar hat schon die eigentliche Fortbesatzung sich nicht allzusehr um die Instandsetzung der Dächer bemüht.
Auch aus den restlichen Schießscharten ist wenig zu sehen. Die Schlucht, durch die wir zum Fort gekommen sind, ist zu weit weg, und was sich hinter der Zugbrücke auf der anderen Seite verbirgt, ist auch nur zu ahnen. Der Weg hinter der Zugbrücke dort ist wesentlich überwachsener und deshalb schwerer zu erkennen. Er wird wohl selten benutzt.
Es ist der Nebel, der immerwährende Nebel. Wie er wohl auf das Gemüt wirkt, wenn man hier jahrelang lebt? Die Oberfläche von Casabones ist gerade in der richtigen Höhe, um praktisch permanent Nebel zu garantieren. Wenn man hier aufwachsen würde, dann muß das Auswirkungen auf das eigene WeltBild haben. Wie das wohl ist, wenn man im Alter von zwanzig Jahren das erste Mal eine echte Fernsicht erlebt?
Es gibt Berichte von Buschbewohnern, die, das erste Mal in ihrem Leben mit der endlosen Weite der Savannen konfrontiert, tatsächlich nicht interpretieren konnten, was sie sahen. Die weit entfernten Tiere am Horizont wurden von ihnen tatsächlich für zu klein und deshalb der Bejagung nicht für würdig gehalten. Ich weiß nicht, ob diese Berichte zuverlässig sind. Zu sehr glaube ich, daß die Gesetze der Perspektive jedem in Fleisch und Blut übergegangen sein sollten, bloß, weil das bei mir selbst der Fall ist, und bei allen Menschen, die ich näher kenne. Andererseits brauche ich mich ja nur mit Charmion zu unterhalten, um immer wieder über das fremdartige und doch festgefügte andersartige WeltBild zu staunen. - Ich möchte schon gerne sehen, wie Charmion auf den blauen, endlosen Himmel über sich reagieren würde.
Aber vielleicht wäre das ein grausames Experiment. - Oder würde sie einfach eine blaue, makellose Felsdecke sehen, einfach, weil sie sich nichts anderes vorstellen kann, und so gewissermaßen in einer anderen Ausgabe der ihr schon bekannten Welt leben? Schließlich hat man ja auch früher immer von einer 'Himmelskuppel' geredet, eine Redeweise, die eine mir völlig fremde Vorstellung impliziert, weil ich mit Astronomie schon in sehr frühen Jahren zu tun hatte, lange bevor ich schreiben und lesen konnte. Deshalb dachte ich auch immer, der Begriff 'Himmelskuppel' wäre wirklich einfach nur eine Redeweise, ein Wort. Erst in letzter Zeit ist mir aufgegangen, daß sich hinter diesem Wort tatsächlich sogar heute noch eine konkrete Vorstellung vieler Zeitgenossen verbirgt. Niemand kann etwas wahrnehmen, für das es keine neuronale Entsprechung in seinem Kopf gibt. Deshalb kann auch niemand 'Unendlichkeit' wahrnehmen.
"Woran denkst du jetzt?" fragt Charmion hinter mir.
"Eigentlich nichts Wesentliches. Ich dachte daran, wie es wäre, hier aufgewachsen zu sein. Immer dieser Nebel. Noch nie etwas anderes gesehen. Habe ich dir schon einmal erzählt, daß ich mir oft vorstelle, wie es wäre, an einem bestimmten Ort aufgewachsen zu sein, wenn ich das erste Mal dahinkomme?"
"Hier ist niemand aufgewachsen. Dieses ist eine Gefängnisinsel!" stellt Charmion sachlich fest.
"Manche sind schon in jungen Jahren hierhergebracht worden. Als Kinder. Habe ich gehört. Vielleicht können sich die nicht einmal mehr an die Welt außerhalb von Casabones erinnern! Das ist fast dasselbe, als wenn man hier wirklich aufgewachsen wäre."
"Aber nur fast!"
Wozu über Nuancen streiten? Ich halte lieber den Mund.
Lange Minuten starre ich in den Nebel hinaus. Einen Moment lang versuche ich, mir vorzustellen, daß dieses ein nebliger Platz irgendwo an der Erdoberfläche sein könnte - diese Illusion läßt der Nebel ja zu. Aber da hindert mich wieder meine Natur daran, diese Illusion mehr als nur rudimentär gegenwärtig zu machen. Ich WEISS ja, daß ich eine Felsdecke sehen würde, wenn sich dieser Nebel verzöge, und keinen Himmel. Gerade vor kurzem waren ich und Charmion doch Zeuge dieses seltenen Vorganges, da am Seeufer, als wir über Astronomie gesprochen hatten. Oder, korrekt, als ich über Astronomie gesprochen hatte.
"Geht es dir auch so," frage ich schließlich, "daß dieselbe Landschaft sich ständig ändert, von dem Moment, an dem man sie zum ersten Male sieht bis zu der Zeit, wo man sie bereits gut kennt? Am Anfang, da ist jeder Weg noch voller Möglichkeiten, und hinter jeder Wegbiegung und hinter jedem Wald lauert die Möglichkeit des Unbekannten, neue, ungeahnte Ausblicke, vielleicht noch nie Gesehenes. Das Abenteuer. Wenn man dann schon länger dort war, dann kennt man eben jede Wegbiegung, und der Zauber ist weg. Geht dir das auch so?"
"Nö," sagt Charmion, "wieso denn, wenn es doch dieselbe Landschaft ist!"
Die Antwort könnte von Irene stammen. Bin ich denn alleine mit Phantasie geschlagen?
Charmion hat mich von hinten umarmt und sieht an meinem Kopf vorbei nach draußen.
"Für einen Mann hast du manchmal seltsame Gedanken!" sagt sie.
Für einen Menschen habe ich manchmal seltsame Gedanken, denke ich mir. Aber vielleicht unterliege ich da auch einer Einbildung. Es sei denn, ich hätte die letzten Wochen nur geträumt, und diese Welt wäre nur ein Produkt meiner Phantasie. Dann habe ich wirklich seltsame Gedanken.
Aber wie kommt eine geträumte Welt und jemand in einer geträumten Welt dazu, sich gezielt über die Struktur meines Denkens zu äußern?
******** 029. Tag: Samstag 1995-09-16 ********
29.1 Der Angriff auf das Dorf
Den Rest der Zeit bis zur SchlafPeriode verbringen wir in vielerlei Gesprächen und anderen schönen Aktivitäten. Ich habe dabei kein schlechtes Gewissen, weil ich den Eindruck habe, daß ich bei der Fallschirmherstellung im Moment ja sowieso nichts machen kann. Charmion wäre fachkundig genug, über die Materialprobleme zu diskutieren. Aber zu diesem Thema sind wir beide im Moment nicht motiviert.
Als wir aufwachen, ist es bereits 17 Uhr. Es ist Samstag, und genau vor vier Wochen um diese Zeit hatte ich bereits die erste Excursion in die gerade entdeckte Höhle hinter mir. Wenn ich mich richtig erinnere.
"Hoffentlich hat mich niemand sprechen wollen," sage ich, "und dabei mein leeres Zimmer vorgefunden."
"Dann werden sie annehmen, daß du dich irgendwo im Walde mit mir triffst!" vermutet Charmion.
"Schon möglich. Das bewahrt dich hier oben vor Schwierigkeiten. Aber mir kann es noch welche machen! - Ich muß runter."
Wir umarmen uns fest, und dabei denke ich völlig unnötigerweise daran, daß es das letzte Mal sein könnte, daß ich diese warme, atmende und lebendige Frau in den Armen halten könnte. Diese blöde Weissagung von Oom. Andererseits habe ich aber oft solche Gedanken - alles, was man tut, kann ein letztes Mal sein. Wenn man solche Gedanken oft hat, dann kann man es kaum Vorahnung nennen, wenn man mit den düsteren Vorahnungen wirklich einmal Recht hatte.
Leider bin ich tatsächlich in Eile. Schade. Obwohl wir uns gestern vor dem Schlafen mehrfach geliebt hatten, möchte ich schon wieder, und ihr geht es genauso, wie ich deutlich merke.
"Bis heute Abend!" sage ich, bevor ich mich von ihr losreiße und in den Raum unter uns abseile.
Ich komme unbeobachtet in mein Zimmer, dann gehe ich in die Halle hinunter. Ich begegne niemanden. Es sind offenbar alle im Dorf.
Dafür treibt allmählich ein ganz unerträglicher Gestank aus der Speisekammer durch das Fort. Es ist schlimmer, als es auf dem Saurierfänger war. Wahrscheinlich kümmert sich niemand mehr um die Haltbarmachung des Fleisches, und da immer mehr davon ungenießbar wird, sogar nach hiesigen Maßstäben, wird auch immer mehr gleich weggeworfen - da, wo man steht, oder aus der nächsten erreichbaren Fensteröffnung.
Deshalb werde ich heute Charmion etwas Vegetarisches aus dem Wald mitbringen. In die Speisekammer gehe ich nicht mehr hinein. Das muß sie verstehen.
Sie versteht es auch, als ich ihr nach etwa zwei Stunden einen ordentlichen Vorrat von den Pflanzen, die sie mir selber gezeigt hat, in die Turmkammer bringe, wobei sie mich extra zu diesem Zweck noch einmal mit dem Seil hochhievt. Bevor ich sie wieder verlasse, erwähne ich noch, daß ich heute noch keinen Menschen im Fort oder in der Nähe gesehen habe.
"Vielleicht arbeiten sie endlich alle!" vermutet sie.
"Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Ich glaube es nicht."
Kurz vor 20 Uhr mache ich mich dann auf den Weg ins Dorf. Mal sehen, ob es ein Tagewerk gibt, an dem ich konkret mitarbeiten kann.
Das Dorf ist wie ausgestorben. Im wörtlichen Sinne: Ich finde keinen lebenden Menschen, dafür aber eine ganze Reihe von Toten. Die Spuren deuten auf einen Kampf hin, weil die Toten ausnahmslos durch Gewalt ums Leben gekommen sind, teilweise mit grausamen Verletzungen. Zwei oder drei Hütten sind abgebrannt, aber wer immer hier rumgetobt hat, war nicht auf Zerstörung des Dorfes aus. Um die Toten hat sich niemand auch nur ansatzweise gekümmert.
Die Vollstreckungskreuze in der Dorfmitte sind unbenutzt, was den Ort aber nicht weniger abweisend macht - von der Stelle aus kann ich, wenn ich mich um 360 Grad drehe, mindestens 23 von dort aus sichtbare Tote zählen. Ich gehe schnell weiter.
Auf dem Weg zum Sumpfsee werde ich durch zwei Männer, die plötzlich aus den Büschen springen, angehalten. Beide haben Bögen in der Hand, zielen aber nicht mehr auf mich, weil sie mich als den Fremden erkannt haben. Ich kenne die beiden nicht.
"Was ist denn los?" frage ich, "Wo ist Och?"
"Ich bringe dich hin!" sagt der eine, während der andere wieder ins Gebüsch tritt.
Aus meinem Begleiter ist nicht mehr rauszubekommen - er schweigt den ganzen Weg lang, - aber am See selber sind wieder eine ganze Reihe von Leuten an der Arbeit. Die meisten tragen Waffen, obwohl sie das bei der Arbeit behindert. Och ist auch da, redet mit Leuten, die auf den Knien irgend etwas angestrengt bearbeiten. Dann sieht er mich. Sofort kommt er auf mich zu.
"Du lebst noch?" fragt er.
"Sollte ich nicht?"
"Es hat Angriffe gegeben."
"Die Gruppen, die sich in den Wald abgesetzt haben?"
"Ja."
"Ich habe die Spuren im Dorf gesehen. Ist dort niemand am Leben geblieben? Es ist niemand mehr da. Ich habe jedenfalls keinen gesehen. Keinen Lebenden."
"Vorsichtshalber," sagt Och, "sollten wir nicht mehr in dem Dorf wohnen. So können wir unsere Arbeitsstätten besser verteidigen wenn wir uns immer da aufhalten. So lange sind wir ja sowieso nicht mehr auf Casabones."
Das klingt ja wieder optimistisch, denke ich mir.
"Gute Idee," sage ich, "also sind diese Gruppen noch nicht besiegt?"
"Nein, sie haben sich wieder in die Wälder zurückgezogen. Deshalb vermute ich, daß sie das Fort angreifen werden oder schon angegriffen haben."
"Ach," werde ich ärgerlich, "und das erfahre ich jetzt schon?"
"Wir hätten dir sowieso nicht helfen können! Das Fort ist nutzlos für uns! Wegen einer Person, die sich dort aufhält, lohnt es sich ja nun wirklich nicht, es zu bewachen!"
"Aber da ist immer noch ..." Gerade noch rechtzeitig halte ich den Mund. Niemand außer Och versteht mich.
"Na und?"
"Ich dachte, wir wären uns einig, wen man zum Beispiel zum Fallschirmbauen braucht und wen nicht!" sage ich vorsichtig.
Och geht darauf nicht ein. "Dann sieh mal her!" Er führt mich mit sichtlichem Stolz zu den Leuten, die am Boden arbeiten. Ich erkenne erst jetzt, was sie tun: Es ist ihnen offenbar gelungen, aus Klingenresten zerbrochener Schwerter richtige Hobel herzustellen. Gleichzeitig bin ich sehr beunruhigt, weil ich nicht weiß, was jetzt am Fort geschieht. Ich darf es mir aber nicht anmerken lassen, denn weshalb sollte ich mich wegen eines leeren Bauwerkes beunruhigen?
Och hebt ein Brett auf: "Was sagst du dazu?"
Das Brett ist makellos, so gut wie man es bei dem Ausgangsmaterial eben erwarten kann.
"Donnerwetter," sage ich, "wer ist denn auf die Idee gekommen?"
"Osont." sagt Och. Schade. Mir wäre es lieber, wenn es jemand anderes gewesen wäre. Entweder Osont ist intelligenter und phantasievoller, als ich dachte, oder er versteht etwas von dem Tischlerhandwerk. Wenn letzteres der Fall ist, dann sind ihm die üblichen Werkzeuge des Tischlerhandwerkes sicher bekannt, und das Problem reduziert sich darauf, diese Werkzeuge aus anderen Gegenständen herzustellen. Daß die GranitBeißer den Hobel kennen wußte ich noch nicht, weil ich kein Xonchen-Wort dafür kenne. Bis jetzt. Auf jeden Fall wird dieser technische Erfolg seine Stellung festigen. Dann fällt mir aber noch etwas ein:
"Och, wir müssen vorsichtig mit dem vorhandenen Eisenmaterial sein. Wir verwenden für alles Waffen oder die Reste defekter Waffen. Hier, in diesen Hobeln, Schwerter statt Äxte und so weiter. Soviel Schwerter und Messer gibt es auf Casabones auch nicht! Wir müssen darauf achten, daß wir nicht noch in die Verlegenheit kommen, auch eine Schmiede bauen zu müssen!"
Oder gar ein Bergwerk, will ich noch sagen, aber ich unterlasse es. Gerade hat Och mir diesen schönen Erfolg präsentiert, und ich komme sogleich mit neuen Bedenken. Ich merke, daß das seine Stimmung dämpft. Ich bin eben kein Politiker, denke ich. 'Bedenkenträger', so würden manche mich bezeichnen. Manche, die in eine Krise immer erst hineinrennen müssen um sie als solche zu erkennen.
"Aber das Brett ist Spitze!" setze ich rasch hinzu. Ochs Miene hellt sich wieder eine Nuance auf.
"Wieviele haben wir denn davon?"
"Wir hatten zuerst viel Verschnitt!" sagt Och und erläutert mir dann, wie sie jetzt in mühsamer Sägerei die Stämme längs zerschneiden. Auf diese Weise schaffen sie es, aus einem Baumstamm mehr als ein Brett zu fertigen.
"Es sind nicht alle Stücke brauchbar, um daraus wirklich gute Bretter zu machen!" endet er schließlich.
"Das macht nichts," erwidere ich, "für weniger gute Bretter haben wir auch Verwendung!"
Jetzt würden mich noch die Mühlsteine interessieren. Ob es ratsam ist, danach zu fragen, wenn da vielleicht noch keine Erfolge vorliegen sollten?
Von selbst geht Och nicht auf Mühlsteine ein. Er erzählt, daß er mit Leuten geredet hat, die vorgaben, etwas von Textilherstellung zu wissen. Zufälligerweise ist aber keiner davon anwesend, und ich weiß nicht, ob er mir das in der bewußten oder unbewußten Absicht erzählt, mich auf meine und Charmions Entbehrlichkeit hinzuweisen. Andererseits redet er jetzt wieder so offen mit mir, daß ich das kaum glauben kann.
Und ich bin beunruhigt, weil ich nicht weiß, was im Fort passiert.
Wenn diese Gruppen im Wald halbwegs rational handeln, warum sollten sie dann das Fort angreifen? Bloß, weil es nicht verteidigt wird, macht man sowas eigentlich nicht, wenn man kein anderes greifbares Ergebnis dafür bekommt. Die meisten Waffen dürften hier sein, bei der Masse der Meuterer, und ich glaube nicht, daß die Regale voller Verwesung in der Speisekammer für irgendjemanden interessant sind. Vielleicht, versuche ich mich zu beruhigen, ist es auch dieser Verwesungsgeruch, der über dem ganzen Fort liegt, der Angreifer auf andere Ideen bringt.
Dann gibt es immer noch die Möglichkeit, daß jemand doch noch den Weg, den wir auf Casabones heraufgekommen sind, herunter möchte, obwohl aus unseren Berichten doch hervorgegangen sein sollte, daß das nicht mehr möglich ist. Aber es besteht immer die Möglichkeit, daß uns nicht jeder geglaubt hat. Oder daß nicht jeder weiß, was wir berichtet haben.
Wenn man aber diesem Weg folgen möchte, dann muß man nur am Fort vorbei und nicht hinein. Irgendwo wird es doch andere Abstiege in die Schlucht geben. Höchstens, daß man im Fort Fackeln suchen könnte.
Aber auch daran glaube ich nicht. So ein Unternehmen braucht Planung und koordinierten Aufwand, und dazu werden diese vagabundierenden Gruppen nicht unbedingt in der Lage sein.
So etwa gehen die Argumente, mit denen ich mich zu beruhigen versuche und mir einrede, daß Charmion im Fort in der Turmkammer sicher ist. Sie wird sowieso vorsichtig sein und ständig horchen und beobachten. Überrumpeln kann man sie nicht. Nicht meine Charmion.
29.2 Lebensmittelbeschaffung aus dem Oberfort
"Hast du eigentlich einen Überblick, was noch in der Speisekammer ist?" fragt Och plötzlich, "Ich möchte die Arbeiten nicht zu sehr unterbrechen lassen, um Nahrung zu beschaffen."
"In der Speisekammer im Fort?"
"Ja, natürlich. Welche sonst?"
"Das ist doch alles ungenießbar!"
"Wieso denn?"
"Fleisch muß doch haltbar gemacht werden! Da ist Fleisch eingelagert worden, aber um das Einsalzen hat sich wohl niemand gekümmert!"
Es gelingt mir, relativ objektiv über das 'Fleisch' zu reden, so als ob es sich tatsächlich um gewöhnliche Schlachtereiprodukte handeln.
"Ja," nickt Och, "da waren wir wohl etwas nachlässig. Man hätte den Küchendienst besser organisieren müssen!"
"Besser? Da war doch überhaupt kein Küchendienst!"
Och äußert sich nicht über diese semantische Feinheit. "Auf jeden Fall" sagt er "sind da ja auch noch Vorräte aus der Zeit vor der Eroberung des Forts. Die sind gut haltbar gemacht worden, und die können doch noch nicht alle sein!"
"Möglich," sage ich, "aber es stinkt fürchterlich."
"Das macht doch nichts." stellt Och fest, "du brauchst ja nicht mitzugehen. Ich werde einige Leute bestimmen, die sich da mal umsehen sollen!"
Genau das tut er. Da er mit größeren Mengen brauchbaren Fleisches rechnet, stellt er eine Gruppe von zwölf Männern zusammen.
Keiner von diesen ist mir direkt bekannt. Sie machen alle den Eindruck, als ob sie damit rechnen, daß sie außerhalb der Sichtweite von Och sich etwas weniger anstrengen können. Och bestimmt einen Anführer und dann schickt er sie los. Als sie sich auf den Weg machen, schließe ich mich auch an. Och sieht es, sagt aber nichts. Er weiß, warum ich in das Fort will.
Auf dem Weg wird wenig geredet, vielleicht sogar weniger als sonst, weil ich dabei bin. Mittelbar bin ich ja schließlich die Ursache für den Arbeitsanfall in der letzten Zeit. Eigentlich sogar unmittelbar - ich weiß nicht, inwieweit sich die Kunde der Ereignisse auf unserem Weg auf die Gefängnisinsel Casabones hier verbreitet hat. Schließlich sind es ja wir gewesen, die den Wendeltreppenschacht unpassierbar gemacht haben. Vielleicht werde ich nur geduldet, weil man Charmion als Frau die Hauptschuld gibt.
29.3 In Feindeshand
Als sich das Fort vor uns aus dem Nebel schält, sehe ich eine kurze Bewegung im Tor hinter der Zugbrücke.
"Da ist jemand!" sage ich.
"Na und?" fragt der Mann, der auf Ochs Geheiß die Gruppe anführen soll.
"Das Fort sollte eigentlich leer sein!"
"Dann ist da eben jemand anderes von uns auf die gleiche Idee gekommen."
"Oder die Gruppen aus dem Wald!" sage ich, "wenn Och meint, daß da noch viel Fleisch brauchbar ist, dann kann jemand anderes das auch meinen!"
Das erscheint dem Mann plausibel. Ich weiß immer noch nicht, wie er heißt, und weil die zwölf kaum reden, ist auch sonst noch kein Name gefallen. Aber wenigstens sind sie jetzt beunruhigt und ziehen ihre Schwerter, während wir uns der Zugbrücke nähern.
Nun liegt das Fort wieder völlig reglos vor uns. Ich habe ein ungutes Gefühl. Die anderen scheinen das nicht zu teilen, denn sie gehen entschlossen vorwärts. Der erste, der die Zugbrücke betritt, ächzt plötzlich auf, bleibt stehen und bricht zusammen. In seiner Brust steckt ein Pfeil, den er beim Zusammenbrechen zwischen sich und den Planken der Zugbrücke zerbricht und sich dabei die Bruchstücke auch noch in die Brust hineinrammt.
"In Deckung!" rufe ich. Mit der Infanterieausbildung der Meuterer ist es aber nicht weit her. Zwei kehren um und laufen fort, drei stürmen auf die Zugbrücke und die restlichen bleiben erst einmal stehen.
Die drei auf der Zugbrücke erreichen nicht einmal das Tor. Im Augenblick erreicht der 'body count', wie es so schön im militärischen Neuhochdeutsch heißt, den Wert vier. Zwei Körper fallen seitlich von der Brücke herunter.
Jedenfalls ist jetzt sicher: Das Fort ist in Feindeshand. Auch, wenn wir nicht genau wissen, wer der Feind ist.
"Würdet ihr vielleicht die Güte haben, euch hinter irgend etwas zu verstecken?" brülle ich hinter dem dürftigen Busch, den ich selbst als Deckung gefunden habe, hervor. Sie bewegen sich viel zu langsam. Ungeschützte Schwertkämpfer haben gegen Bogenschützen doch wenig Chancen. Sollte eigentlich jedem GranitBeißer klar sein. Oder sind sie immer noch davon überzeugt, daß sich nur wenige Verteidiger im Fort aufhalten?
Die andere Möglichkeit ist, daß auch unter den GranitBeißern oder wenigstens unter den Meuterern unklare Vorstellungen darüber herrschen, wie die Chancen von Konflikten bei Verwendung verschiedener Waffengattungen tatsächlich verteilt sind. Die Überlegenheit von Bogenschützen über Schwertkämpfern ist doch schon in der Schlacht bei Agincourt am 25. Oktober 1415 überzeugend demonstriert worden - deshalb eine der letzten Ritterschlachten. Damals, in der Regierungszeit von Heinrich V, wenn ich mich richtig erinnere, haben englische Bogenschützen französische Ritter niedergemacht und so einen für beide Seiten überraschenden Sieg errungen, um so überraschender, weil die englische Invasionsarmee nur höchstens 9000 Streiter umfaßte. Davon waren allerdings 6000 Bogenschützen. Das war das erste historische Beispiel von 'Luftüberlegenheit'.
Einzelheiten aus unserer Militärgeschichte können die Meuterer natürlich nicht wissen, und Einzelheiten aus der Militärgeschichte der GranitBeißer wohl auch nicht. Dazu ist ein langes Gefangenendasein ja kaum die richtige Vorbereitung.
Es fliegen noch weitere Pfeile, aber keiner davon trifft. Allerdings fliegen diese Pfeile so gleichzeitig, daß ich eigentlich von mindestens drei Bogenschützen im Eingang des Forts ausgehen muß. Das ist für uns kaum zu schaffen. Die sind nämlich in guter Deckung, und wir haben keine Bögen dabei.
Und Charmion ist noch im Turm! Ich sehe unauffällig nach links herüber, zum Turm. Da sind die Schießscharten, hinter denen keine Bewegung zu erkennen ist, auch für mich nicht, wo ich doch der einzige bin, der weiß, daß sie sich da aufhält. Sie beobachtet uns vermutlich genau - diese Vorgänge jetzt können ihr kaum entgehen.
Zwei weggerannt, vier tot. Bleiben sechs. Oder sieben, mit mir zusammen. Fünfzehn Meter zu meiner Rechten, hinter einem ähnlich unzureichenden Busch, liegt der Gruppenführer. Er sieht mich hilflos an.
"Das schaffen wir nicht!" rufe ich ihm zu, "es sind zu viele! Wir müssen zurück!"
"Aber wir sollen doch das Fleisch holen!"
"Das können wir nicht!"
Weiter hinten steht ein anderer der Männer auf. Er ruft etwas zum Fort hinüber. Es hört sich an, als ob er einen Bekannten erkannt hat. Die Unterhaltung ist kurz, dann wird wieder geschossen. Die Pfeile verfehlen ihn knapp, und der Mann springt überraschend behende wieder in seine Deckung zurück.
Vor Schußwaffen würden uns diese Büsche überhaupt nicht schützen, und ein geübter Bogenschütze würde die meisten von uns wohl auch so erreichen. Es handelt sich eben nicht um geübte Bogenschützen, sondern nur um Leute, die gerade eben wissen, wie man einen Bogen gebraucht, die aber im Bogenschießen keine überragenden Fähigkeiten haben. Das ist wahrscheinlich unser Glück. Glatter Zufall, daß die vier Getöteten wirklich so genau getroffen wurden.
"Wir müssen uns zurückziehen!" wiederhole ich. Allmählich scheint sich die Einsicht zu verbreiten, daß ich recht haben könnte. Ich sehe sogar Spuren von Angst auf den Gesichtern der Männer, die ich von meinem Platz aus sehen kann.
"Beste Methode ist," schlage ich laut vernehmbar vor, "aufzuspringen und im Zickzack zurückzulaufen. Alle gleichzeitig! Ist das verstanden?"
Es ist verstanden. Einer springt auf und läuft sofort, genau wie ich es vorgeschlagen habe, im Zickzack wieder in Richtung Dorf. In wenigen Sekunden ist er im Nebel verschwunden. Ein Pfeil folgt ihm aus dem Fort aber verfehlt ihn um dreißig Meter. Auch sein Glück ist es, daß die militärische Dilettanz auf beide Seiten großzügig verteilt ist.
"Gleichzeitig, habe ich gesagt!" rufe ich, "Also, ich zähle!"
"Warum?" fragt der Gruppenführer.
"Damit wir alle gleichzeitig aufspringen und weglaufen können. Kapiert? Also, bei 'drei'!"
So wird es gemacht. Aber als ich "drei" rufe, bin ich der erste, der aufspringt. Die anderen springen auf, weil ich aufspringe, und nicht, weil sie zugehört haben. Können die vielleicht nicht einmal bis drei zählen, im wahrsten Sinne des Wortes?
Das mit dem Zickzacklaufen scheint die intellektuellen Resourcen meiner Begleiter auch arg zu strapazieren. Zwei laufen aufeinander zu und stoßen zusammen. Es wäre urkomisch, wenn es nicht so gefährlich wäre. Ich bleibe kurz stehen und drehe mich um, um nachzuschauen, ob alle mitkommen.
Eine leichte Berührung an den Schläfenhaaren. Als ich darauf mich wieder vom Fort abwende, sehe ich eine Pfeil drei Meter von mir entfernt im Boden stecken. Er vibriert noch. Erst, als ich schon wieder einige Dutzend weitere Meter zwischen mich und das Fort gebracht habe, wird mir klar, wie nahe ich darangewesen war, ein Auge ausgeschossen zu bekommen.
Wir alle erreichen unbeschadet eine sichere Entfernung, das heißt, so weit vom Fort entfernt, so daß der Nebel die direkte Sichtverbindung unterbunden hat. Vielleicht sind wir noch in Schußweite - es müßte jetzt aber ein ungezielter Schuß sein.
Und mir wird weich in den Knien. Mir fällt sofort ein Vorfall ein, der mir als Junge widerfahren ist, vor etwa dreißig Jahren. Ein Freund meines Bruders hatte einen hervorragenden Bogen, und wir waren dabei, in freier Natur Zielschießen zu veranstalten. Irgendwann - die beiden hatten sich vierzig oder fünfzig Meter von mir entfernt - hielten sie es für enorm lustig, zum Spaß auf mich zu schießen. Ich sah sie an und sah, daß sie tatsächlich in meine Richtung geschossen hatten. In demselben Moment, als ich begriff, daß der Pfeil schon längst unterwegs war, berührte mich etwas im Haar, und hinter mir raschelte es im Gras. Als ich mich umdrehte, steckte da ein Pfeil. Ich erinnere mich, daß er noch zitterte, genau wie dieser Pfeil jetzt.
In beiden Fällen, jetzt und damals, hatte der Pfeil im Verhältnis zu meinem Kopf dieselbe Flugbahn zurückgelegt. In beiden Fällen hätte eine seitliche Versetzung der Flugbahn von nur 5 Zentimetern nach unten mir ein Auge genommen. In beiden Fällen war mir danach so weich in den Knien, daß ich mich setzen mußte.
"Was ist denn?" fragt mich einer der Männer, als er sieht, daß ich auf dem Boden sitze, "Verletzt?"
"Nein."
"Wir müssen die Burschen verjagen." sagt er entschlossen. Da ich nicht verletzt bin, ist meine weitere Verfassung für ihn uninteressant. Ich kann es ihm nicht einmal übelnehmen. Überleben oder nicht, das ist das wichtigste. Ob man den Luxus der Abwesenheit traumatischer Erlebnisse hat oder nicht ist zweitrangig.
Wie wir diese 'Burschen' verjagen, das sagt er nicht. Ist auch gar nicht einfach, mit unseren Mitteln.
"Dann werden wir heute eben nicht bis in die Speisekammer gelangen." sage ich. Initiative ergreifen ist ein Mittel, um die weichen Knie zu bekämpfen. Werde sehen, ob das funktioniert.
"Wieso. Irgend etwas wird uns schon einfallen."
Nun war es noch nie eine besondere Stärke der Meuterer, 'sich etwas einfallen' zu lassen. Sie sammeln sich alle um mich und ich stehe auf. Bin ich es, der sich etwas einfallen lassen soll? Sie erwarten das wahrscheinlich von mir, weil ich mir auch die Gleitschirme habe einfallen lassen.
Ideen hätte ich schon. Aber alles, was diesen paar Männern ermöglicht, erfolgreich das Fort zu stürmen, gefährdet auch Charmion. Wahrscheinlich wenigstens. - Wenn man wenigstens genau wüßte, wieviele Männer das Fort besetzt halten, und über welche Mittel sie verfügen. Und nebenbei: Wie soll man sie überhaupt nennen? Da ich die Gesamtheit aller Gefangenen hier schon als 'Meuterer' bezeichne, fehlt eine geeignete Bezeichnung für die, die gegen die Meuterer meutern. Die Verwendung eines anderen Wortes, etwa 'Rebellen', würde da nichts helfen.
"Wir brauchen auch Pfeile." sagt einer der Männer, "Mit Feuer drauf," ein anderer, "im Fort ist viel Holz. Vielleicht klappt es."
Das ist genau das, was ich nicht will. Wegen ein paar Leuten das ganze Fort niederbrennen. Dann muß Charmion sich davon machen. Selbst, wenn sie dabei nicht zu Schaden kommt, besteht die Gefahr, daß man sie sieht. Und dann kommt es darauf an, wie und wo man sie sieht. Vielleicht rechnet man sie zu den Fort-Besetzern, vielleicht kommt aber auch jemand auf die Idee, daß wir sie im Fort versteckt haben.
Andererseits - einen dicken Balken mit einem brennenden Pfeil anzuzünden ist auch nicht ganz einfach. Die Meuterer haben keine Erfahrung im Niederbrennen von festen Gebäuden, die auch noch verteidigt werden. Wahrscheinlich kann man der Sache in Ruhe entgegensehen - solide Steinmauern fangen kein Feuer.
Zwei weitere Männer machen sich auf in Richtung Dorf, um Verstärkung und Pfeil und Bogen zu holen. Sie verfallen nicht einmal in den Laufschritt. Das Vorhaben wird also noch eine ganze Weile in Anspruch nehmen.
"Die werden nicht ewig im Fort bleiben," überlege ich laut, "denn was sollen sie da?" Keiner antwortet. Sie haben sich alle hingesetzt und warten. Vielleicht ist eine Argumentation, die ihnen die Aussicht auf ein ordentliches Feuerwerk nimmt, gar nicht so willkommen.
"Wir sind hier übrigens immer noch in Schußweite. Wenn sie ungezielt in den Nebel schießen ..." stelle ich fest.
"Sollen sie doch." knurrt einer. Ein verirrter Pfeil gilt nicht mehr als Risiko.
Es ist 22 Uhr. Die Zeit vergeht ohne unser Zutun. Eigentlich wäre es geschickt, sich wieder dem Fort zu nähern und es zu beobachten. Da niemand auf die Idee kommt, schlage ich es vor. Damit ist auch schon klar, wer geht.
"Es ist gut, wenn man weiß, was der Feind macht!" sage ich. Einer der Männer, der sich bereits auf den Boden gelegt hat und dabei ist, einzuschlafen, nickt. Solange von ihm nichts verlangt wird, ist er einverstanden.
29.4 Als Kundschafter
Ich muß dem Fahrweg zum Fort nur etwa zweihundert Meter weit folgen, bis mich die besser werdende Sicht zwingt, wieder von Deckung zu Deckung zu springen. Diesmal wähle ich größere Büsche, links von der Straße, möglichst weit von derselben entfernt. Damit bin ich auch dem Turm näher als der Zugbrücke.
Ich bilde mir ein, daß ich es relativ gut mache. Von dem erhöhten Standpunkt des Turmes aus gesehen dürfte meine Deckung weniger gut sein, aber ich habe nichts dagegen, daß Charmion mich sieht. Aber weder in den Schießscharten des Turmes noch im Eingangstor hinter der Zugbrücke noch hinter den anderen Fenstern des Gebäudes ist eine Spur einer Bewegung zu sehen.
Es liegen immer noch zwei Leichen auf der Zugbrücke, eine in der Mitte und eine ganz am Anfang. Die beiden, die herabgestürzt sind, kann ich natürlich nicht sehen, da ich dazu bis an die Felskante vorrücken müßte.
Da, wo ich jetzt bin, werden mich die Besetzer des Forts nicht sehen können, und meine Begleiter auch nicht, wenn sie wieder vorrücken sollten. Die Gelegenheit ist günstig: Ich habe die Idee, daß ich vielleicht vermeiden sollte, in der kommenden Auseinandersetzung mitzumischen. Die Idee, kaum entstanden, verdichtet sich zum Entschluß. Ich muß nur noch die Ausrede für mein Fernbleiben formulieren. Da wird mir schon etwas einfallen. Erstmal sehen, was passiert.
Eine ganze Zeitlang passiert gar nichts. Weder vom Fort noch aus der Richtung des Dorfes ist auch nur der leiseste Laut zu hören. Man könnte sich einbilden, daß das Fort eine schon seit Menschengedenken verlassene Ruine ist.
Ich beobachte die Schießscharten des Turmes genau. Wenn Charmion mich sieht, und wenn sie sich entscheidet, mir einen Wink zu geben, dann will ich das nicht verpassen. Aber warum sollte sie mir einen Wink geben? Es gibt jetzt nichts, was sie mir mitteilen sollte. Und nur um 'Hallo' zu winken ist jetzt nicht die Zeit. Sie weiß ja, daß ich weiß, daß sie da oben ist.
23 Uhr. Es ist langweilig. Wartet man auf meine Rückkehr, um sich berichten zu lassen? Schon möglich - wenn ich mich schon implizit als Kundschafter angedient habe, dann wäre es logisch, daß ich irgendwann zurückkomme und berichte. Und wenn ich nicht zurückkomme? Dann wäre es das naheliegendste, daß jemand anderes herangeschlichen kommt, um ebenfalls das Fort zu beobachten und dabei herauszufinden, wo ich geblieben bin.
Ich rücke weiter vor, von Gebüsch zu Gebüsch, hinter dichtem Bodenbewuchs robbend, möglichst keine höherragende Pflanzen bewegend. Das Spiel ist ja immerhin tödlicher Ernst, anders als in den Indianerspielen in der Kindheit oder in der Grundausbildung in der Bundeswehr.
Ich passiere den kaum erkennbaren Pfad, den wir vom Fort aus schon ein paarmal zu den Wäldern am Seeufer gegangen sind. Es kann nicht mehr weit bis zur Felskante sein. Ich halte mich noch weiter links, so daß ich die Felskante schon über dem Seeufer erreichen werde.
Die Navigation gelingt relativ gut. Als der Abbruch der Uferkante in Armesreichweite ist, sehe ich die Zugbrücke tangential am Seeufer entlang genau von der Seite, und der Turm ist jetzt der Teil des Forts, der mir am nächsten ist. Allerdings kann Charmion jetzt nicht mehr gleichzeitig mich und das Gebiet vor der Zugbrücke sehen. Wenn sie mich verfolgt hat, dann weiß sie etwa ungefähr, wo ich bin.
Die Männer brauchen aber lange, um Verstärkung zu holen. Oder sind sie einfach unverrichteter Dinge gegangen, weil es nicht möglich ist, das Fort zu betreten? Vielleicht haben sie auch eine Runde Schlaf eingelegt, oder einer holt sich einen runter, und die anderen warten, bis er damit fertig ist, weil jeder Grund zum Warten und zum Nichtstun willkommen ist.
Die beiden Leichen liegen immer noch auf der Zugbrücke. Die beiden anderen, die etwa fünfzig Meter tiefer im Wasser liegen müßten, kann ich nicht von hier aus sehen - ich müßte mich gefährlich weit hinter dem Busch hervor und über die Abbruchkante hinüberbeugen. Dabei würde ich aber meine Deckung aufgeben und vom Fort aus deutlich sichtbar werden. Das Risiko, daß gerade jemand in diese Richtung sieht, gehe ich nicht ein. Sonst ist dieser Platz hervorragend: Dichtes Buschwerk bis an die Felskante, und wer immer am Seeufer entlang will, würde den Pfad nehmen, der hier zwanzig oder dreißig Meter weit vom Ufer entfernt ist. Von dort kann man mich nicht sehen.
Während ich so reglos zwischen den Büschen liege, denke ich dankbar daran, daß es in der Welt der GranitBeißer kaum Insekten gibt. Das wäre in vielen tropischen Gebieten der Erde anders. Es ist mir aber noch kein plausibler Grund dafür eingefallen. Wahrscheinlich hat es mit den historischen Zufälligkeiten zu tun: Irgendwann in grauer Vorzeit war diese Welt ja mal mit der Erdoberfläche in Verbindung. Als diese Verbindung unterbrochen wurde, waren eben zeitweilig Bedingungen vorherrschend, die nicht vielen Insekten Lebensraum geboten haben. Vielleicht hängt es aber auch mit dem langsameren Metabolismus vieler Tiere hier zusammen. Ich weiß es nicht.
Irgendwelche Insekten muß es geben, denn wir haben ja ein Xonchen-Wort dafür gelernt. Mir fällt ein, daß es in Vietnam durchaus tropische Gebiete gibt, die sehr insektenarm sind - Nachwirkungen der Entlaubungsaktionen der Amerikaner im Vietnam-Krieg, die irgendwelche langfristigen biochemischen Folgen hatten. Sollte ich deshalb an die Anwesenheit irgendwelcher lokalen Giftstoffe denken? - Keine Ahnung.
Dann vertreibe ich mir die Zeit mit einem anderen Gedankenspiel: Weil diese Welt von unserer Welt da oben völlig oder weitgehend getrennt ist, funktioniert das übliche Gedankenexperiment nicht, mit dem man ganz gerne im Chemie- oder im Physikunterricht die Kleinheit der Atome und Moleküle veranschaulicht. Man denke sich einfach mal alle Luftmoleküle, die man bei einem bestimmten Atemzug ausatmet, irgendwie dauerhaft markiert. Am besten, man denkt sich jedes Molekül als kleines Glühwürmchen. Wenn es weit genug von den anderen entfernt ist, versteht sich, denn sonst wird man geblendet.
Rund gerechnet ist die Vitalkapazität eines erwachsenen, gesunden Menschen etwas mehr als zwei Liter. Das ist gerade ein Zehntel eines Molvolumens, das heißt also, man atmet auf ein Mal 6 mal 10 hoch 22 Moleküle aus. Ungefähr.
Wenn diese 6 mal 10 hoch 22 Moleküle sich gleichmäßig in der gesamten Atmosphäre der Erde da oben verteilen, dann entfallen auf jeden Quadratkilometer immer noch 1.2 mal 10 hoch 14 Stück. Das sind immer noch 120 Millionen auf jeden Quadratmeter. Auf einem Quadratmeter Erdoberfläche liegen etwa zehn Tonnen Luft. Pro Kilogramm Luft hätten wir also noch 12_000 markierte Moleküle, das wären etwa 15 Moleküle pro Liter unter Normaldruck.
Mit anderen Worten: Auch von der Luft, die mein ärgster Feind mit jedem Atemzug ausatmet, würden sich nach einer gewissen Zeit dauernd einige Moleküle in meiner eigenen Lunge befinden. Von wirklich jedem Atemzug. Mit den üblichen statistischen Schwankungen. Für meinen besten Freund gilt das Gleiche. Und für jeden anderen Menschen, der lebt und der je gelebt hat.
Nun gibt es über die Äonen einen chemischen Austausch der Luftbestandteile mit den Bestandteilen des Bodens und des Meereswassers. Vernachlässigbar wenig verflüchtigt sich auch in den Weltraum. Deshalb dürften von jedem Atemzug eines Menschen, der etwa vor zweitausend Jahren gelebt hat, vielleicht ein paar Moleküle weniger in meiner Lunge sein. Aber da jeden Mensch ja mehr als einen einzigen Atemzug tut, kommt da auch noch einiges zusammen. Eigentlich ist es ein Allgemeinplatz für jeden naturwissenschaftlich gebildeten Laien, aber man muß es sich trotzdem ab und zu klarmachen: In unserer Lunge, und über den Stoffwechsel auch in unserem Körper befinden sich Atome, die Bausteine der Körper aller anderen Menschen der Geschichte waren: Jesus wie Dschingis Khan, Newton wie Aristoteles, Caligula wie Hitler, Einstein und Cromwell, die Callas und die Dietrich, Walt Disney und der alte Fritz.
Allerdings gilt dieses Gedankenspiel jetzt nicht mehr, denn der Stoffaustausch zwischen der Erdoberfläche und der WeltHöhle der GranitBeißer ist gering. Ganz Null ist er nicht, denn wir haben ja selbst diese Welt erreicht und somit einen gewissen Stoffaustausch bewirkt. Andere Kanäle wird es auch noch geben, wie etwa diese braunen und die salzigen Quellen, von denen Oom erzählt hat.
Aber das, was wir, Irene und ich, an Atomen, die schon mal an illustrer Stelle in der Weltgeschichte mitgespielt haben, in unserem Körper mitgebracht haben, ist längst durch den Stoffwechsel hinausbefördert worden. Die biologische Halbwertszeit von Stickstoff und Sauerstoff und Wasserstoff in einem menschlichen Körper ist kurz - Wochen höchstens. Während oben die wie Glühwürmchen leuchtend gedachten Moleküle eines einzigen Atemzuges eines einzigen Menschen einen schimmernden Nebel bilden würden, würden die Moleküle desselben Atemzuges, die nach hier unten gelangt sind, nur noch ganz selten die Sichtung eines Glühwürmchens ermöglichen.
Das gilt natürlich nicht für Menschen, die sich gleichzeitig in der WeltHöhle befinden. Die Atome in meinem Körper, die bereits auch schon einmal Bestandteil von Charmion waren, dürften immens an der Zahl sein - vielleicht sind es schon wägbare Mengen. Nein, ganz sicher sind es wägbare Mengen, korrigiere ich mich, so oft, wie wir schon zusammen geschlafen haben. Ein kleiner Trost - ich hätte Charmion lieber komplett hier, jedes Kilo. Und uns beide ganz woanders.
Ich blicke auf die Uhr. Gleich wird es Mitternacht sein. Bin ich schon einmal eingenickt? So etwas passiert manchmal, ohne daß man es merkt - im Nachherein meint man, man hätte die ganze Zeit seinen eigenen Gedanken nachgehangen.
Und immer passiert noch nichts. Was soll ich machen?
******** 030. Tag: Sonntag 1995-09-17 ********
30.1 Der Rammbock
Wenn es zu langweilig wird, dann besteht die Gefahr, daß ich einschlafe. Dann wiederum besteht auch die Gefahr, daß ich schnarche. Solche Dinge weiß man als Ehemann ja, weil man es gelegentlich immer wieder mitgeteilt bekommt. Wenn ich aber schnarche, dann könnte mich schon jemand finden. Das wäre unklug. Also muß ich wach bleiben.
Reglos liegt das Fort und läßt die Zeit an sich vorbeifließen. Wenn es jetzt keine menschlichen Aktivitäten hier gäbe, dann würde es sich nicht verändern. Lediglich in starkem Zeitraffer würde man den Verfall bemerken. Aber es wäre niemand da, der diesen Zeitrafferfilm herstellen oder sehen könnte. Wäre jemand da, dann wären die Seiteneffekte groß genug, zusätzliche und weit stärkere Veränderungen irgendwelcher Art zu bewirken.
Aber wir sind nicht hier, um einen Zeitrafferfilm zu drehen. Im Fort hält sich jemand auf, der eine andere Gruppe aus irgendeinem Grunde nicht hineinlassen will. Und diese andere Gruppe, denen zugehörig die Mitglieder dieser Gruppe auch mich betrachten, möchten trotzdem und jetzt erst recht in das Fort hinein. Beide Seiten sind bereit und in der Lage, Gewalt anzuwenden, und die Seite der Angreifer ist strategisch unterlegen, dafür aber in der Lage, Verstärkung und mehr Waffen heranzuschaffen. Beide Seiten wissen nichts von Charmion, und beide Seiten wissen nicht, wo ich mich gerade befinde. Aus dieser Situation muß ich das Beste machen.
Mir tun die Gelenke weh. Es ist bald 1 Uhr, und immer noch passiert nichts. 'Die meiste Zeit des Lebens steht der Soldat vergebens' - ein alter Spruch aus der Bundeswehrzeit. Der fällt mir immer in solchen Situationen ein.
2 Uhr vorbei. Gerade will ich meine Knochen neu umpositionieren, da höre ich ein merkwürdig gedämpftes Rumpeln und Scharren. Ich kann das Geräusch nicht interpretieren. Sehen tue ich auch noch nichts. Gedämpftes Rufen aus der Richtung des Weges zum Dorf, das langsam lauter wird. Und das Scharren und Knirschen erinnert mich an Räder auf einem Feldweg. Räder?
Dann sehe ich, daß sowohl aus dem Tor hinter der Zugbrücke als auch aus einigen der Fenster Pfeile fliegen. Sie verschwinden rechts, und ich kann nicht sehen, worauf sie abgeschossen wurden. Was immer es ist, es kommt näher, und es stellt wohl ein lohnendes Ziel dar.
Als ich sehen kann, was es ist, bin ich für einen Moment überrascht: Es ist ein beräderter und mit einem großen Frontschild versehener Rammbock! Da muß jemand viel Initiative in kurzer Zeit gezeigt haben. Obwohl die Räder grob gezimmert worden sind und den Eindruck machen, als ob sie jeden Moment zerbrechen könnten, sind sie effektiv und ermöglichen, den schweren Stamm des Rammbockes - einen der schwersten, den man hat finden können, wie sie den wohl durch den Mauerdurchbruch bekommen haben? - mit der Kraft von nicht allzuvielen Männern fortzubewegen.
Das Holzschild vorne an dem Fahrzeug dürfte ineffektiv sein, weil man aus schrägem Winkel noch ganz gut auf die Bedienungsmannschaft schießen kann. Nur Pfeilschüsse aus Richtung des Haupttores des Forts werden leidlich gut abgehalten.
Wieviel von unseren wertvollen Brettern, die bisher hergestellt worden sind, in dem Gerät verarbeitet wurden? Oder hat man Material aus den Dorfhütten verwendet?
Vielleicht achtzehn Mann sind beschäftigt, das schwere Ding zu schieben, und wenn der Fahrweg zur Zugbrücke nicht leicht abschüssig wäre, dann würden sie das hohe Tempo kaum durchhalten können. Ich kann nicht erkennen, ob es schon Verluste gegeben hat. Es sieht so aus, als ob nicht, aber das wird eher seinen Grund in der schlechten Schießtechnik der Verteidiger haben. Es regnen weiter einige Pfeile auf die Angreifer herab, aber keiner davon trifft.
Dann geschieht alles sehr schnell. Das Rammbockgefährt poltert auf die Zugbrücke. Der Lärm ist beeindruckend und bedrohlich. Gibt es da überhaupt ein Tor, was man zumachen kann, und ist es zugemacht worden? Das kann ich von meinem Standort nicht erkennen. Dafür habe ich den besten Beobachterplatz für das, was nun geschieht: Als das ganze Gefährt und seine Bedienungsmannschaft auf der Zugbrücke ist, bricht sie durch. Einfach so.
Ein vielstimmiger Schrei begleitet den Sturz. Rammbock und Zugbrückenteile kollidieren mit den Felsen, und zwischen den schweren, herabfallenden Gegenständen werden die ersten menschlichen Leiber zerbrochen, erdrückt und zerrieben. Markerschütternde Schreie sind zu hören, und dann, außerhalb meines Blickwinkels, das schwere polternde und platschende Aufschlagen des Rammbocks.
Zwei müssen überlebt haben. Einer wimmert und einer schreit, unaufhörlich. Leiseres Ächzen und Stöhnen kann ich von hier aus nicht hören, und die Art der Verletzungen der beiden Überlebenden kann ich so auch nicht diagnostizieren. Schon nach wenigen Minuten wünsche ich, daß er bald sterben möge. Aber den Gefallen tut er nicht. Mir nicht und sich nicht. Was mögen das für Verletzungen sein, die einen am Leben lassen, aber schwer genug sind, einen unaufhörlich schreien zu lassen? Ich will es nicht zu genau wissen. Das Schreien hindert mich aber daran, es völlig zu ignorieren.
Ich weiß nicht, ob jemand im Fort gelacht hat, ich habe nicht darauf geachtet. Im Moment gibt es von keiner Seite eine Reaktion. Bis auf die fehlende Zugbrücke und das nerventötende Geheul ist alles so wie vorher. Mit der Illusion eines verlassenen Bauwerkes ist es jetzt natürlich vorbei.
Jetzt sind es schon 20 oder 22 Menschen, die umgekommen sind, und nur deshalb, weil sich zwei Parteien um den Besitz eines Forts streiten, und wahrscheinlich beide Seiten an der wohlgefüllten, stinkenden Speisekammer interessiert sind. Eine Speisekammer mit menschlichen Leichenteilen.
Vielleicht ganz gut, daß ich nicht bei der Gruppe geblieben bin. Vielleicht hätte man mich überredet, bei diesem Rammbockunternehmen mitzumachen. Dann läge ich jetzt auch da unten, tot oder gräßlich verstümmelt und bald tot. Schon wieder gerade eben noch einmal davongekommen. Und es ist erst wenige Stunden her, daß mir fast das Auge ausgeschossen worden wäre.
Ich - das heißt, wir, Irene und, wenn möglich, auch Charmion - müssen hier weg, müssen wieder nach oben, in unsere Welt. Bloße Wahrscheinlichkeitsrechnung spricht dagegen, daß wir immer bei all diesen bedrohlichen Situationen davonkommen. Wie oft bin ich eigentlich in den letzten vier Wochen so gerade eben am Tod vorbeigeschlittert? Wenn man einen Roman mit einer solchen Häufung von gefährlichen Situationen lesen würde, würde man die gesamte Handlung unschwer als konstruiert und auf Spannung optimiert erkennen. Aber dieses ist die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit mißt man nicht in Kategorien wie 'unterhaltsam' oder 'spannend'. In der Wirklichkeit will man überleben und nach Hause. In der Wirklichkeit will man aufregende Sachen nur im Fernsehen sehen.
Irgendwie sprechen auch alle Prinzipien der Evolution dagegen, daß eine Gesellschaft ständig mit einer Umwelt wechselwirkt, die alle Mitglieder dieser Gesellschaft von einer Lebensgefahr in die andere führt. Im Laufe der Zeit würde diese Gesellschaft ausgerottet werden, oder sie würden sich gegenseitig ausrotten, wenn sie einander Ursache für diese Gefährlichkeit des Lebens wären.
Aber ist das hier nicht auch der Fall? Die geringe Bevölkerungsdichte der GranitBeißer in der WeltHöhle ist eigentlich doch der beste Beleg dafür. Es ist keine große Leistung, die Kopfzahl einer Bevölkerung in jeder Generation zu verdoppeln. Das heißt rechnerisch eine Vertausendfachung in bloß zehn Generationen, oder eine Vermillionenfachung in zwanzig Generationen. Die Mechanismen, die die GranitBeißer bevölkerungsdichtemäßig kurz halten, sind jedenfalls sehr wirksam, und es sind ihrer viele.
Wieder vergehen viele Minuten. Langsam ergreift den verletzten Schreier Erschöpfung. Es gibt bereits sekundenlange Pausen, vielleicht gefüllt mit einem gurgelnden Röcheln. Dann geht es wieder weiter. Das andere Wimmern, das auch noch da war, ist bereits nicht mehr zu hören.
Was die Angreifer sich jetzt wohl ausdenken? Ich könnte ja hingehen und fragen, aber dann müßte ich meine lange Abwesenheit erklären. Also lasse ich es.
Im Prinzip könnte man die Schlucht oder diesen See umgehen und von der anderen Seite heran - da ist ja noch eine Zugbrücke. Vielleicht paßt nicht einmal jemand drauf auf, aber daß die Verteidiger so nachlässig sind, das kann ich einfach nicht glauben.
Und dann ist da auch noch der Weg, den wir selbst ganz am Anfang genommen haben, vom Grunde der Schlucht in das Fort hinauf. Aber der ist ohne Kooperation mit denen, die sich im Fort aufhalten, ja überhaupt nicht zu bewältigen.
Das Schreien ist jetzt einem immer selteneren, mühsamen Wimmern gewichen. Ein paarmal klagt die Stimme auch, aber meine mangelhafte Beherrschung der Xonchen-Sprache läßt nicht zu, daß ich irgend etwas verstehe. Der Verletzte scheint mit jemandem zu sprechen. Weil da unten aber niemand ist, mit dem er sprechen könnte, spricht er entweder seine toten Kameraden an, oder er hat wundfieberbedingte Erscheinungen, oder er spricht mit sich selbst. Manchmal habe ich, wenn ich Zeuge solcher Situationen bin - was bisher nur in Filmen vorkam - die Vision, zu dem Verletzten und Leidenden hinunterzusteigen und irgend etwas für ihn zu tun. Das würde in der Praxis an meinen mangelnden medizinischen Kenntnissen scheitern und wahrscheinlich könnte ich auch meinen Ekel nicht überwinden. Auch kann ich nicht durch Handauflegen heilen. Ich kann eigentlich sehr wenig in einer solchen Situation. Nur aber dazustehen und dem Leidenden zuzusehen ist keine besonders heroische Tat.
Es geht auf 3 Uhr zu, als ich bemerke, daß aus dem Fort wieder vereinzelt Pfeile abgeschossen werden. Ich sehe aber nicht, worauf, und ich habe zuvor auch nichts gehört. Ich muß ganz dringend pinkeln, aber weil ich nichts versäumen will und weil ich mich nicht zeigen möchte bleibt mir nichts anderes übrig, als den Platz, auf dem ich liege, rechts und links zu besprenkeln. Ich verteile den Urin möglichst gut, damit er schnell antrocknet und damit ich mich nicht am Ende durch eine Geruchsfahne verrate, wenn hier jemand in der Nähe vorbeikommen sollte.
30.2 Feuersturm
Dann fliegt ein Pfeil aus der Gegenrichtung heran, und an der Rauchspur sehe ich, daß es ein Brandpfeil ist. Allerdings verlöscht er während des Fluges, und er prallt an einer Stelle der Außenmauer des Forts ab, wo er sowieso nichts hätte anzünden können.
Von nun an werden aber alle paar Minuten Brandpfeile oder wenigstens ein Brandpfeil abgeschossen. Die Angreifer sind offenbar noch am Experimentieren, wie man die Pfeile am besten vorbereitet. Dafür haben sie den Vorteil, daß sie aus so großer Entfernung schießen können, so daß sie anfliegenden Pfeilen der Verteidiger rechtzeitig ausweichen können. Ob die Angreifer dann in Deckung springen oder einfach gegebenenfalls zur Seite treten weiß ich nicht, weil ich sie ja nicht sehe. Aber es wird mir schnell klar, daß sie sich durch das Abwehrfeuer aus dem Fort kaum gestört fühlen.
Wer wohl alles mitmacht? Ob Och und Osont schon am Kampfplatz sind? Wer von den beiden wohl mehr Initiative zeigt? Ich kann es von hier aus nicht in Erfahrung bringen.
Es fällt mir wieder ein, daß ich - vor wie langer Zeit - zu Chrwerjat über den Bumerang gesprochen und dabei nur Unglauben geerntet hatte. Ich überlege mir, ob die Karten mit Bumerangs auf beiden Seiten anders verteilt wären - ein Bumerang wäre ja noch eine der Entfernungswaffen, die technologisch zu den GranitBeißern passen würde und die ich immer noch verraten kann. Oder sagen wir, 'in diese Welt einbringen' kann. Klingt besser. Technologietransfer. Klingt noch besser. Bei dieser Konfrontation sind Bumerangs aber nicht viel nützlicher als Pfeile, wahrscheinlich sogar weniger. Die Verteidiger wären behindert, weil man eine Schleuderwaffe nicht sehr gut aus einem kleinen Fenster hinauswerfen kann, und die Angreifer würden zu häufig nur die Mauern treffen und die schwer herstellbaren Bumerangs würden schon nach einmaliger Anwendung in die Schlucht stürzen. Nein, ein Bumerang ist eine Waffe für das freie Feld. Ein Evolutionskind der australischen Steppe.
Und sonst? Mittelalterliche Brandschleudereinrichtungen? Kann man wahrscheinlich nicht schnell genug bauen, selbst, wenn jetzt jemand auf die Idee käme. Der Rammbock war ja wahrscheinlich schon das Ergebnis äußerster koordinierter Anstrengungen.
An einer Stelle auf dem Dach des Forts sehe ich schließlich eine Rauchfahne, die nicht erlischt. Das Feuer selber sehe ich nicht, es ist also möglich, daß bloß der Pfeil, wahrscheinlich gut mit Öl oder Wachs getränkt, noch vor sich hinkokelt. Es wäre jetzt für die Verteidiger unbedingt angezeigt, jemanden auf das Dach zu schicken, der sich um gefährlich plazierte Brandpfeile kümmert. Das könnte er wahrscheinlich auch ohne Gefahr tun. Aber auf diese Idee kommen sie offenbar nicht.
Auch Charmions Turm wird beschossen, aber bislang sind alle Pfeile an der Außenmauer abgeprallt, und die zwei, die den Dachstuhl erreicht haben, sind ebenfalls abgelenkt worden und in die Tiefe gestürzt.
Dann, endlich, sehe ich am entfernteren Teil des Forts eine verstärkte Rauchentwicklung. Das ist kein Pfeil mehr, der da brennt, da hat etwas anderes Feuer gefangen. Und immer noch kümmert sich niemand um Löscharbeiten.
Jedenfalls ist das in sicherer Entfernung von Charmions Turm. Das wird dauern, bis sich das Feuer bis dahin ausbreitet.
Das scheinen die Angreifer auch zu denken. Deshalb wird der diesseitige Teil des Forts nun verstärkt mit Brandpfeilen bearbeitet.
Dabei passiert ihnen ein bemerkenswerter Glückstreffer, den ich nur zufällig, weil ich zur richtigen Zeit auf die richtige Stelle blicke, überhaupt sehe: Ein Brandpfeil landet in einem der am tiefsten gelegenen Fenster des Forts. Das Fenster ist im Niveau sogar noch unter der ehemaligen Zugbrücke. Deshalb ist dort wohl kein Bogenschütze, weil der Standort dazu zu ungünstig ist.
Eigentlich müßten die Verteidiger die Rauchspur des Pfeiles sehen. Aber natürlich, sie müssen annehmen, daß der Pfeil gegen die Mauer geprallt ist, wie alle anderen auch. Außerdem kann man in einem Schwarm von Pfeilen nicht jedem Pfeil folgen.
Vielleicht kennen sie diesen tiefliegenden Raum nicht einmal. Ich selber bin ja nur in einem Bruchteil der Räume des Forts gewesen, und so wird es jedem anderen auch gegangen sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Raum also leer, und wenn überhaupt niemand in diesem Raum ist, dann braucht der Pfeil nur noch auf etwas Brennbarem zu landen.
Und genau das geschieht. Es vergehen einige Minuten, bis die ersten Effekte eines sich ausbreitenden Feuers sichtbar werden. Aus einem der höher gelegenen Fenster kommt plötzlich eine feine Rauchfahne, die sich sehr rasch zu dickem Qualm verstärkt. Dann sind auch andere Fenster dran, immer mehr.
Ich höre lautes Rufen innerhalb des Forts. Sie haben es gemerkt, aber jetzt ist es zu spät. Schon dringt Prasseln und dumpfes Röhren bis hierher. Das Feuer muß guten Zug haben.
Nun qualmt es an verschiedenen Stellen des Daches. Nur zwanzig Sekunden nach der ersten Rauchfahne auf dem Dach bricht an einer Stelle das Feuer hervor. Funken sprühen, und innerhalb des Forts beginnt es, mächtig zu brausen. Der hohe Sauerstoffgehalt der Luft, denke ich - jetzt macht er sich bemerkbar.
Wahrscheinlich verlassen die Verteidiger das Fort jetzt über die rückwärtige Zugbrücke. Das kann ich von hier aus nicht sehen, aber ich sehe einige Gestalten an das Ende der diesseitigen ehemaligen Zugbrücke treten. Offenbar werden sie vom Fort aus nicht mehr beschossen. Sie haben gewonnen. Das Gefecht, nicht das Fort, natürlich. Das ist verloren.
Der Turm! Das Feuer ist zwischen Zugbrücke und Charmions Turm ausgebrochen, und es weitet sich rasch aus. Der Turm wird zwar noch nicht von Rauch eingehüllt, weil in der windstillen Luft die Feuer- und Rauchwolken senkrecht nach oben abgehen, so, wie sie aus den Dachstühlen hervorbrechen, aber es kann nicht mehr lange dauern, bis der Turm direkt betroffen ist.
Auch innerhalb des Fort wird sich das Feuer auf die Räume unter dem Turm zubewegen. Der Weg aus dem Turm durch das Fort dürfte bereits versperrt sein. Charmion muß außen rum. Hoffentlich merkt sie es! Das Feuer kann sie ja kaum übersehen.
Mitten im Fort bricht ein Dachstuhl zusammen. Im Inneren geht eine Lawine von Steinen und brennenden Balken nieder, die eine beeindruckende Wolke aus Funken auslößt. Brennende Splitter werden aus der klaffenden Lücke des Daches überallhin geschleudert, wie bei einem Vulkanausbruch. Kurz darauf geschieht das noch einmal, und eine Seitenmauer dicht unter einer Dachkante bricht nach außen weg. Die Trümmer würden auf die Zugbrücke fallen, wenn sie noch existierte. Jetzt fallen sie tiefer, auf die Toten, die da unten liegen. Ob der Mann da unten noch schreit kann ich jetzt nicht mehr hören. Der Lärm ist zu heftig.
Nun sehe ich die ersten Rauchfahnen aus den Schießscharten von Charmions Turm. Und ich habe sie noch nicht fliehen sehen! Hat sie sich schon früher davongemacht? Oder ist sie im letzten Moment durch das Fort geflohen? Hat sie es noch geschafft, oder wurde der Weg ihr bereits durch einstürzendes Gemäuer versperrt? Liegt sie am Ende gerade jetzt unter Trümmern und kann nicht mehr weg? Verbrennt sie in diesem Augenblick?
Ich kann nichts tun. Selbst, wenn mein Mut ausreichen würde, in das brennende Fort hineinzugehen - und ich weiß, er reicht nicht aus, denn es wäre jetzt schon Selbstmord - könnte ich ja nicht hinüber, ohne Zugbrücke. Und Schluchtwand und Seeufer sind zu steil, und der Felsen, auf dem das Fort steht, auch.
Nun sehe ich im Turm Licht, und der Rauch aus dessem Dachstuhl und Schießscharten ist recht heftig. Soweit ist das Feuer also schon. Wenn sie in ihrer Turmkammer geblieben wäre, dann müßte sie sich spätestens jetzt etwas einfallen lassen.
Der Luftzug bewegt bereits Balken auf dem Dach des Turmes. Jede Sekunde muß das Feuer sich bis dort vorgearbeitet haben.
Da bricht eine ganze Außenwand des Forts in die diesseitige Schlucht hinunter, in der Höhe von den Grundmauern über alle Stockwerke bis zum Dach. Eine Lawine von Feuer und Steinen fällt in die Schlucht, und der Boden zittert noch dort, wo ich mich aufhalte. Eine gigantische Feuerwolke bildet sich und reißt sogar noch schwere Balken mit sich wieder in die Höhe. Für einige Sekunden spüre ich einen Gluthauch auf meiner Haut - ein Schauer von intensiver Wärmestrahlung aus der Feuerwolke. Sogar der immerwährende Nebel rundherum wird durchgerührt und durch die Hitze ausgedünnt, und für Sekunden glaube ich, durch dunkle Flecken die ferne Höhlendecke erkennen zu können. Wie das wohl von weit weg über den Wolken aussieht? Der Einbruch hat eine Schneise quer durch das ganze Fort geschlagen, quasi dem Fort das Rückgrat gebrochen.
Nun brennt auch der Dachstuhl von Charmions Turm, und weil die Zerstörungen des Forts schon sehr weit fortgeschritten sind, wird er wohl nicht mehr lange halten. Eigentlich erstaunlich, wieviel Holz in diesem Fort verbaut worden ist. Aber ich denke, es ist auch eine ganze Menge Dreck und Gerümpel, der da mitverbrennt.
30.3 Charmions Sprung
Da sehe ich, direkt neben dem Feuer auf dem Turmdach und durch dieses in Richtung ehemalige Zugbrücke weitgehend gedeckt, einen Arm aus einer aufgerissenen Öffnung hervorschießen. Ein zweiter folgt. Dann schwingt sich Charmion behende auf das Dach. Sie sieht nicht im mindesten verletzt aus. Warum hat sie bis zum Schluß ausgeharrt? Jetzt muß sie schnell machen, daß der Turm nicht noch unter ihr zusammenbricht.
Man merkt an der Schnelligkeit ihrer Bewegungen, daß sie das wohl weiß. Sie beginnt sofort, ohne jede Seilsicherung an der diesseitigen Außenwand des Turmes abzusteigen. Dabei ist sie gerade eben noch durch die Krümmung der Turmwand den Blicken der Männer, die immer noch in der Nähe der ehemaligen Zugbrücke stehen, entzogen.
Es ist verdammt gefährlich. Nicht klettertechnisch, da sind genügend Griffe und Tritte in der Mauer des Turmes. Das ist für Charmion kein Problem. Aber noch während sie klettert, verwandelt sich der Turm in einen Schornstein. Rund um Charmion herum fallen brennende Kleinteile, Reste des Daches und des Inhaltes der Turmkammern. Jeden Moment können die Balken, die dem Turm noch Stabilität geben, brechen und die Zwischenböden bersten. Die Männer an der ehemaligen Zugbrücke sehen deshalb den Turm auch besonders genau an, weil sie da nicht zu Unrecht den nächsten spektakulären Zusammensturz erwarten.
Dabei bemerkt einer Charmion, als sie die Basis des Turmes erreicht. Ich höre es an ihren aufgeregten Stimmen. Ich würde Charmion ja gerne drauf aufmerksam machen, aber sie sieht nicht in meine Richtung. Im Moment hat sie das Problem, daß es den Felsen hinunter kaum noch gute Griffe gibt. Eigentlich überhaupt keine. Wahrscheinlich würde sie es trotzdem schaffen, wenn sie Zeit zum Überlegen hätte. Die hat sie aber nicht. Sie zögert einen Moment. Jede Sekunde kann der Turm über ihr wie Luzifers Hammer auf sie herniedersausen.
Dann springt sie - aus 50 Meter Höhe. Mein Gott, da unten sind wir doch am Anfang einmal Schwimmen gewesen, da ist das Wasser doch nicht tief genug, schon gar nicht für einen Sprung aus 50 Metern Höhe!
Es sind angstvolle drei Sekunden. Sie rotiert auf den Rücken, legt die Hände flach auf die Nieren, Ellenbogen waagerecht nach außen, Kinn auf die Brust. Mit flachem Rücken schlägt sie auf das Wasser. Wie ein Gewehrschuß hört es sich an. Wenn man sie bis jetzt noch nicht bemerkt hätte, jetzt wäre das der Fall. Ich erwarte, daß ihre Eingeweide auf dem Wasser schwimmen werden, wenn die Fontäne wieder in sich zusammenfällt. Einem normalen Menschen müßte dieser Aufschlag die Bandscheiben in die Gaumensegel hineinrammen.
Die Fontäne fällt in sich zusammen, und die Wasseroberfläche ist leer. Da wird meine Aufmerksamkeit durch ein Krachen aus der Höhe abgelenkt. Der Turm - es ist soweit.
Wie eine Diva, die ihre Röcke gleichzeitig fallen läßt, so brechen die Turmmauern nach außen in alle Richtungen weg. Die Einsturzwelle pflanzt sich sofort in die Teile des Forts fort, die noch stehen. Rund um den Felsen des Forts fallen Steine wie Hagel ins Wasser - wie tonnenschwerer, tödlicher Hagel. Diese Hagelkörner werden auch viele Meter unter Wasser wenig von ihrer Wucht verloren haben. Und sie fallen sogar noch weiter vom Felsen des Forts entfernt ins Wasser als die Stelle, wo Charmion aufgeschlagen ist. Ich versuche, den See, der auf fußballfeldgroßen Flächen wild schäumt, mit meinen Blicken zu durchbohren. Die zweite Feuersäule, die der Einsturz des Turmes gebildet hat, interessiert mich jetzt nicht, auch wenn ich ihre Hitze wieder auf meiner Haut brennen spüre.
Was ist mit Charmion? Ist sie beim Aufschlag auf das Wasser ums Leben gekommen? Oder war der Sprung selber ein in dieser Weise beabsichtigtes Manöver, und sie ist erst dann, noch unter Wasser, von den Mauerbrocken des Turmes erschlagen worden?
Große Wellenfronten wandern auf den See hinaus, die langwelligen weit voran, die mit etwas kürzerer Wellenlänge langsamer hinterher, so, wie man das in der Vorlesung über Schwingungsphysik vorgeführt bekommt. Die Männer, die noch an der ehemaligen Zugbrücke stehen, müssen Charmions Ende, oder das, was man plausiblerweise dafür halten müßte, auch verfolgt haben. Vielleicht ist es gut so, denn ich glaube noch nicht, daß es Charmion unbedingt erwischt hat. Erst ist sie auf dem brennenden Turmdach materialisiert, als ich schon die schwärzesten Phantasien über ihr Ende hatte. Und jetzt - gewiß, der Turm ist früher zusammengestürzt als sie es vielleicht vorhergesehen hatte. Aber der Aufschlag auf dem Wasser - ich erinnere mich, wie sie vom Saurierfänger aus ganz alleine diesen Fischsaurier bekämpft hat. Auch dort ist sie aus großer Höhe ins Wasser gesprungen. Nein, das war Absicht, so wie sie jetzt ins Wasser gesprungen ist. Sie wußte ja, daß es flach war, sie konnte sich darauf einrichten. Bleibt nur die Frage, ob sie dem kolabierenden Turm entkommen ist.
Allmählich nimmt das Wasser wieder seine normale Farbe an. Es bleiben Schaumstreifen, aber das Wasser ist schon weitgehend blasenfrei. Überall schwimmen verkohlte Holzstückchen, aber nichts, was an menschliche Körperteile erinnert. Nichts, was wie Blut im Wasser aussieht. Ich habe konkrete Hoffnung.
Was würde ich an ihrer Stelle tun? Ran ans Ufer, um in den Sichtschutz des Steilufers zu gelangen. Dann würde ich die nächste Stelle anschwimmen, wo ich das Steilufer überwinden könnte, um mich dann in den Wäldern zu verbergen. Und ich würde es schnell tun, weil ich ja damit rechnen müßte, daß nicht alle Zuschauer von meinem Tod überzeugt wären.
Die nächste Stelle, wo Charmion leicht die FelsWand des Seeufers ersteigen kann, ist Ooms Platz. Woanders könnte sie es auch schaffen, aber vielleicht ist sie ja doch verletzt.
Ich springe auf und laufe los, am Seeufer entlang, in Richtung Ooms Platz, weg vom Fort. Was Oom wohl über das brennende Fort denkt? Ob er es überhaupt gesehen hat?
Zu spät wird mir durch die überraschten Ausrufe hinter mir klar, daß die anderen mich sehen. Zu dumm. Wieder unüberlegt gehandelt. Ist egal, einholen können sie mich nicht, wenn sie es versuchen sollten. Ich bin wohl der beste Läufer auf Casabones, Charmion ausgenommen. Nur werde ich nachher Erklärungsschwierigkeiten haben.
Ich bin nicht sicher, ob jemand versucht, mir zu folgen. Wahrscheinlich nicht. Noch ist das brennende Fort zu interessant. Sowas sehen die Meuterer sobald nicht wieder. Wenn sie in irgendwelche normalen sozialen Strukturen eingebunden wären, dann würden sie das noch ihren Enkeln und Enkelinnen erzählen. - Dazu wird es aber bei kaum einem kommen, denke ich mir.
Ich laufe nahe an der Kante des Seeufers, um zu sehen, ob Charmion irgendwo auftaucht. Ich bin so sicher, daß meine Überlegungen korrekt sind, daß ich gar nicht auf die Idee komme, es könne anders sein.
Ich erreiche nach raschem Lauf die Stelle, wo der Klippenpfad zu Ooms Platz hinunterführt. Heftig atmend bleibe ich stehen. Vom brennenden Fort ist hier wegen des Nebels nichts mehr zu sehen, also wird Oom auch nichts gesehen haben. Aber man hört noch ein dumpfes Grollen aus der Richtung des Forts, das allerdings von Sekunde zu Sekunde an Lautstärke abnimmt.
Ich spähe über die Klippen. Charmion ist dort unten nirgends zu sehen. Eigentlich klar - ich kann wohl immer noch schneller laufen als sie schwimmt.
Deshalb beginne ich, langsam auf der Klippenkante in Richtung Fort zurückzugehen. So muß ich sie abfangen oder frühzeitig sehen. Sie kann eigentlich sich am Seeufer nicht anders als schwimmend fortbewegen, weil nur an Ooms Platz vor den Klippen ein flaches Uferstück ist.
Ich bin noch nicht weit gegangen, da fällt mir eine flache Wellenfront auf, die auf den See hinaustreibt, kaum wahrnehmbar, weil die gesamte Wasserfläche durch den Turmeinsturz immer noch bewegt ist, sogar bis hierher. Als ich mich über die Kante beuge, habe ich endlich Grund zum Aufatmen: Da ist sie, keine zwei Meter von der FelsWand entfernt und schnell kraulend. Es ist beneidenswert, wie wenig Wellen sie bei dieser Fortbewegungsart überhaupt macht - wenn ich das mit meiner ineffektiven Plantscherei vergleiche, die ich anstelle, wenn ich das Kraulen auch nur versuche!
Ich überlege, ob ich sie anrufe, entscheide mich aber dagegen. Am besten, ich gehe gleich an der Klippenkante zu Ooms Platz zurück. Dort wird sie mir dann, wenn sie da aufsteigt, geradewegs in die Arme laufen.
"Was sehen wir denn da so Interessantes, Herwig?" sagt eine betont leise Stimme wenige Meter hinter mir. Ich drehe mich hastig um.
30.4 In der Falle
"Ruhig, ganz ruhig!" sagt Osont. Er hält sein Schwert vor mein Gesicht, in unangenehmer Nähe meiner Augen.
"Weg von der Kante!" sagt er kurz. Zwei weitere Männer, die jetzt hinter dem Gebüsch hervorkommen, winkt er zur Klippenkante hin. Einer wirft sich auf den Boden und späht vorsichtig über die Kante. Er nickt. Dann schiebt er sich wieder zurück.
"Ist das nicht deine kleine Freundin, Herwig?" fragt Osont leise und scharf, "Wie kommt das, daß sie hier ist? Genauer gefragt, wie kommt es, daß sie vor kurzem noch im Fort war?"
"Ich weiß nicht!" sage ich und weiß in demselben Moment, daß mir das keiner glaubt.
"Soso. Er weiß es nicht. Weißt du auch nicht, wo sie an Land kommen wird? Das wird sie doch jetzt irgendwo, oder?"
Als ich nichts darauf sage, winkt Osont ab:
"Du brauchst nichts zu sagen. Wir folgen ihr einfach. Irgendwo wird sie schon raufkommen. Und dann haben wir sie."
Und warnend fuchtelt er mit seinem Schwert dicht vor meinem Gesicht herum:
"Du wirst sie doch nicht zu warnen versuchen, oder? Wenn du es auch nur versuchst, werde ich dir eigenhändig die Zunge abschneiden. Und es wird ihr dennoch nichts nützen! Wir unterhalten uns später noch!" Und zu einem der Männer: "Ollrach, bleib hier und paß auf ihn auf!"
Sie sind in Eile, weil Charmion ihnen unterdessen davonschwimmt. Osont und einer der Männer verfallen sogar in den Laufschritt, um ihr zu folgen. Der andere, der Ollrach genannt wurde, bleibt stehen:
"Hinlegen!" sagt er, "Auf das Gesicht! Nicht zur Seite sehen!"
Ich muß schon tun, wie er das will. Einen Moment schon befürchte ich, daß er vielleicht schwul ist wie viele der Meuterer und die Gelegenheit wahrnimmt, sich einen warmen Arsch zu genehmigen. Aber so schlimm ist es denn doch nicht. Er legt nur Wert darauf, daß ich nichts sehe und er auf diese Weise nicht dauernd mit seiner Waffe drohend hantieren muß. Wenigstens auf die Faulheit der Meuterer kann man sich verlassen, auch wenn mir das jetzt wenig nützt.
Einige lange Minuten vergehen, sogar einige Dutzend, in denen ich den Boden Casabones aus nächster Nähe studieren kann. Dabei merke ich, daß meine beginnende Altersweitsichtigkeit Fortschritte macht, sowenig, wie das Wort 'Fortschritt' da angemessen ist. Es fällt mir schwer, Einzelheiten auf dem Boden, in den ich mein Gesicht drücken muß, scharf zu sehen, und meinen Kopf heben um die Fokussierung zu erleichtern darf ich ja nicht.
Endlich knirschen wieder Schritte. "Aufstehen!" kommandiert mein Bewacher. Gerade als ich mich erhebe, kommen Osont und der andere Mann mit Charmion auf uns zu. Wenn ich die Zeit richtig abschätze, ist sie tatsächlich an Ooms Platz an Land gegangen und dort abgefangen worden.
"Das hättest du sehen sollen, Ocaichm!" ruft der andere Mann meinem Bewacher schon aus einigen Dutzend Metern Entfernung zu, während er ihr das obligate Schwert über dem Nacken hält, "Da war so ein alter Trottel, der sich da tatsächlich niedergelassen hat! Wie der gequiekt hat!"
Ich erfahre nicht, was sie mit Oom angestellt haben. Ich muß sowieso das allerschlimmste annehmen. Charmion hat wieder Schürfwunden und blaue Flecken, aber ich weiß nicht, ob das von ihrer Flucht aus dem Turm herrührt oder von ihrer Festnahme gerade eben. Wesentlich verletzt scheint sie nicht zu sein, aber ich kann sie jetzt nicht fragen.
"So. Das wäre das." sagt Osont sichtlich befriedigt, "Du siehst, Herwig, wir sind gar nicht so blöd!"
Und zu Charmion: "Und nun zu dir. Was hast du in dem Fort gemacht?"
Aus den Augenwinkeln sehe ich, daß mein Bewacher kaum seine Erektion verbergen kann. Begierig sieht er Charmion von oben bis unten an. Also schwul ist er nicht. Das bringt aber Charmion in Gefahr. Wahrscheinlich wird sie eine Vergewaltigung seelisch weniger schwer mitnehmen, bei den Sexualgewohnheiten, die in dieser Welt üblich sind. Aber mir paßt es nicht, wenn Charmion jetzt für den aufgestauten sexuellen Druck von wer weiß wie vielen Meuterern herhalten muß.
"Sie ist krank, deshalb!" werfe ich ein. Der Mann mit der postkartenreifen Erektion neben mir schlägt mir so schmerzhaft in den Bauch, daß ich haltlos zusammenklappe, Für die nächsten Sekunden wünsche ich nur, daß der Schmerz aufhören möge. Sollen sie sie doch vergewaltigen, denke ich, wenn sie mich dann nur nicht schlagen. Als der Schmerz abebbt, ringe ich mich zu dem Kompromiß durch, wenigstens in Zukunft vorsichtig zu sein. Ich blicke auf. Alle sehen auf mich herab, auch Charmion. Ich kann ihren Gesichtsausdruck nicht deuten. Den von Osont schon:
"Herwig, bitte, unsere Spielregeln! Ich stelle die Fragen! Und ich möchte, daß derjenige sie beantwortet, dem ich sie stelle, und niemand sonst! Kapiert?"
Ich nehme an, daß es als Zustimmung aufgefaßt wird, wenn ich nichts sage. Ein Tritt in meine Nierengegend korrigiert diese Auffassung.
"Kapiert?" fragt Och drohend.
"Ja." sage ich.
"Gut. Steh auf. - Schneller."
Als ich endlich stehe - es geht, wenn mir auch zwischen unteren Rippenbogen und Schambeinen alles wehtut, wendet er sich wieder an Charmion: "Was ist das für eine Krankheit?"
30.5 Nützliche Krankheiten
Das kann sie ja nun nicht wissen, weil ich mir diese Ausrede ja eben erst ausgedacht habe. Aber da habe ich Charmion wohl unterschätzt. Unter den vielen Dingen, die ich ihr aus unserer Welt erzählt habe, waren auch ein paar Bemerkungen über Krankheiten, unter anderem Haut- und Geschlechtskrankheiten.
"Er hat es mitgebracht," sagt sie und sieht mich gekonnt vorwurfsvoll an, "und ich darf niemanden anstecken. Deshalb sollte ich im Fort bleiben, bis es vorbei ist."
"Mmh." überlegt Osont. Er ist sich unklar, ob er das glauben soll.
"Du siehst aber ganz gesund aus!" Bei den Worten grinst der Mann neben mir wieder. Er faßt sich selbst hingebungsvoll unter seinen eigenen Rock. Ich erwarte jede Sekunde, daß er sich nebenbei einen runterholt. Oder er wird sie vergewaltigen - die Rache des kleinen Mannes.
"Es äußert sich in Blutungen - so fängt es jedenfalls an. Hier!" Ohne weiteres hebt sie ihren Rock. Alle Umstehenden können ihr Geschlecht deutlich sehen. Und tatsächlich: an ihrem inneren Oberschenkel ist eine feine Blutspur, der man ansieht, daß sie tatsächlich erst vor allerkürzester Zeit zwischen ihren Schamlippen hervorgetreten sein muß. Das Blut ist noch nicht einmal angetrocknet.
Ich begreife, was sie vorhat. Ein Stoßgebet zum Schutzpatron aller Gynäkologen: Charmion hat ihre Tage. Wir haben großes Glück, daß sie überhaupt diesmal sichtbare Regelblutungen hat, denn die sind ja bei den GranitBeißerinnen viel schwächer als bei den Frauen auf der Erdoberfläche. Außerdem war sie gerade im Wasser - wenn der Blutaustritt schon länger hergewesen wäre, dann wäre das Blut schon längst wieder abgespült worden.
Die Chancen sind gut, daß keiner der anwesenden Meuterer so detaillierte medizinische Kenntnisse hat, daß sie den Vorgang als eine Routineangelegenheit erkennen. Die meisten haben ja seit Jahren oder Jahrzehnten keine Frau aus der Nähe gesehen, und davor auch nur in unterprivilegierten Stellungen, aus denen man keine Fragen zu stellen hat, schon gar nicht Fragen zu medizinischen Angelegenheiten der Mitglieder einer privilegierten Klasse.
Osont läßt sich auf die Knie und sieht es sich ganz genau aus der Nähe an. Er leidet jedenfalls noch nicht an Altersweitsichtigkeit, stelle ich fest.
Er schnüffelt. Ich bezweifele allerdings, daß er etwas riecht - bei seinen eigenen Ausdünstungen, und Charmion war ja auch gerade im Wasser. "Ist das alles?" fragt er. Irgendwie habe ich den Eindruck, daß die Frage an mich gerichtet ist, weil ich diese Krankheit angeblich mitgebracht habe.
"Ja, am Anfang schon." sage ich. Kein Schlag in den Bauch, also darf ich weiterreden: "Später kommt Eiter dazu. Erst dann gibt es Fieber, in schlimmen Fällen auch Wahnvorstellungen. Aber diese Seuche können unsere Ärzte behandeln, und man kann sie sowieso nur mit Geschlechtsverkehr übertragen. Beim Mann sind die Symptome anders. Dort kommt es meistens nicht zu einem Anfaulen des Bauchraums."
"Sondern?" fragt Osont mißtrauisch und steht wieder auf.
"Sondern es bleibt bei rein äußerlichen Erscheinungen. Es gibt Borken von Fäulnis, manchmal nur geht es in die Tiefe und bricht dann geschwürig auf. Es kommt dann zum Abstoßen kranken Fleisches. In schweren Fällen fällt beim Mann das Glied einfach ab. Die Wunden heilen dann aber wieder, und es bleibt lebenslange Immunität zurück."
Der Mann neben mir hat nicht alles verstanden, schon gar nicht meine versuchten Übertragungen der medizinischen Fachausdrücke in die Xonchen-Sprache, aber das wesentliche hat er schon begriffen. Sein sexuelles Interesse an Charmion schwindet sichtbar.
"Und wieso hast du es nicht, wenn du sie angesteckt hast?"
"Ich wurde durch unsere Ärzte behandelt. Deshalb habe ich keine Fäulniserscheinungen, aber die Ansteckungsgefahr bleibt. Ich wußte es selbst nicht. Ich hätte es aber wissen müssen - es ist meine Schuld, daß ich sie angesteckt habe. Diese Krankheit ist heimtückisch!"
Osont scheint die Vermutung zu haben, daß er das Opfer einer Veralberung sein könnte. Aber er kann nichts beweisen, und das Blut zwischen Charmions Beinen kann ja jeder sehen. Das ist echt. Also ist da irgend etwas dran.
"Wie heißt denn diese Krankheit?"
"Menstruation." sage ich. Das ist nicht gelogen. Das ist auch das einzige, was ich in den letzten Minuten nicht gelogen habe.
"Okay." sagt Osont, "Sie war krank. Meinetwegen. Ist das ein Grund, sie im Fort zu verstecken?"
"Ja! Wir brauchen sie! Und die Krankheitserscheinungen sind schwächer, wenn sich der Patient schont!"
"Wir brauchen sie nicht. Wir schaffen alles alleine. Wir brauchen dabei keine Frauen. Eine Frau ist nur ein Sicherheitsrisiko."
"Wieso denn?"
"Wieso sollte sie daran mitarbeiten, uns die Flucht von Casabones zu ermöglichen! Das macht doch keinen Sinn! Sie bekommt nur Schwierigkeiten, wenn sie dazu später befragt wird!"
"Natürlich bekommt sie die. Aber wir bekommen die auch so. Glaubst du, niemand wird etwas dagegen unternehmen, wenn bekannt wird, daß es 2000 Gefangenen gelungen ist, von Casabones wegzukommen? Sie werden euch jagen! Bis ans Ende der Welt werden sie euch jagen!"
"Sie werden UNS jagen," stellt Osont klar, "du gehörst dazu. Sie aber nicht."
"Selbst, wenn es so wäre, dann ist das noch lange kein Grund, sich ihrer zu entledigen!"
"Nein? Und wer hat die Schneidgrasbündel am Sumpfteich angezündet?"
"Woher soll ich das denn wissen?"
"Ist das nicht klar? Es muß jemand sein, der Interesse daran hat, uns soviel Schwierigkeiten wie möglich zu machen! Und dann ist ja auch noch zu fragen, warum sie den Leuten, die das Fort besetzt haben, geholfen hat!"
"Hat sie doch gar nicht!"
"Ach nein? Warum denn nicht? Es war eine ganze Gruppe von Rebellen. Wie hätte sie sich denn gegen deren Willen im Fort frei bewegen können?"
"Sie hat sich nicht frei bewegt, sie hat sich versteckt!"
"Ach! Und woher weißt du das? Wer hat sie denn versteckt?"
Da ich nicht gleich antworte, nimmt Osont das als implizite Antwort.
"Wir bringen sie zum Dorf!" entscheidet er, "Ollrach, du gehst zwischen ihnen! Sie sollen nicht miteinander reden. Ich gehe hinter Herwig, und du, Ocaichm, gehst hinter ihr. Bei Fluchtversuch sofort schlagen! Und Ocaichm, faß sie nicht an - wegen dieser Krankheit. Wie heißt du überhaupt?"
"Charmion." knirscht Charmion.
"Charmion, eh? Komischer Name. Auf geht's!"
30.6 Gefangenentransport
Sie passen tatsächlich auf. Charmion und ich können bis zum Dorf kein einziges Wort wechseln. Ab und zu gelingt es mir, an Ollrach vorbei einen Blick auf sie zu werfen. Sie ist anders als sonst. Obwohl sie nicht wesentlich verletzt ist, geht sie, als ob sie geschlagen worden wäre. Ich vermisse die schnellen Blicke, mit denen sie eigentlich ständig die Umgebung auf Fluchtmöglichkeiten abtastet. Hat meine Charmion etwa schon aufgegeben? Das kann doch nicht sein. Sie sollte sogar in der Lage sein, mit guter Aussicht auf Erfolg unsere drei Bewacher überraschend zu entwaffnen.
Was sie wohl mit Oom gemacht haben?
Wir marschieren am brennenden Fort vorbei. Das Feuer ist schon sehr zusammengesunken, aber nahe der ehemaligen Zugbrücke, einige Meter hinter der Kante, die vor der Infrarotstrahlung des Gluthaufens kaum schützt, sitzen immer noch einige Männer und sehen interessiert auf die qualmenden Überreste des einst so stolzen und alten Bauwerkes. Als sie uns kommen sehen, ist ihre Reaktion gemischt. Besonders, daß sie auch mich offenbar 'in Ketten' sehen, verwundert sie. Aber niemand stellt Fragen. Wir marschieren entschieden vorbei.
Später, im verlassenen Dorf - es ist schon 4 Uhr vorbei, eher schon 5 Uhr - marschieren wir über den Platz in der Dorfmitte, als Osont vor den Vollstreckungskreuzen auf einmal das Schweigen bricht:
"Heh, Charmion, du verstehst doch soviel von Seilen! Verstehst du auch etwas von Holz? Sind diese Kreuze gut genug?" Und alle drei lachen, als ob ihm da ein besonderer Scherz gelungen wäre.
Wir marschieren bis zum Sumpfteich. Ich hoffe immer noch, daß Och dem allen bald ein Ende macht, aber Osont scheint es nicht allzu eilig zu haben, Och hinzuzuziehen. Von den wenigen, die im Moment am Teich arbeiten, sucht er sich ein paar aus, die uns bewachen sollen. Er hat schon wieder eine Idee:
"Seht her!" sagt er und zieht mit seiner Ferse zwei deutlich sichtbare Kreise in den Boden, beide etwa zwei Meter im Durchmesser und im Abstand von ebenfalls zwei Metern voneinander.
"Jeder stellt sich in einen dieser Kreise hinein. Ihr könnt euch auch setzen! Wir sperren euch nicht ein, ist das nichts? Wenn ihr versucht, den Kreis zu verlassen, so werden diese Herren hier" und er macht ihnen klar, daß sie das, was jetzt kommt, als Befehl aufzufassen haben, "euch einen Fuß abschlagen. Beim zweiten Versuch noch einen Fuß. Dann die eine Hand und dann die andere. Und dann den Kopf. Einverstanden? Noch Fragen? - Und faßt sie dort nicht an - sie ist krank, und sie will alle anderen hier anstecken!"
Nachdem wir unsere Kreise betreten haben, zieht Osont schnell mit Ocaichm und Ollrach ab. Ich habe den Eindruck, daß sie keine weiteren Fragen abwarten wollen.
Es sind sechs Männer, die mit unserer Bewachung beauftragt worden sind. Sie sind zwar alle froh, nicht mehr in dem See arbeiten zu müssen, aber es ist ihnen nicht verständlich, warum wir plötzlich in Ungnade gefallen sind.
"Was habt ihr denn getan?" fragt mich einer.
"Ich weiß es nicht. Wir sind nur zusammen erwischt worden, und das paßt Osont nicht."
"Und von was für einer Krankeit hat er gesprochen?"
Ich äußere mich nur vage, weil ich nicht will, daß vielleicht doch jemand von den Anwesenden die Symptomatik als Monatsblutungen diagnostizieren kann und die Kunde verbreitet, daß das doch nicht ansteckend ist. Dann habe ich aber auch Fragen:
"Dürfen wir miteinander sprechen?"
"Osont hat nichts Gegenteiliges gesagt. Nur die Kreise verlassen dürft ihr nicht!" Der Mann scheint hilflos, fährt fast entschuldigend fort: "Ihr habt ja gehört, was er gesagt hat!"
Ich stelle mich am Rand meines Kreises so nahe zu Charmions Kreis auf wie möglich. Über den Abstand können wir uns aber unmöglich berühren, ohne unsere Bewacher in Zugzwang zu setzen.
"Charmion! Wie haben sie dich erwischen können?"
Sie steht mir genau gegenüber. Ihr Ton ist merklich kühl, aber sie antwortet sachlich.
"Sie haben Oom gezwungen, um Hilfe zu rufen."
"Als du an seinem Platz angekommen bist?"
"Ja. Die Hilferufe kamen aus seiner Hütte. Ich mußte kurz nachsehen, was da los war."
"Und?"
"Ich lief in die Hütte hinein. Natürlich rechnete ich damit, daß da jemand war, gegen den ich mich verteidigen mußte. Aber das war nicht so. Kurz vorher hatte jemand den Alten auf seiner eigenen Lagerstatt festgenagelt."
"Oh Scheiße."
"Ich konnte nichts mehr für ihn tun. Plötzlich waren sie da - sie haben sich tatsächlich irgendwo vor der Hütte vor mir verstecken können. Ich war unvorsichtig."
"Und dann haben sie dich festgenommen?"
"Ja. Und gleich das Ufer heraufgebracht, wo du und Ollrach waren."
"Und Oom?"
"Haben sie so liegengelassen, wie er war. Er wird einen langen Tod haben."
Unsere Bewacher sehen sich verwundert an, weil sie nicht genau wissen, wovon die Rede ist. Aber da uns die Unterhaltung nicht verboten wurde, greifen sie nicht ein.
"Dieser Osont ist gefährlich," sagt Charmion, "der will Macht. Ich glaube, gegen den kommt Och nicht an."
"Kann sein. Solchen Leuten begegnet man immer wieder, auch in unserer Welt. Bist du verletzt?"
"Nein."
"Gut. Dann sind unsere Karten noch nicht allzuschlecht gemischt."
"Welche Karten?"
Ich muß wieder die Xonchen-Übertragung von einer unserer Redensarten erklären. Dann versteht sie es aber schon.
"Warte es ab. Wir brauchen diese Leute, um von Casabones wegzukommen."
Die ganze Zeit ist ihr Tonfall fast bissig. Nach einer Pause fragt sie:
"Wie konnte es eigentlich geschehen, daß Osont ausgerechnet dort aufgetaucht ist, wo ich an Land gehen wollte? Sie wußten doch höchstens, daß ich an dem Seeufer entlangschwimmen würde!"
Das ist eine berechtigte Frage. Und ich brauche ihr die Antwort kaum zu erläutern: Ich habe sie dahingelockt, indem ich Charmion dem Ufer entlang zu folgen versuchte. Damit habe ich zu Charmions Gefangennahme beigetragen, und zumindestens mittelbar auch zu Ooms Tod. Mir bleibt nichts übrig als betreten zu schweigen.
Und so versickert das Gespräch. Charmion setzt sich, sichtlich sauer, in ihrem Kreis hin, und ich tue es auch. Unsere Bewacher sehen nicht lange ein, warum sie die einzigen sein sollten, die stehen müssen. Über kurz oder lang sitzen wir alle. Da Charmion vor sich auf den Boden starrt, fange ich ein Gespräch mit unseren Bewachern an, schon, um nicht dauernd Charmion anschweigen zu müssen:
"Wart ihr am Fort?"
"Nein."
"Dann wißt ihr auch noch nicht, daß es abgebrannt ist?"
"Ist es das? Wir haben es donnern gehört."
Ich erzähle, was vorgefallen ist. Erst einmal Smalltalk machen, um Lage und Stimmung zu erkunden. Es gibt ja keine wichtigen Informationen, die ich dafür preisgeben muß. Diese Männer haben keinen Groll gegen mich und lediglich die üblichen Vorbehalte gegenüber Charmion - naja, und einige können die äußeren Anzeichen sexueller Erregung kaum verbergen. Aber noch ist Charmion sicher, nicht nur wegen der behaupteten Krankheit.
Endlich kann ich die Sprache auf Osont bringen:
"Was hat er eigentlich vor?"
Niemand weiß es. Nach allgemeinen Dafürhalten koordiniert Och die Ausbruchsvorbereitungen. Aber Och ist schon eine ganze Zeitlang nicht mehr gesehen worden. Das ist seltsam.
"Vielleicht hat Osont einen Scherz gemacht, ich meine, mit der Anweisung, uns hier festzuhalten."
"Osont scherzt nicht." Der Mann, der spricht, gehört eigentlich nicht zu denen, die zu unserer Bewachung abgestellt worden sind, aber die anderen, die im See Schneidgras ernten, haben zum größten Teil ihre Arbeit unterbrochen, um uns zuzuhören, weil das ja viel interessanter ist. Der Mann, der gesprochen hat, ist mager, bärtig und kleinwüchsig und in mittlerem Alter.
"Osont scherzt nicht. Ich war mit ihm in einer Zwangsarbeitskolonie für Holzgewinnung in Menhindjan. Dort ist er häufiger durch große Grausamkeit aufgefallen. Er hat es irgendwie immer geschafft, für die angenehmen Arbeiten eingeteilt zu werden, und wenn das mal anderen gelungen ist, dann ist denen über kurz oder lang immer ein schlimmer Unfall passiert. Ich glaube, sogar die Aufseherinnen hatten Angst vor ihm, und sie hätten ihn wohl beseitigt, aber es wurde jede Arbeitskraft gebraucht. Als die Kolonie aufgegeben wurde, wurden wir hierhergebracht."
"Ist das denn sicher, daß diese Unfälle etwas anderes als Unfälle waren?" frage ich.
"Solche Unfälle können beim Holzfällen nicht passieren. Einmal, zum Beispiel, da fehlten beim Wecken zwei der Männer, die sich am Tag zuvor mit ihm gestritten hatten. Wegen was weiß ich nicht mehr. Als wir das Lager verließen, fanden wir den ersten auf einem spießartig aufgesplitterten Baumstumpf aufgespießt. Das Gelände war bereits freigeschlagen worden, es standen also in direkter Nähe keine Bäume mehr. Wie hätte er sich selbst auf einen drei Meter hohen Holzspieß fallen lassen können? Der andere lag unter einem am Vortag gefällten Baum, mit dem Bauche eingeklemmt. Er lebte noch, aber nicht mehr lange. Das war auch kein Unfall."
"Hat er Helfer gehabt?"
"Nein. Das heißt, ich weiß nicht. Vielleicht hat er jemanden gezwungen, mitzumachen. Es ist nie etwas herausgekommen, aber alleine kann man diese zwei wohl kaum in diese Lage bringen. Allerdings war damals die gängige Vermutung, daß sich unsere Aufseherinnen aus irgendeinem Grunde dieses Spiel haben einfallen lassen. Ich glaube, damals habe ich das geglaubt."
"Heute glaubst du es nicht mehr?"
"Da sind immer wieder solche Dinge vorgefallen, seitdem, und immer hat es irgendwie mit Osont zu tun gehabt. Erst, wenn er die Mehrheit hinter sich weiß, dann wagt er, offen anzugreifen."
"Wie ich es eben zu Charmion sagte: Solche Leute trifft man immer wieder. Wenn das so ist, wie ihr sagt, dann habe ich schlimme Befürchtungen über Ochs Schicksal. Hat es einmal eine Konfrontation zwischen Och und Osont gegeben?"
"Eigentlich nicht. Nicht direkt. Aber es ist klar, Osont möchte der Boß sein."
Das scheint mir jetzt allerdings auch klar. Dann ist es aber wahrscheinlich, daß Osont gerade dabei ist, seine Art der Personalpolitik zu betreiben. Ob wir Och noch einmal lebend wiedersehen? - Wenn rauskommt, daß Och davon gewußt hat, daß Charmion sich im Turm versteckt hat, dann Gnade ihm Gott. So ein Argument käme Osont gerade recht.
Aber nun passiert stundenlang nichts. Einige der Männer gehen wieder Schneidgras ernten, unsere Bewacher reden miteinander, Charmion legt sich hin und schläft oder stellt sich schlafend. Sie versucht nicht mehr, mit mir zu reden. Und ich kann darüber nachdenken, wie ich durch mein ungeschicktes Verhalten ihre und meine Festnahme erst ermöglicht habe.
Die ganze Zeit überlege ich auch dauernd, ob man nicht doch einen Fluchtversuch wagen sollte. Allerdings müßte ich mich darüber mit Charmion absprechen, und das geht schwer, denn so unaufmerksam sind unsere Bewacher trotz ihrer nicht allzugroßen Motivation auch nicht. Dabei wäre es machbar: Jeder von uns springt zu, schnappt sich irgendein Schwert, und dann den Weg freischlagen, irgendwohin, auf jeden Fall weg. Da man ganz ohne Risiko hier ja sowieso nicht leben kann, wäre das Risiko eines solchen Husarenstückes vertretbar.
Wenn es aber nur einem von uns gelingt, zu entkommen, dann hätte der andere das auszubaden. Vielleicht nicht gleich, aber spätestens, wenn Osont sich wieder blicken läßt.
Außerdem: wo sollen wir hin? Das Fort gibt es nicht mehr, und in den Wäldern sind die rebellierenden Gruppen, denen man vielleicht auch nicht über den Weg laufen sollte. Und wenn wir das täten, dann wäre es auch wesentlich schwieriger, sich irgendwann der Flucht von Casabones anzuschließen, wenn es einmal genug Fallschirme geben sollte.
11 Uhr vorbei. Beginn der normalen SchlafPeriode. Bis auf die Männer, die zu unserer Bewachung explizit eingeteilt wurden, haben alle in der letzten Stunde den Sumpfteich verlassen. Von unseren Bewachern haben sich zwei auf den Weg gemacht, um etwas zu essen zu besorgen. Als sie wiederkommen, gibt es nahezu Streit, weil sie Wurzeln statt Fleisch mitbringen. Mir ist es nur recht, und Charmion äußert sich nicht dazu. Jedenfalls läßt man uns nicht verhungern. Noch nicht.
Wir sind genötigt, unsere 'Notdurft', wie das schöne Wort heißt, wenn man das weniger schöne Wort 'Scheißen' vermeiden möchte, am Rande des Kreises zu erledigen. Zwar ist es auch unter den gemäßigt aufmerksamen Augen unserer Bewacher nicht möglich, den Haufen weit genug jenseits der Kreislinie zu plazieren, um danach gar nicht mehr vom Geruch belästigt zu werden, aber diese hockende Stellung ohne sonstige Hilfsmittel vor den Augen fremder Leute ist entwürdigend. Auch denkt niemand daran, uns irgend etwas zu bringen, was man anstelle von Toilettenpapier benutzen kann - Blätter oder so etwas, was sich eben anbietet, wenn man nicht gerade im Gefangenenstatus ist.
Charmion erledigt das wesentlich routinierter als ich, und ohne jede Spur von Verlegenheit oder Peinlichkeit. Ich bin sicher, daß sie früher, solange sie Mitglied der privilegierten Klasse war, so wie etwa auf dem Saurierfänger, nichts dabei gefunden hätte, einem Mann, wenn nötig, zu befehlen, ihr den Arsch im wörtlichsten Sinne sauberzulecken.
Dann gelingt es uns, zu schlafen. Im Gegensatz zu unseren Bewachern, von denen wenigstens einer immer wach sein muß, können wir durchschlafen. Allerdings müssen wir noch eine ganze Zeitlang die Streiterei anhören, bis unsere Bewacher endlich die Wachreihenfolge untereinander ausgemacht haben.
Wieder denke ich daran, daß vielleicht nicht alle ihren Wachdienst so ernst nehmen, und daß es in den nächsten neun Stunden durchaus Zeiten geben könnte, wo alle schlafen. Dann könnten wir entkommen, vielleicht sogar völlig gefahrlos. Aber wie soll man diese Zeiten feststellen, ohne selbst wachzubleiben?
Als ich jedenfalls wieder aufwache, weil eine gewisse Unruhe unter den Bewachern ausgebrochen ist, ist schon 20 Uhr vorbei. Charmion ist schon wach, sitzt aber anscheinend teilnahmslos da.
Wir kriegen auch wieder etwas zu essen, aber sonst passiert nichts. Es kommen wieder einige Männer, um im Sumpfsee Schneidgras zu ernten, aber es sind noch weniger als gestern. Entweder sind die anderen zu anderen Tätigkeiten eingeteilt worden, oder es macht sich bereits wieder eine Atmosphäre des Nichtstuns breit. Letzteres ist fast wahrscheinlicher - ich habe schon Leute schneller arbeiten sehen.
Erst, als die Mitternacht nach oberirdischer Zeitrechnung schon einige Zeit vorbei ist, hören wir die Geräusche einer näherkommenden größeren Gruppe. Endlich geschieht etwas, nachdem wir schon fast einen ganzen Tag hier zur Untätigkeit verdammt worden sind.
******** 031. Tag: Montag 1995-09-18 ********
31.1 Amateurgynäkologe
Es ist Osont mit weiteren vielleicht zwanzig Männern. Sie gruppieren sich um uns herum, manche mit dem Ausdruck von Schadenfreude oder gieriger Erwartung. Osont selbst stellt sich genau vor uns hin. Ich überlege mir, ob er erwartet, ob wir aufstehen sollten, um seine Stellung zu unterstreichen. Solche Erwartungen pflegen solche Charaktere ja manchmal zu haben. Ich entschließe mich aber, sitzen zu bleiben, vielleicht auch, weil Charmion auch keine Anstalten macht, aufzustehen, und wie käme dann ich dazu?
"Gut, gut." sagt Osont befriedigt, vielleicht, weil wir immer noch da sind, ohne einen erfolgreichen Ausbruchsversuch unternommen zu haben.
"Gut, gut. Ich nehme an, ihr habt euch gut erholt? Wie geht es deiner Krankheit?"
Das fragt er Charmion. Sie antwortet nicht.
"Hast du vielleicht etwas dagegen, daß wir so um dich besorgt sind?" fragt er sie. Mir gefällt sein Tonfall überhaupt nicht. Charmion wahrscheinlich auch nicht.
"Darf ich es noch einmal sehen?"
Charmion schweigt immer noch.
"Ist es dir unangenehm, wenn ich es tue? Hier, Freund Olbam hat Erfahrung. Er war Sklave in Grom. Nicht, Olbam?"
Ein kahlköpfiger Mann in mittlerem Alter tritt hervor.
"Er hat reiche Erfahrung," fährt Osont fort, "weil, er hatte besondere Aufgaben. Nichtwahr, Olbam? Seine lange, flexible Zunge wurde von seiner Besitzerin und ihren Gästen sehr geschätzt. Du kannst uns glauben, er hat schon viel gesehen!"
Als Charmion immer noch nicht reagiert, ändert sich sein Tonfall:
"Los! Rock hoch! Beine auseinander! Olbam?"
Zögernd kommt Charmion dieser Aufforderung nach. Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß sie sich überhaupt nicht darauf einläßt, sondern daß sie erst mit Gewalt zu dieser Inspektion gezwungen werden müßte.
Der Mann, der 'Olbam' genannt wird, läßt sich auf die Knie nieder. Wie Osont es schon gestern getan hat beäugt er Charmions äußere Geschlechtsteile aus allernächster Nähe. Er schnüffelt an ihr, als prüfe er das Bukett eines edlen Weines. Und er läßt sich Zeit.
"Nun, Olbam?" fragt Osont nach einer ganzen Weile, "Irgend etwas Ungewöhnliches? Irgend etwas Krankes?"
Olbam fährt fort, zu schnüffeln, als hätte er alle Zeit der Welt. Ich bin ziemlich sicher, wie es zu dieser Untersuchung gekommen ist: Wenn dieser Olbam in seinem früheren Leben, bevor er nach Casabones kam, vermöge seiner gelenkigen Zunge seine Herrin zu befriedigen pflegte, dann muß er etwas über Monatsblutungen wissen. Wahrscheinlich hat er sich selbst zu Wort gemeldet, als er die Beschreibung von Charmions 'Krankheit' hörte. Nun kann er seine Expertise wieder einmal unter Beweis stellen, seit wer weiß wie langer Zeit schon.
Nun fängt er auch noch an, an ihren Schamlippen zu lecken. Jedenfalls sieht es von hier so aus.
"Laß dir ruhig Zeit, Olbam! - Schmeckt's?" ermuntert Osont ihn. Er sieht interessiert zu. Die anderen auch. Einige lachen obszön, und es werden Bemerkungen gemacht, die mir zeigen, daß es immer noch einige Dinge in der Xonchen-Sprache gibt, die ich noch nicht kann.
"Ich bin schon ziemlich sicher, daß dieses eine ganz gesunde Frau ist!" sagt Olbam und wendet Osont einen Moment den Kopf zu, "Ein sehr schönes Tier, sozusagen. Ich muß noch genauer nachsehen. Aber es ist, wie ich vermutet habe: Es sind die üblichen Blutungen, die bei Frauen in unregelmäßigen Abständen auftreten. Das ist harmlos! Ganz harmlos. Keine Krankheit."
'Unregelmäßige Abstände'. So ein Experte scheint Olbam nun wieder auch nicht zu sein. Außerdem auch wieder ein Hinweis auf seine vereinfachte Denkstruktur: Bloß, weil es eine allgemein verbreitete harmlose Ursache der monatlichen Blutungen bei Frauen gibt, schließt das noch lange nicht aus, daß es auch weniger harmlose Ursachen mit der gleichen Symptomatik gibt. Diese Art von 'Logik' kann mich immer aufregen. Man findet sie bei vielen Menschen.
Außerdem ist sein Verhalten merkwürdig und schwer zu beschreiben: Ihm ist, wie allen anderen auch, seit frühester Jugend eingebleut worden, daß Frauen die alleinigen Akteure auf der Bühne gesellschaftlichen Geschehens sind. Alle anderen zählen nicht. Männer schon gar nicht.
Jetzt ist nur eine Frau da, und sie ist in der Gewalt dieser Männer. Nach aller Erfahrung würde man erwarten, daß an ihr alle ihre lange unterdrückte Wut ablassen. Aber irgendwie ist das nicht so. Da ist noch immer eine Spur alter Unterwürfigkeit, bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. An Olbam merkt man es ganz deutlich. Wenn Charmion ihm jetzt aus heiterem Himmel befehlen würde, einen Kopfstand zu machen, dann würde er es tun. Einen Moment lang wenigstens, bis ihm aufgeht, daß er ja nicht zu tun braucht, was Charmion ihm sagt.
Charmion muß das auch gemerkt haben. Nun mischt sie sich selbst ein: "Aber Olbam, siehst du nicht diese weißlichen Punkte?" fragt sie ihn. Olbam sieht noch einmal genau hin. Wenn er mit dem Kopf reinkriechen könnte, dann würde er es tun.
"Man sieht es nur aus etwas größerem Abstand - du wirfst nähmlich eine Schatten mit deinen Kopf, Olbam! Das Licht muß richtig drauf fallen. Und faß mal hier drauf - wie weich das ist! Das ist doch viel weicher als normal, oder?"
Was ist das denn? Charmion hat einen fast säuselnden Tonfall drauf. Sie plant irgend etwas. Ich spanne alle Muskeln. Olbam nimmt seinen Kopf etwas weiter zurück. Er gibt sich wirklich Mühe, aber er hat zwischen den Beinen einer Frau noch nie so angestrengt nachdenken müssen wie gerade jetzt. Er versteht einfach nicht, was Charmion ihm zeigen will.
"Noch etwas weiter. Dann sieht man es. Hier, und hier! Siehst du denn nichts? Sogar an meinen Oberschenkeln sieht man etwas. Oder bist du zu alt, um etwas aus der Nähe sehen zu können?"
Das ist Olbam natürlich nicht. Er nimmt seinen Kopf noch etwas weiter zurück. Eine Sekunde lang ist sein Kopf genau zwischen ihren unnötig weit gespreizten Knien.
Da schlagen ihre Knie zusammen, wie ein Paar Dampfhammer. Das Brechen von Olbams Schädel ist laut und deutlich zu hören, und Charmion wird von einem Schwall von Blut, Augen und Gehirn, der aus den Augenhöhlen von Olbams verformten Kopfes spritzt, bekleckert. Im Augenblick ist sie aufgesprungen.
Ich auch. Jetzt oder nie. Niemand achtet auf mich, deshalb gelingt es mir, einem der Umstehenden ein Schwert zu entreißen. Charmion gelingt das auch. Wir beginnen übergangslos mit der Schlachterei.
Und es ist eine Schlachterei, da gibt es kein beschönigendes Wort. Wir stehen gegen eine Übermacht, aber wir sind die körperlich leistungsfähigeren, und unsere Reaktionen sind schneller. Außerdem ist die Überraschung auf unserer Seite, ein Vorteil, der per definitionem nur wenige Sekunden währt.
Es geht um unser Leben. Ich habe keinerlei Hemmungen mehr. Ich will nicht geschlachtet werden, also schlachte ich. Das Schwert, das ich in der Eile ergriffen habe, ist gut.
Es sind unsere phlegmatischen Bewacher von vorhin, die uns am nächsten stehen. Es tut mir nicht leid, es darf mir keine Sekunde lang leid tun. Sie oder ich. Vier oder fünf strecke ich sofort nieder, und Charmion ist sogar noch effektiver. Nicht jeder Schwerthieb trifft, so daß manche mit schweren Verletzungen schreiend, aber wenigstens kampfunfähig zu Boden sinken. Wie träge sie zu ihren eigenen Waffen greifen! Osont bringt sich so ziemlich als allererster durch einen Sprung nach hinten in Sicherheit. Ziemlich schnell sind aber alle, die noch kampffähig sind, auf Distanz. Charmion und ich stehen in der Mitte. Ein erbarmungswürdiges Heulen liegt über der Szene - vor unserern Füßen liegt einer, dem ein Schwerthieb direkt durch beide Augen gegangen ist, und er schlägt dauernd vor Schmerzen mit dem klaffenden Schädel auf den Boden. Wir haben keine Zeit für einen Gnadenhieb.
Die Überraschung WAR auf unserer Seite, aber das ist jetzt schon Geschichte. Einige der Männer haben Bögen bei sich, die sie jetzt aus sicherer Entfernung auf uns richten.
"Schwerter fallen lassen!" brüllt Osont, "Sofort!"
Wir können sowieso nichts mehr tun. Durch ein paar Meter Abstand schwertkampfmäßig impotent geworden stehen wir in den Mitte. Vielleicht wäre da eine Sekunde lang Zeit gewesen, sich gezielt durchzuschlagen und erfolgreich einen Ausbruch zu machen. Diese Sekunde ist jetzt vorbei. Wir haben sie, in der Hitze des Gefechtes, damit verbracht, unsere unmittelbare Umgebung von Gegnern freizuhauen. Das ist jetzt ihr Vorteil. Wir sind von allen Seiten umstellt. Und in der Nähe liegt kein Bogen herum, den man sich mit schnellem Griff aneignen könnte.
"Schwerter fallen lassen!"
Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu gehorchen. Wir haben verloren. Verloren trotz der zehn oder zwölf Gegner, die wir geschafft haben, einschließlich Olbam, der seine letzte gynäkologische Palpationsuntersuchung für immer hinter sich hat.
"Es tut mir leid, Herwig!" murmelt Charmion, als sie ihre Waffe klirrend fallen läßt.
"War nicht deine Schuld." Die Männer kommen wieder näher, immer noch mit angriffsbereiten Waffen, als ob wir auch ohne Schwerter gefährlich wären. Osont kommt in gemessenem Abstand hinter den anderen. Sich selber in Gefahr bringen, das ist seine Sache nicht.
Ich erwarte fast sekündlich, daß man uns in Stücke hackt. Allein, ein rasches emotional begründetes Vorgehen unserer Gegner scheint nicht zu befürchten zu sein - die, die wir getroffen haben, haben wir so gründlich getroffen, daß sie entweder tot oder außer Gefecht sind. Die anderen hatten einfach Glück. Für sie ist der Vorfall immer noch überraschend gekommen, und da ihnen nichts weh tut, warten sie Osonts Anweisungen ab. Manche schauen verwundert die Toten und Verletzten an. Sie begreifen jetzt erst, was passiert ist.
Osont läßt sich Zeit. Als er feststellt, daß wir von genügend Waffen bedroht werden, tritt er vor die anderen. Ohne sich zu beeilen kümmert er sich um die Verletzten. Der mit dem fürchterlichen Schnitt durch den Gesichtsschädel ist zuerst dran. Ich fürchte, es war meine Tat, aber ich erinnere mich nicht an Einzelheiten während des Gefechts. Osont dreht ihn auf den Rücken, um sich das zerfleischte Gesicht interessiert und genau anzusehen. Daß der Mann fürchterlich leidet scheint ihn wenig zu interessieren. Aber die Schreierei stört ihn. Betont langsam setzt er dem Armen, der nicht sehen kann, was ihm bevorsteht, sein Schwert auf die Brust. Langsam drückt er es nieder, mit leichten Drehbewegungen, um der Klinge das Eindringen in den Thorax zu ermöglichen. Besonders, als die Klingenspitze etwa fünf Zentimeter tief eingedrungen ist und den Herzbeutel erreicht haben muß, schiebt er das Schwert mit Genuß extra langsam weiter. Will Osont herausfinden, wann der Schmerz im Thorax offenbar stärker wird als der im zerstörten Gesicht? Oder will er uns seine Grausamkeit demonstrieren? Es dauert fast eine Minute, bis der Mann endlich tot ist. Eine lange Minute. Wie lang für den Armen können wir nicht einmal ahnen.
Mit den anderen beiden ist er schneller fertig. "Noch jemand?" sagt er geschäftsmäßig und sieht sich um. Das ist nicht der Fall, also der nächste Tagesordnungspunkt: Charmion und ich.
Er tritt vor mich hin:
"Würdest du sagen, daß das, was ihr eben demonstriert habt, von großer Kooperationsbereitschaft zeugt?"
Ich habe nicht den Eindruck, daß er sehr daran interessiert ist, was ich sagen würde, aber ich habe noch die Schläge von unserer Festnahme in Erinnerung.
"Nein, das würde ich nicht sagen." sage ich in neutralem Ton. So neutral, wie es mir möglich ist - ich habe Angst.
Osont nickt. Er geht zu Charmion hinüber, sieht sie von oben bis unten an, dann sieht er in die Runde:
"Sie weiß ihre Schenkel gut zu gebrauchen. - Möchte jemand ihre Schenkel gebrauchen? Hat jemand das Bedürfnis? Dann wäre jetzt die Zeit dafür."
Eine der Klingen, die wieder einmal in großer Nähe meines Halses schwebt, rückt näher, wahrscheinlich, um mir jeden Gedanken an einen weiteren Versuch einer Heldentat auszutreiben.
Das Angebot, das Osont seinen Leuten gemacht hat, wird nicht wahrgenommen, trotz des sicher hoch aufgestauten sexuellen Druckes. Die meisten sind sich wohl nicht sicher, ob Charmion nicht trotzdem eine ernsthafte Krankheit hat. Und da liegt ja auch noch die Leiche von Olbam mit dem gräßlich deformierten Kopf. Nein, zwischen solch gefährlichen Schenkeln möchte sich doch lieber keiner von ihnen aufhalten.
"Keiner?" wundert sich Osont, "Nun gut. Dann werden wir das um so schneller hinter uns bringen. Auf, zum Dorf! Die beiden in der Mitte! Versucht nicht, wegzulaufen!"
Die ganze Gruppe setzt sich in Bewegung, wir wie befohlen in der Mitte. Es wird wenig gesprochen - den meisten Männern ist jetzt klar geworden, wie nahe sie selbst daran waren, zu denen zu gehören, die eben umgekommen sind. Alle behalten ihre Waffen in der Hand.
Diesmal geht Charmion direkt neben mir. Ich würde gerne ihre Hand nehmen, aber ich habe die Vision, daß dann ein Schwerthieb von hinten uns wieder trennen wird. Das ist so die Art Humor, die ich Osont zutraue. Und wir haben dann nur noch einen Armstumpf, der eine mehr, der andere weniger. Besser, wir berühren uns nicht. Wir sehen uns nicht einmal an.
Die Aufmerksamkeit der Männer, die um uns herum marschieren, ist auf's äußerste gespannt. Wir haben unsere Gefährlichkeit demonstriert. Sie werden uns bei der kleinsten, unerwarteten Bewegung erschlagen - da bin ich sicher. Ein plötzlicher Ausbruch ist nicht möglich, so etwas gemeinsam zu verabreden schon gar nicht. Ich überlege, ob es ein deutlicher Vorteil ist, daß die Männer um uns herum sehr dicht zusammen marschieren und sich deshalb beim Kämpfen gegenseitig genügend im Wege stehen, um unser Entkommen zu ermöglichen. Ich weiß es nicht. Ich fürchte, nein - es braucht ja nur ein Schwerthieb zu treffen - dann nützen die zwanzig anderen, die jemanden anderen getroffen haben, nichts mehr.
Wie erwartet hält die Gruppe in der Dorfmitte vor den Vollstreckungskreuzen an. Osont geht ein paar Schritte vor, tritt nacheinander gegen jedes und wählt die zwei aus, die seiner Meinung nach am stabilsten sind.
Da fällt aus der Höhe ein hohles Kreischen auf uns, und ein Schatten zieht über uns im Nebel hinweg. Ein kurzer Schreck durchzuckt mich, aber es ist nur ein verirrter Flugsaurier. Ist selten, hier oben auf Casabones. Wie ein böses Omen. Alle sehen kurz nach oben, aber das Tier ist zu rasch vorbei, als daß man Einzelheiten sehen könnte.
31.2 Kurzer Prozeß
"Eigentlich sind die Dinge klar," sagt Osont zu uns, aber so laut, daß es alle hören können, "seit wir an unseren Fluchtvorbereitungen arbeiten, hat uns immer wieder jemand in die Suppe gespuckt. Die Störungen am Steinbruch. Der Brand am Sumpfteich. Der Ausbruch dieser Frau aus dem Fort, wobei sie acht Menschen umbrachte. Dann ist sie danach wieder mit seiner Hilfe im Fort versteckt worden. Die Tötung von Ohochmoich, der wegen seiner zerteilten Brustmuskeln praktisch wehrlos war! Einen Wehrlosen hat er umgebracht! - Und dann hat er auch Ougom umgebracht."
Ungläubige Gesichter rundherum.
"Ja, das hat er!" fährt Osont fort, "Och wußte das zu berichten!"
Das hat Och sicher nicht freiwillig berichtet, denke ich. Also wird er wahrscheinlich auch schon nicht mehr am Leben sein.
"Das hat er alles gemacht! Einfach so! Wahrscheinlich, weil ihm die Fluchtvorbereitungen zu glatt gingen! Und dann, wer hat die Rebellengruppe in das Fort geführt? Zu einem Zeitpunkt, an dem nur diese Frau im Fort war? Wer kann das wohl nur gewesen sein? Und das Ganze mit dem bedauerlichen Ergebnis, daß das Fort völlig zerstört wurde?"
Wenn ich die Gesichter rundherum so ansehe, dann stelle ich fest, daß diese Argumentation auf fruchtbaren Boden fällt: Charmion war die einzig Anwesende im Fort, also muß sie etwas mit der Besetzung durch die Rebellen zu tun gehabt haben! Der Weg zu sauberen, kriminalistischen Untersuchungen in dieser Welt ist noch weit.
"Dann, der Versuch, eine Krankheit zu verbreiten!"
Wollte er nicht vorhin erst beweisen, daß die Krankheit gar keine Krankheit war?
"Als wir sie untersuchen wollten," fährt Osont fort, "fangen sie ohne Grund Streit an. Ich frage euch: Was ist von diesen Menschen zu halten? Was ist von Menschen zu halten, die immer noch behaupten, daß sie eigentlich nichts anderes im Sinn haben als uns zu der Flucht von Casabones zu helfen? Die aber immer dort, wo etwas schief geht, ihre Finger im Spiel haben?"
Er sieht in die Runde. Eigentlich traut sich niemand, etwas zu sagen, aber die Pause ist so lang, daß deutlich wird, daß Osont wünscht, daß ihm jemand beipflichten möge.
"Die müssen weg." sagt endlich einer. Andere stimmen zu, allerdings nicht alle voller Überzeugung. Osont muß das spüren.
31.3 Kuhhandel
"Ja, sie müssen weg. Und doch: Dieser Mann, Herwig, war es letztendlich, der die Vorschläge für unsere Flucht entwickelt hat. Vorschläge, die vielleicht funktionieren. Vielleicht aber auch nicht."
Zustimmung rundherum.
"Vielleicht ist er loyal. Vielleicht auch nicht. Wir wissen es nicht. Es gibt nur die eine Methode, es herauszufinden - wir müssen auf dem beschrittenen Weg weitergehen. Wir können ihn immer noch zur Rechenschaft ziehen, wenn es nicht funktioniert."
Deutlichere Zustimmung. Der Gedanke, daß die Chancen einer Flucht von Casabones mit Fallschirmen ganz wesentlich von mir abhängen könnten, scheint sich im Laufe der Zeit verbreitet zu haben. Osont muß dem Rechnung tragen.
"Es könnte also sein, daß wir ihn brauchen. Wen wir aber ganz gewiß nicht brauchen ist unser Mädchen hier, die mit den rabiaten Schenkeln und dem hübschen Köpfchen!"
Die meisten nicken, obwohl auch hier und dort ein Blick des Bedauerns auf Charmions Schenkel und ihren Busen und ihr Gesicht fällt. Die meisten hätten schon eine andere Verwendung für Charmion als die sofortige Beseitigung. Im Prinzip wenigstens, vorhin hat sich ja keiner getraut.
Andererseits kann Osont es sich auch nicht leisten, daß wegen ungeklärter Reihenfolge in der Abarbeitung der sexuellen Spannungen vermittels Charmion Aggressionen unter den Leuten entstehen. Es ist aus seiner Sicht klar: Charmion muß weg. Selbst, wenn er sie selbst haben wollte: Machtpolitik geht vor. Charmion hat ihn schon richtig eingeschätzt.
Sie, von der die ganze Zeit die Rede ist, steht mit gesenktem Blick in unserer Mitte. Ob sie noch einen neuen, spektakulären Ausbruchsversuch in die Wege leiten wird? Wenn ich nur etwas für sie tun könnte! Aber mir droht ja vielleicht das gleiche Schicksal. Da sind zu viele schlagbereite Schwertklingen rundherum.
Osont tritt wieder auf mich zu:
"Herwig, du könntest einen guten Beweis deiner Loyalität zu unserem gemeinsamen Vorhaben liefern!"
Wie ich es hasse, wenn mit 'gemeinsam' argumentiert wird! Wie immer in solchen Fällen geht es mehr um die persönliche Macht desjenigen, der solche halbidealistischen Ideen verkündet, um damit irgend etwas zu bewirken. Osont ist da nicht anders.
"Du kannst uns überzeugen, daß du nicht gegen uns arbeitest! Dann können wir auch die Männer vergessen, die du vorhin erschlagen hast!"
Ich habe eine dumpfe Ahnung von dem, was jetzt kommen könnte.
"Ich meine, du hast die Wahl! Entweder, wir schlagen euch beide ans Kreuz, oder du stimmst uns zu, daß sie der große Störfaktor ist, der unbedingt weg muß, und du legst bei ihrer Kreuzigung mit Hand an! Dann darfst du am Leben bleiben! Du willst doch mit uns zusammen von Casabones weg, nicht wahr? Du willst doch deine eigene Welt wiedersehen, habe ich gehört? Ist das nicht so? Also: Du hast die Wahl!"
So ist das also. Die Wahl zwischen Heldentum und einem schrecklichen Tod auf der einen Seite, und Verrat und Feigheit und Leben auf der anderen. Ich kann meine Charmion für mein eigenes Leben wegwerfen. Oder ich kann auch mein eigenes Leben wegwerfen - für nichts, denn Charmion ist auf jeden Fall dran.
Was soll ich tun? Habe ich mir nicht oft genug überlegt, daß ohne mich die Irene wahrscheinlich die Welt der GranitBeißer nicht mehr verlassen kann? Wenn ich sie wiederfinden sollte, was nicht sicher ist. Der Irene bin ich doch in wesentlich höherem Maße verpflichtet als Charmion. Irene ist meine Frau. Charmion ist, naja, meine Geliebte. Und sie ist eine Menschenfresserin. Sie hat schon viele Menschenleben auf dem Gewissen, so könnte man auch argumentieren - ich könnte aus naheliegenden Gründen natürlich nicht mehr so argumentieren. Kirchen würden argumentieren, sie ist eine Heidin, aber dem würde ich mich natürlich überhaupt nicht anschließen. Aber ist es nicht komisch, daß mir das gerade jetzt einfällt? Sie ist in erster Linie ein Mensch, so, wie diese Welt sie gemacht hat. Sie ist schuldlos. Wenn jemand Schuld hat, dann bin ich es.
"Nun?" fragt Osont.
Was soll ich tun? Ich liebe Charmion, aber ich kann ihr sowieso nicht mehr helfen. Die Kombination, daß ich hingerichtet werde und Charmion nicht, die hat Osont nicht vorgeschlagen - abgesehen davon, daß mir diese Kombination auch nicht recht wäre. Also ist nichts und niemandem geholfen, wenn ich mich auch umbringen lasse.
Außerdem habe ich Angst vor dem Tod. Hier so ganz sinnlos zu sterben - nicht, daß der Tod der vielen anderen Menschen, die ich schon habe sterben sehen, sinnvoller gewesen wäre, aber wenn es um die eigene Person geht, dann sind solche Überlegungen von einer ganz anderen Dringlichkeit gefärbt.
Ich muß Zeit gewinnen: "Kann ich mit ihr allein sein?" frage ich.
"Wieso denn? Es muß schnell entschieden werden. Sie ist ein Unruhefaktor. Sie muß weg. Es geht jetzt nur noch um deine Mitarbeit!"
Osont legt mir die Hand auf die Schulter und führt mich etwas zur Seite, so daß die anderen kaum hören können, was wir sprechen, wenn wir nur leise genug reden. Vertraulich und eindringlich sagt er zu mir:
"Herwig, du gehörst doch zu uns! Diese Frau da brauchen wir nicht, aber ohne dich wird es schwer! Versteh doch, wir müssen wissen, ob wir dir trauen können! Ich würde dir vielleicht noch eine Zusicherung glauben, aber diese Männer hier wollen einen Beweis deiner Loyalität! Du hast so viele von ihnen umgebracht, das werden die nicht vergessen! Und was das Mädchen betrifft, wenn es nach mir ginge, und nur nach mir, dann könnte sie am Leben bleiben. Eingesperrt, meinetwegen, aber am Leben. Aber was wissen wir denn? Vielleicht macht sie wirklich mit den Rebellen in den Wäldern gemeinsame Sache! Es wäre eine immerwährende Bedrohung! Versteh doch, sie muß weg!"
Osont ist eine immerwährende Bedrohung. Aber ich sage das natürlich nicht.
"Du mußt dich jetzt entscheiden! Bist du mit uns, dann hilfst du uns! Bist du gegen uns, dann kreuzigen wir euch beide! Und brich dir nicht die Knöchel!"
Er hat sich auf meine verkrampften Hände bezogen. Ich weiß, er genießt meine inneren Kämpfe. Solange Gefangener, solange Underdog - jetzt Bandenchef: Da hat man seine Privilegien. Meistens bestehen sie darin, andere zu tritzen.
"Ich meine, du mußt auch nicht viel tun. Nur so viel, daß du symbolisch bei ihrer Kreuzigung hilfst! Stricke raufreichen und so. Die Feinarbeit können wir sowieso besser!"
Er überlegt einen Moment, dann hat er noch eine Idee:
"Oder, wir beauftragen dich, von jetzt an, mit der Aufsicht über alle Kreuzigungen und sonstigen Hinrichtungen! Dann brauchst du selber überhaupt nichts mehr zu machen! Im Gegenteil - du kannst zu den Verurteilten hinaufsteigen und ihre Schmerzen lindern - ihnen den Schweiß abwischen, zu trinken geben und so weiter, bis es vorbei ist. Und das Mädchen ist dann einfach dein erster Fall! Wäre das nichts! Jeder hätte einen fürchterlichen Respekt vor dir, als Chefscharfrichter!"
So ist das also. Beförderung. Eine so einfache Entscheidung. Wie gut, daß Osont offenbar nichts von Irene weiß, oder es nicht für so wichtig hält. Sonst würde er damit auch noch argumentieren.
"Entscheide dich doch! Sie werden ungeduldig!"
Ich kann nicht denken. Ich bin wie gelähmt. Was soll ich tun? Bringe ich Charmion um, wenn sie sowieso keine Chance hat? Oder sollte ich jetzt noch einen Ausbruchsversuch anfangen? Wir stehen jetzt ein paar Meter abseits, und wenn ich daran denke, wie untrainiert diese Leute sind, dann wäre es schon möglich, daß ich mich jetzt absetzen könnte. Ich wäre jenseits der Schußweite aller Umstehenden, die einen Bogen mit sich führen, wäre hinter der nächsten Biegung des Dorfweges verschwunden, noch bevor jemand einen Bogen auf mich angelegt hätte.
Aber wenn Charmion nicht genau in demselben Moment lossprintet, dann halten sie sie sofort fest. Und sie wird nicht genau in demselben Moment lossprinten, denn sie sieht nicht in meine Richtung. Offenbar rechnen sie aber nicht mit der Möglichkeit, daß ich oder wir so reagieren könnten, denn wir sind ja nicht einmal gefesselt worden. Allerdings stehen sie immer noch sehr dicht um Charmion herum.
"Herwig!" sagt Osont ungeduldig.
"Ich kann es nicht entscheiden!" presse ich leise hervor. Es ist, als ob ich Hilfe ausgerechnet von Osont erwarte. Vielleicht faßt er das auch so auf. Vielleicht wird er sich über kurz oder lang auch in der Rolle des väterlichen Freundes gefallen, in den sich der Herr über Foltern oder Nicht-Foltern jederzeit verwandeln kann.
"Wirklich nicht? Warum denn nicht?" Nicht, daß er vor Einfühlsamkeit trieft, aber die Tonlage ist im Moment die eines Beichtvaters.
"Ich darf aus religiösen Gründen nicht töten!" sage ich plötzlich, und dann tut es mir schon wieder leid, einen solchen Unsinn gesagt zu haben. Es ist natürlich gelogen. Ich war noch nie religiös, das schon mal zum Einen. Und unsere Geschichte hat ja deutlich genug gezeigt, daß Religion sich ganz hervorragend als Argumentationshilfe genausogut für wie wider das Töten verwenden läßt. Noch vor wenigen Jahren, im ersten irakisch-amerikanischen Krieg, hat sogar der Papst selbst öffentlich festgestellt, daß er kein Pazifist ist, nachdem die Weltöffentlichkeit schon gemeint hat, daß diese Denkweisen des heiligen Stuhls seit Jahrhunderten überholt sind. Wie kann da jemand, der sich, im Gegensatz zu mir, für einen Christen hält, überhaupt noch gegen das Töten aussprechen, ohne sich lächerlich zu machen? - Und unnütz ist dieses Argument auch. Osont hat noch nie von dem Christentum oder einer anderen unserer Religionen gehört, und hätte er es, dann wäre es ihm auch egal. Ich habe das nur gesagt, um noch eine Sekunde Zeit zu gewinnen, und dann noch eine. Und vielleicht noch eine.
Osont sieht mich zweifelnd oder mitleidig an. Das kann ich interpretieren, wie ich will. Wahrscheinlich ist das Vorbringen metaphysischer Begründungen für ihn sowieso kein Argument, ganz gleich, um welche Religion es sich handelt. Es war eine Dummheit. Eine Dummheit, um ein paar Sekunden für Charmion zu kaufen. Oder auch für mich, wenn ich mutig genug wäre, an ihrer Seite zu bleiben. Oder dumm genug.
Was würde Irene sagen? Das ist ganz klar. Wenn sie alles über Charmion und mich wüßte, würde sie ihr wohl kaum übertrieben positive Gefühle entgegenbringen. Nicht, daß sie Charmion etwas antun würde - wahrscheinlich würde sie eine lange Zeit in Depressionen verfallen, wenn sie von unserem Verhältnis erführe, und ich würde mir schon einiges anhören müssen - aber wenn eine andere Instanz uns diese Entscheidung aufdrängt, so wie es jetzt geschieht, dann ist es klar, was sie vorschlagen würde.
Und hätte sie nicht recht? Ist das Überleben nicht das wichtigste? Überleben in Würde, solange man es sich leisten kann, aber wenn nötig, auch ohne Würde. Hauptsache Überleben. Was geht mich Charmion an? Würde Irene sagen. Werde ich vielleicht auch sagen, in einigen Jahren, wenn ich dabei bin, den ganzen Spuk zu vergessen. Gewissen ist flexibel, meines sicher auch. Wenn wir davonkommen, wenn wir unsere Welt wieder erreichen, dann werden unsere Erlebnisse hier zu traumhafter Qualität zurücksinken. Sie werden unwichtig werden. Ist es schlimm, im Traum zu töten oder töten zu lassen?
Charmion, denke ich, verzeih mir. Ein alter Mann hat mit dir ein Verhältnis gehabt. Auch, wenn du es zuerst in die Wege geleitet hast, ich war ja nur zu willig. Und so wurden wir in die Handlungsstränge einfgefädelt, die dich jetzt das Leben kosten. Oder uns beide - aber nein, Herwig, sei ehrlich, du hast dich längst entschieden. Der Mensch ist eine Rechtfertigungsmaschine, warum du nicht auch. Du wirst leben und sie nicht. Osont hat es dir angeboten. Er will nur ein einziges Wort von dir. Herwig, du brauchst nicht einmal zu Charmion zu gehen und deine Entscheidung zu begründen. Du brauchst nur dabeizustehen. Es ist doch egal, was sie über dich denken wird - ihre Gedanken werden mit ihr im Nichts verschwinden, so, als ob sie nie gedacht worden sind. Auch ihre Meinung über dich wird vergehen. Das ist genauso ein Vorgang, als ob sich ihre Meinung über dich geändert hätte. Löschen, Verändern - wo ist da der wesentliche Unterschied?
Und irgendwann werden deine eigenen Gedanken auch vergessen sein, wer weiß, vielleicht sogar schon zu deinen Lebzeiten. Irgendwann wird alles sein, als ob es überhaupt nicht geschah. Wenn alle Zeugen tot sind, auch die, die jetzt hier anwesend sind. Du brauchst jetzt wirklich nur dabeizustehen. Genau das aber wirst du, den Spaß wird Osont sich nicht entgehen lassen.
Und ist das nicht überhaupt ein gutes Geschäft? Ein schlechtes Gewissen für das Überleben. Es gibt Menschen, die würden ein solches Angebot als extrem günstig bezeichnen. Eine temporäre, unangenehme Verfassung des Gemütes. Der Tod wäre nicht temporär. Nein, Herwig, das Schicksal ist dir wirklich gewogen! Sei ein Schwein und lebe!
Gib dir einen Stoß, Herwig. Alle Blicke ruhen auf dir. Osont will sehen, wie flexibel dein Gewissen ist. Falls du jemals implizit die anderen hast merken lassen, daß du glaubst, zu einer moralisch höherstehenden Gruppe von Menschen zu gehören, dann wirst du jetzt auch dafür ein bißchen bezahlen. So wie für die völlig überflüssige Bemerkung über das Tötungsverbot deiner Religion von vorhin. Wenn du tatsächlich religiös wärest, in diesem albernen, formalen Sinn, selbst dann müßtest du diesen Kompromiß auch noch eingehen, du würdest es tun, gib dich da keiner Täuschung hin. - Sie zeigen dir jetzt, woraus du wirklich gemacht bist! Dein Pech, wenn du moralische Standards hast, die du jetzt äußerst flexibel auslegen mußt!
"Sag das Wort, Herwig! Nur ein Wort, und es ist alles vorbei, was du tun mußt." Osont sieht mich mit klinischem Interesse an. Eines Tages, Osont, wirst du dafür büßen! Und du weißt es jetzt schon, daß ich das will. Diese Denkweise ist dir vertraut. Mein ist die Rache.
Hoffentlich. Für Charmion ist mein inneres Racheversprechen keine Rettung, eher dient es als Betäubungsmittel für meine eigene Seele. Osont weiß das, und ich weiß das, und Charmion würde es auch wissen, wenn ich ihr so ein albernes Versprechen machen würde. Denn ich würde sogar davon Abstand nehmen, mich zu rächen, wenn das meine Rückkehr in meine Welt gefährden würde. Osont zu töten - ja, das will ich. Aber es wird mehr eine Sache der sich bietenden Gelegenheit sein.
"Sag das Wort, Herwig! - Und denk an die vielen Menschen hier. Sollen sie alle auf Casabones verrotten? Soviele Menschen gegen bloß eine Frau? Wir brauchen dich, Herwig! Wir brauchen deine Paraglider. Sie brauchen dich - dich und nicht sie. - Sag das Wort."
Charmion - ich finde nicht mehr heraus. Ich kann dir nicht mehr in die Augen sehen. Ich muß dich aufgeben! Lieber Gott, hilf mir! Wenn es dich gibt, dann finde einen Weg. Nein, vergiß es, Herwig! Jetzt nicht mit dem Beten anfangen. Dieser Gott hat auch in Blut gewatet oder in Blut waten lassen, - wenn er ein persönlicher Gott sein sollte - er wird sich um eine einzige Menschenfresserin nicht kümmern, und um ihren atheistischen Liebhaber schon gar nicht. Warum sollte er das tun, wenn er sich schon in Auschwitz nicht gerührt hatte. - Nein, es ist besser, daß es ihn nicht gibt. Das gleichgültige Universum ist leichter zu ertragen. - Und sogar Osont hat soeben die rettende Argumentation vorgebracht. 2000 Menschen gegen Charmion. Die Arithmetik der Ethik. Vielleicht stimmt es. Ich kann 2000 Menschen den Weg von Casabones herunterführen. Einige davon könnten ein sinnvolles Leben führen. 2000 könnte ich retten.
Aber du, Charmion, bist verloren.
"Meinetwegen," sage ich, "tut, was ihr wollt."
31.4 Charmions Kreuzigung
Sie tun, was sie wollen. Vorher aber verkündet Osont noch meine Kooperationsbereitschaft und meine de-facto Beförderung zum Chefscharfrichter. Natürlich sorgt er dafür, daß alle es hören - auch Charmion. Das haben wir nicht abgesprochen, aber jetzt kann ich nichts mehr tun. Eigentlich war es zu erwarten, daß er sich so verhält. In diesem Punkte ist er leicht berechenbar - er nimmt einfach von allen Handlungsoptionen die gemeinste.
Die Leiter, die immer noch hinter dem Balkenstapel liegt, wird geholt und an eines der ausgesuchten Kreuze gelegt. Zwei Männer klettern rauf, beide tragen einige Seilschlingen über der Schulter, wo immer sie diese auch plötzlich herhaben. Jeder von ihnen steigt auf einen der Querbalken und setzt sich auf das äußere Ende. Es sieht so aus, als machen sie das nicht zum ersten Male.
Charmion muß sich ausziehen. Da sie das nicht ganz so schnell tut wie Osont das möchte, gibt er den Männern einen Wink. Schon haben ein paar Schnitte Charmion von allen Kleidungsstücken, die in nutzlosen Fetzen zu Boden fallen, befreit. Sie hätte jetzt nichts mehr anzuziehen, wenn man sich anders entschiede. Tut man aber nicht. Hinrichtungen erfolgen nackt: Nacktheit ist Wehrlosigkeit ist Würdelosigkeit. Jedenfalls, wenn man sich in der Gewalt von anderen befindet.
Dann wird Charmion bedeutet, selbst auf die Leiter zu steigen. Zweifellos wird man sie mit Gewalt heraufbringen, wenn sie nicht kooperiert. Das weiß sie. Sie weiß aber auch, daß es ihr bei der Übermacht nicht gelingen wird, in einem kurzen Kampf gleich ihr Leben zu verlieren. Die umstehenden Männer warten nur darauf, daß sie eingreifen müssen, um sicherzustellen, daß sie lebendig und unverletzt aufs Kreuz kommt. Dicht an dicht stehen sie mit gezogenen Waffen rund um sie herum - da ist kein Durchkommen.
"Zusehen, Herwig, genau hinsehen!" ermahnt Osont mich. Ich werde ihn umbringen, Irgendwann. Das verspreche ich. Vielleicht sollte ich ihm wirklich den Kopf um mehr als 180 Grad drehen, um rauszukriegen, ob die Bänder und die Nackenmuskulatur wirklich so stark sind, daß man bei einem durchschnittlichen Menschen nicht im wörtlichen Sinne den Hals umdrehen kann. Oh, wie ich es genießen werde, wenn ihm die Halswirbel auseinanderspringen werden! Oh, wie ich es ihn 'genießen' lassen werde!
Langsam steigt Charmion die Leiter hinauf. Wie langsam steigt man zu der eigenen Hinrichtung hinauf? Je langsamer, desto mehr Sekunden erkauft man sich, aber irgendwann werden die Helfer des Henkers die Geduld verlieren. Charmion sucht sich die neutralste SteigGeschwindigkeit, die möglich ist. Ich sehe ihren schönen Körper, vielleicht im Moment der beste und gesundeste und trainierteste auf ganz Casabones, und weiß, daß sie ihn jetzt kaputt machen werden.
Oben angekommen muß sie sich umdrehen und ihre Arme ausbreiten, damit diese, zunächst einmal nicht allzufest, von den beiden Männern da oben an die waagerechten Balken des Kreuzes gebunden werden können. Dabei liegt ihr Körper noch auf der Leiter.
Die beiden Männer steigen wieder herunter, danach wird die Leiter entfernt. Charmions Körper schlägt auf dem senkrechten Balken auf. Sie hängt jetzt in einer sehr unangenehmen Zwangshaltung am Querbalken des Kreuzes. Das Atmen muß ihr schwerfallen.
Ein paar Sekunden lang hätte sie Gelegenheit gehabt, den beiden während des Absteigens den Schädel einzutreten, wenigstens einem von ihnen. Warum tut sie es nicht? Das ist doch nicht ihre Art. Ich dachte, sie würde ihre Haut so teuer wie möglich verkaufen.
Die Leiter wird von der anderen Seite an das Kreuz gelegt. Nun werden auch Seilschlingen um ihre Unterschenkel gelegt, allerdings nicht so, daß diese Seilschlingen den Körper stützen - ihre Arme sind nach wie vor verdreht und werden durch ihr Körpergewicht belastet.
Dann steigt einer der Männer wieder bis zum Querbalken hinauf. Er führt einige kurze, feste Holzstäbe mit sich. An beiden Balkenenden des waagerechten Kreuzteiles macht er das gleiche: er steckt einen der Holzstäbe durch eine der Seilschlingen und dreht diesen dann nach Art einer Garotte. Dadurch ziehen sich die Seile, die um Charmions Unterarme liegen, fester und fester. Als er sicher ist, daß die Blutzirkulation unter das allernotwendigste Maß abgesunken ist, wird das Holzstück festgezurrt. Dann macht er dasselbe mit dem andern Arm, und als er da fertig ist, mit den Unterschenkeln auch noch.
Nun kann sich Charmion unter keinen Umständen mehr aus eigener Kraft befreien, und es wird nicht allzulange dauern, bis ihre abgebundenen Gliedmaßen ihr den Tod bringen würden, wenn man sie vom Kreuz abnähme. Ihre Uhr tickt.
Man hätte die Garottenbefestigung noch fester ziehen können, so daß ihre Unterschenkel- und Unterarmknochen dabei gebrochen worden wären. Aber ich weiß, was Osont vorhat: Erstens soll ihr Tod so lange wie möglich dauern, und zweitens soll ich noch möglichst lange an die Möglichkeit glauben, daß man sie noch retten könnte, wenn man sie auf irgendeine Weise vom Kreuz abnähme. Das aber wird er verhindern.
"So, das hätten wir," sagt Osont befriedigt, "das war doch gar nicht so schwer, nicht wahr? Und jetzt, Herwig, kannst du mit uns wieder zur Arbeit gehen. Heute abend kannst du mit ihr noch reden - sie bleibt noch eine ganze Zeitlang bei Bewußtsein. Und wach wird sie sowieso bleiben! Niemand schläft an einem Kreuz. Vielleicht könnt ihr euch etwas Nettes erzählen? Erinnerungen austauschen und so!"
Ich muß mich beherrschen, um ihn nicht sofort anzugreifen und in die Fresse zu schlagen - ein reichlich nutzloses Unterfangen ohne Waffen. Dazu habe ich das Gefühl, daß Osont eine natürliche Begabung hat, auf diese Weise die Frustrationstoleranz von anderen Leuten auszutesten. So lernt er andere kennen: Er setzt die Daumenschraube an und paßt genau auf, wann sie anfangen zu schreien. Bildlich gesprochen.
Er teilt eine vierköpfige Wache ein, wie das so üblich ist, wenn eine Kreuzigung andauert. Dann nimmt Osont mich plötzlich am Arm und führt mich halb um das Kreuz herum, so daß ich Charmion genau gegenüberstehe und sie mich ansehen muß.
"Sie sie dir an, Herwig!" sagt er. "So sieht das aus, wenn man die Allgemeinheit schädigt. Das gerechte Schicksal eines Feindes des Volkes! - Aber du bist auf der Seite der gerechten Sache. Ich schätze das. Es soll dein Schaden nicht sein. Wie wir es abgesprochen haben!"
Ich denke nicht daran, daß ich den Begriff 'Feind des Volkes' schon woanders gehört habe. Charmion kann mich gerade heraus ansehen, und sie tut es, sagt aber nichts. Und was soll ich sagen? Was sagt man, wenn man der Geliebten bei der Hinrichtung zuschaut? Was sagt man, wenn man mitgemacht hat? Was sagt man, wenn die Umstehenden interessiert lauschen? Und was sagt man, wenn laut behauptet wird, man hätte dabei gut kooperiert, und wenn jeder Verteidigungs- und Richtigstellungs-Versuch linkisch und unglaubhaft aussehen würde?
"Ich bin wirklich froh, Herwig, daß du dich so schnell entschlossen hast, mit uns zusammenzuarbeiten!" setzt Osont noch einmal hinzu, laut genug, damit Charmion es hören kann. Er strahlt, und seine Leute strahlen pflichtschuldigst mit.
Charmion atmet schwer. Das wird sich jetzt nicht mehr ändern, in dieser Zwangshaltung. Konzentration für jeden Luftzug. Und doch wissend, daß man den Kampf nicht gewinnt, nicht mehr gewinnen kann. Christus hat, heißt es, für unsere Sünden gelitten, aber für welche Sünden leidet Charmion? Doch wohl nur wegen meiner Ungeschicklichkeit, die zu unserer Festnahme führte. Sie könnte sich längst in die Wälder in Sicherheit gebracht haben, und irgendwann, wenn es genügend Fallschirme gegeben hätte, dann hätte sie sich bei irgendeiner Gelegenheit einen gestohlen und hätte Casabones verlassen, wie die anderen auch. Sie hätte leben können.
Das ist der wahre Grund des Leidens: Die Dummheit, es nicht zu vermeiden. Das Pech, Menschen zu begegnen, die die Ursache des Leidens sind. Woher kommt denn sonst das Leiden in die Welt? Naturkatastrophen? Erdbeben, Brände, Überschwemmungen? Nicht doch. Die Natur ist nicht prinzipiell bösartig. Die zahlenmäßigen Zusammenhänge sind doch deutlich. Hauptursache des Leidens ist immer noch der Mensch und die Handlungen, die er in der Welt vornimmt. Habe ich ja selbst zur Genüge gemacht, seit ich hier unten bin. Diese Verletzung, die ich dem einen vorhin mit dem Schwert beigebracht habe, war das vielleicht eine Naturkatastrophe? Hängt Charmion etwa wegen einer Naturkatastrophe am Kreuz?
"Charmion, ich kann nichts ..." fange ich hilflos an, aber sie fährt mir so hastig, wie es ihr möglich ist, mit gepresster Stimme über den Mund:
"Herwig, du bist ein Arschloch!"
Und nach einer Weile, die sie braucht, um Luft zu sammeln:
"Geh doch weg."
31.5 Befreiungspläne und ein Mühlstein
Sie zwingen mich nicht, zur Arbeit zu gehen. Sie zwingen mich zu überhaupt nichts, ich könnte die ganze Zeit am Kreuz bleiben, solange ich nur nicht versuche, sie da runter zu holen. Ich glaube, sogar, wenn sie auf meine Arbeitskraft Wert legten, dann würden sie mein Hierbleiben tolerieren. Daß ich ungefragt mit der Gruppe mitgehe, die sich zum Steinbruch begeben wird, ist nichts als Feigheit. Ich kann nicht bei Charmion bleiben, und ich kann sie nicht alleinelassen. Aber wenn ich sie nicht dauernd sehe, dann kann ich sekundenweise vergessen, was ich angerichtet habe und was ich immer noch nicht verhindere. Und das ist es doch, da bilde ich mir gar nichts anderes ein.
Und ich weiß: Noch könnte man sie abnehmen. Noch sind ihre Gliedmaßen nicht lange genug abgebunden. Sie würde keine Spätschäden davontragen. Noch. Mit jeder Minute, die verrinnt, wird das langsam anders. - Noch könnte man sie abnehmen. Aber ich kann es nicht - man würde es verhindern. Also brauche ich es gar nicht zu versuchen. Und deshalb brauche ich mich nicht an ihrem Kreuz aufzuhalten.
Wie gut haben es die Leute, denen die Selbstrechtfertigung schon so in Fleisch und Blut übergegangen ist, daß sie an meiner Stelle schon längst einen dritten Schuldigen an der ganzen Situation ausgemacht hätten, und die auch schon gute Gründe dafür parat hätten, warum man nicht am Kreuz einer Sterbenden anwesend sein sollte.
Wenn sie mich dort nicht in der Nähe haben will, dann wäre es doch ein leichtes für mich, mich so außerhalb ihres Blickwinkels aufzuhalten, daß, wenn sie sich anders entschiede, ich sofort und ohne Zeitverzug an ihrer Seite wäre!
Oder ist sie, in einem wahren Sinne 'gütig', indem sie vorgibt, mich nicht bei sich haben zu wollen, um mir ihren Anblick zu ersparen? Ist es das? Wollte sie mir ein schlechtes Gewissen ersparen? Aber was ist ein schlechtes Gewissen gegen die Qualen einer Kreuzigung? Ich weiß es nicht, was sie denkt oder denken könnte, und was ich besser machen könnte.
Ausbrechen. Mich selber in die Wälder schlagen, Waffen besorgen. Da habe ich ja noch so ein Versteck am alten Tor in der Mauer. Dann anschleichen. Überraschungsüberfall. Ehe Verstärkung kommen kann, rauf auf's Kreuz und sie abbinden. Vielleicht sind sogar noch ihre Gliedmaßen zu retten, und sie wird sogar wieder ganz gesund. Und dann verbergen wir uns beide in den Wäldern, bis wir Fallschirme in unseren Besitz bringen können. Ich müßte das nur ganz schnell in die Wege leiten.
Aber Osont wird vermuten, daß ich genau solche Gedankengänge habe. Er wird mich beobachten und beobachten lassen. Kann ich nicht sicher sein, daß, wenn ich plötzlich verschwinde, eine wesentlich stärkere Wache um die Kreuzigungsstätte Stellung bezieht? Das jedenfalls täte ich an Osonts Stelle. Er kann nicht so dumm sein, nicht daran zu denken.
Und dann ist da ja auch das Risiko, daß er seine Entscheidung, daß ich mit von Casabones fliehen soll, ändern könnte, wenn ich mich unbotmäßig verhalte. Gefangengenommen bis zum Abschluß der Fluchtvorbereitungen. Ist es das wert? Am Ende bleibe ich allein auf Casabones zurück, allein mit einigen Kreuzen, an derem einen ein Kadaver vor sich hin modert, und ich für alle Zeit verdammt, auf Casabones zu bleiben und die Oberwelt nie wieder zu sehen. Wie Oom.
Und einen Tag warten, oder zwei? Bis Osont denkt, ich tue das nicht mehr und der Befreiungsversuch eine größere Erfolgsaussicht hat? Und dann? Aber dann wird Charmion zwei Arme und zwei Beine haben, die schon dabei sind, anzufaulen. Selbst, wenn sie es überlebt, täte ich ihr einen Gefallen? - Denke alle Möglichkeiten durch, Herwig: wenn ihre Gliedmaßen wirklich nicht zu retten sind, besteht noch die Möglichkeit der schnellen Zwangsamputation und des Verbindens dieser großen Wunden, bevor sie verblutet. Ich traue mir schon zu, ein Schwert so sauber zu führen, daß das schnell geht, und die Wundversorgung kriege ich wohl auch noch leidlich hin. Aber dann? Charmion für immer hilflos? Auf meine Hilfe angewiesen, der ich doch wieder in meine eigene Welt zurückwill? Sie kann sich dann nicht mehr selbst ernähren, sie kann Casabones nicht verlassen, sie kann gar nichts mehr von dem, was in dieser Welt unbedingt erforderlich ist. Warum wohl sieht man hier nur gesunde Menschen?
Auch eine Sackgasse.
Noch eine Alternative: Sollte ich sie mit einem gezielten Bogenschuß töten, um ihr die langen Leiden zu ersparen? Das könnte gelingen, bevor man mich daran hindert.
Aber ich bin nicht im Bogenschießen geübt. Ich würde sie verfehlen, oder unnötig verletzen, ohne daß sie davon gleich stirbt. Und dann wäre ich ja sowieso dazu zu feige. Sieh es realistisch, Herwig: Das schaffst du auch nicht. Und du wirst niemand anders finden, der es für dich tut, denn niemand sonst ist an Charmions Überleben wirklich interessiert, und an ihrem schnellen Tod auch nicht.
Wie ein ungeschickter Roboter stolpere ich zur Arbeit, in den Steinbruch. Osont hat endlich jemanden beauftragt, für die Herstellung von Mühlsteinen zu sorgen. Es interessiert mich überhaupt nicht. Ich muß jemandem erklären, wie man einen Stein anbohrt. Ich weiß es nicht und es interessiert mich nicht. Sie lauschen meinen Worten, und ich weiß nicht, wovon ich rede. Dann beraten sie und machen irgend etwas, und ich denke an Charmion. Schwerter brechen, Stein schleift ineffektiv auf Stein, und es werden Experimente mit Steinen verschiedenen Härte gemacht. Jemand klemmt sich einen Finger ein, und ich denke an Charmions abgeklemmte Beine und Arme. Dann wird Essen verteilt, und als ich merke, woher das Fleisch nur kommen kann, denke ich daran, daß sie vielleicht Charmion auch auffressen werden. Jedenfalls das, was von ihr noch genießbar sein wird. Und dann esse ich weiter, ich zwinge mich dazu und ich zwinge mich nicht, denn es ist mein gutes Recht, die aufzuessen, die zu denen gehörten, die mein Mädchen töten. Es ist das erste Mal, daß ich es richtig finde, ein Menschenfresser zu sein. In einer Welt der Gewalt und Gegengewalt ist das nur eine von vielen sozialen Interaktionen, und nicht einmal die schlimmste.
Die Stunden vergehen, und es entsteht etwas ähnliches wie ein Mühlstein. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Und wie lange schon? Als die anderen aufhören, zu arbeiten, gehe ich nicht mit ihnen. Ich muß zurück zum Kreuz. Ich hätte nie da weggehen dürfen.
31.6 Wasserreichung
Sie hängt noch da, wie ich sie verlassen habe. Die Wachen fassen an ihre Schwerter, aber weil ich mit bloßen Händen nichts anrichten kann, lassen sie es dabei. Ich setze mich an den Fuß ihres Kreuzes, wo sie mich nicht sehen kann. Da ist ein übler Geruch, wie kranker Schweiß, und er kommt nicht von mir.
Einer der Wachen deutet auf die liegende Leiter: "Willst du ihr zu trinken geben? Aber du darfst kein Messer mit hinaufnehmen! - Ah, du hast keins. Gut."
Sie richten die Leiter für mich auf, ohne weiter zu fragen. Die Leiter kommt auf dem Querbalken, der ihren rechten Arm hält, zu liegen, und weil sie recht steil steht, wird der abgebundene Teil ihres Armes eingeklemmt. Sie wird es wahrscheinlich nicht fühlen.
Dann geben sie mir die Wasserschale, und ich muß hinaufsteigen. Einer hält unten die Leiter fest.
Nimm dich zusammen, Herwig. Niemandem ist geholfen, wenn du jetzt heulst. Das ist kein Begräbnis, das wird erst eins. Oder auch nicht.
Sie hängt seltsam verrenkt, und ich kann nicht erkennen, ob sie ihre Schultergelenke ausgekugelt hat. Mit geschlossenen Augen zieht sie jeden einzelnen Atemzug in sich hinein. Dazwischen gönnt sie sich immer eine Pause, bis sie den nächsten Atemzug nehmen muß.
Die abgebundenen Arme scheinen aufgequollen und sind von dunkler, ungesunder Farbe. Ihr ganzer Körper ist von Schweiß bedeckt, der definitiv krank riecht.
Wie gibt man jemanden in dieser Situation zu trinken? In der Bibel war doch von einem Schwamm die Rede. Aber ich habe keinen Schwamm. Ich kann nur meine rechte Hand ins Wasser legen und ihr über den Mund legen. Sie fängt tatsächlich an, daran zu lecken, ohne die Augen aufzumachen. Denkt sie, daß ich einer von den Wachen bin?
Mit der Restfeuchtigkeit wische ich ihr über das Gesicht. Dann tauche ich meine Hand wieder in das Wasser und der Vorgang wiederholt sich. Ich kann ihr auf diese Weise Gesicht, Stirn und Oberkörper, Bauch und Busen abwischen. Aber viel Flüssigkeit kann sie auf diese inneffektive Weise nicht aufnehmen. Ihre Busen hängen schlaffer als sonst: Sie dehydriert. Vielleicht hilft ihr das, damit es schneller vorbei ist.
Oder muß ich, soll ich jetzt selber helfen? Die Hand noch einmal auf den Mund, gleichzeitig Mund und Nase zuhalten? Geht das lange genug, bevor die da unten merken, was ich vorhabe? Die Wachen sehen mir sehr genau zu. Wahrscheinlich geht es nicht. Außerdem kann ich das nicht.
Der größte Teil des Wassers ist verbraucht. Die paar restlichen Tropfen kippe ich ihr in die Haare. Sie reagiert nicht darauf.
"Charmion," sage ich, "Kann ich etwas für dich tun?"
Sie sagt nichts. Als ob sie mich nicht gehört hätte. Immer nur Einatmen, Ausatmen, Pause - Einatmen, Ausatmen, Pause. Wie kann man verlangen, dann sprechen zu müssen?
Sie fordert nichts, was ich doch nicht erfüllen kann. Keine Fragen. Nichts. Als ob ich nicht da wäre. Ich bin unwichtig. Ich gehöre zur Welt der Lebenden. Mit denen hat sie nichts mehr zu schaffen. Sie ist bloß noch dabei, den Übergang zu bewältigen. Herwig, verschwinde, wird sie denken. Ich weiß nicht, was sie sonst noch denken könnte, jetzt. Außer an das Atmen.
"Charmion, stirb schnell!" sage ich flehentlich. Als ob sie darauf Einfluß hätte. "Stirb doch schnell." Sie hört nicht. Sie will nicht hören. Und es gibt nichts, was ich ihr sonst noch erzählen könnte, was sie jetzt noch interessieren würde.
Dann steige ich von der Leiter wieder herunter. Zwei Männer von der Wache legen sie wieder an ihren Platz.
Weil ich nicht weiß, wo ich während der SchlafPeriode sonst hingehen sollte, setze ich mich an den Fuß des Kreuzes.
31.7 Das letzte Ringen
Um 14 Uhr wechseln die Wachen. Die Männer, die sich jetzt auf die liegenden Holzbalken verteilen, sind mißmutig, da sie gegen ihren Schlafrythmus wach sein müssen. Sie reden mit der abziehenden Wache, und viele Blicke werden in meine Richtung geworfen.
Einer der abziehenden Männer - es könnte der älteste von ihnen sein - tritt auf mich zu:
"Es geht schnell bei ihr. Es ist sehr unterschiedlich. Ich habe schon viele Kreuzigungen erlebt. - Seltsam, eigentlich war sie sehr stark."
Ich sage nichts auf diese Aussage, die vielleicht als eine Art Trost gemeint sein könnte, oder aber als eine sachliche Information. Der Mann geht mit den anderen weg, ohne einen Blick auf Charmion zu werfen: Dienstschluß.
'Eigentlich war sie sehr stark', hat er gesagt. Spricht von ihr bereits in der Vergangenheit. Ob Charmion es gehört hat?
Über mir ist immer das gleiche Geräusch: Gepresstes Einatmen, pfeifendes Ausatmen, eine Pause solange wie möglich, bevor die zähe Natur von Charmion den nächsten Atemzug erzwingt. So geht es Atemzug für Atemzug, und es hört nicht auf. 'Es geht schnell bei ihr,' nennt man das.
Irene wäre schon längst gestorben. Ist das ein mir erlaubter Gedanke? Wünsche ich Irene an Charmions Stelle? Sie ist doch meine Frau! Und Charmion ist mein Mädchen - wie kann ich da wählen. Wenn Irene hier wäre, Osont hätte sich sicher ein ähnliches Spiel ausgedacht.
Oom wäre noch schneller tot, besonders in dem Zustand, indem er jetzt noch ist - Moment, denke ich, Oom liegt immer noch angenagelt in seiner Wohnhöhle, vielleicht schon 36 Stunden. Ob er noch lebt? Und wenn ja, wäre es da nicht meine Pflicht, hinzugehen und ihm zu helfen? Charmion kann ich ja konkret nicht helfen. Und vielleicht ergeben sich neue Gesichtspunkte. Andererseits, wenn ich nicht hier bleibe und irgendein Umstand eintritt, der die Rettung von Charmion ermöglicht - ich muß einfach hier bleiben.
Das keuchende Atmen über mir wird flacher, dann kommt ein ineffektiver Hustenanfall. Dann wieder Atmen - Pause - Atmen. Es fallen Tropfen herunter - sie uriniert. Ich weiß nicht, ob sie das bewußt macht. Ich bin müde, manchmal falle ich für Sekunden in Schlaf. Dann habe ich Visionen: Ich falle hier zusammen mit einer modernen Infanterieeinheit ein, wir leeren in jeden der Wachposten Magazine über Magazine, und dann, wenn wir fertig sind, legen wir das Kreuz um, und gutausgebildete Armee-Ärzte kümmern sich um Charmion, damit sie wieder ganz gesund wird und ihre Glieder behält. Und dann wache ich wieder auf, und sie keucht immer noch. Ich leiste mir den Luxus, zu schlafen, und sie arbeitet an jedem einzelnen Atemzug. Was bist du nur für ein Mensch, daß du diesen Wunschgedanken nachhängen kannst, anstatt an wirksamen Konzepten zu ihrer Rettung zu arbeiten!
Einige der Wachposten schlafen - leider nicht alle. Soll ich das ausnutzen, kann ich es, und wie? Szenarien überschlagen sich in meinem Kopf - die Infanterieeinheit, von der ich geträumt habe, wäre das beste, aber die gibt es hier nicht.
Und dann gehen die Wachträume zu möglichen Naturkatastrophen. Erdbeben - könnte nicht gerade jetzt ein Teil der WeltHöhle einstürzen? Könnte nicht der Pilzberg Casabones gerade jetzt zusammenbrechen? Oder wenigstens ein Sturm, der alle Kreuze umwirft? Würde das ihre Chancen verbessern?
Die SchlafPeriode vergeht in gleichbleibender Helligkeit, wie alle SchlafPerioden in der WeltHöhle. Ich schlafe meistens nicht, und Charmion überhaupt nicht. Sie wird überhaupt keine einzige Sekunde Schlaf mehr bekommen. Nicht in dieser Welt. Ihr nächster Schlaf heißt Tod. Sie schiebt ihn jede Sekunde vor sich her. Kann sie nicht einfach zu Atmen aufhören? Sie kann doch soviel. Oder zwingt das Leben sie, immer weiterzumachen? Was theoretisiere ich überhaupt rum, ich hänge doch nicht am Kreuz.
Wenn wir nie auf die Zugspitze gegangen wären. Wir hätten niemals den Felsspalt entdeckt, wären niemals in die Welt der GranitBeißer abgestiegen. Wir würden uns nicht einmal mehr über das Wochenende vor vier Wochen, das wir nicht genutzt haben, um in die Berge zu gehen, ärgern. Drei andere Wochenendwanderungen hätten inzwischen stattfinden können. Und wir würden nichts über die Welt so tief unter unseren Füßen wissen.
Niemals hätte ich Charmion kennengelernt, niemals wäre ich meiner Frau untreu geworden, niemals hätte ich das Töten so gelernt wie ich es jetzt schon getan habe. Charmion wüßte nichts von mir und ich nichts von ihr. Die Handlungsstränge wären anders verflochten. Sie wäre vielleicht nicht Mitglied der Gruppe gewesen, die die Männer von Casabones holen sollte. Sie wäre jetzt irgendwo da unten auf dem Saurierfänger, der vielleicht längst schon wieder abgelegt hat. Ich wäre gerade vom Dienst nach Hause gekommen. Es ist ein Montag. Man hätte keinen anderen Kummer als den, daß das nächste Wochenende noch soweit entfernt ist und daß man morgen so früh aufstehen muß.
Vielleicht wäre Charmion schon längst anders gestorben, wie es in dieser Welt ja so leicht passiert - ein lautloser Absturz wie Chrwerjat, oder kämpfend auf einem Flugsaurier reitend und mit diesem noch im freien Fall den letzten Kampf ausfechtend. Vielleicht auch auf dem Saurierfänger, ein Kampf mit einem Ungeheuer aus der Tiefe, den sie gerade eben nicht gewinnt. Es wäre ihr angemessener gewesen. Wieso muß die beste von allen den elendigsten Tod erleiden?
Wieder hustet Charmion trocken. Sie braucht neues Wasser. Ich stehe auf und frage den Wachleiter. Aber der ist unwillig, weil er auch müde ist, und so wird die Leiter nicht angelegt. Stirbt sie dadurch schneller? Wie geht die Arithmetik? Viel Qual gegen mehr Qual und weniger Zeit? Was immer die richtige Antwort ist, ich kann nichts tun. Ich setze mich wieder an den Kreuzbalken. Die Wachen, die mir zusehen, schütteln den Kopf: Wie kann man sich dahinsetzen, wo Urin, Scheiße und Sputum herunterfallen können? Sterbende sind nicht sauber, das weiß man doch.
Oom befreien. Es ist eine fixe Idee. Vielleicht weiß er irgendwas. Wenn er noch lebt. Wenn er noch reden kann. Charmion weiß genau, wie Oom zugerichtet wurde, aber sie kann nichts sagen. Soll ich hingehen? Ich würde eine Weile Charmion nicht beim Sterben zusehen und zuhören müssen. Aber wenn sie mich ruft? Christus hat doch am Kreuz auch noch geredet, oder? Also kann man das.
Also gut. Tu irgend etwas. Ich stehe langsam auf, um die Wachen nicht zu beunruhigen, und gehe die Dorfstraße in Richtung Fort. Vielleicht sieht Charmion mich aus den Augenwinkeln weggehen. Das kann ich jetzt nicht ändern. Als ich soweit vom Kreuzigungsplatz entfernt bin, daß der Nebel mich verbirgt, fange ich an, zu laufen. Niemand begegnet mir.
Wenn dieses doch ein Lauf auf einer Forststraße irgendwo da oben auf der Erde wäre, an einem nebligen Tag, und wenn ich nach Hause komme, dann wartet die Irene auf mich, und das heiße Bad. Das ist jetzt alles so weit entfernt.
Den ganzen Weg bis zum Seeufer begegnet mir niemand. Der große, verkohlte Schutthaufen, der einmal das Fort gewesen war, qualmt noch auf seinem Felsen. Niemand sieht mehr zu.
Ich finde den Abstieg zu Ooms Platz. In Windeseile steige ich den Pfad herunter, immer vorsichtig, denn ich glaube, daß nie mehr jemand hier hinkommen wird, wenn ich so ungeschickt sein sollte und ausrutsche.
Ooms Hütte ist leer. Er ist nirgends zu sehen, nicht in der Hütte und nicht davor. Das, was vermutlich sein Lager ist, weist zwar Blutflecken auf, aber von den restlichen Spuren würde ich nicht darauf schließen, daß sie tatsächlich den Alten grausam an sein eigenes Bett genagelt haben. Vielleicht hat Charmion sich geirrt, als sie den Alten im Halbdunkel der Hütte gesehen hat. Vielleicht war er nur gefesselt - für den Zweck, sie in eine Falle zu locken, wäre es ja ausreichend gewesen. Ich fasse wieder Hoffnung und rufe Ooms Namen, erst auf dem flachen Uferstück, und dann, als ich die Klippen wieder erklommen habe, oben im Wald. Niemand antwortet. Ich nutze die Gelegenheit, mir etwas zu Essen zu suchen, so, wie Charmion es mir gezeigt hat. Natürlich kommt mir das unangemessen vor, solange sie am Kreuz mit dem Tode ringt, aber vielleicht brauche ich meine Kräfte noch.
Beim Essen fällt mir aber auch für Oom noch ein Szenario ein: Er könnte nachträglich geholt worden sein. Zur Aufstockung der Lebensmittelvorräte.
Als ich dann später, mitten in der SchlafPeriode, wieder zum Kreuzigungsplatz komme, hat sich nichts verändert. Charmion kämpft immer noch um jeden Atemzug. Ihr Oberkörper hat sich weiter vorgeneigt. Wie sie das gemacht hat, kann ich nicht erkennen. Unter den wachsamen Augen der Männer, die noch wach sind, kann ich das nicht näher herausfinden, weil es nicht so aussieht, als ob irgendjemand jetzt den Aufwand mit dem Anstellen einer Leiter treiben will.
Ich trete so vor das Kreuz, das Charmion mich sehen kann, wenn sie bei Bewußtsein ist und die Augen aufmacht, etwa 15 Meter vom Fuße des Kreuzes entfernt.
Sie hält die Augen ständig geschlossen, und ich schäme mich, daß mir das angenehmer ist - andererseits möchte ich auch, daß sie mich sieht.
"Du, laß dir nichts einfallen, ja?" sagt einer der Männer hinter mir mit drohendem Unterton. Vielleicht ist es diese Lautäußerung, die Charmion kurz blinzeln läßt. Sie muß mich sehen.
Sie spricht. In abgewürgten Sätzen sagt sie etwas, und ich kann dem Gekrächze nichts entnehmen. Sie hat große Schwierigkeiten, überhaupt etwas zu sagen, und ich kann es nicht verstehen - vielleicht wird sie das nie wieder sagen!
"Charmion, ich - was sagst du?"
Sie versucht, zu wiederholen und gibt auf. Sie muß atmen. Der dumme Herwig versteht die Xonchensprache nicht gut genug, um ein paar Sätze zu begreifen - vielleicht war es das wichtigste, was sie je im Leben gesagt hat. Und ich kann es nicht verstehen.
Und der Herwig steht machtlos da, sieht sie gar nicht, weil er durch einen Tränenschleier gucken muß, und das geht so schlecht. Bietet ihr noch zum Schluß dieses unmännliche Schauspiel, zum großen Vergnügen der zusehenden Wachen. Sie stoßen einander an und wecken den, der noch schläft. Da heult jemand wegen einer Frau! Noch dazu wegen einer, die bald schon tot ist und jetzt schon aussieht wie ein Stück Scheiße!
Charmion versucht, sich zu bewegen. Ihre Farbe ist ungesund, und wenn ich bisher nie gewußt habe, was man darunter versteht, wenn man sagt, ein Gesicht sei 'eingefallen', jetzt weiß ich es. Die Vergiftung, die aus ihren abgebundenen, blauschwarz angeschwollenen Gliedmaßen herrührt, muß den Organismus schon sehr stark belasten. Dazu der Flüssigkeitsmangel, der sich bei den hier herrschenden Temperaturen schneller auswirkt als in einer kühleren Umgebung, und die stundenlange Schwerarbeit des Atmens bei dieser Zwangskörperhaltung. Der Mann vorhin, am Beginn der SchlafPeriode, hatte recht: Es kann nicht mehr lange dauern. Und sie ist schon weit über den Punkt hinüber, wo man sie noch hätte abnehmen können. Vielleicht schafft sie es in weniger als 27 Stunden.
Vielleicht haben sie bei der Kreuzigung etwas falsch gemacht, was weiß ich. Etwas mehr abbinden, oder etwas weniger, vielleicht kann das schon den Unterschied zwischen einem tagelangen Todeskampf bedeuten und einem, der schon in wenigen Stunden beendet ist. Vielleicht haben sie ihr versehentlich eine kleine Wunde beigebracht, die sich entzündet hat. Eine Infektion oder eine andere Komplikation.
Ich weiß es nicht. Ich bin kein Fachmann für Kreuzigungen. Oder sollte man sagen, 'Facharzt'? Die Nazis hatten Ärzte, die auf das Töten spezialisiert waren. Was denke ich überhaupt - es ist doch unpassend, am Kreuz der Freundin zu stehen und historische Vergleiche zu ziehen oder über die medizinischen Vorgänge im Körper der Sterbenden nachzudenken. Was für ein Armutszeugnis, wenn ich sonst nichts für sie tun kann - aber was kann ich denn tun? Nicht einmal zuhören kann ich, wenn sie ein bißchen undeutlich spricht!
Und sie strengt sich wieder an, reckt sich, reißt lautlos den Mund auf - ist da irgend etwas anderes kaputt gegangen? Will sie etwas sagen und kann nicht? Will sie weinen und kann nicht, weil der Körper dafür keine Flüssigkeit mehr entbehren kann?
"Legt doch eine Leiter an, könnt ihr keine Leiter anlegen!" brülle ich die Wachen an. Die meisten finden das komisch.
Aber ich bin Chefscharfrichter. Wie ernst Osont das gemeint hat, weiß ich nicht, aber eigentlich weiß das keiner so genau. Und deshalb legt man jetzt eine Leiter an. Ich steige zu ihr hinauf, nachdem ich eine der bereitstehenden Wasserschalen genommen habe.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie einer einen Bogen auf mich anlegt. Damit ich ja nicht auf dumme Gedanken komme. Weisung von Osont oder eigene Initiative? Ich weiß es nicht.
Charmion ist schweißgebadet und stinkt. Woher ihr Körper jetzt noch die Flüssigkeit dazu nimmt weiß ich nicht. Ich versuche, ihr die Schale an die Lippen zu setzen, aber das ist sehr ineffektiv, weil sie ihre Lippen kaum koordiniert bewegen kann. Es geht zuviel daneben, und deshalb mache ich es so, wie ich es schon früher gemacht habe: Hand eintauchen und ihr die nasse Hand auf die Lippen legen, damit sie sie ablecken kann.
Aber auch das geht nicht mehr gut, und ich merke, daß sie sogar Schluckbeschwerden hat. Vielleicht kann sie gar nicht mehr richtig schlucken? Ist ihr ganzer Rachen ein Schleimpropf, der nicht mehr weggeht?
Eine gelbe Flüssigkeit läuft ihr über die Unterlippe heraus und sabbelt ab. Es ist ekeleregend. Nie zuvor bin ich mit Krankenpflege befaßt gewesen. Ich muß mich überwinden. Hoffentlich merkt sie es mir nicht an. - Aber mit dem Schlucken geht es nicht so richtig. Und die ganze Zeit zielt ein Pfeil auf mich.
Hals kneten, so wie man Querschnittgelähmten Blase und Mastdarm kneten muß? Hilft das was? Ich weiß es nicht. Der mit dem angelegten Bogen da unten könnte diesen Versuch auch falsch interpretieren. Ich muß überleben, denke ich, Irene zuliebe, nur in diesen Rahmen kann ich etwas für Charmion tun, so wenig, wie es ist.
Ich verbrauche die ganze Wasserschale. Was sie nicht in den Schlund hineinbringt, verreibe ich auf ihrem Körper. Notwaschung. Verdampfungskälte. Irgendwas muß es nützen. Sie versucht nicht, noch einmal etwas zu sagen, vielleicht, weil sie meint, daß ich sie vorhin verstanden habe, oder weil sie keine Kraft mehr hat. Ein paarmal blinzelt sie mich an, aber die meiste Zeit sind ihre Augen geschlossen. Jedenfalls habe ich Zeit, das Wasser aus der Schale sehr sorgfältig zu verbrauchen.
Als ich fertig bin und die nächste logische Handlung wäre, wieder von der Leiter herunterzusteigen, windet sie sich aber wieder, als ob sie mir etwas sagen will. Mit Anstrengung reißt sie die Augen auf:
"Du - nach oben - Herwig - sehen wieder."
Aussage oder Frage?
"Charmion!" sage ich, "Ich bin doch bei dir!"
Schwachsinn. Niemand ist bei jemandem anders, der gerade hingerichtet wird. Sterben tut man immer allein, spätestens, wenn die Sinnesorgane die Verbindung zur Außenwelt nicht mehr halten können.
"Du - Irene - doch stark - müßt nach oben."
"Ja?"
"Versprechen - nach oben gehen?" Wieder gelber Geifer aus ihrem Mund. Jetzt wird ihr das Sprechen einen Moment lang leichter.
"Versprechen?" fragt sie noch einmal.
"Ja," sage ich, "ich verspreche es. Wir gehen nach oben. Ich werde - Ich werde dich ..."
Gerade noch kann ich mich bremsen, 'Ich werde dich nicht vergessen' zu sagen. Das ist doch das Eingeständnis, daß man sie aufgibt. Aber wenn ich es nicht sage? Dann ist sie plötzlich tot, und ich habe es ihr nicht gesagt, und ich kann es ihr nie mehr sagen. Sei nicht so feige.
"Ich werde dich nie vergessen, Charmion!" sage ich.
"Du - jetzt gehen - ich alleine." Sie sackt in sich zusammen, hängt wieder wie teilnahmslos da, mit geschlossenen Augen. Atemzug rein - Atemzug raus - Pause. Immer wieder. Das Spiel wie seit Stunden schon.
Ich streiche ihr Wangen und Stirn und Brust. Ich weiß nicht, ob sie etwas merkt. Die da unten lachen, aber es ist mir egal. Einer schlägt auf die Leiter. Sie werden ungeduldig. Ich muß runter.
Als die Leiter wieder an ihrem Platze liegt, laufe ich wieder in den Nebel hinein. Warum, weiß ich nicht. Als ich wieder richtig zu mir komme, bin ich an Ooms Platz. Ich bin die ganze Zeit gelaufen. Aber von Oom ist nichts zu sehen, und es gibt niemand, der mir helfen kann. Sinnlos brülle ich seinen Namen in den Nebel. Dann laufe ich zurück, die ganze Strecke, sehe nichts dabei, und setze mich am Fuße des Kreuzes nieder.
Ich glaube nicht, daß Charmion mich bemerkt. Sie ist immer noch mit dem Atmen beschäftigt. Aber die Pausen dazwischen sind lang.
Irgendwie finde ich gegen Ende der SchlafPeriode für kurze Zeit Schlaf. Als ich wieder zu Bewußtsein komme, hat die Wache wieder gewechselt, und es geht auf 0 Uhr zu.
******** 032. Tag: Dienstag 1995-09-19 ********
32.1 Charmions Tod
Bis vielleicht drei Stunden nach Ende der SchlafPeriode, also bis 2 Uhr, sitze ich in einer merkwürdigen Mischung von Dämmerzustand, Halbschlaf und Halbwachheit am Kreuz. Dann taucht ein Mann auf, der geradewegs auf mich zukommt. Osont hat ihn geschickt. Ich werde irgendwo gebraucht, und es bleibt mir nichts anderes übrig, als mit ihm mitzugehen.
Aber selbst, als wir schon längst nicht mehr in akustischer Reichweite des Dorfplatzes sind, glaube ich immer noch, Charmions Zwangsatmen zu hören.
Die Hauptaktivitäten laufen zwischen den Sumpfteichen und dem Steinbruch ab. Osont treibt die Leute unerbittlich an. Ich weiß nicht, ob jemand sogar während der SchlafPeriode hat arbeiten müssen, aber ein bißchen ist auf dem Wege zur Fallschirmherstellung geschafft worden: Es gibt die erste Steinmühle, und es gibt die erste Holztrommelmaschine zur Faserstreckung. Beide können nur mit großem Kraftaufwand bewegt werden. Sogar ein Flachbecken für die Papierherstellung gibt es schon. Allerdings sieht man mit bloßem Auge, daß es nicht dicht ist. Sie werden es schon merken, wenn sie es füllen.
Vielleicht hat Osont die letzten verfügbaren Reste eines Fach-Know-How unter den Meuterern aufgespürt, und, genauso wichtig, er selbst will ja auch von Casabones weg. Er ist motiviert, und er hat, wenn vielleicht auch durch zweifelhafte Methoden, einen Teil dieser Motivation den anderen vermittelt.
Niemand redet über Och. Als ob er nie existiert hätte. Als ob es eine stillschweigende Übereinkunft gäbe, ihn nicht zu erwähnen. Ich habe den Eindruck, daß sehr viele der Meuterer inzwischen ganz genau wissen, was mit Och passiert ist, aber daß niemand von sich aus mich darüber aufzuklären wagt.
Letzten Endes ist es auch egal. Ich bin nicht in der Welt der GranitBeißer, um faire politische Methoden einzuführen. Ich will nach Hause. Auch wenn Osont ein Schwein ist - er ist im Moment notwendig. Irgendwann bringe ich ihn um - wenn wir von Casabones herunter sind. Dann bringe ich ihn um. Für Charmion.
Sie haben mich geholt, um mich über alle möglichen Dinge zu befragen, technische Kleinigkeiten, die ich auch nicht besser weiß oder auf die sie schon von selbst gekommen sind. Daß man eine Achse schmieren muß, wissen sie, und damit ist mein Latein auch am Ende. Ich glaube kaum, daß man erfolgreich aus Holz Kugellager herstellen kann. Für die Herstellung von rotationssymmetrischen Gegenständen arbeiten sie immer noch mit Messern. Da versuche ich, ihnen klarzumachen, was eine Drehbank oder eine Drechselmaschine ist. Die müßte aber auch erst gebaut werden, und ich habe keinen Überblick, ob sich das lohnt, weil niemand weiß, wieviel Gegenstände dieser Art noch gedrechselt werden müssen.
Die geernteten Schneidgras-Vorräte sind noch in keiner Weise weiterverarbeitet worden. Ich habe keine Ahnung, ob es dadurch besser oder schlechter wird. Aber an den Spuren auf den Holzeinschlagsplätzen sieht man, daß da schon sehr viel gearbeitet wurde. Na klar: Ich erinnere mich an den Rammbock, der beim Fort verwendet wurde.
Ob Holzfasern auch gut für reißfestes Papier sind, werde ich gefragt. Wie soll ich das wissen? Wüßte ich es, dann würde sich dieses Wissen auch nur auf die oberirdischen Holzarten beziehen und wäre hier nutzlos. Ich habe mal etwas von mineralisiertem Papier gehört, aber ich glaube, das macht Papier nur weiß und glatt und schwer, aber nicht unbedingt reißfester. Aber sicher bin ich auch nicht.
Ein paar handwerkliche Fertigkeiten kann ich korrigieren: Die Vorstellungen, wie man eine Säge hält, sind teilweise abenteuerlich, auch wenn es sich um umfunktionierte Schwerter handelt. Eine Raspel oder eine Feile, um Holzoberflächen zu glätten, gibt es nicht, und ich weiß auch nicht, wie man so etwas mit vertretbarem Aufwand aus anderen Metallwerkzeugen herstellen könnte. Es weiß auch nicht jeder, der mit einer Säge hantiert, daß man gut daran tut, die Zähne ab und zu zu schleifen. Daß man experimentieren muß, um den besten Winkel zu finden, in dem man eine Feile über die Sägezähne führen muß.
Osont redet nur über technische Dinge. Die Kreuzigung und Charmion bleiben unerwähnt, Och bleibt unerwähnt, die Rebellengruppen in den Wäldern bleiben unerwähnt. Da zu den Essenszeiten Fleisch verteilt wird, nehme ich fast an, daß die Abtründigen mit mehr oder weniger Erfolg gejagt werden.
Die ersten Arbeitsgruppen werden eingeteilt, die Schneidgras über Steine ziehen müssen, um es in die Längsfasern zu zerlegen. Auch da herrscht mehr ausprobieren als Sachkenntnis. Immerhin - es wird experimentiert. Der Grad der Aktivierung der Meuterer ist größer als er es noch zu Ochs Zeiten war. Wahrscheinlich ist es unangenehmer, bei Osont in Ungnade zu fallen.
Osont geht auch immer mit einer Leibgarde von drei bis vier Mann herum. Diese haben offenbar nichts weiter zu tun als ihm permanent zur Verfügung zu stehen. Natürlich sind sie bewaffnet. Noch ein paar Chefscharfrichter - scheint eine häufige Kurzkarriere in Osonts Nähe zu sein. Sie sprechen mit niemandem. Niemand spricht mit ihnen.
Dann gehen wir - ich, Osont und seine Leibwache - wieder zu den Holzeinschlagsplätzen, obwohl wir dort heute schon waren. Aber diesmal geht es nicht darum, daß Osont mir noch eine Arbeitsstation zeigt - er selbst will sich mit mir über Fallschirme und Fluggeräte unterhalten, ohne daß allzuviele andere Leute in Hörweite sind. Ich begreife: Ich habe diese Dinge bis jetzt ja in persönlichem Gespräch nur mit anderen erläutert. Och zum Beispiel. Osonts Wissen darüber ist also nur aus zweiter Hand.
Aber das kann er natürlich nicht zugeben. Der Allgemeinheit gegenüber nicht, und eigentlich sich selbst und mir gegenüber auch nicht. Andererseits muß er etwas mehr darüber wissen als die Leute, die er beaufsichtigt. Im Moment sind wir noch in einem frühen Stadium, wo wir noch rauskriegen müssen, ob wir überhaupt etwas Fallschirmstoff-Ähnliches produzieren können. Aber irgendwann sollte man als Projektleiter schon etwas über rudimentäre Aerodynamik wissen. Und Osont sieht sich als Projektleiter.
Ich könnte ihn leicht so zusammenbürsteln, daß er nach wenigen Dutzend Minuten nicht einmal mehr den Unterschied zwischen rechts und links kennt. Immer wieder, seit den fernen Tagen auf der Uni, habe ich provokant behauptet, daß ich jeden noch so guten Prüfling dazu bringen könnte, daß er seine Unkenntnis eingesteht, und daß ich jeden noch so schlechten Prüfling durch jede Prüfung hindurchwürgen kann, dazu noch so, daß Beisitzer und Prüfling von der Qualität der Antworten aufrichtig überzeugt sind. Jeder Prüfer kann das. Wenn man ungerecht sein will, dann ist die Prüfungssituation für den Prüfer in dieser Hinsicht ein leichtes Schlachtfeld.
Aber hier will ich Osont ja nicht prüfen. Es ist zweckmäßig, daß Osont sogar selbst von seinen Kenntnissen überzeugt ist, und, da er diese Kenntnisse ja noch nicht hat, muß ich sie ihm beibringen. Ich muß ein verdammt guter Lehrer sein. Denn von Osont kann es wesentlich abhängen, ob unser Projekt gelingt.
Ich muß vergessen, daß er Charmion umbringt, ich muß vergessen, daß Charmion in dieser Sekunde am Kreuze ihr Leben aushustet oder vielleicht schon tot ist. Ich muß daran denken, daß vielleicht genau dies Art von Interview der eigentliche Grund ist, aus dem Osont mich nicht kreuzigen wollte. Genau jetzt bezahle ich eine der Rechnungen für mein Am-Leben-Bleiben.
Hätte ich das doch früher so deutlich gesehen! Dann hätte ich, vielleicht, ihm glaubhaft machen können, daß meine Qualitäten als Lehrer auch von meinem Wohlbefinden abhängen, und mein Wohlbefinden hängt von dem Charmions ab. Vielleicht hätte sie das vor dem Kreuze gerettet. - Oder vielleicht auch nicht. Ansatzweise habe ich doch so oder so ähnlich argumentiert. Es hat ja nichts genutzt.
Also gehen ich und Osont zwischen den gefällten und teilweise zersägten Bäumen auf und ab und machen Aerodynamik. Ich muß mich konzentrieren, um die Thematik mit der Xonchensprache deutlich genug auszudrücken. Ich muß auf Osont eingehen und seine Mißverständnisse analysieren. Alles habe ich doch hier schon mehrfach gemacht. Es interessiert mich nicht. Aber es muß mich interessieren, wenn ich je wieder nach Hause will.
Seine Leibgarde hat er zurückgeschickt. Wie ich dachte: Niemand soll sehen, daß Osont noch etwas lernen muß.
Der ganze Tag vergeht mit diesen Dialogen. Dabei machen wir noch weitere Planungen. Wenn wir uns für den Gleitschirm entscheiden, dann brauchen wir einen Übungshang, und das könnte zum Beispiel dieser Kahlschlag sein, wenn man ihn völlig freiräumt. Wenn wir jedoch den klassischen Fallschirm herstellen, dann brauchen wir einen Sprungturm am See. Dafür brauchen wir viel Holz. Osont sieht kein Problem, zunächst beide Projekte parallel zu verfolgen.
Ich bin hundemüde. Fast so müde, daß die Müdigkeit den Gedanken an Charmion wegbetäubt. Aber nur fast. Ich glaube, Osont wartet darauf, daß ich für Charmion bitte. Aber ich tue es nicht. Ich habe ihre vergammelnden Arme und Beine gesehen. Niemand kann sie jetzt noch retten. Und Osont würde ohnehin nichts für sie tun, wenn das noch möglich wäre.
15 Uhr. Zwei Stunden bis zur SchlafPeriode. Osont entläßt mich. Ich weiß nicht, wieviel er gelernt hat. Ist mir egal. Ich esse nicht mit den anderen, sondern renne zum Dorf zurück, zum Kreuzigungsplatz.
Sie hängt am Kreuz wie ich sie verlassen habe. Im ersten Moment glaube ich, daß sie tot ist. Aber es ist unglaublich: da sind immer noch Atemgeräusche. Ein Rasseln alle zwanzig Sekunden. Ihre Haut hat die Farbe alten Mooses angenommen und ist überall faltig und verklebt, und die abgebundenen Gliedmaßen sind blauschwarz.
Der Mann, der mir schon einmal prophezeit hat, daß es bei Charmion schnell gehen wird, tritt auf mich zu:
"Es hat doch etwas länger gedauert, als ich dachte. Aber nun muß es bald vorbei sein. Sie ist nahe dran, das Bewußtsein zu verlieren."
"Kann man eine Leiter anlegen?" frage ich. Es geschieht, ihr rechter Arm wird wieder als Widerlager mißbraucht, und ich steige hinauf.
Sie atmet tatsächlich. Aber als ich ihr über die Wangen fahre, reagiert sie in keiner Weise. Sie ist schon weit weg, und sie wird nicht wiederkommen.
"Charmion!" rufe ich, und wieder: "Charmion!" Nichts. Sie hat sich aus der Welt zurückgezogen, während ich nicht da war. Ebensogut könnte ich mit einer Mumie reden.
Ich hole wieder eine Wasserschale und bleibe dann auf der Leiter. Die da unten haben nichts mehr dagegen. Es ist ihnen schon langweilig. So gut es geht mache ich Charmion wieder sauber. Trinken oder lecken kann sie nicht mehr. Alle zwanzig Sekunden röchelt sie. Immer wieder. Meine Gegenwart nimmt sie nicht wahr. Vielleicht auch nicht das kühlende Naß auf ihrer Haut. Vielleicht wäre sie noch vor ein paar Stunden dazu in der Lage gewesen. Aber da mußte ich ja Osont etwas über Aerodynamik beibringen.
Und selbst, wenn sie noch etwas wahrgenommen hätte, was könnte ihr das jetzt noch bringen? Essen und Trinken mit Genuß geht nicht mehr, nur noch in rudimentärer Weise aus zwanghaftem Begehren des geschundenen Körpers, wenn überhaupt, Geschichten würde sie nicht mehr hören wollen, nicht von mir und nicht von meiner Welt. Ich denke an all die großen und kleinen Dinge aus unserer Welt, die ich ihr noch erzählen wollte. Nichts würde sie mehr erreichen, und ich könnte sowieso keine Auswahl treffen, wenn sie jetzt noch etwas hören wollte. Sie liegt außerhalb unserer Reichweite, nicht mehr in der Welt der Lebenden und noch nicht ganz in der Welt der Toten, sie liegt an einem Abhang, an dem sie sich nicht mehr halten kann, und sie rutsch tiefer und tiefer ab, und ich werde nicht sehen können, wohin der Fall führt.
Müßte ich nicht unendlichen Schmerz fühlen? Das tue ich nicht, denn ich kann ja noch denken. Und was ist schon unendlich in einem menschlichen Bewußtsein. Was tue ich denn, statt dessen? Nur Ausweichen und Flucht. Hilfloses Konstatieren und Kommentieren. Denken an mögliche Gedanken. Alles ist ganz unangemessen, und alles hilft ihr nichts. Jeder Sterbende ist beim Übertritt in das dunkle Land ganz allein. Kein Kult mit dem Tod ist eine Daseinsbewältigung, keine Philosophie und keine Religion. Die sind alle für die Lebenden gemacht. Jeder, der nicht das Glück hat, daß ihn der Tod hinterrücks und schnell überfällt, wird das in seiner letzten Stunde erfahren. Wie Charmion jetzt.
Es kommt ein Wind auf, bringt den Nebel in Bewegung, ohne ihn aufzureißen. Ein hohles Rauschen aus der Höhe. Er steigert sich nicht zum Sturm, aber in dieser meistens windstillen Gegend wirkt er bedrohlich. Eine schwache, zusätzliche Kühlung für die arme Charmion. Sie scheint es nicht zu spüren. Bald darauf legt sich der Wind wieder. Es war ein Bote eines fernen Unwetters in einer Gegend, wo man nichts darüber weiß, daß hier ein Mensch leidet.
Es ist kurz nach 16 Uhr - die Wasserschale ist längst leer und ich habe sie fallen lassen - da bleibt das Röcheln nach immer länger werdenden Pausen das erste Mal endgültig aus. Ich warte darauf, daß es wiederkommt. Es kommt aber nicht wieder. Ihre Reserven reichen nicht mehr für einen neuen Atemversuch.
Charmion ist tot.
32.2 Grabwahl
Der Aufsichtshabende der Wache steigt nach mir auf die Leiter, untersucht sie und bestätigt meine Diagnose. Das heißt für die Wache: Kreuz abbauen, Leiche versorgen und Dienstschluß.
38 Stunden hat es gedauert. Ich stehe dabei, wie sie die Leiter an die andere Seite des Kreuzes anlegen und die Seile lösen. Eines der Seile binden sie ihr um den Hals, um sie auf die Erde herunterzulassen. Noch eine entwürdigende Behandlung. Dann kommt der Wachhabende auf mich zu:
"Die kann man jetzt nicht mehr brauchen. Willst du sie haben?"
Er meint sicher die kannibalistische Verwendung ihres Körpers. Dazu ist der Leichnam jetzt definitiv zu abstoßend geworden. Vielleicht kann ich sie dann bestatten. Ich äußere den Wunsch, das zu tun, und niemand hat etwas dagegen. Vielleicht hat sich irgendwie die Kunde von unseren Bestattungsgewohnheiten hier verbreitet, oder die Männer sind einfach zu müde, um sich zu wundern. Sie ziehen sich zurück.
Charmion ist am Kreuz leicht geworden. Wasserverlust. Totale Dehydrierung. Ich werde sie überall dahin tragen können, wo ich sie begraben will, wenn es nicht zu weit ist. Aber wo soll das sein? Welcher Platz ist angemessen? Ooms Platz? Noch lieber wäre mir ja die Stelle, wo wir aus dem Höhlensystem von Casabones an das Tageslicht gekommen sind, kurz bevor wir das Fort erreichten. Dort haben wir uns geliebt und dort wußten wir noch nicht, was uns wenig später im Fort erwartete. Die romantische Schlucht, am Höhleneingang. Aber wie kommt man da runter, ohne den Weg über Zugbrücke und Fort und Steilaufstieg zum Fort? Und kann man da überhaupt ein Grab ausheben?
Einen Moment überlege ich, ob ich ihre Blöße bedecken sollte. Aber die Lederfetzen, die einmal ihre Bekleidung gewesen ist, liegen nicht mehr dort, wo sie ihr abgeschnitten worden sind. Wahrscheinlich hat irgendjemand das Material brauchen können. Ich habe nicht gesehen, wer es getan hat, aber ich denke daran, daß sie vom Kreuze aus gesehen hat, wer sich ihre wenigen restlichen irdischen Besitztümer angeeignet hat.
Ich habe sie über die Schulter gelegt. So kann ich leidlich gehen. Wenn sie noch am Leben wäre, dann wäre dieser Transport für sie sehr unangenehm. Aber sogar das läßt sich notfalls aushalten: Ich erinnere mich an einen Bundesbruder aus längst vergangenen Tagen, der wegen einer Wette einmal einen anderen Bundesbruder über der Schulter nächtens quer durch das alte Universitätsstädchen Clausthal getragen hat. Nie hätte ich in jenen jetzt so fernen und unwirklichen Tagen gedacht, daß ich einmal einen anderen Menschen so transportieren muß.
Ich bin gezwungen, häufiger die Schulter zu wechseln. Die unebenen Bodenstellen am Mauerdurchbruch sind mit dieser Last schwer zu bewältigen. Ich erwäge nicht, den Leichnam zu schleifen. Irrational, vielleicht, aber ich will Charmion nicht noch mehr beschädigen als sie es sowieso schon ist.
Ich habe unterwegs keine Wunschgedanken oder Visionen derart, daß sie eventuell doch noch am Leben sein könnte. Es ist nicht nur die rationale Untersuchung und medizinische Bewertung des Leichnams und der unmittelbare Eindruck seines Zustandes - irgendwie weiß man bei einer Gestorbenen instinktiv sehr genau, daß sie wirklich und unwiderruflich tot ist. Vielleicht ist das eine Wirkung des unerträglichen Gestanks, der von ihr ausgeht.
Ich bin froh, daß mir niemand begegnet. Es ist bereits SchlafPeriode. Niemand hat Grund, sich in der Nähe des alten Forts aufzuhalten, oder am Steilufer des Binnensees. So sieht niemand, daß der überzeugte Atheist mit ihr redet, als ob er hofft, daß sie immer noch irgendwo zuhört.
"Charmion, warum hast du dich nicht gewehrt? Du kannst doch alles, was man hier zum Überleben braucht! Warum hast du dich aufgegeben?"
Und was ich noch so rede. Natürlich antwortet sie nicht. Sie wird mir immer schwerer, je länger der Weg ist. Am ehemaligen Fort muß ich sie absetzen, und wenig später schon wieder, nur wenige Dutzend Meter von dem Platz entfernt, von dem aus ich das brennende Fort beobachtet habe, und auch die virtuose Flucht von Charmion aus der Feuerhölle - nein, es gab keinen Grund, daß sie jetzt schon sterben mußte!
Der Abstieg zu Ooms Platz ist sehr schwer. Meine Knie werden weich, obwohl ich ja gut genug durchtrainiert bin. Aber die ungewohnte Last und der Schlafmangel tun ihre Wirkung.
Unten angekommen gehe ich zuerst daran, sie zu waschen, nicht nur, weil der Gestank unerträglich ist, sondern weil ich ihr wieder etwas von dem Menschsein wiedergeben will, das ihr am Kreuze genommen worden ist. Außerdem muß ich mich ausruhen. Es treibt mich ja niemand zur Eile.
Ich mustere die Mauersteine von Ooms verlassener Hütte und das Ufergeröll. Material genug für ein Hügelgrab wäre da. Aber ich will nichts von Ooms Hütte zerstören, solange ich nicht genau weiß, was aus ihm geworden ist. Der Platz hinten in der Schlucht - unser Platz - wäre mir lieber. Wenn ich den mit der toten Charmion überhaupt erreichen kann. Inzwischen habe ich da so meine Zweifel. Auch meine Kräfte sind nicht unbegrenzt. Und wenn ich sie dort nicht anständig unter die Erde bringen kann, dann muß ich wieder hierher zurück.
Während Charmion an der Wasserlinie liegt, untersuche ich das Uferstück näher. Hier, an der breitesten Stelle, wo der Klippenweg herunterkommt und wo sich Ooms Hütte befindet, hat das Geröllufer seine größte Breite von fast zweieinhalb Metern. In beiden Richtungen des Ufers nimmt die Breite dieses Streifens ab. Nach jeweils etwas mehr als hundert Metern fällt dann die FelsWand des Steilufers direkt in das Wasser. Noch etwas weiter hört dann auch der Saum schilfähnlichen Grases auf, ein Zeichen, daß die Wassertiefe direkt unter dem Steilufer dann wieder sehr groß ist.
Der gesamte Uferstreifen besteht aus handlichen Geröllbrocken, die kleinsten sind leicht werfbare Steine, die größten könnte ich wohl nicht heben. Auch im Wasser, noch dicht vor dem Ufer, sind die Steine von derselben Größenordnung und könnten von dort geholt werden, wo immer es noch nicht zu tief dazu ist.
Für ein Grab für Charmion wäre mehr als genug Material vorhanden.
Ich sehe mich um. Ja. So soll es sein. Nicht die Schlucht, nicht unser Platz, wo wir so ahnungslos glücklich waren. Hier. Oom wird nichts dagegen haben, wenn er noch lebt. Überhaupt werde ich den Steinhaufen so groß machen, daß er ihn nicht abtragen kann, und die meisten wilden Tiere auch nicht.
Der Platz ist nicht schlecht für ein Grab. Immerwährender Nebel auf dem Wasser, man sieht nicht das andere Ufer, und nur schwacher Wellenschlag gluckst hier und dort unter den Ufersteinen. Das Uferschilf steht bewegungslos wie eine Trauerprozession. Über den Rand der Klippen oben sieht man nur an wenigen Stellen das grüne Blätterdach des Urwaldes sich weit genug vorwagen. Selten wird sich hier der Nebel so verziehen, daß ein Blick auf die ferne Höhlendecke frei wird, wie wir es einmal zusammen und gar nicht weit von hier erlebt haben. Es ist ein sehr einsamer Platz. Wenn die Meuterer Casabones verlassen haben werden, wird niemals mehr irgend jemand Casabones betreten. Es gibt ja keinen Weg mehr hinauf. Vielleicht wird Millionen von Jahren kein Mensch mehr hier vorbeikommen. Solange die WeltHöhle besteht.
Nichts deutet auf Einflüsse hin, die einen großen Steinhaufen abtragen könnten, geologische oder biologische. Es sei denn, der Pilzberg Casabones bricht irgendwann auseinander, wozu dieser See wahrscheinlich schon der Anfang war. Aber dann ist es sowieso egal, wo Charmion liegt. Ich glaube aber, daß in Zeiträumen, in denen sich menschliche Schicksale abspielen, sich hier nichts mehr verändern wird.
Ja, Charmion, das ist dein Platz. Daran hast du nicht gedacht, als wir hier das erste Mal zu Oom abgestiegen sind. Auch ich habe nicht daran gedacht. Es heißt, man würde ein Grauen empfinden, wenn man sich an dem Ort seines Todes aufhält. Mittelalterliche Spruchweisheit. Ich kann sie jetzt nicht mehr fragen, ob und was sie an diesem Ort empfunden hat. - Ich glaube, sie wollte Liebe machen, wenn ich mich recht erinnere, und daß der Platz bewohnt war kam uns eben dazwischen. Hatten wir uns nicht danach gestritten? Warum eigentlich?
Dein Platz, Charmion. Das Ende deines Weges, deines ganzen Weges. Und das Ende unseres Weges zusammen, unseres Weges, der damals so merkwürdig auf der Mastspitze des Saurierfängers angefangen hat. Was heißt damals - vor einem Monat bin ich erst mit Irene in die WeltHöhle eingestiegen, Charmion habe ich erst später kennengelernt. Ich kenne sie weniger als einen Monat lang - ist es wirklich so wenig? Oder lügt meine Digitaluhr? Verträgt sie den Druck nicht? Kippen die bits in ihren Zählregistern langsamer? Oder hat der Siebenundzwanzig-Stunden-Rhythmus dieser Welt mein Zeitgefühl gestört?
Schöne Charmion. Wie häßlich siehst du jetzt aus. Was haben sie dir angetan. Verfaulende Arme und Beine, faltige und eingefallene Haut. Linien im Gesicht wie bei einer Greisin. Da bin ich zu dir gekommen, nicht mit den antiquierten Ideen von Mission und Kulturtransfer. Nicht mit dem Schwert und nicht mit der Bibel. Wir sind Touristen, wir haben uns in diese Welt verirrt! Wir hatten nicht vor, hier irgend etwas zu bewirken oder nur zu verändern. Es hätte keinen Grund gegeben, dir das - mittelbar - anzutun! Und doch ist es passiert. Das meinte er, als er sagte, niemand ist ohne Schuld, er, der vor zweitausend Jahren genauso elendiglich getötet wurde wie du.
Wenn ich hier wieder rauskomme - wie soll ich in Bayern weiterleben? Dort gibt es an jeder Wegeskreuzung ein Kreuz mit dem Bild des Gekreuzigten. Immer und überall die Erinnerung. Wissen die, was sie tun, wenn sie überall diese widerliche Hinrichtungseinrichtung zur Schau stellen? Diese Ahnungslosen.
Steine, schwere Steine. Wie damals in Lanzarote. Vor fünf Jahren. Derselbe Urlaub, wo ich dieses kurze Erlebnis auf dem Mast der Marea Errota hatte. Eine einsame Lavabucht an der Südwestküste von Lanzarote. Irene sonnte sich auf den Felsen, und ich meinte, meine überschüssige Energie abbauen zu müssen, indem ich Steine zusammentrug und nichts anderes als einen Steinhaufen aus den vom Meer rundgeschliffenen Steinen aufbaute. Über eine Tonne Gestein habe ich damals bewegt. Jetzt muß es mindestens soviel werden, wahrscheinlich viel mehr.
Ich suche einen Platz, gehe die Küste aufwärts und abwärts, soweit es geht. Schließlich entscheide ich mich für eine Stelle, die vielleicht siebzig Meter vom Klippenpfad in Richtung ehemaliges Fort entfernt ist. Das Geröllufer ist dort noch hoch, aber nur noch einen Meter breit. Dahin bringe ich Charmion. Die letzte Ortsveränderung ihres Körpers in dieser Welt. Danach, als ich sie direkt unter der FelsWand längs derselben auf das Geröll gelegt habe, beginnt die Arbeit.
Zunächst trage ich einen Wall um sie herum auf. Der Wall wird höher und höher. Ich habe einfach Hemmungen, die schweren Steine auf ihren Körper und auf ihr Gesicht zu legen - ich weiß ja, daß dann alles mit steigender Höhe des Steinberges zerbrochen und zerquetscht wird. Aber woher soll ich einen Sarg nehmen? Den Meuterern bei der Holzverarbeitung darf ich mit solch einem Anliegen nicht kommen. Ich darf nicht vergessen, daß sie mir Charmion nur überlassen haben, weil sie nicht mehr 'genießbar' ist.
Schließlich aber muß es sein. Die schwere Last schließt sie zunehmend ein. Für ihr Gesicht verwende ich die flachsten Steine, die ich finden kann. Dann sehe ich von ihr nichts mehr. Es ist ein ganz schrecklicher und einsamer Moment. Reiß dich zusammen, Herwig - du bist nicht der erste, der einen nahestehenden Menschen durch den Tod verliert. - Du bist nicht einmal der erste, der dabei indirekt mitgewirkt hat. Was zwischenmenschliche Dinge betrifft, bist du überhaupt in keiner Hinsicht der erste.
Ich kann nichts dafür. Ich kann die Steine nicht mehr so genau plazieren. Die Muskeln zittern, die körperliche Arbeit bei dieser hohen Temperatur und Luftfeuchtigkeit fordern ihren Tribut. Ich muß eine Pause machen. Gerade jetzt ist es 0 Uhr. Mitternacht in Europa, dicht vor dem Ende der SchlafPeriode hier.
******** 033. Tag: Mittwoch 1995-09-20 ********
33.1 Der Steinhaufen
Die Arbeit geht weiter. Ich mache einen kurzen Ausflug zum Wald oben hinter den Klippen, um mich zu stärken. Danach werden weiter Steine getragen. Auch als ungefähr um 2 Uhr die SchlafPeriode vorbeigehen muß, taucht niemand auf, um mich zu suchen oder mich zu holen. Es weiß ja niemand, wo ich genau bin, dafür weiß Osont schon um so genauer, daß ich wieder auftauchen muß, wenn ich jemals von Casabones herunter will.
Stunde um Stunde trage ich Steine, mit immer größeren Pausen dazwischen. Um Ooms Uferstück nicht unnötig zu verkleinern, hole ich viele Steine aus dem knie- bis hüfttiefen Wasser vor der Wasserlinie. Das hat auch den Vorteil häufigeren Abkühlens.
Der Steinhaufen darf nicht zu steil werden. Immer wieder erliegt man der Versuchung, mit möglichst wenig Material möglichst hoch zu bauen. Dann aber kann es einem passieren, daß plötzlich eine ganze Menge von Steinen ins Rutschen und Poltern kommen, und wenn man dann nicht flink genug beiseite springt, dann kann man sich dabei schon schwer verletzen - dazu sind die einzelnen Brocken schwer genug. An dem Felsenstrand von Lanzarote ist mir das beinahe passiert. Ich möchte nicht, daß es hier passiert und ich aus einem solch trivialen Grund verletzt auf Casabones zurückbleiben muß.
Ich habe zwar schon damals auf Lanzarote gemerkt, daß man auch aus unregelmäßig geformten Steinen steil und hoch bauen kann, wenn man nur ein einfaches Konstruktionsprinzip anwendet: In alle Lücken zwischen den Steinen verkeilt man passende kleinere Steine. In die neu entstandenen Lücken verkeilt man wiederum noch kleinere Steine und so weiter, solange man die Geduld dazu hat. Es ist sehr zeitraubend, aber da in einer solcherart hochgezogenen Mauer jeder Stein, der sich bewegt, zahllose andere Steine mitbewegen muß und die wiederum noch andere Steine bewegen, auch wenn es kleine sind, ist der mechanische Widerstand gegen ein Verrutschen von Steinen sehr hoch. Ganz senkrechte Mauern auf diese Weise hochzuziehen erfordert aber immer noch viel Konzentration.
Aber ich will keinen steilen Steinhaufen. Es soll ja für lange Zeit halten, und er soll auch unauffällig aussehen, was nicht der Fall wäre, wenn man die Hänge des Haufens unnatürlich steil werden ließe.
Immer wieder denke ich, daß der Steinhaufen hoch und massiv genug ist. Aber dies hier ist das letzte, was ich für - und mit - Charmion tun kann. Danach ist sie weg, ganz endgültig. Diese letzte Form des Beisammenseins soll noch andauern. Bis ich nicht mehr kann. Ich habe doch alle Zeit der Welt. Diese Meuterer werden in meiner Abwesenheit so schnell ihre Gleitschirme nicht fertig kriegen.
Außerdem ist das Auflegen und das gelegentliche Abrutschen von schweren Steinen in weitem Umkreis zu hören. Vielleicht dringt das Geräusch nicht über die Klippenkante über mir hinaus - die Schallwellen müßten zu sehr gebeugt werden. Aber gesetzt den Fall, daß doch irgendjemand einmal oben über die Klippenkante nachschaut und mich hier bei der Arbeit sieht, möchte ich doch, daß der Steinhaufen so massiv ist, daß auch jemand mit leichenfledderischer kannibalistischer Absicht es nicht der Mühe wert hält, diesen Haufen wieder abzutragen. Es ist einfach eine Sache, das Kosten-Nutzen Gleichgewicht auf einer möglichen Gegenseite abzuschätzen. Ich glaube, ich bin auf der sicheren Seite: Es gibt andere Nahrungsmittel, und daß Charmions Leichnam in einem auch für Menschenfresser unappetitlichem Zustand ist, sollten alle wissen, und dann noch die Mühe des Abtragens des Steinhaufens. Dazu die doch hohe Wahrscheinlichkeit, daß hier niemand auftaucht. Nein - ihre Ruhe wird durch niemanden gestört werden.
Ich nehme mir vor, mich später noch häufiger ungesehen hierherzuschleichen. Wenn sich etwas am Steinhaufen verändert, dann kann ich ja weitere Steine auflegen.
Immer wieder geht mir die Frage durch den Kopf, warum sie sich nicht gewehrt hat. Warum ich selbst sowenig getan habe ist mir ja, unter schonungsloser Betrachtung meiner eigenen Person, klar. Aber Charmion war für mich eine Art Heldin. Dafür hat sie sich zu wehrlos gefangennehmen lassen.
Natürlich hat man als geplagter Ehemann schon im Laufe der Jahre einen gewissen Einblick in die weibliche Seele nehmen müssen. Gerade bei der Irene ist da viel Anschauungsmaterial für den psychiatrisch geschulten Beobachter. Wenn die Irene ihre Depressionen bekommt, dann ist die ganze Welt bei ihr nichts mehr wert, und in allererster Linie gehöre ich zu dieser wertlosen Welt. Dann schließt sie sich in ihr Zimmer ein und schläft oder sieht fern und grollt allgemein und mir speziell. Das Interessante ist dann, daß dieselben Dinge, die sie bei ausgeglichenem Bewußtseinszustand neutral oder positiv bewertet, dann argumentativ als schlimmste Vergehen oder Charakterschwächen gedeutet werden können.
Diese Perioden des krankenden Ehefriedens haben große Abstände voneinander. Innerhalb des ersten Monats, wo Irene und ich uns kennengelernt hatten, da ist so etwas noch nicht vorgekommen. Wenn Charmion ähnliche Charakterzüge hatte, dann könnte es durchaus sein, daß sie gerade in so einem seelischen Tief war, das erste Mal in dem Zeitraum, in dem wir uns schon kannten. Vielleicht ist das ausgelöst worden durch ihre glanzvolle und vielversprechende Flucht aus dem brennenden Fort, die ich so genial durch meine Dummheit vereitelt habe. In dem Moment muß es ihr vorgekommen sein, als stände die ganze Welt gegen sie. Das ist schon Grund genug für eine depressive Phase, auf für einen ausgeglichenen Menschen.
Andererseits weiß ich auch, am Beispiel von Irene, daß solche depressiven Phasen sich unter Einfluß drängender Probleme gelegentlich völlig verflüchtigen, manchmal schon in kurzer Zeit. Und welch drängenderes Problem gibt es als eine drohende Kreuzigung?
Charmion, ich verstehe dich immer noch nicht. So wie du auf dem Saurierfänger warst, hättest du dich doch von ein paar umstehenden Leuten mit gezogenen Schwertern nicht beeindrucken lassen! Warum hast du dich nicht gewehrt?
Oder hattest du eine Verletzung, von der ich nichts wußte? Schließlich hatten wir auf dem Hinaufweg auf Casabones einige gefährliche Situationen. Und bei der Flucht aus dem brennenden Fort kann sie sich auch etwas geholt haben, was nicht auf dem ersten Blick zu sehen war. Irgendwo eine gerissene Sehne zum Beispiel kann aus einer geübten Kämpferin einen Fast-Krüppel machen, gerade so, daß es im normalen Alltag nicht auffällt, aber etwa der virtuose Schwertkampf nicht mehr möglich ist, oder der schnelle Sprint. Charmion hätte mir diesen Zustand nicht unbedingt verraten.
Ich werde es nicht mehr erfahren, nichts von alledem. In unserer zivilisierten Gesellschaft da oben hätte man noch eine Autopsie vorgenommen, und vielleicht hätte man sogar noch etwas mehr herausgefunden. Aber auch eine Autopsie, das chiurgische Eindringen eines Messers in einen menschlichen Körper ist ein unerhörter Eingriff in die allerheiligste Privatsphäre, die ein Mensch hat. Wenn es nicht zum Heilen geschieht, oder um ein schweres Verbrechen aufzuklären, dann ist das eine sanktionierte Leichenschändung. Das wenigstens muß Charmion nicht über sich ergehen lassen.
12 Uhr. Ich bin restlos zerschlagen. Stellenweise ist der Steinhaufen höher als meine Körpergröße. Das ist viel mehr als ich es damals auf Lanzarote erreicht hatte. Selbst, wenn hier täglich Leute unwissend über diesen Steinhaufen rübertrampeln würden, würden sie ihn in Jahrzehnten nicht völlig abtragen. Ich bin da ein Fachmann im Abtragen von Steinhaufen, weil ich gelegentlich zu Hause, auf meinen langen Waldläufen, Bahnlinien überqueren muß. Dabei tritt man immer Schotter beiseite. Es stellt sich aber heraus, daß nur die ersten Tritte deutliche Spuren hinterlassen. Spätere Tritte drücken Schotter wieder zurück in die Löcher der früheren Tritte. Die Abtragungsrate sinkt schnell. Je flacher ein Steinhaufen ist, desto deutlicher ist dieser Effekt. - Jedenfalls ist es mir noch nicht gelungen, die Schienen unserer Münchner S-Bahn zu lockern oder sie gar zum Entgleisen zu bringen, bloß, indem ich gelegentlich, aber über Jahre hinweg, über den Bahndamm laufe.
Ich lege mich am Fuße des Steinhaufens auf den harten und unebenen Steinen zum Schlafen. Wegen der ungewohnten harten körperlichen Arbeit kommt der Schlaf schnell und dauert lange. Und er bringt mir keine Träume. So, wie auch Charmion jetzt keine Träume mehr hat.
******** 034. Tag: Donnerstag 1995-09-21 ********
34.1 Papiere und Seile
Es ist 5 Uhr, als ich aufwache. 17 Stunden Schlaf. Der Körper hat eine lange Wirklichkeitsflucht erzwungen. Dafür tun mir alle Knochen weh - wegen der unebenen Unterlage und der schweren Arbeit von gestern.
Erstaunlich immerhin, daß ich gerade wieder zum hierorts üblichen Ende der SchlafPeriode aufwache. Meine innere Uhr ist schon sehr gut auf den 27-Stunden-Rhythmus einsynchronisiert.
Langsam kehrt die Erinnerung zurück. Das Bewußtsein wehrt sich, aber der Realitätssinn war ein Evolutionskriterium. Sich zu lange der Wirklichkeit zu verschließen verschlechtert die Überlebenschancen. Charmion ist immer noch tot.
Hungrig und zerschlagen stehe ich auf. Ein Bad im See - wie üblich mit Klamotten, das ist ein Aufwasch - dann begutachte ich den Steinhaufen. Kein richtiger Grabstein, kein eingravierter Name. Kein Kreuz. Das schon gleich gar nicht. Jemandem ein Modell der eigenen Hinrichtungsmaschine aufs Grab zu setzen ist eindeutig geschmacklos. Es ist auch unüblich, Bilder von Guillotinen oder elektrischen Stühlen oder Galgen in Grabsteine einzugravieren. Nur beim Vollstreckungskreuz gilt das üblicherweise nicht. Und was die sonstige Symbolik des Kreuzes betrifft: Sie war ja ebensowenig formal Christ wie ich.
Ich lege noch ein paar Steine drauf - kleine Verbesserungen, hier und dort. Der Haufen soll lange halten.
Dann, nach einigen Minuten, meldet sich der Magen mit Macht. Das Leben geht weiter. Das heißt, mein Leben geht weiter. Und das auch nur, wenn ich bald etwas zu essen kriege. Ich reiße mich von dem Platz los und erklettere den Klippenpfad ohne mich umzusehen.
Aber so einfach kann man die Charmion nicht abschütteln. Bei allem, was ich oben im Wald zu essen finde, erinnere ich mich, daß sie es mir beigebracht hat, im Wald Nahrung zu finden. Bis auf die Maisbeeren, die Irene und ich schon während unseres Abstieges in diese Welt kennengelernt haben - die sind hier aber seltener zu finden.
Ich möchte zu Irene zurück, und dann will ich raus aus dieser Welt.
Vorsichtig bewege ich mich wieder in Richtung Dorf, immer drauf bedacht, nicht gesehen zu werden. Niemand soll wissen, wo ich war und wo ich Charmions Leichnam gelassen habe. Deshalb dauert der Marsch auch etwas länger.
Das Dorf ist völlig verlassen, ebenso der Kreuzigungsplatz. Charmions Kreuz wirkt bedrohlich - dabei sind es nur zwei gekreuzte Holzbalken, die nichts dafür können, daß sie für diesen Zweck verwendet wurden. Holz, einer der ältesten und natürlichsten Baustoffe. Milliardenfach verwendet in aller Welt. Aber dieses ist natürlich ein besonderes Holz.
Flüchtig denke ich daran, einen Splitter von Charmions Kreuz mitzunehmen. Aber nicht nur aus praktischen Erwägungen - ich habe ja kein Messer, und wo sollte ich es wohl transportieren, und lästig wäre es auch - nehme ich davon Abstand: Diesen Reliquienrummel werde ich um Charmions Kreuz nicht anfangen. Das Bild von Charmion, wie sie an ihrem Kreuz hängt, ist in mein Gedächtnis eingebrannt worden - das ist Reliquie genug.
Es halten sich offenbar alle Männer der Insel an den Arbeitsplätzen zwischen den Sumpfteichen und dem Steinbruch auf. Sie sehen mich, beachten mich aber nicht weiter. Es ist auch ein gewisser Arbeitsfortschritt zu bemerken.
Da sind zum Beispiel Stangengerüste aufgestellt worden, an denen Papier zum Trocknen aufgehängt worden ist. Dünnes Papier, dickes Papier, ungleichmäßig und nicht gebleicht, und sogar schon Papier mit eingelagerten Fasern. Nicht weit davon entfernt finde ich die aufgestellten Papierbecken. Es sind inzwischen mehrere, und sie sind auch leidlich dicht. Daubenfässer sind hergestellt worden, die als zusätzliche Eimer dienen. Die Dauben sind mit Seilen zusammengebunden - ob das lange hält? Aber natürlich, wo soll man eiserne Faßringe herbekommen?
Ich beobachte einen Mann, der ein solches Faß in beiden Armen trägt. Einen Tragegriff an diesen Faßeimern gibt es also noch nicht. Oder diese Konstruktion hält keinen Griff aus.
Eine Menge Leute arbeiten dort, und auch Osont hält sich dort auf. Als er mich sieht, kommt er sofort auf mich zu, als ob er auf mich gewartet hätte.
Natürlich will er gelobt werden für das, was er geschafft hat. Und es ist ja auch schon einiges. Der Kahlschlag ist schon recht weitgehend freigeräumt, und er zeigt mir die ersten Seilstücke aus Schneidgrasfasern, und eine Eigenentwicklung, auf die sie inzwischen auch gekommen sind: Seile verschiedener Dicke, die mit Papierbrei behandelt worden sind. Die drechseln sich von selbst nicht auf, und ich kann mich davon überzeugen, daß diese Seile sehr reißfest sind. Wahrscheinlich haben sie schon die Qualität der Seile erreicht, die bei den GranitBeißern von beruflichen Seilern hergestellt und etwa auf dem Saurierfänger verwendet werden.
Sie haben verschiedene Experimente gemacht, um herauszufinden, ob für Seile und Papier Holzfasern besser geeignet sind oder ob man das Schneidgras verwenden sollte. Tatsächlich ist das Schneidgras die bessere Wahl. Nur beim Papier ist der Unterschied nicht groß. Und es hängt auch von der Faserlänge ab, also von der Vorbehandlung mit den Zerfaserungswalzen oder den Mühlsteinen.
Osont fragt nicht nach Charmions Verbleib. Er weiß, daß ich es ihm nicht sagen werde. Vielleicht hat er so seine Vermutungen, aber auch darüber spricht er nicht. Sie ist für ihn uninteressant geworden. Tot und weg. Kein Störfaktor mehr für die Leute. Vielleicht denkt er, daß sie nun auch mich nicht von dem gemeinsamen Vorhaben ablenken kann.
Wir reden wieder über Aerodynamik. Einiges muß er sich noch einmal erklären lassen. Da wir jetzt Papier haben, habe ich die Möglichkeit, mit Kohlestückchen aus alten Feuerstellen Zeichnungen zu machen, die etwas präziser und haltbarer sind als Rillen im Boden. Allerdings geht das nicht immer gut: einige der Papiere sind von so schlechter Qualität, daß sie unter dem Druck des Kohlestückchens in meiner Hand brechen. Hoffentlich kriegen wir diese Qualitätsprobleme für die Gleitschirme selbst noch in den Griff!
Osont meint, daß wir schon morgen daran gehen können, den ersten Gleitschirm zusammenzusetzen. Bis dahin müßten schon genug faserverstärktes Papiere und reißfeste Fäden vorhanden sein.
Wenn wir morgen schon die Konstruktion des ersten Gleischirmes beginnen, dann muß ich heute etwas mehr Theorie darüber verbreiten. Ich frage nach, wer dafür in Frage kommt.
Osont winkt zwei Leute herbei und läßt nach einem dritten, der irgendwo anders arbeitet, schicken. Ich kenne keinen von ihnen. Wahrscheinlich Osonts spezieller Freundeskreis. Manchmal habe ich den Eindruck, daß alle, die mir irgendwie auffallen, alsbald ums Leben kommen. Sie heißen Oam, Okr und Oios. Oios ist der jüngste, Oam könnte so alt wie Osont sein und Okr liegt dazwischen. Ich lasse mir mehr Papier und Kohlestückchen bringen.
Der Trick beim Hanggleiter oder Gleitschirm ist der, möglichst gut ein Tragflächenprofil, das für einen langsamen Flug geeignet ist, nachzubilden. Deshalb muß ich erst das Flügelprofil erläutern. Da alle GranitBeißer Flugsaurier und Vögel aus eigener Anschauung gut genug kennen, können sie sich darunter etwas vorstellen. Nur die Druckverhältnisse um einen angeströmten Flügel muß ich erläutern.
Das erinnert mich wieder daran, daß Charmion von schnellerer Auffassungsgabe war.
Ober- und Unterseite dieses Tragflügelprofils werden beim Gleitschirm durch Stoffbahnen gebildet. Diese sind so miteinander verbunden, daß sie, wenn sie sich so weit wie möglich voneinander entfernen, gerade das Tragflächenprofil bilden. Damit sie sich tatsächlich voneinander entfernen werden sie aufgeblasen - und dazu nimmt man praktischerweise den Fahrtwind des fallenden und gleichzeitig vorwärtsgleitenden Gleitschirmes. Vorne, in Fahrtrichtung, ist zwischen oberer und unterer Plane eine große Öffnung, an der Hinterkante des Profils eine kleinere Öffnung.
Das ganze Ding muß breit sein. Deshalb besteht so ein Gleitschirm aus einer Reihe ziemlich identischer Luftkammern nebeneinander. Von jeder gehen Leinen nach unten, an denen der Gleitschirmflieger hängt, und die Trennwände dieser Luftkammern geben dem Profil die eigentliche Form.
Dann male ich auf, wie es von der Seite aussieht, wenn ein Gleitschirmflieger unter seinem Gleitschirm hängt. Durch die Länge der Trageleinen kann man erreichen, daß die vordere Kante des simulierten Flügelprofils tiefer liegt als die hintere Kante. Dadurch wird sichergestellt, daß sich tatsächlich genug Luft zwischen den oberen und unteren Planen in den Luftkammern fängt. Die fehlende vordere Kante des Tragflügelprofils wird einfach durch die gestaute Luft gebildet. So einfach ist das.
Dann gehe ich darauf ein, wie man so ein Ding steuern könnte. Leider weiß ich sehr wenig darüber, und ich muß einfach mit meinem physikalischen Wissen etwas extrapolieren.
Zum einen kann man die Neigung des Gleitschirm-Profiles durch verschieden starkes Anziehen der vorderen und hinteren Trageseile beeinflussen. Damit ist eine Geschwindigkeitsbeeinflussung möglich - glaube ich. Wahrscheinlich ist es aber auch möglich, dabei grobe Fehler zu machen und etwa die Luftkammern kollabieren zu lassen. Dann ist es besser, wenn man noch viel Luft unter sich hat, um die Kammern sich wieder entfalten lassen zu können.
Das unterschiedliche Anziehen der Leinen rechts und links dürfte sich wohl auf die Flugrichtung auswirken. Zuviel Anziehen der Leinen wird sich aber auch hier in instabilen Fluglagen auswirken. Auch da weiß ich nicht, wie so ein Störfall in der Praxis aussieht.
Mit einem gewöhnlichen Flugzeug zu fliegen würde mir leichter fallen - das habe ich in zahlosen Flugstunden vor meinem Flugsimulator geübt. Da weiß ich, was zu tun ist, wenn die Strömung abreißt, da wissen es sogar meine Reflexe: nämlich den Steuerknüppel drücken. Bei einem Gleitschirm wird vieles anders sein. Es wird für mich eine genauso neue Erfahrung werden wie für meine Zuhörer und alle anderen hier. Und es wird keine Simulation - wir werden wirklich fliegen.
Wie gerne ich Charmion den Gleitschirmflug gezeigt hätte! Wenn wir es hinkriegen, dann würde ihr das gefallen.
Und dann fällt mir ein, daß ich hätte versuchen müssen, Osont die Verwendung von Charmion als Versuchskaninchen für die ersten, zweifellos gefährlichsten Flugversuche vorzuschlagen. Ob er sich drauf eingelassen hätte? Wir hätten uns weitere Zeit erkaufen können! Herwig, warum diese Idee erst jetzt?
Meine vier Zuhörer machen den Eindruck, als ob sie verstehen, was ich erzähle. Besonders bei den beiden jüngsten glaube ich, eine gewisse gespannte Erwartung auf die ersten Flugversuche ausmachen zu können.
Dann aber muß ich ihre Ungeduld dämpfen. Das immer wieder brechende Papier zeigt, daß wir noch etwas brauchen: Qualitätssicherung. Prüfverfahren für Seile und Stoff müssen definiert werden. Was schlecht ist, muß ausgesondert werden und kann vielleicht wieder als Rohstoff Verwendung finden. Ich sehe, daß ihnen die Aussicht, vielleicht mehr als die Hälfte allen erzeugten Papieres und aller Seile gleich wieder wegwerfen zu müssen gar nicht gefällt. Aber bei der Fliegerei geht es nicht anders. Sonst findet der Qualitätstest während des Fliegens statt, und schlechtes Material wird zusammen mit den Piloten aussortiert.
Dann sehen wir uns den Übungshang an. Osont verspricht, noch mehr Leute damit zu beschäftigen, Wurzeln und andere Hindernisse aus dem Wege zu räumen. Ich überlege mir, was man sich einfallen lassen sollte, um Orientierung für die zu ermöglichen, die zu hoch fliegen, weil sie recht weit oben am Hang gestartet sind - wegen des Nebels könnten die zeitweise keine Bodensicht mehr haben.
Für längere Übungsflüge würden sich einige der Berge auf Casabones anbieten. Dann allerdings würde man von oben in die Nebelschicht eintauchen müssen und man weiß erst recht nicht, wo man landet. Ich schlage Osont vor, am oberen Ende des Übungshanges, der schon dicht unter der Obergrenze des Nebels ist, einen großen Holzturm zu errichten, der für solche Übungsflüge als Orientierungspunkt zur Verfügung steht.
Osont ist dagegen. Er meint, wenn man mit steigender Geschicklichkeit immer weiter oben am Übungshang startet, dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem man sowieso knapp über der Nebelobergrenze zu fliegen anfängt. Dann lernt man die umliegenden Berge kennen und wird schnell sicherer in der Navigation, so daß man Flüge von noch weiter oben beginnen kann. Man weiß dann ja ungefähr, wo man in die Wolkendecke eintauchen muß, um am Fuße des Übungshanges zu landen. - Da hat er möglicherweise recht.
Dann kommt das Thema Starten auf. Okr hat den Einfall: Wie kann man überhaupt einen Flug anfangen, wenn am Anfang der Gleitschirm noch wie ein Haufen unordentlichen Tuches am Boden liegt.
Ich stelle zunächst einmal klar, daß ein Gleitschirm immer sauber zusammengelegt werden muß. Daß so ein Gerät wie ein 'unordentlicher Haufen' irgendwo liegt kommt nicht in Frage.
Dann erläutere ich die mögliche Hilfestellung durch zwei Helfer. Durch einen Anlauf muß es gelingen, den Schirm aufzublähen und über sich zur Entfaltung zu bringen. Dann wird er seine Tragfähigkeit voll entwickeln, und auf hinreichend schrägem Hang kann man dann abheben. Wenn das nicht funktioniert, dann müssen wir die Konstruktion des Schirmes eben so lange ändern, bis es funktioniert. Egal, wie lange es dauert.
Und was, werde ich gefragt, ist, wenn man keine Helfer hat? Der letzte, der irgendwann schließlich Casabones verlassen will, hat ja keine Helfer.
Das weiß ich auch nicht. Ich denke an ein Hilfsgerüst. Oder man muß eben sehr geschickt sein. Wie machen es denn unsere Paraglider-Hobbyisten? Ich bin ein dummer Laie - ich weiß es nicht. Auf jeden Fall werden wir uns auch um das helferlose Starten kümmern müssen.
Dann sprechen wir noch über die Aufhängung des Piloten. Der kann ja nicht alle Halteleinen gleichzeitig festhalten. Da muß irgendeine Art von Sitz gemacht werden - uns wird schon etwas einfallen, denke ich mir. Ich habe nämlich nicht die geringste Ahnung, wie das bei unseren Gleitschirmen aussieht. Das sieht man nämlich nicht so genau, wenn man aus der Ferne zuschaut.
Ich glaube mich aber bestimmt zu erinnern, daß bei uns oben ein Rettungsfallschirm vorgeschrieben ist - beim Drachenfliegen bestimmt, aber wahrscheinlich auch beim Gleitschirmfliegen. Ich fürchte, ich werde nicht darauf bestehen. Wir können froh sein, wenn wir für jeden einen einzigen funktionierenden Gleitschirm herstellen können, und noch ein paar zur Reserve, für die, die im letzten Moment kaputt gehen.
Ein anderes Problem, um das wir uns irgendwann wenigstens kümmern müssen, ist die Festlegung des endgültigen Absprungortes. Da muß ich mich noch etwas mit der Geographie der Oberfläche von Casabones beschäftigen. Und falls der erste Teil dieses Massenabsprunges noch im Nebel stattfindet, müssen wir uns auch irgend etwas einfallen lassen, um Karambolagen im Nebel zu verhindern. Ein Luftraum mit fast zweitausend Gleitschirmfliegern gilt auch bei klarer Sicht als ganz schön belebt.
Bevor meine vier Zuhörer sich wieder an ihre anderen Arbeiten begeben - sie haben heute genug gehört und ich bemerke Anzeichen der Unkonzentriertheit - zeige ich ihnen noch etwas: Ich nehme ein Blatt Papier, lasse mir ein Messer geben und schneide zwei rechteckige Stücke aus. Dabei denke ich daran, daß ich schnell die Schere 'erfinden' sollte. Wenn sich eine solche aus vorhandenen Messern herstellen läßt. Aber damit ließen sich Papier und Stoff und Fäden besser schneiden. Eigentlich seltsam, daß dieses einfache Instrument bei den GranitBeißern offenbar noch nicht bekannt ist, bei ihrem Stand der Schmiedekunst und der Tuchtechnik.
Aus den beiden Blättern Papier falte ich ein Papierflugzeug, eine sogenannte 'Schwalbe'. Es gelingt mir gut, schon der erste Flugversuch stößt auf Interesse - allerdings nicht auf lebhaftes. Ein Pfeil fliegt auch, und die meisten sehen nicht den Unterschied zwischen einem balistisch fliegenden Pfeil und einem aerodynamisch fliegenden Flugzeug. Zudem ist ein Pfeil nützlicher als eine harmlose Schwalbe, und zu dem Abstraktionsschritt, daß eine Schwalbe auch in wesentlich größerer Ausführung genauso fliegen würde, und daß dann Menschen drauf reiten könnten, sind die meisten nicht in der Lage.
Immerhin weiß ich jetzt aber, daß das Papier eine Qualität erreicht hat, daß man es falten kann, ohne daß es bricht.
Den Rest des Arbeitstages treibe ich mich herum und sehe den Leuten bei der Arbeit zu. Manchmal werde ich etwas gefragt, und ich antworte, so gut ich kann. Wenigstens vergeht so die Zeit. Nebenbei erfahre ich, daß es ein blutiges Scharmützel mit den Rebellengruppen gegeben haben muß, aber Einzelheiten sagt mir keiner. Ich weiß nicht, wer angegriffen hat und wer dabei wieviele Verluste erlitten hat. Zuviele dieser Männer haben Hemmungen, mit mir, dem Fremden, zuviele Worte zu wechseln.
Als es 21 Uhr wird, finden sich immer weniger Leute bei der Arbeit. Jagd und Essenszubereitung müssen auch erledigt werden. Zeit, mich abzusondern.
Schon im Dorf bin ich allein, und das bleibe ich, bis ich am Wald über Charmions Grab bin. Genau da werde ich die SchlafPeriode verbringen. Genau dort und nirgends anders. Allerdings sammle ich diesmal während der Essenssuche Blattmaterial, um mir da unten auf dem Geröll ein etwas besseres und bequemeres Lager zu machen. Ich muß deshalb mehrfach den Klippenpfad mit einem Arm voller Grünzeug hinunter und ohne das wieder herauf klettern.
Dann, kurz vor 23 Uhr, mache ich es mir auf dem Lager neben Charmions Steinhaufen, der sich in meiner Abwesenheit nicht verändert hat, bequem. Ich erwische mich dabei, daß ich ihr erzähle, was ich den Tag lang getan habe, und wie die Fluchtvorbereitungen laufen. Ich rede mit einem Grab wie alte Leute auf einem Friedhof.
Und wieder fällt mir ein, wie sie da so gequält am Kreuz hing und ich nichts dagegen getan habe, und wie ich jetzt mit ihren Mördern kollegial zusammenarbeite, um wieder nach Hause zu kommen. Es ist zum Heulen, und ich heule, und es hört ja niemand.
Irgendwann schlafe ich dann ein.
******** 035. Tag: Freitag 1995-09-22 ********
35.1 Der halbe Gleitschirm
Pünktlich um 8 Uhr wache ich auf. Lange sehe ich auf das immer gleichmäßig graue Wasser hinaus. Es ist jetzt spiegelglatt, weil wirklich kein bißchen Wind geht. Die Zeit steht still. Wenn ich jetzt nicht aufstehe, wenn ich einfach liegenbleibe? Aber Blase und Magen sorgen schon nachdrücklich dafür, daß ich dann doch aufstehe.
Ich habe keine Eile, mich so bald schon wieder den Gleitschirmarbeiten anzuschließen. Ich nehme mir einfach das Privileg, etwas mehr Freizeit zu haben. Außerdem glaube ich nicht, daß sie jetzt schon soviel Material haben, um die ersten Stoffpapierbahnen zusammennähen zu können.
Nähen? Haben sie Nadeln? Muß ich da auch noch eine Anleitung geben? Aber wenn nur ein paar Personen unter den Meuterern sind, die rudimentär etwas von Segelmacherei verstehen, dann müßte sich der Gebrauch von Nadel und Faden herumsprechen.
Charmion kannte sich in Segelmacherei aus. Wenn ich sie doch fragen könnte, wie man solche Arbeiten hier macht! Hat sie damals auf dem Mast solche Arbeiten gemacht, irgendwo in der Takelage? Ich kann mich nicht mehr erinnern. Ich habe ein so schlechtes Gedächtnis für Einzelheiten. Charmion mit Nadel und Faden - irgendwie unvorstellbar. Zu Charmion paßt ein Schwert und nicht die Attribute gediegener Hausfräulichkeit. Und doch muß sie sich damit ausgekannt haben, denn das sind Standardwerkzeuge für die Segelmacherei.
Hoffentlich lebt die Irene noch. Es wäre zuviel, wenn ihr auch etwas zugestoßen wäre. Was soll ich machen, wenn ich sie nicht wiederfinde? Wenn ich Kunde von ihrem Tod bekomme? An bekanntem Ort? An unbekanntem Ort? Herwig, mach dich nicht verrückt - es reicht, sich um die tatsächlich eingetretenen Katastrophen zu kümmern. Die vielen 'Was wäre, wenn's kannst du jetzt doch nicht beantworten. Die Irene hat sich auch immer wieder als ungewöhnlich stabil in ungewöhnlichen Situationen bewiesen. Auch wenn man ihr das nicht ansieht. Sie wird sich behauptet haben. Da bin ich ganz sicher. Vielleicht - ich lache kurz heraus - ist sie inzwischen Kommandantin des Saurierfängers!
Schuldbewußt blicke ich zu Charmions Steinhaufen hinüber. Das Lachen der Lebenden ist an diesem Platz nicht angemessen. Verzeih, Charmion. Was hast du gesagt? Geh mit ihr nach oben - nach Hause. Das werde ich. Ganz gewiß, das werde ich. Wenn du das gesagt hast, dann hast du es auch so gemeint. Irene finden und nach Hause gehen. Wir werden es schaffen. Und dazu müssen diese verdammten Gleitschirme hergestellt werden.
So um 12 Uhr bin ich dann wieder an den Arbeitsstätten. Ich muß schon sagen, Osont beschäftigt seine Leute wirklich. Die Organisation wird besser. Ich finde eine Gruppe, die sich als 'mobiler Kantinenbetrieb' betätigt: Sie braten über offenem Feuer Fleisch und verteilen es nacheinander an alle. Wer etwas kriegt hat genau dann seine Mittagspause - vorher nicht und nachher nicht. Wer bei der Verteilung übersehen wird, hat an dem Tag eben keine Mittagspause. Ganz einfach.
Okr und Oios, die offenbar miteinander befreundet sind, finde ich an den Papierbädern. Oam und Osont sind nirgends zu sehen. Ich geselle mich zu den beiden, und sie zeigen mir unaufgefordert weitere Materialfortschritte, die an den Trocknungsgerüsten, von denen es auch immer mehr gibt, hängen:
Es gibt jetzt Netze, und sie haben auch versucht, Papier mit eingelagerten Netzen zu machen. Die Stücke sind unregelmäßig und einige Quadratmeter groß, eben so groß, wie die Papierbäder waren. Das Problem, sagen sie, ist, daß diese großen Papierstücke zu lange brauchen, um soweit zu trocknen, daß man sie unbeschädigt aus den flachen Schalen nehmen kann, ohne daß sie brechen. Deshalb haben sie häufiger Zwangspausen in ihrer Arbeit. Und doch sind in den größeren Stücken überall Beschädigungen zu finden.
Ich schlage ihnen eine Walze vor, weil mir da auch nichts besseres einfällt. Die muß natürlich auch erst einmal hergestellt werden, und vor meinem geistigen Auge habe ich das Bild von verklebtem Papier, daß sich um die Walzen wickelt und sich dabei zur Unbrauchbarkeit verzieht. Ich kann wirklich nicht sagen, ob das ein guter oder ein schlechter Vorschlag war - sie müssen es selbst ausprobieren.
Jedenfalls ist heute noch nicht genug Material da, um auch nur einen einzigen Gleitschirm wenigstens einmal zusammenzuschneidern. Vielleicht ist das gut so, denn es kommt Wind auf. Nicht viel, schon gar nicht genug, um den Nebel beiseite zu schieben. Aber bei den ersten Flugversuchen könnte dieser sachte Luftzug bereits empfindlich stören.
Okr ist allerdings nicht der Meinung, daß zuviel Wind da ist. Er bedrängt mich, daß man vielleicht schon daran gehen sollte, einen Gleitschirm bescheidenerer Größe zusammenzuschneidern. Wenn man damit vielleicht auch noch nicht fliegen kann, so kann man doch vielleicht ein kleines Gewicht statt eines ganzen Menschen auf eine Flugreise schicken.
Die Schwalbe, denke ich. Die Idee des Modells ist bei Okr auf fruchtbaren Boden gefallen. Dabei hatte ich diesen Erfolg gar nicht beabsichtigt. Schön, daß man so manchmal auch positiv überrascht wird.
"Das mit dem Gewicht wird vielleicht nicht gehen!" vermute ich, "Ein Gleitschirm braucht zuviel aktive Steuerung."
Okr ist enttäuscht, ich sehe es ihm an. Deshalb fahre ich fort: "Aber man kann damit Laufversuche machen. Man müßte schon merken, ob der Schirm einen nach oben zieht. Andererseits, wenn er zu klein ist, dann kann er einen nicht wirklich heben, und es ist noch ungefährlich!"
Ich habe wohl genau das gesagt, was Okr hören will. Sprachlich ausdrücken kann er sich nicht besonders - fast ist sein Xonchen schlechter als meins - aber vielleicht gehört er zu den Menschen mit gutem Vorstellungsvermögen. Noch ein verborgenes Talent - es gibt sie hier also doch.
Er rennt weg und kommt schon bald mit einigen anderen meist jüngeren Männern wieder. War da etwas abgesprochen? Egal, wenn es funktioniert. Jedenfalls bombardieren sie mich mit Fragen - bis auf die Frage nach der Nadel: Da hat schon jemand eine Idee gehabt oder etwas über das gewöhnliche Werkzeug eines Segelmachers gewußt. Den starken unteren Halm des Schneidgrases kann man dafür verwenden. Der ist stabil genug und kann leicht gespitzt werden. Und wenn er verbraucht ist, dann macht man sich eben eine neue derartige Nadel.
Sie fangen rasch an, mehr nach Intuition als nach meinen Zeichnungen. Ich habe Mühe, sie zuerst einmal dazu zu bewegen, wenigstens einige Papierstücke vorzuschneiden - dabei wäre das Zusammennähen auf andere Weise sowieso nicht gegangen.
Material für einige wenige Luftkammern wäre da. Allerdings wird netzloses Papier und netzverstärktes Papier gemischt verwendet. Also überhaupt nichts für einen ernsthaften Gleitschirm. Und die groben, weit auseinanderliegenden Stiche, mit denen sie nähen, gefallen mir auch nicht.
Das Ding, das sie jetzt zusammennähen, muß wenigstens das sichtbare Ergebnis zeigen, sich beim Anlauf in der Luft zu entfalten und eine gewisse fühlbare Hubkraft zu erzeugen. Das wäre Motivation für die weitere Arbeit!
Die Trageseile - alle verschieden dick. Naja. Mehrfach muß ich wieder eingreifen, weil in dem Haufen Papier allmählich unklar wird, was wohin genäht werden muß. Außerdem muß ich mehr als einmal verhindern, daß sie im Übereifer versuchen, Papier oder Netzpapier zu verwenden, das schon aufgehängt, aber noch nicht trocken ist.
Es vergehen Stunden, bis die paar Lappen endlich zufriedenstellend zu einem Ganzen zusammengesetzt worden sind, das nicht schon beim Transportieren wieder auseinanderfällt. Irgendwann taucht Osont einmal auf, wechselt ein paar belanglose Worte mit uns, sieht fast gleichgültig auf die Bemühungen von Okr und Oios und sucht sich dann offenbar wahllos einen der arbeitenden Männer, den er dann zwingt, über dem offenen Messer Liegestütze zu machen, so, wie sie das hier von mir so bereitwillig gelernt haben. Dabei ist mir gar nicht aufgefallen, daß der betreffende Mann langsamer oder schlechter gearbeitet hätte als die anderen. Sieht so aus, als ob Osont seinen schlechten Tag hat. Ich bin froh, als er sich wieder verzieht.
Ich sehen auf die Uhr, als ich merke, daß die Arbeiten rundherum eingestellt werden. Gleich 24 Uhr. Es ist bald SchlafPeriode. Nur Okr und Oios wollen unbedingt noch den halben Gleitschirm ausprobieren.
******** 036. Tag: Samstag 1995-09-23 ********
36.1 Erste Anlaufübungen
Wir drei tragen das Ding zum designierten Übungshang. Der ist inzwischen soweit freigeräumt worden, daß er an Brauchbarkeit grenzt. Wir können ziemlich weit hinauf gehen. Für diesen Versuch hätte sicher auch ein Fahrweg genügt, aber Okr will unbedingt hierher.
Ich gebe Anweisungen. Oios und ich halten den Gleitschirm so zwischen uns, daß er nirgends den Boden berührt. Okr hat das zusammengebundene Bündel sämtlicher Trageseile vor der Brust und steht soweit hangabwärts von uns, daß die Trageseile nur leicht durchhängen. Ich gebe das Kommando, und wir beginnen gemeinsam zu laufen, und zwar so, daß wir unseren relativen Abstand voneinander halten.
Die schlaffen Papiersäcke zwischen mir und Oios blähen sich auf. Wir halten das, was einmal die Vorderkante des Gleitschirmes sein soll, etwas weiter hangabwärts. Und schneller laufen wir. Und noch schneller.
Das Papier windet sich fast aus unserer Hand, die Trageseile straffen sich. Okr muß jetzt die vorwärtstreibende Kraft aufbringen, Oios und ich passen nur noch auf, daß der Schirm nicht den Boden berührt.
"Okr, die vorderen Seile mehr anziehen! Über die Schulter!" rufe ich.
Kaum, daß die Trageseile anders positioniert sind, merke ich, daß der Schirm nach oben will. An Oioss Gesicht merke ich, daß er das auch spürt.
"Loslassen!" rufe ich spontan, und: "Okr! Lauf, was du kannst!"
Es ist phantastisch. Die ungeordnete Papierwolke ruckt nach oben. Auch wenn sie noch lange nicht die bekannte Matrazenform hat, jetzt sieht es so aus, als ob Okr tatsächlich mit einem Gleitschirm läuft. Und wie er läuft! Und wie diese Karikatur eines Gleitschirmes rauscht und flattert! Das ist fast das, was am meisten Hoffnung macht!
Der Schirm ist instabil, er pendelt von rechts nach links und zurück, mehrmals dicht davor, auf dem Boden aufzuschlagen. Okr rennt so schnell er kann, und er scheint ein gewisses Talent zu haben, die Instabilitäten des Schirmes auszugleichen. Die Pendelbewegung wird schwächer.
Weiter unten am Hang stehen einige Männer, die uns mit verhaltener Neugier gefolgt sind und beobachten uns. Was immer jetzt passiert, es wird sich rumsprechen.
Okr rennt und macht Sprünge, er jauchzt auf. Ich sehe es deutlich: Die Sprünge sind lang und gestreckt. Er muß einen deutlichen Auftrieb spüren! Er rennt immer schneller, nur mühsam können wir Schritt halten, obwohl wir ja nicht durch den Schirm gebremst werden - aber man muß auf diesem Übungshang immer noch darauf achten, wo man hintritt. Okr tut das schon nicht mehr - vielleicht meint er, er hebt gleich ab und hat es nicht mehr nötig, auf Steine und Wurzeln und Buschreste und ähnliche Hindernisse zu achten!
Ganz soweit ist es natürlich nicht. Er hakt mit seinem Fuß hinter eine Wurzel - ich könnte jetzt natürlich sagen, ich habe es kommen sehen - und schlägt der Länge nach hin. Mit dumpfen Knall reißt da oben eine Naht. Dann flattert der Schirm erschlaffend nach unten.
"Ich habe es gespürt, ich habe es gespürt!"
Okr steht auf, an der Stirne blutend. Er merkt es nicht. Er ist restlos begeistert.
"Ich habe es gespürt! Er wollte mich heben!"
Er kann sich kaum beruhigen. Gemeinsam begutachten wir das, was vom Schirm übrig geblieben ist. Es sieht schlimm aus: Eine Naht ist ganz aufgerissen, so ziemlich alle anderen Nähte sind gelockert und geweitet, zwei Trageseile sind gerissen und eine der Luftkammern ist geplatzt - einfach so. Mitten durch das Papier durch.
Okr sieht das. Aber er ist glücklich. Auch Oios ist angesteckt, obwohl er nichts gespürt hat, sondern bei diesem für die Welt der GranitBeißer vielleicht historischen Moment bloß Zuschauer war.
Auch ich bin für einen Moment glücklich. Es sieht so aus, als könne man auch in einer hoffnungslos erscheinenden Wirklichkeit doch etwas erreichen, wenn man es nur hartnäckig genug probiert. - Habe ich vielleicht nicht hartnäckig genug probiert, Charmion vor dem Kreuz zu retten?
"Okr!" sage ich, "Du bist jetzt Chef der Luftwaffe von Casabones! Du wirst der erste sein, der richtig fliegt, und du wirst die Flugausbildung aller anderen leiten und organisieren! Und natürlich die Herstellung ..." ich deute auf den Papierhaufen am Boden, "denn da ist noch viel zu tun!"
Wir verabreden das weitere Vorgehen für morgen. Sie hätten noch so viele Fragen, aber es ist Schlafenszeit. Außerdem will ich allein sein.
Als ich mich entferne, habe ich aber das Gefühl, Freunde gewonnen zu haben.
36.2 Die Einsamkeit der Atheisten
Die Rückkehr zum Grab an Ooms Platz ist bitter. So gerne würde ich Charmion von dem neuen Erfolg erzählen. Wie schön es war, als ich noch zu ihr ins Turmzimmer geschlichen bin und ihr von den Ereignissen des Tages berichtet habe. Und wie wenige Tage sind das nur gewesen!
Ich rede mit dem Steinhaufen. Ich wäre jetzt so gerne in irgendeiner Form gläubig, so gerne würde ich wollen, daß sie jetzt da irgendwo ist und mich hört. Aber ich bin es nicht.
Wir Atheisten sind entsetzlich einsam, wenn alle unsere Lieben gestorben sind. Das kann sich ein gläubiger Mensch doch gar nicht vorstellen.
Ich falle in einen langen Schlaf. Und irgendwo in meinen Träumen - am nächsten Tag erinnert man sich nicht mehr genau, wo - da ist Charmion noch lebendig und spricht mit mir. Meine schöne Charmion! Das Aufwachen ist wieder bitter. Wenn wir doch nur zusammenbleiben könnten!
36.3 Lilienthal
Kurz nach 11 Uhr wache ich ganz und vollständig auf. Die letzte Illusion von Charmions wirklicher und lebendiger Nähe verflüchtigt sich. Ich sehe den Steinhaufen an, der schon eine so vollständige Endgültigkeit ausstrahlt, als wolle er mich für meine Phantasien rügen.
Auf, Herwig, gehe hin und arbeite, damit du wenigstens die Irene wiedersiehst. Ich gebe mir den Stoß und mache mich auf den Weg.
Und doch fühle ich mich elend, wenn ich diesen Steinhaufen verlasse, weil ich damit auch Charmion irgendwie verlasse. Genauso werde ich mich elend fühlen, wenn ich wieder hierherkomme, und der Steinhaufen mich daran erinnert, daß Charmion wirklich tot ist.
Ist das das, was die Psychologen als 'Trauerarbeit' bezeichnen? Die semantischen Zusammenhänge, die im Bewußtsein gespeichert und integriert sind, langsam an das unvermeidliche und unabänderliche anzupassen? Solange, bis die Welt wieder in Ordnung und im Gleichgewicht ist, nur eben ohne eine Charmion darin?
Oben im Wald, beim Essen, lasse ich mir viel Zeit. Ich versuche, an Dinge aus meinem Leben da oben zu denken, um dieser Welt hier zu einer vorübergehenden Erfahrung zu relativieren. Ich versuche, mir klarzumachen, daß ich hier nicht hingehöre, sondern daß ich hier genauso zufällig hineingeraten bin wie in einen Kinofilm - ein sehr realistischer, farbiger, glaubwürdiger und intensiver Kinofilm. Ob es mir tatsächlich so vorkommen wird, wenn wir je wieder nach Hause kommen?
Kurz vor 14 Uhr mache ich mich auf den Weg ins Dorf und zu den Arbeitsstätten. Dabei habe ich das erste Mal einen anderen, beunruhigenden Gedanken: Für die Flucht von Casabones bin ich jetzt zu wertvoll. Mit dem halben Erfolg von Okr gestern ist das vielen schon deutlich geworden, und die Kunde wird immer weiter umlaufen. Wenn zum Beispiel die Rebellen, aus welchem Grunde auch immer, die Fluchtvorbereitungen ernsthaft stören wollten, dann könnten sie jetzt auf die Idee kommen, meiner Person habhaft werden zu wollen.
Ich zwinge mich deshalb, auf dem Wege zu den Arbeitsstätten meine Umgebung genau zu beobachten. Vielleicht sollte ich in Zukunft auch andere Wege wählen.
Aber es geschieht nichts beunruhigendes. Warum sollten die Rebellen auch genauer wissen, wo ich mich gerade aufhalte, als etwa Osonts Leute?
Es ist eine andere Stimmung unter den Männern, das spüre ich beim Ankommen sofort. Eine hoffnungsvolle Stimmung. Ist der halbgelungene Versuch von gestern Ursache dafür? Manchmal werden sogar Blicke in meine Richtung geworfen, die an Freundlichkeit grenzen. Oder hat Okr am Ende in den wenigen Stunden meiner Abwesenheit noch mehr Erfolge erzielt?
Er hat nicht, aber er ist nahe dran. Am Übungshang sind viele Männer versammelt, allerdings auch eine ganze Menge bloß, um zu gaffen. Osont ist auch da. Als ich näherkomme, sehe ich den riesigen Papierberg, an dem mehrere Männer an der Arbeit sind, darunter natürlich Okr, Oios, Oam, und sogar Osont verfolgt, wenn auch mehr kommentierend, das Geschehen.
Der Gleitschirm hat sich um mehrere Luftkammern vergrößert. Ich sehe, daß die Nähte dichter gesetzt werden, was natürlich viel Arbeit macht. Aber irgendjemand hat wohl die Einsicht gehabt, daß die Nähte mindestens so stark sein müßten wie das eigentliche Planenmaterial.
Nebenbei erfahre ich von Osont, der fast schon den Eindruck macht, als hätte er den Gleitschirm erfunden, daß wenigstens eine Holzwalze für die Papierherstellung gebaut worden ist. Ob und wie gut sie funktioniert weiß ich nicht. Immerhin ist heute auch mehr Material als gestern vorhanden - die Produktion läuft also.
Ich erinnere mich, daß beim ersten Laufversuch von Okr sich nicht alle Luftkammern des halben Gleitschirmes gleich geöffnet haben. Vielleicht könnte man dem entgegenwirken, indem man zwischen den verschiedenen Luftkammern kleine Öffnungen anbringt, die zumindestens genug Luft durchlassen, um benachbarte Luftkammern wenigstens soweit aufzublähen, daß sie vom normalen Fahrtwind zu voller Größe und Funktion aufgeblasen werden.
Okr ist skeptisch. Vielleicht denkt er, daß jedes Loch in der Struktur irgendwie die Tragfähigkeit wieder senken muß. Ich schlage ihm noch vor, daß man die Ränder solcher nachträglich eingeschnittenen Löcher zwischen den Luftkammern durch Ringnähte oder Saumverstärkungen zugentlasten und gegen weiteres Einreißen sichern kann. Überhaupt sollte jede Papierkante so gesichert werden. Ich weiß nicht genau, ob Osont mir das abkauft, aber die Männer, die beim Zusammenschneidern sind, greifen diese Idee rasch auf.
Der Gleitschirm, den sie hier zusammenbauen, hat jedenfalls ausreichende Größe, sogar, wenn man den Luftdruck auf der Erdoberfläche voraussetzen würde - hier ist dieser aber doppelt so hoch. Daran würde es also nicht liegen, wenn man damit nicht fliegen kann. Wenn man das aber doch kann, dann wird es jetzt gefährlich. Fehler, die sich im Flug offenbaren, können tödlich sein.
Allerdings - ich spreche es nicht offen aus, aber ich habe eigentlich von Anfang an damit gerechnet - wenn man in einer solchen Größenordnung eine neue Technik einführt, ohne Patentlösungen für alle auftretenden Probleme zu bieten, dann sind Unfälle unvermeidlich. Ich fürchte, bis wir genau wissen, wie man Gleitschirme richtig baut und richtig fliegt, wird es einige Dutzend Tote und Schwerverletzte geben.
Die Aufhängung des Gleitschirmfliegers hat Okr jetzt so konzipiert, daß sich die Hälfte der Tragleinen vom rechten Teil des Schirmes mit der Hälfte der Tragleinen von dem linken Teil des Schirmes zu einem dicken Seil verwinden, in das man sich einfach hineinsetzt. Jedenfalls stellt Okr sich das so vor. In wieweit das unseren professionell hergestellten Gleitschirmen entspricht, weiß ich nicht. Vor allen Dingen hängt das aerodynamische Verhalten des Schirmes dabei sehr empfindlich von der Länge der einzelnen Trageleinen ab. Wenn man erst einmal in der Luft ist, kann man daran nur wenig ändern. Einzelne Leinen kann man abgreifen und anziehen, um auf diese Weise zu steuern. Eine falsche Gesamteinstellung kann man dann nicht mehr korrigieren.
Aber wahrscheinlich wird man dann nicht einmal abheben können - hoffe ich.
Aus verschiedenen Bemerkungen erfahre ich, daß sie hier schon stundenlang an der Arbeit sind. Insbesondere Okr und Oios müssen einen Teil ihrer SchlafPeriode geopfert haben. Das ist wahre Begeisterung! Schon deshalb müßten wir Erfolg haben.
Ich frage Osont nebenbei über die Rebellengruppen, die sich von uns abgesetzt haben, aber er antwortet ausweichend. Es interessiert ihn nicht, oder er will mir nichts sagen. Also gibt es sie noch, denn sonst hätte er mit dieser Neuigkeit aufgetrumpft.
Diese Rebellen machen mir Sorgen. Sie sind wahrscheinlich ja genauso interessiert daran, von Casabones wegzukommen, und auch sie werden nicht den Weg über den Schwebenden Berg nehmen. Wenn sie sich aber weiterhin von uns fernehalten - aus Abneigung gegen Arbeit oder aus welchen Gründen jetzt immer - dann gibt es eigentlich nur die logische Kosequenz, daß sie uns irgendwann mit Gewalt die Früchte unserer Arbeit nehmen wollen, um dann selbst Casabones zu verlassen. Sie wissen nicht, daß das illusorisch ist, da man das Gleitschirmfliegen erst einmal trainieren muß, bevor diese Flucht Aussicht auf Erfolg hat.
Osont muß das wissen, als politischer Kopf. Das sind die Dinge, die einem Machtmenschen leichter verständlich sind als Aerodynamik.
"Wir müssen dann" sage ich zu Okr so, daß es auch Osont hören kann und ebenso einige der Umstehenden, "Buch führen darüber, wer wieviele Übungsflüge absolviert hat. Wir können den Gesamtstart von Casabones weg nicht wagen, wenn nicht wenigstens fünf oder zwei mal fünf Flüge von jedem absolviert worden sind!"
Okr nickt beiläufig. Regelmäßiger Übungsbetrieb ist noch weit in der Zukunft. Da müssen erst eine ganze Reihe von Übungsschirmen zur Verfügung stehen, und man muß wissen, wie man diese schnell repariert.
Irgendwann wird Osont dann wieder ärgerlich. Es stehen zu viele Gaffer herum. Das heißt, zu viele Arbeitsplätze sind verwaist. Er schickt alle, die am Übungshang nichts zu suchen haben, weg. Wer nicht weiß, was er tun soll, soll den Übungshang weiter von Unebenheiten befreien. - In dem kleineren Kreis von Männern, die danach übrig bleiben, ist das Arbeiten dann leichter, besonders, als Osont selbst von der Bildfläche verschwindet.
An einigen Stellen der Schirmkonstruktion fallen mir Knoten auf. Wenn ich mich richtig erinnere, ist das eine Schwachstelle. Das Verspleißen oder Verflechten und Vernähen von Seilen ist reißfester. Macht natürlich mehr Arbeit. Mein Vorschlag trifft nicht auf Begeisterung. Ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob ich recht habe. Auch da, fürchte ich, werden wir erst mehr wissen, wenn wir die ersten Abstürze analysieren.
Der Schirm ist weitgehend fertiggestellt. Immer wieder wird er ausgebreitet und alle Stellen werden begutachtet. Okr besteht auf eine zusätzliche Naht hier und eine Naht da. Stellen, wo das Netzpapier nicht stabil aussieht, werden durch zusätzliche eingenähte Fäden stabilisiert. Es ist klar: Okr will der erste GranitBeißer werden, der fliegt, und er will dabei am Leben und unverletzt bleiben. Schon beim Versuch gestern hat er gemerkt, welche Kräfte man mit 'zartem' Papier entwickeln kann. Sein Sturz am Ende des Versuches hat ihm klargemacht, daß er sich schwer verletzen kann, wenn er etwas falsch macht.
"Vielleicht solltest du erst einmal langsam rennen, damit du unter gar keinen Umständen abhebst, sondern nur so, daß vielleicht die Hälfte deines Gewichtes getragen wird. Und dann inspizieren wir den Schirm noch einmal gründlich und verstärken alle Stellen, die sich gelockert haben!" schlage ich vor. Okr nickt.
"Dann können wir ja gleich anfangen!" sagt er.
Als wir den Schirm den Übungshang hinauftragen, behandeln wir ihn wie ein rohes Ei. Sieben Leute tragen, die anderen - insgesamt sind noch etwa zwanzig Männer anwesend - gehen nebenher. Niemand will etwas versäumen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie jemand davonflitzt. Da hat wahrscheinlich jemand den Auftrag, andere herbeizuholen, sowie sich etwas tut.
Als wir an der höchsten Stelle des Übungshanges, die noch brauchbar ist, angekommen sind, nehmen wir Aufstellung.
"Denk dran: nicht abheben! Sofort langsamer werden, wenn er dich hebt!"
Okr nickt. Irgendwie habe ich das Gefühl, er hat nicht zugehört. Auch glaube ich, daß er leicht zittert - aber es ist sicher nicht das Zittern der Angst. Oder nicht nur.
"Also: Aus dem Weg! Wir fangen an." rufe ich den anderen zu. Oios und ich tragen den Schirm wieder. Diesmal hängt er zwischen uns fast bis auf den Boden durch, weil er jetzt zu voller Größe ausgebreitet worden ist.
Fast gemessenen Schrittes setzen wir uns in Bewegung. Normale Schrittgeschwindigkeit reicht bereits aus, diese Wolke aus Papier und Stoff aufzublähen. Als sich die Trageleinen straffen, bemerke ich erst, wieviel Sorgfalt Okr darauf verwendet hat, deren Länge gleichmäßig zu halten. Auch mit der Symmetrie des gesamten Schirmes steht es besser als bei dem Versuch gestern. Okr hat Talent.
Okr läuft schneller, der Schirm drückt nach oben. Er kommt völlig vom Boden frei. Auf ein Nicken lassen Oios und ich los.
Wie ein riesiger Raubvogel entfaltet sich der Schirm über Okr. Der läuft schneller, und ich sehe, daß sich alle Luftkammern füllen. Ausnahmslos! Das Ding sieht aus wie eine Matraze, mit anderen Worten: wie ein richtiger Gleitschirm!
Einen Moment überlege ich, daß dieser Übungshang nicht ideal ist, weil er weit unten flacher wird. Eigentlich wäre es am besten, wenn die Steilheit des Hanges während des Anlaufes zunähme, zunächst wenigstens. Aber wir müssen mit dem auskommen, was wir haben, und auf dem oberen Teil des Hanges ist die Steilheit desselben leidlich konstant.
Okr macht sich im Moment keine solchen Gedanken. Er muß das Gleichgewicht halten. Er zieht den Schirm nach vorne, und der Schirm zieht nach oben. Das dicke Seil, auf dem er eigentlich im Flug sitzen wollte, zieht sich auch nach oben und bleibt ihm unter den Achselhöhlen hängen. So hätte er im Flug nicht die mindeste Möglichkeit, zu steuern. Und er läuft schneller, stemmt sich, trotz seiner ungünstigen Haltung, in die Trageseile.
Dann verliert er den Bodenkontakt!
Hilflos strampelt er mit den Beinen in der Luft herum. Ich blicke einen Moment auf die Uhr, um mir den Zeitpunkt zu merken, an dem in der Welt der GranitBeißer das erste Mal ein Mensch fliegt. Es ist 18 Uhr und 33 Minuten, Samstag der 23. September 1995. Der Tag des Lilienthals unter den GranitBeißern!
Als ich wieder aufblicke und sich meine Augen wieder auf die Ferne fokussiert haben, ist Okr schon recht weit weg. Wir sehen den Gleitschirm von oben, und er droht im Nebel nach unten am Hang zu verschwinden. Inzwischen hat Okr mit seinen Füßen eine Höhe von zwei Metern über dem Boden erreicht, und er hat eingesehen, daß die Strampelei nichts nützt.
Ist es Zufall oder die technische Begabung von Okr, Oios und Oam, daß dieser Gleitschirm ungesteuert so gut und geradeaus fliegt? Ich weiß es nicht. Ebensogut hätten wir wochenlange Versuchsserien machen müssen. Vielleicht hätten alle den Mut verloren. Vielleicht wäre ich dann auch noch auf dem Kreuz gelandet. Alles Gefahren, die jetzt teilweise abgewendet sind.
Wir rennen wie die Wilden hinter Okr hinterher, aber ein fliegender Gleitschirm hat die Geschwindigkeit eines Läufers, auch unter den erhöhten Druckbedingungen in dieser Welt. Weiter unten am Hang tauchen andere Männer auf, einige zufällig gerade in Fahrtrichtung von Okr. Panisch springen sie zur Seite, als ob sie einen Flugsaurier auf sich zufliegen sähen. Dabei sind sie vermutlich genau deshalb geholt worden, um Okr fliegen oder um ihn scheitern zu sehen!
Okr erreicht mit seinen Füßen eine Höhe von vielleicht drei Metern über dem Boden. Danach wird der Hang flacher und seine relative Flughöhe vermindert sich rasch. Er merkt es und fängt beim Aufsetzen wieder an, richtig zu laufen. Ohne zu stürzen kommt er zum Stehen, und wie ein sterbender Vogel fällt der Schirm über ihm zusammen.
36.4 Euphorie
Einen solchen ungehemmten Jubel habe ich in der Welt der GranitBeißer noch nie gehört! Plötzlich haben sie etwas geschafft, was ihre alten Unterdrücker, die Frauen, nie geschafft haben, und wovon man in der ganzen Welt der GranitBeißer noch nie etwas gehört hat: Sie können fliegen. Plötzlich passieren Dinge, die ich nur aus Beschreibungen kenne: Okr wird, kaum daß er sich von seinem Schirm befreit hat, hochgenommen und getragen. Und als wir neben dem Schirm, der auf dem Boden liegt, ankommen, passiert das gleiche mit mir.
"Paßt auf, daß dem Schirm nichts passiert!" rufe ich noch, aber ich weiß nicht, ob jemand hört. Wir werden vom Übungshang zu den Papierherstellungseinrichtungen getragen, wo die meisten arbeiten, und ich habe den Eindruck, daß ich mehr blaue Flecke bekomme als je zuvor bei den GranitBeißern. Aber der Jubel steckt mich an. Es ist ein besonderer Moment. Wie kann ich da jetzt Skepsis verbreiten? Noch sind wir nicht von Casabones herunter, noch sind die meisten Schirme nicht hergestellt worden.
Aber daran denkt im Moment keiner. Der Jubel breitet sich wie ein Lauffeuer aus. Wir werden heruntergelassen. Immer wieder muß Okr von seinem Flug erzählen. Wer nicht nahe genug steht, muß sich von denen erzählen lassen, die das Ereignis beobachtet haben. Und das Gequassel von Fragen und Antworten ist ein solches akustisches Durcheinander, wie ich es hier noch nie gehört habe. Wenn doch Charmion das noch miterlebt hätte!
Osont ist auch aufgetaucht. Sein Gesichtsausdruck ist gemischt. Es ärgert ihn, daß er nicht zugeschaut hat, und es ärgert ihn, daß Okr und ich im Moment in einer Popularitätswelle schwimmen, die er selbst so noch nie erlebt hat und auch nie erleben wird. Aber er sagt nichts, sondern läßt sich wie die anderen erzählen.
Dann muß ich eine Rede halten. Ich weiß nicht, wer auf die Idee gekommen ist, und daß dieses bei den GranitBeißern der Brauch bei besonderen Anlässen sein soll ist mir auch neu. Aber es hilft nichts, sie wollen es so. Ob ich will oder nicht, wenig später stehe ich auf einem erhöhten Standpunkt - einem der Papierbadschalen. Hoffentlich hält die das aus.
Es müssen über tausend Männer da sein, und immer noch kommen weitere aus den entfernteren Arbeitsstätten hinzu. Osont sieht mißmutig drein - seine Idee war das mit der Rede nicht.
Ich hebe beide Arme, um mir Gehör zu verschaffen. Das Gemurmel der Menge nimmt ab.
"Liebe Freunde!"
Schon falsch. Erstens sind dies nicht meine Freunde. Sie haben ja Charmion getötet. Und zweitens geht diese ihnen ungewohnte Anrede wie Butter hinunter. Es bricht schon wieder Jubel aus. Ich versuche, ihn zu beschwichtigen.
"Liebe Freunde. Ein ungewöhnliches Schicksal hat mich in eure Welt verschlagen. Ich wurde gefangengenommen und gezwungen, diese Gefängnisinsel aufzusuchen. Ich wußte zu dem Zeitpunkt nicht, daß sich hier bereits der gerechte Wille zur Freiheit Geltung verschafft hat!"
Wieder Jubel. Das gefällt ihnen. Naja, weiter im Text.
"Trotzdem. Der Weg in die Freiheit war versperrt. Es gab und gibt nur eine Lösung: Um Casabones je wieder zu verlassen, mußten Mittel angewendet werden, die diese Welt noch nicht gesehen hat. Ich bin froh, daß die Arbeitskraft und die Phantasie und die Geschicklichkeit der Menschen, die ich hier angetroffen habe, die Herstellung dieser Mittel überhaupt möglich machen!"
Pause, bis die Menge sich wieder beruhigt hat.
"Es liegt auch jetzt noch viel Arbeit vor uns. Nicht nur, daß wir statt bloß einem fast zweitausend Gleitschirme brauchen - jeder von uns muß auch lernen, damit umzugehen! Und es wird bei der weiteren Verbesserung der Gleitschirme Rückschläge geben - Unfälle, Abstürze und dergleichen. Wir müssen noch verdammt diszipliniert arbeiten!"
Weniger Jubel. Rückschläge und disziplinierte Arbeit sind keine guten Schlagworte.
"Aber dann, eines Tages, eines gar nicht so fernen Tages, das verspreche ich euch, dann werden wir am Rand von Casabones stehen, zweitausend Mann, ein jeder bereit mit seinem Gleitschirm und einem Schwert, und dann werden wir in die Tiefe abspringen, und unsere bloße Zahl wird über dem Unterfort den Himmel verdunkeln! Wir werden uns ihr Fort nehmen und ihre Schiffe, und dann werden wir aufbrechen nach Grom und uns holen, was uns zusteht, und nichts kann uns widerstehen! Nichts und niemand in dieser Welt!"
Das funktioniert. Die Menge explodiert vor Begeisterung. Die Rache an den alten Unterdrückern ist ein gutes demagogisches Konzept. Hoffentlich auch eine gute Motivation zur Arbeit.
Ich habe die Rede eigentlich noch nicht beendet, aber ich werde schon wieder von meinem Standpunkt heruntergerissen und muß mich von zahllosen Händen hochwerfen lassen. Hoffentlich bringen die mich nicht vor Begeisterung um. Jedenfalls brauche ich mir keinen Abschluß der Rede mehr einfallen zu lassen.
Es ist vielleicht nicht so sehr die Einsicht als die Mühe, einen so schweren Gegenstand wie einen ganzen Menschen ständig in die Luft zu werfen, die das ganze nach wenigen Minuten beendet. Ich darf wieder auf meinen eigenen Beinen stehen. Osont boxt sich zu mir durch.
"Wie lange dauert es denn nun wirklich?" fragt er.
"Es ist, wie ich gesagt habe. Das meiste Netzpapier, die meisten Seile und die meisten Schirme müssen noch hergestellt werden. Flugexperimente und Flugausbildung laufen an, je mehr Schirme verfügbar sind. Das dauert noch lange. Kommt drauf an, wie gut die Leute arbeiten."
"Soso." sagt Osont. Mehr ist aus ihm nicht rauszukriegen. Er verzieht sich bald wieder.
Nun macht sich bemerkbar, daß die GranitBeißer keinen Alkohol kennen. Bei uns oben hätte ein derartiger Tag in einer Fete und in einem Besäufnis geendet. Hier gehen die Leute, mangels Alternativen, wieder an ihren Arbeitsplatz zurück, nicht gerne, aber was sollen sie sonst auch tun? Zwar wird der Rest dieses Tages wohl mehr mit Reden und mit Späßen als mit Arbeiten verbracht, aber die Tätigkeiten kommen nicht ganz zum Erliegen. Und die Tätigkeiten am Übungshang schon gar nicht. Genau dahin gehe ich zurück.
Ich hatte schon die Befürchtung, daß die neugierige Menge den Schirm zerrissen hat, oder daß die Rebellen sich des Schirmes bemächtigt haben. Aber das ist nicht der Fall. Der Schirm liegt im wesentlichen so da, wie Okr ihn liegengelassen hat. Als Okr und Oios schließlich auch auftauchen - es war klar, daß sie wieder hierherkommen würden - machen wir uns sofort an die genaue Inspektion des Schirmes.
Er sieht gut aus. Die Nähte sind teilweise geweitet, aber nirgends eingerisseen, auch wenn ich an einigen Stellen den Verdacht habe, daß nicht mehr viel gefehlt hat. Auch das Netzpapier hat gehalten. Okr und Oios machen sich sofort daran, die bedrohten Stellen zu reparieren und zu verstärken. Außerdem muß man sich etwas einfallen lassen, damit man nicht aus dem improvisierten Schirmsitz herausrutscht. Ich stelle mir da eine Art Ganzkörperbegurtung vor. Wir sprechen alle Möglichkeiten durch.
Ein leichter Regen setzt ein, was trotz des Nebels auf Casabones eher selten ist. Das ist ärgerlich. Das Papier des Schirmes könnte aufweichen, und wir können bei Regen auch keine Zeichnungen machen. Provisorisch können wir den Schirm mit Papierplanen abdecken, aber wir brauchen letztlich eine Art Schuppen für die Aufbewahrung fertiger Schirme. Das müssen wir auch in die Wege leiten. Und wie das Schirmmaterial auf die ständige Feuchtigkeit durch den permanenten Nebel auf die Dauer reagiert wissen wir auch noch nicht.
Wie ich es gesagt habe: Es kommt noch viel Arbeit auf uns zu.
Der Regen läßt erst kurz nach 23 Uhr nach, und wir können weiterarbeiten. Bis dahin haben wir aber genau ausdiskutiert, wie das Gurtzeug für einen Gleitschirmflieger aussehen muß.
******** 037. Tag: Sonntag 1995-09-24 ********
Vor dieser SchlafPeriode machen wir keinen weiteren Flugversuch mehr. Ich dränge Okr, die Veränderungen am Schirm sehr sorgfältig zu machen. Er ist im Moment der einzige, der aus eigener Anschauung weiß, wie man fliegt. Schon aus dem Grund darf er sein Leben keiner vermeidbaren Gefahr aussetzen.
Außerdem lasse ich nach Osont schicken, damit er die Bewachung der fertigen Schirme anordnet. Und die Menge der Zuschauer am Übungshang kann ich erfolgreich verkleinern, indem ich einige davon aussuche, die mit dem Zuschnitt des Netzpapieres für den nächsten Schirm anfangen sollen. Für jeden, den ich herauspicke, verschwinden zwei weitere auf ganz erstaunliche Weise von selbst. Und von denen, die ich einteile, muß ich über kurz oder lang auch wieder einige wegen Ungeschicklichkeit wegschicken. Jedenfalls tun sie im Moment das, was ich ihnen sage.
So um 3 Uhr ziehe ich mich selbst zurück. Genug gearbeitet heute. 'Let's call it a day', wie die Angelsachsen so schön sagen.
37.1 Der lautlose Verfolger
Das Dorf ist wie üblich völlig verödet, aber kaum daß ich es in Richtung ehemaliges Fort verlassen habe, habe ich das Gefühl, verfolgt zu werden. Irgendeine Sinneswahrnehmung hat mein Unterbewußtsein alarmiert.
Und ich habe immer noch keine Waffe! Das muß ich schnell ändern.
Zunächst schreite ich schnell aus, ohne mich umzusehen. Wenn jetzt jemand mit mir Schritt halten wollte, müßte er schon einige Geräusche mehr machen. Sowie ich den Fahrweg in Richtung Mauerdurchbruch verlasse, falle ich in leichten Laufschritt, denn wenn mich tatsächlich jemand verfolgt, dann bin ich einen Moment lang nach Einbiegen auf diesen Pfad für ihn unsichtbar.
Bevor ich zum Mauerdurchbruch komme, schlage ich mich seitlich nach rechts in die Büsche, also von der Mauer weg. Hoffentlich gerate ich nicht gerade jetzt an ein aggressiveres Exemplar der einheimischen Tierwelt! Ich denke daran, daß es auf Casabones keine Großsaurier gibt, aber das ist nur ein kleiner Trost. Wir haben ja schon beim Abstieg in diese Welt Bekanntschaft mit einer gefährlichen Tierart, die kleiner als ein Mensch war, gemacht.
Aber ich habe Glück. Nur wenige Meter neben dem Pfad finde ich einen sehr guten Platz. Schnell komme ich zum flachen Atmen zurück. Bloß jetzt nicht niesen oder husten! An einigen Stellen kann ich zwischen den Büschen bis zum Pfad sehen, und wenn dort jemand käme, dann würde ich ihn auch hören, selbst wenn er sich bemühte, leise zu gehen.
Eine Minute lang passiert nichts, aber dann höre ich tatsächlich Tritte. Ich ducke mich. In Abständen hält derjenige an, als ob er eine Lauschpause einlegt. Dann ist er schon an der Stelle des Pfades, die meinem Versteck am nächsten ist, und wenig später passiert er die Lücke, wo ich bis zum Pfad sehen kann. Ich bekomme einen Moment lang Haut zu sehen, aber mehr nicht. Es ist also ein Mensch. Mehr weiß ich nicht.
Was nun? Hinterher, jetzt mit vertauschten Rollen? Kommt noch einer? Ich warte lang, aber ich höre nichts. Dann versuche ich, Szenarien nach Wahrscheinlichkeiten zu ordnen:
Wenn mich tatsächlich jemand verfolgt, dann muß derjenige wegen meiner raschen Marschiergeschwindigkeit vermuten, daß ich schon weit voraus bin. Derjenige müßte also auch einen schnelleren Schritt einschlagen, und es wäre für denjenigen die plausibelste Annahme, daß ich zum ehemaligen Fort gegangen bin. Die Zeit, die er braucht, bis er dort entdeckt, daß ich eben nicht dort bin und er zurückkehrt, hätte ich also zur Verfügung.
Wenn derjenige aber weiß, daß ich schon einige Nächte an Charmions Grab genächtigt habe, dann habe ich sogar noch mehr Zeit. Ich halte es aber fast für unwahrscheinlich.
Auf jeden Fall muß ich weiter. Zu Charmions Grab kann ich nicht mehr, aber vielleicht zum Tor. Dort könnte ich mich auch verbergen und mit Waffen versorgen.
Außerdem habe ich vielleicht noch den einen Vorteil, daß mein Verfolger nicht weiß, daß ich weiß, daß ich ihn bemerkt habe. Hoffe ich.
Langsam biege ich Gestrüpp zur Seite, möglichst lautlos, und schiebe mich wieder in Richtung des Weges. Dort angekommen bewege ich mich lautlos weiter, immer scharf horchend und die Umgebung beobachtend.
Am Mauerdurchbruch selber muß ich eine größere, nur niedrig bewachsene Fläche durchqueren. Das ist das Geröll vom Mauereinsturz. Es ist mir sehr unangenehm, da auf der anderen Seite jemand im Busch hocken könnte, um diese Stelle zu beobachten.
Nachdem ich diese kleine Lichtung eine Zeitlang beobachtet habe, gehe ich das Wagnis ein. Zuviel Zeit kann ich mir ja nicht lassen. Ich habe Glück: Niemand wartet hier auf mich. Rasch folge ich dem Pfad wieder zurück zum Fahrweg und zum Tor. Das Betreten des Fahrweges ist der gefährlichste Teil. Einen Moment lang bin ich recht weit zu sehen.
Dann bin ich jedoch schon in dem Aufgang zum Wehrgang und versuche, diesen möglichst ohne Geräuschentwicklung zu besteigen. Es kommt mir so vor, als sei das Knarren der Sprossen und der Holzbalken kilometerweit zu hören.
So, wie es aussieht, war außer mir niemand hier. Auch die beiden Waffenschränke sind unberührt, und ich suche mir rasch das beste Schwert mit Tragegurt und Scheide aus. Ein Messer mit Gürtel will ich auch noch haben, aber dann ist es genug. Ich schließe die Schränke wieder und spähe über das Geländer hinweg nach allen Seiten, insbesondere den Fahrweg entlang in Richtung ehemaliges Fort. Nirgends ist jemand zu sehen. Das heißt natürlich: Entweder es ist tatsächlich niemand in der Nähe, oder jemand ist schon so nahe, daß derjenige mich bemerkt hat und sich jetzt selbst verbirgt und absolut lautlos verhält.
Ich verlasse den Wehrgang wieder und gehe zurück zum Mauerdurchbruch. Als ich wieder die kleine Lichtung am Mauerdurchbruch passiert habe, schlage ich mich wieder in die Büsche, zum Nachdenken und zum Beobachten.
Charmions Platz aufzusuchen ist mir heute jedenfalls zu gefährlich. Also muß ich die Nacht woanders verbringen. Hier? Geht auch nicht. Wenn ich schnarchen sollte, dann fällt das jedem auf, der vorbeikommt - und hier wird jemand vorbeikommen, das ist sicher.
Ich trete wieder auf den Pfad hinaus und gehe zum Dorf, und von da aus weiter zu den Sumpfteichen. Dort lagern immer noch die Männer, die mit der Schneidgrasernte beschäftigt sind. Einige davon schlafen bereits, und ich sehe, daß immer noch eine Handvoll zur Wache eingeteilt worden ist.
Niemand nimmt daran Anstoß, daß ich jetzt wieder ein Schwert trage. Jetzt darf ich das wohl. Einige befragen mich, ihren Enthusiasmus kaum verbergend, wieder über das Gleitschirmfliegen, und ich muß schon sehr deutlich andeuten, daß ich müde bin. Ich suche mir Material für ein Lager zusammen und lege mich nicht weit von den anderen hin - nahe am Sumpfteich, der hier schon sehr nackt ohne seinen Schilfgürtel aussieht.
Jedenfalls bin ich in dieser SchlafPeriode sehr gut bewacht.
37.2 Betriebsunfall
Ich wache von dem anschwellenden Lärmpegel auf. 14 Uhr. Zeit zum Frühstück. Mein Magen sagt mir, daß ich gestern abend das Essen vergessen habe.
Nach einem Bad in den Sumpfseen sehe ich mich, bloßer momentaner Neugier folgend, in dem Gebiet hinter denselben um. Dort steigt das Gelände wieder an, und der Urwald wird wieder undurchdringlich. Da finde ich genug zum Essen, dank Charmions Hilfe. Schon vor 16 Uhr bin ich wieder am Übungshang.
Osont hat inzwischen eingegriffen und weitere Männer zum Zuschneiden eingeteilt, da jetzt der Vorrat an Netzpapier reichlicher fließt. Es könnte sein, daß im Laufe des Tages ein zweiter und vielleicht sogar ein dritter Gleitschirm fertig wird.
Ich komme gerade hinzu, als Okr, Oios und Oam wieder mit ihrem Gleitschirm den Übungshang hinaufmarschieren. Oben sehe ich interessiert zu, wie Oios in das Gurtzeug eingebunden wird - er hat darauf bestanden, auch einmal das Fliegen ausprobieren zu wollen.
Ob das Gurtzeug brauchbar ist muß sich noch zeigen. Fest genug scheint es zu sein. Ich erkläre Oios noch einmal, wie man - wahrscheinlich - steuert. Dann laufen wir wie gestern los.
Es gelingt. Als Oios den Boden unter den Füßen verliert, fällt er richtig in seinen Sitzgurt und hat sofort die Hände an den Steuerleinen. Instinktiv streckt er die Beine nach vorne. Die Fluglage ist völlig stabil.
Es gelingt ihm, einen flacheren Flugwinkel zu erreichen als Okr gestern. Deshalb erreicht er schon nach wenigen Sekunden einen Bodenabstand von über zehn Metern, und der nimmt immer noch weiter zu, je weiter er am Hang nach unten kommt. Ich schätze, daß er an der höchsten Stelle etwas mehr als 16 Meter Bodenentfernung hat, soweit man das durch den Nebel beurteilen kann, denn wir laufen ihm langsamer hinterher als er fliegen kann. Dann biegt der Hang sich ihm wieder entgegen.
Er macht ein paar leichte Kurven. Das wären dann die ersten Experimente mit der Steuerbarkeit eines Gleitschirmes. Das ist eine ganz wesentliche Sache, denn darüber müssen wir etwas wissen.
Die Landung geschieht soweit von uns Zuschauern entfernt, unten am Hang, daß wir davon kaum noch etwas sehen. Aber Oios ist unverletzt, wie wir feststellen, als wir ihn erreichen. Nicht nur das - auch der Schirm hat keinerlei Schäden davongetragen. Schon eine halbe Stunde später macht Okr wieder einen Versuch - diesmal von einer noch höher gelegenen Stelle. Ich steige vorher am Übungshang wieder nach unten, um mir seinen Flug aus einer anderen Perspektive anzusehen. Ich bleibe dort stehen, wo die Hangneigung des Übungshanges abnimmt und wo er deshalb die größte Bodenhöhe erreichen müßte. Deshalb kann ich auch den Start selbst nicht beobachten.
Genaugenommen kann ich überhaupt nichts beobachten. Der Nebel ist wieder etwas dichter geworden, und das einzige, was ich von diesem Flug mitkriege, ist, nach langen Minuten des Wartens, plötzlich Okrs Stimme aus der Höhe, gleichzeitig mit einem anschwellenden Rauschen. Er ruft die Namen seiner Freunde - wahrscheinlich weiß er selber nicht mehr so genau, wo er ist.
Einen Moment lang sehe ich einen Schatten im Nebel über mir. Das ist auch alles. Über dreißig Meter Flughöhe! Hoffentlich gerät er nicht in die Bäume am Rande des Übungshanges.
Das geschieht ihm nicht. Ich höre ein dumpfes Knallen und Flattern, nur wenige Sekunden, nachdem ich ihn direkt über mir gesehen habe. Dann schreit Okr. Dann schreit er nicht mehr. Und dann schreit er wieder. Danach gibt es plötzlich einen dumpfen Aufschlag. In genau die Richtung, aus der das Geräusch gekommen ist, sprinte ich los.
Ich muß vielleicht fünfzig Meter weit laufen, bis ich ihn finde. Er steht gerade vom Boden auf. Schürf- und Kratzwunden sind unübersehbar, aber im wesentlichen ist er unverletzt.
"Was ist passiert?" frage ich. Okr ist außer Atem, als ob er einen Lauf hinter sich hätte. Äußere Symptome weicher Knie?
"Kurve geflogen. Zu eng. Der halbe Schirm hat sich plötzlich zusammengefaltet, und ich bin abgestürzt. Dann hat er sich wieder entfaltet, kurz bevor ich auf dem Boden ankam."
"Ojeh," sage ich, "dann danke deinem Schöpfer, daß du noch lebst!"
"Wem soll ich danken?"
"Vergiß es." Wieder eine mißglückte Übertragung eines fliegenden Wortes in die Xonchen-Sprache.
Er zieht ein Gesicht, aus dem hervorgeht, daß er zum Bedanken sowieso nicht in der richtigen Stimmung ist. Er faßt es vielleicht als persönliches Versagen auf, daß ihm das überhaupt passiert ist.
"So etwas muß jetzt gelegentlich passieren!" sage ich schnell, "Du mußt uns alles ganz genau erzählen, damit wir diese Fehler vermeiden können! Du hast nämlich gerade den ersten Flugunfall in deiner Welt zustande gebracht! - Du mußt es jetzt erzählen, weil es noch ganz frisch in deiner Erinnerung ist!"
Inzwischen sind Oam und Oios und weitere Männer heran. Wir begutachten die Schäden am Gleitschirm gemeinsam an Ort und Stelle.
Für ruckartige Manöver ist das Material nicht gut genug, das sehe ich. Da zeigt sich der Unterschied zu unseren industriell gefertigten Gleitschirmen. Die sollten nämlich ein Manöver, bei dem der Gleitschirmflieger einige Meter durchstürzt und dann durch den sich wieder entfaltenden Gleitschirm aufgefangen wird, unbeschadet überstehen.
Dieser Gleitschirm hat aber nur seinem Piloten eine einigermaßen unbeschadete Landung ermöglichen können, nicht sich selbst. Es gibt viele Einrisse - übrigens mehr als geplatzte Nähte, so schlecht scheinen unsere Nähte also nicht zu sein - und es gibt abgerissene Trageleinen. Der Übergang einer Trageleine in die tragenden Planen scheint eine Problemstelle zu sein. Hätte auf demselben Flug dieses Fallmanöver ein zweites Mal durchgeführt werden müssen, dann hätte es den Schirm vielleicht völlig zerfetzt, und der Pilot wäre in seinem Sturz durch nichts mehr aufgehalten worden.
"Wir wissen jetzt, welche Stellen besonders beansprucht werden!" sage ich, "Wenn diese Stellen alle besonders verarbeitet werden, dann müßte der Schirm sicherer werden als er es je war! Und bei den anderen da müssen wir es natürlich genauso machen - Okr, du mußt dafür sorgen, daß jeder Näher sich diese Risse ansieht! Und du mußt jeden fertiggestellten Schirm selbst überprüfen, hast du gehört?"
Er nickt. Dann sprechen wir durch, was auf dem Flug eigentlich passiert ist.
Es ist mir nicht genau klar, ob es ein Abreißen der Strömung oder ein zu scharfes Einschlagen einer Kurve war, oder eine Kombination von beiden. Okr beschreibt den Moment, als es passiert ist, als ein plötzliches Nachgeben der Seile an der Seite, wo er zum Kurvenfliegen die Bremsleinen gezogen hat. Plötzlich, sagt er, hing er schief in den Gurten, dann fiel er, über ihm flatterte der Schirm laut, dann entfaltete er sich ganz plötzlich wieder, ohne sein Dazutun, und er wurde wieder gewaltsam aufgerichtet, Bruchteile von Sekunden, bevor er auf dem Boden aufschlug.
"Mmh." sage ich, "Könnte wirklich eine zu stark eingeleitete Kurve sein. Okr, ich habe noch eine Aufgabe für dich! Du spielst ab sofort das Luftfahrtbundesamt!"
"Das was?"
Das war wieder einer von den Begriffen, die man unmöglich in die Xonchen-Sprache übersetzen kann.
"Vergiß das Wort. Das heißt einfach nichts weiter, als daß, von nun an, jeder, der einen Absturz miterlebt und überlebt, genau erzählen muß, wie es dazu gekommen ist! Damit wir solche Dinge zu vermeiden lernen!"
Okr hat für heute genug von Fliegen. Er beteiligt sich auch nicht weiter an der Reparatur des Gleitschirmes. Braucht er ja auch nicht. Er hat für heute genug getan. Ich weiß, daß es einen ersten Luftverkehrstoten geben wird, aber ich möchte eigentlich nicht, daß Okr das sein wird. Oder Oios, oder Oam.
Eher schon Osont.
Der Zuschneidebetrieb am Übungshang geht weiter, und da es noch eine Weile dauern wird, bis wieder ein Gleitschirm einsatzbereit ist, verziehe ich mich zur Papierherstellung und zu den Seildrechslern, um denen mit einigen Vorschlägen zur Qualitätssicherung auf die Nerven zu fallen. Das gelingt mir so hervorragend, daß ich ihre Erleichterung bemerke, als ich mich nach ein paar Stunden wieder zurückziehe. Ich hoffe, daß sie meine Prüfmethoden anwenden. Gerade bei den Seilen ließ sich da eine sehr einfache Meßvorschrift machen: Erst habe ich ihnen gezeigt, wie man mit immer stärker werdender Gewichtsbelastung präzise ermittelt, wann eine Schnur oder eine Leine bestimmten Durchmessers reißt. Dann habe ich einfach das oberste Drittel dieser Messwerte als Standard gesetzt. Ein Seil, das diesen Zug nicht aushält, darf nicht für die Gleitschirme verwendet werden.
Beim Papier und beim Netzpapier könnte man ähnlich vorgehen, aber der Aufbau der Meßapparatur dürfte schwieriger sein - das war auf die Schnelle nicht so leicht zu schaffen.
24 Uhr nähert sich. Die SchlafPeriode ist noch lange hin. Aber es zieht mich zum Grab von Charmion. Eigentlich könnte man es wagen - mein Schwert gibt mir wieder etwas mehr Selbstbewußtsein. Trotzdem, als ich die Arbeitsstätten verlasse, tue ich das so, daß jemandem, der mich verfolgt, nicht gleich klar wird, wo ich hingehe. Ich gehe nämlich über den Übungshang den Berg hinauf. Das ist naheliegend, denn ich muß ja die Startmöglichkeiten für weitere, längerdauernde Gleitschirmflüge erforschen.
******** 038. Tag: Montag 1995-09-25 ********
38.1 Geschichten für Charmion
Ich denke daran, daß wir ziemlich zu Anfang unseres Aufenthaltes auf Casabones zwischen Mauerdurchbruch und Dorf einen Abstecher einen Berg hinauf gemacht haben. Dieser Berg muß derselbe sein, an dem der Übungshang anliegt. Also muß es möglich sein, über den Berg hinweg dort hinunter zu kommen. Dann muß ich nicht am Dorf vorbei. Und vielleicht an einem lauernden Beobachter, der dann wieder die Verfolgung aufnimmt.
Beim Steigen denke ich an den Mann, den Charmion an dem Tag umgebracht hat, als sie mir gezeigt hat, wie man sich im Urwald ernähren kann. Ich weiß ja bis heute nicht, warum der uns verfolgt hat. Ist da ein Zusammenhang? Oder ist es Zufall?
Über mir wird es dunkler. Die Wolkenobergrenze ist schon erreicht. Die Vegetation weicht innerhalb von nur 50 bis 100 Metern Höhenunterschied nacktem Felsboden. Es ist sehr uneben, und für einen Startplatz für Gleitschirmabsprünge muß man schon suchen - oder wir müssen ein Anlaufsgerüst bauen.
Als die leuchtende Wolkendecke definitiv unter mir ist und ich in alle Richtungen wieder den weiten Blick durch die WeltHöhle mit ihren mächtigen Säulen habe, bleibe ich stehen, um mich zu orientieren. So ungefähr kenne ich diese Aussicht ja schon, und ich kriege auch relativ schnell heraus, wie ich etwa weitermarschieren muß. Es ist nicht weiter schwierig, schon gar nicht verglichen mit den Dingen, die ich in dieser Welt bereits gesehen habe. Eine unwegsame Bergwanderung, weiter nichts. Reine Genußstrecke.
Der seitliche Vorberg, auf dem ich damals mit Charmion, Ougom, Och und Ohohohom gestanden bin, ist leicht zu identifizieren und nicht ganz so leicht zu erreichen. Aber die ganze Zeit kann ich mich jederzeit vergewissern, daß mir weit und breit niemand folgt. Dann steige ich den mir schon bekannten Pfad ins Tal ab.
Dabei wird die Erinnerung an Charmion zeitweise übermächtig. Als ich die Wolkendecke schon wieder erreicht habe, erkenne ich das Wegesstück wieder, wo Charmion und ich uns so lange geküßt haben, bis Ougom ungeduldig geworden ist. Wenig später - was hat sie noch gesagt? Wenn wir unten angekommen sind, dann werden wir spielen, diesen und den nächsten Tag, solange wir können. Und dabei haben sich ihre Brustwarzen aufgestellt - sie hat das wirklich gemeint, was sie gesagt hat. Spielen, solange es geht. Charmion, da war deine Zeit schon beinahe abgelaufen. Spielen, solange es geht. Wie hätte ich es dir gegönnt!
Ich erreiche den Fahrweg. Leise bewege ich mich weiter. Ich sehe niemanden, und ich habe auch nicht das Gefühl, beobachtet zu werden. Als ich den Mauerdurchbruch passiert habe, inspiziere ich kurz die Waffenschränke oben im Aufgang neben dem Tor. Aber auch dort kein Hinweis darauf, daß jemand außer mir dortgewesen ist.
Ungehindert komme ich bis zum Steilufer über Ooms Platz und über Charmions Grab. Sorgfältig sichernd steige ich ab.
Nichts. Charmions Grabhügel ist unverändert, und Ooms Hütte ist leer. Auch darinnen ist niemand gewesen. Oder derjenige war sehr vorsichtig, um nichts zu verändern.
Wie ein alter Mann lasse ich mich neben Charmions Grab nieder. Genauso fühle ich mich auch. Wie ein alter Mann. Abgesehen davon gibt es keinen Grund, ihr nicht zu erzählen, was ich seit meinem letzten Hiersein erlebt habe. Ob dereinst auch jemand an meinem Grab sitzen wird und mir Dinge erzählen wird? Seltsam, ich habe nie damit gerechnet. Es ist mir eigentlich auch immer egal gewesen. Die Gräber meiner Großeltern - denen habe ich nie etwas erzählt. Genaugenommen bin ich dort selten gewesen. Ich hatte ihnen ja auch im Leben wenig zu erzählen. Als kleiner Junge, da war das anders. Alle Großeltern erzählen sich Geschichten und lassen erzählen. Aber was immer ich mit Charmion geredet habe, das lag doch auf einer anderen Ebene - irgendwie. Ich weiß nicht wie. Ist es bloß wegen des Zufalls, daß zwei Wesen in der endlosen Wüste aus Milliarden von Lichtjahren an derselben Stelle sind, und das auch noch zur selben Zeit, zum selben Zeitpunkt aus der Ewigkeit von Milliarden von Jahren, die schon vergangen sind und die noch kommen werden? Wie habe ich zu Charmion gesagt, nachdem der Wendeltreppenschacht abgebrannt war? 'Wir sind hier und nicht dort, wir sind jetzt und nicht zu anderer Zeit, wir waren nicht, und wir werden nicht sein.' - Und wir waren zugleich am gleichen Ort und das gleichzeitig. Ich habe vergessen, ihr zu sagen - ich hätte ihr das wirklich öfter sagen müssen - nämlich, daß das ein großes Privileg für mich war.
Warum man so etwas nie im alltäglichen Leben sagt? Weil es zu flach klingt? Zu banal, abgeschmackt und abgeschaut aus dramatischen Filmen? Zu billig? Warum klingen große, einfache Wahrheiten denn immer billig?
Irene habe ich so etwas auch nie gesagt. Ich muß es ihr sagen, wenn wir uns wiedersehen. Wenn ihr etwas passiert, dann ist es auch dafür für alle Zeit vorbei und zu spät.
Arme Charmion - wenn sie doch zuhörte. Dieses Stück Ufer wird auch in meinem Gedächtnis bleiben, für immer. Auch, wenn ich alles daransetzen werde, nie wieder hierherzukommen, wenn uns die Flucht aus der Welt der GranitBeißer gelingen sollte.
Es ist noch zu früh zum Schlafen. Ich denke laut darüber nach, welche Strategie denn nun am besten wäre, wenn wir diese Welt wieder verlassen wollten. Da sind die braunen und die salzigen Quellen, von denen Oom erzählt hat, und die vielleicht einen Weg nach oben andeuten. Vielleicht aber auch nicht. Und ob wir sie finden ist ja auch nicht sicher. Es ist nicht einmal sicher, ob es sie wirklich gibt.
Und da ist der Weg, auf dem wir gekommen sind. Wenn wir jemals dahin zurückkommen sollten - mit guter Ausrüstung, Fackeln, Seilen, Strickleitern. Ob Irene das schafft? Dieser lange Anstieg, diese endlosen Leitern? Charmion, was meinst du? Ich brauche deinen Rat! Ich brauche ihn so dringend!
Ich lasse mir Zeit. An diesem Platz, so scheint es, gibt es soviel davon. Irgendwann schwimme ich noch einmal auf den See hinaus, soweit, daß das Steilufer im Nebel verschwindet und das andere auftaucht, im Vertrauen darauf, daß dieser See keine bedrohlichen Ungeheuer enthält. Aber ich habe ja hier auch nie welche gesehen. Dann bin ich noch eine Weile im Wald oben beim Essen, bevor ich es mir endgültig neben dem Steinhügel bequem mache. Bald schlafe ich ein.
38.2 Flugbetrieb
17 Uhr. Sehr gut. Präzise zum Ende der SchlafPeriode aufgewacht. Woher das wohl kommt? Man könnte Spekulationen darüber anstellen, daß wir Oberflächenmenschen eventuell doch mehr genetische Verbindungen zur Welt der GranitBeißer haben als man vermuten könnte. Woher sonst der Zufall, daß ich mich so hervorragend an den 27 Stunden-Rhythmus anpassen kann?
Aber das ist natürlich Blödsinn. Der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus der meisten Menschen ist etwas länger als 24 Stunden, und er schwankt individuell sehr stark. Da kann man nichts hineingeheimnissen. Persönliche 27-Stunden-Rhythmen kommen genauso oft vor wie 23-Stunden-Rhythmen.
Ich mache mich auf den Weg zur Arbeit. Die ganze Zeit beobachte ich die Umgebung sehr aufmerksam, aber ich habe immer noch nicht den Eindruck, daß mich jemand beobachtet oder verfolgt. Vor dem Dorf nehme ich wieder den Weg über den Berg. Dabei überlege ich mir eine Ausrede, wenn mich jemand fragen sollte, wo ich solange war, und wieso man dahin ausgerechnet über den Übungshang gehen muß.
Aber es fragt mich keiner. Als mich der erste auf dem Übungshang sieht, bin ich ja schon längst wieder in der Nebelschicht, und da kann ich, wenn ich so plötzlich für jemanden anderes aus dem Nebel auftauche, im Prinzip von überall her gekommen sein.
Inzwischen sind drei Gleitschirme einsatzbereit und weitere fünf in Arbeit. Es gibt einen regen Übungsbetrieb, und schon einige weitere interessierte Männer sind eingewiesen worden. Ich erfahre auch von einem Beinbruch, den sich bereits einer zugezogen hat, und der jetzt in 'Behandlung' ist. Was immer das heißt. Da muß ich mich wohl auch noch drum kümmern.
Ich geselle mich zu den Zuschauern. Die Organisation klappt schon recht gut. Oios hat eine Art theoretische Einweisung unternommen, offenbar in der Erkenntnis, daß die durchschnittlichen Fähigkeiten der Männer für das Verständnis der Funktionsweise eines Gleitschirmes einfach nicht ausreichen. Wer nicht ein gewisses Grundverständnis nachweisen kann - sowenig das ist, weil Oios selbst ja kaum etwas weiß - darf noch nicht mit einem Gleitschirm fliegen. In einer Pause erzählt Oios mir, daß das fürchterlich viele sind, in deren Köpfe nicht einmal dieses Grundverständnis hineingeht.
Die Leute sind einfach den vielen neuen Stoff nicht gewöhnt, der in so kurzer Zeit auf sie einstürmt, nachdem sie jahrelang nur herumgegammelt haben. Erst Papierherstellung, Materialverarbeitung, Tischlerei, Nähen und Rohmaterial ernten, jetzt auch noch Aerodynamik und Flugbetrieb und Gleitschirmkunde. Das ist fast so, als ob man bei uns eine Vorschulklasse beträte und den Kinder sagte, daß sie in drei Monaten mit zum Mond fliegen können, wenn sie bis dahin noch rasch ein Universitätsdiplom in Physik und Chemie und Geologie machen.
Trotzdem bin ich zufrieden, daß diese Anfangserfolge dem Ganzen eine gewisse Eigendynamik gegeben haben. Jetzt geht die Entwicklung auf jeden Fall weiter. Die Bemerkungen aus der Zuschauermenge sind es, die mir diese Zuversicht geben. Es ist wie bei kleinen Kindern: Wer schon bei fünf Flügen zugesehen hat, dünkt sich als überragender Experte dem gegenüber, der erst zwei Flüge gesehen hat. Und die, die mit eigenen Augen noch gar nichts gesehen haben, werden fast mitleidig behandelt. Abgesehen davon sind die meisten Kommentare physikalisch absoluter Blödsinn.
Außerdem wird sich jetzt ein besonderer Adel heranbilden: Die, die schon einmal geflogen sind. Im Moment kann man die noch an einer Hand abzählen. Okr, Oios, Oam und noch zwei andere. Aber es werden immer mehr werden, und wenn einer von denen redet, dann haben die anderen Funkstille. Das wird so bleiben, bis alle einmal geflogen sind.
Irgendein Kriterium für eine Hackordnung in so einer Gruppe von Menschen bildet sich immer - und jetzt wird das eben die Flugerfahrung sein. Immerhin besser als die ständigen Streitereien, die auch immer wieder ausbrechen, auch wenn Osonts strenges Regiement dafür sorgt, daß das nicht zu oft vorkommt.
Wieder schwebt einer schräg über uns im Nebel vorbei, dreht eine sachte Kurve, verliert Höhenmeter um Höhenmeter. Er scheint nicht aus der Kurve herauszukommen, oder er ist vor Schreck gelähmt. Als er direkt vor der Zuschauergruppe landet, gerade noch rechtzeitig das Laufen anfangend, sehe ich ein mir noch unbekanntes Gesicht. Wohl auch ein Erstflug. Und mit der Schrecklähmung hatte ich, dem Gesichtsausdruck nach zu schließen, recht.
Das bleibt natürlich nicht lange. Erst befreit er sich noch mit zitternden Fingern aus den Haltegurten. Genaugenommen zittern die Finger nur, weil der arme Kerl am ganzen Körper schlottert. Aber schon während des Zusammenlegens des Schirmes gibt er seine ersten 'Interviews'. Wenig später steigen seine Höhenangaben, die er erreicht haben will, so rasch, daß er eigentlich noch gar nicht gelandet sein kann. Wie die Kinder, denke ich mir, wie Kinder.
Schirm zusammenlegen, nach oben bringen, überprüfen, eventuell reparieren, der Nächste bitte. So schnell geht das schon. Auch mein schlotternder Held von eben wird noch einmal nach oben zum Übungsleiter gerufen, weil der Flug in das Flugbuch eingetragen werden muß.
Nun wird es auch bald Zeit, daß ich mich selbst einmal so einem Gleitschirm anvertraue. Aber so eilig habe ich es damit nicht. Erst einmal muß die Qualität der Schirme in vielen Versuchsflügen reifen. Es wird schwere Abstürze geben, aus Gründen von Pilotenfehlern und aus Gründen des Materialversagens, und ich möchte nicht gerade einen davon selbst erleben.
38.3 Am Rande von Casabones
Da es so aussieht, als ob es für mich wenig zu tun gibt, will ich der Idee nachgehen, die ich schon länger hatte: Der Fahrweg vom Dorf führt zu den Sumpfteichen, hört da aber nicht auf. Er entfernt sich wieder von diesen und von den anderen Plätzen der momentanen Aktivität. Ich bin da noch nie gewesen und möchte zu gerne wissen, wo er hinführt. Es kann von hier aus ja nicht mehr allzuweit zum Rand von Casabones sein.
Niemand achtet auf mich, als ich mich auf den Weg mache, und schon bald bin ich allein. Der Wald wird dichter und der Weg schlechter. Zwischen den Bäumen blitzen ab und zu Wasserflächen auf, aber zu richtig ausgedehnten Sumpfteichen kommt es nicht mehr. Auch weiteres Schneidgras ist dort nicht zu holen, wo so eine Pfütze völlig im Wald eingebettet ist und man Schwierigkeiten hat, zwischen den Begriffen 'Sumpfteich' und 'nasser Waldboden' zu trennen.
Nach etwa einem Kilometer, in dem der Fahrweg seine Richtung in Großen und Ganzen nicht ändert, verwandelt er sich in einen Trampelpfad, der immer undeutlicher wird. Außerdem senkt sich das Gelände definitiv weiter ab. Ich befinde mich in einem Tal.
Das Tal wird bald zur Schlucht. Es wird düster, und stellenweise ist das Vorwärtskommen schwierig, auch wenn der Pfad immer noch zu erkennen ist. Das Rinnsal am Boden der Schlucht führt sowenig Wasser, daß es kein Hindernis bedeutet, wenn ich gelegentlich im Bachbett gehen muß.
Vielleicht zwanzig Meter sind die Schluchtwände an beiden Seiten nun hoch, und sie sind so steil, daß sie nur noch von Moosen und Kräutern bewachsen sind. Bäume können sich da kaum noch halten. Und ich vermutlich auch nicht.
Dann wird das Bachbett selbst plötzlich abschüssiger. Vor mir wird es hell - geradeaus sehe ich direkt in das Grau des Nebels. Wenig später kann ich nicht mehr weiter: Der Bach geht in eine abenteuerliche Folge von steilen Wasserfällen über, die sich auf dem Hang unter mir nach wenigen Metern meinem Blick entziehen. Ich weiß nicht genau, wieweit man da herunterklettern kann, bis der Boden zu steil ist, um darauf zu stehen. Ich will es auch nicht ausprobieren.
Auf jeden Fall ist das der Rand von Casabones. Eine Kerbe in diesem Rand, denn die Schluchtwände ragen noch weiter vorwärts als der Boden der Schlucht. Wenn man da vorne in die Schlucht stürzte, dann würde man bereits ohne Aufenthalt die ganzen fünftausend Meter bis zu den Schäreninseln durchfallen. Der kleine Bach wird diesen Fall nicht überstehen - das Wasser wird schon lange vorher vollständig zerstäuben und verdampfen. Schließlich sind wir auf dem Saurierfänger beim Durchfahren der Schäreninsel nicht beregnet worden, obwohl hier oben eine ganze Reihe solcher kleineren Rinnsale über den Rand von Casabones in die Tiefe stürzen müssen.
Hier, vom Grunde dieser entlegenen Schlucht, kann man definitiv nicht mit einem Gleitschirm starten. Man würde mit den Schluchtwänden kollidieren. Einen vernünftigen Hang braucht man schon. Sollte eigentlich auch zu finden sein: Ich stelle mir vor, daß an den meisten Stellen des Umfanges von Casabones der Rand einen Hang mit dem idealen Profil bildet: Erst flach, dann immer stärker in die Tiefe fallend. Wahrscheinlich muß man aber die geeigneten Stellen auch erst einmal kahlschlagen.
Ich steige durch den Schluchtgrund zurück. Dabei fällt mir erst auf, wie steil dieser in den letzten paar Metern tatsächlich schon geworden ist. Diese allmähliche Veränderung des Gefälles ist gefährlich, weil man sie kaum bemerkt.
Ich finde eine Stelle, an der man die linke - jetzt rechte - Schluchtwand leidlich gut besteigen kann. Am Rande der Schlucht kann ich dann wieder zum Rand von Casasbones marschieren. Dabei komme ich von der Schlucht ab, finde aber eine große, sehr steinige Lichtung, die langsam in einen Steilabfall übergeht. Hervorragend - genau das, was wir brauchen! Es ist, als ob man auf einem kahlen, schottischen Berg steht und in den Nebel stiert. Hier können Dutzende von Gleitschirmfliegern nebeneinander starten, und wenn sie gelernt haben, geradeaus zu fliegen, dann werden sie noch nicht miteinander kollidiert sein, wenn sie die Wolkendecke nach unten durchstoßen.
Ich entschließe mich gerade, mich umzudrehen und wieder umzukehren, als ich wieder das alberne Gefühl bekomme, beobachtet zu werden. Meine Hand schließt sich um den Knauf meines Schwertes, aber das vertreibt die Unsicherheit auch nur wenig. Ich weiß es: Es ist jemand da!
An den siebenten Sinn glaube ich nicht. Also habe ich wieder irgend etwas gehört oder gesehen, so schwach, daß die Wahrnehmung noch nicht mein Hauptbewußtsein erreicht hat. Wenn es irgendeine Wahrnehmung war, dann kann es natürlich auch etwas anderes sein als ein Mensch, der mich beobachtet. Oder sollte das Unterbewußtsein so detaillierte Auswertungen von Sinneswahrnehmungen machen können, daß es daraus schon ganz konkrete Schlüsse ziehen kann? Dann ist es aber sehr unfair, daß diese Erkenntnisse nicht gleich dem Hauptbewußtsein zugeleitet werden.
Unauffällig sehe ich auf meine Digitaluhr. 23 Uhr. Das ist mit der momentanen Lage des Tagesrhythmus etwa Mittag. Ich drehe mich langsam um. Den Waldrand um diese Lichtung herum kann ich nur aus den Augenwinkeln beobachten - alles andere wäre zu auffällig. Wenn doch Charmion hier wäre! Sie würde mit so etwas leicht fertig.
Ich gehe den Weg zurück, den ich gekommen bin. Sowie ich wieder im Wald bin, fühle ich mich sicherer, weil man mich nun nur noch aus sehr geringer Entfernung sehen kann. Allerdings höre ich nun das Knacken von Zweigen, und zwar aus verschiedenen Richtungen. War das vorher schon da? Kommt es näher?
Ich klettere wieder dieselbe Stelle in die Schlucht hinunter, an der ich hinaufgestiegen bin. Damit sind die Quellen der Geräusche im Walde nicht mehr in meinem akustischen Horizont, und im optischen auch nicht mehr.
Am Grunde der Schlucht fange ich sofort an, zu laufen. Das geht zunächst sehr schwer, weil der Pfad hier noch sehr uneben ist. Dafür höre ich wieder Geräusche, oben, jenseits der Schluchtkante. Es hört sich definitiv wie Schritte an.
Ich sehe mich nicht um. Bin ich nun Freizeitläufer oder nicht? Diesen Leuten werde ich doch wohl davonrennen können. Als der Pfad nur wenig besser geworden ist, laufe ich, was das Zeug hält. Dabei ist mir wohl schon klar, daß mich jederzeit ein Pfeil erreichen kann - jetzt und die ganze Zeit schon.
Aber es geschieht nichts, und in den Geräuschen, die ich selbst verursache, gehen die Geräusche möglicher Verfolger unter. Wahrscheinlich hänge ich sie ab, aber genau weiß ich es nicht.
Erst, als ich die Sumpfteiche wieder erreiche und unter den Meuterern bin, fühle ich mich sicherer und falle wieder in den normalen Schritt zurück.
Auf jeden Fall muß ich Osont fragen, ob das Leute von uns gewesen sein könnten oder welche von den Rebellengruppen. Er wird da den besseren Überblick haben, und vielleicht ist er auch für diesen Hinweis dankbar. Und für die Beschreibung eines möglichen Absprunghanges. Ich beginne sofort damit, ihn zu suchen.
Osont, jetzt kooperiere ich noch. Aber warte, bis wir unten sind! Wir haben noch eine offene Rechnung!
******** 039. Tag: Dienstag 1995-09-26 ********
39.1 Der Bau der Hochrampe
Osont ist am Übungshang. Er verfolgt das Geschehen dort sehr interessiert und ist kaum loszueisen. Zunächst interessiert ihn mein Bericht überhaupt nicht. Er ist, genau wie die anderen, am Flugbetrieb interessiert, und ich sehe ihm an, daß sich in ihm zwei Wünsche streiten: Der Wunsch, es baldmöglichst auch einmal selbst zu probieren, und der Wunsch, einen eventuell blamabel schlechten Flug zu vermeiden oder dabei sogar zu Schaden zu kommen.
Diese Entscheidung kann ich ihm nicht abnehmen. Hier wird jeder üben müssen. Jetzt aber möchte ich mit ihm über mein Erlebnis von eben reden. Es gelingt mir schließlich auch, ihm die wesentlichen Dinge zu erzählen.
Er ist aber nicht interessiert. Daß Rebellengruppen in den Wäldern sind, das weiß er. Na und? Warum sollen die sich nicht auch da herumtreiben, wo ich gewesen bin? Ich bin doch selber schuld, wenn ich mich absondere. Und wenn ich überhaupt nichts mit eigenen Augen gesehen habe, was habe ich dann an konkreten Dingen überhaupt zu berichten?
Der mögliche Absprunghang interessiert ihn noch weniger. Schließlich hat Casabones einen Umfang von über 30 Kilometern - da muß sich eine geeignete Absprungstelle finden lassen.
Nachdem Osont sich aus dieser wenig ergiebigen und kurzen Unterredung wieder entfernt hat, wird mir klar, daß mein Wert für das Unternehmen jetzt gesunken ist. Produktion und Erprobung der Gleitschirme laufen, der Übungsbetrieb wird sich von nun an einspielen. Was man noch nicht weiß, kann man durch Experimente herauskriegen. Das Prinzip hat er jetzt gefressen. Und damit ist meine Expertise entbehrlich. Das ging ja schnell. Dann muß ich jetzt aufpassen, daß ich bei ihm nicht in Ungnade falle.
Die Gefahr ist aber so groß nicht, da all die anderen Meuterer mich nach wie vor für eine Schlüsselfigur der Gleitschirmflucht halten, und Osont kann es sich zum derzeitigen Zeitpunkt nicht leisten, etwas gegen diesen Trend zu unternehmen. Wo ich mich auch blicken lasse, immer wieder wenden sich die Männer mit Fragen an mich.
Jetzt komme ich auch dazu, mir den Mann mit dem Beinbruch anzusehen. Der liegt auf einem Schlaflager bei den Sumpfteichen, ist aber sonst wohlauf. Nur die Schmerzen im geschienten Bein hindern ihn, sofort wieder aufzustehen. Da ist nicht viel zu tun. Das Schienen eines gebrochenen Beines ist also bekannt, und ob der Bruch einfach oder kompliziert ist und ob die Knochen wieder richtig positioniert sind, das kann ich sowieso nicht beurteilen. Auch wenn es eine Komplikation wie Fettembolien gegeben hätte, hätte ich ja auch nichts tun können.
Ich versuche, ihm nahezulegen, daß er das Bein wenigstens einige Tage lang überhaupt nicht belasten soll. Ich glaube nicht, daß er mir zuhört. In der kurzen Zeit, in der ich an seinem Lager stehe, erzählt er mir den Hergang seines Unfalles drei Mal.
Keine dieser Erzählungen gleicht der anderen, nur der Gleitschirm kommt in allen dreien vor. Wie die Kinder!
Es drängt mich, wieder etwas alleine zu sein, weil ich ja doch nichts tun kann. Andererseits habe ich Bedenken - jetzt hatte ich schon zweimal eine Fast-Begegnung, bei der ich praktisch wehrlos war. Die Fast-Begegnung damals im Wald nahe an Ooms Platz, als Charmion mich nahrungsmäßig eingewiesen hat, zähle ich dabei gar nicht.
Ich komme nicht dazu, mich abzusetzen. Als ich wieder zum Übungshang gehe, um mich dann eventuell über den Berg zu Charmions Platz zu begeben, kommt Osont auf mich zu. Er möchte jetzt schon die längeren Übungsflüge einleiten, das heißt also diejenigen Flüge, die über der Wolkenschicht beginnen. Ich soll da aufpassen, weil es hinten und vorne an qualifizierten Personal mangelt.
Das ist schlecht. Sowie am Übungshang über der Wolkengrenze ständig Übungsbetrieb ist, kann ich mich nicht mehr unbeobachtet über den Berg entfernen. Mist.
Ich kann es nicht ändern. Weil ich weiß, wie unwegsam es da oben ist, will ich gleich eine Holzbahn zum Anlaufen bauen lassen. Deshalb muß ich mir einige Leute zusammensuchen, die bisher mit den Holzeinschlagarbeiten und den Tischlereiarbeiten an den Papierherstellungsmaschinen befaßt waren. Außerdem muß Holz da hinauf getragen werden.
Damit vergeht der ganze Rest des Tages. Für die erste Über-Wolken-Startstrecke wähle ich eine Stelle, die vielleicht 120 Meter über der Wolkenobergrenze ist. Man kann sich von dort aus noch leicht orientieren und sich merken, wo unter dem Nebel der Übungshang liegen muß, oder man kann es sich erklären lassen. Die Stelle, die ich ausgesucht habe, ist ein horizontaler Platz von vielleicht vier Metern Länge und eineinhalb Metern Breite. Das reicht natürlich nicht für den Start, und deshalb wird dieser Platz nach unten durch einen Laufsteg verlängert, der zunehmend abschüssig wird. Wegen der Hangsteilheit muß dieser auf einem talwärts immer höher werdenden Gerüst gebaut werden - da ist für die Tischlerleute ganz ordentlich Arbeit zu leisten. Es wird wohl heute nicht fertig. Ich weiß auch gar nicht, wie lang diese Anlaufstrecke nun mindestens werden muß - wer am Ende nicht abhebt, wird wohl einige Meter nach unten fallen. Zwanzig Meter müßten schon reichen, aber das muß natürlich unten auf dem Übungshang ausprobiert werden.
Während die Leute sägen und hämmern und Pfähle im Steinboden verkeilen, habe ich Muße, mich auf einem Platz etwas höher am Hang nieder- und meinen Blick schweifen zu lassen. Bei der Muße bleibt es nicht, denn nach kurzer Zeit durchzuckt mich wieder ein Schreck:
Da ist ein Berggipfel, der sich kaum aus der Wolkendecke heraushebt, also deutlich niedriger als unser Platz ist. Er ist etwas mehr als einen Kilometer entfernt, und zwar in Gegenrichtung zur Mitte von Casabones, also nahe am Rand. Meiner Schätzung nach müßte dieser Berggipfel zu erreichen sein, wenn man der Schlucht folgt, in der ich vor kurzem den Rand von Casabones erreicht habe, dann aber dieselbe nicht nach links, sondern nach rechts verläßt.
An diesem Berggipfel, der nicht mehr als ein Hügel sein kann und der gelegentlich unter den Wolken vollständig verschwindet, hat sich etwas bewegt. Ich sehe genau hin, aber diese Wahrnehmung ist nicht zu wiederholen.
"Wer von euch hat die besten Augen?" frage ich die arbeitenden Männer. Die Antwort ist wenig ergiebig, weil die meisten von ihnen meinen, sie könnten am besten gucken. Ich sage ihnen, die sollen mir Bescheid sagen, wenn sie auf den umliegenden Bergen zufällig Menschen sehen. Ich sage ihnen nicht, welcher Berg mich da speziell interessiert, damit keine Falschalarme provoziert werden.
Aber es nutzt nichts. Weder ich noch einer der Männer beobachten an diesem Tage noch etwas besonderes.
Und ich bin mir sicher, daß ich mich nicht geirrt habe. Auch, wenn in meinem Alter Unreinheiten im Glaskörper des Auges schon vermehrt herumschwimmen und Schwankungen der Blutversorgung im Ozipetallappen schon mal kleine optische Halluzinationen auslösen können, so kenne ich diese Erscheinungen allmählich. Die Fliege, die man aus den Augenwinkeln sieht und nach der man dann vergeblich das ganze Zimmer absucht ist ein Beispiel. Aber das, was ich eben gesehen habe, war etwas anderes. Das war etwas wirkliches.
Als die Männer so um 10 Uhr schließlich nach und nach Hämmer und Dübel beiseite legen, ist dieser Arbeitstag gelaufen. Ich gehe mit den letzten nach unten und dann, in einem unbeobachteten Moment, wieder hinauf. So kann ich doch noch über den Berg zu Charmions Platz wandern.
Bei dieser Wanderung halte ich genau Ausschau, solange ich über den Wolken bin. Aber ich sehe überhaupt nichts besonderes.
Auch auf dem Fahrweg hinter dem Dorf, am Mauerdurchbruch und auf dem Fahrweg zwischen Tor und ehemaligen Fort bin ich allein, und ich bin sicher, daß mir niemand folgt.
Als ich mich aber dem ehemaligen Fort nähere, höre ich plötzlich das Gepolter von Geröll. Es kommt von dort, wo die Zugbrücke heruntergestürzt ist. Ich bin zu dem Zeitpunkt noch einige Meter von der Felskante der Schlucht entfernt, und ich halte mich auch in der Entfernung, obwohl die Versuchung, in die Schlucht hinunter zu sehen, groß ist. Leise bewege ich mich weiter in Richtung Charmions Platz.
Dort ist alles unverändert, sowohl in Ooms verlassener Hütte als auch an Charmions Steinhaufen. Auch mein provisorisches Lager scheint unberührt, nur daß die Blätter langsam weiter austrocknen. Ich lege einige weitere Blätter, die ich unterwegs abgepflückt habe, hinzu - übliche Routine. Nichts deutet auf eine Bedrohung hin. Trotzdem bin ich leise den Klippenpfad hinuntergestiegen, und als ich meine an Charmion gerichteten Selbstgespräche führe, spreche ich so leise, daß man mich in mehr als einigen Metern Entfernung nicht hören kann.
Die Ereignisse des Tages sind rasch erzählt. Dann bleibt nur noch Schweigen. Ich habe plötzlich das Gefühl, daß ich nicht mehr allzuoft hierherkommen werde. Vielleicht überhaupt nicht mehr. Was ist, wenn die Rebellen aus den Wäldern die Gegend zunehmend unsicher machen?
Charmion, mit dir wäre das alles einfacher. Du wüßtest, was zu tun ist. Warum hast du mich verlassen? Warum.
39.2 Smalltalk
Ich wache um 20 Uhr wohlausgeschlafen auf. Diesmal entscheide ich mich, den normalen Weg zu den Arbeitsstätten zu gehen, nicht über den Berg. Ich will mal sehen, ob es tatsächlich eine Stelle im Dorf gibt, an der jemand genau beobachtet, wer vorbei kommt. Vielleicht gelingt mir das, wenn ich jetzt aus einer unerwarteten Richtung komme.
Der Magen knurrt, aber ich kann Charmion nicht so einfach verlassen. Es ist schon wieder da, das irrationale Gefühl, nicht mehr hierher zurück zu kommen. Es ist wirklich albern, aber zusammenhanglos erzähle ich, was ich glaube, ihr noch nicht erzählt zu haben. Dinge aus meiner Kindheit, Pläne für die Zukunft. Und noch etwas, was ich ihr nie gesagt habe, und dann noch etwas.
Meine Charmion. Ich werde dich nicht vergessen.
Und jetzt geh, Herwig. Rede nicht mit den Steinen. Sonst wirst du noch gaga. Sieh zu, daß du dir da oben etwas in den Pansen haust, und dann kümmere dich um die Gleitschirme. Das ist dein Weg nach Hause! Hier ist Vergangenheit. Du hast es ja selbst Vergangenheit werden lassen. Du hast sie ja sterben lassen. Geh endlich. Würde sie auch sagen.
39.3 Aufbruchstimmung?
Es gibt nichts von Bedeutung, was mir auf dem Weg zum Dorf und durch das Dorf auffallen könnte. Auch am Platz des ehemaligen Oberfort ist alles ruhig. Ich schiele über den Rand der Schlucht auf die Trümmer der Zugbrücke hinunter, aber da ist nichts auffällig. Abgesehen davon, daß ich keine menschlichen Überreste mehr identifizieren kann, aber das muß nichts bedeuten.
Heute habe ich wieder den Eindruck, daß der Weg zwischen Charmions Grab und dem Dorf der sicherste Spaziergang der Welt ist. Wie einem die Stimmungen und die Ausgeschlafenheit die Welt verändern können!
An den Arbeitsstätten ist eine Hektik, als ob der ganze Fluchtaufbruch direkt bevorstände. Dabei erfahre ich am Übungshang, daß wir jetzt erst sieben Gleitschirme haben, und daß weitere neun in Arbeit sind, oder sogar noch mehr, wenn man all die Zuschneider mitzählt. Inzwischen sind Zelte für die Aufbewahrung der Gleitschirme gebaut worden - wie ich es ihnen gesagt habe, es gibt immer Verwendungszwecke für Material, das bei der Qualitätsprüfung für die Gleitschirme durchgefallen ist.
Ist das nun eine positive Entwicklung, oder sind wir weit hinter dem, was man mit richtig koordiniertem Aufwand erreichen könnte? Bei einer durchschnittlichen Herstellungsrate von drei Gleitschirmen pro Tag brauchen wir drei Jahre, um für alle einen Schirm bereitzustellen.
******** 040. Tag: Mittwoch 1995-09-27 ********
40.1 Osonts Launen
Kurz nach 0 Uhr gibt es den ersten schweren Unfall. Nicht für den Piloten, sondern für einen Schirm. Der betreffende Pilot - auch ein Erstflug - lenkt seinen Gleitschirm in einen Baum am Rande des Übungshanges. Dabei wird der Schirm vollständig zerrissen, so daß es wahrscheinlich einfacher ist, einen neuen herzustellen als diesen zu reparieren. Der Pilot kommt mit einigen Schrammen davon.
Aber nicht lange. Als Osont von diesem Unfall hört, platzt er vor Wut. Auch ihm ist der Projektfortschritt zu langsam, und jetzt hat er jemanden, an dem er seine Wut abreagieren kann.
Er schreit den armen Mann minutenlang an. Der weiß gar nicht, was ihm geschieht. Wahrscheinlich hat er etwas falsch gemacht, aber was, das wird diesmal gar nicht untersucht. Osont sorgt dafür, daß dieser Vorfall möglichst vielen von Anfang an bekannt wird.
Ich vermute schon, daß jetzt wieder Liegestütze überm offenen Messer fällig sind, vielleicht bis zur Erschöpfung, oder Auspeitschungen oder Zwangsarbeit.
Aber wenn Osont sauer ist, dann ist mehr Aufwand angesagt. Er läßt den Mann fesseln. Dann hält er eine ganze Gruppe Männer von sinnvollerer Arbeit ab, indem er sie ins Dorf schickt. Es wird bald klar, warum: Als sie wiederkommen, schleppen sie ein Vollstreckungskreuz.
Im Laufe der nächsten Stunden werden am Rande des Übungshanges sieben dieser Kreuze aufgestellt, so daß wer immer hier tätig ist, diese dauernd ansehen muß. Eines davon geht gleich in Gebrauch. Für den Unglückspiloten gibt es keine Rettung mehr.
Von da an ist die Stimmung am Übungshang weniger ausgelassen. Die Männer sind bei der theoretischen Einweisung mit wesentlich mehr Konzentration dabei, und immer, wenn ich zu der neuen Startrampe über den Wolken gehe, merke ich, daß auch da wieder mit weniger Reden und mit mehr Eifer gearbeitet wird.
Um 4 Uhr gibt es wieder Aufregung. Ich erfahre, daß an den Sumpfteichen zwei Rebellen gefaßt worden sind, die da rumspioniert haben. Ich bekomme sie zunächst nicht zu sehen, aber ich vermute, daß sie jetzt von Osont, der plötzlich nirgendwo zu finden ist, auf das genaueste befragt werden. Niemand sagt es mir direkt, aber ich weiß es trotzdem: Da wird gefoltert. Das ist ja auch Osonts Stil.
Um 6 Uhr werden die beiden zum Übungshang gebracht und ohne weitere Umstände gekreuzigt. Beide sind in einem fürchterlichen Zustand: Wunden am ganzen Körper, Unterarme und Schienbeine gebrochen, fast alle Zähne ausgeschlagen, der eine hat sogar ein Auge verloren. Beide kriegen kaum noch mit, was mit ihnen geschieht. Beide sind innerhalb einer halben Stunde nach der Kreuzigung tot, ohne daß sie wieder zu klarem Bewußtsein gekommen sind. Nur der Unglückspilot lebt noch.
Wenn ich jemals dazu komme, Osont umzubringen, dann wird dieses alles es mir leicht machen. Was habe ich damals zu Charmion gesagt? Vielleicht ist es für die GranitBeißer die richtige Gesellschaftsordnung, so, wie sie sich für mich darstellt, mit Kannibalismus und Gewalt. Entschuldigt das etwas? Nein. Und wenn es etwas entschuldigte, dann würde es auch das entschuldigen, was ich Osont noch antun werde.
Nur erst einmal von Casabones herunterkommen.
Nach diesen unschönen Vorgängen verbringe ich die meiste Zeit an der Baustelle für die Startrampe über den Wolken. Diese benötigt ungewöhnlich viel Material, da der Boden zu fest ist, um Pfähle einzurammen. Da muß man sich mit mancherlei anderen Konstruktionen behelfen, und alle brauchen mehr Holz als ein einfacher, in den Boden gerammter Pfahl.
Kurz nach 12 Uhr tauchen zwei Männer auf, die ich nicht bestellt habe. Sie setzten sich mißmutig hangaufwärts von uns hin. Ich frage nach, was sie vorhaben.
"Das Ding da bewachen. Hat Osont angeordnet. Es wird jetzt alles bewacht!"
"Und warum?"
"Hat Osont nicht erzählt, uns doch nicht. Aber es gibt vielleicht einen Angriff der Rebellen. Da soll nichts kaputt gehen."
So ist das also. Das heißt, ich kann mich ab sofort nicht mehr auf den üblichen Wegen unbeobachtet davon machen, ohne wenigstens Neugier zu erregen oder auch Fragen beantworten zu müssen. Und mich durch den wegelosen Wald zu schlagen ist auch nicht empfehlenswert. Ich hätte Orientierungsschwierigkeiten und könnte den Rebellen in die Hände fallen.
Nur der Weg über die Berge, der wäre mir sicher gewesen - wenn wir nicht diese blöde Startrampe bauen müßten.
Wenig später gehe ich dann mit den Arbeitern zu Tale. Statt an Charmions Grabhügel schlafe ich an den Sumpfseen, weil man sich dort am schnellsten Material für ein Lager zusammensuchen kann. Außerdem schlafen - weit verstreut - inzwischen die meisten da. Das gibt natürlich eine gewisse Sicherheit. Aber, wenn man beim Liegen die Nase in bodennahen Luftschichten hat, ist da immer der Duft von ungewaschenen Füßen und frisch freigelassenen Darmwinden. Bei soviel Leuten ist das gar nicht zu vermeiden, nicht einmal im Freien.
Und außerdem wird geschnarcht.
******** 041. Tag: Donnerstag 1995-09-28 ********
41.1 Der Flug des Lehrers
Am nächsten Tag kommt Osont schon bald nach dem Aufwachen zu mir. Woher er weiß, daß ich bei den Sumpfteichen geschlafen habe, weiß ich nicht. Er muß da so seine Zuträger haben. Er strahlt, als er näherkommt - so stelle ich mir den Gesichtsausdruck des Chefs eines kleinen, mittelständischen Betriebes vor, der auf seinen Angestellten zukommt, um ihm eine zehnprozentige Gehaltserhöhung anzukündigen - mit dem Hintergedanken, eine dann drastisch gesteigerte Bereitschaft zur unentgeltlichen Ableistung von Überstunden einzufordern.
"Gut, daß ich dich finde. Es wird dich interessieren, Herwig!"
"Was denn?" Frühstück würde mich mehr interessieren, aber dazu bin ich noch nicht gekommen.
"Okr hat herausgefunden, wie man ohne Hilfestellung starten kann!"
"Ah, das ist gut!" sage ich, "Dann habe ich mich also doch richtig erinnert, daß es ohne Hilfestellung gehen muß. Wie macht man es denn?"
Während wir uns zum Übungshang aufmachen, erzählt er es mir.
"Man muß ein Stück Hang haben, das völlig frei von Wurzeln oder anderen Dingen ist, wo sich der Schirm verhaken könnte."
"Klar."
"Dann legt man den Schirm im Halbkreis hinter sich, so, daß die Vorderkante die Außenseite dieses Halbkreises bildet. Die Vorderseiten der Luftkammern müssen nach oben offen sein. Wenn man dann losläuft, hebt sich der Schirm schon nach wenigen Metern völlig vom Boden ab. Wenn man etwas geschickt ist."
"Aha."
"Das kann eigentlich jeder lernen."
"Natürlich." stimme ich zu.
"Bist du eigentlich schon geflogen?" fragt er mich lauernd.
"Ich? Eh - nein. Ich habe immer den anderen, jungen Männern den Vortritt gelassen. Die konnten es ja nicht abwarten."
"Das ist wahr." nickt Osont, "Aber jetzt haben wir genug Schirme. Jetzt kannst du es auch einmal ausprobieren. Wo du uns das Fliegen doch beigebracht hast!"
Das wollte ich eigentlich so früh noch nicht tun.
"Sechzehn Schirme haben wir jetzt. Die Jungen schneidern wie verrückt. Morgen oder übermorgen werden es schon doppelt so viele sein!"
Er ist richtig stolz. Ich fürchte, mir wird keine Begründung einfallen, jetzt auf das Fliegen zu verzichten.
"Für mich ist es genauso Neuland wie für euch!" sage ich, "Ich habe in meiner Welt nur gesehen, wie andere es taten. Ich habe es nie selber gemacht!"
"Ja, das hat aber doch gereicht. Dann muß es für dich ja um so spannender werden!"
Ich habe wieder das dumpfe Gefühl, daß Osont ein Talent dafür hat, die Motivationsstruktur jedes anderen Menschen blitzschnell zu erkennen und auszumessen. Jetzt erkennt er, daß ich noch nicht fliegen will. Also will er, daß ich fliege. So einfach ist das. Ich fürchte, es bleibt mir nichts anderes übrig.
Am Übungshang angekommen besichtige ich zunächst die neu hinzugekommenen Zelte. An zwei Schirmen werden gerade letzte kleinere Reparaturen fertiggestellt, die durch die letzten Flüge notwendig geworden sind.
"Okr meint, daß wir bald soweit sind, daß wir Schirme machen können, die man mehrfach verwenden kann, ohne sie zwischendurch reparieren zu müssen!" Osont sagt das mit einem Ton, als wäre das ausschließlich seine eigene persönliche Leistung.
Ich nehme einen Schirm in Empfang. Ohne übertriebene Schnelligkeit gehe ich den Hang hinauf. Osont bleibt bei mir. Aus den Augenwinkeln stelle ich fest, daß jetzt vier von den sieben Vollstreckungskreuzen belegt sind. Alle vier Delinquenten scheinen tot zu sein. Osont hält es nicht für nötig, das zu kommentieren.
Oben am Übungshang sehe ich in kurzer Zeit mehrere Starts ohne Hilfestellung. Es sieht tatsächlich ganz einfach aus.
"Es gibt nur diese Stellen da, wo man den Schirm schon gefahrlos auf den Boden legen kann. Oltar dort wird dir zeigen, wie man den Schirm auslegt."
Der Benannte, ein dicker Kerl in jungen Jahren, ist ständig dabei, Einweisungen zu geben - wie man den Schirm auslegt, wie man das Gurtzeug anlegt und wie man die Leinen beim Anlauf hochreißt.
"Ich habe noch gar nicht den Unterricht mitgemacht!" fällt mir plötzlich ein.
"Machst du Witze? Wir haben das alles doch von dir gelernt! Was könntest du in dem Unterricht denn noch lernen?" spottet Osont. Hat er ja nicht ganz Unrecht.
Oltar hat viel zu tun. Ich sehe, daß viele ihm einen Zettel zeigen. Als ich nachfrage, erfahre ich, daß es sich um eine Art Teilnahmebestätigung für den theoretischen Unterricht von Okr handelt, weil Oltar ja nicht wissen kann, wer wirklich schon dabei war und wer nicht. Die Rudimente der Bürokratie lassen grüßen!
Ich brauche so etwas natürlich nicht. Ich habe nur noch wenig Muße, einigen der abfliegenden Männer zuzusehen. Dann bin ich dran.
"Tatsächlich das erste Mal?" fragt Oltar ungläubig, "Stell dich daher. Nein, so. Und dreh dich mal um!"
Zuerst legt er den Schirm fächerförmig aus. Die Vorderseiten der Kammern, erklärt er mir, müssen möglichst alle nach oben offen sein. Es dürfen keine Leinen unter den Schirm geraten, und es dürfen keine Leinen sich irgendwo verhaken. Auch dürfen sich verschiedenen Leinen nicht miteinander verdrillen.
Ich nicke gehorsam. Klingt alles plausibel.
"Beim nächsten Start machst du es selbst." erklärt Oltar entschieden. Dann beginnt er, mir das Gurtzeug zu erklären.
Ich passe dabei ganz genau auf. Wenn Osont mich los sein wollte, dann hätte er mir jetzt einen manipulierten Schirm zukommen lassen. Das ist immerhin eine prinzipielle Möglichkeit. Ich nehme mir vor, dicht über dem Boden zu fliegen - sofern mir beim ersten Flug ein wesentlicher Einfluß darauf überhaupt möglich ist.
Beingurte, Sitzgurt und Brustgurt gibt es. Das heißt, diese Konstruktion hat sich bisher als zweckmäßig erwiesen. Als ich die Gurtseile festziehe, habe ich den Eindruck solider Arbeit.
"Jetzt die Bremsleinen und diese Aufziehleinen in die Hand nehmen!" sagt Oltar und reicht sie mir, "So. Alles frei? Also: Halt diese Leinen jetzt ungefähr straff. Hände dabei hoch. Ja, so. Du läufst jetzt einfach los. Nein, jetzt noch nicht, ich erzähle dir ja noch etwas! - Also, du läufst mit kräftigem Schritt so los, wie du jetzt bist. Dabei mußt du dich etwas nach vorne legen. Du wirst sofort merken, daß der Schirm versucht, dich zu bremsen."
Ich nicke. Die Pumpe geht mir ganz schön flott. Ist es doch wirklich der allererste Gleitschirmflug für mich! Und ich habe doch immer davon Abstand genommen, mir dieses Hobby auszusuchen, weil es teuer, zeitraubend und nicht ungefährlich ist. Ich wollte Irene das nicht antun.
Osont steht in etwa zwanzig Metern Entfernung seitlich am Hang und schaut interessiert zu. Er wird nicht weggehen, bevor ich abgeflogen bin.
"Du hörst an dem Rauschen, wenn der Schirm etwa über dir ist. Dann wirfst du einen kurzen Blick rauf. Wenn da irgend etwas ungewöhnliches ist, etwa nur teilweise Entfaltung der Luftkammern oder so, dann brichst du den Start ab."
"Wie denn?"
"Du ziehst nur eine Bremsleine voll durch, nur eine! Dann fällst du auf die Schnauze, aber du hebst nicht ab, und der Schirm bleibt auch unbeschädigt! Der fällt dir dann nämlich auf den Kopf."
Jemand lacht, aber ich bin zu durcheinander, um herauszukriegen, ob es Osont ist oder jemand anderes. Und ob über uns gelacht wird.
"Wenn alles in Ordnung ist," fährt Oltar fort, "läufst du immer weiter. Du mußt den Schirm dann kräftig ziehen! Dann merkst du schon, daß er versucht, dich hochzuheben! Die Aufziehleinen rutschen dir dann sowieso aus der Hand, aber behalte die Bremsleinen. Die ziehst du dann bis in Brusthöhe durch, verstanden? Dann läufst du noch zwei oder drei Schritt weiter, bis du fliegst."
"Nein." sage ich.
"Das sagen alle. Alle bis auf die, die am liebsten ohne jede Einweisung starten möchten. Danach kann man alle einteilen, glaub mir: die einen wollen ohne jede Belehrung in die Luft, und die anderen am liebsten überhaupt nicht! - So, auf geht's! Los!"
Und es geht los. Ich denke an gewöhnliche Flugzeuge und stelle mir naiverweise vor, daß man nach dem Anlauf den Start beliebig verzögern kann. Bei einem Gleitschirm ist das aber nicht so. Er flattert wie ein großer Raubvogel über mir, der schon versucht, mich am Laufen zu hindern. Bevor ich noch überlegen kann, in welcher Reihenfolge jetzt welche Bewegungen zu machen sind, hebt es mich von den Beinen. Fast automatisch setze ich mich in den Sitzgurt. Krampfhaft halte ich die Bremsleinen vor der Brust fest. Habe ich nun, wie empfohlen, nach oben gesehen? Ich glaube nicht. Aber was unter mir ist, ist viel interessanter.
Das Geschwätz am Starthang bleibt hinter mir und schräg über mir zurück. Der Boden gleitet unter mir vorbei, nur wenig schneller als auf meinen Waldläufen, und er fällt rasch weiter in die Tiefe. Über mir rauscht es stetig und vertrauenerweckend. Ich merke rasch, wie sich auch jede unwillkürliche Handbewegung den Bremsleinen mitteilt und meine Flugrichtung beeinflußt.
Es ist wahr, ich fliege richtig! Irgendwie erinnert es mich an eine Talfahrt mit einem Sessellift, nur daß es bei einem Sessellift nicht so rauscht und flattert.
Acht Meter hoch, zehn Meter? Der Nebel graut den Boden unter mir ein. Ob ich ihn aus den Augen verlieren werde? Ob ich Kurven probieren kann, oder ob dabei die Gefahr der Kollision mit anderen droht? Ich weiß es nicht. Plötzlich bin ich allein. Andere Gleitschirmflieger könnte ich nicht hören, weil das Rauschen meines Schirmes deren Rauschen übertönen würde. Ich müßte sie schon sehen.
Der Flug ist vollkommen ruhig - eine Konsequenz der geringen oder fehlenden Winde in der Welt der GranitBeißer. Turbulenzen würde ich jetzt auch nicht mögen. So aber bin ich bereits dabei, von der Panik in den Genuß hinüberzuwechseln.
Ich fliege immer noch. Unter mir sehe ich zwei, die bergan marschieren, einen hastig zusammengelegten Gleitschirm zwischen sich tragend. Es müssen schon zwanzig Meter Flughöhe sein. Wie lang der Übungshang wohl noch ist? Ich überlege mir, daß, solange ich noch an relativer Flughöhe gewinne, ich mich noch über dem abschüssigeren Teil des Übungshanges befinden muß. Da ist noch lange keine Gefahr, in die Bäume zu geraten.
Dann aber scheint die Zunahme der Höhe zu stagnieren. Ich ziehe die linke Bremsleine leicht, um eine Kurve einzuleiten. Das geht hervorragend. Eigentlich dachte ich an eine volle 360-Grad Kurve, aber dazu ist die Flughöhe nicht mehr groß genug. So wird nur eine S-Kurve daraus. Dann habe ich nur noch sieben Meter. Sechs - fünf - Zeit wird's, die Bremsleinen weiter zu ziehen. Nicht zuviel - ich will jetzt noch keinen Strömungsabriß bewirken. Erst etwas mehr als einen Meter über dem Boden ziehe ich die Bremsleinen zwischen die Oberschenkel und fange mit den Laufbewegungen an, sorgfältig die Knie zu jedem Zeitpunkt durchgedrückt haltend. Sekunden später laufe ich wirklich, immer noch überrascht, wie einfach es war, tangential auf dem Hang aufzusetzen. Dann fällt mir der Schirm auf den Kopf und nimmt mir die Sicht.
41.2 Höhenflug
Ich weiß jetzt, daß ich ein neues Hobby habe. An diesem Tag starte ich noch acht Mal. Osont hat sich verzogen, als er gesehen hat, daß ich mich doch traue. Mir ist es recht. Und ich gewinne etwas Praxisübung im Gleitschirmfliegen in einer der fremdartigsten Umgebungen, die sich ein Mensch vorstellen kann: In einer nebelverborgenen Urwelt fünftausend Meter unter dem Meeresspiegel, unter Menschenfressern, die teilweise wie Kinder von derselben Tätigkeit nicht genug bekommen können, das Ganze unter den toten Augen zweier gekreuzigter Rebellenspione und zweier gekreuzigter Gleitschirmpiloten, die angeblich etwas falsch gemacht haben.
Tatsächlich ist die Abnutzung der Gleitschirme inzwischen gering. Vielleicht nach jedem zweiten Flug muß irgend etwas gemacht werden, eine Naht nachziehen oder eine Trageleine neu einspleißen. So alle zwanzig Flüge kommt es jetzt vor, daß größere Reparaturen erforderlich sind. Immer noch ist kein schwerer Unfall vorgekommen, das heißt, ein Unfall mit Todesfolgen oder mit schweren Verletzungen. Ich sehe, daß einige der Häufigflieger schon etwas leichtsinnig werden.
Zwischen 11 und 12 Uhr erfahre ich durch Zufall, daß jemand das erste Mal einen Start von der Holzrampe über den Wolken unternehmen möchte. Das muß ich mir natürlich auch ansehen.
An der Holzrampe angekommen sehe ich, daß noch mehr Meuterer diese Idee hatten. Es geht ganz schön eng auf dem schmalen Pfad nach oben zu. Wer stellt eigentlich das weitere Papier her, wenn alle immer nur anderen beim Gleitschirmfliegen zusehen? Wenigstens eine Sorge, die ich Osont überlassen kann. Er ist übrigens auch schon da, also geschieht dieser neue Versuch mit seiner Zustimmung.
Es dauert eine Weile, weil immer noch palavert wird. Der Einweiser Oltar ist auch da und gibt detaillierte Anweisungen über einen Vorgang, den er eigentlich selbst auch noch gar nicht so genau kennen kann.
Der Start auf der Rampe ist nur mit Hilfestellung möglich, weil nicht genug Platz da ist, den Schirm sauber auszulegen. Das ist natürlich kein prinzipielles Hindernis. Allerdings stellt sich heraus, daß eine Rampe für die Hilfestellung auch ganz zweckmäßig gewesen wäre.
Ich bin nicht allzu nahe am Ort des Geschehens, weil sich mir da zu viele Menschen drängen. An einer erhöhten Stelle setze ich mich und sehe mir die ganze Szenerie von oben an. Außerdem werfe ich ein paar Blicke auf die Bergspitze am Rand von Casabones, wo ich vor kurzem jemanden zu sehen geglaubt habe. Diese Bergspitze sieht jetzt völlig unberührt und einsam aus.
Endlich passiert es - unter mir, in dem Gewusel der Menge ist eine schnelle Bewegung, und der Schirm, der eben noch schlaff von einer ganzen Reihe von Menschen hochgehalten wurde, steigt über deren Köpfe auf. Ich weiß noch nicht, wer den Versuch wagt - ich kann ihn von hinten nicht erkennen - aber sein Absprung von der Rampe sieht perfekt aus.
Wegen der Steilheit des Berges an dieser Stelle hat er schon wenige Sekunden nach dem Start Dutzende von Metern unter sich, dann schon die mehr als hundert Meter bis zur Wolkenobergrenze. So hoch über dem Boden war noch kein GranitBeißer.
Zunächst fliegt er gerade aus, besinnt sich dann aber auf die ungefähre Position des Übungshanges und beginnt, sich herunterzuspiralen. Nach allgemeiner Ansicht ist es die beste Strategie, in der Nähe der Stelle in die Wolkendecke einzutauchen, wo der Bergpfad aus der Wolkendecke herauskommt. Wenn man gleich danach vom Berg wegfliegt, dann müßte man ungefähr über dem Übungshang sein. Wenn man in dem Nebel noch keinen Boden sieht, dann muß man sich eine weitere Windung hinunterspiralen, aber dann sollte man bald Bekanntes sehen. Ich denke, diese Strategie ist naheliegend, und deshalb habe ich mich bei ihrer Diskussion auch gar nicht eingemischt.
Eine Weile sehen wir dem Gleiter, der sich jetzt in einer Entfernung von mehreren hundert Metern von uns befindet, zu. Dann verschwindet er in den Wolken. Einige der Leute beginnen mit dem Abstieg. Ich auch.
Unten angekommen erfahren wir, daß der Pilot heil gelandet ist - zwischen zwei Papierherstellungsschalen. Das gibt zu denken, wie weit man sich da in der Orientierung verschätzen kann. Der Pilot erzählt, daß er von dem Übungshang überhaupt nichts gesehen hat. Das erste, was er vom Boden gesehen hat, waren eben diese Papierschalen.
Als Osont das hört, zuckt er mit den Achseln. Dann muß man eben ein paar systematische Experimente machen, um eine genaue Kursanweisung für die Hochabsprünge zu ermitteln, na und?
Die SchlafPeriode nähert sich. Weil immer noch alle Zuwege zu den Arbeitsstätten und dem Übungshang bewacht werden, muß ich wieder am Sumpfteich schlafen. Ich kann es nicht ändern. Verzeih mir, Charmion.
******** 042. Tag: Freitag 1995-09-29 ********
42.1 Vergnügen und Mißtrauen
Aufwachen 2 Uhr planmäßig. Es wird aber fast eine ganze Stunde früher, weil so eine hektische Unruhe ausbricht. Es gibt Männer, die vor den anderen am Übungshang sein wollen, um mehr als ihren Anteil von Flügen zu absolvieren.
Immerhin ein Lichtblick: Dieser ganze Phlegmatismus, den ich am Anfang bei fast allen hier gesehen habe, ist weitgehend verschwunden. Das Fliegen hat diese Männer verändert, auch die, die noch gar nicht dazu gekommen sind, sondern noch immer ihrem ersten Flug entgegenfiebern.
Wie es wohl auf dich gewirkt hätte, Charmion? Es ist doch auch dein Werk. Vielleicht weiß Osont sogar, daß er auch in deiner Schuld steht. Nicht, daß es etwas ändern würde.
An diesem Tag gibt es viele Flüge von der Rampe in den Bergen. Was vor kurzer Zeit noch das Überhaupt-Geflogensein bedeutete, jetzt ist es die Erfahrung des Fluges über den Wolken, die die neue Pilotenoberschicht auszeichnet. Wer bisher nur am Übungshang geflogen ist, darf gar nicht mitreden.
Es kommen dort aber auch Verletzungen vor, weil der Platz auf der Rampe zu beengt ist. Einen Startversuch beobachte ich, bei dem sich der Schirm nur teilweise entfaltet und dann zur Seite driftet. Ehe der Pilot den Start sauber abbrechen kann, hat es ihn schon seitlich von der Rampe heruntergezogen.
Bei einem anderen Versuch entfaltet sich der Schirm zwar, aber nicht schnell genug. Das wäre auf dem Übungshang auch kein Problem gewesen, aber hier heißt das, am Ende der Rampe herunterzustürzen. Was der betreffende Mann sich getan hat, kann ich nicht erkennen. Auf jeden Fall muß er vom Berg heruntergetragen werden.
Auch der erste tödliche Unfall ereignet sich an diesem Tage, allerdings auf dem Übungshang. Einer der Gleitschirmflieger kollidiert beim Herunterkurven mit einem der Vollstreckungskreuze. Dabei wird er in seiner Flugbahn soweit abgelenkt, daß der Schirm über ihm sich kraftlos zusammenfaltet. Danach fällt der Pilot einfach kopfüber vom Querbalken des Kreuzes, der ihn einen Moment unterstützt hat, herunter. Auf die kurze Fallstrecke kann sich der Schirm aber nicht mehr entfalten. Genickbruch. Aus.
Vorsichtig weise ich darauf hin, daß die Kreuze dem Flugbetrieb vielleicht wirklich im Wege stehen. Aber Osont will das nicht hören. Es ist eben verboten, mit den Kreuzen zu kollidieren, und damit basta.
Dann werde ich Zeuge einer Zwangsvorführung. Natürlich muß es unter so vielen Männern auch welche geben, die jetzt eine unüberwindliche Flugangst verspüren, und die sich bisher davor gedrückt haben. Solange es nur wenige Schirme gegeben hat, war das auch leicht möglich. Inzwischen versucht Osont, zu erreichen, daß systematisch alle wenigstens einmal drankommen. Vielleicht vermutet er, daß der Zeitpunkt der Flucht von Casabones rascher kommen könnte als uns lieb sein kann - vielleicht denkt er an mögliche Auseinandersetzungen mit den Rebellen. Ich weiß es ja nicht, er teilt seine Erkenntnisse ja nicht mit mir. Aber ich hatte ja auch schon meine Beobachtungen.
Jedenfalls hat er tatsächlich einen erwischt, der absolut nicht fliegen will. Wenn aber jemand etwas nicht will, was Osont gerne möchte, dann ist für den Betreffenden Ärger angesagt.
Es ist ein älterer Mann, der mich ein bißchen an den Koch auf dem Saurierfänger erinnert. Er ist schon völlig kahlköpfig, etwa zwischen 50 und 60 Jahren alt, und ich könnte mir denken, daß er zu denen gehört, die schon viele Jahrzehnte auf Casabones verbracht haben.
Er weiß gar nichts mehr von der Welt außerhalb der Gefängnisinsel, er hat sich seit Jahrzehnten in sein Schicksal dreingefunden und im Dorf der Meuterer schon längst seine Heimat gesehen, die Erinnerung an das Leben in Freiheit langsam immer mehr verblassend. So könnte ich mir es jedenfalls in etwa vorstellen. Dann kam plötzlich die Unruhe über die Gefangenenkolonie, und der Aufstand, der mit der erfolgreichen Besetzung des Forts gipfelte. Von da an war alles anders. Immer wieder etwas Neues. Und in letzter Zeit das allerschlimmste: Die Aussicht, diese ihm vertraute Welt der Gefängnisinsel verlassen zu müssen, und das auf eine noch nie gehörte Weise: Durch Fliegen!
Als dann aus Gerüchten handgreifliche Wahrheit wurde und sich jeder am Übungshang davon überzeugen konnte, daß das tatsächlich geht, muß es für ihn ganz schlimm geworden sein. Viele Tage schon muß er sich darüber im Klaren gewesen sein, daß das auf ihn zukommt wie auf jeden anderen auch.
Osont läßt verbreiten, daß möglichst viele dem Erstflug dieses alten Mannes zusehen sollen. Das läßt drauf schließen, daß er irgend etwas Grausames vorhat. Oder ist es ihm genug, einfach jemanden, der das absolut nicht will, mit einem Gleitschirm losfliegen zu lassen und dann zu sehen, was dabei passiert? Ich glaube, das würde nicht funktionieren - wenn ein Gleitschirmflieger sich nicht aktiv mit der Steuerung des Schirmes beschäftigt, dann kommt er ja nicht einmal hoch. Es kann also eigentlich nicht funktionieren. Wie will Osont denn erreichen, daß der alte Mann kooperiert?
Dann erfahre ich, daß der Start auf der Höhenrampe erfolgen soll. Also gehe ich mit vielen anderen wieder den Bergpfad vom Übungshang nach oben. Die Rampe, natürlich. Wenn man dort keinen sauberen Start zustande bringt, fällt man am Ende der Rampe fürchterlich auf die Schnauze. Und wenn man es doch schafft, dann ist das für jemanden, der seinen Erstflug macht und sowieso fürchterliche Angst vorm Fliegen hat, wahrscheinlich die traumatischste Erfahrung seines Lebens.
Ich glaube überhaupt, daß wir noch ganz große Schwierigkeiten mit dem Teil der Meuterer bekommen werden, die nicht fliegen wollen oder einfach zu untalentiert sind, es überhaupt je zu lernen, denn diese Leute haben sich bisher ja noch gar nicht dazu gedrängt, es einmal auszuprobieren. Zweifellos müßte man sich um diese Leute ganz besonders kümmern, aber natürlich doch nicht so brutal, wie Osont das im Sinne hat!
Als ich an der Rampe ankomme, sehe ich, daß Osont auf der Brutalitätsskala doch noch etwas weitergeht: Vor dem Absprungsende der Rampe sind Schwerter so befestigt worden, daß sie mit ihren Klingen senkrecht nach oben zeigen. Es sind noch einige Männer dabei, weitere Schwerter auch rechts und links von dem Rampenende auf die gleiche Weise anzubringen. Damit wird jeder Fehlstart grausam enden.
Und ich kann nicht umhin, zu beobachten, daß diese Vorstellung sich eines ganz besonderen Interesses bei den Meuterern erfreut. Da wird einfach einer aus ihrer Mitte, mit dem sie bis dahin ja gar keinen Ärger gehabt hatten, von der Lokalobrigkeit gewissermaßen an den Pranger gestellt, und sie sehen begierig und begeistert zu. Dabei hätte es jeden von ihnen treffen können, und das kann es immer noch, denn Osonts Launen können sich rasch ändern.
Den kleinen Sympathievorsprung, den die Meuterer sich bei mir bereits durch ihr Interesse an der Fliegerei erworben hatten, haben sie sich augenblicklich wieder verscherzt.
Es geht schnell. Der alte Mann bekommt seine Einweisung, und er sieht die Schwerter. Ich sehe seine angstgeweiteten Augen. Wo er sich doch eigentlich einen leidlich geruhsamen Lebensabend auf Casabones vorgestellt hat.
Dann stellen sie ihn auf. Ich habe gar keinen Platz in der Nähe der Rampe bekommen und stehe etwas tiefer am Hang. Deshalb kann ich nicht genau sehen, wie sie es machen, aber plötzlich sehe ich den Schirm aufflattern und Sekunden später springt der alte Mann über die Vorderkante der Rampe.
Der Start ist nicht elegant, aber er fliegt wenigstens, und die Schwerter bleiben ihm erspart. Nur wenige Meter über unseren Köpfen zieht er vorbei. Eine Sekunde lang sehe ich sein entsetztes Gesicht. Irgendwie haben sie die Bremsleinen in einer festen Position mit dem Gurtzeug verknotet, so daß der Schirm auch ohne Kooperation des Piloten fliegt. Nur kann der alte Mann nicht steuern, und er würde es ja wohl ohnehin nicht tun.
Der Schirm fliegt ziemlich geradeaus. Natürlich kurvt er nicht zum Übungshang hinunter. Er wird irgendwo weiter hinten landen, vielleicht bei den Sumpfteichen oder so ähnlich. Bei der Landung, da bin ich sicher, wird sowohl der alte Mann als auch der Schirm zu Schaden kommen. - Für so etwas läßt Osont einen von unseren kostbaren Schirm draufgehen! Wenn er schon nicht an seine Opfer denkt, dann ist das immer noch unüberlegt.
Als der Schirm in einer Entfernung von fast einem halben Kilometer in den Wolken verschwunden ist, gehe ich mit den meisten anderen wieder nach unten. Ich rechne nicht damit, sofort etwas über das Schicksal des alten Mannes zu erfahren.
Aber wir erfahren etwas über das Schicksal eines anderen Gleitschirmfliegers: Auf dem Übungshang, wo der Flugbetrieb inzwischen ja nicht eingestellt wurde, ist ein Pilot aus geringer Höhe nahe am jenseitigen Rand des Übungshanges abgestürzt.
Als man ihn unter seinem nur leicht beschädigten Schirm herausziehen wollte, weil er keine Anstalten machte, das selbst zu tun, fand man ihn von zwei Pfeilen durchbohrt.
Auch Osont ist bald zur Stelle. Es wird rasch klar, daß dieses wohl ein kleiner Angriff der Rebellen gewesen sein muß. Sie müssen im Wald hinter dem Übungshang versteckt gewesen sein. Osont läßt den angrenzenden Wald sofort durchsuchen, aber man findet natürlich niemanden mehr. Osont beschließt, jetzt auch die jenseitige Grenze des Übungshanges bewachen zu lassen. Bei der Gelegenheit erfahre ich, daß schon eine ganze Menge Männer für Wachaufgaben eingeteilt worden sind, und daß in letzter Zeit noch mehr passiert sein muß. Es sieht so aus, als ob Osont verhindert, daß sich alle Informationen über Angriffe der Rebellen sofort verbreiten. Ein richtiger Despot, dieser Osont. Offenbar muß man die Mechanismen eines totalitären Staates gar nicht erst lernen - einigen Zeitgenossen liegt sowas im Blut.
Das Wacheschieben tut natürlich der Rohstoff- und Schirmproduktion nicht besonders gut. Allerdings nimmt Geschicklichkeit und Wissen der Leute, die direkt mit der Schirmherstellung beschäftigt sind, rasch zu. Zumindestens meine Drei-Jahres-Schätzung für 2000 Gleitschirme wird deutlich unterboten werden können. Wer weiß, wenn sie sich hier noch weiter eifrig gegenseitig umbringen, wird die Rechnung vielleicht sogar noch günstiger!
Der Weg zu Charmions Grab aber wird immer schwieriger. Ich muß meinen nächsten Besuch dort noch weiter aufschieben. Es dürfte sowieso zu gefährlich sein, selbst, wenn ich an Osonts Wachen vorbeikomme. Es müssen jetzt rund um das Dorf, die Arbeitsstätten und den Übungshang Rebellen in den Wäldern sitzen. Sie wissen ja, daß es um die Flucht von Casabones geht, und diesen Zeitpunkt wollen sie nicht versäumen. Am plausibelsten ist da wohl die Annahme, daß sich die Rebellen in den Besitz der Schirme bringen wollen, weil sie auf diese Weise von unseren Bemühungen profitieren können. Aber müßte man nicht daraus schließen, daß ein größerer Angriff bevorsteht? Irgendwann in der nächsten Zeit jedenfalls? Wie stellt sich Osont das vor? Oder wähnt er uns sicher, weil uns die Rebellen zahlenmäßig unterlegen sind?
In dem Zusammenhang könnte man auch überlegen, warum die Männer so häufig Fleisch bekommen. Wo kommt das her? Werden Tiere systematisch bejagt, oder werden die Rebellen systematisch bejagt? Und wie lange geht das schon so? Und warum wird nicht darüber gesprochen, wo das Fleisch herkommt?
Man vergißt es immer wieder, wo man sich eigentlich aufhält. Sieh doch die Kreuze an, Herwig! Wo sind denn die Leichen der hingerichteten Männer geblieben? Und warum sind im Moment alle Vollstreckungskreuze frei? Es gab doch gestern und heute mit Sicherheit Piloten, die Fehler gemacht haben, und Osont hat seine Ansicht über deren Bestrafung doch bestimmt nicht geändert!
Ohne einer bestimmten Beschäftigung gezielt nachzugehen, gehe ich mal hier und mal dorthin, um ganz unauffällig herauszukriegen, wie weit Osont denn die Wachen verteilt hat. Mit der Unauffälligkeit ist es aber schwierig. Als ich zum Beispiel den Fahrweg von den Sumpfteichen in Richtung Dorf gehe, sehe ich überhaupt niemanden. Vielleicht habe ich erwartet, eine Art Straßensperre zu sehen. Was aber passiert ist, daß plötzlich, während ich mich noch ganz alleine auf dem Fahrweg wähne, zwei Schatten rechts und links aus dem Gebüsch hervorgeschossen kommen. In der nächsten Sekunde schweben mir schon wieder zwei Schwertspitzen dicht vor meinem Hals.
Die beiden erkennen mich:
"Oh." Klingt fast wie eine Entschuldigung. "Aber wir sollen niemanden in das Dorf lassen!"
"Warum denn nicht?" frage ich ganz naiv.
"Befehl. Es sollen schon Rebellen im Dorf hocken, und überall rundherum."
"Und woher wißt ihr das?"
"Hat Osont gesagt. Wir dürfen jedenfalls niemanden mehr rein- oder rauslassen!"
Weiter hinten im Gebüsch sehe ich, daß gerade jemand einen Bogen, der auf mich angelegt war, sinken läßt.
"Ja, wenn das so ist ..." sage ich und kehre um. Ich habe den Eindruck, daß diese Männer meinen Versuch, das Dorf zu erreichen, als Routineangelegenheit behandeln. Wahrscheinlich hat in letzter Zeit öfter jemand versucht, zum Dorf zu gehen, weil sich die Sperre noch nicht rumgesprochen hat.
Den Weg in Gegenrichtung zu gehen, also zu meiner Schlucht am Rande von Casabones, geht auch nicht. Gerade, als ich soweit gegangen bin, daß ich von den Arbeiten an den Sumpfteichen nichts mehr sehe und höre, sehe ich, als ich um eine Wegbiegung gehe, zwei Männer auf der Straße sitzen. Ich gucke betont verwundert:
"Hallo!" sage ich.
"Hallo." sagt einer der Männer, weil ihm nichts besseres einfällt. Ich grinse, er grinst zurück, und ich kehre um.
Auch beim Versuch, um die Sumpfteiche herumzugehen, treffe ich auf Männer, die dort im Gebüsch Wache bezogen haben.
Überall - bei den Papierherstellungsmaschinen, am Steinbruch, am Übungshang - finde ich bewaffnete Männer, wechselnd gelangweilt und mißmutig ob des unwillkommenen Wachdienstes. Jedenfalls weiß ich im Moment nicht, wie ich mich von den Meuterern erfolgreich absetzen könnte. Gerade eben in die unwegsamsten Waldränder könnte man vielleicht unbemerkt eindringen, aber das traue ich mich nicht. Außerdem käme man da zu langsam vorwärts und man könnte sich zu leicht verirren, ganz abgesehen von der Gefahr, tatsächlich den Rebellen in die Hände zu fallen.
Weil es nichts besseres zu tun gibt, begebe ich mich wieder nach oben, zur Hochrampe. Ohne mich um den Flugbetrieb besonders zu kümmern lasse ich dort die Bemerkung fallen, daß ich einen Standort für eine noch höher gelegene Rampe suchen möchte. Das ist dort Grund genug, mich durchzulassen. Aber in jeder Sekunde folgen mir aufmerksame Blicke, und es ist deshalb nicht möglich, soweit wegzugehen, daß ich ungesehen vom Berg an einer anderen Stelle wieder heruntersteigen kann.
Später am Tag läßt Osont mir mitteilen, daß er solche Excursionen auf eigene Faust nicht wünscht, und ich soll ihn gefälligst vorher fragen, damit er mir eine Wache mitgeben kann.
Obwohl ich bemerke, daß es überall kleinere Fortschritte in Qualität und Quantität in der Papierherstellung und in der Gleitschirmproduktion gibt, bin ich, als ich mich um 20 Uhr mit vielen anderen um die Sumpfteiche herum zum Schlafen lege, sehr unzufrieden. Ich mag es nicht, wenn man meine Bewegungsfreiheit zu sehr einschränkt, egal, wie gut die Gründe sein mögen. Vielleicht deshalb ist mein Schlaf sehr unruhig.
******** 043. Tag: Samstag 1995-09-30 ********
43.1 Der Überfall am Sumpfteich
Aus wirren Träumen schrecke ich empor. Erst kurz vor 4 Uhr. Noch eine Stunde SchlafPeriode. Rund um mich herum ein Heerlager schnarchender Männer. Jenseits des Sumpfteiches bewegt sich im verhangenen Grau des Nebels etwas. Wahrscheinlich einer der Wachen. Ich überlege, ob es mir gelingt, gleich wieder einzuschlafen, oder ob ich mir die Füße etwas vertreten sollte. Man ist ja wenigstens ein bißchen allein, zu so früher Stunde. Ich stehe auf, gürte mein Schwert, das beim Schlafen unter mir gelegen hat, um und gehe los.
Auf dem Weg zum Übungshang begegne ich anderen, die gleich mir, wenn auch absichtlich, früher aufgestanden sind, um ein paar Extraflüge abzuwickeln. Gerade werfen wir uns ein verstehendes Lächeln zu, da höre ich hinter mir, vom Sumpfteich her, ein Schrei. Innerhalb von Sekunden stimmen weitere Schreie ein - Schmerzensschreie! Da passierte etwas!
Innerhalb von wenigen weiteren Sekunden entwickelt sich dort ein Tollhaus. Ich kann nur erraten, was dort geschehen ist: Die Rebellen haben einen Überfall gewagt, und vielleicht ist es ihnen gelungen, unter den schlaftrunkenen Männern schlimm zu metzeln.
Männer rennen mit gezogenen Waffen an mir vorbei auf die Sumpfteiche zu. Ich renne nicht mit. Kein falsches Heldentum. Als Fachmann für Gleitschirmflug sollen die gefälligst mich verteidigen und nicht umgekehrt! - Allerdings weiß ich nicht, wo man jetzt am sichersten ist. Es können ja noch weitere Überfälle an anderen Orten vorgetragen werden, sowie dort kampffähige Männer zu den Sumpfteichen abgezogen worden sind.
Zwischen den Papiermühlen bleibe ich stehen. Hier ist im Moment niemand, und ich bilde mir ein, daß diese Schalen und Mühlen und Papiertrockengerüste mich leidlich gut vor den Blicken von Freund und Feind verbergen. Ich versuche, aus den akustischen Botschaften vom Sumpfteich herauszudestillieren, was dort passiert sein könnte.
Es hört sich nicht nach einer Schlacht an. Die Schmerzenslaute scheinen inzwischen auch immer von denselben Männern zu kommen. Deshalb nehme ich an, daß es vielleicht ein sehr plötzlicher Überfall gewesen sein könnte, den die Rebellen nur unternommen haben, um den Meuterern Verluste beizubringen und sich dann sofort wieder zurückzuziehen. Dann wäre für den Moment keine Gefahr, es sei denn, die Rebellen verfügten über genug Personalreserven, um jetzt gleich woanders loszuschlagen.
Aber ob ich hier in Gefahr bin? Wenn ich recht damit habe, daß die Rebellen von unseren Gleitschirmbemühungen profitieren wollen, obwohl sie nicht daran gearbeitet haben, dann sollte ich zwischen diesen Papiermaschinen sicher sein.
Ich lasse sehr viel Zeit verstreichen, bis ich mich wieder hervorwage. Das naheliegendste ist es, zu den Sumpfteichen zu gehen und nachzusehen.
45 Männer tot, 88 verletzt. Dazu haben die Rebellen in ihrem Blitzangriff vielen der Gefallenen die Waffen abgenommen - mehr als sie selbst verloren haben. Das verschiebt das Kräftegleichgewicht in eine ungünstige Richtung.
Zwei Rebellen sind den Meuterern lebend in die Hände gefallen. Sie sind nicht schwer zu finden: ich muß mich nur zu der größten Menschentraube hinbewegen. Osont hat eine 'peinliche Befragung' schon eingeleitet. Es stehen so viele Menschen dort, daß ich nichts sehen kann. Aber ich höre die Schmerzensschreie der beiden.
Und Schmerzensschreie von anderen. Die Feldsanitätsbemühungen der Meuterer sind dürftig. Es ist kaum mitanzusehen, wie Wunden verbunden werden, ohne sie zu säubern, ohne Fremdkörper zu entfernen, ohne gebrochene Glieder zu repositionieren. Wer überlebt, der überlebt, wer kann, der verarztet sich notdürftig selbst, die anderen waren eben zu schwach. So einfach ist das bei den GranitBeißern.
Allmählich kriege ich einiges mit. Da sich die Meuterer und die Rebellen ja kennen, ist bei den Erzählungen manchmal nicht zu unterscheiden, von wem die Rede ist, von den Angreifern oder den Verteidigern. Es hat sich ungefähr so abgespielt, daß fast gleichzeitig die Wachen jenseits der Sumpfteiche überwältigt und die große Masse der schlafenden Meuterer mit Pfeilen beschossen wurden. Zu Schwertkämpfen, Mann gegen Mann, ist es nur sehr vereinzelt gekommen. Nachdem viele der Schlafenden und der gerade Erwachenden angeschossen oder erschossen waren, kam der Widerstand in Bewegung, und sofort haben sich die Rebellen zurückgezogen. Eine wirkungsvolle Verfolgung konnte so schnell nicht organisiert werden.
Ich erfahre auch, daß die Rebellen den dicken Mann, der gegen seinen Willen mit dem Gleitschirm fliegen mußte, mehr durch Zufall in ihre Gewalt gebracht haben. Ob ihm etwas passiert ist oder was das sonst bedeutet, erfahre ich nicht. Die beiden Rebellen, die Osont nach allen Regeln der Folterkunst befragen läßt, wissen auch nicht allzuviel, und bald werden sie nicht mehr reden können, wenn Osont so weiter machen läßt.
43.2 Vergeltungspläne und Termine
Später am Tage gibt es dann eine Versammlung von vielleicht vierzig Leuten. Ich werde auch hinzugerufen, aber ich merke auch, daß es viele gibt, die absichtlich nicht hinzugezogen werden. Wir sitzen auf einem freien Platz zwischen Übungshang und Papiermaschinen, und Osont kommt sofort auf den Punkt, nachdem er Wachen angewiesen hat, alle anderen von uns fernzuhalten und die nächsten Waldränder sorgsam zu überwachen:
"Liebe Freunde, das geht so nicht weiter." eröffnet er, "Das heute morgen war der bisher größte Angriff. Und für die Rebellen der bisher erfolgreichste. Für noch gefährlicher halte ich aber ihre Taktik, ständig kleine Einzelangriffe aus dem Wald heraus zu führen, besonders auf unsere eingeteilten Wachen. Wir haben einfach zuviel Waldrand, den wir überwachen müßten, und zuwenig Leute. Und die sollten eigentlich etwas anderes tun. Die Schirmproduktion und das Ausbildungsprogramm leidet bereits. Hat jemand Vorschläge?"
Einen Moment ist Stille. Mir stellen sich die Haare im Genick auf, wenn ich den Waldrand so beobachte. Von unserem Versammlungsplatz, der ja nur eine Ausbuchtung des Übungshanges ist, sind es keine zwanzig Meter zu beiden Seiten. Dort könnten jetzt Rebellen hocken, trotz der vielen Wachen.
Endlich gibt sich einer einen Stoß, weil Osont auf Vorschläge wartet:
"Jagdgruppen, die gezielt die Wälder durchstöbern?"
"Haben wir schon versucht. Dazu braucht man zuviel Leute, und die finden zuwenig."
"Wahllos in den Wald schießen?" fragt einer, "So als Abschreckung, meine ich?"
Osont schüttelt nur den Kopf. Der strategische Praktiker übersieht sofort die Zwecklosigkeit einer Maßnahme, die ich erst mit einigen Überschlagsberechnungen als sinnlos erkennen würde.
"Und aus der Luft?"
"Habe ich auch schon dran gedacht," gibt Osont zu, "das geht vielleicht. Aber das müßten wir noch üben. Man kann nicht gleichzeitig einen Gleitschirm fliegen und mit einem Bogen schießen. Jedenfalls bis jetzt können wir das nicht. Und ein Gleitschirm ist auch nur zu kurz in der Luft, und er kommt nicht überall hin. Nein, ich glaube, davon haben wir nichts."
Der Frager sieht schnell ein, daß wir davon nichts haben. Osont sieht sich weiter in der Runde um.
"Also jedenfalls," melde ich mich auch mal zu Wort, um das Offenbare festzustellen, "ist Casabones zu groß, um alle Wälder systematisch durchzukämmen und alle Rebellen unschädlich zu machen."
Pause. "Richtig." sagt Osont, ohne jede Wertung. Er sieht mich an, als ob ich weiterreden soll. Tue ich dann auch.
"Wenn wir sie aber nicht unschädlich machen können, dann werden sie mit ihren Angriffen fortfahren, solange, bis wir schließlich personalmäßig zu sehr ausgedünnt sind, um ernsthaften Widerstand zu leisten. Dann kommen sie und nehmen sich unsere Schirme."
"Könnte sein." sagt Osont. Einige in der Runde nicken.
"Dieser Zeitpunkt wird genau dann sein, wenn genügend Schirme für alle Rebellen da sind."
"Und woher wollen sie das wissen, wann das der Fall ist?"
"Ich weiß nicht. Sie beobachten uns ja, und den Übungshang. Und sie könnten natürlich ihre Leute unter uns haben."
"Verräter!" sagt jemand.
"Wenn wir es so nennen wollen. Jedenfalls müssen wir damit rechnen."
"Gut." Osont sieht in die Runde, sieht jeden einzelnen an, so, als ob er schon jetzt erwartet, einen von ihnen als Verräter zu identifizieren. "Das ist jedenfalls die Lage. Ich denke auch, daß die Rebellen genauso vorgehen könnten, wie unser Freund hier das geschildert hat. Frage ist, wie können wir dem zuvorkommen?"
Niemand hat eine Idee. Oder niemand traut sich, etwas zu sagen.
"Wir müssen etwas tun, womit die Rebellen überhaupt nicht rechnen!" schlägt Oios vor, der auch in der Runde sitzt.
Osont nickt, aber ich greife den Faden auf:
"Das wäre einfach. Wir könnten zum Beispiel einfach die Schirmproduktion und die Flugausbildung einstellen. Damit rechnen sie bestimmt nicht. Nur ist uns das nicht nützlich, und vieles anderes, was wir uns einfach so ausdenken könnten, bloß um sie zu verwirren, auch nicht."
"Es gibt etwas, was für uns nützlich wäre!" sagt Osont. Spannung zeigt sich auf allen Gesichtern. "Und womit sie nicht rechnen."
"Nämlich?" frage ich nach einer Weile, weil Osont es gar zu spannend macht.
"Wir fliehen früher als vorgesehen von Casabones!"
Einen Moment erhebt sich ein Gemurmel, das Osont wieder mit einer Handbewegung zum Schweigen bringt.
"Liebe Freunde, keinen falschen Verdacht! Selbstverständlich sollen alle von Casabones fliehen können! Ich denke nur an eine Vorhut!"
Ich bin sicher, daß er nicht daran denkt. Wenn die wesentlichen Leute, die Triebfeder für die Schirmproduktion sind, in der ersten Gruppe mit fliehen, dann wird die Fortführung des Projektes für die Zurückgebliebenen schwieriger, auch wegen der Rebellen, die dann erst recht lästig werden, und vielleicht sogar wegen der Rohstofflage. Ich glaube, jeder hier weiß das.
"Wieviele sollten das denn sein?" fragt einer.
"Eine sehr wichtige Frage!" nickt Osont, "Die jetzt noch nicht beantwortet werden darf!"
"Warum denn nicht?"
"Wissen wir denn, ob unter uns einer sitzt, der mit den Rebellen sympathisiert? Das wäre doch unklug, wenn wir die Rebellen so genau über unsere Pläne informieren!"
Zweifelnde Gesichter. Osont merkt das.
"Also, wir hier, in dieser Runde, sind bestimmt unter der ersten Fluchtwelle," versichert er schnell, "und auch noch einige mehr. Nur, wieviel mehr, das dürfen wir jetzt noch nicht festlegen!"
Eine Weile geht die Versammlung in allgemeines Palaver über. Osont legt sich zurück und beobachtet genau. Er macht sich ein Bild von der Motivation und von der Loyalität eines jeden. Während ich bei solchen Gelegenheiten dazu neige, niemanden anzusehen, benutzt Osont die Gelegenheit zu ausgiebiger Musterung.
"Wieviele Rebellen sind es eigentlich?" frage ich.
"Genau wissen wir das nicht. Viele haben wir ja schon erledigt. Wenn ich unsere Verluste hinzurechne, dann könnte es sein, daß seit der Besetzung des Fort etwa ein Fünftel aller ehemaligen Gefangenen umgekommen ist. Und insgesamt dürfte sich jeder fünfte zu den Rebellen geschlagen haben - etwa."
Ich rechne schnell nach. Das hieße, daß nur noch 1600 Menschen auf Casabones sind. Davon sind 320 in den Rebellengruppen in den Wäldern.
"Fünf mal fünf mal fünf mal zwei," sage ich laut, in der üblichen Redeweise, "eher mehr."
"Kommt hin." nickt Osont.
"Das sind zu viele. Da sie aus dem Verborgenen operieren, können sie auch mit einer zahlenmäßigen Unterlegenheit von eins zu vier ziemlich viel Ärger machen."
Nach einer Pause, in der niemand etwas sagt, fahre ich fort:
"Ich würde sogar sagen, daß sie uns mehr Ärger machen könnten, als sie es tatsächlich tun. Sie zeigen nicht sehr viel Einsatz. Das ist zwar sehr schön für uns, aber was hindert sie daran, sich etwas mehr anzustrengen? Das muß doch einen Grund haben!"
Keiner kann darauf eine Antwort geben, aber ich denke, der Grund liegt einfach darin, daß sich gerade die arbeitsscheuesten Individuen zu den Rebellen geschlagen haben. Vielleicht sind die zu großen koordinierten Aktionen gar nicht fähig, vielleicht sind sie untereinander zerstritten, vielleicht bekämpfen sich verschiedene Gruppen dieser Rebellen gegenseitig. Ob da das Wort 'Rebellen' überhaupt angemessen ist, wage ich zu bezweifeln.
"Und dann," überlege ich weiter, "was verleitet die Rebellen überhaupt dazu, anzunehmen, sie könnten uns die Gleitschirme wegnehmen und dann damit gleich fliegen? Ohne ein Ausbildungs- und Übungsprogramm können die das noch viel weniger als wir. Oder sind sie so naiv, daß sie das glauben?"
"Vielleicht," sagt Osont, "rechnen sie damit, uns nach und nach so vollständig auszulöschen, daß sie dann genug Zeit haben, das Fliegen zu lernen!"
"Dann wäre es vielleicht sinnvoll," entgegne ich, "ihnen irgendwie plausibel zu machen, daß ohne Gleitschirmherstellung und ohne Gleitschirmreparatur bald jeder Übungsbetrieb mangels funktionsfähiger Gleitschirme erstickt! - Naja, es sei denn, man hat wesentlich mehr Gleitschirme als man braucht."
Osont denkt wieder lange nach. Es ist auch nicht ganz einfach, zu erraten, was die Rebellen vorhaben könnten, weil es unmöglich ist, zu wissen, was die Rebellen über das Gleitschirmfliegen wissen. Wenn sie zum Beispiel sogar so naiv wären, anzunehmen, daß man mit Gleitschirmen auch bergauf fliegen kann, dann würde sie nichts davon abhalten, uns bereits alle auszulöschen, wenn nur wenige Gleitschirme zur Verfügung stehen, einfach in der Annahme, man könne mit diesen wenigen Gleitschirmen eine Art Pendelverkehr zwischen unten und oben einrichten.
Ich denke, Osont hat das auch schon erkannt. Wir können nicht annehmen, daß die Rebellen rational handeln. Deshalb kann jederzeit ein großer Angriff passieren. Genauso ist es aber möglich, daß die Rebellen längst ihre Kräfte vollkommen verschlissen haben, auch, wenn der letzte Angriff das unwahrscheinlich aussehen läßt.
"Es bleibt uns wenig anderes übrig, als wie bisher weiterzumachen. Ich habe vor, zusätzlich Jagdtrupps aufzustellen, die ständig in den benachbarten Wäldern versuchen, Rebellen aufzustöbern. Das ist aber letzten Endes nur eine Verstärkung der Tätigkeiten, die wir jetzt schon tun."
Alle nicken wieder, obwohl das eine empfindliche Ausweitung von Wachdienstaufgaben bedeuten könnte.
"Und dann müssen wir die frühere Flucht wenigstens im Auge behalten. Vielleicht wird es ganz kurzfristig notwendig, diese in die Wege zu leiten. Entscheiden tun wir jetzt aber noch gar nichts."
Er überlegt noch einen Moment und teilt uns dann mit:
"Es sollte jeder wissen, daß wir sehr knapp dran sind. Im Moment haben wir 42 Gleitschirme, und jeden Tag werden noch 12 weitere fertig. Ich hoffe, die Produktionsrate noch weiter steigern zu können, aber ich bin skeptisch. Bis wir eine erste große Absprungswelle von Casabones herunter starten können, vergeht also noch sehr viel Zeit. Wir müssen uns einfach noch länger gegen die Rebellen behaupten! - Jeder sollte das wissen!"
Es wird noch eine Weile herumdiskutiert, aber als keine neuen Gesichtspunkte auftauchen, löst Osont die Versammlung auf. Er geht sofort daran, die zusätzlichen Wachdienstgruppen einteilen zu lassen und seine Vorstellungen über deren Jagdmethoden zu verbreiten. Da er mich nicht zum Wachdienst einteilen wird, interessiert mich das weniger.
Ich bin neugierig, wie sich von jetzt an der Umgangston verändern wird. Jeder muß ja Angst haben, eventuell doch nicht bei der ersten Absprungswelle mit dabei zu sein, während sein Gegenüber aus irgendeinem Grunde mehr Glück hat. Ob sich jetzt ein Intrigenklima herausbilden wird? Oder ob sich durch diese Ankündigungen der Arbeitseinsatz ändern wird? - Ich werde es erleben - Ich muß nur die Augen aufhalten.
Weil es nun doch irgendwann notwendig ist, entschließe ich mich, heute meinen ersten Absprung von der Hochrampe vorzunehmen. Es wird am Übungshang auch allmählich eng, so daß der Genuß des Fliegens doch wieder eingeschränkt ist, weil man dauernd darauf achten muß, nicht mit anderen Gleitschirmpiloten zu kollidieren, die plötzlich aus dem Nebel auftauchen.
Auch an der Hochrampe ist eine ordentliche Warteschlange, als ich dort mit dem Schirm, den ich mir ausgesucht und den ich selbst noch überprüft habe, ankomme. Immerhin werde ich vorgelassen. Beruhigt sehe ich, daß die Schwerter wieder entfernt worden sind und daß einige harte Felskanten in der unmittelbaren Umgebung der Startrampe mit Ballen aus Zweigwerk gepolstert worden sind. Ein Fehlstart ist nicht mehr ganz so gefährlich wie zu Anfang.
Der Start ist so ähnlich wie unten am Übungshang, nur eben mit Hilfestellung. Die beiden Männer, die das machen, haben schon die Erfahrung von hunderten von Startvorgängen, bei denen sie assistiert haben. Es geht routinemäßig und schnell, und schon vor dem Ende der Startrampe fühle ich mich während des Anlaufes angehoben. Dann bin ich in der Luft. Der, der vor mir gestartet ist, erreicht jetzt gerade eben die Wolkenobergrenze.
Sehr schnell habe ich, seit langer Zeit wieder einmal, einen großen Abgrund unter mir. Aber irgendwie gibt mir das Rauschen des Schirmes über mir fast mehr Vertrauen als der solideste Klettersteig.
Trotz der geringen Sinkgeschwindigkeit kommen die Wolken zu rasch näher. Langes Genießen der Aussicht, der sich ständig verändernden Perspektive der nahen Berge auf Casabones und der fernen Säulen, die die WeltHöhle abstützen, ist leider nicht möglich. Ich muß darauf achten, genau in die Gegend der Wolken einzutauchen, unter der der Übungshang ist.
In den Wolken habe ich einen Moment Panik, weil ich nicht weiß, ob und wie hoch ich über dem Übungshang bin und ob nicht jede Sekunde aus dem Nebel heraus ein anderer Pilot auf mich zukommen könnte. Und dann ist da ja auch die Möglichkeit, mit Pfeilen beschossen zu werden, sowie der Boden in Sicht kommt.
Fast wie immer, wenn man zuviele Befürchtungen hat, geht alles glatt. Ich sehe andere Gleitschirmpiloten in sicherer Entfernung, und ich lande auch nicht im Wald. Kaum, daß ich stehe, habe ich wieder Lust, es noch einmal zu tun.
Dazu kommt es heute nicht mehr. Als ich zu den Reparaturzelten gehe, um dort meinen Schirm zu inspizieren, begegne ich Okr und trage ihm eine Idee vor, die ich schon länger mit mir herumtrage: Jeder Schirm sollte an den Tragegurten einen Beutel mit einem minimalen Satz an Reparaturzeug haben: Ein paar Leinen verschiedener Dicke, Stoffstücke, Nadeln. Jeder Pilot muß wissen, wie man eingerissene Nähte flickt und Stellen verstärkt, die so aussehen, als könnten sie demnächst nachgeben. Und es muß eine Ausgabestelle geben, an der jeder Pilot sofort seinen Reparaturbeutel wieder neu füllen kann, wenn er ihn gebraucht hat. Natürlich müssen auch Einweisungen in das Reparieren von Gleitschirmen durchgeführt werden. Zusätzliche Qualifikationsmaßnahmen, die wahrscheinlich wieder an Okr hängen bleiben.
Ich verspreche mir davon, daß die, die im Moment am routiniertesten im Reparieren von Schirmen sind, nicht mehr von Trivialreparaturen belästigt werden. Vielleicht steigert das sogar unsere tägliche Schirmproduktion und senkt die Häufigkeit der Fälle, wo ein Schirm so ruiniert wurde, daß er nur noch als Rohmaterial taugt.
Okr greift den Vorschlag auf und leitet sofort die notwendigen Maßnahmen ein. Man muß ja schließlich auch ausprobieren, wo ein solcher Beutel an einem Gleitschirm am allerwenigsten stört.
22 Uhr. Bald SchlafPeriode. Ich gehe zu den Sumpfteichen hinunter, hungrig, weil nicht genug vegetarische Lebensmittel aufzutreiben sind.
Sogar zwischen den Schlafstellen patrouillieren jetzt Wachen. Ich sehe die blutdurchtränkten Lager derjenigen, die es heute morgen erwischt hat. Mein Lager war direkt mitten drin. Wenn ich nicht früher aufgestanden wäre, dann hätte es mich auch erwischen können.
Aber eine andere Alternative zum Schlafensplatz gibt es nicht mehr. Trostlos, dieses Massenlager. Und bis nach 23 Uhr ist da auch immer noch zuviel Unruhe, um einschlafen zu können.
Ich beschäftige mich mit Rechenkunststücken und Spekulationen: 42 Schirme, 12 pro Tag, der erste Absprung mit vielleicht 200 Leuten. Osont hat diese Zahl zwar nicht genannt, aber wir müssen ja damit rechnen, daß wir unten, auf dem Schärenfort, mit bewaffneter Opposition zu rechnen haben. Da müssen wir schon in erheblicher Anzahl aufmarschieren. Osont weiß das bestimmt.
Wenn wir also diese Zahl zugrunde legen, dann könnte ich in etwa zwei Wochen Casabones verlassen.
Zwei Wochen! Immer noch besser als zwei Jahre. Aber immer noch eine lange Zeit. Irene, hoffentlich finde ich dich noch!
******** 044. Tag: Sonntag 1995-10-01 ********
44.1 Lokaltermin am Absprungshang
Ich wache um 8 Uhr auf. Meine Digitaluhr sagt mir unmißverständlich, daß bereits Oktober ist. Inzwischen dürfte auf dem Höllentalplatt Schnee liegen. Die schönen Tage, die im August ausgedehnte Bergwanderungen ermöglichen, sind lange vorbei. Wenn wir jetzt den Weg zurücknähmen, den wir gekommen sind, dann hätten wir Schwierigkeiten, mit unserer Ausrüstung über das Brett zurückzukommen. Und wenn wir für unseren Weg zurück solange brauchten wie für unseren Weg hierher, dann wäre Winter. November ist in den Bergen Winter. Ganz selten, daß ausgedehnte Föhnwetterlagen noch so spät im Jahr Bergwanderungen erleichtern oder überhaupt ermöglichen.
Föhn! Was für ein schönes Wort! Es kündet von fernen und unwirklichen Gestaden, die man sich in der schwülen Hitze der GranitBeißerwelt kaum vorstellen kann. Es klingt nach Wärme und nach trockener Haut, weil der Schweiß leichter verdunstet. Es klingt nach weiter Sicht, nach zahllosen Bergwanderern, die in bunten Ketten die hochgelegenen Wanderhütten ansteuern. Es klingt nach den letzten Geschenken, die das Jahr für den wandernden Bergtouristen übrig hat, bevor eine andere Art von Touristen beschenkt wird, nämlich die andere Art, die auf Kälte, Schnee und schneidenden Wind wartet, um sich auf ihren Brettern die Hänge herunterzustürzen.
Ich halte mich nicht länger mit diesen Betrachtungen auf. Der Tag muß angegangen werden, damit wir überhaupt zurückkommen.
Heute hat Osont sich entschlossen, den möglichen Absprungshang, den ich entdeckt habe, zu inspizieren. Wir ziehen mit einer ganzen Gruppe bewaffneter Leute dorthin. Von den Rebellen sehen und hören wir nichts.
Dabei stellt sich eine neue Frage, die ich nicht und andere nur ungefähr beantworten können: Wie ist die Oberfläche von Casabones im Verhältnis zur Umgebung positioniert?
Da wir verschiedene Methoden der Orientierung verwenden, reden wir häufiger aneinander vorbei. Aber ich gelange zu der Ansicht, daß die Stelle des Randes von Casabones, zu der wir jetzt hingehen, so ungefähr nach Süden orientiert sein muß. Dann müßte, wenn man also auf dem Absprungshang dort steht und hinaussieht, das Unterfort einige Kilometer zur Linken und damit durchaus für Gleitschirmflieger erreichbar sein.
Osont entscheidet unterwegs über einige Maßnahmen, die bezüglich des Weges vorgenommen werden müssen. Wenn tatsächlich irgendwann, auf kurzfristige Entscheidung hin, eine Fluchtwelle anrollen soll, dann muß das schnell gehen. Dann darf das zum Beispiel nicht dadurch behindert werden, daß es notwendig ist, an einer Stelle einzeln und nacheinander über diese Kante der Schlucht zu klettern. Und Wegstellen, die für einen Hinterhalt geeignet sind, müssen auch entschärfend vorbereitet werden.
Auf dem Weg versuche ich, Osont noch die Notwendigkeit einer noch höhergelegenen Startrampe am Übungshang zu verkaufen. Prinzipiell ist der dem nicht abgeneigt. Aber er schreckt vor dem notwendigen Personalaufwand zurück.
Dann erfahre ich auch nebenbei, daß die Vorräte an Schneidgras mit Sicherheit nicht für 1600 Gleitschirme reichen werden. Das heißt, daß für die später hergestellten Schirme mehr und mehr auf Holzfaserpapierstoff übergegangen werden muß, mit noch unbekannten Konsequenzen für die Qualität. Ob er auch deshalb den Absprung einer baldigen Fluchtwelle favorisiert, um nicht selbst einen minderwertigen Schirm verwenden zu müssen?
Vielleicht gibt es irgendwo anders auf Casabones noch andere Sumpfteiche. Osont weiß es nicht. Und zum Suchen fehlt ihm das Personal, abgesehen davon, daß das wegen der Rebellen zu gefährlich wäre.
Die ganze Zeit mustere ich beunruhigt den Wald rechts und links. Mehrfach passieren wir Stellen, die für einen Hinterhalt gut geeignet wären. Allerdings hat Osont diese Excursion kurzfristig angesetzt, so daß da niemand von den Rebellen drauf reagieren kann, selbst, wenn sie jetzt wüßten, wo wir sind. Auch die Rebellen können nicht auf Verdacht jeden Hinterhalt, der in der Topographie von Casabones möglich ist, besetzt halten.
Als wir endlich am Absprungshang angekommen sind, ist Osont positiv überrascht. Er hatte sich vorgestellt, daß es notwendig sein könnte, den Hang erst noch gründlich freizuräumen. Aber es sind nur vereinzelte Maßnahmen erforderlich - hier ein Felsstein, der zuweit aus dem Boden herausragt und einem Gleitschirmpiloten gefährlich werden könnte, dort die Reste eines Baumstammes, der im Wege liegt. Osont läßt die gröbsten Hindernisse jetzt schon zum Waldrand räumen. Man sieht dann auf den ersten Blick nicht, daß der Hang bereits vorbereitet wurde.
Trotzdem muß man natürlich damit rechnen, daß die Rebellen über kurz oder lang davon Wind bekommen.
Als wir uns auf den Rückweg machen, tritt Osont an mich heran:
"Wie war das noch mit dem Menschen, den du auf einem Berghang gesehen haben willst, Herwig?"
Ich wiederhole die Beobachtungen, die ich neulich gemacht habe.
"Dieser Berg ist ganz in der Nähe, jenseits der Schlucht dort." stellt Osont fest, "Ich würde zu gerne einen Blick darauf werfen. Kommst du mit? Wir gehen in kleiner Gruppe."
Ich stimme zu, und genauso geschieht es. In der Schlucht trennen wir uns von dem größeren Teil der Männer. Nut Osont, drei weitere Männer und ich klettern am jenseitigen Schluchthang wieder hoch.
Einen Moment bin ich beunruhigt: Jetzt bin ich mit Osont und dreien seiner Leibwachen alleine. Wenn sie mich beseitigen wollten, dann hätten sie jetzt Gelegenheit dazu. Nachher könnten sie die Story verbreiten, daß ich bei einer Begegnung mit einer Rebellengruppe ums Leben gekommen bin.
Dann aber denke ich wieder, daß gerade Osont wegen mir sicher keinen solchen Aufwand machen würde. Der nicht. Er würde einen Vorwand behaupten und mich vor den Augen aller niederstrecken. Oder er würde ganz ohne Zeugen allein meucheln. Wahrscheinlich ist er also doch an diesem Berg interessiert.
Der Urwald ist hier sehr dicht, und wir müssen uns oft mit den Schwertern den Weg etwas freihacken. Dabei sind wir so leise wie möglich, was schwierig ist, wenn man fast armdicke Stämme abschlagen muß. Auch Osont ist das zu laut, und er bedeutet uns, im Zweifelsfall eher Umwege von etlichen Metern in Kauf zu nehmen als so einfach etwas abzuhacken. Das hinterläßt auch weniger Spuren.
Mit der Orientierung ist es schwierig. Da wir auf dieser Seite der Schlucht nicht zum Rand von Casabones wollen, können wir uns eigentlich nur nach der Bodenneigung orientieren und hoffen, daß der schwach feststellbare Anstieg bereits zu unserem Ziel hinaufführt. Sonst könnten wir sonstwo herauskommen.
Irgendwann bemerkt Osont einmal, daß er noch nichts gesehen hat, was darauf schließen läßt, daß ein Mensch vor uns hier war. Trotzdem bleiben wir vorsichtig.
Die Steigung des Waldbodens nimmt zu, und wenig später ist der Wald mit Felswänden durchsetzt, zwischen denen wir aufsteigen müssen. Irgendwie erinnert mich diese Szenerie an den Endanstieg am Geigelstein bei Lengengries, den ich mit Irene vor 11 Jahren das erste Mal bestiegen habe, nur daß hier der Wald dichter ist und daß es keine Pfade gibt. Die Ähnlichkeit ist nicht sehr groß, aber manchmal macht das Gehirn eben solche Assoziationen. Und wenn man gar nicht weiß, woran eine vorliegende Situation erinnert, dann spricht man von Deja-Vu-Erlebnissen, und viele Leute geheimnissen etwas da hinein, etwa die Idee, in einem früheren Leben schon einmal dort gewesen zu sein. Alles Blödsinn. Der Erinnerungsmechanismus des neuronalen Netzes im Gehirn muß gelegentlich Fehler machen, weil ja alles, was das Gehirn überhaupt kann, sich auf Mustererkennung zurückführen läßt. Und manchmal wird eben ein falsches Muster assoziiert.
Da habe ich oft mit Irene drüber gesprochen, da sie auch den Seelenwanderungs-Ideen nicht abgeneigt ist. Wie oft habe ich ihr die elementaren Prozesse des Denkens zu erklären versucht! Warum sah sie es nie ein? Sehe nur ich das?
'Alle intellektuelle Tätigkeit im Gehirn läßt sich als Mustererkennung deuten!' hat mir mal ein Kollege gesagt, zu einer Zeit, wo ich noch nichts von neuronalen Netzen wußte. Im ersten Moment wollte ich das wegdiskutieren, aber dann fiel mir ein: Das ist eine so elementar einfache Aussage, fast wie in der Physik! Was wäre, wenn das richtig wäre? Was würde das erklären? Die Komplexität der menschlichen Natur ist in der Menge und den Verbindungen vorhandener Muster im Gehirn begründet, nicht in den biologischen Mechanismen ihrer gegenseitigen Aktivierung. Kann man vielleicht ein Gegenbeispiel finden, wo Mustererkennung keine Rolle spielen kann?
Ich fand keins. Damals nicht und nicht danach, als ich mich in die Neuroinformatik einarbeitete. Schnell erkannte ich, daß die Topologie der Gedanken und der Muster, die sie repräsentieren, untereinander ähnlich war wie die des neuronalen Netzes auf allerunterster Ebene. Ich lernte etwas über die globale Beeinflussung aller Gedankeninhalte durch globale Parameter, die im Menschen als Neurotransmitter und Hormone realisiert sind und uns als Gefühle erfahrbar sind. Und ich lernte, daß der Flexibilität des Geistes keine Grenzen gesetzt sind - jedenfalls nicht aus Gründen, die aus dem biologischen Aufbau des Gehirns oder aus der Neuroinformatik heraus erklärbar sind. Nur unsere emotionelle Anbindung an die harte Wirklichkeit zwingt unseren Geist in 'vernünftige' Bahnen. Nur unsere Möglichkeit, Schmerz und Lust in der Wechselwirkung mit der Wirklichkeit zu erfahren, ermöglicht, daß wir ein Bewußtsein entwickeln. Meistens jedenfalls.
Aber es gibt nichts, was uns vor den abstrusesten Überzeugungen schützt. Die Idee, auf dem Wasser schreiten zu können, ist in einem hirnorganisch gesunden Menschen durchaus existenzfähig - solange, bis er es versucht. Dann biegt die Kollision mit der Wirklichkeit diese Ansicht schon wieder hin. Die Idee, schon einmal, als Person, in einer anderen Existenz auf dieser Welt gewesen zu sein und eines Tages wieder als noch ein anderes Wesen wiederzukehren, führt nicht so schnell zum Konflikt mit den Notwendigkeiten der wirklichen, physischen Existenz. Deshalb können sich solche Auffassungen lange halten. Ein ganzes Leben lang.
Und mit allen anderen Ansichten ist es genauso. Die Kultur der GranitBeißer etwa, in der die Menschenfresserei üblich und 'vernünftig' ist, wie schon Charmion mir vergeblich klarzumachen versuchte, ist in sich logisch und widerspruchsfrei. Eine Gesellschaft von Menschen kann so leben und das für das allernatürlichste halten. Sie überleben, sie bestehen den Existenzkampf in ihrer Welt. Das ist das einzige Kriterium. Wieso sollten sie so einfach diesen Aspekt ihres Lebens ohne Not ändern? - Vielleicht ist das ja auch schon gelegentlich irgendwo in der WeltHöhle geschehen, und die betreffenden Volksstämme sind ausgestorben, weil die Menschenfresserei hier einen Überlebensvorteil bedeutet?
Aber ich brauche ja gar nicht soweit zu gehen. Gerade jetzt, während der Gleitschirmproduktion, liegt der Vorteil des Fleischessens und des Menschenfleischessens ja klar auf der Hand: Die vegetarische Ernährung erfordert zu ihrer Beschaffung wesentlich mehr Zeit. Und die Zeit haben wir ja nicht. Schon wieder eine ethische Konsequenz: Vielleicht, wenn ich hier je wegkommen sollte, habe ich auch das der Menschenfresserei zu verdanken, weil alles andere 'unproduktiv' ist!
"Paß auf, wo du hintrittst!" ermahnt Osont mich.
"Ich war in Gedanken." sage ich. Glaube kaum, daß Osont das als hinreichende Erklärung akzeptiert, aber er sagt nichts mehr.
Inzwischen sind wir diesen kleinen Berg soweit hinaufgestiegen, daß das Grau über uns dunkler wird und der Wald sich ausdünnt. Im Moment gibt es keine Ähnlichkeiten mit anderen mir bekannten Landschaften mehr. Wir müssen vorsichtig sein, weil ja im Prinzip hier Meuterer versteckt sein könnten.
Die Gipfelregion dieses Berges ist nicht groß, weil sie ja nur gerade eben über die Wolken ragt. Deshalb ist der Fels auch nicht völlig kahl, sondern es gibt überall noch Moose und Gras und kleine Büsche. Trotzdem können wir uns rasch einen Überblick darüber verschaffen, ob wir hier alleine sind oder nicht. Wir sind alleine.
In Richtung auf das Zentrum von Casabones zu können wir die größeren Berge von Casabones sehen. Ich erkenne die Hochrampe und die Bewegung um sie herum - die Leute, die sich jetzt dort aufhalten. Es sollte eigentlich zu jedem Moment ein Gleitschirmflieger unterwegs und noch über den Wolken sein, aber von unserer Position aus wäre der vor dem Hintergrund ferner Felsen oder der Höhlendecke zu sehen. Daß heißt also, er ist nicht zu sehen. Andere Einzelheiten kann man von hier aus auch nicht erkennen - nicht einmal die Anzahl der Leute um die Startrampe herum kann man zuverlässig zählen.
"Als Dauerausguck taugt dieser Platz nicht." sage ich, "Zu weit weg."
Osont nickt. Wir suchen den Boden ab, um irgendeinen Hinweis darauf zu finden, daß jemand hier war. Nichts. Nach einer Weile zuckt Osont mit den Achseln.
"Schade. Wenn hier regelmäßig jemand herkäme, dann könnten wir einen davon abfischen - so ab und zu - und befragen. Das wäre nützlich."
Wir machen uns auf den Rückweg, immer noch leise, für alle Fälle. Osont ist sichtbar mißmutig. Ich weiß, warum: wir haben Zeit verschwendet, und wir haben überflüssige Spuren gelegt. Durch unseren Abstecher wird es wahrscheinlicher, daß die Rebellen erfahren, daß wir uns für den Absprungshang hier in der Nähe interessieren.
Oder sollten die Rebellen am Ende mehr Überblick über die Topographie von Casabones haben und wissen, daß dieses überhaupt der bestmögliche Absprungsplatz ist? Wenn sie uns dieses Wissen voraushätten, und wenn sie annähmen, daß wir nach sorgfältiger Auswahl uns für diese Absprungstelle entscheiden werden, dann können sie in aller Ruhe irgendetwas vorbereiten. Sie haben ja Zeit.
Aber an einen so umfassenden Plan auf der Gegenseite glaube ich nicht. Eine prinzipielle Möglichkeit, ja, aber es erfordert langfristige Planung. Und wir haben ja auch nichts gefunden. Wahrscheinlich sehe ich Gespenster.
Als wir wieder am Übungshang angekommen sind, erfahre ich, daß es inzwischen sechzig Gleitschirme gibt, mehr als geplant, und eine ganze Reihe davon sind bereits auch mit dem neuen Reparaturbeutel ausgerüstet. Das sind jetzt so viele, daß es nicht mehr möglich ist, ständig alle zu Übungszwecken einzusetzen. Der Übungshang ist nämlich nicht groß genug.
Ich schlage Osont vor, eventuell Gleitschirme den Männern jeweils persönlich zuzuordnen. Das wird der Pflege und Haltbarkeit der Gleitschirme sehr zugute kommen. Es zeigt sich immer, daß Geräte darunter leiden, wenn niemand für ihren Zustand verantwortlich ist. Man braucht nur etwa den Fahrzeugpark einer Bundeswehreinheit mit Privatwagen gleichen Kilometerstandes zu vergleichen, dann sieht man es.
Osont meint, er will es sich überlegen. Wenn er das sagt, dann hat er nicht die Absicht, sich so schnell zu äußern. Aber ich bin guter Hoffnung, daß er auf meinen Vorschlag eingeht. Schließlich hat ja auch normalerweise jeder seine eigenen Waffen und weiß deshalb, daß die eigenen Überlebenschancen um so besser sind, je besser man diese Waffen pflegt. Bei den Gleitschirmen wäre es ja ganz genau das gleiche. Vielleicht könnte man sogar den Begriff des Privateigentums bei den GranitBeißern festigen.
Aber halt, Herwig. Du gehst immer noch davon aus, daß das, was für unsere Zivilisation da oben gut ist, auch für die GranitBeißer gut ist. Fang nicht an, zu missionieren. Daß du den GranitBeißern die Gleitschirme gebracht hast, kann sowieso schon unübersehbare Folgen haben. Vielleicht wird es eine neue, langfristig stabile Welt der GranitBeißer geben, nur eben mit Gleitschirmen, zusätzlich zu der Technik, über die sie schon verfügen. Es kann aber auch sein, daß damit eine technologische Entwicklung in Gang gesetzt wurde, die der Welt der GranitBeißer ebensoviel Unruhe bescheren wird wie wir es in unserer Geschichte beobachtet haben. Und irgendwann treffen dann unsere Zivilisationen wirklich aufeinander. Das wäre gar nicht zu vermeiden, wenn sich bei den GranitBeißern eine technische Zivilisation entwickeln sollte. Sie sind von unserer Welt ja nur durch ein paar Kilometer Fels getrennt.
An diesem Tag mache ich noch ein paar Übungsflüge am Übungshang. Die Hochrampe kann ich nicht benutzen, da der Andrang dort inzwischen zu groß ist. Dafür versuche ich, rauszukriegen, wie man fliegt, um möglichst wenig Reparaturen am Schirm zu erzeugen. Tatsächlich gelingt es mir an diesem Tag, vier Flüge hintereinander zu machen, zwischen denen nicht ein einziger Stich erforderlich ist.
Kurz nach 24 Uhr entschließe ich mich dann, mich für diesen Tag zurückzuziehen. Sofern man das Massenschlaflager an den Sumpfteichen mit dem Begriff 'zurückziehen' assoziieren kann.
******** 045. Tag: Montag 1995-10-02 ********
45.1 Anfänger und Fortgeschrittene
Diese Nacht ist unruhig. Ich bemerke zwar zunächst noch nichts Ungewöhnliches, aber kurz bevor ich etwa um 2 Uhr einschlafe, fällt mir auf, daß durchaus nicht alle Lager belegt sind. Auch danach wache ich immer wieder kurz auf, weil manche der Schlafenden leise geweckt und weggeholt werden. Was geht vor?
Gegen Morgen falle ich dann doch in tieferen Schlaf, der sich nicht so leicht stören läßt, und als ich um 11 Uhr wieder erwache, stelle ich fest, daß eigentlich alle Lager wie üblich belegt sind. Ich würde mir einbilden, daß ich alles nur geträumt hätte, merke dann aber doch, daß die meisten Männer sich mit dem Aufstehen schwer tun. Da ist etwas vor sich gegangen, und niemand teilt mir von sich aus etwas mit!
Es fällt mir schwer, noch etwas vegetarisches zum Essen zu finden, und an diesem Morgen wird an den üblichen Feuerstellen reichlich frisches Fleisch ausgegeben. Das nährt den Verdacht, daß in der Nacht ein erfolgreicher Jagdzug gemacht worden ist. Aber ich muß mich auch nähren, und so esse ich denn, in klarem Bewußtsein, daß die Steaks eigentlich nur von Menschen stammen können. Ich sehe an den Feuerstellen nicht zu genau hin, damit aus der Vermutung keine Gewißheit wird.
Später, am Übungshang, frage ich Okr und Oios, ob etwas in der Nacht vorgefallen ist. Sie wissen aber auch nichts, und ich erfahre bei der Gelegenheit, daß sie immer am Übungshang zu schlafen pflegen. Vielleicht sollte ich das auch tun.
Ich verbringe fast den ganzen Tag damit, Okr beim Unterricht zu assistieren. Ab und zu gebe ich meinen Senf dazu, aber ich kann nicht beurteilen, ob es etwas bringt. Okr hält, um sich dem Fassungsvermögen seiner Zuhörer anzupassen, Erklärungen immer sehr einfach und damit ungenau. Vielleicht erzielt er damit den besten Lernwirkungsgrad. Aber Bernoulli würde sich bei diesen aerodynamischen Erklärungen im Grabe umdrehen.
Trotzdem bemühe ich mich, konzentriert und zum besten des Ganzen mitzuarbeiten. Das Warten auf den Fluchtzeitpunkt zehrt an den Nerven. Ich kann sonst nichts tun, ich kann nicht einmal mehr Charmions Grab besuchen oder sonstwie ungehindert auf Casabones herumstreunen, wie ich es in einer fremden Gegend so gerne tue. Vielleicht, wenn Osonts aggressives Vorgehen gegen die Rebellen die Wälder Casabones tatsächlich säubern kann, wird mir das wieder möglich sein - um den Preis von etwa 300 Menschenleben, wie ich jetzt weiß. Plus die, die auf der Seite der Meuterer dabei umkommen.
Allmählich teilt sich das Unterrichtsprogramm auch in mehrere Kurse auf: Der Unterricht für die blutigen Anfänger, die noch nie geflogen sind, ein Fortgeschrittenen Unterricht, wo man mehr über die Steuerung des Gleitschirmes erzählt bekommt, und jetzt auch etwas, was man mit 'Pflege und Wartung eines Gleitschirmes' betiteln würde. Mit praktischen Übungen, versteht sich. Ein großer Teil dieser mehrstündigen Unterrichtsstunde bezieht sich auf den Umgang mit Nadel und Faden. So ungefähr weiß zwar jeder etwas darüber, weil ja jeder GranitBeißer gelegentlich an seinen Lederklamotten etwas reparieren muß, aber die Anforderungen an eine Naht in einem Gleitschirm sind wesentlich strenger. Das muß jeder begreifen. Wer es nicht begreift, wird irgendwann erleben, daß sich sein Schirm in der Luft über ihm zerteilt.
******** 046. Tag: Dienstag 1995-10-03 ********
46.1 Meilenstein
Osont sehe ich den ganzen Tag nicht, und der Unterricht beschäftigt mich bis dicht vor die SchlafPeriode. Als ich an diesem Abend zum Schlafen gehe, immer noch zum Sumpfteich, habe ich irgendwie schon das Gefühl, einer Routine-Berufstätigkeit nachzugehen. Nach dem Aufwachen um 14 Uhr nach einer diesmal ruhigen Nacht gehe ich schon bald zum Übungshang zurück, und es wird wirklich Routine. Ich habe Gelegenheit, darüber zu philosophieren, wie doch eigentlich aus allen menschlichen Tätigkeiten Routine werden kann.
3. Oktober - wieviel Zeit ist bereits seit dem 19. August vergangen. Häufig mache ich solche Betrachtungen wie 'Was war genau vor fünf, vor zehn, vor zwanzig und vor dreißig Jahren?'. Auch jetzt, in Pausen zwischen den Unterrichtsstunden, wenn ich müde vom Reden dasitze und dem Treiben auf dem Übungshang zuschaue, soweit der Nebel das zuläßt, fallen mir diese Spielchen ein. Abmessen der eigenen Biographie.
Vor fünf Jahren? Das war gerade während unseres Lanzarote-Urlaubes, genau desjenigen Urlaubes, wo ich auf den Mast der Marea-Errota gestiegen bin, jenes Ereignis, an das ich mich erinnert habe, kurz bevor ich Charmion das erste Mal auf dem Mast des Saurierfängers sah. Das war übrigens der zweite Oktober, weil ich mich noch daran erinnere, damals genau gewußt zu haben, daß am nächsten Tag die DDR der Bundesrepublik beitritt. Was haben wir vor fünf Jahren am 3. Oktober gemacht? Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, ich bin mit Irene zu einer Bucht im Südwesten Lanzarotes gefahren, wo wir den ganzen Tag verbracht haben.
Vor zehn Jahren? Auf den Tag genau weiß ich nichts, aber am Anfang 1985 bin ich mit Irene zusammen in eine gemeinsame Wohnung auf dem Lande gezogen. Zwanzig Jahre? 1975, das war mitten im Studium. Da habe ich in einem Verbindungshaus in Clausthal gewohnt und noch nicht einmal in den kühnsten Träumen gemutmaßt, einmal nach Bayern zu ziehen und mich beruflich von der Physik zur Informatik umzuorientieren. Vor dreißig Jahren? Mitten in der Schulzeit. Mein Vater war etwas älter als ich jetzt, meine Mutter fünf Jahre jünger als ich jetzt. Erschien mir damals sehr alt. Aber die Eltern erscheinen einem ja das ganze Leben hindurch sehr alt.
Vor vierzig Jahren? Vier Jahre Lebensalter. Da habe ich keine Erinnerung mehr. Merkwürdig: Da strömen die Eindrücke eines ganzen Jahres auf einen ein, und kein halbes Jahrhundert später weiß man nichts mehr davon. Natürlich, es sind Fertigkeiten hängengeblieben. Sprache, Bewegungsmuster, Konzepte und Mutmaßungen über die Welt, die sich irgendwie noch bis heute auswirken. So etwas passiert in diesen frühen Jahren in ganz erheblichem Maße. Nur zeitlich festnageln kann man diese Dinge nicht.
Oder vielleicht doch? Einzelheiten. Ich erinnere mich, daß ich, als ich noch nicht zur Schule ging, während eines Gewitters meine Mutter einmal verängstigt fragte, ob man denn gar nichts gegen diese fürchterlichen Blitze tun könnte.
Meine Mutter hatte nur sehr rudimentäre Vorstellungen von Physik. Sie muß irgendwann einmal etwas von Faraday'schen Käfigen gehört haben und sie wußte natürlich, was ein Bunker ist. Daraus versteht man vielleicht ihre damalige Antwort, es gäbe 'Häuser aus Eisen', in denen man vor Blitzen sicher sei.
Für lange Zeit nach dieser Antwort stellte ich mir vor, daß es irgendwo auf der Welt tatsächlich so eine Art von typischen alleinstehenden Häusern geben müsse, die vom Keller bis zum Schornstein, von der Eingangstür bis zum Dachgiebel aus blankem Eisen bestanden. Seltsamerweise bekam ich solche Häuser nie zu Gesicht.
Zu einer anderen Gelegenheit, als ich mich darüber beklagte, daß die Batterien, mit denen ich als Junge so gerne spielte, um verschiedenste Birnchen zum Leuchten zu bringen, immer so schnell verbraucht waren, fragte ich, wie man den Strom, der doch offenbar in unbegrenzten Mengen aus der Steckdose kommt, denn wohl herstellt. Auch da wußte meine Mutter nur ungefähr Bescheid, und sie sagte etwas von 'Dosen, in denen Magnete durcheinandergerührt werden'. Was hat sie damit angerichtet!
Dosen ließen sich beschaffen, Spielzeugmagnete hatte ich. Mir war unklar, wo man die Drähte anschließen sollte, aber ich probierte alles aus und rührte tapfer meine Magneten. Nie blinzelte auch nur ein Lämpchen auf, und ich bekam einen Verdacht, daß die Physik vielleicht bösartig unzuverlässig sein könnte. Dabei kannte ich noch nicht einmal das Wort 'Physik', das für mich später einmal der Eichmaßstab der Zuverlässigkeit werden würde, weit jenseits von dem, was bei Menschen in Sachen Zuverlässigkeit möglich ist.
Irgendwann meinte meine Mutter noch, das mit dem Umrühren meiner Magneten könne so nicht klappen. Aber ich weiß nicht, ob sie noch Verbesserungsvorschläge anbrachte.
Jedenfalls habe ich es weit gebracht, in diesen vierzig Jahren. Sogar soweit, daß ich diesen GranitBeißern ohne allzu präzise eigene Einzelkenntnisse den Gleitschirm gebracht habe. Wie doch konkrete Technik aus unkonkreten Gedanken erwachsen kann! - Vielleicht hätte ich damals, vor vierzig Jahren, mit meinen Magneten noch länger rühren müssen, und mir wäre noch eine Verbesserung eingefallen! Vielleicht hätte ich noch die Unipolarmaschine erfunden - oder auch nicht, denn die benötigt eine hohe Drehzahl.
Mitten am Tage, kurz vor 24 Uhr, erfahre ich von Oam, daß jetzt gerade 100 Gleitschirme fertig seien. Hundert ist für die GranitBeißer ja keine runde Zahl, aber es ist die Differenz zwischen 125 und 25, und das sind beides glatte Potenzen von Fünf. So werden eben auch hundert Gleitschirme zu einem Meilenstein. Ich nehme mir vor, wieder einmal bei der Gleitschirmherstellung und der Papierherstellung genauer zuzusehen. Die sind inzwischen ja ganz schön effizient geworden.
******** 047. Tag: Mittwoch 1995-10-04 ********
47.1 Strategien
Um 4 Uhr läßt sich Osont wieder einmal am Übungshang blicken. Ich sehe ihm an, daß er ungewöhnlich guter Laune ist, und er verteilt sogar dort Anerkennungen, wo ich keinen konkreten Grund für Anerkennungen sehe, zum Beispiel bei einer ganz miserablen Landung, oder auch bei einem anderen Mann, der seinen Gleitschirm für meinen Geschmack nicht sauber genug zusammengelegt hat. Und einen Gleitschirm überhaupt zusammenzulegen ist kein Grund für Anerkennung, sondern eine Selbstverständlichkeit.
Sogar den genialen Einfall, einige der Vollstreckungskreuze zweckzuentfremden, indem man an ihnen flach zur Seite weggehende parallele Seile gespannt hat, die es ermöglichen, einen Gleitschirm daraufzulegen, um ihn von allen Seiten inspizieren zu können, kritisiert er nicht. Normalerweise ist er pingelig mit seinen geliebten Vollstreckungskreuzen.
Wie immer ist er in Begleitung seiner Leibwachen, und welchen konkreten Anlaß er für seine Superlaune hat, das uns mitzuteilen geruht er nicht. Nach kurzer Zeit verzieht er sich wieder, und ich empfinde seinen Weggang als Erleichterung.
Ich frage Okr dann, ob ich meinen Schlafplatz auch an den Übungshang verlegen könnte, weil hier weniger Leute schlafen. Er hat nichts dagegen. Warum die meisten Männer den Schlafplatz an den Sumpfteichen vorziehen weiß er auch nicht. Ich denke an einen dumpfen Herdentrieb, aber Okr gegenüber sage ich das nicht, weil ich das kaum in der Xonchen-Sprache ausdrücken kann, ohne daß es beleidigend klingt.
An diesem Abend gibt es wieder viel frisches Fleisch, und ich erfahre Gerüchte, daß ein entscheidender Schlag gegen eine Rebellengruppe gelungen sein muß. Wie und wo und wann das passiert ist, weiß niemand. Das macht ja auch eigentlich Sinn, denn wenn es Sympathisanten von Rebellen unter uns geben sollte, dann braucht man denen ja nicht gleich alles auf die Nase zu binden.
Auch erfahre ich, daß die kurzzeitig verstärkten Wachen wieder abgebaut werden. Das heißt, daß ich vielleicht doch noch einmal Charmions Grab besuchen kann. Ich hätte soviel zu erzählen.
Die Nacht von 8 Uhr bis 17 Uhr verläuft völlig ohne Zwischenfälle, wenn man einmal davon absieht, daß schon zwei Stunden vor dem normalen Ende der SchlafPeriode wieder Betrieb am Übungshang ist. Das sind die Unentwegten, technisch am meisten von den Gleitschirmen faszinierten, die damit auch schon am besten umgehen können.
Bald nach dem Aufstehen kommt Osont allein zu mir, gerade, daß ich den letzten Bissen des Frühstückes hinuntergeschlungen habe. Er nimmt mich zur Seite und redet so leise, daß sonst niemand es hören kann:
"Ich denke, 200 Leute sollten reichen, das Unterfort in unsere Gewalt zu bringen, was meinst du?"
"Schon möglich," sage ich, "von der Anzahl der Besatzung sicher. Aber ich habe das Fort nicht von nahem gesehen, ich weiß nicht, wie gut die sich da verschanzen können. Und natürlich weiß ich auch nicht, wie viele es genau sind, abgesehen davon, daß sich das inzwischen wieder geändert haben könnte."
"Mmh. Und wieviel Verluste wird es beim Absprung geben, was meinst du?"
"Keine, wenn es nach mir geht. Wenn alle ihren Gleitschirm beherrschen und alle Gleitschirme in Ordnung sind, dann sollte der Absprung reibungslos vonstatten gehen. Etwas anderes macht mir mehr Sorge."
"Was?" fragt Osont.
"Es wird viele geben, die mit der Orientierung Schwierigkeiten haben. Es werden durchaus nicht alle 200 an derselben Stelle landen, um dann etwa sofort das Unterfort angreifen zu können. Manche werden kilometerweit abgetrieben werden."
"Meinst du?"
"Das weiß ich."
"Und was folgt daraus?"
"Daß vielleicht mehr als 200 Menschen in der ersten Absprungwelle dabei sein sollten. Wesentlich mehr."
"Ich werde es mir überlegen. Das hieße also 200 plus die, die sich am Anfang verirren."
"So ungefähr."
Er überlegt wieder eine Weile. "Was, wenn sie uns kommen sehen?"
"Die vom Unterfort?"
"Ja. Wie reagieren die?"
"Das kann ich nicht sagen. Ich war die ganze Zeit auf dem Saurierfänger und dann auf einem anderen, kleineren Schiff des Forts. Das Unterfort selber habe ich nie betreten. Ich weiß nicht, was da für Leute sind, und wie die reagieren könnten, wenn sie plötzlich über sich die Gleitschirme bemerken."
"Aber du mußt doch irgend etwas wissen! Diese Expedition auf Casabones hinauf wurde doch in Zusammenarbeit mit dem Fort in die Wege geleitet!"
"Ja, schon. Aber außer der Besatzung des kleinen Schiffes hatten wir keinen Kontakt. Allerdings - ich weiß nicht, ob ich es schon mal erwähnt habe - da war so eine bösartige Alte, ein wirklich fieser Charakter, die das kleine Schiff, das das Fleisch nach Casabones bringen sollte, befehligte. Sie wurde pampig, und wir mußten sie beseitigen. Könnte sein, daß man sich daran erinnert."
"Naja, freundschaftlich werden sie uns sowieso nicht empfangen," sagt Osont, "es ist nur, wie wird die Situation, daß plötzlich Menschen vom Himmel regnen, vermutlich aufgefaßt?"
Ich denke an Erfahrungen, die bei Luftlandeunternehmen im zweiten Weltkrieg gemacht wurden:
"Wenn sie nicht ganz baff sind, und warum sollten sie das sein, dann könnten sie sich durchaus dazu entschließen, auf die Gleitschirmflieger zu schießen. Die sind nämlich reichlich wehrlos und natürlich völlig deckungslos. Wir könnten da natürlich noch Übungen machen - Bogenschießen im Fluge etwa - aber ob wir soviel Zeit haben? Und ob das überhaupt geht? Und haben wir Bögen in genügender Anzahl?"
"Können wir noch herstellen. Das wäre nicht das Problem. Eher schon, daß eigentlich jeder schon genug Ausrüstung mit sich schleppt."
"Ist das nötig?" frage ich, "Wenn wir die Leute vom Unterfort überwältigen, und davon gehen wir ja aus, sonst würden wir den ganzen Zirkus ja nicht machen, dann können wir uns dort mit manchem versorgen."
"Vielleicht," sagt Osont, "aber es ist auch möglich, daß wir uns in Besitz von Schiffen bringen können, ohne eine Konfrontation mit dem Unterfort und seiner Besatzung selbst riskieren zu müssen, vielleicht sogar, ohne daß sie es überhaupt merken!"
"Ob die sowenig auf ihre Schiffe aufpassen?"
"Hier, beim Oberfort, waren sie auch sehr nachlässig mit dem Wachdienst!"
"Ja, vielleicht. Verlassen kann man sich nicht darauf." Mehr fällt mir nicht dazu ein. Das mögliche Verhalten der Besatzung des Unterforts ist eben ein unbekannter Faktor.
"Es fehlt bloß noch," vermute ich, "daß gerade Schiffe mit neuen Gefangenen auftauchen und so vorübergehend die reguläre Besatzung des Unterforts verstärken."
"Kaum," weiß Osont aus seiner Erfahrung zu berichten, "die Menge der Neuzugänge nahm in den letzten Jahren immer mehr ab. Vielleicht war Casabones als Gefängnis zu aufwendig - zu schwierig, die Gefangenen rauf- und wieder runterzubringen."
"Das ist wohl wahr." pflichte ich bei, mich an unseren Aufstieg erinnernd. Wenn es bloß darum geht, 2000 Menschen einzusperren, dann ließen sich da wirklich einfacherer Maßnahmen denken als dieser verückte, pilzförmige Berg mit seinen vielen Fallen. Viele, die hierher gebracht worden sind, wollte man wahrscheinlich für alle Zeit loswerden oder wenigstens für lange Zeit verschwinden lassen.
"Ich wollte nur einmal laut nachdenken." sagt Osont und erhebt sich wieder, "Wir wollen schließlich ja alle dasselbe, nicht wahr?"
Er geht ohne weitere Bemerkungen weg, und ich kann mir überlegen, was er wohl mit seiner letzten Bemerkung gemeint haben könnte. Er ist nicht dumm, nur unsympathisch. Er müßte wissen, daß ich ihm irgendwann den Hals umdrehen möchte. Meint er, daß er mit mir deshalb dasselbe tun sollte? Nur so, aus weiser Vorsicht, eine überraschende Präventiv-Cranial-Torsion, wie die Mediziner sagen würden?
Schon in den nächsten Stunden werden am Übungshang provisorische Zielscheiben aufgestellt, um erste Erfahrungen mit dem Bogenschießen aus dem Fluge zu machen. Vielleicht ist es notwendig, daß der Schütze sich durch zusätzliches Gurtzeug dabei stabilisiert oder sonst irgendwie vorübergehend die Hände freibekommt. Das muß man alles erst herausfinden.
Ich mache da nicht mit, weil ich bis jetzt noch nicht einmal das normale Bogenschießen gelernt habe. Sollte ich vielleicht einmal tun. Aber ein guter Bogen ist sperriger zu transportieren als ein Schwert, und das ist vielleicht der Grund, daß es weniger Bögen gibt als Schwerter. Andererseits spricht auch vieles für Distanzwaffen.
Als 24 Uhr und damit der 5. Oktober näherrückt, bin ich wieder beim Unterricht.
******** 048. Tag: Donnerstag 1995-10-05 ********
48.1 Notfallunterricht
Der Unterricht wird bald schon unterbrochen, weil ein junger Mann ankommt, der eben atemlos von der Hochrampe hierher gerannt ist. Es ist etwas passiert. Leider fehlt diesem Jungen die Gabe der präzisen Erzählkunst, und so muß er mehrere Male berichten, bis ich überhaupt ungefähr weiß, was los ist. Wie bei Irene, denke ich, da hapert's auch manchmal mit der Präzision, selbst einfache Sachverhalte darzustellen.
Es muß einer der größeren Flugsaurier gewesen sein, der vor kurzem über den Wolken an einem der Gleitschirmpiloten vorbeizog. Er hatte keinerlei Anstalten gemacht, den Gleitschirmflieger anzugreifen, trotzdem geriet dieser in Panik und zog offenbar die Bremsleinen voll durch. Soweit man das jedenfalls aus der Ferne beurteilen konnte.
Es erfolgte sofort ein Strömungsabriß, und mit flatterndem Schirm stürzte der Pilot in die Tiefe, während der Saurier weiterflog, ohne sich für die Szene besonders zu interessieren. Dicht über den Wolken breitete sich der Schirm des Piloten wieder aus, allerdings sah es von weitem so aus, als ob der Abfangstoß den Schirm mehrfach zerriß. Dann verschwand der Unglückliche in den Wolken.
Diesen zu suchen werden jetzt einige Männer gebraucht, da der Pilot in den benachbarten Wäldern heruntergekommen sein muß. Vielleicht lebt er ja noch und braucht Hilfe.
Für die meisten Unterrichtsteilnehmer ist dieses eine willkommene Abwechslung, und ehe ich es mich versehe, bin ich im wesentlichen allein. Das bleibe ich auch eine Weile, obwohl der Pilot schon nach zehn oder zwölf Minuten gefunden und hierhergebracht wird.
Er ist tot, und der Schirm ist schwer beschädigt. Ich untersuche den Piloten, so gut es meine medizinischen Kenntnisse erlauben, und stelle dabei fest, daß auf seinem Körper stellenweise die Gurtspuren deutlich zu sehen sind. Ich zeige es den anderen. Das ist ein Hinweis, daß der Kraftstoß beim Abfangen des Sturzes schon recht heftig war. Kein Wunder, daß ein Gleitschirm, der aus den hiesigen Materialien gebaut wurde, das nicht aushält. Allerdings sieht es auch so aus, als ob der Gleitschirm gehalten hätte, wenn der Pilot eine etwas kürzere Strecke durchgefallen wäre.
Ob der Pilot nun schon in der Luft oder erst am Boden seine tödlichen Verletzungen erhalten hat, kann ich nicht sagen. Die Wirbelsäule ist disloziert, das kann genauso gut in der Luft wie auch am Boden passiert sein. Ein Schädeltrauma gibt es auch, das sicher vom Aufschlag auf den Boden stammt, aber das alleine war vielleicht nicht tödlich - der Schädel ist tastbar nicht beschädigt.
Und dann gibt es natürlich die Möglichkeit, daß der Pilot einfach dem Schreck erlegen ist. Dieser Unfall gibt mir Gelegenheit, mehr als sonst über pathologische Flugzustände und Notfälle zu reden. Eigentlich sollte man aus dem Stoff eine eigene Unterrichtsstunde machen - aber wer soll die denn halten? Und wer soll die halten, wenn die erste Welle bereits von Casabones abgesprungen ist und Okr, Oios, Oam und ich dafür nicht mehr zur Verfügung stehen?
Nur langsam kann ich den Unterrichtsbetrieb wieder in die normalen Bahnen bringen. Und kaum, daß mir das gelungen ist, gibt es auch schon den nächsten Absturz, in direkter Nähe, auf dem Übungshang, aber unseren Blicken durch den Nebel entzogen. Diesmal handelte es sich um einen der Versuchsflüge für das Bogenschießen aus dem Fluge. Der Pilot ist nicht tot, sondern offenbar nur schwer verletzt. Er wird weggetragen, noch bevor jemand ihn genau befragen kann, wie das Unglück eigentlich passiert ist.
Dabei geht mir auf, daß ich ja noch gar nicht rausgekriegt habe, wo sie die hinbringen, die so schwer verletzt sind, daß nur lange Pflege Heilung ermöglicht. Macht man mit solchen Fällen auch gleich kurzen Prozess? Ist es auf Osonts Betreiben zurückzuführen, daß ich davon noch nichts gesehen habe? Was für eine barbarische Welt.
Da kann ich von Glück sagen, daß mich in der Welt der GranitBeißer noch keine ernsthafte gesundheitliche Störung ereilt hat, abgesehen von den vielen Gelegenheiten, sich ernsthaft zu verletzen. Da habe ich in den letzten Jahren so ab und zu mal eine Dickdarmentzündung gehabt, die die Ärzte noch nicht mit restloser Sicherheit diagnostiziert haben. Chronische Apendizitis, Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und was da an üblen Dingen möglich ist. Zwar ist das immer wieder weggegangen, aber die schwereren Fälle waren doch sehr unangenehm, mit heftigen Koliken und spastischem Darmverschluß. Bis heute weiß ich nicht, wie ich so etwas hundertprozentig verhindern kann und was es auslöst. Was, wenn mir das hier passiert? - Wahrscheinlich wäre die beste Strategie, sich unbeobachtet irgendwo in den Busch zu schleppen und zu warten, bis es weggeht. Sonst landet man diesen Leuten zu schnell auf der Speisekarte.
Irgendwie werde ich mit diesen Leuten auch nicht warm genug, um über solche Dinge etwas per 'Smalltalk' zu erfahren. Ich gehöre einfach nicht zu ihnen. Wenn ich konkret frage, was mit Schwerkranken gemacht wird - was in der Xonchensprache nicht einfach ist, weil sie kaum Worte für medizinisch pathologische Zustände enthält - dann glotzt man mich verständnislos an. Charmion war da schneller von Begriff, wenn es galt, herauszufinden, woran unser gegenseitiges Unverständnis nun im Detail zurückzuführen war.
Als ich mich um 11 Uhr zum Schlafen lege - nicht weit von Okr und Oios, die ja nun die Seele des Flugbetriebes und des 'Flugplatzes' geworden sind, macht einer von beiden eine Bemerkung, aus der ich entnehme, daß der Wachdienst noch weiter eingeschränkt worden ist, so daß die Papierproduktion weiter hochgefahren werden kann und deshalb auch die Schirmproduktion. Ich frage nicht direkt nach, sondern nehme mir vor, bald auszuprobieren, ob ich wieder Charmions Grab aufsuchen kann.
So schnell geht das aber nicht. Schon bald nach dem Aufwachen um 20 Uhr muß ich mich einem neuen Projekt von Osont anschließen: Unbemannte Gleitschirme. Wahrscheinlich denkt er an das Absetzen von größeren Materialmengen von Casabones.
Ich selber trage nicht viel dazu bei, sondern sehe bei den ersten Experimenten nur zu. Es ist nicht besonders erfolgversprechend. Selbst, wenn man so einen Gleitschirm, sorgfältig austariert, zum Fliegen gebracht hat, dann fliegt er genau dahin, wo er will. Einen geraden Kurs kriegt man praktisch nie zustande.
Natürlich könnte man für den senkrechten Abwurf von Lasten den klassischen Kappenfallschirm entwickeln. Das hieße aber, darauf Näher anzusetzen, die dann bei den Gleitschirmen fehlen. Ich glaube nicht, daß das ein gutes Geschäft wäre.
Jedenfalls wird schon bei diesen ersten Versuchen deutlich, daß diese Idee in eine Sackgasse führt. Es ist nur eine Zeitverschwendung. Was immer wir an Material von Casabones mit herunternehmen wollen, muß auf die einzelnen Gleitschirmflieger als zusätzliche Last verteilt werden. Anders geht es nicht.
******** 049. Tag: Freitag 1995-10-06 ********
49.1 Zum letzten Mal
Kurz nach 0 Uhr erwähnt Okr voll Stolz, daß wir jetzt schon über einen Vorrat von 156 funktionsfähigen Gleitschirmen verfügen. In der Xonchensprache läßt diese Zahl sofort erkennen, warum sie erwähnenswert ist: Es ist im Fünfer-System eine Schnapszahl: 5*5*5 + 5*5 + 5 + 1 = 156. Ganz einfach. Wenn ich eines Tages tatsächlich dieses Buch über unsere Abenteuer schreiben sollte, muß ich das explizit erwähnen, weil es im Deutschen und bei Verwendung des Dezimalsystems nicht sofort offensichtlich ist.
Jedenfalls nähert sich jetzt doch der Tag der ersten Absprungswelle. Wenn ich noch einmal zu Charmions Grab will, dann muß ich das bald tun. Am besten heute noch. Ich verschiebe deshalb die nächsten Unterrichtsstunden auf morgen und schicke meine nächste Gruppe, die schon wartet, wieder an die Arbeit. Keiner bezweifelt, daß ich dazu befugt bin, und Osont habe ich vorsichtshalber gar nicht erst befragt.
Den Weg über die Berge nehme ich nicht. Zuviele Leute, die sich an der Hochrampe aufhalten, würden mich sehen. Osont bekäme sicher Wind von meiner Eigenmächtigkeit, und es könnten ja immer noch Rebellensympathisanten da sein. Also nehme ich den Weg über das Dorf.
Also wenn man hier die Parole ausgibt, die Wachbemühungen zurückzunehmen, dann machen sie es gleich richtig. Auf dem Weg zwischen Sumpfteichen und Dorf hält mich kein Mensch auf, und ich sehe auch niemanden, der so aussieht, als solle er auf den Weg aufpassen. Wenn tatsächlich für diese Stelle Wachen eingeteilt sind, dann liegen sie wahrscheinlich im Gebüsch und schlafen.
Wie schon so lange ist das Dorf völlig menschenleer. Trotzdem schaue ich mich diesmal genauer um. Mit gezogenem Schwert trete ich auf diese und jene Hütte zu und sehe rein.
Die Spur des Geheimnisvollen, die ein geschlossenes Gebäude umgibt, solange man noch nicht weiß, was drin ist, verfliegt rasch. Der Boden der meisten Hütten ist mit Dreck bedeckt, der manchmal kontinuierlich in das Gras- oder Schilflager seiner ehemaligen Bewohner übergeht. Sonst ist kaum etwas von Bedeutung zu finden. Hier und dort irdene Gefäße, kaum je unbeschädigt, und Scherben. Stoffsachen und Lederteile. Waffen und andere Metallgegenstände scheinen alle mitgenommen worden zu sein.
Ich überlege mir, ob ich irgendwo Spuren von Töpferei gesehen habe. Jedenfalls nicht hier auf Casabones. Die Gefäße müssen irgendwann vor langer Zeit ihren Weg auf Casabones hinauf gefunden haben.
Ich gehe auch die Seitenstraße des Dorfes ab, ohne dort etwas anderes zu finden. Es ist überall das gleiche: Dieses Dorf ist jetzt verlassen, weil jeder an den Arbeitsstätten etwas zum Gelingen des Gleitschirmfluchtprojektes beizutragen hat. Und danach wird sowieso niemand mehr auf Casabones sein, so, wie es geplant ist. Also ist das Dorf jetzt schon eine archäologische Stätte. Vermutlich wird man schon in zehn oder zwanzig Jahren nicht mehr auf den ersten Blick feststellen können, daß hier mal ein Fahrweg war und rechts und links von diesem hunderte von elenden, provisiorischen Hütten.
Obwohl man dieses Dorf schon als etwas Vergangenes ansehen kann, befällt mich nicht das seltsame, andächtige Gefühl, das ich manchmal beim Besuch bestimmter archäologischer oder geschichtlicher Stätten oder Plätze habe. Dazu ist das Dorf noch zu kürzlich bewohnt gewesen, dazu hängt noch zu authentisch der Original-Körpergeruch seiner früheren Bewohner in den Innenräumen der Hütten. Essensreste lassen sich immer noch hier und dort finden, Knochen mit Fleisch dran, Exkremente neben den Hütten, nur notdürftig und zum Schluß gar nicht mehr verbuddelt. Das ist noch nicht geschichtlich.
Ich habe soviele verlassene und unterschiedlich weit verfallene Häuser in Schottland und Irland gesehen, Zeugen gescheiterter Träume einer gesicherten wirtschaftlichen Existenz zahlloser jetzt vergessener Menschen. Die ganz typische Ruine im schottischen Hochland besteht aus den beiden Stirnwänden, üblicherweise eine davon mit Kamin, und den verbindenden Seitenwänden. Innen und außen wächst das Gebüsch gleichermaßen, und Zurückbleibsel der Bewohner, Gegenstände des persönlichen Gebrauches, sind völlig verschwunden. Die Mauern stehen Jahr für Jahr und Jahrzehnt für Jahrzehnt schutzlos in Wind und Regen und verändern sich sowenig, daß man sogar solche Ruinen auf genauen Landkarten einzeichnet. In dichter besiedelten Regionen würde man solche Bauwerk-Reste natürlich nicht stehen lassen, weil der Platz da zu teuer ist. Aber in der Einöde des Berglandes, in den endlosen Mooren zwischen den Lochs und den grauen Bergen ist Platz genug. Da lohnt es nicht, eine Ruine abzureißen, wenn man in der Nähe etwas Neues bauen will. Da bleibt so eine Ruine stehen und läßt den zeitlosen Wind durch die leeren Fenster und über die grauen Steinflächen wehen, so wie es jedem anderen natürlichen Fels auch geschieht.
Solche Ruinen stehen für mich an einem ernsthaften Ort, der von verhaltener Trauer umweht ist. Diese Hütten jedoch erinnern eher an einen wenn auch jetzt menschenleeren Slum. Ein großer Gegensatz. Und doch handelt es sich in beiden Fällen um dieselbe Erscheinung: Aufgegebene Wohnunterkünfte. Jedwede Wohnung auf der Welt wird einmal so sein.
Das Dorf enthält nichts mehr von Interesse. Ich kann auch keine Spuren von Durchsuchungen anderer finden, aber das kann natürlich auch daran liegen, daß erstens ich nicht der große Spurenleser bin und daß zweitens sich auch sonst niemand genau das verlassene Dorf angesehen hat.
Die übriggebliebenen Vollstreckungskreuze in der Dorfmitte erinnern mich deutlich, wo ich eigentlich hingehen will.
Langsam bewege ich mich auf dem Fahrweg weiter zum Mauerdurchbruch. Ich habe zwar nicht das Gefühl, beobachtet zu werden, verhalte mich aber trotzdem extrem leise und aufmerksam. Auch das Schwert behalte ich in der Hand.
Der Seitenpfad zum Mauerdurchbruch, die kleine Lichtung, der Pfad zurück zum Fahrweg, der Fahrweg vom Tor zur ehemaligen Festung, das alles liegt verlassen in dem bleiernen Nebel. Vielleicht ist alles überwachsener als zu dem Zeitpunkt, als ich das letzte Mal hier war, aber das genau festzustellen ist noch nicht genug Zeit vergangen.
Am ehemaligen Fort trete ich an den Ansatz der Zugbrücke heran, um in die Tiefe zu sehen. Etwa fünfzig Meter unter mir sind die Reste der Zugbrücke und des Rammbockes deutlich zu erkennen. Dazwischen liegt Geröll, das mal Bestandteil des Forts gewesen sein muß, und verkohltes Gebälk.
Menschenleichen oder Leichenteile kann ich, auch bei genauerer Betrachtung, nicht sehen. Ich erinnere mich an die Geräusche, die ich neulich hier gehört habe - wahrscheinlich hat da schon jemand aufgeräumt. Die Rebellen waren also schon hier. Inzwischen dürfte dieser Ort für sie aber nicht mehr von Interesse sein.
Ich gehe am Steilufer des Sees entlang in Richtung Ooms Platz. Dabei versuche ich, mir alles so anzusehen, als sehe ich es das letzte Mal. 156 Gleitschirme sind schon fertig - da ist der Absprung in wenigen Tagen fällig. Ich glaube kaum, daß ich noch einmal hierherkomme.
Der Klippenpfad. Ooms Platz. Lautlos bin ich abgestiegen. Es ist jetzt genau 2 Uhr. Als erstes überzeuge ich mich, daß nicht zufällig jemand hier anwesend ist, etwa in Ooms Hütte. Das ist nicht der Fall. Auch Ooms Hütte sieht so aus, als sei sie seit seinem Verschwinden nicht mehr benutzt worden. Nach langem Horchen in den Nebel hinaus gehe ich zu Charmions Steinhaufen hinüber, immer bemüht, kein Geröll durch meine Tritte hörbar zu bewegen.
Der Steinhaufen war gute Arbeit. Nichts ist verändert. Charmion ist auf dem sicheren Wege zum exclusiven Besitz einer archäologischen Grabstätte.
"Hi, Charmion! Ich bin's." sage ich, wie es sich gehört. Ein feuchter Luftzug streift meine Stirn. Ein zufälliger Wind, natürlich, aber ich denke mir, daß Charmion mir von irgendwoher über die Stirn streichelt. Ich habe doch auch ein Recht für ein paar dumme, metaphysische Ansichten, verdammt noch mal. Die lasse ich mir jetzt nicht wegnehmen. Sie war es. Basta.
Ich schildere ihr den Fortschritt in der Gleitschirmfliegerei in leuchtenden Farben, meine ersten eigenen Flugerfahrungen in allen Einzelheiten. Wie viele Generationen von GranitBeißern haben hier gelebt ohne das Fliegen zu kennen, und jetzt hat sie um so kurze Zeit verpaßt, es selbst zu erleben!
49.2 Der Gesang der Neuronen
Mittendrin halte ich plötzlich ein und bin augenblicklich still, weil ich glaube, etwas gehört zu haben, mehr eine Ahnung denn eine Sinneswahrnehmung. Ich blicke auf und horche.
Die FelsWand wölbt sich über mir überhangartig und bauchig vor. Von keiner Stelle da oben an der Kante des Steilufers kann man mich hier unten neben dem Steinhaufen sehen. Gerade das Geröllufer am Fuße des Klippenweges könnte man von oben sehen, wie ich weiß. Aber schon der Klippenweg selbst ist schwer und nur durch Zufall zu finden, wenn man ihn nicht kennt.
Trotzdem, da ist etwas. Steinchen rollen, Stimmen reden. Zu schwach, zu fern. Aber der Schall muß ja um die FelsWand herumgebeugt werden, denke ich - wenn da oben jemand redet, dann kann man den von hier aus einfach nicht lauter hören.
Hier unten gibt es keine Deckung - bis auf Charmions Steinhaufen. Lautlos und gewandt stehe ich auf und hocke mich auf seiner anderen Seite nieder, der Seite, die dem Klippenpfad abgewandt ist. Über den Haufen hinweg kann ich den unteren Teil des Klippenpfades beobachten.
Eigentlich kann niemand mein einseitiges Gespräch mit Charmion gehört haben, so leise, wie ich gemurmelt habe. Auch die Schallwellen, die von mir ausgehen, müssen um das Steilufer herum gebeugt werden, um jemanden da oben zu erreichen. Die da oben reden offensichtlich etwas lauter als ich es getan habe. Und das würden sie nicht tun, wenn sie auch etwas gehört hätten.
Kommen sie runter? Wenn ja, werden sie Ooms Hütte bemerken und sich dafür ausreichend interessieren, so daß sie sich nicht um den Steinhaufen am anderen Ende des Geröllufers kümmern? Und wenn sie doch ein paar Schritte auf mich zugehen, werden sie rechtzeitig umkehren oder werden sie mich bemerken?
Viele Alternativen, Aufspaltung möglicher Handlungsstränge. In einem Roman würde man die Handlung jetzt auf spannend optimieren: Wenn ich also nicht entdeckt werden soll, dann müssen sie trotzdem runterkommen und sich so ausgiebig am Geröllstrand hin- und her bewegen, daß ich der Entdeckung nur so gerade eben entgehe.
Ich überlege mir Fluchtwege. Das Wasser, natürlich. Ein bißchen auf den See hinausschwimmen, und der Nebel verbirgt mich. Aber die erste Strecke bin ich immer noch sichtbar. Das jetzt zu tun wäre also ein großes Risiko. Ich weiß nicht, wo die da oben genau stehen und in welche Richtung sie sehen. Der Nebel läßt gerade noch zu, daß man von oben die Wasserfläche nahe am Ufer sehen kann. Es gibt Zeiten, da ist der Nebel auf Casabones so dicht, daß ich mich problemlos schwimmend absetzen könnte. Leider ist das jetzt nicht der Fall. Außerdem weiß ich nicht, ob ich es jetzt wirklich fertigbringen würde, die ersten hundert Meter absolut lautlos zu schwimmen.
Die Stimmen werden lauter, nicht wegen Ortsveränderung, sondern weil die betreffenden Personen lauter reden. Sie fühlen sich offenbar völlig allein und unbeobachtet. Das ist gut. Dann brauche ich nur abzuwarten, bis sie gehen. Und natürlich muß ich den Klippenpfad im Auge behalten.
Das dauert aber. Als ich auf die Uhr sehe, stelle ich fest, daß es schon 4 Uhr ist. Dann bin ich schon zwei Stunden hier. Und immer noch reden sie da oben. Manchmal sinkt ihre Stimmlage soweit, daß ich über Minuten hinweg gar nichts höre. Ich kann aber nicht sicher sein, daß sie schon weg sind, und irgendwann höre ich sie dann auch wieder.
Ich überlege mir weitere Fluchtstrategien. Sind sie zum Beispiel so weit von dem oberen Ende des Klippenpfades entfernt, daß man diesen unbeobachtet verlassen und sich in den Wald schlagen könnte? Könnte man überhaupt hinreichend lautlos den Klippenpfad besteigen, um das herauszukriegen? Oder sitzen die gerade so da, daß sie den Klippenpfad teilweise im Auge haben, ohne das bis jetzt zu bemerken, weil sie den Pfad ja nicht kennen und weil er sich so wenig vom Felsen abhebt? Ich stelle mir ein für mich wenig lustiges Bild vor, nämlich, wie ich nach allen Regeln der Kunst lautlos bergauf steige und diese Leute mich bereits gesehen haben und mir die letzten Meter interessiert und mit gezogenen Waffen zusehen, während ich mich noch unbeobachtet glaube.
Aber irgendwann muß ich so etwas wagen, wenn die sich noch weiter hier aufhalten sollten und wenn es dann zunehmend schwierig wird, zwischen Gesprächspausen und Abrücken zu unterscheiden.
Irgendwann nicke ich ein, fahre hoch, als ich es bemerke. Habe ich geschlafen? Wie lange? Habe ich geschnarcht? Hastig sehe ich mich um. Der Geröllstrand ist leer, niemand ist den Klippenpfad heruntergekommen. Aber ich höre auch nichts mehr. Minutenlang lausche ich. Denk dran, Herwig, das ist kein Spiel. Wenn du nur einen Moment geschnarcht hast, und wenn die das gehört haben, dann lauschen die jetzt genauso wie du. Und das werden sie eine Stunde lang tun, wenn notwendig.
Oder sie kommen runter.
Das erste Mal habe ich die unangenehme Vision, daß dieser Vorfall mich hier solange festhalten könnte, daß inzwischen die erste Absprungswelle ohne mich in die Wege geleitet wird. Warum sollte Osont auch auf mich warten? - Die Zeit drängt.
"Charmion, was soll ich tun?" flüstere ich lautlos. Sie würde mir helfen, wenn sie könnte. Vielleicht gibt sie mir ein Zeichen, von dort, wo sie jetzt ist. Von dem Platz, an den ich nicht glaube. Ein Zeichen, Charmion!
Aber warum sollte gerade sie mir ein Zeichen geben? Alle Götter sind zu allen Zeiten aufgefordert worden, sich zu offenbaren. Nie sind sie dem Wunsch in definitiver Weise nachgekommen. Was sollte meine Charmion über die anderen Instanzen des Universums auszeichnen?
5 Uhr vorbei. Aus welchem Grunde können sich da oben, an der Kante des Steilufers, überhaupt so lange Menschen aufgehalten haben? Lager? Besprechung? Hat sich jemand vor einem anderen Auftrag hierher verdrückt? Im Prinzip könnten es ja auch unsere eigenen Leute sein. Zum Beispiel: Osont hat Leute ausgeschickt, um rauszukriegen, wo ich mich aufhalte, wenn ich länger nicht anwesend bin. Vielleicht. Wahrscheinlich aber nicht. Was hat er davon, wenn er das weiß? Ich weiß also nicht, wer es sein könnte. Jetzt eine ferngesteuerte Videokamera, die man lautlos über die Steilküste schweben lassen könnte - das wäre eine feine Sache!
Und weiter schweigt die Welt. Da ist das ferne, wesenlose Raunen der allgegenwärtigen Gespräche, die immer da sind und immer von allen Seiten einfallen, die man nur in der Stille hören kann, erzeugt durch Millionen unterbeschäftigter Neuronen, die vermöge der Anspannung in höchster Erregungsbereitschaft sind. Da hört man auch schon mal Dinge, die nicht da sind, an der Grenze der Wahrnehmungsfähigkeit. Das Ohr ist gerade so empfindlich, daß es das thermische Rauschen, den permanenten Hagel der Luftmoleküle auf das Trommelfell, nicht mehr wahrnimmt. Aber schon das Rauschen des Blutes in den Gefäßen des Kopfes erzeugt einen ständigen Störpegel. Das brummt, pulsiert und zischt. Oft habe ich dem in stillen Nächten schlaflos gelauscht, versuchte, herauszukriegen, ob da nun wirklich irgendwo ständig ein LKW durch die Nacht fährt, oder ob es ein Wirbel in irgend einer Arterie in meinem eigenen Kopf ist.
Das ist schon eine merkwürdige Sache mit der Wahrnehmung. Als Kind hatte ich über viele Jahre hinweg eine Armbanduhr. Eine mechanische, die man aufziehen mußte und die tickte, wenn man sie an das Ohr hielt. Das tat ich oft, um mich zu vergewissern, daß sie noch ging.
In meiner Studentenzeit hatte ich diese Uhr vernichtet. Es war ein dummes Experiment: Ich entdeckte, daß man eine mechanische Armbanduhr wie die meine tatsächlich in flüssigen Stickstoff eintauchen konnte. Natürlich brachten die -196 Grad die Uhr zum Stehen. Aber nach dem Auftauen lief sie wieder. Das war das überraschende. Und das war es, was ich anderen Kommilitonen immer mal wieder vorführte, wenn die Gelegenheit sich bot.
Bis die Uhr eines Tages nach dem Auftauen nicht wieder anlief. Sie blieb kaputt. Gute Ausrede, um mir endlich eine der genauen, quarzgesteuerten Digitaluhren zuzulegen.
Doch das Ticken dieser alten Armbanduhr, die längst auf irgendeiner Mülldeponie verrottet, höre ich noch immer, bis zum heutigen Tage. So ab und zu. Wenn es still genug ist. Das wird mir wahrscheinlich bis zu meinem Tode bleiben. Da sind ein paar bestimmte Neuronen, die akustische Reize entschlüsseln. Und diese Neuronen haben nichts anderes gelernt als das Ticken dieser Uhr aus dem Strom der akustischen Wahrnehmungen zu entschlüsseln. Das machen sie nun eben ab und zu. Auch ohne Uhr.
6 Uhr vorbei. Sagt meine Digitaluhr. Ich brauche sie nur ans Ohr zu halten - die alte Bewegung, in der Kindheit hundertfach gemacht. Es tickt. Ich weiß ganz genau, wie eine quarzgesteuerte Uhr mit LCD-Display funktioniert. Da entsteht kein hörbarer Schall. Und doch tickt sie. Wenn ich will, dann tickt sie. Und manchmal auch, wenn ich nicht will.
Wäre das schön, wenn ich Charmion wegen solcher Vorgänge noch einmal hören und sehen könnte! Ich weiß, das wird vielleicht sogar eines Tages der Fall sein. Nämlich dann, wenn ich sterbe. Wenn Zerfallsprodukte des Stoffwechsels die Neuronen zu spontanen Aktionen anregen, und lange nicht benutzte Synapsen zum letzten Male befragt werden. Dann können sogar Erinnerungen als Wahrnehmungen auftauchen, dann sieht man ein ungeahntes Licht und hört eine dröhnende Musik, dann singen die Himmel, und man ist wieder mit allen Lieben zusammen. Auch Charmion wird wieder da sein, und ich werde mich nicht damit aufhalten, daran zu denken, daß dieses alles nur ein Produkt des Funktionsverfalls des Großhirns ist. In dieser letzten Stunde bin ich nicht allein. Vielleicht. Die Illusion ist perfekt. Vielleicht. Vielleicht machen mir dieselben Vorgänge auch nur eine große, schwarze Leere vor. Kann auch passieren. Und Charmion wird dann weiter weg sein als je zuvor.
Was für ein hartes Los, eine sterbliche Seele zu haben und darum zu wissen.
6 Uhr 30. Allmählich werde ich unruhig. Ich höre immer noch nichts. Es drängt mich, nachzusehen. Welchen vernünftigen Grund könnte es geben, sich so lange da oben an der Steiluferkante aufzuhalten? Schlafen sie vielleicht? Ich muß mit allem rechnen.
Leise stehe ich auf, kaum, daß ich Charmion einen Abschiedsgruß hinhauchen kann. Tote schlafen fest, und ich muß jetzt das Geschäft des Am-Leben-Bleibens weiter führen. Charmion wird das verstehen - es war ja auch ihr Geschäft.
So oft, wie ich den Klippenpfad schon auf- und abgestiegen bin, gelingt es mir tatsächlich, relativ lautlos Höhe zu gewinnen. Jeden Schritt halte ich an, versichere mich eines festen Standes und sehe mich um, mustere die obere Kante des Steilufers, die immer besser in Sicht kommt.
Und aus immer höherer Perspektive sehe ich Charmions immer unscheinbarer werdenden Steinhaufen.
Drei Meter unter der Kante. Zentimeterweise geht es jetzt vorwärts. Jeder Schritt muß einzeln überlegt und geplant werden, und eigentlich muß man die Augen überall haben: Vor den eigenen Füßen, auf den Felsgriffen, auf den Stellen, wo ich mich mit der Hand festhalte, die obere Steiluferkante, die Kronen einiger Bäume, die ich immer mehr sehen kann. Gerade immer dann, wenn ich den Kopf weiter nach oben schiebe, muß ich nach oben sehen. Was wäre das für eine unangenehme Situation, wenn dicht hinter der Kante jemand liegt und tagträumend auf den See hinaussieht und plötzlich ich in sein Gesichtsfeld hineindrifte! Mit wieviel Schrecksekunde auf dessen Seite könnte ich dann wohl rechnen?
Nach wenigen weiteren Schritten ist es soweit: Ich kann den Boden hinter der Kante einsehen. Da ist nichts Beunruhigendes. Trotzdem - weiter leise und vorsichtig! Nicht im letzten Moment alles durch Hast verpatzen.
Dann knie ich auf dem flachen Boden, sorgfältig nach allen Seiten spähend. Charmions Grab einen Blick zuzuwerfen, dazu bin ich in den letzten Sekunden und Minuten nicht mehr gekommen. Es war also nicht so, daß ich mir bei dem Blick, der der letzte war, bewußt war, daß dieses tatsächlich der letzte war. Ich habe ja auch im Moment anderes zu tun als darauf zu achten.
Auf Händen und Knien bewege ich mich einige Meter an der Uferkante auf und ab, dann gehe ich in die Hocke. Es ist nicht nur niemand zu sehen, ich finde auch keinerlei Spuren, daß jemand hier war.
Es wäre mir aber lieb, wenn ich solche fände, damit ich ihren Aufenthaltsplatz identifizieren kann und so mit eigenen Augen sehe, daß sie nicht mehr da sind. Ich entschließe mich also, doch etwas mehr zeitlichen Aufwand in die Suche dieses Platzes zu stecken. Wenn jemand sich stundenlang an einem Platz aufhält, dann muß doch etwas liegen bleiben, irgendwelche Abfälle oder so etwas, vielleicht auch niedergedrücktes Gras oder geknickte Büsche.
7 Uhr vorbei. Fünf Stunden, seit ich das erste Mal diese Stimmen gehört habe. Warum sollte sich jemand hier fünf Stunden lang am demselben Platz aufhalten? Ich weite meine Suche aus, trete weiter in den Wald hinein, einen Meter daneben wieder hinaus, dann wieder hinein und wieder hinaus.
Nichts. Als ob nie jemand hier gewesen wäre. Habe ich vielleicht doch Halluzinationen gehabt? Oder habe ich in Wirklichkeit überhaupt nichts gehört und bin, kurz nachdem ich Charmions Grab erreicht habe, in Schlaf gefallen und habe das alles nur geträumt?
Jedenfalls werde ich sicherer und trete fester auf, gehe wieder aufrecht. Auch Rebellen verhalten sich logisch. Warum sollte jemand hier viele Stunden Zeit verschwendet haben? Es gibt keinen vernünftigen, nachvollziehbaren Grund dazu. Ich habe nicht einmal das Gefühl, beobachtet zu werden, obwohl das natürlich gar nichts sagt.
Ich entschließe mich, am Steilufer entlang wieder zum Dorfe zu gehen, natürlich weiterhin leise, aber trotzdem geschwind. Dort werde ich dann sowieso alle Befürchtungen, daß mir eventuell jemand folgen könnte, verlieren.
Nach nur fünfzig Metern springe ich über einen Busch, wieder in alter Elastizität. Dahinter muß ich mich durch zwei dichte Büsche durchdrücken. Ich wende mein Gesicht ab, damit mir die Zweige nicht ins Gesicht schlagen. Deshalb sehe ich auch nichts von dem weichen, zylindrischen Gegenstand, über den ich dann stolpere.
49.3 In der Hand der Rebellen
"Scheiße!" rufe ich unterdrückt, als ich stürze. Im Fallen und während ich mich abfange, sehe ich den schlafenden Mann, über dessen ausgestrecktes Bein ich gestolpert bin, auffahren.
Dann liege ich auf dem Boden. Der Mann ist noch völlig schlaftrunken, aber die notwendigsten Reflexe hat er drauf. Er zielt mit seinem Schwert auf meine Kehle. Allmählich bin ich diese Geste leid!
"Ot, komm mal her, schnell!" ruft er, und dann zu mir: "Bist du allein?"
Sekunden später taucht der Zweite auf, ebenso verwundert wie der erste, wahrscheinlich auch aus dem Schlaf geweckt. Beide bärtig, verfilzt und verdreckt und auch für die Welt der GranitBeißer mit einem ungewöhnlich starken Körpergeruch ausgestattet, der mich vielleicht bei langsamerem Gehen auch rechtzeitig gewarnt hätte. Sie sind mir beide nicht sympathisch, nicht nur wegen des nervös zitternden Schwertes vor meiner Kehle.
"Ovch, weißt du, wer das ist?" fragt der Herbeigerufene den ersten, "Weißt du das?"
Ovch schüttelt langsam den Kopf. Jetzt müßte es schon die genuine Langsamkeit sein und nicht mehr die durch den Schlaf verursachte.
"Das ist der Fremde! Der Flieger! Der mit der scharfen Puppe!"
Nun erinnert sich auch Ovch langsam, bei welchem der Stichworte dieser Vorgang auch eingetreten sein mag.
"Was tust du hier?" fragt mich Ot.
"Ich, ähem, ..."
"Na, was?"
"Ich habe mir die Füße vertreten."
"Was hast du?"
Es gibt in der Xonchen-Sprache keine genaue Entsprechung des Begriffes 'Spazierengehen', und die Idee des ziellosen Umherwanderns dürfte diesen beiden auch sehr weit hergeholt vorkommen.
"Naja, ich wollte eine Zeitlang von den anderen weg!" versuche ich zu umschreiben.
"Weglaufen?" fragt Ovch.
"Ja. So ungefähr."
"Und warum?"
"Zuviel Arbeit." Dieses Argument müßte ziehen. Tut es auch. Ovch läßt das Schwert sinken.
"Aber du hast es doch angefangen?"
"Weil es keinen anderen Weg von Casabones herunter gibt."
Die beiden sehen ich einen Moment gegenseitig an, dann mustern sie wieder mich.
"Soll Orregg entscheiden, was wir mit ihm machen." sagt Ot. "Vielleicht ist er nützlich."
Sie weisen mich an, aufzustehen und vor ihnen herzugehen. Wir gehen am Steilufer entlang, weg vom ehemaligen Fort. Dabei wird kaum noch geredet.
Mir fällt auf, daß sie mir mein Schwert nicht abgenommen haben. Das wäre doch eigentlich die elementarste Vorsichtsmaßnahme, wenn man einen potentiell feindlichen Menschen gefangennimmt. Sind die beiden so trottelig, oder steckt da eine andere Absicht dahinter? Oder betrachten sie mich nicht unbedingt als feindlich?
Kurz nachdem wir die Stelle passiert haben, an der ich mit Charmion zusammen das kurzfristige Wegziehen der Nebelschleier erlebt und von der wir dann die Höhlendecke selbst gesehen haben, beginnen wir, uns vom Steilufer zu entfernen.
Die Gegend, die wir ansteuern, liegt etwa, wenn mein Ortssinn mich nicht trügt, auf der anderen Seite der Berggruppe, an derem Fuß das Dorf und der Übungshang liegen. Das sind zwar nur ein paar Kilometer Abstand, aber das ist in dem unwegsamen Urwald genug, um auch größeren Gruppen zu erlauben, sich voreinander zu verstecken. In diesen Teil von Casabones führen vom ehemaligen Fort aus keine Wege hinein, außerdem scheint er höher zu liegen, denn es ist überall dunkler. Das kann man eigentlich nur mit einer geringeren Mächtigkeit der Nebelschicht, die die leuchtenden Bakterien tragen, erklären, außerdem streut in diesen Teil von Casabones weniger Licht von der Seite hinein.
Die Pfade, die wir gehen, sind kaum als solche zu erkennen. Das Vorwärtskommen ist sehr anstrengend, und man kann darüber nachdenken, ob es wirklich das allergeschickteste ist, sich bloß wegen der Vermeidung von Arbeit so in diesen Teil von Casabones abzusondern und sich damit ein viel schwereres tägliches Leben einzuhandeln. Aber vielleicht bin ich über die wahren Gründe der Rebellen ja auch nicht gut genug informiert.
Wir kommen zu einer Lichtung, die von einer schweren, elf Meter durchmessenden, schrägen Felsplatte gebildet wird. Auf ihr haben sich kaum Pflanzen halten können. Wahrscheinlich wird sie als Schlafplatz benutzt, da sie nicht so feucht wie der normale Waldboden ist. Es sind vier Leute im wesentlichen mit Nichtstun beschäftigt. Als wir kommen, springen sie auf, und als sie mich sehen, haben sie alle ihre Hand in der Nähe ihrer Schwertgriffe.
"Orregg?" fragt Ot. Es wird ihm geantwortet, daß Orregg gleich wiederkommt. Ich muß mich auf die Kante der Felsplatte setzen und diesen Leuten den Rücken zudrehen.
Orregg ist schnell wieder da, ein kleiner Mann, vielleicht Anfang vierzig, der lebendig und beweglich aussieht und ständig zittert, als ob er am ganzen Körper fröre. Ich komme allerdings schnell zu der Ansicht, daß dieses Zittern medizinische Gründe haben muß. Seine Gedankenführung sind ähnlich sprunghaft und spontan wie seine Körperbewegungen.
"Weggelaufen, wie?" stellt er nach kurzer Befragung fest. Er schafft es, sich mit einer Hand während nur einer Sekunde am Kopf, am Hoden und dann am Rücken zu kratzen. Man kann kaum zusehen, so schnell ist er dabei.
"Dieses Mädchen, warum haben sie das umgebracht?" will er wissen. Nach den ersten Sätzen meiner Erklärung interessiert es ihn nicht mehr. Schon redet er wieder über die Gleitschirme.
Sie wissen viel. Sogar die Idee, mit einem Teil der Meuterer schon zu einem früheren Zeitpunkt abzuspringen, hat sich bis hierher schon rumgesprochen. Also hat Osont doch Verräter in seiner nächsten Umgebung, denke ich. Ich würde Schadenfreude empfinden, wenn das nicht potentiell auch für mich nachteilig wäre.
Aus ein paar Bemerkungen entnehme ich, daß die Rebellen in der Tat nicht mehr so zahlreich sind wie früher vermutet. Vielleicht sind es sogar deutlich weniger als hundert. Orregg ist zur Zeit ihr Anführer, aber auch das ist wohl nicht immer so gewesen.
"Üben muß man das? Es sieht aus, als ob es Spaß macht! Wie lange muß man das üben?"
Es hat keinen Zweck, etwas Falsches zu antworten. Ich erläutere, daß man ohne ein paar Übungsflüge sich einem Gleitschirm nicht ernsthaft anvertrauen sollte.
Orregg ist sogar über den möglichen Qualitätsverlust der Gleitschirme, die in Zukunft hergestellt werden können, informiert, allerdings nimmt er als einzigen Grund die zur Neige gehenden Schneidgrasvorräte an. Daß das auch etwas mit dem Verlust an fachlicher Kompetenz zu tun haben könnte, wenn die für die Gleitschirmproduktion wesentlichen Köpfe bei der ersten Fluchtwelle sind, diese Idee ist ihm noch nicht gekommen.
Nicht nur Orregg ist unruhig, auch den anderen sehe ich es an. Das Bewußtsein, daß sie, um selbst irgendwie auch von Casabones wegzukommen, schon sehr bald etwas unternehmen müssen, ist ihnen allen gemeinsam. - Das hätten sie einfacher haben können, denke ich, wenn sie sich nicht so einfach abgesetzt hätten.
"Und wann ist das? Wann?" Natürlich ist der Zeitpunkt des vorgezogenen Absprunges von besonderem Interesse. Ich halte es für das beste, wahrheitsgemäß zu erzählen, daß es bei der Anzahl der vorhandenen Gleitschirme schon sehr bald soweit sein kann. Genaueres weiß ich ja auch nicht.
Während des Verhörs kriege ich heraus, daß sie noch nicht wissen, daß der Absprungshang schon ausgesucht und festgelegt worden ist. Das ist gut. Dann werde ich auch nichts darüber erzählen. Schon habe ich wieder Rudimente eines Fluchtplanes im Kopf, verwerfe ihn wieder, denke mir was neues aus. Ich habe noch zuwenig handfeste Informationen.
Immerhin könnte Osont aus den Informationen, die die Rebellen haben, und aus denen, die sie nicht wissen, die Personen einkreisen, unter denen die Rebellensympathisanten zu suchen sind. Wenn ich dazu komme, es ihm zu erzählen.
"Wo liegen die Gleitschirme? Wo werden sie aufbewahrt, wo?"
Ich muß wohl oder übel erzählen, daß sie in Zelten am Übungshang liegen. Die Wahrscheinlichkeit ist zu groß, daß Orregg das auch schon aus anderer Quelle weiß. Wenn Osont tatsächlich seine Idee, jedem der Männer einen persönlichen Gleitschirm zuzuordnen, wahrmacht, wird Orregg die alte Information nichts mehr nutzen. Aber noch ist nicht sicher, ob Osont sich tatsächlich dazu entscheidet.
"Kannst du es uns beibringen? Wenn wir ein paar Gleitschirme in unseren Besitz bringen, kannst du es uns beibringen?"
Ich versuche, zu erklären, daß man einen Übungshang braucht. Immerhin, die Idee, das ganze Gebiet um den Übungshang in ihre Gewalt zu bringen haben die Rebellen nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Offenbar sind sie zahlenmäßig dazu schon zu schwach und rechnen sich deshalb dabei keine Erfolgsausicht aus.
"Ihr müßt einen Hang eines Berges freimachen. Anders geht es nicht." beende ich meine Erläuterungen.
Orregg und die anderen haben aufmerksam zugehört. Zustimmen tun sie mir nicht. Wahrscheinlich sind sie weder zahlenmäßig noch von der Arbeitsmoral her in der Lage, einen Übungshang herzurichten. Darauf deuten auch die folgenden Fragen hin, die sich damit befassen, wie groß denn nun ein Übungshang mindestens sein sollte. Orregg stellt sich da eine abgemagerte Version vor, die nicht mehr als eine Schneise ist. Ich versuche, ihm das auszureden - das ist schließlich fast so albern wie das Gleitschirmfliegen in geschlossenen Räumen. Vielleicht sollte ich das aber nicht tun, denn was spricht dagegen, diese Leute ein wenig mit Holzfällen zu beschäftigen? Vielleicht finde ich dann irgendwann Gelegenheit, zu fliehen.
Aber den eigenen Übungshang verwirft Orregg auch aus anderen Gründen. Zu wenig Zeit. Er ist mit seinen Ideen aber noch nicht am Ende:
"Was ist, wenn du jetzt nicht zurückgehst zu ihnen? Behindert das die Fluchtvorbereitungen?"
"In keinster Weise," muß ich ihn enttäuschen, "ich habe den Männern alles beigebracht, was ich weiß. Wenn ich nicht wieder auftauche, brauchen sie einen Gleitschirm weniger. Das ist alles!"
"Oh." Orregg ist enttäuscht. Ich bin als Handelsobjekt offenbar wertlos. Geistesabwesend macht er wieder seine Kratzübungen. Diesmal unter Einbeziehung seines Afters. Wie gut, daß das Händeschütteln hier unüblich ist, denke ich mir. Danach kratzt er mit den Fingernägeln derselben Hand in seinen Zähnen herum.
"Also, wir holen uns einige Gleitschirme. Oben, in den Bergen, da können wir sie ausprobieren."
Er weiß nicht, wovon er spricht. Wo die Vegetation an der Wolkengrenze aufhört, fangen sofort die Felsenregionen an. Wenn er nicht zufällig einen geeignet geformten Startplatz kennt, dann kann man da nirgends starten. Als Ungeübter schon gar nicht. Und so eine Hochstartrampe wie drüben bringen die hier nicht zustande. Ganz abgesehen davon, daß sie auf dieser Seite der Berge keinen Landeplatz haben, den See vielleicht ausgenommen. Er stellt sich das alles viel zu einfach vor.
"Du bist also von ihnen weggegangen. Würde sie es wundern, wenn du wieder auftauchst?"
"Nein. Glaube nicht." sage ich wahrheitsgemäß.
"Dann wirst du uns einige Schirme beschaffen."
"Und wie?"
"Du gehst hin, nimmst welche, so viele, wie du tragen kannst, und kommst wieder zu dem Platz, wo Ot und Ovch dich gefunden haben."
"Das werden sie mich wohl kaum tun lassen!"
"Aber du hast ihnen die Gleitschirme gezeigt! Du wirst dir doch einen Grund ausdenken können!"
"Naja, vielleicht ..." überlege ich. Wenn sie mich so einfach wieder in das Dorf laufen lassen, dann wäre das ja nicht das schlechteste. Wie wollten sie mich zwingen, ihren Auftrag auszuführen und wieder zurückzukommen?
"Ich denke, du wirst dir einen Grund ausdenken können. Wer Gleitschirme bauen kann, der kann denken, nicht? Kannst du doch?" Wieder die Kratzakrobatik. "Du gehst hin und bringst uns ein paar Schirme. Ganz einfach."
"Gut." sage ich. Wenn diese Leute mich so einfach wieder ins Dorf laufen lassen wollen. Bin neugierig, wie sie meine Kooperation erzwingen wollen - sie können mir ja kaum einen bewaffneten Aufpasser mitgeben.
49.4 Vergiftet
"Und wenn du wieder hier bist, kriegst du das Gegengift." sagt Orregg.
"Was?"
"Ja, das Gegengift. Damit du auch wirklich zurückkommst. Wir werden dir etwas zu trinken geben, was dich innerhalb eines Tages umbringen wird. Ganz einfach!"
Wirklich ganz einfach. Sie scheinen einen Kräuterhexer in ihrer Mitte zu haben, jemand, der die in dieser Welt verfügbaren Gifte kennt. Die Natur bietet da genug Möglichkeiten. Ich denke an Mutterkorngifte, an Pilz-Toxine, was weiß ich noch. Ich bin kein Fachmann. Wenn die mich hier vergiften wollen, dann weiß ich nicht einmal, wie ich mir selbst helfen kann.
"Holt Oom her!"
Ich zucke zusammen. Ist das der Oom vom See, von dem ich angenommen habe, er ist schon tot? Haben sie ihn in ihre Dienste gezwungen?
Er ist es nicht. Zufällige Namensgleichheit. Dieser Oom ist etwa genauso alt wie der Oom am See, aber er ist ein ganz anderer. Das ist der Mann, der die Gifte kennt. Orregg spricht nur wenige Worte mit ihm, und dieser Oom verschwindet wieder.
"Er hohlt jetzt das Gift. Es ist ein Pflanzensaft, den man verfaulen läßt. Man wird schwindelig dadurch, manchmal wird einem übel. Man kann aber noch gehen und reden. Nach einem Tag versagt das Augenlicht, wenig später bleibt das Herz stehen. Wie gefällt dir das?"
Es gefällt mir überhaupt nicht. Aber was soll ich tun? Es stehen zu viele Menschen herum. Sie werden mich zwingen, das Zeug zu trinken, ob ich will oder nicht. Und danach muß ich mich in Richtung Dorf davonmachen.
Oom taucht wieder auf. Er führt einen Krug, dessen Rand gesplittert ist, mit sich. Darinnen sind etwa zwei Liter einer uringelben Flüssigkeit.
"Es schmeckt nicht besonders. Lass dir trotzdem nicht einfallen, etwas auszuspucken!" warnt Orregg mich, "Und wir haben noch mehr. Falls du diesen Krug fallen läßt. Dann allerdings schütten wir es mit Gewalt in dich hinein!"
Ich nehme Oom den Krug ab. Angewidert sehe ich die trübe Flüssigkeit an. Verfaulter Pflanzensaft, hat er gesagt. Das könnten die schlimmsten Gifte sein, die man kennt. Der Geruch steigt mir in die Nase. Er kommt mir bekannt vor. Es ist ...
Es ist der Geruch von Bier!
Blitzartig schießt mir der Gedanke durch den Kopf: Die GranitBeißer kennen keine alkoholischen Getränke! Vielleicht ist der Alkohol ein starkes Gift für sie, ein so starkes Gift, daß nicht mal sporadisches Probieren langsam die evolutionäre Gewöhnung der GranitBeißer an dieses Gift im Laufe der Zeitalter bewirken konnte. Das wäre also noch ein Unterschied zwischen dem Stoffwechsel der GranitBeißer und dem unseren. So wie die erhöhte Körpertemperatur der GranitBeißer.
Der 'Verfaulte Pflanzensaft' könnte in Wirklichkeit nichts weiter als ein vergorener Pflanzensaft sein!
"Wie stellt man das her?" frage ich mißtrauisch. Oom will zu Erkärungen ansetzen, aber Orregg winkt ab:
"Ist doch unwichtig. Trink jetzt!"
Ich nehme einen Schluck in den Mund.
49.5 Besoffen
Warmes, abgestandenes Bier ist eine Köstlichkeit dagegen. Es erinnert mich an Gärungsversuche, die ich in meiner Jugend, in der 'Chemiebaukastenzeit', mit Zuckerwasser und Traubensaft selbst gemacht habe. Da ist auch nie etwas Vernünftiges, auf keinen Fall etwas Trinkbares herausgekommen. Um ein geistiges Getränk zu keltern muß man schon etwas mehr tun als Hefe in süßen Saft zu schmeißen und abzuwarten.
Der Getrank ist ekelerregend, aber ich schmecke es deutlich: er hat einen ordentlichen Alkoholgehalt, soviel, wie man es etwa von Bier oder von schweren Weinen erwarten würde.
Wenn jetzt kein Methanol dabei ist, dann sollte mich das nicht umbringen. Ich werde ganz fürchterlich einen in der Krone haben. Aber meine reichliche Erfahrung mit dem Trinken, die ich in der Bundeswehrzeit und während des Studiums gesammelt habe, wird mir darüber hinweghelfen. Mein Kreislauf sollte stabil genug sein, jetzt mit einer Alkoholvergiftung fertig zu werden. Ich überlege: Zwei bis zweieinhalb Liter eines Getränkes, das einem starken Bier entspricht - das sollte noch gehen.
Ich trinke mehr. Dabei stelle ich fest, daß alle mich aufmerksam beobachten.
"Bäh." sage ich, angewidert. Alle Umstehenden scheint das zu freuen.
"Nun mach schon!" ermuntert Orregg mich. Ich trinke weiter, innerlich hoffend, daß das Gift wirklich Alkohol ist. Es könnte ja immer noch sein, daß bei der Vergärung dieses Saftes noch alle möglichen Nebenreaktionen abgelaufen sind. Es könnte sogar sein, daß es sich dabei um Gifte handelt, gegen die ich noch empfindlicher bin als die GranitBeißer. Vielleicht bin ich schon über den point-of-no-return hinaus. Es schmeckt zum Kotzen.
"Merkst du schon was?" fragt Orregg gespannt. Wenn diese Leute gegen Alkohol so empfindlich sind, dann muß ich ihnen diese hohe Empfindlichkeit wohl vorspielen.
"Es ist - komisch." sage ich, mit stockender Stimme.
"Was ist komisch?"
"Es riecht so komisch - und alles dreht sich."
Orregg nickt Oom zu. "Dann ist der Saft gut gelungen. Man verwendet das normalerweise, um Saurier in Fallen zu vergiften. Aber auf Casabones gibt es keine Saurier."
"Nein? Dann bin ich ein - hicks - Saurier." Mir kommt mein gekünstelter Schluckauf und der dünne Scherz reichlich aufgesetzt vor. Aber die Ansprüche der Umstehenden an Schauspielkunst scheinen nicht groß zu sein. Einige bersten vor Lachen.
"Muß ich das alles - öööööh - austrinken?" Mit schwankendem Schritt gehe ich auf die Mitte der Felsplatte zu. Alle treten mir aus dem Weg, mir interessiert zusehend. Es wird aber nicht mehr lange dauern, bis mein Schwanken echt ist.
Ich habe den Eindruck, daß auch mal Kohlensäure in dem Saft gewesen ist. So warm, wie er ist, hat die sich natürlich nicht in Lösung halten können, jedenfalls nicht vollständig. Trotzdem, zusammen mit geschluckter Luft bringe ich mehr als einen Rülpser zustande.
"Oh, vielleicht nicht," meint Orreg, "bei dir wirkt es schnell. Wenn du zuviel trinkst, dann schläfst du gleich ein."
"Wso. Mmpf." sage ich, "Ich weiß nich. Ich muß - hicks - Mmpf - kotzen. Glaube ich. Mmpf. Doch nicht."
Es ist so lange her, daß ich das letzte Mal betrunken war. Vor geschultem Publikum könnte ich diese Rolle wahrscheinlich nicht mehr überzeugend spielen. Hier aber geht es. Ich merke schon eine gewisse Müdigkeit, die meine Gedanken umnebeln. Erst der halbe Krug ist leer getrungen, aber Orregg tritt auf mich zu und nimmt ihn mir weg.
"Isches schon fertisch?" frage ich.
"Jaja. Du hast genug. Kannst du mich gut verstehen?"
"Jap."
"Wieviel ist fünf und fünf zusammengezählt?"
Ich denke eine Weile nach, die Stirn in Falten legend. So betrunken kann ich gar nicht sein, daß ich das nicht mehr wüßte.
"Vvvviel." entscheide ich mich schließlich.
"Wieviel?"
"Soviel." Überzegend halte ich acht Finger hoch. Nach einer Zeit überlege ich es mir besser und füge die beiden Daumen noch hinzu. Dann setze ich mich.
"Isch bin müde. Ich möchte - ääääh"
"Nein, du wirst jetzt nicht schlafen," Orregg zieht mich wieder in die Höhe. "du gehst jetzt in das Dorf. Das willst du doch, oder? Denk dir was aus, um Schirme mitnehmen zu können. Und die bringst du dann zur Küste des Sees. Niemand darf dich dabei begleiten. Klar? Und du erzählst niemanden von uns! Auch klar?"
"Ja."
"Was sollst du tun?"
"Dorf. Schirme zum See. Unauffällig. Nix erzählen. Urghmpf."
"Ja. Unauffällig. Denke daran: Es kann sein, daß du kotzen mußt. Sag den anderen einfach, du wärst krank. Du wirst auch Kopfschmerzen kriegen - später. Das erinnert dich daran, daß du zurückkommen mußt. Sonst kriegst du das Gegengift nicht! Klar?"
"Gegengiffft nich. Klar."
"Also los, bevor er einschläft. Ot, bringe ihn bis zum See, damit er den Weg findet! - Wenn du wieder hier bist, kannst du ausschlafen!"
Die Unterredung ist vorbei. Je länger ich mit Ot durch den Urwald gehe, desto weniger muß ich mich anstrengen, um Trunkenheit vorzutäuschen. Mir ist klar, daß Ot mich genau beobachtet. Ich darf es nicht soweit treiben, daß ich mich gleich schlafen lege. Ich weiß ja nicht, auf welche Ideen sie dann kommen.
Allmählich verfliegt der widerliche Geschmack im Mund. Es stellt sich die bekannte Trockenheit ein, an die ich mich auch noch erinnere, auch, wenn es schon so viele Jahre her ist. Wenn in dem Getränk Alkohol war, dann war der Alkoholgehalt recht ordentlich.
Es war eine Wette. 1979 habe ich sie gegen einen Kommilitonen abgeschlossen. Zehn Jahre Alkoholfrei. Vom ersten Januar 1980, 0 Uhr bis 31. Dezember 1989, 24 Uhr. Natürlich war ich betrunken, als ich diese Wette abgeschlossen hatte.
Aber nicht sehr betrunken. Die Idee, meine zu der Zeit schon oft schwankende Gemütslage durch Alkoholentzug zu stabilisieren war mir schon öfter gekommen. Ich war mir nur zu gut bewußt, daß der Alkohol schon fast ein Jahrzehnt mein ständiger Begleiter war. Tage ganz ohne Trinkbares waren qualvoll und öde und brachten schlechte Laune. Vielleicht ist das auf dem Wege zum Alkoholismus noch ein sehr frühes Stadium. Aber ich machte mir schon nichts mehr vor. Es mußte etwas geschehen.
Der Alkohol hatte mich schon öfter betrogen, nicht nur durch seine bekannten Nachwirkungen, etwa den dicken Kopf am nächsten Morgen und den Geschmack im Mund, der an ein gebrauchtes Fußbad erinnert. Zum Beispiel hatte ich mir einmal den Zugang zum Institutsrechner für eine ganze Nacht gesichert. Ende der siebziger Jahre gehörten Computer ja noch nicht zur normalen Privatausstattung eines Studenten. Um in dieser Nacht all die aufgelaufenen numerischen Experimente mit Genuß und Muße durchführen zu können, besorgte ich mir auch einen ganzen Kasten Bier. Das stellte ich mir sehr gemütlich vor. Der Kasten stand neben dem Computer, und als die Dunkelheit sich senkte und keiner von den anderen Mitarbeitern mehr im Institut war, legten wir los, der Computer und ich.
Es war auch sehr gemütlich. Nur habe ich mich nicht sehr viel mit dem Computer beschäftigt. Nach einigen Stunden war meine intellektuelle Aktivität sogar unter das Niveau abgesunken, das für das Adventure-Spielen notwendig war. Am Morgen verließ ich müde und zerschlagen das Institut. Ich hatte in der Nacht praktisch nichts Vernünftiges getan.
Oder da waren auch die Nächte, in denen ich etwas schreiben wollte. Eine Kurzgeschichte. Die Idee lag bereits unausgegoren vor. Spannend, aufregend, gehaltvoll, mit Stoff zum Nachdenken. So sollte sie werden. Der Alkohol brachte die Inspiration. Manchmal wenigstens. Um so sicherer zerstörte er aber auch die Fähigkeit zum disziplinierten Arbeiten. Nie ist etwas bei diesem Verfahren herausgekommen.
Ich hatte schon Jack Londons 'John Barleycorn' gelesen - Londons persönliche Biographie, die im wesentlichen seine Zwangsehe mit dem Alkohol beschreibt. Das ist vielleicht das kompetenteste Werk über den Alkoholismus, das je geschrieben wurde. Ich wußte genug, um meinen Zustand klar zu diagnostizieren.
Und ich hatte Angst, als Penner zu enden, an Leib und Seele verrottet, ein asoziales Wrack. Manchmal ist die Angst ein guter Ratgeber. Ich machte also diese Wette, verbunden mit der festen Absicht, nach diesen zehn trockenen Jahren wieder loszulegen. Wer weiß, vielleicht würde ich nach dieser langen Zeit ja auch gar nicht mehr am Leben sein?
Es war auch zufällig die Zeit meines Berufseintritts. Soviel Neues kam auf mich zu. Das Übersiedeln nach München, das Kennenlernen von neuen Menschen und Gegenden, das völlige Abgeschnittensein von allem, was ich noch Monate vorher kannte. Die Gelegenheit für das erfolgreiche Durchführen dieser Wette war günstig.
Allmählich ließ das Verlangen nach. Gleichzeitig kam all das wieder, was ich schon permanent aufgegeben hatte: Die Gesundheit des Körpers und die stabile Gemütsverfassung, dazu ein immer stärker werdendes Selbstvertrauen und eine Zuversicht in eine erfolgreiche Bewältigung aller Dinge, die die Zukunft noch bringen würde. Als ich dann im September 1983 noch mit dem Laufen anfing und schon im nächsten Frühjahr meinen ersten Marathon vollständig hinter mich brachte, war die Welt für mich wieder weitgehend in Ordnung. In den folgenden Jahren wuchs die Überzeugung, daß ich den Alkohol besiegt hatte.
1990 kam und damit das Ende meiner selbstauferlegten Trockenperiode. Trotzdem faßte ich keinen Alkohol an. Die Angst vor dem Rücksturz war noch da. Es stand zuviel auf dem Spiel, was ich dabei verlieren könnte.
Längst schon war der Wettbetrag vergessen, der Kontakt zu dem Kommilitonen, mit dem ich gewettet hatte, abgebrochen. Es war unwichtig geworden. Das eigentliche Ziel war erreicht, die Wette war nur ein Vorwand gewesen. Jetzt konnte ich mir das eingestehen.
Es gab noch eine Feuerprobe. Auf jenem Lanzarote-Urlaub, wo ich im Mast der Marea Errota gehockt hatte, endeckte Irene in einem Supermarkt einige Packungen Guinness. Das war einmal mein Leib- und Magengetränk gewesen. Ich reagierte wohl etwas zu überrascht, denn sie kaufte sofort sechs Flaschen.
Ich entschloß mich, es der Zahlenmystik um alkoholfreie Zeiten genug sein zu lassen und dieses Bier zu trinken. Der zweite Beweggrund war, daß ich mir selbst nachweisen wollte, daß mich gelegentliche alkoholische Getränke nicht sofort automatisch in die Sucht zurückwerfen würden. Das taten diese sechs Flaschen Guinness auch nicht. Ich fühlte mich müde und denkfaul, beides Zustände, die mir zuwider sind. Das Leben ist nur wach und aktiv zu genießen. Alkohol steht dem für mich jetzt unmittelbar und sofort im Wege.
Von dieser Stunde an konnte ich mich als endgültig geheilt betrachten.
Nun sind seit Beginn dieser Wette mehr als 15 Jahre vergangen. 15 Jahre alkoholfrei heißt natürlich auch, daß der Körper nicht mehr so genau weiß, wie er mit dem Stoff umzugehen hat. Mit anderen Worten: Ich vertrage wahrscheinlich nichts mehr. Eine Tatsache, die mir gerade jetzt überdeutlich demonstriert wird.
Als Ot mich am Steilufer entläßt, damit ich meinen Weg ins Dorf zurück alleine finde, würde ich mich am liebsten sofort irgendwo hinlegen. Aber natürlich weiß ich nicht genau, ob und wie lange Ot mich noch verfolgt, um zu sehen, ob ich tue wie mir geheißen.
Aus demselben Grunde steige ich auch nicht den Klippenpfad zu Charmions Grab hinunter. Soviel Verstand ist in meinem umnebelten Kopf noch übrig geblieben. Wenn mir jemand folgt, dann wird ihm nicht auffallen, daß ich zu diesem Ort eine besondere Beziehung habe.
Dafür bringe ich es wenig später fertig, zu kotzen, um danach während des Gehens etwas zu essen. Charmion hat mir doch dieses schachtelhalmartige Heilkraut gezeigt, von dem ich vermutet habe, es könnte auf natürliche Weise Antibiotika erzeugen. Ich finde es und esse soviel davon wie möglich. Damit möchte ich auch der kleinen Wahrscheinlichkeit begegnen, daß die giftige Wirkung des Getränkes auf unbekannten Bakterien und nicht auf Alkohol beruhen könnte. Die will ich so beseitigen. Außerdem wird der zu erwartende Durchfall so manches aus meinem Körper herausspülen.
Bald danach bin ich wieder unter Menschen. Inzwischen bin ich restlos überzeugt, daß ich recht hatte: Außer Alkohol war in diesem Getränk kein Gift vorhanden. Die Symptome sind zu vertraut.
Es ist schon 18 Uhr, lange nach Beginn der SchlafPeriode. Ich begebe mich zu meinem Schlafplatz am Übungshang, um sofort meinen Rausch auszuschlafen.
******** 050. Tag: Samstag 1995-10-07 ********
50.1 Verkatert
Die normale Weckzeit verschlafe ich um Stunden. Ich bemerke im Halbschlaf, daß mehrmals jemand versucht, mich zu wecken, es dann aber aufgibt. Als ich endlich hochkomme, geschieht dieses mit einem respektablen Brummschädel.
"Wie siehst du denn aus?"
Osont hockt vor meinem Lager und sieht mich interessiert an.
"Seit Stunden liegst du da wie tot! Wie ist dir? Bist du krank?"
Es ist wohl nicht nur reine Menschenliebe, die Osont zu dieser Frage veranlaßt. Auch wenn ich für die Meuterer nicht mehr allzu wertvoll bin - was mit mir los ist, wüßte er natürlich schon ganz gerne, für den Fall, daß es für die geplante Flucht von Relevanz ist.
Ich überlege, ob ich die Tatsache, daß für unsereinen Alkohol nicht automatisch ein tödliches Gift ist, besser geheimhalten sollte. Dann müßte ich mir aber jetzt etwas anderes ausdenken, und dazu bin ich nicht in der Lage. Deshalb erzähle ich alles, was ich bei den Rebellen erlebt habe, so sauber formuliert, wie das bei meinem Zustand möglich ist. Osont interessiert das sehr.
"Und du meinst wirklich, daß das Gift für dich unschädlich ist?" fragt er.
"Es bringt mich nicht gleich um. Es sei denn, in sehr großen Mengen. Soviel war es aber nicht. Sonst wäre ich jetzt schon tot."
"Mmh. Dann warten sie also darauf, daß du in den nächsten Stunden mit den Schirmen bei ihnen aufkreuzt."
"Ja. So ist es."
"Hervorragend." sagt Osont, "Genau das wirst du tun!"
Ich hätte es wissen müssen. Herwig macht den Lockvogel. So wird er eine Gruppe von Osonts Leuten, die ihm heimlich folgen werden, zum Lager der Rebellen führen. Osont rechnet sich die Chance für einen vernichtenden Schlag gegen die Rebellen aus. Ob ich dabei zu Schaden kommen könnte interessiert ihn nicht.
"Ich weiß nicht, ob ich jetzt noch den Schwerkranken markieren kann!" wende ich ein, "Ein GranitBeißer wäre jetzt deutlich schlimmer dran - mir geht es aber allmählich immer besser!"
"Oh, das kriegen wir schon hin. Vielleicht schmieren wir dich etwas mit Dreck ein, damit du ungesund genug aussiehst!"
So ist Osont also dabei, das Make-up zu erfinden. Die Welt der GranitBeißer macht schon Fortschritte, das muß man schon sagen.
"Und wenn du immer noch nicht krank genug aussiehst, dann verprügeln wir dich. Du wirst schon krank genug aussehen, verlaß dich drauf!"
Er gibt sich auch alle Mühe, einen etwaigen Sympathievorsprung, den er nicht hat, wieder abzubauen.
"Ich werde es schon hinkriegen." sage ich resignierend.
50.2 Kriegslist
Wenige Stunden später, um 10 Uhr, gehe ich los. Wieviele Leute mir folgen werden und wie sie es anstellen wollen, nicht entdeckt zu werden, sagt man mir nicht. Ich soll so tun, als ob ich wirklich alleine gehe. Ich nehme zwei Gleitschirme mit. Mehr lassen sich nicht leicht genug tragen. Falls die Rebellen dazu kommen sollten, mich zu fragen, mit welcher Begründung ich zwei Gleitschirme abgeschleppt habe, ohne daß mich jemand daran gehindert hat, soll ich sagen, daß ich vorhatte, an einer hohen Stelle des Steilufers den Absprung von einer Kante aus zu üben. Um nicht wegen eines beschädigten oder nach dem ersten Versuch nicht mehr trockenen Schirmes zurücklaufen zu müssen, habe ich zwei mitgenommen. Das sollte plausibel genug klingen.
Die Drohung, mich zusammenzuschlagen, um mir das notwendige kranke Aussehen zu verleihen, haben Osonts Schergen nicht wahrgemacht, auch wenn ich mich jetzt immer besser fühle. Ein bißchen Dreck im Gesicht und weißer Staub in den Haaren reicht, um mich von dem üblichen Verschmutzungsgrad abzuheben, so daß ein unbefangener Beobachter auf die Idee kommen könnte, ich sei tatsächlich krank. Schon ab Ausgang des Dorfes gewöhne ich mir einen schwankenden Gang an. Ich hoffe, bis zum Treffpunkt sieht es echt genug aus.
Ziemlich genau an der Stelle, an der Ot mich entlassen hat, taucht er wieder aus dem Gebüsch auf. Befriedigt sieht er meine schwere Last. Grund genug, ihm einen davon zum Tragen anzubieten. Das paßt ihm nicht.
"Es ist besser, wenn man nur einen trägt. Sonst wird er zu leicht beschädigt. Das würde Orregg nicht mögen, wenn jetzt noch einer dieser beiden Schirme kaputt geht."
Jetzt paßt es ihm. Er nimmt das zusammengelegte Schirmpaket vorsichtig entgegen, als ob es sich um Sprengstoff handle.
"Du kannst ruhig fest zupacken. Nur zerreißen darf man nichts. Es ist letzten Endes nur Stoff und Papier!"
Wir marschieren weiter, auf das Rebellenlager zu. Ot geht vor mir - da ich tatsächlich die Schirme gebracht habe, hält er es nicht für nötig, auf mich aufzupassen. Offenbar denkt er, daß ich das Gegengift dringend brauche. Um diese Vermutung zu bestärken, stolpere ich mehrere Male und falle dabei auch einige Male hin. Ot ist ungeduldig, aber ich nutze dann die Gelegenheit, mich unauffällig umzusehen, ob irgendwo Osonts Leute uns schon auf der Fährte sind.
Es ist nichts zu sehen. Sie machen es jedenfalls gut genug. Oder es sind nur wenige, die zunächst den Weg zum Rebellendorf aufklären sollen, und die dann in kürzester Zeit die Hauptangriffsgruppe nachholen werden.
Wir kommen an der Lichtung mit dem schrägen Felsen an. Es sind mehr Leute dort als gestern, und die meisten sehen so aus, als ob sie warten. Das tun sie auch weiterhin, denn Orregg, so heißt es, schläft. Man mag ihn nicht wecken, weil er dann sehr ungemütlich wird, und man traut sich auch nicht, ohne ihn mich Erklärungen über die Gleitschirmfliegerei abgeben zu lassen. Wir legen die beiden Gleitschirmpakete sorgfältig in die Mitte des schrägen Felsens und warten. Es ist bald 12 Uhr. Ich lege mich so auf den Boden, daß ich mein Gleitschirmpaket als Kopfkissen verwenden kann. So läßt sich der Verlauf der Zeit besser aushalten, außerdem muß ich ja nach wie vor den Kranken markieren, der jetzt auf seine Gegengiftgabe wartet.
Was wird zuerst passieren? Wird Orregg auftauchen, oder werden Osonts Leute angreifen?
Bis 14 Uhr passiert nichts. Dann gibt es endlich Bewegung in den Umstehenden. Einige stehen auf.
"Ist er wieder da? Ist es das?" Orregg betritt den schrägen Felsen. Einer der Männer deutet auf mich und hebt an, etwas zu erklären. Er gibt gurgelnde Laute von sich. In seinem Nacken steckt ein Pfeil.
50.3 Niederlage
"Weg, weg! Wir werden angegriffen! Ihr da, nehmt die Dinger da mit!" schreit Orregg. Im nächsten Moment setzt ein allgemeines Flüchten ein. Auch ich laufe in die allgemeine Fluchtrichtung mit.
Weitere Pfeile fliegen, jetzt aber mit wesentlich geringerer Trefferwahrscheinlichkeit. Offenbar hat nur eine kleine Gruppe von Osonts Leuten es geschafft, sich unbemerkt anzuschleichen, und die Positionen, aus denen heraus sie das Feuer eröffnen - wahrscheinlich irgendwo im Wald - sind nicht die günstigsten. Sie können ihre Kräfte nicht so schnell entfalten wie die Rebellen die Flucht ergreifen.
Einer stürzt tödlich getroffen, zwei weitere werden verletzt, können aber weiterlaufen. Dann sind wir schon auf kaum identifizierbaren Urwaldpfaden, die weder einen schnellen Lauf noch eine schnelle Verfolgung erlauben. Dabei trennen sich die Leute in verschiedene Richtungen.
Als ich über einen mächtigen, liegenden Stamm klettere, rutsche ich aus und falle in eine Sumpfpfütze - ein richtiger Teich von fast drei Meter Durchmesser. Mir ist nichts passiert, aber als ich wieder herausklettere, sind die Leute, hinter denen ich gerade hergelaufen bin, verschwunden. Ich horche.
Aus den verschiedensten Richtungen des Waldes höre ich Rufe, Schritte und Lärm von Kämpfenden. Auch Schmerzensschreie mischen sich dazwischen. Aber ich kann kein klares Bild über die Lage gewinnen. Ich überlege, ob ich laut Osont rufen sollte, aber das könnte mir auch schaden, wenn mich die falschen Leute zuerst finden. Außerdem möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich wäre auf Osont angewiesen.
Ich suche nach einem Pfad. Jetzt, wo ich allein bin, kann ich keinen solchen mehr finden. Rundherum nur wegeloser Urwald. Ich bewege mich langsamer fort, nicht mehr heftig atmend. Jetzt, nach dieser kurzen Anstrengung, ist mir noch besser als vorhin. Keine merkbaren Ausfälle. Das 'Gift', so bin ich jetzt überzeugt, war wirklich nur Alkohol, nicht einmal mit wesentlichen Spuren von Methanol oder anderen toxischen Substanzen. Ein Rausch nach 15 Jahren Trockenheit - das wird mir nicht schaden.
Wenn ich die Geräusche richtig interpretiere, dann ist zumindestens in meiner unmittelbaren Nähe niemand. Ich fühle mich zunehmend sicherer, als ich auf dem jetzt ansteigenden Urwaldboden weitergehe. Es ist sehr dunkel - hier scheint eine noch geringe Schichtdicke des leuchtenden Nebels zu herrschen.
Der ansteigende Urwaldboden gibt mir die einzige Richtungsvorgabe, da die Geräusche der laufenden Auseinandersetzung aus sehr vielen Richtungen gleichzeitig bei mir eintreffen. Wenn ich mich aus dem Kampfgebiet absetzen wollte, dann könnte ich keine Richtung angeben, die dafür am geeignetsten ist.
Trotzdem entfernen sich die Geräusche im Laufe der Zeit. Der Boden wird zusehends trockener und steiniger, dann treten die Bäume auch weiter auseinander. Deshalb wird es auch wieder etwas heller. Über mir sehe ich die dunkle Höhlendecke, vor mir den Berg, an dessen anderem Hang das Dorf und der Übungshang liegen muß.
50.4 Die alten Palisaden
Bevor der Wald aber völlig aufhört, sehe ich mich, als ich um eine Felsnase herum aufsteige, plötzlich einem Palisadenzaun gegenüber. Wie erstarrt bleibe ich stehen.
Die Vorsicht ist unnötig. Die Anlage ist klein, nicht größer als ein großes Zimmer, und völlig hinter dieser Felsnase versteckt. Ist das eine Einrichtung der Rebellen? Sind welche hier? Unten, aus dem Wald unter den grauleuchtenden Nebelschleiern, hört man immer noch Lärm und Rufen - Osonts Leute kämmen dieses Urwaldstück ganz schön durch. Wenn hinter diesen Palisaden jemand ist, dann müssen die gemerkt haben, daß da unten etwas nicht stimmt.
Es ist leichtsinnig von mir, sich ungeschützt den Palisaden zu nähern. Aber irgendwie habe ich den Eindruck, daß sich hier kein Mensch aufhält.
Ich steige seitlich den Geröllhang zur Felsnase auf. Von dort kann ich in das Palisadengeviert hineinsehen.
Es sind etwa acht mal vier Meter. Die bergseitige Hälfe dieses Palisadenrechteckes wird von einer Hütte mit flachem Dach eingenommen. Diese Hütte hat eine Tür ohne Türflügel. Der Hof vor der Hütte ist leer. Es ist sehr dunkel auf diesem Hof, da das Licht nur auf dem Umweg über die dunkle Höhlendecke der WeltHöhle dort einfällt. Das ist deshalb schon alles, was man erkennen kann.
Von der Felsnase aus herunterkletternd kann ich eine Stelle der Palisaden erreichen, die nur eineinhalb Meter hoch ist - wenig für eine ernsthafte Verteidigung. Und für was stellt man sonst Palisaden her?
Ich sehe mich noch einmal um. Trotz der geringen Höhe über der Wolkenobergrenze - zu Zeiten mögen die Wolken auch höher schwappen, so daß dieses Palisadengeviert im Nebel liegt - kann man weit sehen. Da sind Säulen, die Dutzende von Kilometern von Casabones entfernt sind. Andererseits kann man das Gebiet, aus dem ich gerade aufgestiegen bin, nicht sehen, weil es unter der dünnen Wolkenschicht verborgen liegt. Und in Richtung auf das Dorf der Meuterer zu verdeckt die dunkle Masse des Berges jede weitere Sicht. Ich weiß deshalb nicht, ob die Höhe über den Wolken ein Kriterium für das Aussuchen des Platzes für dieses Bauwerk war.
Die geringe Höhe der Palisaden an dieser Stelle ermöglicht mir, einfach mal hinüberzuklettern. Dabei bin ich mir immer noch bewußt, daß in der Hütte ja jemand sein könnte und mich immer noch beobachtet. Als ich auf den Boden zwischen den Palisaden hinunterspringe, ist deshalb meine nächste Aktion, mit ein paar Schritten in die Hütte hineinzusprinten.
Es ist niemand da. Die Hütte ist leer, was Mobiliar und andere Einrichtungen betrifft. Die Tür und einige Ritzen in der Wand sind die einzigen Öffnungen, durch die ein wenig Licht einfällt - Fenster gibt es nicht. Aber an der Wand lehnen einige Schwerter und einige Bögen. Ich inspiziere sie. Die Schwerter sind in jüngster Zeit geschliffen worden - glaube ich. Oder diese Hütte ist vermöge ihrer Lage nur wenige dutzend Meter über der permanenten Nebelschicht bereits so trocken, daß Eisen hier nicht mehr rostet.
Die Hütte selber, die Balken, die Wände, alles macht einen sehr alten Eindruck. Das Holz ist völlig trocken. Der Boden der Hütte und des Hofes ist einmal mit Sand geebnet worden, aber das meiste ist weggeweht oder türmt sich in den Ecken auf. Einige Steine am Boden entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Knochen - als sehr alte Knochen.
Diese Hütte hat vielleicht gar nichts mit den Rebellen zu tun. Es muß schon in den früheren Zeiten von Casabones Gefangene gegeben haben, die sich abgesetzt und irgendwo in einem Versteck auf Casabones gelebt haben. Vielleicht hat es Zeiten gegeben, in denen auf Casabones harte Fronarbeit geleistet werden mußte, so daß es eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität bedeutete, ein verstecktes Einsiedlerleben zu führen. Den Rebellen traue ich einfach nicht zu, diese kleine Palisadenanlage gebaut zu haben. Zuviel konstruktiver Aufwand, zuviel Mühe. Nein, das waren sie nicht.
Gerade will ich den Hof wieder betreten, als ich draußen Schritte höre. Im Augenblick drücke ich mich im Halbdunkel der Hütte neben der Tür gegen die Wand, flach atmend. Jetzt kann man mich von draußen weder sehen noch hören. Allerdings kann man von demselben erhöhten Standpunkt, den ich benutzt habe, ja in den Hof sehen. Und in dem wenigen Sand, der da liegt, sind meine Spuren fast unübersehbar, trotz der relativen Dunkelheit!
"Ist da jemand?" höre ich von draußen rufen. Keine bekannte Stimme. Also halte ich den Mund.
Die Geräusche sind deutlich: Die Leute da draußen - es sind mehrere - kraxeln den Hang zur Felsnase hinauf. Ich verstehe ein paar Wortfetzen. Danach nehmen sie an, daß tatsächlich in der nahen Vergangenheit jemand hier war. Woraus sie schließen, daß das jetzt nicht mehr der Fall ist, weiß ich nicht. Jedenfalls kannten sie diese Anlage noch nicht, was aber keinen Rückschluß ermöglicht, ob es Orreggs oder Osonts Leute sind.
Ich hoffe, daß sie abhauen. Ein paarmal denke ich, daß sie das auch tun werden, weil ich den Eindruck habe, daß sie in Eile sind. Dann aber höre ich einen dumpfen Aufschlag. Jemand ist über die Palisade in den Innenhof gesprungen, wie ich selbst vor wenigen Minuten. Instinktiv gleitet mein Schwert aus der Scheide. In der nächsten Sekunde betritt ein Mann die Hütte uns sieht sich suchend um.
"Hallo - wie geht's!" sage ich. Er fährt herum, sieht in meine Richung:
Hey, kommt mal her! Hier ist jemand!" Schon hat er ebenfalls sein Schwert draußen.
Ich habe ihn schon einmal gesehen. Es ist einer von Osonts Leuten. Dann kann ich mich auch deutlicher zeigen:
"Ich bin es! Erkennst du mich nicht!" sage ich und trete ins Licht, immer bedroht durch das erhobene Schwert dieses Mannes. Mein eigenes stecke ich zurück. Er steht ohnehin günstiger da.
"Aah!" geht ihm ein Licht auf. In derselben Sekunde höre ich weitere Männer in den Hof springen.
Kurz darauf bin ich umringt. Sie schießen Fragen auf mich ab:
"Was machst du hier? Was ist das für ein Bau?"
"Ich weiß nicht. Ich habe es durch Zufall vor kurzem gefunden - wie ihr!"
"Und warum hast du nicht geantwortet, als wir gerufen haben?"
"Weil ich nicht wußte, ob Rebellen draußen waren oder welche von Osonts Leuten!"
"Tatsächlich! - Und wo kommen diese Schwerter her?"
"Ich weiß nicht!"
"Ist das nicht ein seltsamer Zufall? Wir finden dich in einem Waffenlager der Rebellen!"
"Wenn ich etwas später gekommen wäre, dann hätte ich euch hier gefunden!"
Sie überlegen, ob das logisch ist. Das dauert wie üblich länger.
"Soll Osont entscheiden!" schlägt einer vor, "Wir nehmen ihn mit!"
"Ja, finde ich auch!" pflichte ich bei. Die Männer sehen sich unsicher an.
"Es wird ihm nicht gefallen, daß ihr mich ohne Grund gefangen nehmt."
"Ohne Grund?" überlegt der Mann, der zuerst hereingekommen ist. Mehr sagt er nicht. Ich habe das dumme Gefühl, daß er daran denkt, daß er besser einen guten Grund hätte. Der beste Grund wäre der, daß ich mit den Rebellen kollaboriert hätte. Sicher überlegt er jetzt, ob die Tatsache, daß sie mich in einem Waffenlager des Feindes gefunden haben, Hinweis dafür genug ist.
Jedenfalls muß ich mitgehen. Sie lassen mir mein Schwert und nehmen die Waffen, die in der Hütte stehen, soweit sie brauchbar sind, mit.
Nach einem schnellen Marsch durch den Urwald treffen wir uns mit anderen Gruppen am schrägen Felsen. Der Platz ist nun stark bevölkert. Dort erfahre ich auch, daß Osonts Leute unter den Rebellen fürchterlich aufgeräumt haben. Am Waldrand liegt bereits ein Stapel Leichen, und ich sehe auch gefangene und gefesselte Rebellen, die diese Leichen zum Dorf tragen werden. Es wird wieder reichlich zu essen geben.
Einigen der Rebellen ist es gelungen, zu fliehen. Aber es sind Schätzungen im Umlauf, die darauf hinauslaufen, daß nur noch zehn oder höchstens zwanzig Rebellen auf freiem Fuße sind. Davon sind etliche verletzt. Die werden uns jedenfalls kaum noch Ärger machen.
Ich kann mich frei bewegen. Niemand nimmt von mir Notiz. Man beginnt, aufzuladen und aufzubrechen, um zu Beginn der SchlafPeriode wieder im Dorf zu sein.
Vielleicht habe ich Glück, und der Tatbestand, daß ich in einem seltsamen Waffenlager gefunden wurde, gerät in Vergessenheit. Allerdings gelingt es mir nicht, mit Osont ein Wort darüber zu wechseln. Er hat dauernd irgendwo zu tun, und es werden auch noch einige Gruppen erwartet, die von der Verfolgung der Rebellen noch nicht zurückgekehrt sind.
******** 051. Tag: Sonntag 1995-10-08 ********
51.1 Startverbot
Am nächsten Tag stehe ich um 2 Uhr auf, immer noch müde und zerschlagen, aber nicht mehr vom Alkohol, sondern vom schnellen Rückmarsch gestern. Nachdem die Rebellen vernichtend geschlagen worden waren, hatte Osont die feste Entschlossenheit bekräftigt, sich von nun an durch nichts mehr an den weiteren Fluchtvorbereitungen hindern zu lassen. Der Tag vergeht zunächst wie jeder andere - ich esse, bade in den Sumpfteichen, wo kaum noch Leute arbeiten, weil es kaum noch Schneidgras gibt, dann nehme ich meinen Unterricht am Übungshang wieder auf. Dort erfahre ich, daß wir bereits im Besitz von 210 Gleitschirmen sind - dabei sind die beiden, die bei dem Angriff gestern verloren gingen, nicht mehr mitgezählt.
210 Gleitschirme - das ist bereits etwas mehr als die Anzahl, die Osont für die erste Absprungswelle vorgesehen hat. Ich vermute, daß es jetzt nicht mehr länger als einige Tage dauern kann, bis das Unternehmen in die Wege geleitet wird.
Um 6 Uhr taucht Osont auf. Er möchte mich sprechen. Unverzüglich. Ich beauftrage meine Schüler, sich gegenseitig über das Gelernte zu befragen. Das machen Lehrer in solchen Fällen immer, obwohl kaum ein erfahrener Lehrer sich der Illusion hingeben sollte, daß die Schüler in seiner Abwesenheit wirklich besonders effektiv arbeiten. Dann trete ich mit Osont auf die Seite.
"Herwig, was ist das mit diesem Waffenlager, wo man dich gestern aufgegriffen hat?"
Scheiße. Hat man ihm doch davon erzählt.
"Man hat mich nicht 'aufgegriffen'! Ich habe ein Waffenlager gefunden, und wenig später kam eine andere Gruppe dazu. Das ist alles!"
"Aber du hast sie mit dem Schwert bedroht! Es waren doch unsere Leute!"
"Das konnte ich doch vorher nicht wissen! Ich hatte das Schwert vorsichtshalber in der Hand! Hätte doch jeder von euch auch gemacht."
"Ja, kennst du denn unsere Leute nicht!"
"So gut ist mein Personengedächtnis nicht! Hier sind hunderte von Menschen!"
"Und wie soll ich das den anderen glaubhaft machen?" Osont schüttelt den Kopf: "Ougom, zum Beispiel, hast du persönlich gekannt! Trotzdem hat dich das nicht gehindert, ihn zu erschlagen!"
Jetzt kommt er wieder mit der alten Geschichte. Wie die Irene bei einem Ehekrach: Wenn es einen irgendwie gearteten Dissens gibt, dann tauchen immer wieder Vorfälle aus der Vergangenheit auf und werden erneut durchgekaut und einem vorgeworfen, bis in alle Ewigkeit, Amen. Das Ärgerliche ist, daß im Laufe der Zeit sich immer mehr 'Belastungsmaterial' ansammelt, das in solchen Fällen verwendet werden kann, und gerade dafür hat die Irene ein selektiv gutes Gedächtnis. Ärgerlich ist es dann auch, wenn man selbst nicht Buch führt, um gegebenenfalls analog Argumentationsmaterial parat zu haben, weil man selbst eben nicht so auf das argumentative Erbsenzählen versessen ist. Osont wird allerdings wohl kaum Buch führen - sich an das zu erinnern, was ihm für die momentane Argumentation zweckmäßig erscheint, das ist auch bei ihm seine zweite Natur.
"Sieh es doch mal so:" fährt er fort, "Wir machen eine Strafaktion gegen die Rebellen. Dabei kommen Menschen ums Leben. Viele der Rebellen entkommen trotz unserer Bemühungen, weil wir nicht wissen, wo sie ihre Lager und ihre Vorräte haben. Nur ein einziges Gebäude finden wir. Eines, in dem offenbar Waffen aufbewahrt werden. Und wer ist drin? Du!"
"Zufall!"
"Und du bist derjenige, der mit diesem Mädchen zusammen war, das aus dem brennenden Fort geflohen ist! Du hattest sie zugegebenermaßen dort versteckt! War das auch Zufall? Was für Schlüsse, glaubst du, ziehen die Männer jetzt?"
"Ich weiß nicht, was für Schlüsse ihr ziehen wollt! Ich habe dieses Gebäude durch Zufall gefunden, genau wie diese Gruppe, die nach mir kam! Ich glaube nicht einmal, daß dieses Gebäude unbedingt etwas mit den Rebellen zu tun hat - es sah sehr viel älter aus."
"Schon möglich." sagt Osont, "Oder auch nicht. Auf jeden Fall gibt es viele, die dir nicht mehr trauen."
"Dafür kann ich nichts."
"Und daß wir zwei Gleitschirme verloren haben, das wird dir auch übelgenommen! Zwei Gleitschirme! Du weißt selbst, was da für Arbeit drinsteckt!"
"Die zwei, die ich zu den Rebellen bringen sollte? Aber das war doch abgemacht, daß das eine Kriegslist war! Man mußte damit rechnen, daß diese beiden Schirme bei der Aktion verloren gehen!"
"Ja, mir ist das klar. Mir schon. Aber es gibt Leute, die fragen anders. Die fragen: Der Herwig macht bei einer solchen Aktion mit, und dann geschieht das und das. Wie kommt das? Es wäre natürlich auch ohne dich etwas schief gelaufen. Aber erzähle das diesen Leuten mal! Sie erwarten von mir, daß ich etwas unternehme! Also muß ich etwas unternehmen!"
Was will er unternehmen? Das klingt wieder nach der hierorts üblichen schnellen Personalpolitik. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Sollte ich jetzt wegen solch banalen Mißverständnissen ums Leben kommen? Natürlich will Osont seine Stellung halten. Dem alles zu opfern ist er sicher bereit.
"Jedenfalls," fährt Osont fort, "gibt es böses Blut, wenn du bei der ersten Absprungswelle dabei bist. Es muß sowieso jemand hier bleiben, um die weitere Gleitschirmproduktion zu leiten, und den weiteren Übungsbetrieb. Die meisten gehen ja mit der ersten Welle."
"Soll ich nicht mit abspringen? Aber meine Frau ist da unten!"
"Du wirst doch später abspringen! Du wirst die zweite Welle quasi führen! - Außerdem, deine Frau. Was soll das? Warst du nicht mit diesem Mädchen zusammen?"
"Wenn wir genügend neue Schirme zustande kriegen - das Schneidgras geht zu Ende. Wir bekommen Materialprobleme!"
"Damit wirst du schon fertig!" Selbst wenn nicht, Osont wäre es dann egal, denke ich.
"Außerdem wollte ich von Anfang an bei der ersten Absprungswelle sein - schon wegen meiner Ortskenntnis des Schärenringes! Das war so abgemacht!" Wieviel Einwände muß ich noch bringen?
"Nein. Das ist nicht nötig, und das war auch nicht so abgemacht. Wir haben einige andere, die sich da unten auskennen, weil sie sich noch gut genug erinnern. Außerdem: Sieh das doch einmal so: Die erste Welle wird in Kämpfe verwickelt. Wir machen für euch die Vorarbeit! Wir räumen den Weg für euch frei. Ihr braucht doch bei einem späteren Absprung nur noch zu landen."
Wir stehen weit im Übungshang drin. Alle Augenblicke taucht wieder ein Gleitschirmflieger aus dem Nebel auf. Immer wieder landet jemand in unserer Nähe, wir sehen Männer, die ihre Schirme zusammenlegen und andere, die mit ihren Gleitschirmpaketen wieder nach oben marschieren. Ein routinierter Betrieb, wahrlich - sie sind bereit. Ich habe es mit soweit gebracht. Ich habe ihnen geholfen. Und ich soll nicht dabei sein! Wahrscheinlich will Osont einfach nicht jemanden in seiner Nähe haben, dessen Potential für Popularität zu groß ist. Ich habe in der letzten Zeit jedenfalls keine kritische Haltung mir gegenüber bemerken können. Das mit dem angeblichen Waffenlager der Rebellen, das ich gefunden habe, ist nichts als eine Ausrede. Osont will mich zurücklassen. Das ist alles.
"Ich habe nicht viel Zeit. Ich muß meine Frau finden. Ich muß diese Welt wieder verlassen. Ich muß hinunter!"
"So," sagt Osont, "und wer sollte für dich zurücktreten? Vergiß nicht, daß ihr es wart, die den regulären Weg nach unten zerstört habt. Das ist auch nicht vergessen worden. Ohne euch hätten wir das Problem mit dem Gleitschirmabsprung gar nicht! Wir wären schon lange unten!"
Da kann man kaum etwas gegen sagen. Mir fallen jedenfalls keine Argumente mehr ein.
"Und wann springt ihr jetzt ab?" frage ich.
"Du wirst es als allererster erfahren. Schließlich wirst du dann den Laden schmeißen müssen."
"Ich kann es nicht allein. Ich brauche ein paar Fachleute!"
"Du hast es schon mal alleine gekonnt. Hast du nicht als einziger die Kunde über die Gleitschirmfliegerei hierhergebracht?"
"Die besten Leute sind dann schon weg!"
Osont tritt ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Er geht auf meine Einwände nicht mehr ein.
"Du weißt jetzt jedenfalls Bescheid. Es ist meine Entscheidung, es so und nicht anders zu machen. Du hast keine andere Möglichkeit, als diese Entscheidung zu akzeptieren."
Wir gehen zum Unterrichtsplatz zurück, und Osont entfernt sich danach. Es ist nicht zu erkennen, ob er seinen Triumph, mir Hoffnungen zerstört zu haben, irgendwie genießt, oder ob das für ihn ein routinemäßiger Vorgang war. Ich kann mich kaum noch auf den Lehrstoff konzentrieren. In meinem Kopf gibt es nur einen einzigen Gedanken: Ich muß bei der ersten Absprungswelle dabei sein!
Ich habe das Gefühl, daß ich sonst Casabones nie wieder verlassen werden.
51.2 Letzte Vorbereitungen
Im Laufe des weiteren Tages bemerke ich, daß Osont offenbar angeordnet hat, Gleitschirme persönlich zuzuordnen. Nur einige wenige, die für den Übungsbetrieb notwendig sind, sind davon ausgenommen. Die anderen erhalten gestickte Symbolmarkierungen, die eine Zuordnung zum Eigentümer herstellen, außerdem werden die Eigentümer gehalten, von nun an diese Schirme immer bei sich zu führen. Damit wird auch wieder Platz in den Zelten am Übungshang geschaffen.
Natürlich sucht Osont die Leute, die einen Gleitschirm erhalten, selbst aus oder er läßt sie durch seine engsten Vertrauten aussuchen. Natürlich erhalte ich keinen Gleitschirm. Wie er wohl sicherstellen will, daß ich nicht einen der allgemeinen Übungsgleitschirme nehme?
Die Wirkung dieser persönlichen Gleitschirmzuordnung kann ich schon innerhalb weniger Stunden vielfach beobachten: Plötzlich sitzen an vielen Stellen, wo sie niemandem im Wege sind, Männer und beschäftigen sich intensiv mit der Untersuchung oder Reparatur ihrer Gleitschirme. Da werden sogar Nähte doppelt gelegt, die es eigentlich gar nicht nötig hätten. Jeder kann nun seine eigensten Überlebenschancen so beeinflußen, wie er es wünscht oder für nötig hält. Der Nutzen und die Wirkung des Privateigentums wird so auf eine überraschende Weise demonstriert.
Wahrscheinlich ist auch jedem, der einen Gleitschirm erhalten hat, der Hinweis gegeben worden, daß man diesen schon demnächst im Ernstfall brauchen könnte. Das motiviert ja auch, das Ding in Ordnung zu halten. Würde ich auch tun.
Es gibt auch unzufriedene Gesichter, nämlich die Gesichter von den Leuten, die keinen Gleitschirm erhalten. Und das sind ja die meisten. Der Plan, vorzeitig mit einem Teil der Männer abzuspringen ist zwar nicht publik gemacht worden, aber ich habe den Eindruck, daß diese Idee sich in den Köpfen der meisten, die diese ungleichmäßige Gleitschirmzuteilung bemerken, als vager Verdacht zu formen beginnt. Dann bemerke ich aber auch, daß es zur Kenntnis genommen wird, daß ich auch keinen Gleitschirm habe. Das beruhigt wieder - genau das wird Osont beabsichtigt haben. Vielleicht der Hauptzweck meines Hierbleibens.
Ich denke daran, daß ich mit Osont noch eine Rechnung zu begleichen habe. Schon deshalb darf ich ihn nicht aus den Augen verlieren. Schon deshalb muß ich bei der ersten Welle mit dabei sein. Den ganzen Tag bin ich beim Unterricht unkonzentriert, weil ich ständig überlege, wie ich die Dinge zu meinen Gunsten beeinflußen kann.
Okr, der noch den Übungsbetrieb leitet - natürlich gehört er auch zu den Auserwählten, die einen eigenen Gleitschirm bekommen haben - beginnt, wahrscheinlich auf Osonts Anordnung, die Inventarisierung der Übungsgleitschirme. Das heißt aber auch, daß es schwierig wird, sich einen davon zu nehmen, ohne daß es auffällt. Trotzdem, das wird die Methode der Wahl sein. Frage ist nur, bringe ich schon vor dem allgemeinen Absprung einen Schirm beiseite, oder verlasse ich mich darauf, daß ich rechtzeitig von dem bevorstehenden Vorhaben Wind bekomme und mir erst dann einen nehme, auf die Gefahr hin, daß zu viele andere dieselbe Idee haben und kein Schirm mehr für mich übrig bleibt. Im ersten Falle könnte es schwierig werden, wenn ein Gleitschirm fehlt. Der Verdacht könnte leicht auf mich fallen, wenn nötig, mit Osonts Nachhilfe.
Dann denke ich auch noch an die beiden Gleitschirme, die wir gestern beim Angriff auf die Rebellen mitgeführt haben. Die müssen ja noch irgendwo sein. Selbst, wenn diese nicht mehr in Ordnung sind, könnte man sie in die Inventarisierung der Übungsgleitschirme übernehmen und dafür einen der besten wieder entfernen und verstecken. Würde vielleicht funktionieren und gar nicht auffallen.
Nur habe ich nicht die mindeste Ahnung, wo diese beiden Gleitschirme abgeblieben und in welchem Zustand sie sind. Wenn sie in kleine Stücke zerrissen worden sind oder wenn sie im nassen Dreck gelegen haben, dann sind sie für diesen Zweck auch unbrauchbar.
Die SchlafPeriode rückt näher. Dann könnte ich relativ unbeobachtet etwas unternehmen. Die Zeit drängt.
Die Zeit drängt nicht nur mich. Okr hat, wohl auch auf Anweisung von Osont, eine Bewachung der Übungsfallschirme angeordnet. Da man ja nun wegen der weggefallenen Rebellengefahr nicht mehr so viele Leute mit Wachaufgaben beschäftigen muß, läßt sich das personalmäßig leicht einrichten, auch wenn man dabei aus naheliegenden Gründen nur auf die Gleitschirmbesitzer zurückgreifen kann. Was nun?
Herwig, denk nach. Es sind nur wenige Optionen übriggeblieben. Die lassen sich leicht aufzählen. Und dann muß eine Auswahl getroffen werden.
51.3 Wahlmöglichkeiten
Erstens. Es kann sein, daß nach der ersten Absprungswelle die weitere Gleitschirmproduktion aus den verschiedensten Gründen so desorganisiert wird, daß es keinen weiteren Absprung mehr gibt, oder erst nach unakzeptabel langer Zeit. Ich muß also bei der ersten Welle dabei sein. Ich muß einfach.
Zweitens. Es gibt keine freien Gleitschirme mehr. Die meisten sind einem der Meuterer persönlich zugeordnet, oder es handelt sich um Übungsfallschirme, die jetzt bewacht werden. Dasselbe gilt auch für alle Gleitschirme, die zur Zeit fertiggestellt werden - sie werden sofort in die Lagerzelte am Übungshang gebracht. Es ist mir also zur Zeit nicht möglich, einen Gleitschirm ohne irgendeine Form der Gewalt in meinen Besitz zu bringen.
Drittens. Ich könnte selbst darangehen, einen Gleitschirm herzustellen. Das dürfte aber zu lange dauern, da ich dabei noch nie konkret mitgearbeitet habe. Die Näher, die sowas schon dutzende Male gemacht haben, können das besser. Ich könnte nicht einmal sicherstellen, daß ich das auch alles richtig mache. All die kleinen technischen Einzelinformationen, die im Test- und Übungsbetrieb so nacheinander entstanden sind und die die Schirme sukzessive immer besser gemacht haben, die kenne ich ja nicht. Die Konsequenzen der industriellen Arbeitsteilung, die sich hier herausgebildet hat. - Die Option, selbst einen Gleitschirm herzustellen, entfällt also auch.
Viertens. Der Fluchtweg von Casabones über den schwebenden Berg. Eine rein theoretische Möglichkeit. Ich weiß viel zu wenig darüber, um da überhaupt vernünftig planen zu können. Außerdem möchte ich ja, wenn ich Casabones verlasse, wieder mit Irene zusammenkommen. Ich weiß nicht, in welche Gegenden mich eine Flucht über den schwebenden Berg führen würde.
Es sieht alles so aus, als ob ich mich mit Option 'zweitens' befassen muß. Wenn man mir keinen Gleitschirm gibt, muß ich jemandem einen wegnehmen. Die klassische, notgeborene Kriminalitätsform. Es wird mir nichts anderes übrig bleiben. Nach all dem, was ich bereits in der Welt der GranitBeißer angestellt habe, sollte mein Gewissen dafür eigentlich auch schon flexibel genug sein.
Bleibt nur die Frage zu klären: Wem nehme ich einen Gleitschirm weg, und wann sollte dies geschehen? Ist es sinnvoll, mit den anderen zusammen abzuspringen, oder sollte ich schon vorher aktiv werden? Was mache ich solange, nachdem ich allein den Schärenring erreicht habe? Sollte ich vielleicht den Spieß der Gemeinheit umdrehen und, wenn ich schon als erster das Schärenfort erreiche, die Besatzung warnen? Würde mir das eventuell nützen, rascher wieder zu Irene zu kommen? Wäre das nicht eigentlich die Idee? - Dann müßte ich so bald wie möglich abspringen. Am besten noch in dieser Nacht.
51.4 Osonts Gemetzel
Abends, nach dem Unterricht und dem Essen, so um 20 Uhr, gehe ich zu einem Platz jenseits der Sumpfteiche, wo der Nebel mich vor den Blicken der Leute, die sich gerade auf dem freien Platz bei den Sumpfteichen zum Schlafen begeben, verbirgt. Mit Steinen verschiedener Größe schleife ich mein Schwert unter Wasser. Ich will die größtmögliche Schärfe haben. Vielleicht wird es notwendig werden, sogar Knochen schnell und lautlos zu trennen. Schnell und lautlos - das wird überhaupt das Kriterium sein, das den Erfolg bestimmt. Wem immer ich einen Gleitschirm wegnehme, den muß ich wirkungsvoll an überflüssigen Zeter und Mordio hindern.
Merkwürdig. Wenn man sich erst einmal entschlossen hat, dann gibt es wenig Skrupel. Besonders, wenn es sowieso keine gewaltfreien Optionen gab. Und trotzdem muß ich mir immer wieder klarmachen, daß so ziemlich alle hier ausnahmslos an Charmions Tod mitschuldig sind, und wenn sie nur neugierig das Kreuz angesehen haben. Wird es dann nicht egal, wen es erwischt?
Ich arbeite sehr konzentriert und genau an meinem Schwert und nehme mir viel Zeit dabei. Ich darf ja auch nicht zu laut werden, was die Sache zusätzlich verlangsamt. Ich fürchte, das Schleifen des Schwertes wird mich einige Stunden beschäftigen. Schlafverlust spielt jetzt keine Rolle. Das Schwert muß scharf werden. Eine klare, saubere, technische Aufgabe: Die Schneidenrundung der Schwertklinge muß gleichmäßig über deren ganze Länge in den Mikrometerbereich gebracht werden. Leider gibt es unter dem trüben Himmel dieser Welt keine punktförmigen Lichtquellen. Dann wäre es nämlich möglich, nachzusehen, wo die Schneidenvorderseite noch Licht reflektiert - dort ist die Rundung noch nicht fein genug und dort ist noch weitere Arbeit nötig. So, unter den gegebenen Umständen, muß ich Schneidexperimente mit Schilfhalmen machen, wobei jeder Zentimeter der Klinge geprüft wird.
Ich prüfe auch die Garotte, die ich immer noch unter dem Rock bei mir trage. Die ist in Ordnung, aber ich habe sie noch nie verwendet. Ich denke, mit dem Schwert habe ich bessere Aussichten.
Irgendwann, als mir das Schwert scharf genug erscheint, bemerke ich wieder eine Unruhe aus der Richtung des allgemeinen Schlafplatzes, obwohl die SchlafPeriode schon einige Zeit andauert. Es vergeht ein Moment, bis ich die Bedeutung dieser Geräusche erfasse: Dort wird geweckt! Es geht los - der Marsch zum Absprungshang beginnt jetzt gerade! Es ist soweit! - Da kann ich mir aber gratulieren, daß ich noch wach bin und es gleich gemerkt habe.
Ich springe auf und wische das Schwert trocken. Die Geräusche des Abmarsches da drüben am See sind irgendwie merkwürdig. Das sind nicht nur die Geräusche von Leuten, die leise geweckt werden, um die anderen, die keine Gleitschirme haben, nicht mit zu wecken. Da ist irgendwie mehr los. Plötzlich habe ich die Vision, daß Osonts Auserwählte dabei sind, die Schlafenden, die nicht mitkommen sollen, zu töten, wer weiß, vielleicht um unnötige Fragen über diesen Absprung zu unterbinden oder anderen Hindernissen vorzubeugen. Müßte man vielleicht damit rechnen, daß die Nichtbesitzer von Gleitschirmen in ihrer Mehrheit den Absprung verhindern würden? Wäre es aus Osonts Sicht logisch, aus vielen, potentiell gefährlichen Nichtbesitzern präventiv wenige zu machen?
Kaum, daß ich die Idee habe, bin ich fast sicher, daß es so ist. Da drüben werden Menschen im Schlaf gemordet. Vielleicht nicht alle, nur so viele, daß Osont in dieser Nacht, der Nacht des Absprunges, keine Schwierigkeiten kriegt.
Vollständig sicher bin ich erst, als ich ferne Schreie höre. Die kommen vielleicht von Übungshang, aber genau kann ich das nicht sagen. Gelegentlich verschluckt der Nebel das Stimmengewirr vollständig, und dann werden es sowieso wieder weniger Stimmen.
Wie gut, daß der Nebel mich versteckt. Jedenfalls werde ich mich auf meinem Weg zum Übungshang im Wald halten. Das wird Streß - hoffentlich komme ich noch rechtzeitig an. Bis dahin darf mich niemand sehen.
Es ist tatsächlich Streß - auch wegen der Orientierung. Mein rasch geborener Plan ist, schneller als alle anderen zur Schlucht zu kommen, um dann den Schluchtweg als erster in Richtung Absprungshang nehmen zu können. Aber immer, wenn ich mich dem Weg zwischen Sumpfteichen und Absprungshang zuweit nähere, höre ich, daß dort Menschen laufen. Sie sind genauso schnell wie ich. Überholen ist kaum möglich.
Erst auf dem Weg zwischen der Stelle, wo man die Schlucht verläßt, und dem Absprungshang selbst wird es ruhiger. Tatsächlich komme ich als erster am Absprungshang an und habe so Gelegenheit, mich im Waldrand zu verbergen. Nun muß ich die weitere Entwicklung beobachten, um mich für mein Opfer zu entscheiden. Dabei bewege ich mich parallel zum Waldrand weiter, um erstens meine Deckung noch zu verbessern und zweitens zu einem entlegeneren Teil des Absprungshanges zu kommen. Es wird kaum möglich sein, aus der Mitte der Meuterer einen Gleitschirm in meinen Besitz zu bringen. Ich muß mich um einen kümmern, der abseits steht.
51.5 Aufstellung
Der Nebel ist heute erfreulich dicht. Nicht schön für das Gleitschirmfliegen, aber so ist es nicht möglich, den ganzen Absprungshang zu überblicken. Insbesondere ist das auch für Osont nicht möglich.
Es vergehen nur einige Minuten, bis ich am anderen Ende des Absprunghanges wieder Geräusche höre. Dann tauchen die ersten Gestalten aus dem Nebel auf.
Bald steht eine ordentliche Gruppe von vielleicht 220 Leuten beisammen. Eine dichte Menschentraube. Jeder trägt einen zusammengelegten Schirm und weiteres Ausrüstungsmaterial. Jeder hat ein Schwert. Bögen kann ich nur wenige sehen - die Versuche, während des Gleitschirmfliegens mit dem Bogen zu schießen, waren nicht erfolgreich genug.
Osont verschafft sich Gehör. Der Rand der Gruppe ist weniger als hundert Meter von mir entfernt, trotzdem kann ich nicht alles hören, was er sagt.
Ich verstehe, daß es offenbar gelungen ist, sich von der Menge der restlichen Meuterer so abzusetzen, daß die, die lebendig zurückgeblieben sind, nicht wissen, wo diese Menschen hingegangen sind. Es hat in der Tat Tötungen gegeben - wer von den Unbeteiligten an den Sumpfteichen beim Wecken der zum Absprung auserwählten zufällig erwachte, wurde rasch und lautlos umgebracht. Ich bin froh, daß ich das nicht gesehen habe. Was sind das für Menschen - das waren doch ihre Mitgefangenen, mit denen sie solange zusammengewesen sind und mit denen sie die Gleitschirmproduktion auf die Beine gestellt haben! Wie hat Osont sie zu diesen Kameradenmorden motivieren können?
Wieviele umgebracht wurden erfahre ich nicht. Was jetzt wichtiger ist, ist der Absprung. Osont möchte einerseits möglichst alle gleichzeitig in der Luft haben, um unten auch möglichst gleichzeitig anzukommen. Andererseits bietet der Hang nur eine Länge von einigen hundert Metern, von denen man abspringen kann. Wenn alle 220 gleichzeitig starten, dann würden sie reihenweise im Nebel kollidieren.
Es werden zwölf Riegen gebildet, wie beim Sportunterricht in der Schule. In jeder Riege stehen 18 bis 20 Mann. Die Riegen sollen sich auf den ganzen nutzbaren Hang verteilen, daraus folgt, daß sie eine Abstand von vielleicht 20 Metern voneinander haben werden. Auf Zuruf soll es dann losgehen, jede Riege für sich: Ein Absprung, der nächste legt seinen Schirm aus, dann startet der, dann legt der nächste seinen Schirm aus und so weiter. Auf diese Weise sollten alle 220 Mann innerhalb von drei bis fünf Minuten in der Luft sein. Wer Schwierigkeiten hat, soll seitlich raustreten, die anderen vorlassen und derweil Schirm richten. Ganz einfach. Osont betont mehrfach, daß das ganz einfach ist. Damit niemand auf die Idee kommt, es wäre nicht einfach.
Ich bewege mich weiter zum jenseitigen Rand des Absprunghanges. Ich weiß jetzt auch, was ich tun muß:
Ich werde mir die äußerste linke Riege vornehmen. Wenn dort alle abgesprungen sind bis auf den letzten, dann werde ich aus dem Wald herausstürzen und diesem den Schirm wegnehmen. Zu dem Zeitpunkt sollten nur noch wenige Männer in Sichtweite vorhanden sein, und alle sollten sich intensiv mit ihrem Schirm beschäftigen. Hoffe ich.
Ich nehme meinen Platz ein, bevor sich die Riegen aufstellen. Deshalb höre ich den Rest der Erklärungen von Osont nicht mehr. Ich weiß nicht, ob ich dabei etwas Wichtiges versäume.
Dann stehen die Männer auch schon bereit. Von meinem Standpunkt aus kann ich sehen, daß die jeweils ersten den Schirm auf dem Boden ausbreiten und sich startbereit aufstellen. Wegen des Nebels sehe ich nur die drei Riegen an der äußersten, linken Seite. Wenn ich vorstürze, werden es zwei oder drei mehr sein, das heißt also, daß ich damit rechnen muß, daß mich vier bis sieben Männer bei meinem Tun bemerken können. Wenn diese es nicht vorziehen, abzuspringen anstatt mich zu bekämpfen, dann bin ich in Schwierigkeiten. Vielleicht sollte ich mehrere Riegen im Auge behalten - da ja nicht alle gleichzeitig fertig werden, habe ich es dann nur noch mit dem allerletzten Nachzügler zu tun. Ich werde sehen, wie die Situation sich entwickelt.
Nun stehen alle bereit. Ich weiß nicht, worauf sie warten. Irgendwo redet noch jemand, Kommandos werden weitergegeben. Höre ich Osonts Stimme?
Die Zeit steht noch etwas still. Immer noch und schon wieder das ungute Gefühl in der Magengegend, es könnte im letzten Moment noch etwas dazwischen kommen und der Absprung verzögert sich. Oder es wird aus irgendeinem Grunde ganz unmöglich - und wenn es nur aus einer Laune des allmächtigen Osont resultiert. So, ungefähr so war mir bei meinem allerersten Flug in einem gewöhnlichen Verkehrsflugzeug zumute: Ich dachte, gerade jetzt könnte etwas passieren, was diesen Flug verzögert oder unmöglich macht, und dann war es nichts mit meinem ersten Flug. Das war natürlich Unsinn - für die Besatzung und die mitreisenden Vielflieger war dieser Flug nicht anders als viele andere. Jetzt allerdings, bei dem kommenden Flug, steht doch etwas mehr auf dem Spiel.
Zeit zum Nachdenken, unbeabsichtigter Zeitverschnitt des Schicksals. Herwig, das war Casabones. Du wirst nie wieder hierherkommen. Hier bist du mit Charmion so nahe zusammengewesen wie überhaupt Menschen nur zusammenkommen können, und hier hast du tatenlos zugesehen, wie sie auf scheußliche Weise umgebracht wurde. Sie hat dich gesehen, wie du nur rumgestanden bist und nichts unternommen hast. Hier hast du eine beispiellose Fluchtaktion in die Wege geleitet, aber auch viele Menschenleben geopfert, nicht nur das von Charmion, und manche davon nur durch pure Tapsigkeit. Hier ist soviel geschehen, daß noch nicht genug Zeit war, das alles einzuordnen. Hast du hier versagt, oder hast du hier geglänzt? Was hättest du besser machen können? Wo ist Schuld bei dir, und wo bei den anderen?
Verfluchter Boden dieses Landes. Ich will hier weg. Kein Bilanzieren, gerade jetzt. Ich bin kein Tarzan, der edle Held des Urwaldes. Ich bin auch kein Philosoph. Habe ich nie von mir behauptet. Ich bin ein Tourist. Ich will weg hier, wollte niemals hierherkommen. Charmion, warum hast du dich mit mir eingelassen?
Jedenfalls wird deine Grabstätte ruhig werden, Charmion, ob jetzt dieser Absprung gelingt oder nicht. Es gibt keinen Weg mehr auf Casabones hinauf, und eine reine Männergruppe - alle zusammen oder nur die, die jetzt zurückbleiben - kann sich wohl kaum vermehren. In fünfzig Jahren spätestens lebt keiner mehr. Das ist wenigstens sicher. Ich muß nur noch sicherstellen, daß nicht auch meine Knochen dann irgendwo hier im Urwald liegen. Vielleicht am Ufer des Sees, neben Charmions Grab, stelle ich mir vor. Es wäre sowieso das logischste, den Rest meines Lebens an Ooms Platz zu verbringen, wenn mich etwas für immer hier festhalten sollte.
Da vorne steigen plötzlich, vor den Riegen, die ersten Schirme auf. Ich war schon wieder in Gedanken und habe die eigentlichen Kommandos überhört. Herwig, paß auf! Jetzt kommt es auf Sekunden an! Du sollst nicht hierbleiben, und es hängt nur von dir ab!
Das Getrappel der anlaufenden Gleitschirmflieger kommt hier nur sehr gedämpft an. Die Riegen springen natürlich nicht synchronisiert, sondern jede für sich, so schnell sie eben können. Bei einer sehe ich bereits den zweiten Schirm aufschweben. Von hier aus kann ich aber nicht mehr sehen, wie sie in den Nebel hinein abfliegen, da das bereits hinter der Rundung des Hanges geschieht und der Nebel sowieso zu dicht ist.
Jetzt sind schon etwa drei von jeder Riege unterwegs. Es geht tatsächlich schnell und routiniert. Schließlich ist der Start genauso einfach wie am Übungshang dutzendfach geübt, nur danach wird es eine viel längere Flugdauer geben, und niemand weiß, was uns bei der Landung erwartet. Da sich jeder beim Auslegen seines Schirmes umdreht, kann ich den Waldrand nicht zu früh verlassen. Die Spannung ist unerträglich.
Zufällig werfe ich einen Blick auf die Uhr. Oben, bei uns, nähert sich Mitternacht und der 9. Oktober. Und da vorne schweben die vierten und fünften Schirme auf. Es geht alles reibungslos.
******** 052. Tag: Montag 1995-10-09 ********
52.1 Gleitschirmraub
Die Männer haben wirklich gut geübt. Es gibt keinerlei Störungen durch irgendwelche technischen Probleme. Ich kann stolz sein. Wenigstens etwas. Die sechsten bis neunten Schirme schweben auf. Vielleicht sind einige der Riegen, die ich im Nebel nicht sehe, schon zur Hälfte fertig.
Die Männer, die jetzt noch dastehen, sind alle aufgeregt. Alle wissen, daß dieser Sprung lange dauern wird. Ein langes, vielleicht geruhsames Fliegen nach unten, dann vielleicht Hektik und Kampf. Sie haben fast alle am Gleitschirmfliegen Spaß gewonnen. Und auf die Freiheit warten sie auch alle, was immer jeder einzelne sich davon versprechen mag, und alle glauben, daß das große Unternehmen gelingen wird. Das ist jetzt das Erlebnis ihres Lebens, und das Erlebnis, das ihr weiteres Leben - so glauben sie - lebenswert machen wird.
In einer der Riegen stehen jetzt nur noch vier Männer, in der daneben neun. Weitere Schirme schweben auf. Bevor die nächste Minute um ist, ist eine Riege bereits ganz fertig. Es bildet sich ein leerer Platz zwischen der zweiten Riege von links und der vierten, die ich im Nebel nicht sehen kann. Da entscheiden sich einige der Männer, die in den Nachbarriegen ganz hinten stehen, diesen leeren Platz zu nutzen. Das verkürzt die Zeit, die ich noch habe. Ich fasse mein Schwert fester.
Jetzt sind noch sieben Menschen in drei Riegen in dem Bereich, den ich überblicken kann. Drei weitere Schirme schweben auf. Es sieht so aus, als ob es Jahrhunderte alte Fertigkeiten wären, die hier geübt werden. Niemand käme auf die Idee, daß es erst zwei Wochen her ist, daß in der Welt der GranitBeißer jemand das erste Mal fliegend den festen Boden unter den Füßen verloren hat. Noch vier Menschen. Zwei davon ganz links. Ich stehe auf und verlasse leise den Waldrand, als die drei nächsten ihren Schirm ausgelegt und sich zum Anlauf wieder umgewendet haben. Als sie losrennen, dreht sich der letzte noch einmal um. Er sieht mich sofort.
Jetzt geschieht alles sehr schnell. Ich lege die Finger auf die Lippen. Er sieht verwundert mein Schwert an, dann begreift er. Er zieht seins. Ich springe vorwärts. Derweil laufen die drei anderen an. Die können nicht mehr umkehren, selbst, wenn sie jetzt einen Blick zurückwerfen würden und mich sähen.
Ich bin schneller, und mein Schwert ist besser. Der Mann ist gar nicht auf Kampf eingestellt. War er doch eben noch voller Erwartung auf den langen Flug, dachte an seine Aufziehleinen, die günstigste Methode, den Schirm auf diesem Hang auszulegen, dachte an das, was er sehen würde, wenn er erst die Wolkendecke über sich gelassen haben würde. Und jetzt rennt jemand auf ihn zu und fuchtelt in bedrohlicher Weise mit einem Schwert rum.
Seine Reflexe sind da, wenn auch zu langsam und zu spät. Er holt noch aus, als er von meinem Schwert quer über die Brust getroffen wird. Mit einem fürchterlichen Schrei sinkt er zusammen. Die Verletzung tötet ihn schnell. Und mein Schwert hat seine Brustgurte zerschnitten. Sein Schirm ist unbrauchbar.
Ich gerate in Panik. Jetzt ist niemand mehr in meiner direkten Sichtweite. Die gerade Abgeflogenen hat der Nebel soeben verschluckt, aber die nützen mir jetzt sowieso nichts. Ob sie mich noch bemerkt haben? Egal. Ich renne in Richtung der anderen Riegen los. Es können doch noch nicht alle fertig sein!
Sind sie auch nicht. Es ist Riege fünf. Da steht noch einer, der sich gerade in aller Ruhe fertig macht. Entweder, er hat den Schrei eben nicht gehört, oder er hat ihn anders interpretiert. Ich rufe ihn an, und er dreht sich erstaunt um.
Es ist Okr.
"Schirm ablegen!" sage ich.
"Was? Warum denn?"
"Weil ich ihn haben will!" Und ich mache mit meinem Schwert eine unmißverständliche Bewegung. Er sieht das Blut von meinem Schwert tropfen.
"War das eben ..."
"Ja. Schirm her!"
Zögernd legt er seinen Schirm ab. Ich halte mein Schwert schlagbereit. Ich möchte Okr nicht umbringen, gerade ihn nicht, aber wenn es denn sein muß - ob er damit rechnet, daß ich bei ihm Hemmungen haben würde?
"Was hast du vor?" fragt er.
"Laß dein Schwert fallen! Laß alle deine Sachen fallen! Langsam!" befehle ich. Er tut wie ihm geheißen.
Ich lege die Gurte seines Schirmes an. Okr ist der Fachmann für Gleitschirme - ich nehme an, sein Gleitschirm dürfte einer der am besten gewarteten sein. Das kann ich wohl als Glücksfall betrachten.
Okr sieht mich bekümmert an. Ich bin versucht, ihn zu trösten:
"Diesmal wirst du nicht mitfliegen! Du wirst das tun, was Osont für mich vorgesehen hat, nämlich die Schirme weiter produzieren und irgendwann die nächste Absprungswelle zu führen. Du kannst es. Gerade du! Es sind deine Leute. Es ist deine Pflicht!"
Okr kommt näher. Ich warne ihn mit meinen Blicken. Merkt er das nicht?
"Es gibt keine Schirme mehr! Osont hat Feuer an die Papierherstellungsmaschinen legen lassen! Die restlichen Feinholz und Schneidgrasvorräte sind auch verbrannt, und auch die meisten Seile!"
"Warum das denn?" frage ich entgeistert.
"Ich weiß nicht. Er hat persönliche Feinde unter den Meuterern. Die sollten für alle Zeiten hier bleiben. Glaube ich. Er hat uns wenig erklärt."
"Das heißt ja, es dauert elendiglich lange, bis wieder eine Gleitschirmherstellung möglich ist! Heh! Bleib da stehen, wo du stehst, sonst ..."
Okr bleibt stehen. Er weiß es, und ich weiß es: Einer von uns bekommt diesen letzten Gleitschirm, und der andere bleibt hier. Für immer. Oder auch nicht:
"Okr, da hinten liegt einer eurer Männer, dem ich einen Gleitschirm wegnehmen wollte. Das ist der, der so geschriehen hat. Die Brustgurte sind zerschnitten, aber sonst ist der Schirm in Ordnung. Es kostet nur etwas Arbeit. Kein Problem für dich. Versuch nicht, mich anzugreifen! Ich würde dich töten! Den Schirm da hinten könntest du aber in einigen Stunden wieder einsatzbereit haben!"
Er sieht mich zweifelnd an. "Warum machst du es nicht?"
"Ich bin in Eile."
"So."
"Bitte, Okr. Nimm den Schirm dahinten. Das ist der allerletzte auf Casabones, wenn Osont tatsächlich die Papiermaschinen zerstört hat! Und jetzt stell dich da drüben auf, da, wo ich hinzeige."
"Da?"
"Ja. Komm mir nicht beim Start in die Quere. Du würdest es bitter bereuen. Sowie ich weg bin - da ist dein Gepäck, und da hinten ein Schirm. Geh zum Reparieren in den Wald, damit dich niemand findet. In ein paar Stunden bist du unterwegs!"
Okr stellt sich, wie ich es ihm angedeutet habe, schräg rechts vor mir auf, in etwa zwanzig Metern Entfernung.
"Doppelt soweit weg!" sage ich. Er tut es.
Der Schirm sitzt. Ich prüfe seine Lage am Boden. Dann stecke ich das Schwert in die Scheide, positioniere es sauber an meiner Seite, damit ich nicht gerade beim Anlauf darüber stolpere, und nehme die Aufziehleinen in die Hand. Schweres Gepäck wie die anderen habe ich nicht. Wird vielleicht einiges einfacher für mich machen. Okr steht so, daß ich ihn die ganze Zeit, solange ich noch Bodenkontakt habe, beobachten kann.
"Noch etwas weiter zurück!" rufe ich. Ich glaube es zwar nicht, aber wenn er auf die Idee kommt, zu seinem Gepäck zu rennen, sowie ich den Anlauf starte, dann könnte er mir noch gerade sein Schwert hinterherwerfen.
Apropos Schwert - trägt er ein Messer, das er von dort, wo er jetzt steht, werfen könnte? Ich kann keines sehen. Egal. Ich muß es riskieren.
"Dreh dich jetzt um und sieh in die andere Richtung!" rufe ich. Er tut es. Er geht kein Risiko ein - er liebt auch sein Leben, und eine mögliche Option für ihn habe ich ihm ja genannt - wenn er auch noch nicht weiß, ob ich die Wahrheit gesagt habe. Wer weiß, was für Gedanken ihm jetzt durch den Kopf gehen mögen. Ich an seiner Stelle wäre schon dabei, mir Optionen für den Fall zu überlegen, daß die Aussage, daß etwas weiter am Hang noch ein im Prinzip reparierbarer Gleitschirm liegen soll, auch nicht stimmt. Was bleibt denn dann? Vielleicht gibt es in den Zelten am Übungshang und bei den abgebrannten Papiermaschinen noch genügend Stoffreste, um sich einen Schirm zu schneidern. Dann sind da auch noch die beiden Schirme, die bei dem Überfall auf die Rebellen abhanden kommen sind. Vielleicht findet sich sogar im Dorfe noch brauchbares Material. Seine Chancen sind nicht schlecht, und er weiß das. Nur eine schnelle Flucht von Casabones wird es für ihn nicht mehr geben.
Ich ziehe die Aufziehleinen und laufe los. Der Schirm hinter mir schwebt auf. Nach ein paar Schritten ist er über mir. Der Hang geht abwärts, und ich spüre schon die Kraft des Schirmes, die mich gleichzeitig bremsen und heben möchte. Ich sehe nach rechts zur Seite: Okr hat sich wieder umgedreht. Er tut aber nichts, sondern sieht mir einfach zu. Sein Gesicht ist nicht zu interpretieren.
Der Hang wird steiler. Er ist sehr uneben, und ich muß aufpassen, wo ich meine Füße hinsetze. Ich ziehe die Bremsleinen weiter an, und schon hebt mich der Sitzgurt ab. Die Unebenheit des Hanges stört mich nicht mehr.
"Lebe wohl, Okr!" rufe ich über die Schulter zurück. Er steht immer noch reglos im Nebel, der uns in wenigen Sekunden völlig trennen wird. Das ist das letzte, was ich von ihm sehe. Jetzt muß ich mich auf das Geradeausfliegen konzentrieren - solange ich noch Boden sehe, muß ich herausfinden, ob dieser Schirm zu asymmetrischen Flugverhalten tendiert. Ich möchte nicht an einer tieferen Stelle wieder mit dem Hang kollidieren.
Die Flugeigenschaften dieses Schirmes sind gut. Wenn er Kurven fliegt, dann sind diese so weit, daß ich schon unter der Wolkendecke sein sollte, bevor sie mich zum Berg zurückführen. Wenn jetzt nichts Unerwartetes mehr passiert, etwa eine schlechte Wetterlage, die eine lange Flugstrecke völlig innerhalb der tieferliegenden Wolkenschichten erzwingt, ohne jede Möglichkeit, sich zu orientieren und die Kollision mit dem Pilzberg gezielt zu vermeiden und vielleicht die Schäreninseln zu erreichen, dann sollte der Flug sicher vonstatten gehen.
Jetzt sehe ich nichts mehr von Casabones. Die große Reise hat begonnen. Für einen Moment bin ich wieder optimistisch, trotz der nachtschlafenen Zeit, daß es gut ausgehen wird, daß ich eines Tages wieder in die Sonne treten werde. Diesen Ort habe ich für immer hinter mich gelassen.
"Charmion, siehst du mich?" frage ich, "Du hast gesagt, ich soll heimgehen. Jetzt gehe ich heim. Wie du gesagt hast, Siehst du mich? Sieh nur!"
Niemand antwortet mir. Über mir ist nur das Rauschen des Schirmes, und rundherum, in jeder denkbaren Richtung, der gleichmäßig graue Nebel. Ich bin sehr allein, in diesem Moment. Und doch bin ich stolz. Ich bin unterwegs nach Hause!
"Charmion." flüstere ich. Jetzt könnte ich nicht einmal mehr zu ihrem Grab zurück, wird mir plötzlich klar. Aber was heißt das überhaupt? Was von ihr übrig ist, das wesentliche, ist in meinem Gedächtnis. Vielleicht ist mein Gedächtnis das einzige, in dem noch so viel von Charmion übrig ist, denn wer war ihr denn sonst noch so nahe? Dann ist in meinem Kopf jetzt alles, was sie überhaupt hinterlassen hat. Die letzte Spur ihrer Existenz. Eine Überlieferung, die niemanden mehr außer mir interessieren wird.
Und was ist überhaupt der Ort, an dem ein Mensch gestorben ist? Die Erde dreht sich, sie kreist um die Sonne, das Sonnensystem kreist um das Zentrum der Galaxis, und unsere Galaxis fegt mit großer Geschwindigkeit dahin. Der Ort von Charmions Tod ist doch längst in einer leeren Gegend des Weltraums, viele Lichtstunden entfernt. An dem Ort erinnert nichts mehr an Charmion, nichts an die WeltHöhle, nicht einmal an die Erde.
Also, was soll ich bei ihrem Grab? Charmion ist jetzt ein Teil von mir, und ich muß am Leben bleiben. Das Leben aber liegt irgendwo da vorne, wo ich jetzt hinfliege.
52.2 Unter dem Dach der Welt
Ich weiß nicht, ob nur Dutzende von Sekunden oder sogar viele Minuten vergangen sind, als sich unter mir endlich die Nebel öffnen. Innerhalb weniger Augenblicke bin ich im Freien. Von einem Moment zum anderen ist die Aussicht atemberaubend, denn das Wetter ist so klar wie man es sich für diesen Flug nur wünschen kann.
Ich habe die gerade Flugrichtung leidlich gut gehalten. Eine leichte Linkskurve ist alles. Deshalb sehe ich jetzt zur Linken die mächtige Unterseite des Pilzes von Casabones, während der Stamm des Berges tief da unten ist und aus perspektivischen Gründen von hier aus viel zu schwach aussieht. Als ob der Pilzberg sich jeden Moment zu mir hinüber neigen und in meine Richtung kippen könnte. - Jedenfalls fliege ich so, wie wir das geplant haben.
Unter mir, senkrecht und schräg nach vorne, sehe ich die Inseln des Schärenringes und zahlreiche helle Tupfer - die anderen Gleitschirmflieger, die mir ja alle einige Flugzeit voraus haben und die alle etwas schneller fliegen, weil sie schwerer bepackt sind. Der Horizont ist mit den merkwürdigen kilometerdicken Säulen umstellt, die aus dem See herauswachsen und in der leuchtenden Wolkendecke, die noch dicht über mir ist, verschwinden. Hinter mir gibt es in großer Entfernung eine Gegend, in der die leuchtende Wolkenschicht schwächer ausgeprägt ist und teilweise fehlt, offenbar, weil die obere Höhlendecke stellenweise niedriger als das übliche Niveau der leuchtende Wolkendecke ist. Ich erinnere mich an diese Erscheinung - ich glaube, es war im Westen von Casabones. Diese Aussicht, so surrealistisch sie ist, erscheint mir jetzt altvertraut.
Zwischen der Wolkenunterseite, die etwa bei 4600 bis 4800 Meter über dem Meer sein muß, und dem Meer selbst gibt es zur Zeit keine weitere Wolken- oder Nebelschicht. Deshalb ist die Sicht in alle Richtungen ungehindert und weit. Wenn wir Pech gehabt hätten, dann hätten wir auch, bei ungünstiger Wetterlage, bis zum Meer im Nebel bleiben können.
Die Wolkendecke, in deren tiefere Ausläufer ich im Prinzip immer noch kurzzeitig eintauchen könnte, erinnert mich an ein Erlebnis, das ich vor 15 Jahren in Schottland hatte. Es war so beeindruckend, daß ich auch jetzt noch genau das Datum weiß: Es war der 24. August 1980. Ich hatte den Ben Loyal im Nordwesten Schottlands bestiegen. Keine große Sache, nichts alpines, es waren nur vier Stunden strammes Marschieren und Steigen durch moorige Hänge notwendig. Dann aber zeigte sich, daß ich in eine ungewöhnliche Wetterlage hineingeraten war.
Es war ein vollkommen windstiller Tag, und es gab eine nahezu geschlossene, aber dünne Wolkendecke, deren Untergrenze gerade eben den Gipfel des Ben Loyal berührte oder nur einige wenige Meter frei ließ. Das bewirkte den Eindruck, sich in einer riesigen Halle aufzuhalten, eine Halle, die so groß wie der ganze Norden des Hochlandes war, und ich hatte in dieser Halle einen besonderen Aussichtspunkt ganz dicht unter der gleißend hellen Hallendecke.
Die Luft war sehr klar und der Blick weit. Ich konnte große Teile von Sutherland sehen, Cape Wrath im Nordwesten, den Kyle of Tongue im Norden, große Teile von Caithness im Osten, wo die Sonne verstärkt durch die Wolkendecke durchbrach und dadurch den Eindruck eines helleren, verheißungsvolleren Landes schuf, und im Nordosten, am Horizont, die Orkney-Inseln. Die meisten Einzelheiten der Nordküste von Großbritannien lagen vor mir, identifizierbar wie auf einer Landkarte.
Vom Südosten bis zum Westen wurde die Sicht durch die kahlen Berge Sutherlands und die öden Täler dazwischen begrenzt, kaum daß diese dem Glauben Platz ließen, daß irgendwo dahinter fruchtbarere Täler zu finden seinen, und in größerer Entfernung die grüneren Ebenen der Lowlands mit ihren lebendigen Städten. Ich konnte dort das Loch Naver und ein paar andere Seen reglos liegen sehen, und außer einer Straße im Tal gab es nichts, was von Menschenhand gemacht war - naja, wenn man nicht weiß, daß die Kahlheit des schottischen Hochlandes durchaus auf historischen heftigen forstwirtschaftlichen Raubau zurückzuführen ist.
Genau im Westen verbarg der Ben Hope, der höchste Berg der Region, sein Haupt in drohenden Wolken. Wie oft im Hochland war das nur eine Impression der Drohung, von diesen Wolken ging an diesem Tage nicht einmal ein Unwetter aus. Sie blieben einfach dort.
Zusätzlich bewirkte die Windstille, daß ich auch noch die kleinsten Geräusche über gewaltige Entfernungen hören konnte. Da waren Bäche, die in weit entfernten Tälern über die Steine rieselten, und da war das klagende Blöken von wenigen, einsamen Schafen, irgendwo ganz weit weg. Sehen konnte ich sie jedenfalls nicht. Motorisierten Verkehr konnte ich nicht hören, obwohl eine Straße der Nordküste folgt - diese ist aber nicht sehr befahren. Die klagenden Dudelsack-Klänge, die laut Prospekten des Tourist-Office gelegentlich von ferne über die kahlen Hänge des Hochlandes wehen, konnte ich auch nicht hören, obwohl ich in Stimmung für dieses Klischee gewesen wäre - aber natürlich rennen die Schotten nicht den ganzen Tag mit ihren Dudelsäcken durch ihre Hochmoore, bloß um die Touristen zu unterhalten!
Ich konnte in dem ausgedehnten Gipfelgebiet des Ben Loyal hierhin und dorthin gehen und dabei Stellen finden, an denen nicht einmal eines von den fernen, schwachen Geräuschen zu hören war. Dort war die Stille dann so vollkommen, daß sie wie der sprichwörtliche Druck auf den Ohren lag - oft benutztes Klischee, um Stille zu beschreiben, aber hier traf es zu. Ich konnte mir einbilden, daß ich plötzlich ertaubt sei. Das machte das Erlebnis zusätzlich irreal. Stille ist in unserer Welt da oben etwas sehr seltenes.
Über zwei Stunden verbrachte ich auf dem Berg, zwei sehr wertvolle, einmalige und nicht wiederholbare Stunden, wie mir schon damals klar war. Diese zufällige Zusammensetzung, das stille Wetter, die Nebel- und Wolkenfahnen, die gelegentlich den Berggipfel passierten und sich dabei langsamer als mit Schrittgeschwindigkeit fortbewegten, nahezu majestätisch schreitend mir ab und zu den Blick entzogen und dann wieder wie durch Zauberspruch zurückgaben, meine Jugend, die mir zu der Zeit noch ein tadelloses Gehör erhalten hatte, das die feinsten Geräusche auffangen konnte und noch nicht durch eigene Störgeräusche irritiert wurde. Diese Einsamkeit und diese Größe, und ich mittendrin, Teil davon und doch nur Beobachter, denn kümmerte es die Berge, ob ich da war oder nicht? Wenn ich mich nur ruhig verhielte, so fühlte ich, dann störe ich nicht. Es war, als ob ich der einzige Mensch auf einem fremden Planeten war, der auf das wüste Land hinuntersah, auf die Dinge, die sich dort abgespielt hatten oder abspielen könnten oder auch vielleicht nie abspielen würden. Ein Privileg, so fern meiner eigenen Welt zu sein, die ich Wochen vorher verlassen hatte und einige Wochen später wieder betreten würde - freiwillig natürlich, im Gegensatz zu unserem jetzigen Aufenthalt in der Welt der GranitBeißer, den ich nicht unbedingt als Privileg empfinde.
Was die Geräusche betrifft, so bin ich jetzt in einer deutlich anderen Situation, da das Rauschen des Schirmes über mir und der Fahrtwind in meinem Gesicht ein Horchen in die Ferne unmöglich machen. Aber die Wolkendecke erinnert mich eben an damals. - An jenem Tag bin ich widerstrebend vom Ben Loyal herabgestiegen, immer überlegend, ob ich mir nicht doch noch eine weitere halbe Stunde gönnen sollte. Im Nachherein, also heute, macht es keinen Unterschied, aber wenn man sie gerade erlebt, dann ist eine halbe Stunde vielleicht eine ganze Menge - eine halbe Stunde, die ich damals, wie ich mich erinnere, ganz gerne mit jemandem geteilt hätte. Nur hat es damals niemanden zum Teilen gegeben. - Charmion muß damals etwa 7 Jahre alt gewesen sein, und Irene war 28. Beide wußten von mir noch nichts, und ich wußte noch nichts von ihnen. Die Handlungsfäden, die uns zusammenführen würden, wurden noch gestrickt. Sie hätten bei vielen Gelegenheiten noch ganz anders gestrickt werden können. Der Wunsch, dieses Erlebnis zu teilen, war noch namenlos und abstrakt, vielleicht kaum zu unterscheiden von der seltsamen Trauer, die einen befällt, wenn man in einer prachtvollen Landschaft ist, deren Schönheit aber nutzlos ist, weil niemand sie sieht, und deren Schönheit verlorengänge, wenn zuviele Menschen da wären, sie zu sehen. Nicht zum ersten Male in solchen Momenten fragte ich mich, warum dies alles so ist und einfach so existiert, und natürlich erhält man auf so alberne Fragen keine Antwort, denn das Geheimnis der Existenz der Welt ist niemanden Rechenschaft schuldig.
Ich dachte dann: Eines Tages komme ich zurück. Bestimmt. So etwas denke ich immer, wenn ich so viel Schönheit sehe, daß es für eine einzelne Person fast zuviel zu ertragen ist. Soviel Schönheit, die in ihrer Nutzlosigkeit fast weh tut. - Ich dachte wohl auch daran, eines Tages in Begleitung zurückzukommen. Aber wer würde das sein? Wäre derjenige oder diejenige überhaupt an diesen Aussichten interessiert, hätte ein Gespür für die Besonderheit der Situation? Und würde die Anwesenheit eines anderen Menschen die Atmosphäre nicht völlig verderben? Und überhaupt, wenn man eines Tages zurückkäme, und statt dieser besonderen Wetterlage wären nasser Nebel und Schneeschauer und Wasser in den Schuhen und im Nacken die Hauptdarsteller? Es benötigt wenig, Romantik wirkungsvoll zu vertreiben. Wahrscheinlich hatte ich auf diesem Berg zufällig die schönsten Stunden des ganzen Jahres erlebt.
Natürlich wollte ich nicht in die Dunkelheit hineingeraten - das wäre in den Mooren des Hochlandes gefährlich geworden. 'Scotish Mountains can be killers', heißt es. Es wurde ohnehin halb neun, bis ich das B&B in Tongue wieder erreichte, weil ich eine Abkürzung nahm, die mich viel mehr Zeit kostete als der Umweg, den ich vermeiden wollte. Die Anstrengung des Marsches vertrieb die andächtige Stimmung, in der ich mich befunden hatte, wirkungsvoll. Und wenn es mir auf dem Gipfel des Ben Loyal auch so vorgekommen war, als ob ich einen sehr wichtigen Ort vielleicht für immer verließe, ein fast persönlicher Abschied, den ich vor dem Aufstieg so nicht erwartet hatte, so blieb bis zum Abend nur die Erschöpfung, der Wunsch, sich ins Bett fallen zu lassen und eine schnell verblassende Erinnerung, wie an einen Traum, den man sich vergebens bemüht, im Gedächtnis zu behalten.
Trotzdem, Charmion, das wäre für dich auch ein Erlebnis gewesen! Wanderungen in den einsamen Mooren Schottlands, und dann die hereinbrechende Nacht, die du aus dieser Welt nicht kennst! Aber wer weiß, allein das kalte und feuchte Klima Schottlands hätte es für dich vielleicht zu einem Horrortrip gemacht. - Du und unsere Welt. Was wäre draus geworden?
Ich versuche, mich weiter zu orientieren und mich an das zu erinnern, was ich von der Gegend um Casabones herum gesehen habe, als wir mit dem Saurierfänger hier ankamen. Es ist wenig genug.
Ich kann den Hängenden Weg um Casabones herum sehen, als feine Linie im Fels unter mir. Jetzt, an einem Gleitschirm hängend, komme ich mir wesentlich sicherer vor als damals, als wir diesen Berg bestiegen haben. Außerdem weiß ich nicht, ob es der Teil des Weges ist, den wir verwendet haben, oder ob wir mehr an der anderen Seite des Pilzberges sind. Es hat geheißen, daß wir uns links halten müssen, um zum Unterfort zu gelangen. Ich mustere die Inseln des Schärenringes, von dem ich einen großen Teil sehen kann, um das Unterfort zu finden. Ich erkenne nichts, aber vielleicht ist das Fort aus der Luft ja auch sehr schwer zu erkennen.
Die meisten anderen Gleitschirmflieger halten sich in der Tat links, fliegen also auch gegen den Uhrzeigersinn um Casabones herum. Ich versuche, irgend jemanden zu erkennen, aber dazu sind sie fast alle zu weit weg.
"Das hätte dir gefallen, Charmion!" murmele ich. Es wäre das Erlebnis ihres Lebens gewesen. Wie oft habe ich dieses schon gedacht. Die Wiederholung macht es nicht wahr, im Nachhinein schon gar nicht. Jetzt haben sich die Dinge so entwickelt, daß Osont dieses Erlebnis hat. Dieses Unrecht ist bitter. Muß ich es nicht rächen? Charmion, deine Ethik? Warum neige ich immer dazu, den Zorn wieder zu vergessen? Was hättest du an meiner Stelle getan, wenn er mich ans Kreuz gebunden hätte? Was hättest du getan, wenn du dann Gelegenheit gehabt hättest, ihm den Hals umzudrehen? Du hättest es getan, nicht war?
Nur der Herwig ist aus einem anderen Holz geschnitzt. Er ist 'zivilisiert'. Jähzorn, Rache und Gewalt überhaupt sind ihm und seinen Vorfahren zum Teil abhanden gekommen. Beherrschung und Unauffälligkeit und Bereitschaft, Unrecht eventuell zu erdulden waren für das Überleben besser, und dafür, diese Charakterzüge an die Nachkommen weiterzugeben. Das ist es, was er ist, der Herwig: Der fleischgewordene Weg des geringsten Widerstandes. Die Evolution hat es herausgefunden. Und die Evolution hat immer recht. So, Charmion, wie sie recht hatte, als sie dich in deiner Welt gemacht hat.
Einer der hellen Flecken, tief unter mir, bewegt sich unregelmäßig, wird kleiner und dann wieder größer. Ich brauche eine Weile, um mir klar zu werden, daß dort jemand dabei ist, abzustürzen. Das, was ich sehe, ist der zerrissene und hinter dem Unglücklichen herflatternde Gleitschirmrest. Ich sehe sogar die Punkte von abgerissenen Stoff- und Papierfetzen. Gibt es noch mehr Meuterer, die in Schwierigkeiten geraten sind? Im Moment kann ich keinen Hinweis darauf sehen. Die Flecken, die ich erkennen kann, sind zahlenmäßig etwa 220, ohne daß ich sie jetzt genau durchzähle. Den meisten muß der Flug also gut gelingen.
Wenig später fällt mir aber noch ein anderer, unscheinbarer Fleck am Hängenden Weg auf. Ist da jemand mit diesem kollidiert? Eigene Schuld, sich der überhängenden Wand von Casabones so weit zu nähern. Das hätte man eigentlich leicht vermeiden können. Auch die beiden, die kurz darauf vielleicht zwei Kilometer vor mir und nur dreihundert Meter tiefer miteinander kollidieren, dürften an ihrem Mißgeschick selbst schuld sein - wieso fliegen sie so nahe beieinander? Der eine fängt sich nicht mehr, und es sieht so aus, als ob sich sein Gleitschirm bei dem langen Sturz in die Tiefe, auf die grauen Inseln zu, immer mehr zerlegt. Der andere fliegt weiter, wenn auch mit größerer Sinkgeschwindigkeit. Sein Schirm ist offenbar nur beschädigt. Er könnte es überleben, wenn er Glück hat, aber es sieht so aus, als ob er das Unterfort so nicht mehr erreichen wird.
Für einen Lehrer wäre ein solches Unternehmen mit einer Schulklasse der reinste Alptraum. Wenn etwas passiert, dann bekommt er Ärger mit dem Staatsanwalt - und in gefährlichem Gelände passiert immer etwas. Erst recht beim Gleitschirmfliegen.
Ganz plötzlich fällt mir ein Erlebnis ein, das mein Vater auf einer der vielen Klassenfahrten, die er leiten mußte, gehabt hat und das ihn in ernste Schwierigkeiten gebracht hätte, wenn etwas passiert wäre, auch wenn damals keine Gleitschirme im Spiel waren. Solche Dinge wurden uns als Kinder ja immer aus erster Hand erzählt, wie jeder weiß, dessen Eltern Lehrer waren:
Klassenfahrt nach Mittenwald, Jugendherberge. Einer der größten Rabauken bekam einen Tag lang Hausarrest und mußte in der Jugendherberge bleiben, während die anderen ihren Unternehmungen in und um Mittenwald nachgingen. Am Abend war der betreffende Junge zu aller Überraschung noch da - diese Folgsamkeit hatte niemand so recht von ihm erwartet. Am wenigsten mein Vater.
Jahrzehnte später, ein Treffen der 'Ehemaligen'. Da nahm dieser Junge, der da wahrscheinlich schon im Berufsleben stand, meinen Vater beiseite und fragte ihn, ob er sich noch an diesen lange zurückliegenden Hausarrest in der Jugendherberge von Mittenwald erinnere. Nun, er war damals durchaus nicht so folgsam, wie es am Abend den Anschein hatte: Er hatte den Tag verwendet, um allein und ohne brauchbare alpine Ausrüstung die Karwendelspitze zu besteigen!
Der Staatsanwalt wartet hier jedenfalls nicht auf mich, wenn einige der Meuterer wegen eigener Dummheit zu Schaden kommen. Allerdings könnte mich jemand für seine eigene Ungeschicklichkeit verantwortlich machen und sich eventuell bei mir rächen wollen. Im Prinzip. Unwahrscheinlich zwar, aber nicht restlos ausgeschlossen.
Es knackt in den Ohren. Der Druckanstieg. Die Sinkgeschwindigkeit wird deshalb auch ständig geringer, eine Tatsache, von der ich weiß, die ich aber nicht direkt beobachten kann, weil ich mich in sicherem Abstand von der FelsWand halte. Natürlich wäre es schon reizvoll, unseren Aufstiegsweg noch einmal aus der Nähe zu sehen. Aber der liegt wahrscheinlich auf der anderen Seite des Pilzberges. Wieviel leichter ist doch diese Methode, den Pilzberg wieder zu verlassen! Und selbst, wenn wir den Wendeltreppenschacht nicht abgebrannt hätten, so daß der Weg nach unten noch möglich gewesen wäre - dort hätte mich zuviel an Charmion erinnert.
Jetzt bin ich auf der Höhe des Hängenden Weges. Wie hoch war das noch? 3000 Meter über dem Meer? Dann habe ich noch nicht die Hälfte des Weges nach unten zurückgelegt. Ich habe auch schon einen Teil von Casabones umrundet, aber davon merkt man wegen der gleichmäßigen Beleuchtung kaum etwas. Immerhin scheinen all die anderen Gleitschirmflieger auf ähnlichem Kurs zu liegen, und allmählich kann ich auf einer der Schäreninseln voraus etwas erkennen, was das Unterfort sein könnte. Vielleicht ist es aber auch nur ein rechteckiger Felsen, der in einer Baumgruppe steht. Wir werden etwas zu hoch ankommen und können uns dort den Landeplatz also gut aussuchen. Wenn die Besatzung des Unterforts uns läßt. Vielleicht sollte ich etwas abseits landen und den anderen die Kampfhandlungen überlassen.
Es ist das Unterfort. Zwischen den Inseln sehe ich Schiffe vor Anker liegen. Ich kann mich irren, aber das sind alles kleinere Schiffe. Der Saurierfänger ist nicht mehr dabei. Was Wunder - unser Aufstieg nach Casabones ist jetzt über einen Monat her. Warum hätten sie solange auf uns warten sollen? Das heißt aber auch, daß ich Irene so schnell nicht wieder sehe.
In gewisser Hinsicht bin ich froh darüber. Dann wieder aber auch nicht. Wenn ich Irene wiedersehe, dann weiß ich auch sofort, daß die Erinnerung an unsere eigene Welt da oben nicht nur die Erinnerung an einen verrückten Traum ist. Und wenn ich Irene wiedersehe, wird neben ihr, unsichtbar, Charmion stehen. Für immer. Glaube kaum, daß Irene das nicht bemerken wird.
Jetzt mögen es noch drei Kilometer Flugstrecke sein, bei knapp zweitausend Meter Flughöhe. Da sich die meisten noch gerade auf das Unterfort zu bewegen, und da unser Gleitwinkel mit 1 zu 4 flacher ist, dürften wir, vom Unterfort aus gesehen, beim Näherkommen immer höher in den Himmel hinaufsteigen. Wir müßten bereits deutlich genug zu sehen sein. Trotzdem könnten wir genau über dem Unterfort immer noch über tausend Meter hoch sein, und vielleicht hat uns bis dahin immer noch niemand bemerkt. Es sei denn, jemand hat sich schon früher runterspiralt und auf diese Weise gezeigt, daß er Wert darauf legt, früher anzukommen.
Das Unterfort liegt auf einer der größten Schäreninsel, aber, wie ich jetzt, aus der Höhe, erkenne, liegt es nicht in der Inselmitte. Die betreffende Insel hat eine sehr unregelmäßige Form: Sie ist von einigen Buchten und natürlichen Häfen weit eingeschnitten, und wenigstens zwei dieser Buchten reichen bis an die Mauern des Fort heran. Dieses ist dem Oberfort ähnlich, jedoch kleiner. Eine nicht allzu regelmäßige Ringmauer, die einige noch weniger regelmäßige Gebäude umgeben, dazwischen sind Innenhöfe, und in die Mauern sind Türme integriert. Ob zuerst die Mauer oder zuerst die Türme gebaut wurden, das kann ich von hier aus nicht erkennen, und solche architektonische Studien dürften auch schwer sein, wenn wir erst einmal angekommen sind. Mir scheint der ganze Komplex im Laufe von Jahrhunderten organisch gewachsen.
Plötzlich, nur vierhundert Meter von mir entfernt, zu meiner Rechten, ein Schrei. Ich kann den Gleitschirmflieger, der ihn ausgestoßen hat, leicht identifizieren, aber ich sehe nicht, was mit ihm los ist. Er fliegt völlig ruhig dahin. Ich ändere meinen Kurs, um mich ihm zu nähern.
Er ändert seinen Kurs auch, geht in eine weite Kurve über, nimmt Fahrt auf, gefährlich viel Fahrt. Ein Gleitschirm ist keine Rennmaschine. Noch ein bißchen mehr, und er kommt in Schwierigkeiten. Sein Gleitwinkel wird steiler.
Ich höre nichts mehr. Der Gleitschirmflieger bewegt sich in weiten Kreisen auf die kahlen Inseln, die gerade jetzt unter uns sind, zu. Ist er tot? Herzinfarkt? Oder nur Ohnmacht? Der Gesundheitszustand der Meuterer war ja bei weitem nicht so, wie man es sich etwa für eine wehrhafte Truppe vorstellen würde. Genaugenommen war er ja im Durchschnitt miserabel. Kann gut sein, daß wir Verluste haben, weil jemand die Aufregung des Fliegens oder den Druckanstieg oder irgend etwas anderes nicht aushält. Genausogut könnte man mit der Belegschaft eines Altersheimes einen Massenabsprung von der Zugspitze versuchen, und das bei besten Wetterbedingungen. Das gäbe auch Verluste, unvermeidlich.
Solange ich auch dem Gleitschirm, der sich rasch der Meeresoberfläche nähert, nachsehe, ich erfahren nicht mehr, was dort los ist. Bevor er landet oder aufschlägt, muß ich meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne wenden.
Noch eineinhalb Kilometer bis zum Unterfort. Diese Strecke ist etwa auch noch unsere Flughöhe. Wenn es da unten einen Menschenauflauf gibt, dann könnte man ihn eigentlich schon erkennen. Aber ich sehe nur die Gebäude, und auch auf den Schiffen, die in den Buchten und vor den Inseln liegen, ist niemand zu sehen. Natürlich kann es auch sein, daß man dort in Deckung gegangen ist, wenn man uns bemerkt haben sollte. Wäre ja eigentlich vernünftig. Dann könnten wir uns allerdings auf einiges gefaßt machen.
Ich muß aber daran denken, daß wir mitten in der SchlafPeriode sind. Wenn die da unten nächtliche Unterbrechungen nicht gewöhnt sind, dann kann es gut sein, daß die Wachen nicht sehr aufmerksam sind, oder daß sie schlafen, oder daß gar keine Wachen aufgestellt wurden. Das ist eigentlich gar nicht so unwahrscheinlich.
Ich bemühe mich, den Flugzustand des langsamsten Sinkens einzuhalten, um den anderen gegenüber weiter Höhe zu gewinnen. Außerdem mache ich einige Kehren, um meinen Abstand zur Insel des Unterforts nicht zu schnell zu klein werden zu lassen. Ich weiß nicht, ob die anderen das bemerken und mir eventuell eine Absicht unterstellen, wahrscheinlich die, mich aus dem kommenden Kampf heraus zu halten. Ist mir egal. Da mich seit dem Absprung noch niemand aus der Nähe gesehen hat, wissen sie ja gar nicht, daß ich es bin.
Ich sollte vielleicht versuchen, in den bewaldeten Halbinseln der Insel des Unterforts zu landen. Da könnte ich mich verbergen und die weitere Entwicklung der Dinge abwarten. Diese Waldstücke sind groß genug - teilweise sind sie nicht einmal in Pfeilreichweite vom Unterfort aus. Das ist ja immerhin ein Gesichtspunkt.
Schon wieder stürzt einer ab, etwa 800 Meter links von mir. Überzogen, Strömungsabriß, zu spät wieder gefangen, dabei Schirm beschädigt, jetzt unkontrollierter Sturzflug. Wenn er Glück hat, landet er im Wasser. An einem anderen Schirm, einige hundert Meter vor mir, sehe ich flatternde Stofffahnen. Da öffnen sich Nähte. Der Besitzer hat das vielleicht noch gar nicht gemerkt, weil sich die Flugeigenschaften seines Schirmes noch nicht geändert haben. Das kann ihm jetzt aber jeden Moment passieren. Leider dürfte ihm sein eigener Schirm zu sehr in den Ohren rauschen als daß er in der Lage wäre, einen Warnruf von mir zu hören. Und was könnte er schon machen?
52.3 Luftkampf
Die ersten sind jetzt genau über dem Fort. Und genau da passiert das nächste fliegerische Malheur: Einer der Männer zieht sein Schwert, um es zu prüfen und spielerisch durch die Luft zu schwingen, um zu sehen, ob er es, am Gleitschirm hängend, leidlich virtuous gebrauchen kann. Er kann es, und wenn ich es nicht mit eigenen Augen sehen würde, dann würde ich es nicht glauben: Mit einem Hieb über seinen eigenen Kopf hinweg hat er sich selbst sämtliche Trageleinen durchgeschnitten. Ein selten dämlicher Geniestreich. Leider kann ich sein Gesicht nicht sehen, als er den Fall in die Tiefe beginnt. Über ihm flattert der haltlose Schirm wie ein weggeworfenes Papier.
Der Mann, der sich auf diese Weise selbst aller Chancen für eine sichere Landung beraubt hat, fällt geradewegs auf das Unterfort zu. Das müssen die da unten einfach merken, wenn ein menschlicher Körper irgendwo im Unterfort aufschlägt! Wir werden sehen.
Die meisten Gleitschirmflieger rundherum dürften diesen Vorfall jetzt verfolgen und sich der möglichen Konsequenzen bewußt sein. Es hilft ihnen nichts. Die Mehrzahl der Männer ist jetzt zwischen 500 und 900 Meter über Grund, und in wenigen Minuten dürften die ersten Landungen erfolgen. Oder auch die ersten Abschüsse.
Jetzt hat der fallende Mann das Fort erreicht. Gut, daß man keine Einzelheiten sieht. Er muß ein Holzdach durchschlagen haben. Mehr ist nicht zu erkennen.
Nach wenigen Sekunden tritt da unten endlich jemand in einen der Innehöfe hinaus und sieht sich um. Auch von hier oben sieht man, daß es lange dauert, bis derjenige, oder wahrscheinlich ist es ja eine diejenige, nach oben sieht. Dann ist sie augenblicklich wieder in den Gebäuden verschwunden.
Dann höre ich ein fernes, schrilles Pfeifen. Na endlich - da unten rast der Alarm durch die Festung. Ein bißchen spät. Der erste Angreifer ist nur noch wenige hundert Meter entfernt, kreist wie ein Bussard nieder. Wenn die jetzt etwas länger brauchen, um ihre Ärsche aus den Betten zu kriegen, dann haben sie den Feind bereits im eigenen Innenhof. Dann wird sich zeigen, ob zahlenmäßige Überlegenheit oder semimilitärischer Drill den Sieg davontragen.
Ich sehe kurz auf die Uhr. Bald 2 Uhr. Wir sind schon über eine Stunde in der Luft. Eine Folge der langsamen Sinkgeschwindigkeit. Um 5 Uhr ist die SchlafPeriode zu Ende. Wir sind jetzt zwar auch alle müde, aber die Besatzung der Festung dürfte sich gerade in ihrer Tiefstschlafphase befunden haben. Jetzt zeigt sich, wozu Nachtalarme übungshalber für Rekruten nützlich sind. Ob sie bei den GranitBeißern in der militärischen Ausbildung auch so etwas machen?
Endlich laufen weitere Leute über die Höfe. Auf den Mauern ist Bewegung. Ich sehe mehrfach die typischen Handbewegungen des Anlegens eines Bogens und des Wieder-Sinkenlassens. Die Ziele sind noch zu hoch, und Luftziele hat man sowieso nicht geübt. Ich kann mir denken, daß sie ihre Schwierigkeiten haben.
Nur eines habe ich völlig falsch eingeschätzt: Nämlich die Möglichkeit, daß die Fortbesatzung zunächst gar nicht auf die Idee kommen könnte, daß man das, was da aus dem Himmel auf sie zukommt, mit Pfeil und Bogen bekämpfen könnte. Da habe ich mich wirklich geirrt: Das war die allererste Idee, die sie hatten, so verschlafen, wie sie waren. Dabei wissen sie noch gar nicht, mit wem oder was sie es zu tun haben. Schließlich haben sie in ihrem Leben ja noch nie einen Gleitschirm gesehen.
Nun sind die untersten Gleitschirmflieger weniger als hundert Meter hoch. Sie suchen sich sehr unterschiedliche Landeplätze aus. Jetzt, wo wir entdeckt worden sind, ist es wohl das beste, Landeplätze und Deckungen außerhalb des Forts anzusteuern. Einige scheinen es sich aber in den Kopf gesetzt zu haben, unbedingt in den Mauern des Forts landen zu wollen. Ich fürchte, diese haben jetzt sehr schlechte Karten.
Meine Befürchtung bestätigt sich rasch. Von hier oben aus gesehen - ich habe jetzt noch über siebenhundert Meter Höhe - sieht es so aus, als ob einige der Gleitschirmflieger da unten noch kurz vor der Landung abstürzen. Die Frauen, die das Fort verteidigen, merken rasch, daß ein direkt anfliegender Gleitschirmflieger eine leichte Beute ist, insbesondere, wenn man über genügend Bogenschützen verfügt.
Aber nun sehen die Mehrzahl der Meuterer, daß das Fort selbst im Moment noch ein zu heißes Pflaster ist. Alle steuern jetzt die entfernteren Teile dieser Insel an - also genau das, was ich auch zu tun beabsichtige. Ich höre Rufe und Kommandos, unsere und welche aus dem Fort. Verstehen tue ich nichts, aber die Zeit der Anfangserfolge für die Fortbesatzung ist schon vorbei. Ich versuche, die Schirme der Abgeschossenen zu zählen. Es mögen etwa dreißig sein. Also sind von 220 abgesprungenen Meuterern noch etwa 190 übrig. Sagen wir, 160 oder 170, weil einige während des Anfluges zuweit abgedriftet sind, um jetzt an dem Geschehen partizipieren zu können, und ein paar Abstürze hat es ja auch gegeben.
So harmlos sieht es von weitem aus, denke ich, wie große, landende Vögel. Und doch ist es blutiger Ernst, und für viele das letzte Ereignis ihres Lebens.
Die ersten sicheren Landungen sind erfolgt. Von hier oben kann ich sehen, daß sich in der Deckung des Waldes die ersten Gruppen bilden, die in Kürze auf die Festung marschieren werden. Wie wir da reinkommen ist mir noch unklar. Eine Mauer ist nun mal eine Mauer. Aber vielleicht wollen wir da gar nicht rein. Die Schiffe sind interessanter. - Trotzdem. Hätte dieser Idiot da sich nicht selbst von seinem Schirm getrennt, dann wäre es gelungen, viele Dutzend Männer unbemerkt in der Festung zu landen. Die hätten dann jede weitere Luftabwehr verhindern können. So dumme Zufälle lenken das Schlachtenglück!
Ich habe meinen Schirm jetzt über die See gelenkt, weil ich die Spitze der Halbinsel mit dem meisten Wald ansteuern möchte. Ich werde die ganze Zeit nicht in Pfeilreichweite zum Fort kommen. Trotzdem, die Unruhe sitzt in der Magengrube. Das hindert einen etwas, die letzten Minuten des Sinkfluges gebührend zu genießen - so etwas werde ich nie wieder machen! Schließlich habe ich da oben, in meiner Welt, wohlüberlegt das Gleitschirmfliegen nie angefangen, obwohl die Versuchung schon da war. Es erschien mir zu gefährlich. Jetzt ist das etwas anderes. Jetzt bin ich dabei, mein Leben zu retten. Da fliegt man schon mal von einem 5000 Meter hohen Berg herunter und läßt sich am Schluß mit Pfeilen beschießen.
Als ich so etwa eine Flughöhe von 200 Metern habe, kann ich sonst niemanden mehr sehen, der noch in der Luft ist. Die felsigen Strände unter mir sind mit hellen Flecken bedeckt - die meisten sind auf dem Strand oder in strandnahem Wasser gelandet. Eine Gefahr ist nicht dabei - erst jetzt, wo der Boden näher kommt, bemerke ich, wie sehr die Sinkgeschwindigkeit wegen des doppelt so großen Luftdruckes abgenommen hat. Ich könnte eigentlich überall landen, eine Wasserlandung, um sich mit Sicherheit vor Schaden zu bewahren, ist eigentlich unnötig.
Ich sehe eine Stelle, wo die Bäume so dicht ans Ufer treten, daß dort niemand gelandet ist. Für die Stelle entscheide ich mich. Da werde ich zwar naß, weil ich eben wegen dieser Bäume da doch im Wasser landen muß, aber ich kann mich dann von den anderen absetzen und den Ausgang der Kampfhandlungen abwarten. Das sollte gut möglich sein - jetzt, aus niedriger Höhe, sieht die Insel mit ihren kleinen Wäldchen doch etwas größer aus.
In einer mittelweiten Kurve lasse ich mich über den Wald treiben und gerate dann, nur zwei Meter über den Baumspitzen, wieder über das Wasser, genau über meinen geplanten Landeplatz. Da lasse ich die Kurve sehr eng werden, und die Bremsleinen ziehe ich erst, als mich noch fünfzig Zentimeter von der Wasseroberfläche trennen. Eintauchen, mich aus den Gurten herausschälen und zum Ufer schwimmen ist eins. Der Schirm bleibt auf dem Wasser treibend zurück - ich brauche ihn nicht mehr. Mit Bedauern denke ich daran, wieviel Aufwand wir für diese Schirme getrieben haben. Und jetzt werden sie auf dieser Insel vergammeln oder im Wasser davontreiben.
Als ich an Land trete und mich der Wald umgibt, stelle ich fest, daß niemand in meiner Sichtweite ist. Und weil das Rauschen des Fahrtwindes im Schirm nicht mehr stört, kann ich horchen und versuchen, die Lage zu interpretieren.
Sehr viele Geräusche entstehen durch die laufende Auseinandersetzung nicht. Unsere Leute verhalten sich beim Anschleichen auf die Festung natürlich leise. Und von dort dringen einige Kommandos rüber. Es sind, wie zu erwarten, weibliche Stimmen, Lieblichkeitsstufe 'K': von Kreissäge bis Krähe. Weit davon entfernt, ein Chauvinist zu sein, kann ich aber trotzdem die Stimmen von im Kommandoton keifenden Weibern schwer ertragen.
Jedenfalls höre ich an den Stimmen, daß die Verteidigerinnen sich ihrer Lage nicht allzu sicher sind. Da ist zuviel Hektik und grundloses Schreien in den Stimmen, mit Untertönen von Panik. Sie sehen die Angreifer nicht mehr, wissen aber ungefähr ihre zahlenmäßige Stärke. Sie wissen, daß es ernst wird, sehr ernst.
Bin neugierig, wie Osont die Festung stürmen lassen will, und ob er es überhaupt vorhat. Er muß es tun, wenn er alles in Erfahrung bringen will, was die Festungsbesatzung weiß. Zum Beispiel, wo der Saurierfänger hin ist. Jetzt denke ich daran, daß die Männer wenig Bögen bei sich führten. Vielleicht nicht schlimm - Bögen kann man sich aus dem Rohmaterial, das man im Wald findet, selbst herstellen. Ein paar von Osonts Leuten werden wohl die notwendige Expertise besitzen.
Ich gehe weiter in den Wald hinein. Da es sich eigentlich um Felsengrund handelt, ist der Boden nirgends sumpfig oder morastig. Es handelt sich um Baumarten, denen es schon genügt, sich mit ihren Wurzeln auf dem Felsen zu halten. Bei der hohen Luftfeuchtigkeit und den hier üblichen Niederschlägen reicht das aus, dem langsamen Stoffwechsel dieser Bäume genügend Mineralien zuzuführen.
Ich muß vorsichtig sein, damit ich nicht den Meuterern so ungünstig über den Weg laufe, daß sie mich angreifen. Aber ich habe den Eindruck, daß die meisten schon sehr weit auf die Festung vorgedrungen sind.
Plötzlich Schweigen. Eine einzige Stimme redet in der Ferne. Eine männliche Stimme. Aha. Ich kann zwar nichts verstehen, aber der Inhalt müßte, der Situation und dem Tonfall nach, etwa bedeutet: 'Ergebt euch, oder wir schlagen alles kurz und klein!'. Nach einer Pause antwortet eine weibliche Stimme, auch nicht verständlich. Dem Tonfall nach: 'Versucht's doch! Ihr werden schon sehen, was ihr davon habt!'.
Sie versuchen's. Wenig später gibt es wieder Geschrei, auch Schmerzensschreie. Ich überlege, ob es klug ist, sich noch näher an den Ort des Geschehens zu begeben. Eigentlich kann mir kaum etwas passieren, solange ich in Deckung bleibe. Nur rechne ich auch mit der prinzipiellen Möglichkeit, daß die Fortbesatzung siegreich aus dieser Auseinandersetzung hervorgehen könnte. Dann ist es, im Nachherein, nicht mehr möglich, ihr meine Dienste anzudienen.
Irgendwann rieche ich dann auch Rauch. Vielleicht experimentieren sie mit Brandpfeilen. Das hat ja schon beim Oberfort so spektakulär geklappt. Andererseits werden die hier leichter Zugang zu Löschwasser haben, vermute ich.
Je näher ich dem Fort komme, desto geringer werden die Geräusche des Kampfes. Ich versuche, zu erraten, was da geschieht. Es gäbe nämlich noch etwas, was den Verteidigern sehr zum Nachteil gereichen könnte: Das Fort könnte unterbesetzt sein. Dann ist es allerdings möglich, daß nicht alle Mauersegmente gleich gut verteidigt werden können, vielleicht gibt es in der Überwachung sogar echte Lücken. Sowie erst einmal ein Trupp der Meuterer im Inneren der Festung angekommen ist, wird die Lage für die Verteidiger sehr schnell schwer und unübersichtlich, dann wahrscheinlich verzweifelt. Und Osont wird nicht viel Rücksicht auf das Leben seiner eigenen Leute nehmen, wie ich weiß. Ich fürchte, wenn er rein will, dann kommt er rein.
Nun müßte bald die Mauer des Forts im Wald vor mir auftauchen. Merkwürdig. Es ist niemand in der Nähe. Spielen sich an diesem Teil der Mauer keine Kampfhandlungen ab, oder sind sie hier schon vorbei, oder bin ich doch noch weiter weg?
Der Bewuchs wird niedriger. Reste einer alten Kahlschlagzone rund ums Fort, die man nachlässigerweise nicht kahl gehalten hat. Aber nun sehe ich Teile der Mauerkrone und einen Turm. Kampfgeräusche und laute Befehle gibt es noch immer, aber sie kommen aus dem Inneren der Festung, und die Stimmen, die jetzt die Befehle geben, gehören Männern.
52.4 Das eroberte Unterfort
Sieht so aus, als ob wir gewonnen haben. Die Meuterer sind drin. Ich hätte ruhig etwas schneller durch den Wald gehen sollen, dann hätte ich vielleicht noch etwas von der eigentlichen Aktion gesehen.
Schließlich bin ich direkt an der Mauer. Grob gefügt und mörtelfrei und vielleicht sechs Meter hoch ist sie für einen guten Kletterer kein Hindernis. Eigentlich nicht einmal für einen schlechten Kletterer. Ich sehe kürzlich erzeugte Fußspuren, zerbrochene, bluige Pfeile und schwere Steine, die offenbar vor kurzem von der Mauer heruntergeworfen wurden. Das alles hat den Verteidigerinnen nichts genutzt.
Ich brauche nicht weit an der Mauer entlangzugehen, um ein Tor zu finden. Es steht natürlich offen und ist nicht bewacht. Warum auch. Ich gehe hinein und betrete einen vergleichsweise geräumigen Innenhof, auf dem jetzt viel Betrieb ist.
Die meisten Männer würdigen mich kaum eines Blickes. Vielleicht wissen die wenigsten, daß ich definitiv bei der ersten Absprungswelle nicht dabei sein sollte.
In der Mitte des Hofes stehen viele Männer im Kreis. Ich stelle mich dazu, um herauszufinden, was es da gibt.
Ich hätte es wissen müssen. Es ist widerlich. Die Männer bauen ihren lang aufgestauten sexuellen Druck an der vorwiegend weiblichen Besatzung ab. Es sind etwa zwanzig Frauen, die hier, vor den Augen aller, reihum vergewaltigt werden, immer wieder. Jetzt erst wird mir klar, daß Charmion wenigstens diesem Schicksal entgangen ist. Vielleicht hat es mit der Anzahl der verfügbaren Frauen, die sich in der Gewalt dieser Männer befinden, zu tun. Vielleicht ist es so, daß bei so vielen Frauen für jeden Geschmack eine dabei ist, so daß eine allgemeine Geilheit sich sofort in dieser Massenvergewaltigung entlädt.
Nicht alle der ehemaligen Besatzung des Forts werden auf diese Weise mißhandelt. Weiter hinten, an einer Mauer lehnend, werden Frauen befragt. Dort ist ein Verhör in Gang. Wahrscheinlich mit Folter. Auf dem Wege dahin stolpere ich über eine weibliche Leiche mit grauenhaften Verletzungen, um die sich niemand kümmert. Ich sehe nicht so genau hin.
Osont ist dabei. Er sieht mich, als er kurz zur Seite blickt, zieht die Augenbrauen hoch, sagt aber nichts. Dann fährt er wieder mit dem Verhör fort.
Und es wird in der Tat gefoltert. Selbst vom rohen Standpunkt der Meuterer ist das völlig unnötig, denn diese Frauen sind inzwischen so verängstigt, daß sie mit allem herausrücken, was man von ihnen wissen will. Diese Situation ist ja völlig neu für sie: Nicht nur die plötzliche Übermacht, die da vom Himmel gefallen ist, sondern dazu auch noch die entwürdigende Tatsache, daß es sich um Männer handelt.
Diejenigen, die in der Befragung etwas mehr Mut und Standhaftigkeit bewiesen haben, haben es teilweise schon hinter sich. Es liegen noch mehr Leichen herum. Auch die Meuterer haben Verluste hinnehmen müssen, aber nicht so viele.
Ich verlasse das Fort und setze mich vor einem Tor hin, so daß ich weder die Arena der Vergewaltigungen noch die peinlichen Verhöre sehen muß. Ich will den Gequälten nicht ins Gesicht sehen. Aber die Schreie der Mißhandelten höre ich gut. So habe ich Gelegenheit, darüber nachzudenken, was Recht und Unrecht ist. Natürlich ist es Unrecht, jemanden aus nichtigen oder keinen Gründen jahrzehntelang einzusperren. Aber dafür diese Rache? Dazu an der Fortbesatzung, die persönlich ja keine spezielle Schuld trifft?
Da drüben sind dieselben Leute, die meinen Erklärungen über Aerodynamik und Trimmung und Landetechniken und Materialkunde teilweise so interessiert und aufmerksam und auch begeistert gelauscht haben, jetzt dabei, Daumen abzuschneiden, Augen auszustechen, Zungen herauszureißen, Zähne einzuschlagen, Haut abzuziehen und ihren Penis in alle möglichen vorhandenen und neueingeschnittenen Körperöffnungen gewaltsam hineinzustecken. Ein gewisser Prozentsatz aller Menschen macht bei solchen Dingen ja immer mit, aber das hier? Hier sind es ja fast alle! Warum, wenn sie mit der unterdrückenden Klasse soviele Rechnungen zu begleichen haben, machen sie nicht ganz normale Massenhinrichtungen? Oder hat es solche Dinge zu allen Zeiten gegeben, und der Geschichtsunterricht hat uns diese Eigenschaften der menschlichen Natur wohlweislich verschwiegen? Haben etwa zum Beispiel die Wikinger, die ein Küstendorf überfielen, ebenso gehaust? Hätte ich es wissen müssen, daß aus der bloßen Erwähnung eines Massakers man folgern sollte, daß es in Wirklichkeit noch viel schlimmer war?
Oder ist es einfach die lange Unterdrückung, die auch alle Maßstäbe der Rache vergessen läßt? Wird man so, wenn man immer nur der Bodensatz der Gesellschaft ist? Ist das eine automatische Polarisierung? Oder ist das alles nur möglich in Kombination mit den Charaktereigenschaften der GranitBeißer? Hatte die Evolution da auch recht?
Ich stehe auf und verlasse die Festung wieder durch das Tor. Zensur für meinen eigenen Geist. Ich kann es nicht mit ansehen, und ich kann es nicht verhindern. Vielleicht, wenn die so weiter machen, sind alle weiblichen Besatzungsmitglieder des Forts in zwei Stunden tot und in der Speisekammer. Wahrscheinlich sogar. Heute wird es viel zu essen geben.
Wenn ich den Meuterern nicht den Gleitschirm gebracht hätte, denke ich, dann würde dieses jetzt nicht geschehen. Statt dessen würden die Meuterer im Laufe der nächsten Jahrzehnte auf Casabones aussterben und vergammeln. Und den GranitBeißerinnen würde es wohl nicht mehr gelingen, diese Gefangenenkolonie wieder in Betrieb zu nehmen. Wäre das besser gewesen?
Charmion, das sind deine Leute! Seid ihr so? Oder sind wir alle so, wenn die Umstände so sind? Ändert das etwas an unserem Verhältnis? Wird das die Erinnerung an dich vergiften?
5 Uhr. Die SchlafPeriode ist zu Ende. Mir fehlt der Schlaf. Ich sollte in den Wald gehen und mir ein sicheres Plätzchen suchen. Der wunderbare Flug heute, und jetzt dieses Gemetzel. Ich will weg, weg aus dieser Welt. Ich bin des Abenteuers müde. Ich möchte zu Hause am Küchentisch sitzen, heißen Kaffee trinken und hören, was die Irene wieder so an Belanglosigkeiten aus ihrem Büro erzählt.
52.5 Gelage
Nach einigen Stunden unruhigem Schlaf, die ich in einer felsigen Bucht verbracht habe, wo kaum jemand per Zufall hinkommt, gehe ich um 16 Uhr wieder in das Fort. Schließlich ist es wichtig, zu erfahren, was weiter geschieht.
Der Jahrmarkt der Verhöre, Folterungen und sexuellen Mißhandlungen ist vorbei, die Atmosphäre der Aggression und der Rache ist abgeflaut. Bratengeruch liegt über der Festung, ich sehe die offenen Feuer im Hof. Es wird getafelt. Die Kalorien werden gegessen wie sie vom Schicksal dargeboten werden.
Von der weiblichen Besatzung des Forts sehe ich niemanden mehr, die noch am Leben ist. Es hat auch Männer im Fort gegeben, die sich jetzt, mehr oder weniger freiwillig, den Meuterern angeschlossen haben. Sie sind von nun an ohnehin die soziale Unterschicht, aber sie leben immerhin. Sie wissen gut, wie sie sich verhalten müssen, damit das so bleibt.
Wieder ein merkwürdiger Unterschied zu unserer Welt da oben: So widerlich, wie das Gemetzel vor einigen Stunden war, so zivil geht es jetzt, während der Fressorgie, zu. Es wird gegröhlt, palavert, erzählt und gelacht, es wird gerülpst und gefurzt, und wer zuviel heruntergeschlungen hat, der kotzt auch mal eben zur Seite, um dann weiterfressen zu können. Aber es ist kein Alkohol im Spiel. Das alleine reicht aus, daß dieses Volksfest jetzt einen nahezu disziplinierten Eindruck macht. Vollgefressene Bäuche neigen zur Trägheit. Es wird keine Wirtshausschlägereien um Nichtigkeiten geben - naja, vielleicht nicht nur wegen des fehlenden Alkohols und des übervollen Magens: Wo jeder seine Waffen zur Hand hat, überlegt man sich Aggressionen schon zweimal - oder die Konflikte sind rasch ausgetragen, und einer der Kombatanten bleibt auf der Strecke. Das wiederum streckt die eßbaren Vorräte.
Ein genaueres Hinschauen läßt natürlich sofort erkennen, daß manches, was sich da auf den Spießen über den Feuern dreht, ausgeweidete Menschen oder Teile von Menschen sind. Die Frauen, die noch vor sechzehn Stunden nichtsahnend geschlafen haben und wenig später die heldenhafte aber aussichtslose Verteidigung der Festung versuchten.
Aber ich schaue nicht genau hin. Jetzt bloß keine Kritik an den Gebräuchen dieser Menschen. Es wird sich sowieso über kurz oder lang jemand wundern, wo ich eigentlich herkomme.
Osont ist aber nirgends zu sehen, und jemand anderes kommt nicht auf die Idee, mich darüber zu befragen. Einige ignorieren mich, andere werfen mir aufmunternde Worte zu. Das freundlichste, was diese Menschen tun können. Sie haben in der Mehrzahl ja immerhin nicht vergessen, wo die Gleitschirme hergekommen sind. Einmal bietet mir jemand aus echter Sympathie ein großes, duftendes Stück Fleisch an. Die höfliche Ablehnung fällt mir schwer, aber ich darf mir nichts anmerken lassen.
Zwar kann ich mich nicht so richtig 'unters Volk' mischen, aber einiges schnappe ich schon noch auf. Danach hat sich herausgestellt, daß die Schiffe draußen alle unbemannt waren, so daß es tatsächlich gelungen ist, die gesamte Festungsbesatzung zu besiegen und, soweit weiblich, zu töten. Einmal frage ich, ob denn niemand die Befürchtung hat, daß man uns bis an das Ende der Welt jagen wird, wenn bekannt wird, daß wir diese Festung erobert haben. Schließlich ist sie ja nur Teil einer größeren, in etwa militärischen Organisation.
Aber solche Bedenken will jetzt niemand hören. Sie haben die Festung besiegt. Das reicht aus, daß sie sich unbesiegbar fühlen. In den Grenzen ihres naiven Horizontes kann man das fast nachempfinden.
Das Aufrüsten der Schiffe und das Abfahren nach Grom ist für morgen geplant. Jedenfalls meinen die meisten, daß Osont sich so entscheiden wird. Konkret hat er sich wohl noch nicht geäußert. Wo er ist weiß auch niemand, aber wem wäre Osont Rechenschaft schuldig? Sie haben ihn vorbehaltlos als Führer akzeptiert. Er hat sie von Casabones heruntergeführt - das scheint Garantie dafür, daß er sie alle in eine bessere Zukunft führen wird, in der Reichtum und Freiheit und Glück warten, was immer sich der einzelne darunter vorzustellen vermag.
In der Tat, was werden die Vorstellungen von Osont sein? Alle dahin bringen, wo sie einst aus einem sozialen Kontext herausgerissen wurden? In ihre Heimatdörfer, zu ihren Familien? Manche scheinen das tatsächlich zu glauben. Ich nicht. Osont will Macht. Wozu er die haben will hinterfragt er selber nicht, wie immer, wenn eines Menschen hauptsächlicher Antrieb der Gewinn oder der Erhalt von Macht ist, aber er will die Macht, und dafür braucht er Leute, die ihm gehorchen, je mehr, desto besser. Ich bin fast sicher, daß er sich keine große Heimführungsaktion einfallen lassen wird.
Andererseits muß er diese Leute ködern. Mit Reichtum, Bequemlichkeit und Luxus. Und er weiß auch, wo er den herkriegt: Was man nicht hat, das nimmt man sich.
Die Schiffe da draußen als erstes. Und dann werden wir weiter sehen. Ja, so wird es sein: Osont wird die wahrscheinlich erste Seeräuberflotte dieser Welt ausrüsten. Oder sagen wir, die erste Seeräuberflotte, von der ich erfahre. Und dann? Auf nach Grom? Oder ist da noch zu starke bewaffnete Abwehr zu erwarten? Weiß er überhaupt, was er von Grom erwarten kann? Wer war denn kürzlich überhaupt da und kennt sich aus? Von den Meuterern wohl keiner. Aber wer weiß, was er noch an Informationen aus der Besatzung des Forts herausgepresst hatte, bevor er sie alle den Bratspießen überantwortete.
Ich bin jetzt sicher, daß ich weiß, was geschehen wird. Und da ich nun einmal da bin, werde ich dabei sein. Herwig als Pirat. Als Freibeuter. Der wievielte Beruf ist das eigentlich, den ich in der Welt der GranitBeißer ergreife?
Ich verbringe einige Stunden unter den die meiste Zeit fressenden Meuterern. Aber noch mehr ist nicht herauszubringen. Auch die sonstigen Informationen sind spärlich, da die meisten lieber von den Heldentaten erzählen, die vor ihnen liegen, als von dem Leben, das jetzt hinter ihnen liegt.
Als die SchlafPeriode um 23 Uhr näherrückt, verdrücke ich mich wieder aus der Festung, um mir draußen etwas zum Essen zu suchen und dann ungestört in meiner Felsenbucht zu schlafen.
******** 053. Tag: Dienstag 1995-10-10 ********
53.1 Die Schiffe des Unterforts
Schon vor dem Ende der normalen SchlafPeriode um 8 Uhr sind einige der Schiffe herangeführt worden und ankern jetzt in einer der Buchten, die bis an die Mauern der Festung heranreichen. Osont sieht sie sich genau an und läßt sich von den Männern der ehemaligen Fortbesatzung alles mögliche erklären.
Was genau er sich erklären läßt, kann ich nicht hören, als ich verschlafen von meiner Felsenbucht zur Festung stolpere. Aber es sieht so aus, als ob der Heerzug schon sehr bald zu Wasser weitergehen wird. Die Vermutungen von gestern waren also richtig.
Ich treffe Träger, die Vorräte auf die Schiffe bringen. Darunter ist auch stinkendes Saurierfleisch - vielleicht sogar von meinem Saurierfänger vor einem Monat hierhergebrachtes! - aber die Delikatesse des Tages ist natürlich Menschenfleisch. Im Hofe des Forts sehe ich, wie meistenteils weibliche Leichen mit Salz präpariert werden - so, wie ich es auf dem Saurierfänger auch schon habe tun müssen. Irgendjemand muß die Haltbarmachung in die Wege geleitet haben, nachdem seinerzeit durch Nachlässigkeit in dieser Hinsicht der gesamte Speisekammerinhalt im Oberfort am Vergammeln war. Immerhin wird man mich jetzt nicht an diesen Arbeiten teilnehmen lassen.
Meine Stellung ist überhaupt merkwürdig: Ich habe viele Sympathien unter den Meuterern, aber Osont wollte mich ja eigentlich los werden und will es wahrscheinlich immer noch. Bin neugierig, wie sich das im Alltagsbetrieb des zu erwartenden Piratendaseins entwickelt.
Bald darauf begegne ich vor dem Fort einer Gruppe von Männern, die sich mit geborgenen Gleitschirmen in Richtung der Schiffe bewegen. Zunächst wundere ich mich, daß Osont denkt, daß wir die Gleitschirme noch brauchen. Aber dann fällt mir ein, daß die Schiffe Segel brauchen. Vielleicht sind die Vorräte an Segeltuch knapp.
Himmel, jetzt fällt es mir ein: Was habe ich damals den Mädchen auf dem Saurierfänger zu erklären versucht? Kiele, um Höhe am Wind zu gewinnen. Wenn wir schnell nach Grom wollen, dann wird es Zeit, sich einmal darum zu kümmern. Das könnte nicht nur die Zeit verkürzen, bis ich Irene wiedersehe, sondern auch meine Stellung und damit meine Überlebenschancen verbessern und wieder festigen.
Außerdem habe ich die Methode der Kiele und Schwerter irgendwann auf Casabones auch schon erwähnt. Es ist besser, jetzt das Thema auf den Tisch zu bringen, bevor jemand anderes sich erinnert und sich wundert, warum ich nichts mehr darüber sage.
Ich frage mich durch nach Okr oder Osont. Okr hat seit dem Absprung niemand gesehen. Also ist er mehr als einige Stunden aufgehalten worden. Osont finde ich an Bord eines der kleinen Schiffe.
Diese Schiffe sind wirklich klein. Kein Vergleich mit dem Saurierfänger. Das größte unter ihnen ist in seinen Abmessungen - Masthöhe und Länge - etwa halb so groß wie der Saurierfänger, grob geschätzt. Es liegen acht solcher Schiffe in der Bucht. Ich kann mich nicht erinnern, daß es so viele waren, als wir uns vor einem Monat nach Casabones aufmachten, aber vielleicht haben einige der Schiffe ja auch an einer nichteinsehbaren Stelle geankert. Der technische Zustand der Schiffe ist nicht so gut wie der des Saurierfängers. Vielleicht liegt das daran, daß sich niemand für ein bestimmtes Schiff verantwortlich fühlt. So etwas kommt bei gewissen Organisationen eben vor. Das war natürlich auf dem Saurierfänger anders. Cherkrochj hätte niemals unaufgeräumte und fehlerhaft gespannte Takelage geduldet, oder fehlende Reelingsbalken, oder gebrochene Bretter in den Aufbauten. Ob sich jemand finden wird, der die Besegelung genausogut in Schuß halten kann wie Charmion?
Ich sehe Männer, die mit Reparaturarbeiten beschäftigt sind, allerdings nicht sehr viele. Nur das allernotwendigste wird gemacht, und das auch nur auf Anordnung. Osont ist zwar ziemlich beschäftigt, aber wie ich höre, geht es mehr um die Ausrüstung, die zusätzlich mitgenommen werden soll - im wesentlichen Waffen und Vorräte aus dem Fort - und um die Aufteilung der Leute auf die Schiffe. Als ich über eine Planke das Schiff betrete, auf dem sich Osont aufhalten soll, stolpere ich fast überall über irgendwelche Leute, die irgend etwas zu tun haben, und über manche, die sich bemühen, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie nichts zu tun haben.
Während ich einen günstigen Augenblick abwarte, um mit Osont zu sprechen, mustere ich den Himmel, in der Erwartung, Okr irgendwo anschweben zu sehen. Ich finde ihn nicht. Aber das will natürlich nichts heißen. Er braucht sich ja durchaus nicht an den kürzesten Kurs, den die meisten und ich auch genommen haben, zu halten. Außerdem dürfte ein weit entfernter Gleitschirmflieger gegen diesen Himmelshintergrund aus Felsen und Wolken schwer erkennbar sein.
Endlich taucht Osont in einer der Türen des DecksHauses auf. Wie üblich ist er in Begleitung einiger seiner Leibwachen und anderer Männer, mit denen er wohl gerade über technische und organisatorische Einzelheiten gesprochen hat. Er sieht mich sofort und geht auf mich zu. Ob er wohl auf mein überraschendes Hiersein eingehen wird?
"Dich wollte ich sprechen! Was weißt du über Navigation? Du weißt doch so vieles!"
Also keine Nachfragen zu dem Thema.
"Navigation? Die Kunst, mit einem Schiff dahinzufahren, wo man hinmöchte? Die Kunst, zu wissen, wo man ist?"
"Ja. Natürlich!"
"Ich muß passen. Ich kenne einige Methoden, die wir in unserer Welt verwenden. Aber diese erfordern, daß man den freien Himmel sieht, den es in eurer Welt nicht gibt. Außerdem wäre ein Kompaß sinnvoll."
"Ein was?"
"Ein Kompaß!" Ich erkläre in kurzen Worten, was das ist. Ob Osont mir glaubt, kann ich nicht feststellen. Immerhin, warum sollte jemand, der gewußt hat, wie man fliegt, jetzt bei der Erwähnung eines anderen technischen Wunders lügen?
"Ich hatte einen auf dem Saurierfänger!" schließe ich, "und wenn man dieses magnetische Gestein in Eurer Welt fände, dann könnte ich einen herstellen! Dieses Gestein ist gar nicht so selten."
"Ich werde rumfragen, ob jemand so etwas kennt," beschließt Osont, "aber abgesehen davon, welche Ideen hast du noch?"
Ich denke nach. Einen groben Sextanten zu bauen wäre möglich, aber sinnlos, weil man keinen Himmel sehen kann. Genaue Uhren für die Navigation gibt es auch nicht, und meine Armbanduhr werde ich nicht herausrücken. Und eine weitere wesentliche Vorbedingung guter Navigation: Gibt es Karten von der WeltHöhle? Ich erinnere mich, daß ich auf dem Saurierfänger welche gesehen habe. Ja, Chechmon hatte welche aus dem Gedächtnis gezeichnet. Jetzt erinnere ich mich. Das spricht dafür, daß es welche geben sollte, die professioneller hergestellt sind, denn sonst hätte sie das Konzept einer Landkarte nicht gekannt. Und wenn irgendwo Karten zu finden sein sollten, dann im Besitz militärischer Organisationen und auf Schiffen. Also genau hier. Osont oder seine Leute müßten längst welche gefunden haben. Ich frage nach.
"Wir haben welche gefunden," gibt Osont zu, "aber sie sind nicht gut für größere Entfernungen!"
"Und warum nicht?"
Osont läßt einen der anderen Männer erklären, weil er selbst sich nicht gut genug auskennt. Aus den ungenauen Erklärungen entnehme ich, daß es mit der strengen Maßstäblichkeit hapern könnte. Das heißt, mit den vorhandenen Karten kann man geographische Details durch ihre ungefähre Lage zueinander identifizieren. Das ist aber auch alles. Der Maßstab dieser Karten richtet sich nach der Menge der Einzelheiten, die man eintragen möchte. Als einzige Längenangabe findet man solche Bezeichnungen wie etwa die übliche Fahrtzeit eines Schiffes für ein bestimmten Abschnitt des Meeres, oder Marschierzeiten.
Ich frage nach, ob ich solche Karten sehen kann, aber Osont nimmt den Gesprächsfaden wieder auf und versucht, das Thema zu wechseln. Als ob seine Karten Geheimmaterial wären! Vielleicht hat er aber auch gemerkt, daß ich von der Art Karten, wie sie mir gerade beschrieben wurden, nicht sehr viel halte, und jetzt geniert er sich gewissermaßen, vielleicht ohne sich dessen bewußt zu sein.
Er will noch wissen, ob ich etwas von Besegelung verstehe, und von der Organisation der Takelage. Wahrscheinlich denkt er, daß ich etwas davon wissen muß, weil ich mit Charmion zusammen war. Natürlich muß ich da passen, und wieder habe ich den Eindruck, daß Osont mir nicht ganz glaubt. Der Arme befindet sich in der Situation so machen Industriemanagers: Er weiß nicht genau, was seine Fachleute wissen, weil er selbst vom Fach nichts versteht, und wenn seine Leute auf einem bestimmten Gebiet Resultate erzielen können, dann hat er keine Vorstellung von den Schwierigkeiten und den Faktoren, die die Schnelligkeit der Arbeit und ihre Qualität beeinflußen. Immerhin gibt mir das Thema Gelegenheit, das Thema anzusteuern, auf das ich eigentlich hinauswollte.
Es dauert eine Weile, bis Osont bemerkt, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn ein Schiff Höhe am Wind gewinnen könnte. Einer der Männer, der, wenn ich mich recht erinnere, viele Zuschneide- und Näharbeiten bei der Gleitschirmherstellung gemacht hat, zieht während unseres Gespräches mehrfach die Augenbrauen hoch. Er hat schneller als die anderen Umstehenden begriffen. Schon weiß ich, wen man da fachlich involvieren muß.
Bei Osont dauert es länger. Zwar hat er schnell die Möglichkeiten erkannt, die Schiffe, die Höhe am Wind gewinnen können, bieten, aber meine freihändigen Erklärungen der vektoriellen Zusammensetzung der Kräfte geht über sein Verständnis hinaus. Es interessiert ihn eigentlich auch nicht.
Da sieht man mal wieder, was man als Lehrer erreicht. Da habe ich im theoretische Unterricht jedem, der jetzt hier ist, etwas über die Funktionsweise von Gleitschirmen erzählt, wobei es unumgänglich ist, mit Begriffen wie Kraft, Kraftvektoren und Vektoraddition zu hantieren, auch wenn sich das auf eine zeichnerische Darstellung beschränken mußte. Ich habe jetzt den Eindruck, daß bei den wenigsten davon allzuviel hängen geblieben ist. Die meisten kennen sich nur prozedural im Gleitschirmfliegen aus: 'Was muß man machen, damit ...'. Nicht: 'Wie funktioniert ...' und 'Was ist ...'.
Aber was soll ich mich beschweren. Wenn man den durchschnittlichen Führerscheinbesitzer über Begriffe wie Kraft und Leistung und Energie und Kraft- und Geschwindigkeitsvektoren und die thermodynamischen Grundlagen einer Verbrennungsmaschine und die chemischen Gleichgewichte in einer Blei-Schwefelsäurebatterie befragt, dann wird man im Allgmeinen auch nur dumme Rückfragen ernten. Warum sollten gerade meine GranitBeißer da anders und aufgeweckter sein?
Eine meiner eigenen Absichten ist, den Saurierfänger mit Irene einzuholen. Ich versuche, im Gespräch nebenbei zu erfragen, wann der Saurierfänger eigentlich abgelegt hat. Aber entweder ist es den Meuterern nicht gelungen, das in Erfahrung zu bringen, oder sie haben einfach nicht genau genug nachgefragt, weil sie das nicht genug interessierte. Vielleicht ist es zwei Wochen her, vielleicht auch erst zwei Tage. Aber jedes Mal, wenn ich frage, bekomme ich eine andere Antwort.
Immerhin kriege ich Osont herum, mit einigen seiner Leuten das Thema Kiel oder Schwert genauer durchzusprechen. Olcar, der Mann, der mir verständig erschien, ist dabei.
Dann verläßt Osont das Schiff, um auf einem der anderen Schiffe nach dem Rechten zu sehen. Er hat viel zu tun. Das ist gut. Ein Osont, der sich langweilt, ist gefährlich.
Die drei Leute, mit denen ich mich jetzt unterhalte, sind, bis auf die Ausnahme Olcar, der vielleicht 29 Jahre alt ist, Nullen. Meine weiteren Erklärungen werden praktisch nur von Olcar verstanden, während die beiden anderen dabeistehen und sich bald langweilen, wie Studenten in einem Hörsaal, Studenten, derem intellektuellen Fassungsvermögen der vorgetragene Stoff inzwischen davongelaufen ist.
In Ermangelung von Papier muß ich teilweise wieder mit Händen und Füßen reden. Aber als ich zum Beispiel mit einem herumliegenden Brett, das ich über die Bordwand ins Wasser halte und dort bewege, demonstriere, daß man mit einer Art Tragflächenprofil im Wasser Kräfte in andere Richtungen umleiten kann, begreift Olcar das durchaus. Außerdem weiß er ja so einiges über Gleitschirme, an denen er gearbeitet hat. Wie genau er nun das Konzept des Kiels kapiert, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß er sich darum kümmern wird.
Danach vertrete ich mir noch auf einigen der anderen Schiffe die Füße. Es gelingt mir kaum, mit weiteren Leuten ein Gespräch anzufangen, bis auf Oios, den ich bei der Tätigkeit finde, Gleitschirme in Segel umzuschneidern. Von ihm erfahre ich, daß bei den Kämpfen im Fort sehr viel kaputtgegangen ist, und daß die Besatzung sich bis zum Schluß heldenhaft gewehrt hat, selbst, als sie lange schon wußten, daß sie einer massiven Übermacht gegenüberstehen. Die Verluste unter den Meuterern seien höher als erwartet, aber genaue Zahlen weiß er auch nicht. Er glaubt, daß etwa 125 übrig sind, aber diese Zahl nennt er natürlich nur, weil es in dem Fünfersystem der GranitBeißer eine runde Zahl ist.
Ich stelle auch fest, daß die Speisekammern aufgefüllt werden, aber das sehe ich mir nicht im Detail an. Immerhin werden auch irgendwelche Wurzeln eingelagert, die man in den kleinen Wäldern am Fort finden kann und die in der Küche des Forts vorrätig waren. Es handelt sich wahrscheinlich eher um die Absicht des Würzens als die Fürsorge für eventuelle Vegetarier an Bord.
Es ist merkwürdig - irgendwie komme ich mir in der ganzen Hektik überflüssig vor. Jeder hat eine Aufgabe. Ich nicht. Andererseits bin ich ab und zu der gefragte Fachmann, auf dessen Rat man aber auch nur hört, wenn es in den Kram paßt. So bin ich mir jede Sekunde bewußt, daß ich nicht dazu gehöre. Nicht, daß mir das unangenehm ist - zu den meisten identifizierbaren Kollektiven von Menschen gehöre ich nicht dazu, wie ich im Laufe meines Lebens immer wieder festgestellt habe. Immer bin ich in erster Linie ich selbst und nicht Mitglied von irgend etwas. Das habe ich als Mitglied einer Partei genauso feststellen müssen wie als Mitglied einer Verbindung, einer Gewerkschaft oder eines Berufsverbandes. Alle diese Mitgliedschaften habe ich über kurz oder lang wieder aufgehoben. Nur die Mitgliedschaft zur Arbeitnehmerschaft meines derzeitigen Arbeitgebers ist aus naheliegenden Gründen eine längerfristige Sache. Eine provisorisch längerfristige Sache.
Vielleicht auch schon nicht mehr, denke ich. Seit etlichen Wochen sind weder Irene noch ich wieder in unseren Firmen vorstellig geworden. Irgend etwas muß inzwischen längst passiert sein. Während ich hier dem Ladegeschäft zusehe, sind längst Einschreiben unserer Arbeitgeber ins Haus geflattert, die nicht entgegengenommen wurden, haben längst Polizisten unsere Wohnung durchsucht, um Hinweise über unseren Verbleib zu finden, rauft sich unserer Vermieter die Haare, weil er auch nicht weiß, was er mit unserem Inventar tun soll, wenn die Banken erst die Daueraufträge für die Mietzahlungen stornieren, weil bald ja kein Gehalt mehr einläuft und der vorhandene Geldbetrag immer mehr zusammenschmilzt.
Wenn man ihnen nur eine kurze Mitteilung zukommen lassen könnte! 'Halt, wir leben noch und kommen irgendwann wieder, und dann bringen wir schon alles in Ordnung, aber im Moment geht's noch nicht!' Aber so wird man inzwischen meinen, daß wir auf einer Alpenwanderung verschollen sind, irgendwo in so unübersichtlichem Gelände abgestürzt, daß man uns noch nicht gefunden hat. Das wäre jedenfalls die plausibelste Hypothese. Wer weiß überhaupt, wo wir hinwollten? Hatten wir irgendjemanden über die geplante Wanderung in das Zugspitzgebiet informiert? Ich glaube, nicht.
Vielleicht denkt man auch an Entführung. Aber dann wäre ja eine Lösegeldforderung eingelaufen, oder sonst ein Ultimatum. Auch die Möglichkeit, die noch vor zehn Jahren bestand, sich hinter den eisernen Vorhang abzusetzen, gibt es nicht mehr. Inzwischen ist der ganze Planet, jedenfalls die allermeisten Länder, meldewesensmäßig so durchorganisiert, daß es kaum möglich ist, sich irgendwohin zu verziehen, dort permanent zu wohnen und nicht mehr auffindbar zu sein. Eine Identitätsänderung ist sehr schwer. Und warum sollten wir so etwas gemacht haben? - Nein, das allerplausibelste ist, daß man annehmen wird, daß wir in den Alpen abgestürzt sind. Ich fürchte, man wird längst schon unseren Nachlaß regeln und unseren Haushalt auflösen. Wahrscheinlich. Ich weiß nicht, wie schnell die Behörden in solchen Fällen sind. Jedenfalls wird es schon nicht mehr ganz einfach, wenn es uns gelingen sollte, demnächst zurückzukehren. Wie das wohl sein wird, wenn man die Bühne des eigenen, früheren Lebens wieder betritt, man aber aus dem Stück inzwischen 'rausgeschrieben' worden ist?
Wir werden es schon schaffen, irgendwie. Solange wir noch arbeitsfähig sind, werden wir die Vermögenswerte, die uns zustehen, wieder zurückholen. Vielleicht sogar die Dinge, die einmalig und nicht ersetzbar sind, wenn sie verloren gehen sollten - persönliche Aufzeichnungen, Photos, Briefe aus alten Tagen. Das kann Geld nicht kaufen, wenn es verloren gehen sollte. - Vielleicht wird unser Vermieter diese Dinge in seiner Scheune für eine längere Zeit zwischenlagern. Er hat ja Platz. Und solange man unsere Leichen noch nicht gefunden hat, ist ja überhaupt nichts sicher. Vielleicht geht es doch nicht so schnell mit der Toterklärung.
Plötzlich muß ich an Oom denken, den Alten, der am Seeufer auf Casabones gewohnt hat, neben dem jetzigen Platz von Charmions Grab. Auch er ist verschollen. Vielleicht ist er auch nicht tot. Verrückte Szenarien fallen mir ein: Er hat Casabones über den Schwebenden Berg verlassen - vielleicht kannte er sogar noch einen Weg in unsere Welt? Aber warum hat er ihn dann verschwiegen? Oder hat er ihn jetzt erst gefunden, auf seinem Weg von Casabones weg? Oder, noch phantastischer, vielleicht war er aus unserer Welt, und hat sich aus irgendwelchen Gründen in die Welt der GranitBeißer zurückgezogen? Oder er konnte nicht zurück, so wie wir?
Blödsinn, denke ich mir. Dieser Oom ist nicht geheimnisvoller als die anderen hier. Er wird sicher irgendwo im Urwald auf Casabones liegen, längst schon zerrissen von wilden Tieren, denen jeder Kadaver als Nahrung willkommen ist. Armer Oom. Für dich war die Begegnung mit uns auch nicht glückbringend.
Ich sitze auf einem Uferfelsen und sehe dem Treiben auf den Schiffen zu. Jeder sieht mich, aber niemand stört mich dabei. Schon wieder merke ich, daß das ein Spiel mit den Milligraden der sozialen Stellung bei den Meuterern ist: Jeder sieht, daß ich nicht arbeiten muß und daß Osont das akzeptiert, und daß Osont es auch akzeptiert, daß alle das sehen. Dann haben alle anderen es auch zu akzeptieren. Käme natürlich Osont jetzt auf die Idee, mich für irgend etwas einzuspannen, dann wäre ich derjenige, der versucht hätte, die Arbeit den anderen zu überlassen. Das wäre wieder unangenehm. - Aber Osont wird nicht wagen, mich so vor den Kopf zu stoßen. Dazu, denkt er, weiß ich noch zu viele Tricks, die ihm nützlich sein könnten.
Als sich Mitternacht nähert, kommt Osont dann aber doch auf mich zu:
"Olcar hat mit mir gesprochen!" sagt er.
"Und?"
"Diese Kiele, was meinst du, welchen Aufwand man braucht, um sie anzubringen?"
"Wenn man es anständig macht, und das auf allen Schiffen, einige Tage. Mindestens."
"Ich möchte aber, daß wir morgen lossegeln!"
"Hmh. Naja, vielleicht kann man es unterwegs machen," vermute ich, "man müßte nur Material mitnehmen - Holz, Leim, Seile. Es wird sich erst dann herausstellen, wie gut das geht, und ob überhaupt!"
Osont nickt und kratzt sein narbiges Gesicht.
"Äxte und andere Werkzeuge sind genügend im Fort. Holz müßten wir uns erst beschaffen."
"Und was spricht dagegen, das zu tun?" frage ich. Osont bemerkt die potentielle Kritik nicht. Er überlegt noch eine Weile und geht dann wieder wortlos auf eines der Schiffe zurück. Wortlos, weil er nicht geruht, zu sprechen, nicht etwa wortlos, weil ihm keine Entgegnung einfiele. Daß ich ja den Unterschied merke!
******** 054. Tag: Mittwoch 1995-10-11 ********
54.1 Genie und Crash
Nachdem ich jetzt überzeugt bin, daß man auf meine Person als Berater noch genügend Wert legt, so daß man nicht ohne mich absegeln wird, ohne die ganze Insel zu durchsuchen, und daß auch noch Holzeinschlagarbeiten notwendig sind, verziehe ich mich für die SchlafPeriode wieder in meine einsame Felsenbucht. An Bord der Schiffe dürfte es in den nächsten Tagen sehr gedrängt zugehen. 125 Personen auf 8 Schiffen, das sind immer noch 15 bis 16 Personen auf jedem Schiff. Wenn Osont alle Schiffe nimmt. Sonst werden es mehr.
Bin neugierig, wie er die Schiff-zu-Schiff Kommunikation bewerkstelligen wird. Das ist bei einer solchen Flotte ja unbedingt nötig. Er wird sieben weitere Kapitäne ernennen müssen, und es wird reiner Zufall sein, wenn einer davon eine Ahnung von der Seefahrt haben sollte.
Als ich um 11 Uhr am nächsten Morgen zur Ankerbucht zurückkehre, hallt der Wald von Axtschlägen wider. Ich erfahre, daß die meisten Holzvorräte schon geschlagen worden sind, was ich höre sind nur noch die Arbeiten, die notwendig sind, um die Stämme in handliche Stücke zu zerteilen, so daß man sie auf die Schiffe verladen kann. Die übrigen Vorräte, so erzählt man mir, seien im wesentlichen vollständig. Innerhalb der nächsten Stunden werden wir abfahren.
Das erscheint mir optimistisch. Ich prüfe den Wind. Da ist kein Wind. Völlige Flaute. Wie wollen wir so überhaupt aus der Bucht herauskommen? Rudern? Bin neugierig, was Osont vorhat.
Die restlichen Ladegeschäfte sind bis etwa 15 Uhr fertig. Osont hat mich für das Schiff eingeteilt, auf dem er sich selbst aufhalten wird. Es ist das größte, und es wird damit das Flaggschiff.
Während ich noch auf dem Ufer auf- und abgehe, um mir noch einmal auch die anderen Schiffe aus der Nähe anzusehen - vielleicht fällt mir noch etwas auf - verläßt Osont, offenbar ebenfalls auf einem Inspektionsgang, eines der kleineren Schiffe.
Er ist in Begleitung von Okr!
Also hat Okr es geschafft. Jetzt möchte ich wissen, was er Osont erzählt hat. Sie sehen mich, wechseln ein paar Worte miteinander, die ich nicht verstehen kann, und kümmern sich dann um andere Dinge. Okr geht mir aus dem Weg. Natürlich brenne ich vor Neugier, wie er den letzten Gleitschirm doch noch hingekriegt hat und wann er eigentlich gelandet ist - ich habe ja nichts gesehen - aber ich muß auch damit rechnen, daß er stinksauer auf mich ist. Vielleicht habe ich einen weiteren Todfeind.
Später erfahre ich, daß er eines der Schiffe führen wird. Wenigstens ein kompetenter Kapitän, denke ich. Olcar hätte ich auch für kompetent gehalten, aber der reist mit auf Osonts Schiff, denn seine Aufgabe wird die Kielherstellung sein.
Was aber Okr betrifft, so muß ich mir auch eingestehen, daß ich auch aus einem anderen Grunde erleichtert bin, daß er ein eigenes Kommando bekommt: Dann fährt er notwendigerweise auf einem anderen Schiff als ich. Ist vielleicht erst einmal besser.
Allmählich sammeln sich die Meuterer auf ihren Schiffen. Es sind sogar schon einige Segel gesetzt worden, aber offenbar nur, um zu sehen, wie sie schlaff herunterhängen. Im Gegensatz zu der Untätigkeit des Windes fliegen hektische Kommandos hin und her. Ich weiß nicht, was da noch alles zu organisieren ist, aber manche der frisch ernannten Schiffsführer scheinen noch die Ausrüstungsarbeiten des ganzen Schiffes vor sich zu haben, obwohl doch eigentlich schon alles an Bord sein sollte. Aber vielleicht liegt das auch nur an der Menge der mitgeführten Ausrüstungsgegenstände, die ständiges Umräumen notwendig macht, damit die Schiffe gerade im Wasser schwimmen und damit nichts im Wege liegt. Niemand hat ja auch nur die Spur einer Routine, und so wird über jeden notwendigen oder auch nicht notwendigen Handgriff immer wieder gestritten.
Dann sehe ich, daß einige der Rahen, die noch nicht mit Segeln bestückt sind, jetzt mit solchen versehen werden. Das ist aber ein großer Aufwand - die Meuterer stellen sich reichlich ungeschickt an, und mehr als einer sieht besorgt auf das Deck tief unter ihnen. Das sind keine Seeleute, das sieht man spätestens jetzt sofort! Allein der Routinevorgang, ein vorhandenes Segel zu setzen, benötigt viel Geschrei und dauert lange. Und natürlich entfaltet sich das Segel nicht überall gleichzeitig, wie man das eigentlich erwartet. Ein himmelweiter Unterschied zu dem seemännischen Betrieb auf dem Saurierfänger!
Ich möchte wissen, was wäre, wenn diese Tätigkeiten in der Takelage durch aufkommenden Wind verkompliziert würden! Dann wird es nämlich für eine Landratte erst recht unangenehm: Das Schiff stampft und rollt, es gibt nichts im Mastwerk, was sich nicht gegeneinander bewegt, und die Segel können durchaus große Kräfte entfalten, die geeignet sind, irgendjemanden herunterzuschleudern oder jemandem auch etwas einzuklemmen. Im Moment sollte es eigentlich überhaupt keine Probleme geben.
Und was es für Probleme gibt! Ich verstehe ja selber nicht sehr viel davon, aber trotzdem amüsieren mich die von Mast zu Mast geführten Diskussionen, etwa um den Zweck eines bestimmten Seiles oder einer anderen Einrichtung da oben zu erraten. Vielleicht wird es klar, wozu diese Dinge gut sind, wenn Wind aufkommt. Wenn diese Leute bis dahin nicht das ganze Schiff umbauen!
17 Uhr. Ich bin inzwischen auf Osonts Schiff und habe mich rasch zu meinem Lieblingsplatz begeben: dem höchsten Krähennest, das auf diesem Schiff etwa 50 Meter über dem Deck ist. Osont nimmt es mit einem kurzen, gleichgültigen Blick zur Kenntnis. Vielleicht ist es der sicherste Platz auf dem Schiff - unten an Deck kann es jederzeit passieren, daß eine versehentlich gelöste Rah herunterknallt und eine Handvoll Leute erschlägt. Hier oben passiert mir nur etwas, wenn sie es fertigbringen sollten, den Großmast zu fällen.
Charmion, wie hättest du diesen Laden geschmissen! Aber wie wären deine Vorurteile über die Männer gefestigt worden, wenn du diesem Sauhaufen bei dem Versuch, Schiffe seeklar zu machen, zugesehen hättest!
18 Uhr. Unten ist immer noch hektischer Trubel. Aber ein Hauch hat meine Stirn gestreift. Gerade eben sichtbar bewegen sich einige der Segel. Ich rufe zu Osont hinunter und bedeute ihm, daß Wind aufkommt. Dann sollten wir jederzeit losfahren können, da wir alles an Bord haben und Wind das einzige war, was noch fehlte. Als besondere Gabe des Schicksals weht der Wind in der richtigen Richtung und sollte diese Schiffe aus der Bucht hinausdrücken!
So ziemlich alle Schiffe beginnen, zu driften. Großer Gott: Die Gangway-Planken sind noch nicht eingeholt worden, und einige der Schiffe sind noch mit Seilen an Bäumen am Ufer befestigt, bei anderen hat man wegen der Windstille darauf verzichtet. Ich sehe es kommen, aber ich kann es nicht verhindern: Langsam, aber unerbittlich, werden die Schiffe aufeinander zu geschoben. Manche drehen sich an ihren Leinen, andere nehmen Fahrt auf uns schieben ihren Bugspriet in die Takelage eines anderen Schiffes, und nach kurzer Zeit schwimmen die meisten Gangway-Planken im Wasser, was die Aufgabe, die Haltetaue am Ufer loszubinden, nicht gerade erleichtert, da niemand ins Wasser will, um hinüberzuschwimmen, und wenn es dann schließlich doch jemand tut, dann ist es schon zu spät.
Acht Schiffskommandanten brüllen um die Wette. Es ist vergebens. Der geringen Windstärke gemäß geschieht alles wie im Zeitlupentempo, nichtdestoweniger, es geschieht, und langsam entsteht eine miteinander verzahnte Insel aus Schiffen, die sich in der Bucht zwischen den Ufern festsetzt. Man würde es nicht glauben. Aber ich sehe es mit eigenen Augen! Wenige Minuten, und die bloße Ahnung eines Windes haben ausgereicht, diese ganze Flotte bewegungsunfähig zu machen!
18 Uhr war es, als der Wind aufkam. 20 Uhr ist es, als endlich das erste Schiff wieder freikommt. Es verläßt, tatsächlich Bug voran, die Bucht. Um uns nicht davonzufahren, ist man dort bemüht, die Segel wieder zu bergen.
Eine Stunde später sind weitere drei Schiffe fahrtüchtig, darunter das, auf dem ich mich befinde, und von meinem erhöhten Standpunkt aus kann ich beobachten, wie in der Bucht noch bis 21 Uhr gearbeitet wird, um auch das letzte Schiff freizubekommen.
Wenn ich jetzt gefragt würde, wann wir diese Fahrt eigentlich angetreten haben, dann wäre ich um eine Antwort wirklich verlegen!
54.2 Osonts Flotte
Jetzt sind natürlich die Probleme noch nicht vorbei. Olcar wird sich noch etwas gedulden müssen, wenn er an die Herstellung von Kielen gehen möchte. Im Moment werden alle Hände für das Führen des Schiffes gebraucht.
Zunächst einmal tendieren alle Schiffe dazu, sich voneinander zu entfernen, schon weil jedes sich seinen eigenen Kurs aus den Untiefen der Schäreninseln heraus sucht. Es ist kein Kommunikationscode verabredet worden, so daß es Osont nicht möglich ist, seine Befehle den anderen Schiffen zu vermitteln. Und daß in dieser Phase kein Schiff auf Grund läuft, dürfte auch nur dem Zufall zu verdanken sein.
Ein Problem, das sie da unten gar nicht bemerken, sehe ich von meinem Krähennest: In einigen Kilometern Entfernung, in einem Gebiet, wo keines von unseren Schiffen ist, tauchen Saurier auf. Ich weiß nicht, ob sie von uns Notiz nehmen - meiner Ansicht nach sind es zwei oder drei Tiere, die dort schwimmen. Große Tiere. Ich fühle mich ungeschützt. Charmion hätte gewußt, was zu tun ist. Charmion wäre für diese Fischsaurier eine größere Bedrohung als diese ganze Flotte zusammen. Haben wir überhaut Harpuniergeräte an Bord? Ich habe mich nicht darum gekümmert, und sonst wohl auch niemand. Wenn welches da sein sollte, dann ist es wahrscheinlich zusammengelegt in den Deckshäusern untergebracht. Vielleicht ist es nicht einmal einsatzfähig, nach dem Zustand zu urteilen, in dem wir diese Schiffe vorgefunden haben, und niemand weiß, wo es ist. Ich fürchte, wir wären einem Angriff dieser Fischsaurier wehrlos ausgeliefert.
Die großen Tiere kommen nicht näher, und ich beruhige mich wieder. Es reicht wohl, wenn ich sie im Augenwinkel behalte. Andere Probleme sind dringender.
Gerade, als ich mich entschließe, herunterzusteigen, um Osont etwas über die Flaggensignalsprache zu erzählen - so etwas braucht er jetzt - sehe ich auf einem der anderen Schiffe eines der gesetzten Segel zerreißen. Einfach so. Es ist zwar Wind, aber doch so wenig, daß ein Segel nicht so einfach zerreißen kann.
Unten erfahre ich dann, was passiert ist. Einer der Männer, der zufällig genauer hingesehen hat als ich, hat gesehen, daß dort jemand aus dem Mast gefallen ist. Der hat im Fallen irgendwie das Segel zerteilt.
Mir kommt eine Fernsehsendung aus der Anfangszeit des Deutschen Fernsehens in den Sinn: Da war ein Artist, der ständig mit spektakulären und halsbrecherischen Kunststücken auftrat. Eines davon war der Sprung aus großer Höhe in ein senkrecht aufgespanntes, großes Tuch. Ich weiß nicht mehr, ob es sich um ein Segel gehandelt hat oder um etwas anderes. Dieser Artist stieß ein Messer in das Tuch und rutschte dann, am Tuch entlang und dieses dabei zerteilend, sicher in die Tiefe. Vielleicht hat der Mann auf dem Schiff da drüben in einer plötzlichen Eingebung es genauso gemacht.
Es würde mich allerdings interessieren, was er dann gemacht hat, als er das untere Ende des Segels passiert hat!
Osont hört mir bei meinen Erklärungen über die Flaggensignale nur mit halbem Ohr zu. So etwas ähnliches hat er sich auch schon ausgedacht. Aber es muß natürlich ein Code für die wichtigsten Nachrichten geschaffen werden, und dann müssen Leute darin unterrichtet werden, und zwar auf allen Schiffen mehrere. Um das aber in die Wege zu leiten, müssen die Schiffe wieder so nahe zusammenkommen, daß ein Personenaustausch möglich ist. Im Moment sind drei der Schiffe bereits soweit weg, daß man sie kaum noch sieht. Man weiß nicht, ob die Besatzung vergessen hat, was man tun muß, um ein Segel zu reffen, oder ob sie sich absichtlich vom Flaggschiff entfernen. Osont meint, letzteres wäre eigentlich nicht möglich, da auf jedem Schiff seine persönlichen Vertrauten seien.
Wieso er annimmt, daß seine persönlichen Vertrauten ihm gegenüber loyaler sein sollten als er ihnen, das verrät er nicht.
Die vier anderen Schiffe halten sich von sich aus nahe am Flaggschiff, wenn auch dort eine ganze Weile experimentiert werden muß, bis sie die Besegelung herausgefunden haben, mit der sie etwa die gleiche Geschwindigkeit halten können. Die generelle Fahrtrichtung scheint Norden zu sein - vermute ich. Ich habe ja keinen Kompaß, und so kann ich mich an den mir nur ungefähr bekannten geographischen Einzelheiten orientieren. Von denen ist Casabones zweifellos das markanteste. Vom Achterschiff kann ich die Gefängnisinsel am besten sehen. Jetzt, wo wir erst wenige Kilometer zurückgelegt haben, ist sie eine überragende und erdrückende Erscheinung hinter uns. Die uns zugewandte Kante ist immer noch schräg über uns. Immer noch droht sie gleichsam auf uns zuzukippen, und würde sie es tun, dann wären wir bei weitem noch nicht weit genug entfernt, um sicher zu sein.
Allmählich - mit steigender Beherrschung der Schiffe - traut man sich, mehr Segel zu setzen. Ich habe gehört, daß wir uns ungefähr in Richtung Grom bewegen - genau kann man das bei diesen Karten ja nicht sagen - und dann braucht man sich ja nicht zurückzuhalten, was die Fahrtgeschwindigkeit betrifft. Bald haben wir etwa die normale Marschgeschwindigkeit - 5 Kilometer pro Stunde, schätze ich. Wenn wir schon um 18 Uhr mit dieser Geschwindigkeit geordnet die Bucht verlassen hätten, dann wären wir schon 20 bis 30 Kilometer weiter!
Ein Segelfloß, das 5 Kilometer pro Stunde macht, schwankt ein bißchen. Mir wäre das nicht weiter aufgefallen, aber ich sehe, daß einige der Männer doch etwas still werden. Es dauert einen Moment, bis ich drauf komme: Seekrankheit! Es ist zwar nicht schlimm, und es kommt auch nicht vor, daß jemand aufs Deck kotzt, aber ich kann mich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren. Ich bin mir sicher, daß ich eine wesentlich stärkere Schaukelei ohne weiteres aushalten könnte - jedenfalls alles, was diese Schiffe noch aushalten können.
23 Uhr. Casabones ist jetzt etwa 20 Kilometer entfernt. Demnächst werden sich andere Säulen davor schieben. Ich sitze in meinem Krähennest und sehe zurück. Immer mehr Abstand zwischen mir und dem Ort, wo ich mit Charmion zusammen war. Immer weiter rutscht unsere Zeit in die Vergangenheit zurück, und wieder drängt sich das Bild in mein Bewußtsein: Da hinten, da oben, auf dem Pilzberg, da ist ein Steinhaufen. Und rund um ihn herum schlagen traurige Wellen an das Ufer, und der Nebel hüllt ihn ein, für alle Zeit. Und immer wieder hallt ihr Name in meinem Gedächtnis wider, wie ein kaputtes Gramophon, das immer dieselbe Rille abspielt: Charmion ...
******** 055. Tag: Donnerstag 1995-10-12 ********
55.1 Manöver und Flaggencode
Ich sehe Casabones nicht mehr. Eine schwache Kursänderung hat eine der näheren Säulen vor Casabones geschoben, außerdem kommen Nebelbänke auf dem Wasser auf. Es ist ein feiner Nebel - dicker Nebel ist bei der gleichmäßigen Temperatur thermodynamisch gar nicht möglich - aber bei dem Abstand reicht er doch aus, weit entfernte Dinge zu verwischen, sogar von meinem erhöhten Standpunkt aus. Ich bemerke, daß unsere fünf Schiffe näher zusammenrücken. Allmählich kriegen sie die Steuerung in den Griff. Die drei anderen Schiffe, die soviel Fahrt aufgenommen haben, sind längst verschwunden.
Es wird auch ruhiger auf den Schiffen. Die endlosen Diskussionen im Ruderhaus, die immer ausbrechen, wenn die Karten konsultiert werden müssen, hören auf. Allmählich scheinen sie zu lernen, wie man Karten liest. Ich sehe noch nicht, daß irgendjemand daran geht, das mitgenommene Holz in Bretter weiterzuverarbeiten. Solange der Wind in die richtige Richtung weht, scheint Olcar das nicht für nötig zu halten, und Osont auch nicht. Vielleicht haben sie aber auch einfach keinen Platz zum Arbeiten, oder sie wissen nicht, wie sie die Leute einteilen sollen. Bin neugierig, ob die SchlafPeriode durchgesegelt wird. Wäre eigentlich sinnvoll. Das hieße aber, daß Leute auf dem Schiff gleichzeitig arbeiten und schlafen müssen.
Osont hat darüber offenbar auch nachgedacht. So um 3 Uhr läßt er die meisten Segel reffen. Den anderen vier Schiffen bleibt nichts anderes übrig, als dasselbe zu tun, wenn sie nicht davontreiben wollen. Inzwischen ist der Nebel dichter geworden, und wir befinden uns kilometerweit von der nächsten Felssäule entfernt. Ankern dürfte unmöglich sein. Nachdem Osont es durch die Geschwindigkeitsverminderung ermöglicht hat, daß die Schiffe nahe zusammenkommen, errate ich, was er vorhat: Die Schiffe werden während der SchlafPeriode mit Tauen zusammengehalten, so daß eine Wache ausreicht.
Genauso geschieht es. Allerdings ist es eine langwierige Zirkelei, bis endlich alle Schiffe so nahe zusammen sind, daß man Taue hinüberwerfen kann, um so die Schiffe endgültig einander längsseits zu legen. Das muß noch geübt werden, denke ich mir.
Inzwischen hat Osont einen Flaggencode ausarbeiten lassen. Das heißt, Olcar hat es machen müssen - jetzt weiß ich, womit er ihn beschäftigt hat! Es werden Abschriften der Ausarbeitung in alle Ruderhäuser verteilt. Irgendwann muß ich das mir auch aneignen - ich wüßte schon ganz gerne, was Osont seinen Schiffsführern hinübersignalisiert!
Währenddessen suchen sich die meisten Männer einen Platz zum Schlafen. Aus welchen Gründen auch immer bevorzugen viele das Innere der Deckshäuser - ist mir nur recht. Ich lege mich auf das Achterschiff, zwischen aufgestapelten Seilrollen und Baumstämmen. Da bin ich völlig allein. Es ist zwar alles feucht, aber das macht bei dieser Hitze nichts. Hauptsache, es stört mich niemand. Ich glaube, Osont hat nicht einmal eine durchgehende Wache organisiert, und wenn doch, dann ist es nur ein Mann. Der wird sicher ein Nickerchen halten, sobald er merkt, daß außer ihm niemand mehr wach ist. Ich kenne doch die Leute hier. Bloß einen Mann als Wache einzuteilen würde ich für leichtsinnig halten, aber naja. Was soll schon passieren. Wenn Sturm aufkäme, dann wird es uns schon wachschaukeln.
Es ist hingegen ein bißchen beunruhigend, weil es während der SchlafPeriode nicht weitergeht, oder doch nur sehr langsam, weil sich der Wind auch in den Aufbauten fängt und so die Insel aus den miteinander vertäuten Schiffen leicht treibt. Jeder Meter, den wir zurücklegen, bringt mich näher zu Irene und uns beide eventuell wieder nach Hause. Aber ich muß froh sein, daß das Schicksal uns im Moment überhaupt in ihre Richtung führt. Es hätte ja ganz anders kommen können.
Beim Einschlafen denke ich an Irene und an Grom, das ich noch nie gesehen habe. Und an Charmion.
55.2 Schlamperei
Das Trennen der Schiffe zur Weiterfahrt geht schneller und einfacher. Trotzdem wird bei den Vorbereitungen soviel Lärm gemacht, daß es kurz nach 14 Uhr nicht mehr möglich ist, weiterzuschlafen.
Ich nehme mir mein Frühstück mit in das Krähennest, weil ich dort den größten Abstand zu den Männern habe. Außerdem sieht man dort am meisten.
Deshalb bin ich auch der erste, der um 18 Uhr eines der drei vermißten Schiffe erblickt. Es liegt weit voraus, fast in unserer Fahrtrichtung, und es scheint sich nicht zu bewegen, weil es mit der Breitseite zu uns liegt. Die Segel scheinen vollständig gerefft zu sein, aber irgendwie sieht das Mastwerk merkwürdig aus.
Es dauert fast eine Stunde, bis wir heran sind. Osont läßt die ganze Flotte stoppen. Er versucht, unser Schiff an das andere längsseits zu legen, was auch nach einigen Versuchen gelingt. Derweil habe ich Gelegenheit, das andere Schiff genauer zu begutachten.
Dieses Schiff, so sehe ich gleich, ist durch unsachgemäße Behandlung ruiniert worden. Es muß wohl die schlechteste Mannschaft gehabt haben, die Osont zusammengestellt hat. Wie kann man es schaffen, an beiden Masten die Rahen zu brechen? Wieso sind die Segel weder gerefft noch gesetzt, sondern hängen wie unordentliche Betten im Mastwerk herum? Wieso sind soviele der Seile in der Takelage gerissen? Wieso ist das Dach des DecksHauses aufgebrochen? Wieso ist die Ladung so verteilt, daß das Schiff Schlagseite hat? - Ich nehme an, daß Osont da unten jetzt genau diese Fragen stellen wird.
Später erfahre ich, daß dieses Schiff ganz besonders von selbstgemachtem Unglück heimgesucht wurde. Nicht nur, daß sie in der Tat recht wenig Einfluß auf Geschwindigkeit und Kurs hatten - In der kurzen Zeit, die seit dem Ablegen von Casabones vergangen ist, ist die halbe Mannschaft umgekommen! Zwei sind aus der Takelage abgestürzt, ebenfalls zwei wurden von Gegenständen erschlagen, die jemand aus den Masten fallengelassen hatte, dann war da ein tödlich endender Streit, dann eine tödliche Wunde, die sich ein Mitglied der Mannschaft selbst mit der Axt beigebracht hat, und das bei der routinemäßigen Zerkleinerung von Brennholz für die Küche, dann eine disziplinarische Hinrichtung, dann eine tödliche Lebensmittelvergiftung, und schließlich ein Ertrunkener, der, nachdem er aus irgendeinem Grunde über Bord gefallen war, so rasch versank, daß man ihm gar nicht helfen konnte.
Osont ist auf der Palme. Ich sollte mich hüten, ihm jetzt unter die Augen zu treten. Er entschließt sich, die noch brauchbaren Vorräte und den Rest der Mannschaft des Schiffes zu übernehmen und auf unsere fünf Schiffe zu verteilen. Der Schiffsführer hat jedoch drüben an Bord zu bleiben. Ogambe heißt er, glaube ich. Osont schreit ihn so gründlich und so ausführlich und so laut an, daß wir diesen Anschiß von überall verfolgen können. Dann wird der Schiffsführer an den Großmast gefesselt, in etwa zehn Metern Höhe über dem Deck. Mir schwant für ihn Schlimmes - in einem Roman würde ein Schriftsteller sich jetzt nicht mehr die Mühe machen, sich für ihn noch einen Namen auszudenken, wenn ein solcher bis jetzt noch nicht eingeführt worden wäre. Bis auf Tolkien vielleicht, der sich massenhaft Namen für Personen ausgedacht hat, die dann im Buch gar nicht auftreten.
Osont läßt das DecksHaus zertrümmern, um um den Großmast herum einen ordentlichen Scheiterhaufen zu errichten. Ich denke daran, daß wir die Bretter für die Kiele besser brauchen könnten, aber vorsichtshalber sage ich nichts. Osont treibt die Leute zu großer Schnelligkeit an. Alles auf dem Unglücksschiff, was brennbar ist, wird um den Großmast herum aufgeschichtet. Dann werden die Leinen von unserem Schiff losgeworfen, während drüben noch einige Männer mit dem Feuerlegen beschäftigt sind. Sie müssen durch das Wasser zu uns zurückschwimmen.
Osont läßt noch keine Segel setzen. Dann tun es die Schiffsführer auf den anderen Schiffen auch nicht. Osont möchte, daß alle wissen, was mit einem Schiffsführer passiert, der soviel Mist zuläßt, wie das hier offenbar geschehen ist. So haben wir alle Gelegenheit, aus einigen hundert Metern Entfernung zuzusehen, wie das Schiff in Flammen aufgeht. Lange gellen uns die Schreie des Kapitäns da drüben in den Ohren. Seine Höhe über dem Scheiterhaufen hat Osont gerade so gewählt, daß die Zeitdauer des Sterbens möglichst lang wird. Osonts Laune wird bei diesem Vorgang wieder sichtbar besser. Ich kann nicht verstehen, was der Kapitän schreit - er verwendet, wenn er etwas artikuliert, entweder einen sehr entlegenen Dialekt der Xonchen-Sprache, oder eine ganz andere Sprache. Vielleicht ist es wirklich so, wie Jules Verne erwähnte, daß jeder, der in Todesangst und unter Schmerzen schreit, seine ureigenste Muttersprache verwendet. Und das ist in diesem Falle sicher nicht die Xonchen-Sprache gewesen.
Erst, als alle Aufbauten auf dem brennenden Schiff zusammengebrochen und die Schreie schon längst erstickt sind, läßt Osont Segel setzen. Schnell entfernen wir uns von diesem Ort.
Ich aber kann von meinem Platz im Krähennest noch lange die Rauchfahne des Schiffes hinter uns sehen. Da es sich nach unserer Sprechweise mehr um ein Floß handelt, sinkt es nicht, und das Feuer wird noch lange vor sich hin brennen oder schwelen.
Im Laufe der nächsten Stunden habe ich Gelegenheit, die Wirkung der langsamen Zunahme der Fertigkeiten der Mannschaften und der Steuerleute auf den fünf Schiffen zu sehen. Rechts und links von uns fahren jeweils zwei Schiffe, und die relative Position unserer fünf Schiffe zueinander wird immer stabiler. Ich weiß nicht, ob die anderen Kapitäne das von selbst so einzurichten versuchen, oder ob eine entsprechende Anweisung von Osont vorliegt. Jedenfalls nähert sich die Formation der fünf Schiffe im Laufe der Zeit immer mehr einer Linie an - alle auf gleicher Höhe, Abstand zum jeweils nächsten Schiff vielleicht 200 Meter.
Auch der Lärm an Bord hat deutlich abgenommen. Die Mannschaften üben sich bereits erfolgreich darin, sich die Arbeit so leicht wie möglich zu machen - was manchmal ja durchaus den Weg zu größerer Effizienz weisen kann - oder sich vor der Arbeit ganz zu drücken. Da mich niemand vom Mast herunterholt, nehme ich an, daß auch Olcar die Aufgabe der Kielherstellung immer noch erfolgreich vor sich herschiebt. Das hat aber vielleicht auch praktische Gründe: Solange wir reibungslos vorwärtskommen, würden Holzarbeiten auf Deck nur stören, und Experimente mit Schwertkonstruktionen würden Steuerung, Navigation und Koordination der Schiffe untereinander beeinflußen. Mal sehen, vielleicht erübrigt es sich, bei fortdauernden günstigen Winden - Aufgeschoben ist vielleicht aufgehoben.
Der Wind wechselt seine Richtung, aber nie so stark, daß sich die Entfernung zu unserem Ziel dadurch wieder vergrößerte. Der Kurs ist eben nicht sehr gerade, das ist alles.
Es geht auf 24 Uhr zu, als ich, weit voraus, auf dem immer noch breiten Säulenwaldsee, wieder etwas erspähe, was ein Schiff sein könnte.
******** 056. Tag: Freitag 1995-10-13 ********
56.1 Das Geisterschiff
Es dauert noch fast eine Stunde, bis wir uns dem anderen Schiff weit genug nähern, um Einzelheiten zu sehen. Natürlich läßt Osont so genau wie möglich darauf zuhalten. Selbst, wenn es ein fremdes Schiff ist, so kann es für uns keine Gefahr sein - denkt er. Ich hätte da so meine Zweifel. Aber mit größerer Wahrscheinlichkeit handelt es sich ja um eines der beiden noch vermißten Schiffe. Und das interessiert Osont natürlich erst recht.
Auch dieses Schiff ist nahezu bewegungslos. Ein einziges Segel oben im Großmast ist gesetzt, so daß es mit einer geringen Geschwindigkeit vor dem Wind fährt. Als wir noch näher kommen, kann ich erkennen, daß niemand in den Masten ist, auch nicht im Krähennest. Zeitweise sind andere Mitglieder der Besatzung bei mir im Krähennest, um sich mit eigenen Augen zu informieren - der dünne Nebel über dem Wasser macht die weite Sicht vom Deck und vom Ruderhaus aus schwierig.
Auch Osont kommt einmal rauf.
"Wenn der weiter diesen Kurs beibehält, dann läuft er auf jener Insel dort auf, in einigen Stunden." knurrt er.
"Wieso? Er hat doch noch jede Menge Zeit, um seinen Kurs zu ändern!" sage ich, um überhaupt etwas zu sagen. Osont antwortet nicht, sondern steigt wieder hinunter. Danach kommt niemand mehr zu mir herauf, weil unsere geringer werdende Entfernung auch von unten genauere Beobachtungen zuläßt.
Bei uns werden die ersten Segel wieder gerefft, weil das andere Schiff keine Anstalten macht, seine Fahrt der unseren anzugleichen. Also muß Osont seine Flottille abbremsen.
Allmählich kommt es mir merkwürdig vor, daß sich da drüben überhaupt niemand für uns interessiert. Verstecken die sich alle in dem DecksHaus? - Es ist eines von unseren Schiffen, da bin ich inzwischen sicher, und dort, auf dem nur noch 700 Meter entfernten Schiff muß man sich über unsere Identität noch mehr im Klaren sein.
Merkwürdig. Sogar das Ruderhaus scheint unbesetzt zu sein. Sehr nachlässig. Ist jenes Schiff etwa in noch höherem Maße von Unglück heimgesucht worden als das andere, das wir vor 7 Stunden aufgebracht hatten? Es weist, zumindestens äußerlich, im Gegensatz zu dem anderen Schiff, keine Beschädigungen auf. Was ist da los?
400 Meter. Osont hat soviele Segel reffen lassen, daß sich unsere Flottille dem anderen Schiff nur noch mit sehr gemessener Schrittgeschwindigkeit nähert. Außerdem rücken unsere Schiffe näher zusammen, weil man auch auf den anderen Schiffen etwas sehen möchte.
200 Meter. Allmählich glaube ich fast, daß dort an Bord niemand mehr lebt. Was kann das sein? Haben sie sich gegenseitig umgebracht? Oder hat bei ihnen eine Lebensmittelvergiftung viel gründlicher gewütet als das auf dem anderen Schiff der Fall war? Was war das überhaupt für eine Lebensmittelvergiftung gewesen? Ich habe ganz vergessen, mich danach zu erkundigen. Wäre vielleicht klug gewesen, um die betreffende Spezialität der Küche zu vermeiden.
100 Meter. Unten stehen Männer mit Wurfschlingen bereit. Das Flaggschiff wird also längsseits gehen. Inzwischen bin ich sicher, daß ich da auch nicht die Spur einer lebenden Seele sehe. Wieder schwant mir Ungutes.
Da fliegen die ersten Seile, verfangen sich, werden gespannt. Auf ein Kommando wird bei uns das letzte Segel gerefft, und in derselben Sekunde auch auf den anderen vier Schiffen. Dann bringt nur noch Muskelkraft und umsichtige Ruderbetätigung die beiden Schiffe einander näher.
Nach einigen Minuten ist es soweit. Nur noch ein Kanal von ein paar Metern Breite, der ständig schmaler wird, trennt die Schiffe. Ich kann aus nächster Nähe in das Mastwerk des anderen Schiffes sehen, insbesondere auch, weil die Rahen so weit ausladen, daß sich die Mastaufbauten der beiden Schiffe teilweise durchdringen. Die Männer da unten haben inzwischen gelernt, das bei dem Längsseits-Manöver zu berücksichtigen - sonst ist man danach zu sehr mit Reparaturen beschäftigt.
Auf dem oberen Krähennest des anderen Schiffes, das jetzt weniger als 12 Meter von mir entfernt und einige Meter unter mir ist, könnte ich eine Maus sehen, und auf und über die Aufbauten des anderen Schiffes konnte ich während des ganzen Anlege-Manövers meine Blicke in immer wieder neuen Blickwinkeln über das andere Schiff gleiten lassen. Das Schiff ist vollkommen in Ordnung. Nur ist niemand zu sehen.
Unten springen einige Männer rüber. Ist es begründete Vorsicht oder irrationale Angst, daß sie ihre Schwerter gezogen haben? Oder hat Osont es befohlen? Das würde dieselbe Frage für Osont aufwerfen. Unheimlich ist ein leeres Schiff schon, aber ich weiß nicht, ob diese Leute das genauso empfinden wie ich.
Ein Schiff dieser Größe ist schnell durchsucht. Es gibt nicht viel Räumlichkeiten, wo sich jemand verbergen könnte. Schon weniger als eine Minute, nachdem der erste rübergesprungen ist, höre ich es: "Niemand an Bord!"
Das muß ich sehen. Ich klettere runter.
Osont ist schon drüben, auf dem anderen Schiff. Er inspiziert alles. Und ich tue das auch.
Natürlich kann ich mich nicht an alle Einzelheiten des Schiffes erinnern, so wie sie waren, als wir Casabones verließen, und bei acht Schiffen geht das schon gleich gar nicht. Aber soweit ich mich an den Zustand der Schiffe erinnern kann, läßt sich klar feststellen: Dieses Schiff ist in genau dem technischen Zustand, in dem es von Casabones abgefahren ist. Auch Ladung und Vorräte sind so wie auf den anderen Schiffen auch. Nicht ungeräumt, nicht in Unordnung, es fehlt nichts, aber auch die Spuren normalen Schiffsbetriebes sind zu sehen, soweit man nach der kurzen Zeit dieser Seefahrt schon von 'normal' sprechen kann. Auch in der Speisekammer sieht alles normal aus, aber das lasse ich mir nur erzählen, weil ich absolut keinen Nerv habe, da hineinzublicken. Gerade jetzt, wo aus diesem Schiff ein Geisterschiff geworden ist, will ich diese ausgeweideten Leichen nicht sehen.
Die Takelage ist, wie ich schon von meinem Krähennest aus gesehen habe, in Ordnung, und das eine Segel läßt sich problemlos bergen. Auch das Ruder funktioniert. Osont geht alles ab, und es gibt nichts auf diesem Schiff, was nicht von allen an Bord mehrfach in Augenschein genommen wird.
Das Feuer im Herd in der Küche ist sehr zusammengesunken, würde sich aber sofort wieder entfachen lassen, wenn man etwas Holz nachlegte. Da wir nicht genau wissen, mit wieviel Brennstoff der Herd zuletzt beschickt wurde, kann man über den Zeitraum, während dessen sich niemand um den Herd gekümmert hat, auch keine Aussage treffen.
"Herwig, verstehst du das? Wo sind die hin?" Osont ist das erste mal ratlos.
"Ein neuer MARY-CELESTE-Fall!" sage ich.
"Ein was?"
Ich erzähle ihm von der MARY CELESTE, jenem Segelschiff, das auf dem Atlantik, vor Gibraltar, in vollkommen funktionstüchtigem Zustand und unter vollen Segeln aufgefunden wurde, auf dem jedoch jede Spur der Mannschaft fehlte. Bis auf wenige Tage vor dem Zeitpunkt des Auffindens war sogar dem Logbuch keine Unregelmäßigkeit zu entnehmen, dann aber brachen die Aufzeichnungen ab. Bis zum heutigen Tage hat man, meines Wissens, keine Erklärung für das spurlose Verschwinden der Mannschaft der MARY CELESTE gefunden.
Osont interessieren sollche Parallelen nur am Rande, insbesondere auch, weil da von Orten die Rede ist, die er nicht kennt und an deren Existenz er nicht glaubt. Aber für mich sind die Parallelen da. Bis auf das Logbuch - diese Formalität haben wir hier noch nicht eingeführt.
"Was machen wir jetzt?" fragt er ausgerechnet mich.
"Wir haben jetzt ein zusätzliches Schiff! Warum behalten wir es nicht und verteilen die Leute?"
Osont ist sich noch nicht schlüssig. Er stöbert noch weiter auf dem Schiff herum. Außerdem veranlaßt er, daß den anderen Schiffen signalisiert werden soll, ebenfalls längsseits zu gehen. Das geschieht innerhalb der nächsten Stunde, und danach ist eine Weile auf dem verlassenen Schiff Betrieb wie noch nie. Wer immer die Möglichkeit hat, versucht, unter irgendeinem Vorwand das verlassene Schiff zu betreten. Und so ein Vorwand ist ja auch ganz leicht zu finden, da das Flaggschiff und das verlassene Schiff, das ich inzwischen insgeheim 'MARY CELESTE' getauft habe, in der Reihe der längsseits liegenden Schiffe in der Mitte liegen. Es ist erstaunlich, welche belanglosen Gegenstände plötzlich mehrfach aus wichtigem Grunde von dem Schiff an einem Ende der Reihe bis zum Schiff am anderen Ende transportiert werden müssen!
"Okay." Ich fahre zusammen, so plötzlich steht Osont neben mir. "Du hast recht, Herwig. Wir nehmen dieses Schiff und verteilen die Leute neu. Da sind die acht von Ogambes Schiff, und noch ein Mann von jedem anderen Schiff, das sind dreizehn. Das sollte doch reichen, oder?"
"Sicher," sage ich, "aber vielleicht sollte man Freiwillige nehmen. Wer wird der neue Schiffsführer?"
"Du." sagt Osont, "Freiwillig natürlich." Und stiefelt davon.
56.2 Kapitän zur See
An diesem Tage fahren wir nicht mehr weiter, da sich das Auseinandermanövrieren und das spätere Wiedereinschlichten für wenige Stunden nicht mehr lohnt. Ich bin dankbar für diese Pause, da ich mich doch jetzt mit allerhand Dingen vertraut machen muß, wo Osont mich so schnell befördert hat. Aus vollster Überzeugung hat er das wahrscheinlich nicht getan, aber wahrscheinlich hat er keinen einzigen Mann mehr gewußt, der sonst noch zur Schiffsführung geeignet wäre.
Daß er mich dazu für befähigt hält, richtet mich irgendwie innerlich auf. Und gleichzeitig habe ich ein schlechtes Gefühl, weil ein emotioneller Automatismus dafür sorgt, daß ich so etwas wie Sympathie zu Osont empfinde, bloß wegen dieses Vertrauensbeweises. Ich darf es nicht vergessen: Osont ist und bleibt der Mörder von Charmion!
Ich rede mit einigen der anderen Kapitäne. Dabei stelle ich fest, daß sie eigentlich in ihrer kurzen Dienstzeit nicht so besonders viel gelernt haben. Das sollte ich also schnell nachholen können. Auch komme ich jetzt schneller, als ich es vermutet habe, dazu, mir den Flaggencode anzueignen. Und an Einiges über den normalen Schiffsbetrieb erinnere ich mich ja noch aus meiner Zeit an Bord des Saurierfängers.
Okr läßt sich immer noch nichts davon anmerken, daß ich ihn fast auf Casabones zurückgelassen hätte. Persönlich wechseln wir keine Worte. Er macht auch nicht den Eindruck, daß er mir aus dem Weg geht. Genaugenommen macht er den Eindruck, daß er dabei ist, diesen Vorfall zu vergessen. Das kann ich aber nicht so recht glauben.
Dann beschleicht mich das Gefühl, daß Osont mit meiner Beförderung andere Absichten verfolgen könnte. Will er mich von seinem Schiff herunterhaben? Hat es ihm nicht gepaßt, daß ich vom Krähennest tatenlos die Landschaft angesehen habe? Ist ihm das Verschwinden der Mannschaft dieser neuen MARY CELESTE so unheimlich, daß er nur entbehrliche Leute auf sie abkommandiert? Die Restmannschaft von Ogambes Schiff, zum Beispiel, und von jedem anderen Schiff die größte Niete und dazu mich?
Er wird es mir nicht sagen. Und vielleicht gibt er sich selbst auch nicht vollständig Rechenschaft. Mag sein. Aber einen Vorteil hat meine neue Stellung: Als Kapitän kann ich mir wirklich alles und jeden Winkel der MARY CELESTE ansehen. Vielleicht finde ich doch noch einen Hinweis.
Und Ordnung schaffen. Wo immer ich etwas zu reparieren finde, weise ich sofort jemanden an, sich darum zu kümmern. An schadhaften Stellen gibt es auf diesen Schiffen ja keinen Mangel. Aber als ich schon ein paar meiner Leute auf diese Weise mit Arbeit versorgt habe, stelle ich fest, daß ich offenbar der einzige Schiffsführer bin, der sich so auf die Instandsetzung seines Schiffes stürzt. Meine Leute, besonders die Betroffenen, sehen auch nicht besonders glücklich drein, aber sie fügen sich. Der verbrannte Ogambe ist ihnen noch gut in Erinnerung.
Es gelingt mir nicht, während meiner Anweisungen und Arbeitseinteilungen auch nur mit einem in ein persönliches Gespräch zu kommen.
Es geht bald auf 8 Uhr zu. Nach den Mahlzeiten kehrt allmählich Ruhe auf den Schiffen ein. Osont hat sich ein einfaches Wachsystem ausgedacht: Die SchlafPeriode wird in sechs gleich lange Teile geteilt. Das sind nach meiner Rechnung also jeweils 90 Minuten. In jedem dieser Teile ist einer der Schiffsführer und zwei Mannschaften wach. In einer kurzen Überschlagsrechnung st